Jemanden erziehen heißt, ihn mit der Fähigkeit zu begaben, sich gegenüber seiner Umwelt eigensinnig zu verhalten, um Schwierigkeiten und Möglichkeiten zu sehen, die anderen nicht auffallen.Jürgen Kaube, Im Reformhaus, 17
Ins Netz gegangen am 10.11.:
- Fausts Erlösung – NZZ – hans belting über eine mögliche quelle für den schluss von goethens faust II: die sixtinische madonna raffaels
Fausts Erlösung ereignet sich allein in der Kunst, in diesem Fall in der Poesie. Goethe redet zwar von «Rettung» und «Erlösung», aber die Engel deuten in dem zitierten Doppelzeiler eine Selbsterlösung an. Auch die «Sixtinische Madonna» wurde von den meisten nur im Museum und dort als Exemplum der Kunst aufgefasst. Goethe führt die romantische Kunstreligion, gerade in ihren religiösen Neigungen, auf ihren ästhetischen Sinn zurück.
[…] Die verdeckte Bildbetrachtung wird bei Goethe zu einer Bilderfindung, die sich von der «Sixtinischen Madonna» löst. Sie lebt von der Erkenntnis, dass man nur noch in Bildern reden kann, wenn es um letzte Dinge geht. - Zum Tod des Historikers Hans Mommsen: Die Analyse der deutschen Katastrophe – NZZ-Feuilleton – nachruf von christoph jahr:
Mommsen repräsentierte jene westdeutsche Historikergeneration, die in der sozialliberalen Ära nicht nur die Geschichtswissenschaft für neue Fragen und Methoden öffnete, sondern auch die akademischen Bildungswege für breitere Gesellschaftsschichten.
- Literatur als Kasperletheater: Das beleidigte Quartett – literaturcafe.de – wolfgang tischer war auch mit der zweiten ausgabe des neuen literarischen quartetts nicht zufrieden (das ist noch positiv gesagt …) und vermisste vor allem die literaturkritik:
Selbst auf Lovelybooks wird ein kitschiger Liebesroman ernsthafter diskutiert, als es die Schmolllippigen über ihre Bücher im Quartett vorführen.
- Johannes Tuchel zum Thema Stolpersteine: „Erinnerung mit Zwang funktioniert nicht“ -
Gedenken kann immer nur dezentral funktionieren. Es kann nur funktionieren, wenn wir uns wirklich erinnern wollen. Und es kann nie nur über ein Medium funktionieren. Es muss künstlerische Formen der Erinnerung ebenso geben wie historische Gedenktafeln.
- Undelivered letters shed light on 17th-century society | World news | The Guardian – sehr cool: eine sammlung teilweiser ungeöffneter briefe aus dem 17. jahrhundert aus den niederlanden wird untersucht und ausgewertet – eine wahre fundgrube für historiker etc.
- Ulrich Herbert würdigt Hans Mommsen: Licht ins Halbdunkel der politischen Willensbildung – Feuilleton – FAZ -
Hans Mommsen war fast fünfzig Jahre lang einer der einflussreichsten Zeithistoriker in Deutschland und einer der wenigen, dessen Arbeiten weltweite Verbreitung fanden. Fast die gesamte Forschung zur Weimarer Republik und zur Geschichte des Nationalsozialismus fußt in der einen oder anderen Weise auf seinen Arbeiten.
- Louis Althusser ǀ Der große Abwesende—der Freitag – schöne erinnerung an den großen/vergessenen philosophen louis althusser
Vigiles et studeas atque legas, ut ex hoc buio tibi remanente, exciteris ad studendum et legendum, cum vivere sine litteris mors sit et vilis hominis sepultura—Wache und studiere und lies, damit du, wenn dir dabei ein Zweifel bleibt, dadurch (erst recht) angespornt wirst zum Studieren und Lesen, da ohne Wissenschaft zu leben der Tod ist und ein elendes Grab für den Menschen.Siger von Brabant, Questiones de anima intellectiva
So lasse ich mir James Bond (für dessen Erscheinungen ich sonst nicht so zu begeistern bin …) gefallen:
Beim Klicken auf das und beim Abspielen des von YouTube eingebetteten Videos werden (u. U. personenbezogene) Daten wie die IP-Adresse an YouTube übertragen.
http://twitter.com/guenterhack/status/650012842633117696
If guns were regulated the same way as abortions. pic.twitter.com/NCbNf1T8mj
— Greg Hogben (@MyDaughtersArmy) October 3, 2015
http://twitter.com/m_rinck/status/651703216518877184
Seit Jahrzehnten überraschen die Bayern einen immer wieder mit einem neuen, nun aber wirklich aller fürchterlichstem Ministerpräsidenten.
— https://bsky.app/profile/handwerk.bsky.social (@der_handwerk) October 9, 2015
http://twitter.com/Cynx/status/652817272701063169
• Die Herbstin pic.twitter.com/sUFGnzaca3
— Peter Glaser (@peterglaser) October 10, 2015
The invisible hand seems to be raising its middle finger
— Pinboard (@Pinboard) October 11, 2015
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— Patrick Beuth (@PatrickBeuth) October 12, 2015
http://twitter.com/guenterhack/status/653666739801227264
http://twitter.com/VeloSpinner/status/654249119901458432
http://twitter.com/vasudevan_k/status/653246655668424704
http://twitter.com/guenterhack/status/655011561166249984
Lose Handlungsfäden sind das Material, aus dem die Phantasie ihre Netze spinnt.
— Tausend Seiten Setz (@1000SeitenSetz) October 16, 2015
Die Erstausgabe von Sartres Buch „Das Sein und das Nichts“ wog genau ein Kilo und diente auf Märkten als geeichtes Gewicht.
— Hans Huett (@HansHuett) October 24, 2015
Morgen ist wieder Reformationstag! Für Twitterer: Luther so: OMG Ich prangere das an! Großer Shitstorm. Kirchenspaltung. Und alle so: Yeeah!
— Matti Schindehütte (@Majuschi) October 30, 2015
http://twitter.com/fabisued/status/660506193555791872
http://twitter.com/strom_m/status/660406623303655425
„I am music now!“ heißt es im Refrain von „What a feeling“. Und treffender lässt sich das Arrangement aus der Feder von Martin Seiler kaum beschreiben: Hier kann man als Sänger/Sängerin – und auch als Zuhörer – vollkommen in die Musik eintauchen. Dabei ist das nur eines von drei Arragnements, die Seiler im Helbling-Verlag vorlegt: neben „What a feeling“, bekannt vor allem als Filmmusik aus „Flashdance“, noch Phil Collins’ „Easy Lover“ und „Fix You“ von Coldplay. Drei eher gefühlige Songs also – eigentlich alles Moderne Evergreens – für die Pop.Voxx-Reihe im Helbling-Verlag.
Seiler weiß, was er macht, wenn er so bekannte Vorlagen arrangiert. Denn seine Sätze beruhen auf seiner Arbeit für und mit „Greg is back“, seinem eigenen A‑Cappella-Popchor. Das zeigt sich sofort, wenn man die Partituren aufschlägt: Die sind nämlich für SMATB mit zusätzlicher Solostimme (für die Melodie) bzw. im Falle von Phil Collins „Easy Lover“ sogar für SSMATB gesetzt, wozu immer noch eine (optionale), aber empfehlenswerte Beatbox kommt. Das heißt aber nicht, dass die alle durchgehend sechs- bis siebenstimmig klingen. Aber andererseits werden einzelne Stimmen auch ab und an noch bis zu dreifach aufgeteilt. Also: Für Anfänger oder popungeübte Chöre ist das nicht die erste Wahl, die einzelnen Stimmen müssen in sich stabil und rhythmisch versiert sein, sind aber – man merkt die Praxiserfahrung – immer gut singbar.
Bei Seiler heißt das aber auch: Alle Stimmen werden wirklich gefordert, auch die Begleitstimmen haben’s nämlich nicht immer einfach. Dabei, das gilt für alle Sätze drei gleichermaßen, bekommen sie sehr einfalls- und ideenreiche Kost: Leere Floskeln findet man hier nicht. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass Seiler seine Arrangements dramaturgisch sehr geschickt aufbaut. Gerade „What a feeling“ und „Fix You“ profitieren sehr von der großen Breite an Ausdrucksmitteln, die er einsetzt. Energie und Empathie werden den Chören nicht überlassen, sondern sind in den Notentext eingebaut. Der ist dann auch entsprechend detailliert ausgearbeitet und bis in Kleinigkeiten ausgefeilt – für „Easy Lover“ braucht Seiler deshalb ganze 20 Seiten, weil er selten einfach etwas wiederholt, sondern immer wieder variiert und neue Begleitmuster einführt.
Obwohl alle Songs sofort als Coverversionen großer Hits erkennbar sind, begnügt sich Seiler nicht mit einer reinen vokalen Kopie. Klar, wesentliche Momente – wie etwa das instrumentale Zwischenspiel bei „Fix You“ – tauchen natürlich hier auch auf, sehr geschickt und mit viel Gespür für effektvolle Klänge für „seine“ Besetzung adaptiert. Aber sie haben, vor allem durch die vielschichtige Begleitung, auch einen eigenen Klang. Und damit bekommen diese Arrangements sozusagen ein doppeltes Hitpotenzial.
Martin Seiler (Arrangement): Flashdance…What a Feeling (SMATB), ISBN 978−3−99035−374−5 – Easy Lover (SSMATB), ISBN 978−3−99035−373−8 – Fix You (SMATB), ISBN 978−3−99035−372−1. Alle im Helbling-Verlag, Reihe Pop.Voxx, 2015.
(Zuerst erschienen in „Chorzeit – Das Vokalmagazin“)
Ins Netz gegangen am 19.10.:
- Igor Levit im Gespräch: Aufstehen, fertig, das Leben geht weiter – Feuilleton – FAZ – claudius seidl sprach mit igor levit – über beethoven, genie, deutsche musik, rzewski und darüber, ob musik die welt verändern (kann/soll …)
- Erste wissenschaftlich fundierte Studie in Deutschland über ökonomische Auswirkungen eines Konzerthaus-Betriebs | Gewandhaus Leipzig – kulturförderung lohnt sich nicht nur kulturell, sondern auch ökonomisch. für leipzig hat eine wissenschaftliche studie einen multiplikator von 2,5 errechnet.
- Einsiedel: Ist doch überall so | ZEIT ONLINE – sehr guter text von lenz jacobsen für die „Zeit“ über chemnitz-einsiedel, wo „ganz normale“ deutsche rechtslastige bürger seit geraumer zeit eine asylbewerberunterkunft blockieren (wollen) (mit über 700 kommentaren – liest die irgendjemand? und warum schreibt da jemand den 715. kommentar?)
- Terror von Rechts: Pegida und die Folgen – SPIEGEL ONLINE -
Man stabilisiert die Demokratie, indem man sie offener macht, nicht restriktiver.
(ich bin mir aber nicht sicher, ob georg diez’ parallele von links- & rechtsterrorismus und die staatlichen/gesellschaftlichen reaktionen darauf wirklich so hilfreich sind
- BBC – Future – Why Britain has secret ‘ghost trains’ – spannend: in großbritannien gibt es „ghost trains“ – verbindungen, die oft nur dazu dienen, eine bahnstrecke offziell in betrieb zu halten und so seltsam sind, dass sie praktisch unbenutzbar sind
- Peter Sunde: Macht kaputt, was eure Daten sammelt – Digital – Süddeutsche.de – interessantes interview mit peter sunde über probleme der zentralisierung, der machtlosigkeit der bürger und anderes besorgniserregendes in digitalen zeiten
- #nopenaccess in der Geschichtswissenschaft | Colonia Praemoderna – tobias wulf über die schwierigkeit, als historiker vernünftig open-access zu publizieren und die zähigkeit der zunft, sich diesen „neuen“ publikationsformen zu öffnen …
- Nahverkehr ǀ Bus und Bahn: Kostenlos rechnet sich—der Freitag – felix werdermann über möglichkeiten und schwierigkeiten eines öpnv ohne fahrscheinkauf: „Ein Nulltarif im ÖPNV klingt erst mal utopisch. Doch es ist der beste Weg zu einer ökologischen, sozialen und modernen Stadt“
- Shortlist ǀ Schmöker, lass nach—der Freitag – stefan mesch findet auf der buchpreis-shortlist viel lesenswertes – weiß aber nicht, was das „beste“ buch des jahres wäre, weil er ncih tewiß, owran man (und die jury des deutschen buchpreises) das „beste“ buch des jahres misst oder messen sollte
Man darf sagen: In einem Bücherjahr, in dem alle 20 Plätze der Longlist mühelos mit jenen trockenen, soliden Altherrenromanen gefüllt hätten werden können, die alle Buchpreis-Listen seit 2005 beherrschen, hat die 2015er Jury tolle Arbeit geleistet. Viel Schrulliges, Leuchtendes, Sperriges prämiert. Auch die Shortlist ist so breit aufgestellt – nein: schwankend, nein: schizophren – wie nie.

