»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Gedichtfalle

Der groß­ar­ti­ge Jürg Hal­ter zeigt sein Werk­zeug: Gedicht­fal­le und Pro­sa­sche­re. Außer­dem stellt er sei­ne Inspi­ra­ti­on und sei­ne Muse vor:

Jürg Hal­ter, Dich­ter und Den­ker im Umbruch

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Taglied 11.10.2015

Arc­an­ge­lo Corel­li, Con­cer­to Grosso D‑Dur op. 6/​4:

Jor­di Savall & Le Con­cert des Nati­ons | Corel­li: Con­cer­to Grosso in D Major, Op.6 No.4

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Le Con­cert des Nati­ons, Jor­di Savall

Ins Netz gegangen (11.10.)

Ins Netz gegan­gen am 11.10.:

  • Hil­ti­bold: Wan­de­rer zwi­schen Anti­ke und Mit­tel­al­ter: Das potem­kin­sche Dorf Cam­pus Gal­li – Ein kri­ti­scher Jah­res­rück­blick – hil­ti­bold über die letz­ten ent­wick­lun­gen am „cam­pus gal­li“, wo angeb­lich ver­sucht wird, den st. gal­le­ner klos­ter­plan mit mit­tel­al­ter­li­chen tech­ni­ken und mit­teln zu ver­wirk­li­chen (tl,dr: vie­le ver­zö­ge­run­gen, vie­le feh­ler und unsin­nig­kei­ten, bis­her noch so gut wie nichts geschafft von den gro­ßen zielen)
  • Auto­de­sign: Hübsch gefähr­lich | ZEIT ONLINE – Burk­hard Straß­mann über die – vor allem für ande­re Ver­kehrs­teil­neh­mer, d.h. Fuß­gän­ger und Rad­fah­re­rin­nen – gefähr­li­che „Ver­pan­ze­rung“ der Autos durch die Design­ent­wick­lun­gen der letz­ten Jahre/​Jahrzehnte, die immer schlech­te­re Sich­ten für PKW-Fah­rer produzieren
  • Das gros­se Uni­ver­sum | Schrö­der & Kalen­der – rai­nald goetz über jörg schrö­der, die bun­des­re­pu­blik, das leben und die welt – ein eigent­lich für den spie­gel 1984 geschrie­be­ner text, dort nicht gedruckt, hier von schrö­der & kalen­der der mit- und nach­welt überliefert

    In Wirk­lich­keit erlebt jeder vie­len, täg­lich Neu­es. Wei­ter­ge­ge­ben jedoch, berich­tet, erzählt, schrum­peln die meis­ten Leben auf ein trost­los Alt­be­kann­tes zusam­men. Ein­fach weil es so schwie­rig ist, sich selbst zu glau­ben, dem, was man sieht, was man denkt. Und beim Zuhö­ren, noch mehr beim Lesen von Schrift gewor­de­nem erzähl­tem Leben befällt einen mani­sche Trau­rig­keit, Schwä­che, gro­ßes Matt­sein und Schmerz.

    Schrö­ders Erzäh­len hin­ge­gen belehrt einen auf eine unschlag­bar unter­halt­sa­me, wahr­haft komi­sche Wei­se, wie genau die Radi­ka­li­tät aus­sieht, die vom eige­nen mick­rigs­ten Küm­mer­lich­keits­eck­chen genau­so unspek­ta­ku­lär spricht wie vom eige­nen Grö­ßen­wahn, und wie genau an die­sem Punkt, wo alle Ent­lar­vungs- und Selbst­ent­lar­vungs­ab­sich­ten längst zu nicht ver­glüht sind, das Ich explo­diert ins tröst­lich Unbe­son­de­re, All­ge­mei­ne, Verwechselbare. 

  • Sachal Stu­di­os’ Take Five Offi­ci­al Video – nimm fünf! – genia­le cover­ver­si­on des dave brubeck/​paul des­mond-klas­si­kers „take five“ mit dem paki­sta­ni­schen sachal stu­dio orchestra
  • Debat­te um Flücht­lin­ge: Deut­sche Wer­te mani­pu­liert – Kolum­ne – SPIEGEL ONLINE – die neue kolum­ne von mar­ga­ret sto­kow­ski beim spie­gel-online fängt gut an

    Wie hal­ten es die­se Flücht­lin­ge mit der Gleich­stel­lung Homo­se­xu­el­ler? Und respek­tie­ren sie die Rech­te der Frau­en? Aus­ge­rech­net Kon­ser­va­ti­ve machen sich dar­über jetzt gro­ße Sor­gen – dabei waren ihnen die­se The­men bis­her herz­lich egal.

  • dich​ter​le​sen​.net – inter­es­san­tes archiv, mit span­nen­den fund­stü­cken und gro­ßem entdeckungspotenzial …

    Dich​ter​le​sen​.net ist ein gemein­sa­mes Pro­jekt des Lite­ra­ri­schen Col­lo­qui­ums Ber­lin (LCB) und des Deut­schen Lite­ra­tur­ar­chivs Mar­bach (DLA) und seit dem 3. Okto­ber 2015 online. Gemein­sam haben es sich die koope­rie­ren­den Ein­rich­tun­gen zum Ziel gesetzt, ihre Ver­an­stal­tungs­mit­schnit­te aus einem hal­ben Jahr­hun­dert deut­scher und inter­na­tio­na­ler Lite­ra­tur­ge­schich­te der Öffent­lich­keit zugäng­lich zu machen.
    Das Herz­stück des Pro­jek­tes bil­det das Online-Ton­ar­chiv, in wel­chem die Audio-Auf­nah­men lite­ra­ri­scher Ver­an­stal­tun­gen (u.a. Lesun­gen, Dis­kus­sio­nen, Werk­statt­ge­sprä­che und Col­lo­qui­en) der betei­lig­ten Insti­tu­tio­nen welt­weit zum kos­ten­frei­en Nach­hö­ren ange­bo­ten werden.

  • Oli­ver Maria Schmitt Pos­ch­ardts Kin­der | TITANIC – Das end­gül­ti­ge Sati­re­ma­ga­zin – oli­ver maria schmitt rech­net mit dem welt-feuil­le­ton ab – sehr tref­fend, sehr gemein & sehr gut:

    »Sprin­ger­ju­gend« nann­te die lin­ke Lügen­pres­se sei­ne Boys und Girls. »Hit­lers Kin­der«, so sann es in Pos­ch­ardts Polo, so nann­te man doch frü­her mal sozu­sa­gen meta­pho­risch die Dep­pen von der RAF. Kohls Kind, das war er im Prin­zip selbst. Und Mer­kels Kin­der, die schrie­ben ihm jetzt das Feuil­le­ton voll. Die ehe­mals von den Lin­ken mono­po­li­sier­te Pro­test- und Ran­da­lier­ges­te war nun im rech­ten Main­stream ange­kom­men, ana­ly­sier­te der Dr. die Gesamt­la­ge auf den Stra­ßen von Groß­ber­lin. Und recht eigent­lich waren es doch sei­ne Kin­der. Ja, das war die Pos­ch­ardt­ju­gend, haha! Flink wie Schoß­hun­de, zäh wie Nap­pa­le­der und hart wie die Kron­kor­ken von Club-Mate.

  • Vor­wür­fe gegen von der Ley­en: Unge­le­se­ne Dok­tor­ar­bei­ten? – sehr gute ein­ord­nung von jür­gen kau­be über das pro­mo­ti­ons­we­sen in deutsch­land, for­schung, qua­li­fi­ka­ti­on, lesen und schreiben …
  • NSU ǀ Gehei­me Kommunikation—der Frei­tag – der „Frei­tag“ über hin­wei­se und indi­zi­en, dass der baden-würt­tem­ber­gi­sche nsu-aus­schuss der exe­ku­ti­ve – die er kon­trol­lie­ren soll – hin­wei­se auf aus­sa­gen und hin­weis­ge­ber wei­ter­ge­ge­ben hat.
  • Der Biblio­the­kar als Gate­kee­per der Wis­sen­schaft | KSW Blog – micha­el kno­che, direk­tor der her­zo­gin-anna-ama­lia-biblio­thek in wei­mar, über die not­wen­dig­keit, auch heu­te unter bedi­nun­gen zumin­dest teil­wei­ser elek­tro­ni­scher publi­ka­ti­on, in for­schungs­bi­blio­the­ken noch/​weiter samm­lun­gen aufzubauen
  • Wider die Akten­gläu­big­keit! Eine Lehr­stun­de bei Egon Bahr | Akten­kun­de – die „Akten­kun­de“ über das dif­fi­zi­le zusam­men­spiel von akten und memoi­ren von poli­ti­kern, inter­es­sant dar­ge­stellt anhand egon bahrs:

    Quel­len­kri­tisch ist das natür­lich ein Pro­blem, denn Zir­kel­schlüs­se dro­hen. Vor allem müs­sen His­to­ri­ker in der Lage sein, die den “Erin­ne­run­gen” zugrun­de­lie­gen­den Unter­la­gen akten­kund­lich ein­zu­schät­zen. Dazu erteilt Bahr in sei­nen Memoi­ren eine Lehr­stun­de: 1968 führ­te er als Pla­nungs­stabs­chef des Aus­wär­ti­gen Amts in Wien ein ver­trau­li­ches Son­die­rungs­ge­spräch mit dem pol­ni­schen Geschäfts­trä­ger in Öster­reich, Jer­zy Racz­kow­ski. Um die­ses Gespräch in sei­nen Memoi­ren dar­zu­stel­len, hat­te Bahr in einem sel­te­nen Glücks­fall nicht nur sei­nen eige­nen Gesprächs­ver­merk zur Hand, son­dern auch den sei­nes pol­ni­schen Gegenübers.

  • Apfel­ern­te: Ohne Streu­obst­wie­sen kei­nen Apfelwein
  • Rebuil­ding Berlin’s Stadt­schloss is an Act of His­to­ri­cal White­washing | The May­bach­ufer – sehr rich­tig (und pas­siert lei­der nicht nur in berlin):

    By rebuil­ding the Stadt­schloss in place of the Palast der Repu­blik, Ber­lin is air­brushing its own histo­ry. East Ger­ma­ny hap­pen­ed. Phy­si­cal­ly remo­ving the evi­dence of it from the heart of Ber­lin, repla­cing it with what was the­re befo­re, pre­ten­ding it was never the­re, is disin­ge­nuous and it is dangerous.

Taglied 9.10.2015

genia­le cover­ver­si­on des dave brubeck/​paul des­mond-klas­si­kers „take five“ mit dem paki­sta­ni­schen sachal stu­dio orchestra

Sachal Stu­di­os’ Take Five Offi­ci­al Video

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Wälder, Sonne & Hinrichtungen: Schostakowitschs Kantaten

schostakowitsch, kantatenKan­ta­ten sind nicht unbe­dingt die Gat­tung, die man beson­ders eng mit Dmi­t­ri Schost­a­ko­witsch ver­bin­det. Und doch gibt es von ihm eini­ge Exem­pla­re, die durch­aus hörens­wert sind. Frei­lich muss man bei Schost­a­ko­witsch stets sei­ne bio­gra­phi­sche und poli­ti­sche Situa­ti­on bei der Kom­po­si­ti­on berück­sich­ti­gen. Zwei der hier auf­ge­nom­me­nen Wer­ke sind anders über­haupt nicht zu erklä­ren – weder dass es sie über­haupt gibt noch dass sie in die­ser Form ent­stan­den sind.

„Über unse­rer Hei­mat scheint die Son­ne“ und „Das Lied von den Wäl­dern“ sind mehr oder weni­ger als Besänf­ti­gungs­ver­su­che zu ver­ste­hen, als Adres­se an einen tota­li­tä­ren Staat, dass der Kom­po­nist doch eigent­lich ganz brav ist. Jär­vi kon­fron­tiert die bei­den apo­lo­ge­ti­schen Kan­ta­ten auf die­ser rand­vol­len CD mit der „Hin­rich­tung des Ste­fan Razin“, 15 Jah­re spä­ter in deut­lich libe­ra­le­ren Zei­ten ent­stan­den und durch­aus als kaum vehüll­te Kri­tik an der KPdSU zu lesen, ver­herr­licht sie in der his­to­ri­schen Gestalt des Ste­fan Razin doch eine Rebel­li­on gegen ein repres­si­ves System. 

Der Kon­trast wird hier beson­ders stark, weil Jär­vi bei den bei­den frü­hen Kan­ta­ten die ursprüng­li­chen Tex­te nutzt, die der Kom­po­nist spä­ter um die direk­ten Sta­lin-Hul­di­gun­gen (im „Lied von den Wäl­dern“ wird er etwa als „gro­ßer Gärt­ner“ beti­telt) abge­mil­dert hat­te. Auf­grund eines Ver­bots der Schost­a­ko­witsch-Erben durf­ten die Tex­te aller­dings nicht abge­druckt wer­den – sehr scha­de, denn wer kann schon so gut rus­sisch, dass er das hörend ver­fol­gen kann? Aber hören kann man den­noch eine Men­ge: Die aus­ge­zeich­ne­ten Chö­re zum Bei­spiel, den siche­ren Nar­va-Kna­ben­chor und den kraft­vol­len und sehr klang­star­ken Est­ni­schen Kon­zert­chor. Beglei­tet vom gut auf­ge­leg­ten Est­ni­schen Natio­nal-Sym­pho­nie-Orches­ter, des­sen Schlag­werk wesent­lich zum Gän­se­haut­fee­ling bei­trägt, das die­se Auf­nah­men immer wie­der ver­strö­men: Durch die von den ers­ten mäch­ti­gen, düs­te­ren Akkord­schlä­gen bis zum apo­theo­ti­schen Schluss packen­de Musik, aber auch die heu­te aus­ge­pro­chen sku­ril wir­ken­den Tex­te, die man beim Hören ger­ne aus­blen­den­den möchte.

Am leich­tes­ten geht das bei der „Hin­rich­tung des Ste­fan Razin“. Die wesent­lich viel­fäl­ti­ge­re und span­nen­de­re Ton­spra­che treibt alle Betei­lig­ten, auch den sonor-soli­den Bass Alex­ei Tanovit­ski, zu Höchst­leis­tun­gen. Gera­de in op. 90 ist die Dau­er­er­regt­heit und per­ma­nen­te Freu­de, die gera­de musi­ka­lisch gera­de­zu platt und bar jeder Dif­fe­ren­zie­rung zu bana­len Tex­ten (die im Book­let lei­der nicht abge­druckt sind) ertönt, stel­len­wei­se kaum ertrag­bar – Jär­vi nimmt das auch nicht zurück, son­dern lässt das als oppor­tu­nis­ti­sche Musik ein­fach mal so ste­hen. Er ver­sagt sich die­ser demons­tra­ti­ven Zugäng­lich­keit der Musik auch über­haupt nicht: Das klingt wun­der­bar groß­ar­tig und wun­der­bar banal. Aber so ganz gibt er sich mit die­ser glän­zen­den Hül­le eben doch nicht zufrie­den: Das Bro­deln unter der Ober­flä­che wird bei Jär­vi vom Äuße­ren oft kaum noch in Zaum gehal­ten. Dabei ver­bin­det er sehr geschickt und har­mo­nisch die gro­ßen Ges­ten der sze­nisch-film­haf­ten Musik mit den vie­len fei­nen, lyri­schen Details der Chor­stim­men, die hier wun­der­bar leben­dig strah­len. Vor allem die pral­le Vita­li­tät und die agil-ange­spann­te Prä­senz der bei­den Chö­re machen die­se Auf­nah­me ganz beson­ders. Das ist sicher kei­ne Musik, die Schost­a­ko­witsch-Ver­äch­ter zu gro­ßen Bewun­de­ren bekehrt, aber rotz­dem eine wich­ti­ge Facet­te sei­nes rei­chen Oeu­vres. Zumal in einer so leb­haf­ten Interpretation.

Dimi­t­ri Schost­a­ko­witsch: Kan­ta­ten (Die Hin­rich­tung des Ste­pan Rasin op. 119; Über unse­rem Vater­land scheint die Son­ne op. 90; Das Lied von den Wäl­dern op. 91). Esto­ni­an Con­cert Choir, Esto­ni­an Natio­nal Sym­pho­ny Orches­tra, Paa­vo Jär­vi. Era­to 2015.
CD 

(In einer etwas kür­ze­ren Ver­si­on zuerst erschie­nen im Okto­ber­heft von »Chor­zeit—Das Vokal­ma­ga­zin«)

Twitterlieblinge September 2015

Wegen Ern­te- und Kel­ter­ein­satz leicht ver­spä­tet, aber hier sind die Twit­ter­lieb­lin­ge des Septembers:


http://​twit​ter​.com/​s​a​s​a​_​s​/​s​t​a​t​u​s​/​6​3​8​6​4​2​6​2​5​4​8​7​2​0​8​449


http://​twit​ter​.com/​g​u​e​n​t​e​r​h​a​c​k​/​s​t​a​t​u​s​/​6​4​0​9​7​1​1​0​3​2​1​3​6​2​9​440


http://​twit​ter​.com/​M​i​r​a​m​e​t​e​r​_​/​s​t​a​t​u​s​/​6​4​1​9​7​3​6​5​8​8​9​4​8​9​3​057


http://​twit​ter​.com/​g​u​e​n​t​e​r​h​a​c​k​/​s​t​a​t​u​s​/​6​4​3​1​4​2​7​4​6​8​0​3​4​0​8​896


http://​twit​ter​.com/​W​o​n​d​e​r​g​i​r​l​/​s​t​a​t​u​s​/​6​4​5​2​3​0​8​1​9​1​9​6​4​5​2​864


http://​twit​ter​.com/​p​e​t​e​r​b​r​e​u​e​r​/​s​t​a​t​u​s​/​6​4​6​3​6​5​1​5​1​4​3​2​7​1​2​195
http://​twit​ter​.com/​m​_​r​i​n​c​k​/​s​t​a​t​u​s​/​6​4​7​4​3​9​5​4​8​6​7​1​2​4​6​336

Europa herrschet

Die Wahl

Euro­pa herr­schet. Immer geschmeichelter
Gebie­test du der Herr­sche­rin, Sinnlichkeit!
Die Blu­men­ket­te, die du anlegst,
Klir­ret nicht, aber umrin­gelt fester,

Als jene, die den blei­chen Gefangenen
Im Tur­me las­tet. Zau­be­rin Sinnlichkeit,
Du tötest alles, was erinnert,
Daß sie nicht Leib nur, daß eine Seele

Sie auch doch haben! Von der Erhabenen,
Von ihrer Grö­ße red ich nicht, sage nur:
Du schlä­ferst ein, daß sie in sich nichts
Außer der schla­gen­den Ader fühlen.

Das soll nun end­lich enden! Der edle Krieg
Der gro­ßen, lie­bens­wür­di­gen Gallier
Raubt bis zum letz­ten Scherf. Euch sinket
Wel­kend vom Arme die Blumenkette.

Die Don­ner­stim­me schallt euch der eisernen
Not­wen­dig­keit! Ihr strau­chelt des Lebens Weg
Ver­armt: wie wär es mög­lich, daß ihr
Nun in der Zau­be­rin Schoß noch ruhtet?

Doch wenn ein Fun­ken See­le viel­leicht in euch
Auf­glimmet, wenn ihr zürnt, daß ihr Knech­te seid …
Was frommts? Ihr habt zum Flin­ten­stein die
Pfen­ni­ge nicht, noch zu einer Kugel!

Ihr saht es wel­ken, hör­tet die eiserne
Not­wen­dig­keit. Was wol­let ihr tun? Wohlan,
Zur Wahl: Ver­zwei­felt! oder macht euch
Glück­li­cher, als es der Zau­ber konnte.

Wer, was die Schöp­fung, und was er selbst sei, forscht;
Anbe­tend forscht, was Gott sei, den hei­tert, stärkt
Genuß des Geis­tes: wen nach diesen
Quel­len nie dürs­te­te, der erlieget.

Der Küns­te Blu­men kön­nen zur Heiterkeit
Auch wie­der wecken; führt euch des Ken­ners Blick.
Die Far­be trü­get oft; der Blumen
See­len sind laben­de Wohlgerüche.

Fried­rich Gott­lieb Klopstock

Aus-Lese #41

Wolf­gang Sof­sky: Wei­sen­fels. Ber­lin: Matthes & Seitz Ber­lin 2014. 236 Seiten.

sofsky, weisenfels„Unab­ding­ba­re Erschüt­te­rung“, „ver­fal­le­ne Gemäu­er“, „die Begeg­nung zwei­er Men­schen im Zenit des Unter­gangs einer ver­lo­re­nen Welt“ – der Umschlag­text hält sich nicht zurück. Dabei ist Wei­sen­fels eigent­lich ein ziem­lich selt­sa­mer Roman: Zwei (ehe­ma­li­ge) Freun­de tref­fen sich im Fami­li­en­sitz des einen, einem ver­fal­len­den Schloss, dass gefüllt ist mit Arte­fak­ten der abend­län­di­schen Kunst- und Kul­tur­ge­schich­te – aber nicht mit Men­schen. Die bei­den wan­deln durch die Gemäu­er und durch die Samm­lun­gen und durch die Erin­ne­rung an eine Welt oder eine Epo­che, die nicht mehr ver­füg­bar ist – eine Unter­neh­mung, die ganz fol­ge­rich­tig nur mit dem Tod enden kann. Es war nicht so sehr der plot, der mir schwer­fiel, son­dern die sehr selt­sa­me Pro­sa, die Sof­sky hier pflegt. Das ist ein unent­weg­tes Dekla­ri­en, Dozie­ren und Dekla­mie­ren, sowohl der Figu­ren als auch des Erzäh­lers. Über­haupt die Figu­ren, die sind auch sehr selt­sam – näm­lich eigent­lich nur (noch) als Mas­ke, als Rol­le oder als Platz­hal­ter prä­sent und damit unto­te Hül­len, leb­lo­se Über­res­te einer einst leben­di­gen Welt (dem christ­li­chen Abend­land, das mit sei­ner Tra­di­ti­on und Bil­dung so ger­ne beschwo­ren wird, aber schon lan­ge nicht mehr leben­dig ist …). Reli­gi­on und ihre Anzie­hungs­kraft, aber auch ihre Aus­prä­gun­gen, Pra­xen und Theo­lo­gien spie­len eine gro­ße Rol­le, vor allem aber ein ganz wört­lich genom­me­nes Leben „in“ Kul­tu­ren: Wenn hier über­haupt noch Leben ist, dann im Über­rest der Kul­tur, nicht aber in dem, was man Welt nen­nen möchte.

Der Ver­lust der Bil­dung und der Kul­tur ist sozu­sa­gen die Grund­the­se, von der aus die­ser Text geschrie­ben ist. Der koket­tiert aber zugleich selbst auf allen Ebe­nen und auf­dring­lich per­ma­nent damit, mit dem Bil­dungs­wis­sen sei­ner Prot­ago­nis­ten bzw. deren Erzäh­ler: Tabak, Whis­key, Renais­sance-Male­rei, Kunst­mu­sik des 19. Jahr­hun­derts, Lite­ra­tur, Enzy­klo­pä­dis­tik, Skulp­tu­ren – alles ist hier da, prä­sent und wird erzählt. Man könn­te auch sagen: Das ist lau­ter bedeu­tungs­schwan­ge­res Wis­sen-Geklin­gel … Denn die Idee ist schnell klar, eben­so schnell zei­gen sich Län­gen im Text, der manch­mal recht zäh daher­kommt. Denn auch ihm gelingt natür­lich nicht das, was im und mit dem Schloss ver­sucht wird: Der Ver­such, den ewi­gen Pro­zess des Zer­fal­lens und Ver­falls anzu­hal­ten, den Ver­lust zu ver­mei­den: Des­halb das mani­sche Sam­meln und Rekon­stru­ie­ren ver­lo­re­ner Bil­dungs- und Kul­tur­gü­ter – ein Ver­such, der nahe­zu zwangs­läu­fig mit dem Ver­lust der Erin­ne­run­gen, des Selbst und des Lebens – also dem Tod – enden muss. 

Bern­hard Stro­bel: Ein dün­ner Faden. Erzäh­lun­gen. Graz, Wien: Dro­schl 2015. 152 Seiten.

bernhard strobel, ein dünner fadenMit dem „dün­nen Faden“ konn­te Stro­bel mich nicht so recht begeis­tern. „Schnör­kel­lo­se Schil­de­run­gen des müh­sam unter­drück­ten Alp­traums im Häus­chen im Grü­nen“ ver­spricht der Schutz­um­schlag. Das trifft die Erzäh­lun­gen auch ziem­lich genau, ver­schweigt aber, dass sie dabei eher fad her­über­kom­men – unter ande­rem, weil das Mus­ter schnell erkannt ist: Es geht um ein­bre­chen­de Gefah­ren, Dro­hung, Andro­hun­gen und Streit. Immer wie­der wird der All­tag durch ein plötz­lich über die Prot­ago­nis­ten her­bre­chen­des Unheil, ein Unglück und Tra­gik, in der Rea­li­tät des Figu­ren­le­bens oder auch nur in Gedan­ken, Träu­men und Ahnun­gen, unter­bro­chen. Das beson­de­re bei Stro­bel ist dabei, dass gera­de die Momen­te der Erwar­tung des Unheils, das spür­ba­re, aber (noch) nicht zu benen­nen­de (und damit auch nicht zu hegen­de) Bro­deln unter der Ober­flä­che des gewön­li­chen All­tags eine gro­ße Rol­le spielt. Vie­les ist und bleibt dabei auf­fal­lend unspe­zi­fisch – nicht nur Ort, Raum und Zeit, son­dern vor allem die Figu­ren selbst. Das kann man natür­lich aus dem erzähl­ten Gesche­hen – etwa dem Neben­ein­an­der­le­ben der Paa­re, der aus­ge­stell­ten Nicht-Kom­mu­ni­ka­ti­on – moti­vie­ren. Das wird auch dem­entspre­chend ganz unauf­fäl­lig erzählt, in unmar­kier­tem Stil und unmar­kier­ter Form. Lau­ter Nor­ma­li­tät – oder eben lei­der oft: Mit­tel­maß – also. Klar, der „müh­sam unter­drück­te Alp­traum“ ist da: unter den Ober­flä­chen bro­delt es gewal­tig. Aber der Text ver­rät das kaum, sei­ne „schnör­kel­lo­se Schil­de­run­gen“ blei­ben selbst schreck­lich ober­fläch­lich und vom Gesche­hen oder des­sen Ahnung und Ankün­di­gung gänz­lich unbe­rührt. Wofür dann die Stil­ver­knap­pung, die künst­li­che Kunst­lo­sig­keit gut ist, erschließt sich mir also nicht wirk­lich. Alles in allem über­zeu­gen mich die­se Erzäh­lun­gen also lei­der über­haupt nicht.

Die Spra­che. Sie ist ein unzu­rei­chen­des Hilfs­mit­tel, und sie ist das ein­zi­ge Hilfs­mit­tel. Ein schö­nes Dilem­ma. (131)

Peter Neu­mann: geheu­er. Dres­den: edi­ti­on azur 2014. 88 Seiten.

neumann, geheuerEine mari­ti­me Gedicht­samm­lung. Das Meer mit sei­ner Bewe­gung, der Gren­ze zwi­schen Land und Was­ser, der (mög­li­chen) Frem­de und den unbe­herrsch­ten und unbe­herrsch­ba­ren Gewal­ten spielt hier – der Titel weist dar­auf hin und das Titel„bild“ unter­stützt das noch – eine gro­ße Rol­le. Sind das also Natur­ge­dich­te? Nun­ja, Natur taucht hier eher und vor­ran­gig als Impuls für Wahr­neh­mung des Men­schen und für Poe­sie auf, sie steht nicht für sich selbst und wird auch nicht so wahr­ge­nom­men und beschrie­ben. Neu­manns Gedich­te eröff­nen oft und ger­ne einen gro­ßen Raum (der Ima­gi­na­ti­on), ohne den auch nur annä­he­rungs­wei­se aus­zu­lo­ten und ohne das auch über­haupt zu wol­len. Gewis­ser­ma­ßen wird eine Tür geöff­net, der Blick des Lesers in den Raum gewie­sen – und dann allei­ne gelas­sen. Schön gemacht und deut­lich zeigt das Gedicht „bud­del­schiff“ die­ses Verfahren:

das gefühl einer lan­gen reise
auf­ge­klapp­te masten
und take­la­ge, das englische

schiffstau zum rei­ßen gespannt
der wind humpelt
auf ein­ge­schla­fe­nen beinen

durch die schma­le öffnung
im flaschenhals
flaut ab, ein hel­les pfei­fen (55)

Typisch für Neu­manns Gedich­te ist außer­dem ihre Kür­ze. Immer wie­der sind sie durch das Anrei­ßen von sol­chen Augen­bli­cken der (erkennt­nis­haf­ten) Wahr­neh­mung, die dann aber nicht wei­ter­ge­führt und aus­ge­ar­bei­tet wird, gekenn­zeich­net. Sel­ten sind sie län­ger als 10/​12 Ver­se. For­mal schei­nen sie mir vor allem dem Flie­ßen, dem Flow ver­pflich­tet, ohne erkenn­ba­re Regel­haf­tig­keit. Die Gedich­te ste­hen zwar ger­ne in Grup­pen von drei Ver­sen, aber einen Grund erken­ne ich dafür nicht …

Durch die inhalt­li­che und for­ma­le Kür­ze – wenn man das mal so nen­nen mag – kommt es manch­mal zur Über­fül­le der visu­el­len und sprach­li­chen Bil­der, die ange­häuft, nebein­an­der gesetzt wer­den, aber im Text kaum bezie­hun­gen zuein­an­der haben – außer eben dem vor allem als (aus­ge­spar­ten) aus­lö­sen­den Moment der Erin­ne­rung an ein Gefühl, eine Emp­fin­dung, eine beob­ach­ten­de Wahr­neh­mung. Das (fast) rein bild­li­che Spre­chen wirkt dabei für mich etwas über­sät­ti­gend – man darf wohl nicht zu viel am Stück lesen, dann wird die kunst­vol­le Schön­heit die­ser Gedich­te schnell etwas schal. Aber es lohnt sich, immer wie­der zurück zu kommen.

Jörg Döring, Felix Römer, Rolf Seu­bert: Alfred Andersch deser­tiert. Fah­nen­flucht und Lite­ra­tur (1944−1952). Ber­lin: Ver­bre­cher 2015. 277 Seiten.

drews/römer/seubert, alfred andersch desertiertEine schö­ne Gemein­schafts­ar­beit ist die­ses Buch über Alfred Andersch, sei­ne letz­ten Tage als Sol­dat im Zwei­ten Welt­krieg, sei­ne Gefan­gen­schaft und vor allem die lite­ra­ri­sche – oder eben auto­bio­gra­phi­sche? – Ver­ar­bei­tung des­sen in meh­re­ren Anläu­fen in der Nach­kriegs­zeit, mit der sich Andersch auch und gera­de im öffent­li­chen Dis­kurs sehr ein­deu­tig und nach­hal­tig posi­tio­nier­te. Eine Arbeit des bio­gra­phi­sches For­schens also. Aber nur bedingt bio­gra­phisch, denn die drei Autoren beto­nen wie­der­holt, dass es nicht pri­mär dar­um geht, die bio­gra­phi­sche Dimen­si­on fik­tio­na­ler Tex­te in den Blick zu neh­men (das wäre ja auch unsin­ning und wenig hilf­reich), son­dern dar­um, die spe­zi­fi­sche Situa­ti­on von Deser­ti­on, Kriegs­en­de und Nach­kriegs­zeit bzw. vor allem ihre Deu­tung in der Retro­spek­ti­ve zu unter­su­chen. Da Andersch die auto­bio­gra­phi­sche Dimen­si­on der „Kir­schen der Frei­heit“ stark for­ciert – und damit in der Lek­tü­re und Dis­kus­si­on des Tex­tes auch erfol­reich ist -, lässt sich das ver­tre­ten. Zumal die drei Autoren aus Ger­ma­nis­tik und Geschichts­wis­sen­schaft sich mit weit(er)gehenden Deu­tun­gen und Spe­ku­la­tio­nen zurück­hal­ten, son­dern einen star­ken Fokus auf die Rekon­struk­ti­on der Ereig­nis­se um Alfred Andersch im Krieg in Ita­li­en, um die (Mög­lich­keit der) Nie­der­schrift und lite­ra­ri­schen Bear­bei­tung sol­cher Erleb­nis­se in der Nach­kriegs­zeit rich­ten. Das ist, auch wenn ich mich für Andersch nur am Ran­de inter­es­sie­re, gera­de in der Ver­ei­ni­gung ver­schie­de­ner fach­li­cher Per­spek­ti­ven, sehr inter­es­sant und auf­schluss­reich – und trotz der teil­wei­se sehr akri­bi­schen Auf­ar­bei­tung der mili­tär­his­to­ri­schen und werk­stra­te­gi­schen Zusam­men­hän­ge auch sehr gut – zu lesen.

Jules Renard: Das Leben wird über­schätzt.Ber­lin: Matthes & Seitz 2015. 72 Seiten.

renard, das leben wird überschätztDie­se ganz klei­ne – aber auch aus­ge­spro­chen fei­ne – Aus­wahl aus dem „Jour­nal“ Jules Renards hat der inzwi­schen lei­der ver­stor­be­ne Hen­ning Rit­ter besorgt und auch selbst über­setzt, der Ver­lag Matthes & Seitz hat sie in sei­ner über­aus emp­feh­lens­wer­ten Rei­he „Fröh­li­che Wis­sen­schaft“ nun ver­öf­fent­licht. Das hier vor­ge­leg­te ist zwar chro­no­lo­gisch – von 1890 bis 1910 – an- und zuge­ord­net, aber den­noch kein eigent­li­ches Tage­buch, son­dern eher eine Nota­te-Samm­lung (Rit­ter selbst hat sein ähn­li­ches Unter­neh­men „Notiz­hef­te“ genannt). Man könn­te auch sagen: Das sind Extrem-Apho­ris­men. (Zu über­le­gen wäre frei­lich, ob das im Ori­gi­nal auch so ist, oder ob das erst durch die dar­auf abzie­len­de Aus­wahl des Her­aus­ge­bers so erscheint.) Denn was Rit­ter aus­ge­wählt hat und hier ver­öf­fent­licht wird, das sind lau­ter klei­ne und kna­cki­ge, tref­fen­de und tota­le Sät­ze. Das hat natür­lich immer wie­der ein Hang zum Apo­dik­ti­schen, beruht aber ande­rer­seits auf einer genau­en Beob­ach­tung der Welt und ihrer Kunst, die sich mit einer aus­ge­feil­ten Prä­zi­si­on der genau­es­ten For­mu­lie­rung paart.

Ich den­ke nicht nach: Ich schaue hin und las­se die Din­ge mei­ne Augen berüh­ren. (13)

Oft geht es in den Minia­tur-Ein­trä­gen um die Lite­ra­tur, noch mehr um das Schrei­ben an sich, aber auch um die Fel­der der Kri­tik und des Jour­na­lis­mus – lau­ter Zeit­lo­sig­kei­ten also. Das Ich, sein selbst und sei­ne Tugen­den wird dabei genau­so unbarm­her­zig und oft hart beob­ach­tet wie die ande­ren um ihn und um die Jahr­hun­dert­wen­de her­um. Da kann ich sehr viel Zustim­mungs­fä­hi­ges fin­den – man nickt dann beim Lesen immer so schön mit dem Kopf … -, auch poin­tiert Über­ra­schen­des, aber auch Frag­li­ches. Gera­de in sei­ner Hal­tung zur Welt, die vor allem aus sei­ner Abso­lu­tie­rung sei­ner Indi­vi­dua­li­tät resul­tiert, sehe ich nicht nur Vorbildhaftes. 

Das Recht eines Kri­ti­kers ist es, sei­ne Grund­sätze einen nach dem ande­ren zu ver­leug­nen, sei­ne Pflicht ist es, kei­ne Über­zeu­gung zu haben. (5)
Was ist das Leben, wenn es nur mit Augen gese­hen wird, die nicht Augen von Dich­tern sind? (22)

außer­dem unter ande­rem gelesen:

  • Alex­an­der Osang: Im nächs­ten Leben. Repor­ta­gen und Por­träts. Ber­lin: Ch. Links 2010. 254 Seiten
  • Hein­rich Dete­ring: Vom Zäh­len der Sil­ben. Über das lyri­sche Hand­werk. Mün­chen: Stif­tung Lyrik Kabi­nett 2009. 28 Seiten.
  • Hans-Wer­ner Rich­ter: Die Geschla­ge­nen. Mün­chen: Kurt Desch 1949. 459 Seiten.
  • Siri Hust­vedt: The Bla­zing World. Lon­don: Scept­re 2014. 379 Seiten.
  • Jür­gen Kau­be: Im Reform­haus. Zur Kri­se des Bil­dungs­sys­tems. Sprin­ge: zu Klam­pen 2015 (Zu Klam­pen Essay). 174 Seiten. 
  • Isa­bel­la Straub: Das Fest des Wind­rads. Ber­lin: Blu­men­bar 2015. 348 Seiten.
  • Dani­el Mar­tin Fei­ge: Phi­lo­so­phie des Jazz. Ber­lin: Suhr­kamp 2014. 142 Seiten. 
  • Tho­mas Hecken: Avant­gar­de und Ter­ro­ris­mus. Rhe­to­rik der Inten­si­tät und Pro­gram­me der Revol­te von den Futu­ris­ten bis zur RAF. Bie­le­feld: Tran­script 2006. 158 Seiten.
  • Harald Wel­zer, Dana Gies­ecke, Lui­se Tre­mel (Hrsg.): FUTURZWEI Zukunfts­al­ma­nach 2015/​16. Geschich­ten vom guten Umgang mit der Welt. Schwer­punkt Mate­ri­al. Frank­furt am Main: Fischer 2014. 544 Seiten.
  • Ben­ja­min Stein: Ein ande­res Blau. Pro­sa für 7 Stim­men. Ber­lin: Ver­bre­cher 2015. 107 Seiten.

Ins Netz gegangen (22.9.)

Ins Netz gegan­gen am 22.9.:

Ehrbachklamm: Über Stock und Stein

Ein Tag im wilden Hunsrück

Ehrbachklamm: Hier geht's losEigent­lich woll­te ich am Mon­tag noch ein­mal raus, bevor es rich­tig Herbst wird. Kurz­fris­ti­ge Arbeit hat das dann aber ver­hin­dert: Also am Mitt­woch. Der Wet­ter­be­richt leg­te dann noch eine wei­te­re Ver­schie­bung nahe – am Don­ners­tag soll­te es tro­cken, über­wie­gend son­nig und etwa 20 °C haben – bes­tes Wan­der­wet­ter also. Das passt, den ins Auge gefasst habe ich die „Traum­schlei­fe“ der Ehr­bach­klamm. Und die ist angeb­lich der bes­te Wan­der­weg im letz­ten Jahr in Deutsch­land – zumin­dest in der Punkt­wer­tung des Deut­schen Wan­der­in­sti­tuts. „Traum­schlei­fe“ hei­ßen übri­gens die kur­zen Tou­ren („Pre­mi­um-Wan­der­we­ge“ …) rund um den Saar-Hunsrück-Steig.

Aber der Start war natür­lich in Mainz, mor­gens erst ein­mal mit dem Zug den Rhein hin­ab. Da hat­te ich gleich etwas Pech: defek­te Brem­sen erzwan­gen eine kur­ze Pau­se und einen Reboot des Zuges in Ingel­heim. Die Ver­spä­tung stör­te mich aber über­haupt nicht, denn in Bop­pard hat­te ich sowie­so mehr als eine hal­be Stun­de Zeit, bevor es mit der Huns­rück­bahn wei­ter­ging. Die fuhr dann aller­dings auch noch spä­ter als geplant (wenn es schon mal nicht klappt, dann auch rich­tig …). Und sie schlich und schlich, müh­sam kra­xel­te sie über Via­duk­te und durch Tun­nel die aus­ge­spro­chen male­ri­sche Stre­cke von Bop­pard nach Buch­holz (Bop­pard-Buch­holz heißt der Bahn­hof …, qua­si direkt hin­ter der Auto­bahn) hin­auf. Da wur­de ich dann doch etwas hip­pe­lig, denn der Bus, der mich zum Start der Wan­de­rung nach Oppen­hau­sen brin­gen soll­te, fuhr qua­si direkt nach der plan­mä­ßi­gen Ankunft des Zuges – und die war schon da, ein Bahn­hof aber noch lan­ge nicht in Sicht. Das mach­te aber nix, denn auf dem Land funk­tio­niert der ÖPNV ja anders – zum Glück war der Bus (oder bes­ser: das Bus­schen, das außer mir noch ein paar alte Frau­en auf­sam­mel­te) noch da, die freund­li­che Fah­re­rin setz­te mich dann auch direkt am Start-Park­platz der Traum­schlei­fe ab.

Ehrbachklamm: Blick über die Oppenhausener FelderUnd zack, war ich unter­wegs. War ja auch schon 10 Uhr – frü­her kommt man von Mainz da nicht hin, zumin­dest nicht ohne Auto. Aber Zeit hat­te ich mir genug ein­ge­plant. Nun ging es also los, mit der „Traum­schlei­fe“. Der Anfang ist ganz unspek­ta­ku­lär: Ein kur­zer Bogen am Orts­rand von Oppen­hau­sen über die Wie­sen, dann in den Wald – und hin­un­ter und hin­un­ter. Schließ­lich muss ich ja erst­mal zum unte­ren Ende der Ehr­bach­klamm. Der Weg dahin schon typisch „neue“ Wan­der­we­ge: Aus­ge­schil­dert bis zum Über­maß (die Min­dest­ab­nah­me­men­ge für die Schil­der war wohl hoch, die hin­gen gefühlt an jedem zwei­ten Baum & Pfahl, selbst da, wo man sich beim bes­ten Wil­len nicht ver­lau­fen konn­te …). Und es gab, das habe ich auf Wan­der­we­gen noch nie gese­hen, tat­säch­lich eine Kilo­me­trie­rung. Das ist für mich schon fast ein biss­chen viel – mir sind ja die Kilo­me­ter­an­ga­ben mit exak­ter Nach­kom­ma­stel­le an jeder Weg­kreu­zung schon fast zu viel, da kom­me ich immer so leicht in den Mess-Modus … (und den Lauf-Wett­kampf-Modus). Aber das ist halt mein Problem.

Typisch für einen absicht­li­chen „Pre­mi­um-Wan­der­weg“ ist auch die Weg­füh­rung: Gro­ße Wege wer­den um jeden Preis ver­mie­den. Das ist ja nicht ver­kehrt, hat aber manch­mal doch Aus­wüch­se, die ich etwas lächer­lich fin­de, wenn dann der „Pre­mi­um-Wan­der­weg“ direkt neben einem voll­kom­men in Ord­nung und ordent­lich zu lau­fen­dem Weg etwa hier über die Stier­wie­se geführt wird (mit Trep­pen­stu­fen und allem Pipa­po), um ja mög­lichst hohe Bewer­tun­gen abzustauben …

Ehrbachklamm: Der PfadUnmit­tel­bar danach geht’s in die Klamm an sich. Und all­mäh­lich wird der Wie­sen­grund enger, der Weg ist längst zu einem Pfad gewor­den, der sich am Rand des Ein­schnitts mehr oder weni­ger auf Was­ser­hö­he hin­schlän­gelt. Und in der Klamm ist es wirk­lich schön: ein biss­chen Was­ser, viel Natur, male­risch dra­pier­te umher­lie­gen­de Bäu­me im und neben dem Was­ser … So stellt man sich einen rich­ti­gen deut­schen Wan­der­weg vor … und selbst hier, wo es gar kei­ne ande­ren Mög­lich­kei­ten gibt, tau­chen immer wie­der die Weg­mar­kie­run­gen auf. Und natür­lich die Kilometerzahlen.

Ehrbachklamm: Der Pfad schlängelt sichDer Weg führt, Über­ra­schung, Über­aschung, teil­wei­se direkt im Ufer, auf Was­ser­hö­he, dann aber auch mal über Schie­fer­fel­sen und Trit­te und Lei­tern und Holz­brü­cken, mit in den Stein geschla­ge­nen Tritt­lö­chern und gespann­tem Seil zum Fest­hal­ten die Klamm hin­auf. Ich hat­te ja fast damit gerech­net, dass die Ehr­bach aus­ge­trock­net ist – aber dort hat es offen­bar mehr gereg­net, es floss zwar nicht über­reich­lich, aber ange­mes­sen viel Was­ser. Und an eini­gen Stel­len war der Weg sogar auf­ge­weicht. Und ich tap­fer mit mei­nen Teva-San­da­len über Stock und Stein, Fel­sen und Matsch. Das war aber auch kein Pro­blem, ich bin da sta­bil genug unter­wegs, auch wenn alle Beschrei­bun­gen und Schil­der „fes­tes Schuh­werk“ emp­feh­len (aller­dings auch nicht zu Unrecht, in der Klamm gibt es eini­ge Stel­len, wo das emp­feh­lens­wert ist.)

Ehrbachklamm: Ausblick nach AufstiegDas Ende der Klamm war dann fast zu schnell erreicht. Da geht es dann rabi­at nach oben: Der Weg knickt zur Sei­te ab und sucht sich einen Auf­stieg – ein stei­ler, sehr stei­ler Auf­stieg, der jetzt auch schön expo­niert in der noch gut wär­men­den Mit­tags­son­ne liegt. Dafür belohnt er aber auch mit herr­li­chen Aus­bli­cken über das wald­rei­che Tal und sei­ne Mühlen. 

Noch bevor die Höhe erreicht ist, heißt es abbie­gen auf die Schöneck­schlei­fe. Denn die Ehr­bach­klamm­schlei­fe ist mir dann allein doch zu wenig. Die Erwei­te­rung führt nun über einen ange­neh­men Wald­weg (der ist zwar brei­ter als der Pfad in der Klamm, aber kaum fahr­bar – bei uns wäre der längst anders aus­ge­baut …). So geht es eine Wei­le hin am Hang, bevor noch mal ein stei­ler Auf­stieg zur Schöneck hin­auf folgt – die­ses Mal im Wald­bo­den über eini­ge Keh­ren. Oben belohn­te ich mich mit einer kur­zen Ver­schnauf­pau­se, genoss erneut die schö­nen Aus­bli­cke, die auch durch die Mili­tär­hub­schrau­ber nur wenig gestört wur­den. Bewun­dern durf­te ich auch wie­der die Wind­rä­der, die sich hier von jedem Punkt aus fast in alle Him­mels­ri­chun­gen über den Hori­zont erstre­cken – und die Leu­te leben immer noch dort, die Tou­ris­ten kom­men auch noch (für (Süd-)Hessen wäre das unvor­stell­bar, die wür­den da wohl die Revo­lu­ti­on ausrufen …).

Ehrbachklamm: Schloss Schöneck von der SchwedenschanzeUms Schloss Schöneck her­um wird der Weg noch ein­mal fast alpin … (Naja, was mir als alpin gilt …). Auf der ande­ren Sei­te erreicht man dann schnell die Schwe­den­schan­ze – der Name ver­rät es, von hier aus haben die Schwe­den ver­sucht, Schöneck zu erobern – dem­entspre­chend hat man noch­ein­mal einen schö­nen Blick zurück auf das expo­niert lie­gen­de Schloss und sei­ne Umgebung. 

Kurz vor Wind­hau­sen biegt der Weg am gro­ßen Wan­der­park­platz ab und macht sich sozu­sa­gen auf den Rück­weg. Da war jemand tat­sä­lich so ver­rückt und hat das Weg­lein gekiest – als wären wir auf dem Fried­hof … Dann geht es mal wie­der raus aus dem Wald, über eini­ge Fel­der und im Bogen vor­bei an Hübin­gen zum Aus­sichts­punkt und Ruhe­bank Höchst (das heißt wohl tat­säch­lich so, steht zumin­dest auf den Schil­dern. Dort mach­te ich dann end­lich (war schon etwas spät gewor­den) mei­ne klei­ne Mittagsrast. 

Im wei­ten Bogen ging es wei­ter über die Fel­der – gera­de­aus wär’s natür­lich auch mal wie­der gegan­gen. Aber so darf man bei den Wegen ja nicht den­ken, die haben das Lau­fen um des Lau­fens wil­lens wirk­lich zur Kunst­form erhoben

Ehrbachklamm: PeterslayUnd dann ging es mal wie­der hin­un­ter, in den Wald, Rich­tung Ehr­bach. Ganz führt der Weg da aber nicht mehr hin. Zuvor kommt auf jeden Fall noch mal der Abzweig Traumschleife/​Schöneckschleife, wo ich für orts­kun­dig gehal­ten wur­de und einem älte­ren Ehe­paar den Weg wei­sen durf­te … Über Peters­lay – wo der Schie­fer schön zuta­ge liegt – geht es dann noch ein­mal ordent­lich run­ter in die Teu­fels­schlucht. Die ist aber ganz nicht so schreck­lich ;-) Der größ­te Schre­cken bestand dar­in, dass klar war, dass es danach gleich wie­der hoch geht – denn Oppen­hau­sen, das lang­sam wie­der näher rück­te, liegt ja oben auf dem Pla­teau. Dum­mer­wei­se habe ich da unten auf die Uhr geschaut und kam dann auf die Idee, dass ich ja viel­leicht noch den Bus um 14 Uhr erwi­schen könn­te. Also mach­te ich auf dem Auf­stieg rich­tung Oppen­hau­sen noch mal Dampf machen und gab den Ober­schen­keln etwas Druck.

Und das nur, um dann im Ort zu mer­ken: Der Bus ist zwei Minu­ten zuovr abge­fah­ren – aus­ge­rech­net der war jetzt pünk­lich … Naja, alles halb so schlimm, eine Stun­de spä­ter geht ja der nächs­te. Und es war ja noch früh am Tag – da ich nur vier Stun­den gebraucht habe, deut­lich frü­her als geplant. Also lun­ger­te ich noch etwas am gut beset­zen Park­platz her­um, freu­te mich ange­sichts der zuneh­men­den Bewöl­kung und des ziem­lich fri­schen Win­des, dass ich den schö­ne­ren Teil des Tages genutzt hat­te und ließ mei­nen Ebook-Rea­der arbeiten. 

Der Weg und die Land­schaft – von der gibt es da mehr als genug – ist aber wirk­lich schön. Beim nächs­ten Mal könn­te ich dann viel­leicht doch gleich nach Bop­pard run­ter lau­fen – das sind noch mal ca. 13 Kilo­me­ter auf dem Saar-Huns­rück-Steig, habe ich unter­wegs bei Wind­hau­sen gese­hen. Da war ich mir dann aber unsi­cher, ob’s noch hin­haut, weil ich den Weg nicht ken­ne (und vor allem nicht, wie­viel Höhen­me­ter auf der Stre­cke noch lau­ern, auch wenn es ten­den­zi­ell stark berg­ab geht) und habe des­halb lie­ber am Plan fest­ge­hal­ten. Der sah dann vor – und das hat auch geklappt -, wie­der mit dem Bus nach Buch­holz, mit der Huns­rück­bahn nach Bop­pard und mit der Mit­tel­rhein­bahn nach Mainz und mit dem Fahr­rad nach Hause …

Das Höhen­pro­fil sieht ziem­lich def­tig aus. Die Anstie­ge sind teil­wei­se auch kna­ckig, aber ande­rer­seits nie sehr lang, so dass das alles halb so schlimm ist:
höhenprofil ehrbachklamm
Die dazu­ge­hö­ri­ge gpx-Datei liegt hier: Wan­de­rung.

Die rest­li­chen Fotos (ich hab’ viel geknipst, aber halt nur mit dem Tele­fon und ohne Ahnung …)

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