Hochschwarzwald: Ab ins gemachte Nest! | ZEIT ONLINE – die zeit macht ein bisschen werbung für modernisierte (teure) ferienwohnung im schwarzwald, die mit schickem design übernachtungsgäste anlocken wollen, dafür aber die wertschöpfung schön zentralisieren und konzentrieren (und eben nur noch einen bruchteil bei den besitzern vor ort lassen)
Im Hochschwarzwald hat die Tourismus GmbH vorhandene Ferienwohnungen modernisiert. Ein Gewinn für alle Seiten?
Come with me. Let’s open the door to a parallel universe. Here in this parallel world, the rules are different because gender roles are flipped. Loving parents and teachers accept this strange culture as if it’s not so bad, or perhaps even good.…
Das IfZ und sein Vizechef Magnus Brechtken jedenfalls sind den richtigen Weg in einer offenen Gesellschaft gegangen: Sie suchen gegen den offensichtlich beschränkten Horizont von Beamten und (einigen) Politikern in München die Unterstützung der Öffentlichkeit. Denn jede Fortsetzung des absurden Tanzes um Hitlers „Mein Kampf“ führt nur in die Irre.
Es zählt zur postumen Ironie von Brechts Leben, dass der große Zertrümmerer des Klassikertheaters schlussendlich selbst zum Klassiker geworden ist. Postum werden Brechts Ideen in Stein gemeißelt, wofür sie der Autor nie vorgesehen hatte.
Erstaunlicher Erkenntnis im Bundesbildarchiv: Das bekannteste Foto, mit dem seit fast 100 Jahren der Kieler Matrosenaufstand von 1918 illustriert wurde, ist in Wahrheit in Berlin entstanden.
hier war es die „originalvorlage“ (was auch immer das genau ist …), die durch ihre beschriftung eine korrektur erzwang
Alte Schriften – wahnsinnig umfangreich, auch mit einigen ttf-fonts für ausgefallenes wie die merowingische minuskel …
Auf diesen Seiten finden Sie eine Sammlung alter Schriftzeichen aller Völker und Kulturen von Abur bis Zapotekisch.
In Hessen werden jedes Jahr bei weitem nicht alle Äpfel gepflückt, sie verfaulen an den Bäumen. Dabei zahlten Keltereien zwischen 10 und 13 Euro pro Doppelzentner Äpfel
schreibt die FAZ heute, nachdem einige hessische Keltereien wohl dabei erwischt worden, auch „fremdes“ Obst zu verarbeiten. Das hier versteckte „Dabei“ muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Ein Doppelzenter hat 100 Kilogramm, dafür bekommt man ganze 10 Euro (manchmal auch mehr, manchmal auch weniger …). Dafür muss man die Äpfelbäume haben, d.h. den Grund nicht andersweitig nutzen. Man muss die Bäume pflanzen und lange, lange warten, bis so sein Baum einen Doppelzenter gibt (zehn Jahre werden kaum reichen). Man muss die Bäume pflegen (sollte man zumindest, gut, das kann man sich vielleicht sparen). Wenn man die Äpfel nicht aus einem Dornengestrüpp aufsammeln will, muss man unter den Bäumen mähen. Das geht oft nicht mit einem Traktor, sondern nur mit einem Rasenmäher (den man auch haben sollte). Man muss die Äpfel auflesen. Einen Doppelzenter schafft man auch nicht in zehn Minuten … Und, nicht zu vergessen, man muss sie auch noch zur Kelterei bringen. Die sind nämlich nicht bei den Bäumen und die kommen auch nicht vorbei – das heißt, man braucht auch noch ein Fahrzeug und Treibstoff (Doppelzenternweise Äpfel mit dem Fahrrad oder zu Fuß transportieren würde zwar fit machen, aber nicht sehr ertragreich sein …). Und dann darf man froh sein, wenn man 10 Euro für den Doppelzenter Äpfel bekommt. Und da wundern die sich ernsthaft, dass das in einem der reichsten Länder der Welt nicht mehr so viele machen wollen?
(Und, nur so nebenbei: Ein Apfelwein, der nach vier Wochen fertig ist – das geht doch auch nicht ohne Zusätze? Normalerweise dauert das eher vier Monate …)
Terry Rileys Klassiker „In C“ in der angeblich ersten Einspielung aus Afrika, genauuer gesagt, aus Mali:
Africa Express Presents: Terry Riley’s In C Mali
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Viele kleine Buchhändler haben keineswegs erkennbar mehr Verständnis für kleine Verlage. Sie wettern zwar herzlich gern gegen Konzerne und Monopolisten, aber wenn man mit ihnen zu tun hat, ist ihr geschäftlicher Egoismus oft keinen Deut geringer als bei den Großunternehmen.
Ich weiß nicht, warum Beliebigkeit so etwas Schlimmes oder Schlechtes sein soll. Wir müssen einfach mit der Tatsache klarkommen und dies akzeptieren lernen, dass in den entscheidenden Fragen unseres Lebens jeder für sich selbst oder jede für sich selbst verantwortlich ist.
Es ist natürlich gut, wenn man weiß, was ein Autograf enthält. Aber Oper war immer ein Work in Progress. Und ich bestehe auf meinem Recht, auch kreativ sein zu dürfen.
Sie versteckt sich unlöschbar auf Festplatten und spioniert hochrangige Ziele aus: Antivirenspezialisten entdecken extrem ausgefeilte Malware mit Parallelen zu Stuxnet.
Offshore-Leaks, Lux-Leaks und jetzt Swiss-Leaks: Die Süddeutsche Zeitung ist das Sturmgeschütz des Finanzamts. Die Redaktion veröffentlicht regelmäßig Informationen aus internen Bankunterlagen, an die sie durch Whistleblower kommt. Was die Zeitung nie erwähnt: Dass sie selbst ihre Leser auf die Steuerhinterziehung im Ausland hingewiesen hat und sich dafür von den Banken bezahlen ließ. Ich war damals in der Redaktion dafür zuständig. Es war das Jahr 2007, es war mein erster Job nach d…
Dass freilich das sexuell Anregendste an einem Sadomaso-Film von 2015 die Kunst eines seit siebzehn Jahren toten Mafia-Unterhalters ist, spricht Bände über die Talsohle der enthemmt-verklemmten Dauerlustsimulation, in der sich die Massenkultur derzeit täglich lautstark versichert, dass heute ja zum Glück so gut wie nichts mehr verboten ist.
Man kann dem Sportreporter wohl kaum einen Vorwurf machen. Schliesslich besteht die Hauptqualifikation für diesen Beruf vornehmlich darin, schwitzende Menschen danach zu fragen, wie sie sich jetzt fühlen.
Niemand hat uns Bescheid gesagt. Auch der Dirigent und der Künstler nicht, die die Auszeichnung offenbar in kleiner Gruppe in Los Angeles entgegen genommen haben.
Integration wird immer noch dann als gescheitert betrachtet, wenn am Ende etwas anderes als ein zweites Münster herauskommt.[…] In den modernen Metropolen gebe es eigentlich nur eine Gruppe, die sich eine ethnische Segregation leisten könne, so El-Mafaalani: die Wohlhabenden.
Nachdem der MCC seine Komiteeterin präsentiert habe, seien die Frauen eines anderen großen Vereins auf die Barrikaden gegangen, da diese dort auch im Komitee sitzen wollten. „Woraufhin uns die Männer dieses Vereins verärgert gefragt haben, wie wir damit nur anfangen konnten“, berichtet er.
(gibt noch mehr schöne beispiele für sexismus im text .…
So wird open access zum financial excess: Um sich als Autor einer Buchbesprechung für eine Fachzeitschrift das Recht zu erwirken, die Rezension online stellen zu dürfen, verlangt Wiley-VCH schlanke 2500 Euro vom Rezensenten.
es ist ja eine schande, dass ich das noch gar nicht kannte: schon 2006 hat Jochen Hubmacher Die Schicksalssinfonie – Entscheidung unter Flutlicht geschrieben – eine reportage über beethovens 5. sinfonie im stil einer radio-fußball-live-berichterstattung, gesprochen vom fußballreporter günther koch.
… da spritzt der Schweiß, da saust der Taktstock über die Köpfe der Musiker, da flattert der Frack von Gielen: Adrenalin pur – so schön kann Musik sein! …
Beethovens 5. aus Sicht eines Sportreporters – Die Schicksalssinfonie – Entscheidung unter Flutlicht
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Ludwig Winder: Der Thronfolger. Ein Franz-Ferdinand-Roman. Wien: Zsolnay 2014. 576 Seiten.
Ein schöner und guter Roman eines vergessenen Autors zu einem bekannten Thema. Ludwig Winder, in der Zwischenkriegszeit ein berühmter Autor und Journalist, hat mit dem „Franz-Ferdinand-Roman“ Der Thronfolger ein richtig gutes Buch geschrieben, das leider lange Zeit ziemlich vergessen war. Der Wiener Zsolnay-Verlag hat es jetzt (mit einem Nachwort des Spezialisten Ulrich Weinzierl) neu aufgelegt – und so konnte ich auch diesem Roman, der 1937 das erste mal erschienen ist, kennen lernen.
Winder erzählt das Leben des Erzherzogs Franz Ferdinand trotz der ausführlichen Darstellung in strenger Chronologie des Lebens. Und weil er stilistisch dabei erstaunlich locker bleibt, lässt sich das trotz der etwas langatmigen Anlage und Struktur sehr gut lesen. Denn im Kern ist es eben ein starkes, lebendiges Porträt des Erzherzoges – der war ja, wenn man Winder glauben mag (und es gibt keinen Grund, das nicht zu tun), alles andere als ein leibenswürdiger Charakter: Spröde, harsch, krankhaft ehrgeizig und misstrauisch – ein Misanthrop reinsten Geblüts sozusagen. Die radikale personale Perspektive macht das zu einem dichten Porträt einer historischen Figur, ohne sie vorzuführen oder zu verurteilen. Interessant wird das auch dadurch, dass im Hintergrund des Textes immer die Frage mitschwingt: hätte die Geschichte nicht auch ganz anders ausgehen können? Das „faktische“ Ende ist ja bekannt – hier wird aber immer wieder mit der Möglichkeit gespielt, dass die Geschichte des 20. Jahrhunderts in der Figur Franz Ferdinands auch andere Potenzen und Potenziale gehabt hätte – die aber ungenutzt bleiben (und vielleicht auch einfach bleiben müssen).
Unterdessen wurden in den Konferenzsälen der Generalstäbe, Ministerien und Botschaften, in den Salons der Munitionsfabrikanten, in den Schlössern und auf den Vergnügungsyachten der Staatsoberhäupter, in den Klubzimmern der Abgeordneten, in den Spielzimmern der Offizierskasinos, in den armen Mansardenkammern jugendlicher Verschwörer die Pläne ausgeheckt, die zum Kriege führen sollten. Leichtfertige Diplomaten, ehrgeizige Generäle, verbrecherische Geschäftemacher und halbwüchsige Patrioten, deren nationalistischer Rausch sich unversehens in Blutrauseh wandelte, arbeiteten einander in die Hände, ohne es zu wissen. Sie jagten einander Angst ein, um die Vernunft zu töten. Sie wollten die Welt mit Angst erfüllen, um die Verbrechen, die sie planten, zu entschuldigen. Sie sagten den Völkern, der Feind gönne ihnen das Leben nicht und wolle ihnen den Lebensraum verkürzen. Sie forderten den Feind heraus, den ersten Schuss abzugeben, das Signal zum großen Massenmord. Sie hatten Angst vor dem ersten Schuss, den sie inbrünstig ersehnten. (454)
Gute Gedichte scheinen mir das zu sein, der „Güte“ schwer zu fassen sind: Da sind starke, anziehende Bilder, die ganz wunderbar selbstverständlich wirken. Da ist die Bewegung der Sprache, die sich ungehindert und wie von selbst enfaltet. Und das Fortschreiten im Text und der Welt, auch in der Zeit: immer weiter, nicht rasten, nicht ruhen … Da ist die szenische Narration, die immer wieder auftaucht. Die Reihung von kurzen Sequenzen, die geschnitten (Cut!) Bilder, die Realität und Sprache miteinander kommunizieren lassen (oder auch nicht), zumindest in Beziehung setzen, sie aufeinander treffen lassen. Schade nur, dass der Band von Dombrowski so kurz ist …
Archivare Schiffe zu falten den Eisbären dort unten wo ihnen die Schollen wegbrechen haben wir jetzt nicht das Papier
So filmen wir weiter ihr polares Treiben vom Hubschrauber aus (30)
Hans Pleschinski: Der Holzvulkan. Ein deutscher Festbrief. Mit einem Nachwort von Gustav Seibt. München: Beck 2014 (textura). 96 Seiten.
Eine kuriose Erzählung eines kuriosen Geschehens der an Kuriositäten nicht gerade armen deutschen Geschichte: Der Erzähler triff auf die Geschichte, die sich in Form eines Art Führers und Erzählers sowie der traumhaften Vergegenständlichung der historischen Bauten und Ansichten darstellt und zeigt. Es geht um einen etwas ausgeflippten deutschen Herzog des 17. Jahrhundert, den Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, der nicht nur (extrem ausufernde) Romane schrieb, sondern auch als Feste-Arrangeur und Mäzen sein kleines HZerzogtümchen zu einem europäischen Zentrum der Künste und der repräsentativen Darstellung machen wollte – und damit so grandios und krachend scheitert, dass es Pleschinski wunderbaren Stoff zum Erzählen gibt. Und auf den wenigen Seiten macht er das ausgesprochen lebendig und sympathisch, mit raffinierten erzählerischen Volten, die dem Gegenstand des Illusionstheaters wunderbar angemessen sind – und zugleich ein Beispiel, wie man kunstvoll Geschichte (nach-)erzählen kann. Also: eine schöne, unterhaltende und auch belehrende Lektüre für zwischendurch (zumal das Büchlein bei Beck auch nett gemacht und um einige Kupferstichen ergänzt wurde).
Deutsches Barock ist den Deutschen am fremdesten, weil’s dort nicht mal um Gemütlichkeit ging (75)
Patrick Maisano: Mezzogiorno. Salzburg u.a.: müry salzmann 2014. 152 Seiten.
Ein schönes und gelungenes erzählerisches Experiment, dieses Debüt von Maisano: Zwei Erzähler – auch noch beide Architekten – streiten sich um die Wahrheit des Erzählens, der Erinnerung und der Deutung der Gegenwart. Zugleich ist das auch ein Streit zweier Lebensentwürfe: Der geniale, faule und organisierte Architekt gegen den ordnungsfixierten, unternehmerischen, aber ideenlosen Bauingenieur und Planer. Die Menschen bleiben allein, die Familien tauchen als Idee und Erzählung öfter und wirklicher auf als in der „wahren“ Realität: Patricks trockenes Berichten und Toms unbeschwertes Fabulieren konkurrieren um den Leser – glaubhaft sind natürlich beide nicht, wie sich zusehends herausstellt. Dass beiden Protagonisten und Erzählern am Ende dann ganz symbolisch und reell der Boden und das Fundament unter den Füßen wegrutscht – das Chalet, in dem sie sich befinden, fällt einem Bergrutsch zum Opfer – ist dann fast schon zu offensichtlich. Aber bis dahin hat man beim Lesen an diesem rasanten Text eine Menge Vergnügen gehabt.
Lutz Seiler: im felderlatein. Berlin: Suhrkamp 2010. 102 Seiten.
„daheim an den gedichten“ ist Lutz Seiler: Auch wenn er jetzt für seinen Roman „Kruso“ so sehr gelobt ist: Er ist vor alledem ein vortrefflicher und ausgesprochen kluger Lyriker. Schon pech & blende hat das gezeigt, im felderlatein gelingt es erneut: Hier ist eine eigene Stimme und ein eigener Denke. Seilers Gedichte machen immer wieder die Zeit selbst zum Thema:
[…] immer
in der schwebe, die schätze dieser zeit
- eine Zeit, die sich in der Erinnerung zeigt oder als Gegenwart der Vergangenheit im Augenblick der Empfindung und Wahrnehmung. Vor allem aber geht es ihm immer wieder um die Verbidungen und Verknüpfungen von Natur, Mensch und eben Zeit. Ein Gedicht wie „im felderlatein“ macht das besonders deutlich. Schon der Titel verknüpft alle drei Bereiche: Den Menschen mit seiner Sprache – aber einer Sprache, die „ausgestorben“ ist, die Sprache der Vergangenheit ist, aber in unserer Gegenwart immer noch lebt; und diese Sprache der Menschen eben schon im Kompositum verknüpft mit der Natur der „Felder“ – die, sobald sie Felder sind, ja auch schon mit dem kultivierenden und abgrenzenden Menschen in Verbindung stehen. Dort, also „im felderlatein“, heißt es:
im nervenbündel dreier birken: umrisse der existenz & alte formen von geäst wie schwarzer mann & stummer stromabnehmer. all
die falschen scheitel, sauber nachgezogen im archiv der glatten überlieferung. gern
sagst du, es ist die kälte, welche dinge hart im auge hält, wenn große flächen schlaf wie winkelschleifer schleifen in den zweigen. so
sagt man auch: es ist ein baum & wo ein baum so frei steht muß er sprechen
Und das zeigt sich auch in Versgruppen, die deutlich machen, dass dem Menschen (noch) längst nicht Zugriff auf alles eigen ist:
du weißt noch immer nicht, daß es dich gibt, doch was geschieht ist begriffen, ins brüchige dunkel entleert sich das haus (48)
In seinem flanierenden Streifen durch Landschaften, Vergangenheiten und Typen (Rückkehr ist der entscheidende Begriff heir, nicht die Ankunft!) gelingen Seiler jedenfalls immer wieder großartige Gedichte, die als konzentrierte, starke Schöpfungen der Sprache und des Denkens so etwas wie Bestandsaufnahmen sind (nicht ohne Grund ist „inventur“ eines der besten gedichte in diesem band):
[…] & unter der erde
liegen die toten & halten die enden wurzeln im mund (49)
Monika Rinck: I am the zoo. Ostheim: Peter Engstler 2014. 52 Seiten.
Wie schon bei Helle Verwirrung und Hasenhass belässt es Rinck auch hier nicht bei der Schrift, beim Text allein, sondern arbeitet mit Zeichnungen zuammen. Genauer gesagt: Sie arbeitete mti der Zeichnerin Nele Brönner zusammen. Die legte täglich eine von 24 Zeichnungen vor, zu der Rinck textete, was wiederum Brönner zur nächsten Zeichnung veranlasste etc: Die gegenseitigen Rückkopplungen entwickeln sich hier Seite für Seite zu einer Fabel – einer fabelhaften, phantastisch-spielerischen Geschichte. „Irritierte Verheißung“ heißt es einmal im Text – und das passt recht gut: Gegenseitige Irritation beflügelt die Phantasie, die immer neues, anderes, ungeplantes verheißt. Und das dann nicht unbedingt einlöst: Dieses Buch (ich scheue mich, nur vom Text zu sprechen, die Zeichnungen sind schließliche elementarer Teil des Werkes) ist nie langweilig, weil die Entwicklung zwar zu beobachten ist, aber nie vorhersehbar wird. Und weil dazu noch die Sprache Monika Rincks zwischen Prosa und Lyrik schwankt, wenn man das so sagen darf, ihre poetische Qualtiät des Klangs und der Nicht-Alltäglichkeit besonders betont, ist das ein Werk ganz nach meinem Vergnügen: Ein Buch, das mit dem Untertitel Geschichten vom inneren Biest gar nicht so schlecht umschrieben ist.
Sibylle Berg: Der Tag, als meine Frau einen Mann fand. München: Hanser 2015. 256 Seiten.
In gewisser Weise ist das wieder ein typischer Sibylle-Berg-Roman – und das ist ja schon einmal ein guter Start. Der Klappentext des übrigens sehr schön gemachten und in feinem Leinen gebundenen Buch verheißt:
Chloe und Rasmus sind seit fast zwanzig Jahren verheiratet, und ja, alles bestens, man hat sich entwickelt, man ist sich vertraut. Aber dass dieses Leben nun einfach so weitergehen soll, ist auch nicht auszuhalten. […] Sibylle Berg stellt die Frage, die alle Paare irgendwann einmal beschäftigt: Ist Sex lebensnotwendig? Oder doch eher die Liebe?
Und das passt schon ganz gut: Berg erzählt (wieder einmal) aus der Hölle der Selbstfindung eines ziemlich frustrierten Paares. Es geht in wechselnder Perspektive aus der Sicht der beiden Protagonisten Rasmus und Chloe um das Abnutzen der Gefühle, um das Leiden am Leben, um die unendliche ernüchternde und nüchterne Ausweglosigkeit des Alltags. In kurzen Kapitel und klarer, knapper und präziser Prosa beschreibt Berg die aufdämmernde Katastrophe der Paarbeziehung, das Umschlagen, die völlige Zerstörung und Neuschaffung. Das ist Literatur, die kurzfristig unterhält und nachhaltig verstören kann, wie Richard Kämmerlings ganz richtig beobachtet hat. Und genau diese Kombination aus Unterhaltung und Verstörungspotenzial, aus Humor und tiefem, dunklem Ernst ist es, was mir an Bergs Büchern immer wieder zusagt.
Die Aufregung. Hat sich abgenutzt, wie alle Gefühle, ich hatte jedes schon einmal. Es wird kein neues dazukommen. Das ist das Grauen der mittleren Jahre. Die Langeweile und die noch allzu nahe Erinnerung an Zeiten, in denen alles zum ersten Mal passierte. (50)
Der gute Geschmack, dieser abgehalfterte Gaul aller Begriffslosen, ist mit Recht bis heute das diskreditierteste aller Orientierungsmittel.
Klaus Theweleit: „2000 Light Years from Home“ (Vortrag zur Popgeschichte)
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Es ist nicht einfach, das Geschehen in Cambridge angemessen zu charakterisieren, ohne dabei innerlich mit dem Kopf zu schütteln und an der Legitimität des eigenen Berufsstandes zu zweifeln.[…] Allerdings profitieren davon [von den spektakulären Zuschreibungen] weniger die Museen als die oft privaten Besitzer der Werke. Selbst eine Ausstellung strittiger Zuschreibung erzielt leider diese Wertsteigerung. Es wird Zeit, dass sich an diesem Mechanismus etwas ändert.
[die deutschen politiker] wissen, wenn sie eine Position ökonomischer Vernunft zu laut und vernehmbar einnehmen würden, würden sie sich in ihrem Land isolieren. Oder besser: Sie glauben das. Mit dem Ergebnis, dass im Spektrum der “ernstzunehmenden Politik” eine Position ökonomischer Vernunft nicht mehr geäußert wird, was seinerseits zur Stabilisierung des Meinungsklimas beiträgt. Da die wirtschaftliche Vernunft, die überall in der Welt Mainstream wäre, in Deutschland im politischen Feld nicht mehr repräsentiert ist (außer am linken Rand der Grünen und am Realo-Rand der Linkspartei), hat das wiederum Auswirkungen auf das veröffentlichte Meinungsbild. Kurzum: Die Schlange beißt sich in den Schwanz.
Stand der Literaturkritik: Ewige Krise klingt gut – Kultur – Tagesspiegel – gerrit bartels hat leider nichts verstanden. jör sundermeier ging es doch gar nicht so sehr darum, den literaturjournalismus zu verteufeln. was er aber – und da stimme ich ihm zu – für problematisch hält, ist, wenn dieser die literaturkritik ersetzt. bartels hat offenbar auch nicht richtig gesehen, dass sundermeier darauf hinweist, dass die kritik schon länger in der krise steckt.
Über die Schweiz könne man keine guten Bücher schreiben, heißt es. Das ist falsch. Die Literatur des 21. Jahrhunderts vermisst das Land völlig neu.