Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: diskurs

spinnennetz

Ins Netz gegangen (19.5.)

Ins Netz gegan­gen am 19.5.:

  • Im Gespräch: Timo Brandt redet mit Bert­ram Rei­ne­cke | Fix­poet­ry → bert­ram rei­ne­cke gibt timo brandt lan­ge ant­wor­ten übers ver­le­gen, expe­ri­men­tel­le lite­ra­tur und sei­ne eige­ne lyrik

    Nein, ich woll­te immer bloß inter­es­san­te Lite­ra­tur ver­le­gen, sol­che, die irgend­was bie­tet, was man anders­wo nicht gebo­ten bekommt. Ich muss nicht jedes Jahr ein Pro­gramm fül­len und kann war­ten, was mich trifft. Dar­über hin­aus ver­le­ge ich lie­ber Autoren, deren Beson­der­heit ich auch greif­bar schil­dern kann.
    […] Ins­ge­samt ist der Ver­dacht, dass bestimm­te alte For­men bestimm­te alte Inhal­te nahe­le­gen, zwar nie unbe­grün­det, aber das Pro­blem erweist sich als eines, mit dem man sehr gut umge­hen kann.

  • Zum Geschäft der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te | Voll­text → danie­la stri­gl beant­wor­tet den „volltext“-fragebogen:

    Für mich per­sön­lich: die Simu­la­ti­on einer gesell­schaft­li­chen Rele­vanz, die sie schon seit Län­ge­rem nicht mehr hat. Ich muss zumin­dest so tun, als wäre die Kri­tik noch wich­tig, damit ich jenes Maß an Hin­ga­be und Ernst auf­brin­ge, das jeder lite­ra­ri­sche Text grund­sätz­lich ver­dient. Mit­ten in die­ser mir selbst vor­ge­spiel­ten Wich­tig­keit däm­mert mir frei­lich die Irrele­vanz mei­nes Tuns, die wie­der­um eine schö­ne Frei­heit eröff­net. All­ge­mein betrach­tet ist die Kri­tik in ihrer Mar­gi­na­li­sie­rung natür­lich als sia­me­si­scher Zwil­ling an die Lite­ra­tur gebun­den. Der Zeit­geist hält nicht viel von Lite­ra­tur und von lite­ra­ri­scher Bil­dung bezie­hungs­wei­se er hält sie für Luxus, ergo ent­behr­lich. Das wird sich ein­mal auch wie­der ändern, bis dahin lese und schrei­be ich unver­dros­sen weiter.

  • Smar­te Mobi­li­tät | taz → Mar­tin Held, Man­fred Krie­ner und Jörg Schind­ler schla­gen vor, vor­han­de­ne, funk­tio­nie­ren­de Assis­tenz­sys­tem bei Pkw und Lkw viel stär­ker ein­zu­bin­den, um Unfäl­le zu vermeiden

    Wir haben Visio­nen vom kom­plett auto­no­men Auto, das angeb­lich alles bes­ser macht. Wir trau­en uns aber nicht, nütz­li­che Assis­tenz­sys­te­me auch nur in Ansät­zen vorzuschreiben?

    Der oben beschrie­be­ne Ein­satz der Tech­nik wäre sofort mach­bar und wür­de eine heil­sa­me Wir­kung ent­fal­ten. Eben­so wäre in der Über­gangs­zeit ein „Misch­be­trieb“ von Fahr­zeu­gen mit und ohne Assis­tenz­sys­te­me pro­blem­los mög­lich. Und noch ein­mal: In allen Fäl­len blie­ben die Frei­heits­gra­de beim Fah­ren so lan­ge voll­stän­dig erhal­ten, wie die Rechts­vor­schrif­ten ein­ge­hal­ten und kei­ne gefähr­li­chen Fahr­ma­nö­ver gestar­tet werden.

  • Ges­tern böse, heu­te nor­mal | Zeit → Harald Wel­zer über „shif­ting base­lines“ (oder, um es anders zu sagen: ver­än­dern­de diskurse)

    Shif­ting base­lines sind gera­de in Zei­ten gro­ßer poli­ti­scher Dyna­mik ein Pro­blem, weil die Nach­rich­ten, Begrif­fe, Kon­zep­te und Pro­vo­ka­tio­nen so beschleu­nigt und viel­fäl­tig ein­an­der abwech­seln, dass man kaum bemerkt, wie das, was ges­tern noch als unsag­bar galt, heu­te schon Bestand­teil eines schein­bar nor­ma­len poli­ti­schen Dis­kur­ses ist. […] Wie bemerkt man sol­che Ver­schie­bun­gen, und wie stemmt man sich dage­gen? Dafür gibt es kein Patent­re­zept, schließ­lich ist man als Mit­glied einer Gesell­schaft stets Teil einer sich ver­än­dern­den sozia­len Gemein­schaft. Aber viel­leicht kann man sich dar­in üben, gele­gent­lich „Augen­blick mal!“ zu sagen, wenn einem etwas so vor­kommt, als habe man es kurz zuvor nicht mal den­ken, geschwei­ge denn sagen wol­len. … Ein­fach mal den Rede- und Denk­fluss unter­bre­chen, die base­line am Ver­schie­ben hin­dern. Den eige­nen mora­li­schen Kom­pass eichen. 

  • Gedich­te für alle! | NZZ Felix Phil­ipp Ingold recht klug über die Vor­tei­le von Lyrik, ihre Rezep­ti­on und Kri­tik momentan →

    Im Unter­schied zum Infor­ma­ti­ons­ge­halt des Gedichts steht sei­ne Sprach­ge­stalt ein für alle Mal fest, sie ist am und im Gedicht sinn­lich fass­bar, ist Gegen­stand sei­ner ästhe­ti­schen Erkennt­nis, dies in Ergän­zung oder auch in Kom­pen­sa­ti­on zu dem von ihm Gemein­ten. Nicht sei­ner Bedeu­tung nach, aber als Laut­ge­bil­de hat das Wort in jedem Fall sei­ne eige­ne Wahr­heit – nicht zu wider­le­gen, nicht zu ver­fäl­schen, nie­mals adäquat zu übersetzen.

spinnenetz mit tautropfen

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  • CO2-Bilanz 2016: Deutsch­land macht einen Schritt zurück | Deut­sche Wel­le → 2016 war für Deutsch­lands Kli­ma­schutz ein schlech­tes Jahr. Im Ver­gleich zum Vor­jahr wur­de sogar wie­der mehr CO2 in die Luft gebla­sen. Für die Kli­ma­zie­le reicht das Tem­po der Ener­gie­wen­de bis­her nicht. So wird das – wie in den letz­ten Jah­ren und Jahr­zehn­ten – wie­der nichts, trotz heh­rer Zie­le: Wenn es an die kon­kre­te Umset­zung geht, gel­ten offen­bar auf ein­mal ande­re Prioritäten …
  • His­to­ri­sches Erb­gut: Gene­ti­sches Erbe der Skla­ve­rei | Spek­trum → inter­es­san­ter text über die gene­ti­sche unter­su­chung von (wieder)gefundenen grä­bern befrei­ter skla­ven z.b. auf st. helena
  • Die post­fak­ti­sche Uni­ver­si­tät | Zeit → bern­hard pörk­sen über das „post­fak­ti­sche“ zeit­al­ter, die pro­ble­me die­ser dia­gno­se und mög­lich­kei­ten der abhil­fe – ich bin mir nicht sicher, ob er mit allem recht hat (z.b. scheint mir ein unter­schied zw. ideo­lo­gi­scher welt­sicht und bull­shi­t/­post-truth zu bestehen), aber er hat durch­aus eini­ge beden­kens­wer­te argu­men­te und beobachtungen

    Post­fak­tisch ist, dar­in besteht das Pro­blem, ein sach­lich fal­scher Ver­bal­auf­re­ger, ein Sym­ptom­wort des Pauschalismus.
    […] Das demo­kra­ti­sche Prin­zip lebt ele­men­tar vom Ide­al der Auf­klä­rung und von der Idee des mün­di­gen Bür­gers – bis zum abso­lut end­gül­ti­gen Beweis des Gegen­teils. Und eine pater­na­lis­tisch regier­te Wahr­heits­welt kann sich bei allem Erschre­cken über das gegen­wär­ti­ge Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kli­ma nie­mand wün­schen. Was für libe­ral gesinn­te Geis­ter bleibt, ist die manch­mal beglü­cken­de und manch­mal schreck­li­che Sisy­phus­ar­beit des Dis­kur­ses, die nun über­all statt­fin­den muss.

  • What if Hit­ler had won the war? What is Jesus had­n’t been cru­ci­fied? Who cares? | New Repu­blic → über kon­tra­fak­ti­sche geschichts­schrei­bung und ihren mög­li­chen nut­zen für die gegen­wart, v.a. auch eine wider­spre­chen­de dis­kus­si­on der ableh­nen­den the­sen von richard evans
spinnennetz mit tau (unsplash.com)

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  • Pegi­da: Wie spricht das „Volk“? | ZEIT ONLINE – the­re­sia enzens­ber­ger wirft einen blick auf spra­che und argu­men­ta­ti­ons­mus­ter der pegida-anhänger:

    Dis­kurs­ana­ly­se? Damit Pegi­da zu begeg­nen, wäre ver­geb­li­che Mühe. Man kann einen Pud­ding nicht an die Wand nageln. Die Spra­che der Wer­bung nimmt kei­ne Rück­sicht auf die Her­kunft ihrer Phra­sen. Ob ein Slo­gan aus der rech­ten oder lin­ken Ecke kommt, ob man sich bei Orwell oder bei Goeb­bels bedient, spielt kei­ne Rol­le. Haupt­sa­che, man stif­tet so viel Ver­wir­rung wie mög­lich, stei­gert die poten…

  • Phi­lo­soph Gebau­er über Sport-Spek­ta­kel: „Weit weg von der Erde“ – taz​.de – gun­ter gebau­er im taz-inter­view mit eini­gen rich­ti­gen und guten antworten:

    Ich glau­be, die gro­ßen Ver­bän­de tun gut dar­an, sich Län­der zu suchen, die sport­li­che Groß­ver­an­stal­tun­gen so orga­ni­sie­ren wol­len, dass sie nicht mehr gigan­tisch sind, son­dern dass sie für die Bür­ger eine Berei­che­rung dar­stel­len und für die Ent­wick­lung eines Lan­des posi­tiv sind. Geer­det wird der Sport hin­ge­gen nicht mehr – der Sport ist seit eini­ger Zeit weit weg von der Erde. Bestimm­te Din­ge wird man nicht mehr zurück­bau­en kön­nen, zum Bei­spiel die unglaub­li­che Medi­en­prä­senz. Damit lebt der Sport auch sehr gut, das macht sei­ne gewal­ti­ge Sym­bo­lik aus, und das muss man gar nicht nur bekla­gen. Sport ist bes­ser als Krieg und als Span­nun­gen zwi­schen den Län­dern, es gibt eine Art Welt­ge­spräch des Sports. Der Sport sel­ber ist in den Bereich von Show und Gla­mour gerutscht, vie­le schei­nen sich dort wohl zu füh­len. Der sport­li­che Wert selbst wird dadurch zurück­ge­drängt, aber nicht entwertet.

  • Jörg Sun­dermei­er: „Die Lite­ra­tur­kri­tik droht uns allein zurück zu las­sen“ – Das Sonn­tags­ge­spräch – News – Buch​Markt​.de – jörg sun­dermei­er, chef des famo­sen ver­bre­cher-ver­lags, ist mit dem zustand der lite­ra­tur­kri­tik in deutsch­land über­haupt nicht zufrieden:

    Alle mei­nen den gan­zen Tag irgend­was, Mei­nun­gen sind ja gera­de hoch im Kurs, in den Redak­tio­nen ist immer wie­der von der Mei­nungs­stär­ke von Tex­ten die Rede. Aber Hal­tung zei­gen weni­ge, denn das hie­ße ja die Ansich­ten von ges­tern auch jetzt noch zu ver­tre­ten. Oder aber sich selbst zu kri­ti­sie­ren, also sich infra­ge zu stel­len, sich angreif­bar zu machen…

  • Fre­quent­ly wrong @HistoryInPics com­pa­ny gets $2 mil­li­on from inves­tors – RT @keithcalder: Here’s some more info on that shit­pi­le cal­led @HistoryInPics
  • Netz­neu­tra­li­tät: Freie Fahrt für ein Phan­tom | ZEIT ONLINE – Fried­helm Greis ver­sucht, die deutsch-euro­päi­sche Debat­te um Netz­neu­tra­li­tät und „spe­zi­al­diens­te“ nach­zu­zeich­nen. So lan­ge man dabei auf Pro­ble­me wie deep packet inspec­tion ver­zich­tet, scheint mir das müßig
  • Archi­va­lia: Das Main­zer Evan­ge­li­ar der Hof­bi­blio­thek Aschaf­fen­burg (Ms. 13)
  • Pegi­da und das Abend­land – Per­ver­si­on mit Sys­tem – hein­rich august wink­ler ord­net den abend­land-bezug der „pegida“-truppe his­to­risch ein – und spart mit nicht mit ver­wei­sen auf die ver­wand­schaft mit natio­nal­so­zio­alis­ti­schen ideen und über­zeu­gun­gen und sprachgebrauch
  • Frau Mei­ke sagt: Kraut­re­por­ter und die Suche nach der Rele­vanz – noch jemand, der von den kraut­re­por­tern bis­her eher mäßig begeis­ter ist: „Von The­men­viel­falt war weit und breit kei­ne Spur“
  • Ver­bie­tet Han­dys an den Schu­len!- taz​.de – die taz hält es für sinn­voll, ein total­ver­bot von han­dys an schu­len zu for­dern. ich fin­de ja, das reicht nicht. wenn die böse jugend in den pau­sen immer nur in bücher, zei­tun­gen und – hor­ri­bi­le dic­tu – comics (d.i. gra­phic novels) schaut, kom­mu­ni­ziert sie nicht mehr mit­ein­an­der. und der stress, wenn man nicht fer­tig wird und bis zur nächs­ten pau­se vol­ler span­nung war­ten muss, wie es wei­ter­geht im text! also weg mit dem gan­zen gedruck­ten unsinn!
  • James Rho­des on Twit­ter: „A black Bond? Total­ly unrealistic.
    God bless Pri­va­te Eye… http://t.co/PWl2EnsaoG“
    – RT @bomani_jones: well play­ed, i must say.

Ins Netz gegangen (8.4.)

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Aus-Lese #26

Wolf­gang Herrn­dorf: Arbeit und Struk­tur. Ber­lin: Rowohlt 2013. 447 Seiten. 

Das Blog von Wolf­gang Herrn­dorf, eben „Arbeit und Struk­tur“, habe ich erst recht spät wahr­ge­nom­men und dann auch immer etwas gefrem­delt. Hier, in sei­ner Ganz­heit, wirkt das sehr anders. Und jetzt ist Herrn­dorfs Web­log „Arbeit und Struk­tur“ wirk­lich so groß­ar­tig, wie es vie­le Rezen­sen­ten beschrei­ben. Aber nicht, weil es so beson­ders direkt und „authen­tisch“ ist (das ist es nicht, es ist Lite­ra­tur und sorg­fäl­tig bear­bei­tet), son­dern weil es den Ein­druck von Ehr­lich­keit und skru­tin­öser Selbst­be­fra­gung ver­mit­teln kann – gera­de in den schwie­ri­gen Situa­tio­nen, z.B. dem Emp­fang der Dia­gno­se, den Berech­nun­gen der ver­blei­ben­den Lebens­zeit. Und weil es scho­nungs­los die Schwie­rig­kei­ten recht unmit­tel­bar dar­stellt. Etwa auch die Ver­zweif­lung, dass es in Deutsch­land kaum mög­lich ist, als tod­kran­ker Mensch sein Lebens­en­de wirk­lich selbst zu bestim­men. Schon früh tau­chen die Über­le­gun­gen zu einer „Exit­stra­te­gie“ (79) auf. Deut­lich merkt man aber auch einen Wan­del in den drei Jah­ren: vom locke­ren (bei­na­he …) Anfang, als Herrn­dorf sich vor allem in die Arbeit (an Tschick und Sand) flüch­tet, hin zum bit­te­ren, har­ten Ende. Das mani­fes­tiert sich auch in der Spra­che, die dich­ter und här­ter, ja kan­ti­ger wird. Natür­lich geht es hier oft um die Krank­heit, den Hirn­tu­mor (die „Raum­for­de­rung“), aber nicht nur – er beschreibt auch die klei­nen Sie­ge des All­tags und die Seg­nun­gen der Arbeit, die poe­ti­schen Gedan­ken: „Arbeit und Struk­tur“ dient auch als Form der The­ra­pie, die manch­mal selbst etwas manisch wird, manch­mal aber auch nur Pflicht ist; ist aber zugleich auch eine poe­ti­sche Arbeit mit den ent­spre­chen­den Folgen.

Ich erfin­de nichts, ist alles, was ich sagen kann. Ich samm­le, ich ord­ne, ich las­se aus. Im Über­schwang spon­ta­ner Selbst­dra­ma­ti­sie­rung erkenn­bar falsch und unge­nau Beschrie­be­nes wird oft erst im Nach­hin­ein neu beschrie­ben. (292)

Ein gro­ßer Spaß, die­ses Ster­ben. Nur das War­ten nervt. (401)

Michel Fou­cault: Der Wil­le zum Wis­sen. Sexua­li­tät und Wahn­sinn I. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2012 (1983). 153 Seiten. 

Den Klas­si­ker der Dis­kurs­theo­rie habe ich jetzt end­lich auch mal gele­sen – nicht so sehr um des The­mas, also der Unter­su­chung der Erzäh­lung der Befrei­ung der Sexua­li­tät, wil­len, son­dern der Metho­de wil­len. Fou­cault zeigt ja hier, wie Macht­struk­tu­ren in Dis­kur­sen und Dis­po­si­ti­ven sich rea­li­sie­ren, hier am Bei­spiel der Sexua­li­tät und der Ent­wick­lung des Spre­chens über sie, also der Regu­lie­rung von Sexua­li­tät in der Neu­zeit Euro­pas. Ins­be­son­de­re die Ubi­qui­tät von Macht(strukturen) ist ent­schei­de­ne, die auch nicht irgend­wie zen­tral gesteu­ert sind (und gegen­tei­li­ge Ergeb­nis­se haben kön­nen: „Iro­nie die­ses Dis­po­si­tivs: es macht uns glau­ben, daß es dar­in um unse­re ‚Befrei­ung‘ geht.“ (153)).

Ent­schei­dend ist hier ja Fou­caults neu­er Begriff von Macht, der über den Dis­kurs & nicht­dis­kur­si­ve For­ma­tio­nen geprägt ist. Dazu noch die Idee der Dis­po­si­ti­ve als Samm­lung von Umset­zungs­stra­te­gien, die über Dis­kur­se hin­aus gehen und z.B. hier auch päd­ago­gi­sche oder archi­tek­to­ni­sche Pro­gram­me umfasst – das ergibt die Beob­ach­tung der Macht von „unten“, die im Geständ­nis der Sexua­li­tät Ver­hal­tens­wei­sen und Ord­nun­gen der Gesell­schaft aushandelt.

Mara Gen­schel: Refe­renz­flä­che #3.

Die­ses klei­ne, nur bei der Autorin selbst in limi­tier­ter Auf­la­ge zu bekom­men­de Heft ist ein ein­zig­ar­ti­ges, gro­ßes, umfas­sen­des Spiel mit Wor­ten und Tex­ten und Bedeu­tun­gen und Lite­ra­tur oder „Lite­ra­tur“: Zwi­schen Cut-Up, Mon­ta­ge, expe­ri­men­tell-avant­gar­dis­ti­scher Lyrik, Rea­dy-Mades und wahr­schein­lich noch einem Dut­zend ande­rer Küns­te vaga­bun­die­ren die sprach­spie­le­ri­schen Text‑, Sprach‑, und Wort­fet­zen, die sich gegen­sei­tig ergän­zen, per­mu­tie­ren und vari­ie­ren. Eini­ge davon sind wirk­lich im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes Fet­zen: Aus­ris­se aus ande­ren Tex­te, aus jour­na­lis­ti­schen oder hand­schrift­lich-pri­va­ten Erzeug­nis­sen, die hier mon­tiert und geklebt sind. Man­ches hin­ter­lässt ein­fach Rat­lo­sig­keit, man­ches ruft ein amü­san­tes Augen­brau­en­he­ben her­vor – und man­che Sei­te begeis­tert ein­fach. Ob das Schar­la­ta­ne­rie oder Genia­li­tät ist – kei­ne Ahnung, ehr­lich gesagt. Lang­wei­lig ist es aber auf jeden Fall nicht.

Peter Hand­ke: Die schö­nen Tage von Aran­juez. Ein Som­mer­dia­log. Ber­lin: Suhr­kamp 2012. 70 Seiten. 

Ich habe oft solch eine Lust, zu erzäh­len, vor allem die­se Erfah­rung – die­se Geschich­te. Aber sowie ich bedrängt wer­de mit ‚Erzähl!‘: Vor­bei der Schwung. (9)

Ein kar­ges Stück, das allein von sei­ner Spra­che lebt: „Ein Mann“ und „Eine Frau“ sit­zen sich gegen­über und füh­ren einen Dia­log. Nun ja, sie reden bei­de, aber nicht immer mit­ein­an­der. Offen­bar gibt es vor­her ver­ein­bar­te Regeln und Fra­gen, deren Ver­stö­ße manch­mal moniert wer­den. Es geht um viel – um die Geschich­te und Geschich­ten, ums Erzäh­len und die Erin­ne­rung. Aber auch um Licht und Schat­ten, Anzie­hung, Gebor­gen­heit und Ent­frem­dung oder Ernüch­te­rung, um Begeh­ren und Lie­be. Dahin­ter steht ein spie­le­risch-erzäh­le­risch-tas­ten­des Aus­lo­ten der Beziehung(smöglichkeiten) zwi­schen Mann und Frau. Das Gan­ze – es sind ja nur weni­ge Sei­ten – ist poe­ti­siert bis zum geht nicht mehr. Genau dar­in aber ist es schön!

Zum Glück ist das hier zwi­schen uns bei­den kein Dra­ma. Nichts als ein Som­mer­dia­log. (43)

Laß uns hier schwei­gen von Lie­be. Höchs­ten viel­leicht ein biß­chen Melan­cho­lie im November.(49)

Ins Netz gegangen (16.7.)

Ins Netz gegan­gen (15.7.–16.7.):

  • „Wahr­schein­lich habe ich ein­fach ein Ohr dafür“ – Ver­le­ger Enge­ler über sei­ne Lie­be zur Lyrik und | The­ma | Deutsch­land­ra­dio Kul­tur – Gespräch mit Urs Enge­ler, u.a. über gute Gedichte:

    Inter­es­san­te Gedich­te, die haben bei jedem Lesen neue Erleb­nis­se auf Lager für uns. Es gibt ganz vie­le Din­ge zu beob­ach­ten, das heißt, man muss schon sehr gedul­dig sein, um hin­ter die­se Qua­li­tä­ten zu kom­men, aber qua­si je nach­hal­ti­ger ich beschäf­tigt wer­de durch einen Text, des­to inter­es­san­ter scheint er mir, und unterm Strich wür­de ich dann auch sagen, des­to mehr Qua­li­tä­ten scheint er mir zu haben, sprich, des­to bes­ser ist er.

  • 100 Jah­re Tour de France | ZEIT ONLINE – Schnee­fall im Juli: „Die Zeit“ berei­tet ihre Tour-de-France-Reportage(n) nach dem Snow-Fall-Modell der New York Times hübsch auf (trotz des klei­nen Feh­lers in der Überschrift …)
  • 30 Jah­re Spex – taz​.de – Died­rich Diede­rich­sen im taz-Inter­view über den Jubi­lä­ums­band der „Spex“ und die „Spex“ überhaupt:

    Etwas war so begeis­ternd, es gibt so viel dar­über zu wis­sen, man muss viel wei­ter in die Tie­fe gehen. Wenn man eine Güter­ab­wä­gung macht zwi­schen gelun­ge­ner Kom­mu­ni­ka­ti­on, also zwi­schen soge­nann­ter Ver­ständ­lich­keit und der Treue zum Gegen­stand, oder der Treue gegen­über der eige­nen Begeis­te­rung, bin ich für Letz­te­res. Die Rezep­ti­ons­ek­sta­se hat bei mir immer Vor­rang vor dem gelun­ge­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­vor­gang. Einer, der in eine Rezep­ti­ons­ek­sta­se gerät, ist doch viel inter­es­san­ter zu beob­ach­ten als jemand, der Infor­ma­tio­nen verteilt.

  • 7 Tage – 7 Fra­gen – FIX​POET​RY​.com – Nora Gom­rin­ger beant­wor­tet sie­ben Fra­gen Ulri­ke Draes­ners – z.B. so:

    Die Stim­me ist die Schlan­ge im Hals.

Fortschritt und Wahrheiten

Wenn einen mal wie­der die Ver­zweif­lung packt ob der vie­len Into­le­ran­zen und Unge­rech­tig­kei­ten unse­rer Gesell­schaft heu­te, hilft es manch­mal ein biss­chen in die Ver­gan­gen­heit zu schau­en. Nicht um zu resi­gnie­ren und das Ziel der Gleich­heit und Gerech­tig­keit aus den Augen zu ver­lie­ren (nach dem Mot­to: Frü­her war es ja noch viel schlim­mer), aber um zwi­schen­durch mal wie­der zu rea­li­sie­ren, wie sehr sich die bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Gesell­schaft in ihrem Bestehen doch gewan­delt hat und immer wie­der und wei­ter wan­delt. Mir ist das gera­de wie­der auf­ge­fal­len, als ich eini­ge frü­he Jahr­gän­ge der Zeit­schrift „Die Neue Poli­zei“ durch­blät­ter­te – ein bay­ri­sches (spä­ter süd­west­deut­sches) Maga­zin für die Ange­hö­ri­gen der Poli­zei­kräf­te. Neben aller­lei tech­ni­schen Kurio­si­tä­ten fällt da näm­lich immer wie­der auf, wie unge­hemmt in den 1950ern noch aus­ge­grenzt wur­de. Viel­leicht – man­ches deu­tet dar­auf hin – sind die Bay­ern dabei beson­ders stark, und sicher­lich spie­gelt eine Poli­zis­ten-Zeit­schrift auch nicht unbe­dingt immer die Mehr­heit der Gesell­schaft wie­der. Aber vie­les ist ein­fach erschre­ckend. Zum Bei­spiel, wie stark sich der Dis­kurs über „Zigeu­ner“ und „Fah­ren­des Volk“ noch aus den Argu­men­ten der 1920er und 1930er – aus der Zeit stamm­ten auch die ent­spre­chen­den Geset­ze – her­lei­tet. Und wie die Autoren über­haupt nicht sehen, dass die­se „Son­der­be­hand­lung“ gan­zer Grup­pen viel­leicht nicht so ganz im Ein­klang mit dem Grund­ge­setz ste­hen könn­te … Wie die „Abwei­chung“ von der „Norm“ auch kei­ne Pri­vat­sa­che bleibt, son­dern kri­mi­na­li­siert wird. Und sei es nur auf Umwegen.

die Zunahme der weiblichen Homosexualität (Die Neue Polizei, 1/1950)

Die Zunah­me der weib­li­chen Homo­se­xua­li­tät (Die Neue Poli­zei, 1/​1950)

Das soll­te eben eigent­lich nur eine kur­ze Ein­lei­tung für die­sen Arti­kel sein, der mich selbst in die­sem eben geschil­der­ten Umfeld etwas ver­wun­dert hat. Auf der ande­ren Sei­te ist das natür­lich wenig ver­wun­der­lich: Wie­so sol­len Argu­men­te und Dis­kur­se von heu­te auf mor­gen sich ändern, nur weil ein Krieg ver­lo­ren wur­de, ein Staat unter­ging, Besat­zer neue Regeln for­cie­ren und gera­de ein neu­er Staat ent­stan­den ist? Denn alle Argu­men­te, die hier auf­tau­chen, sind natür­lich über­haupt nicht neu und in keins­ter Wei­se ori­gi­nell. Sol­che Phä­no­me­ne zu beob­ach­ten, zu erken­nen und zu ver­fol­gen, ist ein Pri­vi­leg, dass His­to­ri­ker haben. Und das wich­ti­ge dar­an: Es macht mir immer wie­der klar, dass genau das­sel­be auch für das „heu­te“ unse­rer Gegen­wart gilt, dass zukünf­ti­ge His­to­ri­ker sich ziem­lich sicher über Bor­niert­hei­ten und unver­ständ­li­che, fast ata­vis­tisch erschei­nen­de Relik­te unse­rer Zeit genau­so wun­dern wer­den wie ich es in die­sem Fall über die 1950er getan habe. Und wenn man das mal ver­in­ner­licht hat, ist einem ziem­lich sicher klar gewor­den, wie wenig abso­lu­te und dau­er­haf­te Wahr­heit es (noch) gibt (wenn es über­haupt wel­che gibt). Und natür­lich auch, wie frag­wür­dig die Idee eines/​des „Fort­schritts“ ist und sein muss.

Medienarchälogie bei Suhrkamp

Der Streit um den Suhr­kamp-Ver­lag, der ja über­haupt eigent­lich ein Streit im Suhr­kamp-Ver­lag ist, könn­te – so schwant mir die­ser Tage wie­der – mal ein sehr inter­es­san­tes Bei­spiel wer­den, um die Rea­li­tät des Medi­en­dis­kur­ses im Deutsch­land am Anfang des 21. Jahr­hun­derts zu rekon­stru­ie­ren. Da ist zum einen natür­lich die Ver­schie­bung der Rele­vanz­en und Bedeu­tun­gen: Auch wenn der Suhr­kamp-Ver­lag ohne Zwei­fel tol­le Bücher macht: so debat­ten­be­stim­mend wie in frü­he­ren Jahr­zehn­ten der alten Bun­des­re­pu­blik ist er schon lan­ge nicht mehr. Den­noch über­stür­zen sich Zei­tun­gen, Feuil­le­tons und (Literatur-)Kritiker in der Bericht­erstat­tung über den Streit zwi­schen den bei­den Besit­zer­par­tei­en. Bezeich­nend ja auch, dass die­ser Streit über­wie­gend nicht im Wirt­schafts­teil doku­men­tiert und/​oder beglei­tet wird – da müss­te doch (eigent­lich) der Sach­ver­stand der Redak­tio­nen für sol­che Gescheh­nis­se und Ereig­nis­ket­ten sitzen …

Und dann ist da natür­lich noch die Art, wie berich­tet wird. Sel­ten fiel mir eine der­ma­ßen fast unbe­grenz­te Par­tei­lich­keit ein. Man könn­te das sehr schön schon an der Rhe­to­rik und Begriff­lich­keit fast jeden ein­zel­nen Tex­tes über die ver­schie­de­nen Ebe­nen des Strei­tes unter­su­chen. Dass ein Teil der Ver­lags­au­to­ren mit rabia­ten Begrif­fen um sich schmeißt – geschenkt, die dür­fen ja sozu­sa­gen kei­ne Ahnung haben (auch wenn ich es im Detail nicht ganz ver­ste­he …). Aber dass das in der „Pres­se“ ganz ähn­lich geschieht, das wun­dert mich doch immer wie­der. Viel­leicht liegt das dar­an, dass hier der mög­li­che Unter­gang eines Ver­la­ges zu beob­ach­ten und zu doku­men­tie­ren ist, der als Sym­bol für das steht, was die Feuil­le­tons auch für sich in Anspruch neh­men (und was oft nur noch ein Traum ist): Der maß­geb­li­che Ort intel­lek­tu­el­ler Debat­ten der Gesell­schaft (die auch noch irgend­wel­che Ergeb­nis­se erzie­len) zu sein. Mit dem „Ver­lust“ des Suhr­kamp-Ver­la­ges wird dann über­deut­lich, dass sie sich selbst genau­so ver­lo­ren haben und es bis­her nur noch nicht wahr­ha­ben wollten …

(Kei­ne Links, weil ich zu faul bin, alle die not­wen­di­gen Bei­spie­le her­aus­zu­su­chen. Anlass war aber die­ser Arti­kel der „Zeit“, der Bar­lach einen „Tri­umph“ unter­stellt und erst kurz vor Schluss erwähnt, dass Bar­lach eben offi­zi­ell im Recht ist – was übri­gens nie­mand anzu­zwei­feln scheint. Wie auch, die Lite­ra­tur­kri­ti­ker ken­nen sich wohl nur sel­ten gut genug mit dem Wirt­schafts­recht aus. Bezeich­nend auch, dass die­ser Text – wie so vie­le – den eigent­li­chen Streit­an­lass für die­se Gerichts­ent­schei­dung gar nicht mehr erwähnt: Dass näm­lich Unseld-Ber­ké­wicz vor dem Umzug nach Ber­lin einen ent­spre­chen­den Ver­trag mit Bar­lach abge­schlos­sen hat …)

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