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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Twitterlieblinge Dezember 2015

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Ins Netz gegangen (21.12.)

Ins Netz gegan­gen am 21.12.:

  • 39. Besuch auf dem Fried­hof oder Ein Kreu­zungs­punkt der Zei­ten – achim land­wehr über die mög­lich­kei­ten & gele­gen­hei­ten, die ein gang auf den fried­hof bie­ten kann:

    Der Fried­hof ist dann nicht mehr nur ein Ort des Geden­kens, son­dern auch des Beden­kens der Zeit(en), die wir haben oder die wir mög­li­cher­wei­se haben wol­len. Hier ist nicht nur die Trau­er über die Toten zu Hau­se, son­dern auch die Hoff­nung ande­rer Zeit­mo­da­li­sie­run­gen, weil sich genau hier die sehr unter­schied­li­chen Ver­zei­tun­gen begeg­nen, über­kreu­zen und gegen­sei­tig durcheinanderbringen. 

  • Wolf­gang Benz : „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlim­mer wird“ | ZEIT – sehr gutes inter­view mit wolf­gang benz, der ziem­lich ernüch­tert über sei­ne for­schun­gen, den zustand der deut­schen gesell­schaft und die mög­lich­kei­ten der geschichts­wis­sen­schaf­ten spricht:

    Man kann sagen: Die Sache mit Natio­nal­staat und Natio­nal­be­wusst­sein ist in Deutsch­land gründ­lich schiefgegangen.
    […] Es hat doch ohne­hin <em>niemand<em> wirk­lich Inter­es­se an Geschich­te. Fürs Fami­li­en­al­bum viel­leicht, aber wenn es dar­um geht, poli­ti­sche und sozia­le Her­aus­for­de­run­gen in den Griff zu bekom­men, spielt der Blick in die Geschich­te kaum noch eine Rol­le. Da wird der His­to­ri­ker allen­falls abge­wehrt. Von Geschich­te und der Mög­lich­keit, sie zu nut­zen im Sin­ne eines huma­nis­ti­schen Fort­schritts, will die Mensch­heit nichts wis­sen. Sonst wür­de es näm­lich seit lan­ger Zeit kei­ne Krie­ge mehr geben, kei­nen Völ­ker­mord und wahr­schein­lich kei­ne Vertreibungen.
    […] [Die Auf­klä­rung] war und ist der ein­zi­ge Ansatz­he­bel gegen das Freund-Feind-Den­ken und die Dehu­ma­ni­sie­rung des Ande­ren. Aber wie müh­sam schritt nach dem Jahr­hun­dert der Auf­klä­rung die Juden­eman­zi­pa­ti­on vor­an und mit wel­cher Halb­her­zig­keit! Und wie viel stär­ker ist das Irra­tio­na­le, das an Ängs­te appel­liert; wie viel leich­ter tun sich die Dem­ago­gen als die Auf­klä­rer … </em></em>

    – sehr lesenswert!

  • The Inter­na­tio­nal Pos­tal Sys­tem Is Pro­found­ly Broken—and Nobo­dy Is Pay­ing Atten­ti­on – Paci­fic Stan­dard – span­nend: ein text über die UPU, die Uni­ver­sal Pos­tal Uni­on, die den brief­ver­kehr und vor allem des­sen bezah­lung zwi­schen staa­ten & pos­ten orga­ni­siert – und die mit eini­gen gro­ßen pro­ble­men zu kämp­fen hat, aber anschei­nend kaum/​nicht zu refor­mie­ren ist …
  • Ver­fah­ren gehö­ren zum Beruf des Jour­na­lis­ten dazu – Das Netz – hans ley­en­de­cker im gespräch mit irights​.info, über die netz­po­li­tik-lan­des­ver­rats-affä­re, geheim­diens­te, deutsch­land und europa
  • Secret Code Found in Juniper’s Fire­walls Shows Risk of Govern­ment Back­doors | WIRED – ein real-life-pro­blem, an dem man sehr schön sehen kann, dass hin­ter­tü­ren bei ver­schlüs­se­lung etc. über­haupt kei­ne gute ideen sind – schließ­lich kann die jeder fin­den (nicht, dass das bis­her undenk­bar gewe­sen wäre …)
  • Kill Your Airbnb’s Hid­den WiFi Came­ras With This Script | Mother­board – ein skript, mit dem man (mit ein biss­chen glück) unlieb­sa­me über­wa­chungs­ka­me­ras im wlan aus­schal­ten kann (aber nicht darf ;-) …)
  • Flücht­lings­for­schung gegen Mythen 2 – Netz­werk Flücht­lings­for­schung – das netz­werk flücht­lings­for­schung hat zum zwei­ten mal wis­sen­schaft­ler unter­su­chen las­sen, was an häu­fi­gen behaup­tun­gen über flücht­lin­ge dran ist. und wie­der zeigt sich: poli­ti­ker haben oft über­ra­schend wenig ahnung (oder sie tun zumin­dest so)
  • Stop­pen wir lügen­de Poli­ti­ker! | NZZ Cam­pus – ser­van grü­nin­ger zeigt sehr deut­lich, dass björn höckes ras­sis­ti­sche erklä­rung der repro­duk­ti­ons­stra­te­gien der „afri­ka­ner“ und der „euro­pä­er“ nach dem stand der wis­sen­schaft ein­fach fal­scher unsinn ist.

    Das Pro­blem liegt nicht dar­in, dass er ein Ras­sist ist. Das Pro­blem liegt dar­in, dass er ein Ras­sist ist, der die Wis­sen­schaft für sei­ne Ideo­lo­gie ein­span­nen will – im Wis­sen dar­um, dass ein sol­ches Vor­ge­hen sei­ne Aus­sa­gen stützt.

  • Baye­ri­sches Kabi­nett erlaubt Ver­fas­sungs­schutz Zugriff auf Vor­rats­da­ten­spei­che­rung | netz​po​li​tik​.org
  • ohne worte.

  • Archiv Arbei­ter­ju­gend­be­we­gung – Rea­der – ein (quellen)reader zur arbei­ter­ju­gend­be­we­gung zwi­schen 1904 und 1945. sieht auf den ers­ten blick ganz inter­es­sant und gut gemacht aus (auch/​gerade, weil ich von dem the­ma kei­ne ahnung habe …)
  • Wenn Spi­cken erlaubt ist | Bob Blu­me – bob blu­me über den ver­such einer arbeit, bei der spi­cken erlaubt ist

Taglied 16.12.2015

May­be­bop & OnAir, Be Still My Heart (auch auf der neu­en, sehr schö­nen Weih­nachts-CD von May­be­bo­py, Für euch)

Be Still My Heart – a cap­pel­la Cover – MAYBEBOP & ONAIR

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Selige Zeit der ersten Liebe

Seli­ge, seli­ge Zeit! du bist schon lan­ge vor­bei! O die Jah­re, wor­in der Mensch sei­ne ers­ten Gedich­te und Sys­tem lie­set und macht, wo der Geist sei­ne ers­ten Wel­ten schafft und seg­net, und wo er voll fri­scher Mor­gen­ge­dan­ken die ers­ten Gestir­ne der Wahr­heit kom­men sieht, tra­gen einen ewi­gen Glanz und ste­hen ewig vor dem seh­nen­den Her­zen, das sie genos­sen hat und dem die Zeit nach­her nur astro­no­mi­sche Eph­eme­ri­den und Refrak­ti­ons­ta­bel­len über die Mor­gen­ge­stir­ne reicht, nur ver­al­te­te Wahr­hei­ten und ver­jüng­te Lügen! – O damals wurd’ er von der Milch der Wahr­heit wie ein fri­sches durs­ti­ges Kind getränkt und groß­ge­zo­gen, spä­ter wird er von ihr nur als ein wel­ker skep­ti­scher Hek­ti­kus kuriert! – Aber du kannst frei­lich nicht wie­der­kom­men, herr­li­che Zeit der ers­ten Lie­be gegen die Wahr­heit, und die­se Seuf­zer sol­len mir eben nur dei­ne Erin­ne­rung wär­mer geben; – und keh­re­st du wie­der, so geschieht es gewiß nicht hier im tie­fen nied­ri­gen Gru­ben­baue des Lebens, wo unse­re Mor­gen­rö­te in den Gold­flämm­lein auf dem Gold­kie­se besteht und unse­re Son­ne im Gru­ben­licht – nein, son­dern dann kann es gesche­hen, wenn der Tod uns auf­deckt und den Sarg­de­ckel des Schach­tes von den tie­fen blaß­gel­ben Arbei­tern weg­rei­ßet, und wir nun wie­der, wie ers­te Men­schen, in einer neu­en vol­len Erde ste­hen und unter einem fri­schen uner­meß­li­chen Him­mel! – Jean Paul, Titan, 25. Zykel

Ins Netz gegangen (14.12.)

Ins Netz gegan­gen am 14.12.:

Ins Netz gegangen (7.12.)

Ins Netz gegan­gen am 7.12.:

  • Mehr­spra­chig­keit : Ein Kind, drei Spra­chen | ZEIT – mar­tin spie­wak hat für die „Zeit“ auf­ge­schrie­ben, wie kin­der mit mehr­spra­chig­keit umge­hen – näm­lich in der regel positiv.
  • Dich­ter und Com­pu­ter im radi­ka­len Zwie­ge­spräch | FAZ​.net – elke hei­ne­mann geht in der FAZ der fra­ge nach, wie digi­ta­li­sie­rung (die hier vor allem com­pu­te­ri­sie­rung meint) die lyrik ver­än­dert bzw. ver­än­dern kann/​könnte/​wird …

    Vie­le Lite­ra­tur­gat­tun­gen nähern sich vor­sich­tig den Maschi­nen an, nur die Lyrik hat Berüh­rungs­ängs­te. Wie digi­tal kann ein Gedicht sein?

  • Mar­le­ne Stre­eru­witz: Die Stun­de der Wahr­heit des Gel­des | der​Stan​dard​.at – mar­le­ne stre­eru­witz über die auf­lö­sung der demo­kra­ti­schen gesell­schaft ins lachen, am bei­spiel der usa & donald trump: „Die Ent­wer­tung demo­kra­ti­schen Ver­han­delns in der Gesell­schaft erfolgt über die Ent­wer­tung von Minderheiten.“

    So wird das Prin­zip der Geschwis­ter­lich­keit aus der poli­ti­schen Kul­tur ent­fernt. Demo­kra­tie war geschwis­ter­lich gedacht. Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der soll­te das Prin­zip sein. Die Über­nah­me von Pflich­ten und die gerech­te Ver­tei­lung der Rech­te waren vor­ge­se­hen. Das bedeu­te­te je neu­es Ver­han­deln der Auf­tei­lung der Rech­te und der Über­nah­me von Pflich­ten. Denn. Die Grund­rech­te der Per­son ach­tend kann es kei­ne end­gül­ti­ge Rege­lung die­ser Ver­tei­lung geben. Es muss stets neu ver­han­delt wer­den. Kei­ner und kei­ne soll über den ande­ren ste­hen. Und. Um das leben zu kön­nen, müs­sen alle dar­an Betei­lig­ten sich ihrer Grund­rech­te bewusst sein. Alle müs­sen den Wert der Per­son an den Grund­rech­ten mes­sen und dar­aus auf ihren eige­nen Wert und den der ande­ren schlie­ßen. Der Wert muss bewusst sein.
    […] Das Grund­recht der Per­son auf Wür­de ist im Lachen der ande­ren aufgelöst.

    Das ist dann ziem­lich unwie­der­bring­lich. Denn. Es bleibt der Ent­schei­dung der Lachens­be­stim­mer über­las­sen, wer wie ernst genom­men wird. Die Lachen­den sind nur noch Gefolg­schaft. Im Fall von Donald Trump geht es genau dar­um. Die demo­kra­ti­sche Ver­hand­lung soll durch Füh­rung ersetzt wer­den. Der Kapi­ta­list will aber nicht ins Patri­ar­chat zurück­keh­ren. Vater zu sein. Das hie­ße ja auch wie­der nur die Über­nah­me von Ver­ant­wor­tung. Der Post­ka­pi­ta­list Trump will die Welt ja nur für den Geld­fluss in sei­ne Tasche zurich­ten. Denn. In der Logik unse­rer ver­wirt­schaft­lich­ten Welt der frag­men­tier­ten Dienst­leis­tungs­wirt­schaft gibt es als mög­li­ches Ziel einer Poli­tik ohne­hin nur die Wei­ter­fül­lung der Taschen des einen Pro­zents der Alles­be­sit­zen­den. Es ist dar­in dann wie­der logisch, dass einer aus die­sem Besitz­stand her­aus die Rhe­to­rik der Schmä­hung der Ande­ren so authen­tisch lie­fern und sich so in den Besitz des Lachens der Mit­schmä­hen­den set­zen kann.

  • Ver­hü­tung – Anti­ba­by­pil­le – hübsch ris­kant | Süddeutsche.de – ein inter­es­san­ter text von wer­ner bar­tens, der auf­zeigt, wie man leu­te dazu bringt, völ­lig gegen jede logik medi­ka­men­te zu bevor­zu­gen, die unsi­che­rer sind als andere

    Unter jun­gen Frau­en nimmt der Markt­an­teil der Pil­len der 3. und 4. Gene­ra­ti­on trotz­dem ste­tig zu. Das ist eini­ger­ma­ßen rät­sel­haft, denn die Risi­ko­be­wer­tung der Euro­päi­schen Arz­nei­mit­tel­be­hör­de hat ein­deu­tig erge­ben, dass die Prä­pa­ra­te zu einem deut­lich höhe­ren Embo­lie- und Throm­bo­se­ri­si­ko füh­ren. Das Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Medi­zin­pro­duk­te hat im Früh­jahr 2014 ent­schie­den, dass in immer mehr Bei­pack­zet­teln auf die erhöh­te Gefahr hin­ge­wie­sen wer­den muss. Sons­ti­ge Kon­se­quen­zen bis­her: keine.

    die ärz­te – die das ja ver­schrei­ben müs­sen – bekom­men auch ihr fett weg …

  • Legen­dä­re Seleu­ki­den-Fes­tung Acra in Jeru­sa­lem ent­deckt -

    Die Wis­sen­schaf­ter ent­deck­ten kürz­lich bei Aus­gra­bun­gen unter dem frü­he­ren Giva­ti-Park­platz süd­lich des Tem­pel­ber­ges Über­res­te der legen­dä­ren Fes­tung Acra. Die Zita­del­le war vor etwa 2.150 Jah­ren unter dem Seleu­ki­den-König Antio­chus IV. Epi­pha­nes gebaut worden.

  • Städ­te­be­schimp­fun­gen – auch cool: tho­mas bern­hards städ­te­be­schimp­fun­gen, auf der kar­te ver­ord­net und mit zita­ten garniert …
  • Jan Böh­mer­mann : Ich hab Kul­tur­kri­tik | ZEIT ONLINE@davidhug in der Zeit über jan böh­mer­mann, sein „ich hab poli­zei“ und die kri­tik daran …

    Dabei ist Gangs­ter­rap inzwi­schen Main­stream, ähn­lich wie Peter Maf­fay oder Xavier Naidoo es schon lan­ge sind. Das tut viel­leicht weh, aber da müs­sen wir alle eben durch. 

  • Über­wa­chung für mehr Sicher­heit? Ein fata­ler Trend – Lobo-Kolum­ne – SPIEGEL ONLINE – muss man immer wie­der emp­feh­len: sascha lobos spiegel-kolumne …

    Die Evi­denz ist tot, es lebe das medi­al insze­nier­te Gefühl der Evidenz.

  • Peter Kurz­eck – ein Getrie­be­ner der Spra­che | Frank­fur­ter Rund­schau – claus-jür­gen göp­fert berich­tet in der FR über peter kurz­eck, sein schrei­ben, sei­nen nach­lass und die arbeit des stroem­feld-ver­la­ges (und der lek­to­ren deub­le & loss), den in eine publi­ka­ti­ons­fä­hi­ge form zu bringen:

    Im Gespräch mit sei­nem Freund Rudi Deub­le erscheint Kurz­eck als ein Getrie­be­ner. „Zu Ruhe kam der nie!“ Sehr früh sei er stets auf­ge­stan­den in sei­ner zwei­ten Hei­mat Uzés, habe gear­bei­tet bis zum Mit­tag. Dann folg­te ein aus­ge­dehn­ter Spa­zier­gang durch die son­nen­durch­glüh­te Land­schaft, danach ein Mit­tag­essen und ein kur­zer Schlaf. Am Nach­mit­tag habe er dann wie­der zu schrei­ben begon­nen, bis etwa um 22 Uhr.

    Mit der Schreib­ma­schi­ne: Die Sei­ten waren stets nur zu einem Drit­tel bis zu einer Hälf­te beschrie­ben, in ganz engem Zei­len­ab­stand, dazwi­schen hat­te der Autor noch hand­schrift­li­che Kor­rek­tu­ren ein­ge­tra­gen. Die unte­re Manu­skript­hälf­te war wei­te­ren Anmer­kun­gen gewid­met. Sym­bo­le wie Drei­ecke und Kreu­ze struk­tu­rier­ten den Text. Die Arbeit der Lek­to­ren glich der von Archäologen.

  • Frem­den­hass : „Ich hal­te das für hoch­ge­fähr­lich“ | ZEIT ONLINE – gutes inter­view mit nor­bert frei über die aktu­el­len gefah­ren für die deut­sche demokratie

    Was wir der­zeit erle­ben, ist etwas ande­res, näm­lich eine zuneh­men­de, fun­da­men­ta­le Ver­ach­tung für die Demo­kra­tie, für das „Sys­tem“ und die „Sys­tem­par­tei­en“. Ich hal­te das für hoch­ge­fähr­lich, gera­de auch weil sich sol­che Stim­mun­gen über die digi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le so leicht ver­brei­ten las­sen. Dadurch ist eine Par­al­le­löf­fent­lich­keit ent­stan­den, die sich für die „bür­ger­li­che Öffent­lich­keit“ kaum mehr interessiert. 

  • Jus­tiz : Das soll Recht sein? | ZEIT ONLINE – die Zeit gibt dem straf­ver­tei­di­ger schwenn mög­lich­keit, auf pro­ble­me (wie u.a. das feh­len­de pro­to­koll) der deut­schen straf­ge­richts­ver­fah­ren auf­merk­sam zu machen

    Die größ­te Gefahr für den Unschul­di­gen lau­ert in den Vor­ent­schei­dun­gen. An ihnen sind oft die­sel­ben Berufs­rich­ter betei­ligt, die spä­ter an der Haupt­ver­hand­lung mit­wir­ken und das Urteil fäl­len. […] Auch ein Haft­be­fehl darf nur erge­hen, wenn der Tat­ver­dacht drin­gend, die spä­te­re Ver­ur­tei­lung eines Ange­klag­ten also hoch­wahr­schein­lich ist. Und da lau­ert die zwei­te Fal­le. Denn hat der Rich­ter den Haft­be­fehl selbst erlas­sen oder auf­recht­erhal­ten, so wird es ihm spä­ter schwer­fal­len, von der eige­nen Ver­ur­tei­lungs­pro­gno­se abzurücken.

  • Tou­ris­mus : „Der deut­sche Urlau­ber hat ein aus­ge­spro­che­nes Struk­tur­be­dürf­nis“ | ZEIT ONLINE – die Zeit hat mit drei sehr unter­schied­li­chen rei­se­lei­tern dar­über gespro­chen, wie sie „die deut­schen“ im urlaub wahr­neh­men und emp­fin­den. sehr vergnüglich
  • Wir ver­lie­ren täg­lich Tau­sen­de Daten­punk­te Zeit- und Medi­en­ge­schich­te – kon­rad lisch­ka weist auf ein ech­tes pro­blem hin: die feh­len­de archi­vie­rung von online-medi­en/-nach­rich­ten

    Zwei Jahr­zehn­te Online­jour­na­lis­mus sind vor­bei­ge­zo­gen, ohne dass jemand die Daten­ba­sis für die Erfor­schung die­ser Grün­der­zeit geschaf­fen hat. All das ist für immer ver­lo­ren, wir haben heu­te dank Brews­ter Kah­le immer­hin Bruch­stü­cke und Moment­auf­nah­men. Enorm wich­ti­ge Daten für die Erfor­schung von The­men­kar­rie­ren und ver­än­der­ten Nut­zungs­ge­wohn­hei­ten in den 20 Jah­ren Online­jour­na­lis­mus wäre die Abruf­zah­len der archi­vier­ten Wer­ke. All die­se Daten lagen ein­mal digi­tal in irgend­wel­chen Daten­ban­ken vor. Viel­leicht sind sie noch irgend­wo da drau­ßen. Aber wenn heu­te jemand die Online­be­richt­erstat­tung über den 11.9.2001 mit der über den 13.11.2015 ver­glei­chen will, hat er noch viel weni­ger Mate­ri­al als ein His­to­ri­ker, der die archi­vier­ten Zei­tungs­aus­ga­ben aus dem 19. Jahr­hun­dert für sei­nen Berg­ar­bei­ter­streik untersucht.

Gut und böse

Nikolaus & Krampus

Kalen­der-Illus­tra­ti­on, 1936

gefun­den bei den „All­tags­din­gen“ von Susan­ne Breuss

Bei den Wise Guys läufts

wise guys, läuft bei euchDie „Ach­ter­bahn“ ist kaum ein Jahr alt, schon gibt’s mit „Läuft bei euch“ Nach­schub aus Köln. Und ohne gro­ße Umstän­de star­ten die Wise Guys ihre neue CD gleich mit einer Lie­bes­er­klä­rung ans A‑cap­pel­la-Sin­gen, ent­spannt und der eige­nen Fähig­kei­ten gewiss: „Wenn wir zusam­men sin­gen, ist da sofort Musik drin“. Da haben sie natür­lich Recht. 

Und da ist Musik in bewähr­ter Qua­li­tät drin: Sau­ber pro­du­ziert und ordent­lich gesun­gen – ziem­lich genau das, was man von den Wise Guys schon lan­ge gewöhnt ist. Kein Wun­der, Musik und Tex­te kom­men ja haupt­säch­lich von Dani­el „Däni“ Dick­opf. Und doch wird schnell klar: Auf „Läuft bei euch“ sind die Wise Guys etwas anders, es gibt weni­ger Blö­de­lei und Witz – sie wol­len doch nicht etwa erwach­sen wer­den? Gesellschafts‑, Gegen­warts- und Kul­tur­kri­tik sind jetzt stark ver­tre­ten. Von den Aus­wüch­sen der Sel­fie-Sucht über das sehn­sa­ti­ons­gie­ri­ge Gaf­fen bis zum töd­li­chen Mob­bing reicht die Band­brei­te der The­men. Musi­ka­lisch ist „Läuft bei euch“ lei­der nicht ganz so viel­fäl­tig. Man­ches ist rich­tig gut, wie „Wah­re Hel­den“, das die Hel­den des All­tags – also Kran­ken­pfle­ger oder Allein­er­zie­hen­de zum Bei­spiel – hym­nisch lobt und sehr ein­gän­gig, mit behut­sam dosier­tem Pathos im bes­ten Wise-Guys-Stil besingt. Auch sehr schön: „Der Rock-n-Roll ist tot“, in dem das Quin­tett rockend über die Zei­ten, als man mit Musik noch Pro­test her­vor­ru­fen konn­te, singt – musi­ka­lisch ist das sehr tref­fend umgesetzt.

Über­haupt scheint es den Wise Guys die Meta-Musik ange­tan zu haben. Nicht nur die feh­len­de poli­ti­sche Kraft der Musik besin­gen sie, auch die Musik selbst und ihre erin­ne­rungs­psy­cho­lo­gi­sche Wir­kung, wie bei „Das Lied bei dei­nem ers­ten Kuss“. Das ist eines der High­lights, eine schö­ne, nur leicht sen­ti­men­ta­le Bal­la­de über die Kraft der Musik, die Erin­ne­rung an das ers­te Hören wecken kann, bei dem ein­fach alles stimmt – und dann läuft es … Nur lei­der pas­siert das auf „Läuft bei euch“ nicht so häu­fig, wie man das von den Wise Guys kennt. Songs wie „Lass die Sau raus“ oder „Teu­fels­kreis“ zum Bei­spiel zün­den ein­fach nicht recht. Obwohl nichts falsch ist, ist da auch nichts, was sie irgend­wie beson­ders macht: Das ist nett, das lässt sich gut hören und schnell wie­der vergessen.

Auch der Schluss der CD greift dann die Erfah­run­gen der Wise Guys als A‑Cap­pel­la-For­ma­ti­on noch ein­mal auf und singt von den Schwie­rig­kei­ten, sich in eine Frau zu ver­lie­ben, die falsch klatscht („Sie klatscht auf die 1 und die 3“) – wie kann man so etwas bei den Wise Guys auch nur machen! Gera­de wenn sie das musi­ka­lisch so tref­fen spöt­tisch besin­gen und dabei naht­los vom Mar­schie­ren zum swin­gen­den Tan­zen wech­seln, ist das doch gänz­lich unmöglich.

Wise Guys: Läuft bei euch (Uni­ver­sal), 55:40

(Zuerst erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin“, Novem­ber 2015)

Twitterlieblinge November 2015

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Klingender Adventskalender

singer pur, adventskalenderAm Schluss wir­belt Weih­nach­ten dann doch her­ein. Bis dahin hält „Der Sin­ger Pur Advents­ka­len­der“ genau, was er ver­spricht: Chor­mu­sik für den Advent. Wenn man in die­sem Advents­ka­len­der bis zum Hei­li­gen Abend gekom­men ist, hat man eini­ges hin­ter sich. Denn die 23 bekann­ten, tra­di­tio­nel­len Advents­lie­der von „Nun komm, der Hei­den Hei­land“ bis „Wir sagen euch an den lie­ben Advent“ in über drei­ßig Sät­zen, die Sin­ger Pur hier für sech­stim­mi­ge Chö­re vor­le­gen, bie­ten viel aus­ge­zeich­ne­te Musik. Am Ende steht dann ein furio­ses, begeis­tert-freu­di­ges Arran­ge­ment von Sören Sieg: So fröh­lich ist selbst die „Fröh­li­che Weih­nacht“ bei­lei­be nicht immer. 

Alt und neu sind glei­cher­ma­ßen ver­tre­ten – 10 Lie­der in Sät­zen von Alten Meis­tern (bis ins 16. Jahr­hun­dert), 14 von leben­den Arran­geu­ren. Für den Druck wur­den die Sin­ger-Pur-Sät­ze etwas über­ar­bei­tet, damit sie für nor­ma­le sech­stim­mi­ge Beset­zun­gen gut sing­bar sind. Gut sing­bar ist aller­dings nicht unbe­dingt ein­fach: Kom­ple­xe Sät­ze, die etwas Hin­wen­dung und Pro­ben­aus­dau­er erfor­dern, sind hier reich­lich ver­tre­ten. Die har­mo­ni­schen und rhyth­mi­schen Mög­lich­kei­ten der (fast) durch­ge­hen­den Sechs­stim­mig­keit nut­zen die Arran­geu­re ger­ne aus und las­sen sich viel ein­fal­len – Bern­hard Hof­mann benö­tigt für “Lasst uns froh und mun­ter sein“ immer­hin 14 Sei­ten. Und die haben es auch in sich, da ist fast durch­gän­gig min­des­tens eine Stim­me mit dem „tra­la­la“ beschäf­tigt, wäh­rend der Rest durch diver­se Takt- und Ton­ar­ten wandert.
Über­haupt: So arg besinn­lich ist die­se Advents­zeit nicht. Sicher, es gibt ruhi­ge Momen­te: Hei­ke Beck­mann hat etwa eine sehr schö­ne, ver­hal­te­ne Swing-Ver­si­on von „Lei­se rie­selt der Schnee“ bei­gesteu­ert, die ganz fein glit­zert. Und Rei­ko Füting lässt den Chor in „O Hei­land, reiß die Him­mel auf“ vom ver­hau­chen­den Tenor­so­lo bis zum mas­si­ven Tut­tik­lang die Him­mels­be­we­gung im Wech­sel von Bei­na­he-Still­stand und beweg­ter Rhyth­mik dyna­misch nach­zeich­nen. Die Band­brei­te ist über­haupt sehr groß, denn die Sät­ze sind durch­weg sehr indi­vi­du­ell gear­bei­tet. Der Advents­ka­len­der bie­tet in einer anre­gen­den Mischung mit Niveau viel Pep, manch­mal auch etwas Show – aber wer braucht schon den 87. vier­stim­mi­gen homo­pho­nen Chor­satz von „Macht hoch die Tür“? Dann doch lie­ber Wil­liam Haw­leys wil­de Jagd zum tri­um­phie­ren­den Lob­preis Gottes.

Die alten Sät­ze aller­dings – Crü­gers „Wie soll ich dich emp­fan­gen“ etwa, „Nun komm der Hei­den Hei­land“ von Prae­to­ri­us, Eccard, Schein und Vul­pi­us oder Bachs „Wachet auf“ und sein „Wie schön leuch­tet der Mor­gen­stern“ – wer­den die meis­ten Chö­re schon im Archiv haben. „Es kommt ein Schiff“ ist dafür zum Glück zwei Mal ver­tre­ten: Neben der bekann­ten Ver­si­on von Max Reger hat Sin­ger-Pur-Bass Mar­cus Schmidl ein geheim­nis­voll rau­nen­des, das Mys­te­ri­um des Glau­bens beschwö­ren­de Arran­ge­ment geschrie­ben. Auch sei­ne Ver­si­on von „Toch­ter Zion“ geht, so harm­los sie anfängt, eige­ne Wege: klei­ne rhyth­mi­sche Wider­ha­ken und eine behut­sa­me har­mo­ni­sche Moder­ni­sie­rung geben Hän­dels Klas­si­ker fri­schen Glanz.

Sin­ger Pur (Hrsg.): Der Sin­ger Pur Advents­ka­len­der. 24 Lie­der zum Advent für SAATBB. Mainz: Schott 2015. ED 22344.

(Zuerst erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin“, Novem­ber 2015)

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