John Cage, Solo for Voice #70 (Song Books), interpretiert von Reinhold Friedl:
https://soundcloud.com/karlrecords/john-cage-solo-for-voice-70
Ins Netz gegangen am 18.10.:
- „Stendhal hätte es mit einem Agenten vermutlich leichter gehabt“ | Volltext → ausführliches interview mit dem ehemaligen lektor und piper-verleger marcel hartges, der jetzt literaturagent ist, über verlage und markt, literatur und autoren (ja, in erster linie die männlichen …)
- How Did Walmart Get Cleaner Stores and Higher Sales? It Paid Its People More | New York Times → lange reportage über walmart und seine versuche, umsätze zu steigern – durch die bessere behandlung & bezahlung seiner mitarbeiter (wer könnte auch darauf kommen …)
But in early 2015, Walmart announced it would actually pay its workers more.
That set in motion the biggest test imaginable of a basic argument that has consumed ivory-tower economists, union-hall organizers and corporate executives for years on end: What if paying workers more, training them better and offering better opportunities for advancement can actually make a company more profitable, rather than less?
und auch wenn das, was walmart macht, sicher nicht das bestmögliche (für die arbeitenden) ist, so scheint es doch in die richtige richtung zu gehen. und sich auch für das unternehmen zu lohnen …
- SPIEGEL-Gespräch: „Mit der Sorge kommt die Blindheit“ | Spiegel → carolin emcke im gespräch mit dem spiegel:
Die Aggressivität und Missachtung betreffen nicht nur diejenigen, auf die Brandanschläge verübt werden, vor deren Moscheen oder Synagogen Schweinsköpfe abgelegt werden. Sie betreffen nicht nur Homosexuelle oder Transpersonen, die sich fürchten müssen, auf der Straße angegriffen zu werden. Alle, die in einer liberalen, zivilen Gesellschaft leben wollen, sind betroffen.
…
Ich sehe nicht ein, warum ich mich intellektuell und emotional verstümmeln lassen sollte durch diesen Hass. Ich denke, es braucht Einspruch, Widerspruch, aber einen, der all das mobilisiert, was den Fanatikern der „Reinheit“, den Dogmatikern des Homogenen und angeblich Ursprünglichen abgeht: nämlich die nicht nachlassende Bereitschaft zu differenzieren und das, was Hannah Arendt einmal „lachenden Mut“ nannte. Eine gewisse heitere, mutige Freude daran, auch mal Ambivalenzen auszuhalten, Selbstzweifel zuzulassen, auch ein Zutrauen in die Fähigkeit, gemeinsam zu handeln.
…
Wir dürfen uns als Gesellschaft doch nicht zurückziehen, nur weil wir die Aggressiven auf der Straße nicht erreichen. Für die gewaltbereiten Fanatiker sind die Polizei und die Staatsanwaltschaften zuständig. Aber für all die kleinen, schäbigen Gesten und Gewohnheiten des Ausgrenzens sind alle zuständig. Es würde auch schon helfen, wenn manche Parteien sich nicht darin überbieten würden, einer politisch radikalen Minderheit die Arbeit abzunehmen. Durch Anbiederung verschwindet Populismus nicht. - Und ich so: Was habt ihr gegen Obama? | taz → der ganze gegenwärtige us-amerikanische irrsinn in einem satz:
Im Biounterricht schreiben wir eine Arbeit über den Urknall. Als Ashlie alle Fragen durchstreicht und dafür die Schöpfungsgeschichte aus der Bibel hinschreibt, bekommt sie die volle Punktzahl.
auch der rest des textes einer schülerin über ihr austauschjahr in den usa, dass sie in die pampa von minnesoat führte, ist sehr interessant & gut
(via wirres.net)
Ins Netz gegangen am 13.10.:
- Die These vom Sound der Revolte | perlentaucher → der perlentaucher übernimmt einen teil eines gespräches aus dem „mittelweg“, das wolfgang kraushaar mit martin bauer und stefan mörchen geführt hat. hier geht es vor allem um politik und pop, um demonstrationen und open-air-konzerte und den (angeblichen) „sound der revolte“ sowie die zeitliche differenzierung dieser zusammenhänge zwischen den späten sechzigern und den frühen siebzigern
- Pech für Fußgänger: Selbstfahrender Mercedes soll im Zweifel immer den Fahrer schützen | t3n → wenn das stimmt, was t3n berichtet, dass der sicherheitsabteilungsleiter bei daimler bei autonomen fahrzeugen den fahrer schützen und z.b. fußgänger opfern möchte, zeigt das (wieder einmal) eindringlich, wie schlecht ethische fragen bei ingenieuren aufgehoben sind …
- Fußball-Berichterstattung: „Nennen wir das bitte nicht Journalismus“ | kress → interview mit ronny blaschke über die unfähigkeit des „sportjournalismus“, sich seines gegenstandes, insbesondere beim fußball, journalistisch und kritisch zu nähern …
- Umweltexperte über Elektromobilität: „Bis 2050 komplett emissionsfrei“ | taz → gutes (wenn auch kurzes) interview mit martin schmied vom umweltbundesamt:
Ein emissionsfreier Autoverkehr ist ein gesamtgesellschaftliches Projekt, das wir alle brauchen. Und ohne entsprechende staatliche Eingriffe wird es nicht gelingen. Der öffentliche Nahverkehr, Radfahrer und Fußgänger, aber auch Carsharing müssen über bessere Infrastruktur natürlich auch gefördert werden. Denn Elektroautos lösen zwar die Probleme von Schadstoffbelastung in den Städten, aber sie lösen nicht die Konflikte um die begehrten und knappen Flächen.
Ein interessantes Unternehmen startet Jörg Mielczarek gerade: Die Literatur der Weimarer Republik als Zeitschrift. Fünf. Zwei. Vier. Neun. Zeitschrift für Gesellschaft, Kultur und Literatur in den 5.249 Tagen der Weimarer Republik soll die heißen und führt damit die Dauer der Weimarer Republik im Titel (ich hab’s nicht nachgerechnet …). Mielczarek hat dafür auf Startnext eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, in der das Projekt der monatlich erscheinenden Zeitschrift mit begleitender Buchreihe natürlich auch ausführlich vorgestellt wird. Starten soll das ganze passend am 9. November.
Die Vorstellung liest sich ein bisschen wie „Buch als Magazin“ meets Literaturzeitschrift meets literaturhistorische Arbeit:
Die Weimarer Republik ist nicht nur aus historischer Sicht eine der bedeutendsten Epochen der deutschen Geschichte. Es war auch die Zeit großer Schriftsteller und großer Literatur. Die Ereignisse zwischen 1918 und 1933 – Ende des 1. Weltkrieges, Versailler Vertrag, Weltwirtschaftskrise, Aufstieg des Nationalsozialismus – bilden dabei den Hintergrund für außergewöhnliche Romane, herausragende Erzählungen und für Theaterstücke, die für Furore sorgten. Weltbekannte Autoren wie Thomas und Heinrich Mann, Hans Fallada, Bertolt Brecht, Hermann Hesse oder Franz Kafka sind untrennbar mit dieser Epoche verbunden. Aber auch weniger bekannte Literaten wie zum Beispiel Marieluise Fleißer, Leonhard Frank, Irmgard Keun oder Edlef Köppen, deren Werke heute oft vergriffen sind, haben die besondere Atmosphäre dieser Zeit in ihren Stücken, Romanen und Gedichten eingefangen und zu Papier gebracht. Es ist daher an der Zeit, dass die Literatur der Weimarer Republik endlich ein angemessenes Forum bekommt.
Dieses Forum soll die monatlich erscheinende Zeitschrift „Fünf. Zwei. Vier. Neun.“ sein, eine Zeitschrift für Gesellschaft, Kultur und Literatur in den 5.249 Tagen der Weimarer Republik. Jede Ausgabe widmet sich dabei einem Schwerpunktthema. Bei der Nullnummer wird dies die Weltwirtschaftskrise sein, und nicht von ungefähr ist Hans Falladas Roman „Kleiner Mann, was nun?“ die Titelgeschichte dieser Ausgabe. Kein anderer Roman macht die Angst und die Verunsicherung der Angestellten und Arbeiter zu dieser Zeit so spürbar wie dieses Meisterwerk. Auf circa 100 Seiten werden zusätzlich weitere Stücke, Reportagen, Erzählungen und Gedichte zu diesem Schwerpunktthema veröffentlicht – diese werden zudem durch den originalgetreuen Abdruck von Zeitungsartikeln aus dieser Zeit in einen historischen Kontext gebracht. Herzstück der Nullnummer ist das komplette Theaterstück „Die Bergbahn“ von Ödön von Horváth in der Mitte des Heftes, das separat heraustrennbar ist. Ein solches „Heft im Heft“ mit einem kompletten Originaltext wird jede Ausgabe haben.
„Fünf. Zwei. Vier. Neun.“ ist aber mehr als nur eine Zeitschrift. Zu jeder Ausgabe erscheint daher ein Taschenbuch mit weiteren Texten zum Schwerpunktthema des Monats. Der Fokus liegt dabei auf Erzählungen und Werken von Autoren, die heute leider kaum jemand mehr kennt. Eine echte Fundgrube für Literaturliebhaber, in der es viel Neues zu entdecken gibt!
Wenn ich ehrlich bin: Ich bin etwas skeptisch, ob das wirklich – und über mehrere Nummern, dauerhaft und dann auch noch jeden Monat – funktionieren wird. Aber das war ich bei anderen Zeitschriften, gerade beim „Buch als Magazin“, auch – und wurde des Gegenteils belehrt … Das darf hier gerne auch passieren, der Gegenstand und das Engagement von Mielczarek, der sich schon länger mit der Literatur der Weimarer Republik beschäftigt, wären es auf jeden Fall wert.
Also: Spannend und interessant ist das sicher und auch eine kleine finanzielle Unterstützung wert (zumal das beim Crowdfunding ja keine Spende ist, man bekommt ja einiges dafür). Ich bin jedenfalls gespannt, was daraus wird – die Zwischenkriegszeit bietet ja eine sehr reichhaltige und reich differenzierte Literatur, die heute kaum noch in ihrer Breite und Tiefe bekannt ist. Wenn Fünf. Zwei. Vier. Neun. daran etwas ändern kann, wäre ja schon viel erreicht … Und wenn noch eine interessante, lesenswerte Zeitschrift bei herauskommt, die unsere Gegenwart bereichert – umso besser!
Ins Netz gegangen am 10.10.:
- Fleuron → coole sache: eine datenbank von ornamenten des buchdrucks des 18. jahrhunderts
Fleuron is a database of eighteenth-century printers’ ornaments. Eighteenth-century books were highly decorated and decorative. Their pages were adorned with ornaments that ranged from small floral embellishments to large and intricate head- and tailpieces, depicting all manner of people, places, and things. Fleuron includes ornaments cut by hand in blocks of wood or metal, as well as cast ornaments, engravings, and fleurons (ornamental typography).
Printers’ ornaments are of interest to historians from many disciplines (learn more here), not least for their importance as examples of early graphic design and craftsmanship. These miniature works of art can help solve the mysteries of the book trade, and they can be used to detect piracy and fraud.
- We Need to Save the Internet from the Internet of Things | Motherboard → bruce schneier über die sicherheitsprobleme, die – schon jetzt abseh- und spürbar, in naher zukunft aber um ein vielfaches potenziert – das „internet of things“ darstellt
What this all means is that the IoT will remain insecure unless government steps in and fixes the problem. When we have market failures, government is the only solution. The government could impose security regulations on IoT manufacturers, forcing them to make their devices secure even though their customers don’t care. They could impose liabilities on manufacturers
…
we need to build an internet that is resilient against attacks like this. But that’s a long time coming. - „vorwärts“ und nicht vergessen? | carta → klaus vater über den „vorwärts“, mit interessanten anekdoten
- Was läuft: Musik war immer wichtig | der Freitag → über die musik, die serien für die end-credits benutzen …
- Weimarer Republik: Hatte Weimar eine Chance? | ZEIT ONLINE → die „zeit“ stellt zwei bewertungen der weimarer republik gegenüber – von tim b. müller und andreas wirsching. interessant die unterschiede (müller wiederholt, was er seit zwei jahren auf allen kanälen mitteilt …), aber auch die gemeinsamkeiten. und vielleicht sollte man die beiden ansätze/bewertungen überhaupt gar nicht so sehr als gegensätze, sondern als ergänzungen betrachten …
Die Rest des Monats (die ersten Wochen sind noch in der Augustausgabe gelandet):
Das Prinzip Hoffnung sitzt betrunken im Bus vor mir. Eine Akkordeonistin schlägt auf die Pauke. Ein Kind ist mit einem iPhone verwachsen.
— Jürg Halter (@halterjuerg) September 13, 2016
https://twitter.com/SciencePorn/status/775791661028958208
Nach wie vor: Vertrauen ist gut. Snowden ist besser.
— Nein. (@NeinQuarterly) September 15, 2016
https://twitter.com/halterjuerg/status/777467152345489409
https://twitter.com/Hokeys/status/778092821035229186
„You are reading a book,“ the car said. It pulled over and stopped.
„This road is paid for by adverstising boards. Look at them to proceed.“— Micro SF/F stories (@MicroSFF) September 23, 2016
25.9.1939 Ich sehne mich in die leuchtenden Wälder, auf meine Hochebenen; aber wenn Krieg ist, schämt man sich in der Natur… #TagesWense
— blauwerke verlag (@blauwerke) September 25, 2016
https://twitter.com/Geyst/status/780465941171806209
Ulrich Peltzer war gestern mal wieder in Mainz – weil er den Gerty-Spies-Literaturpreis der Landeszentrale für politische Bildung bekommen hat. Die Preisverleihung im Foyer des SWR-Funkhauses hatte sogar interessante Momente im vielen Gerede. Das liegt natürlich an Peltzer, der mit seiner klugen, manchmal zögerlichen Nachdenklichkeit immer wieder eine interessante und bereichernde Begegnung ist. Viel los war eigentlich nicht: Wenn man die ganzen Honoratioren und „Pflichtbesucher“ abzieht, waren vielleicht noch 10–20 andere (vorwiegend ältere) Besucher übrig, die sich in der großzügigen Bestuhlung etwas verloren. Aber das ist ja eigentlich immer so bei solchen Veranstaltungen, selbst beim Georg-Büchner-Preis bleiben viele Sitze leer …
Und eigentlich war der Abend ganz nett, mit angenehmer musikalischer Umrahmung der Brüder Nils und Niklas Liepe (Klavier und Violine), die mit dem Preisträger allerdings eher nichts zu tun hatte (wenn man seine Bücher als Maßstab nimmt, hätte da andere Musik – am besten von Vinyl – gespielt werden müssen …). Und die Reden und Grußworte schienen sogar ehrlich gemeinte Freude und über den diesjährigen Preisträger auszudrücken.
Die Laudatio der Literaturkritikerin Meike Feßmann hat mich nicht so sehr begeistert: Da ging es dann doch wieder vor allem um Handlungsstränge, Motive und Sujets – also in erster Linie um inhaltliche Fragen. Und überhaupt mag ich die superlative Lobhudelei (der „avancierteste“ Erzähler, die „legendäre Eingangsszene“ und so weiter), die so manche Laudatio mit sich bringt, nicht so sehr. Zumal ein Autor wie Peltzer die eigentlich gar nicht nötig hat. Natürlich wird – das geht bei Peltzer offenbar nicht anders – immer wieder seine „formale Avanciertheit“, sein auf den „Methoden und Errungenschaften des 20. Jahrhunderts“ aufbauendes Erzählen, seine „meisterhafte Beherrschung der erlebten Rede“ und des filmischen Erzählen, beschworen. Aber das sind oft leider nur Stichworte, die halt inzwischen (nach immerhin sechs Romanen in 30 Jahren – ein Vielschreiber ist er ja überhaupt nicht) zu Peltzer gehören. Interessant ist ja eher, dass Ulrich Peltzer hierzulande fast als Spitze der literarischen Avantgarde zählt. Denn so sehr ich ihn schätze: Formal und narratologisch ist das jetzt nicht so wahnsinnig avanciert – das scheint nur im Vergleich so, weil ein Großteil der deutschen erzählenden Literatur (auch derer, die von den Kritikern und Jurys gepriesen wird) in dieser Hinsicht halt immer noch im 19. Jahrhundert steckt. Und bezeichnend ist auch, dass schon der Ulysses von James Joyce als (nahezu) unlesbares modernes Kunstwerk gilt, dessen Finnegans Wake aber nicht mal mehr erwähnt wird …
Doch das nur nebenbei. Eigentlich ging es ja um Ulrich Peltzer – und der beruft sich eben unter anderem immer wieder auf den Ulysses. Das tat er auch gestern in seiner knappen Dankesrede wieder und stellte ihn neben Raymond Federman und dessen Die Nacht zum 21. Jahrhundert oder aus dem Leben eines alten Mannes. Der Gerty-Spies-Literaturpreis ist ja eine Auszeichnung, die ausdrücklich die gesellschaftliche Rolle von Literatur hervorhebt und würdigend fördern möchte. Das passt durchaus zu Peltzers Ästhetik, die, das betonte er auch gestern gerne wieder, wie alle Ästhetik überhaupt immer auch eine politische ist. Vor allem aber räsonnierte er über sich und sein Tun – das beschreibt seine Tätigkeit vielleicht am besten. Deutlich wurde das auch in der abschließenden Gesprächsrunde, die recht ergebnisarm und kulturpessimistisch blieb (ja, „damals“, als „alle“ das gleiche Buch lasen und darüber sprachen …).
Ergiebiger das Solo von Peltzer, dass seinen Standpunkt und seine Poetik zwar nicht – das wäre ja auch seltsam … – ganz neu erschloss, aber schon andere Schwerpunkte setzte. Bei Peltzer habe ich stärker als bei anderen Autoren den Eindruck, dass er in einem permanenten, unabgeschlossenen (und wohl auch nicht zu Ende zu bringenden) Ringen um die Position seiner Ästhetik und ihr Verhältnis zur Welt steht. Ihm ging es ausdrücklich um den Zusammenhang von Geschichte und Schreiben und die Rolle des Autors als möglicher Fürsprecher, seinen Einfluss auf die Gesellschaft. Die Frage, was denn Geschichte sei, wie das Individuum in der Geschichte möglich sei, hängt für Peltzer dabei eng zusammen mit der Frage nach der Möglichkeit der Literatur, Wirklichkeit zu erzählen. Wie geht das überhaupt, „Wirklichkeit erzählen“? Damit beschäftigt er sich ja schon länger, auch bei der Mainzer Poetikdozentur sprach er darüber … Und: Soll Literatur das überhaupt? Soll sie Gegenwart zeigen und beweisen?
Wie geht das also, das Schreiben mit Geschichte, mit der Unausweichlichkeit, mit der wir – und alle Romanfiguren – in der Geschichte verhaftet bleiben? „Der Geschichte, zumal der Weltgeschichte, auszuweichen ist unmöglich.“ Er geht sogar noch weiter: Gefangen in der Geschichte sind wir alle, ob „real“ oder „fiktional“ (und wieder diente der Ulysses als Beispiel). Geschichte heißt dabei nicht nur (aber auch) das Vergangene, sondern auch das Gegenwärtige vor allem des politischen Geschehen und Handelns, das die Menschen beeinflusst und unentwegt begleitet.
Das literarische Schreiben beschreibt Peltzer dann als einen Beschreibungs- und Erkenntnisprozess. Denn: „Sich zur Gegenwart verhalten, sich verhalten zu müssen, ist unhintergehbare Bedingung des Schreibens.“ Aber: Nicht als Ermahnung, nicht als predigende Besserwisserei des Autors soll das geschehen. Sondern es soll und muss sich im Horizont der Figuren manifestieren, in ihrem Wissen, ihren Erkenntnismöglichkeiten und ihren Erlebnissen: Der Autor (und vor allem sein Wissen, sein Erkenntnisstand gerade aus späterer Zeit, mit dem Wissen der geschichtlichen Entwicklung) sei nicht gefragt (sonst entstünde eine Predigt und kein Roman). Später präzisierte er das noch: Aufgabe der Literatur sei es nicht, Politik und Geschichte nachzuerzählen. Geschichte ist aber der immer präsente Rahmen, der die Romanhandlung beeinflusst.
Ob dann Zufall oder Notwendigkeit in der Realität walten, ob planbare Handlungen oder Reaktionen politisches Geschehen und Geschichte ermöglichen, ist eine weitere Frage, die er sich als Autor stellt. Aus der Sicht des Individuums lässt sich das für Peltzer wohl nicht entscheiden, denn letztlich, das betonte er sehr, ist „Geschichte der Albtraum eines anderen, aus dem es keinen Ausgang gibt“. Davon ausgehend ist literarischer Realismus für ihn dann aber nicht das sich Ergeben des Autors in die Unabdingbarkeit (wenn ich ihn da richtig verstanden habe). Im Gegenteil: Der Widerstand der Kunst liegt möglicherweise (wie so vieles formulierte Peltzer das als Frage) darin, nicht aufzugeben, sondern weiterzumachen: „Die Zukunft wird das sein, was wir uns erkämpfen. Man muss damit anfange – heute, jetzt. Sonst ist es zu spät.“ schloss Peltzer sein Plädoyer für die Ernsthaftigkeit und die Anstrengung der Kunst im Umgang mit der Welt und der Gegenwart ab. Dass es ihm bei all dem nicht primär um Antworten, sondern vor allem um die richtigen Fragen an die so schnell Geschichte werdende Gegenwart geht, wurde auch an diesem Abend wieder deutlich. Und diese Art der analytischen Schärfe der Gegenwartsbetrachtung, die eine sehr spezifische Art der Offenheit gegenüber der Gegenwart, ihrer Erkenntnis und den Folgen daraus (also dem Handeln und der Zukunft) mit sich bringt, sind es, die Peltzer in meinen Augen als Autor so interessant machen.
Nachtrag 19. Oktober: Im Verlagsblog Hundertvierzehn des Fischer-Verlages ist die Dankesrede Peltzers jetzt auch nachzulesen: klick.
Ins Netz gegangen am 25.9.:
- Entgrenzung und die Sprache der Flüchtlingsdebatte | FAZ → ein sehr guter text von tobias rüther über die zunehmend unsägliche, untragbare, verheerende rhetorik im politischen diskurs, vor allem wenn es um „flüchtlingsfragen“ geht (woran die faz aber auch ihren anteil hat …)
- #Open_Access: Wie der akademische Kapitalismus die Wissenschaften verändert – Geschichte der Gegenwart → michael hagner wirf einen eher pessimistischen blick auf die momentanen entwicklungen von open access
Als Geschäftsmodell des akademischen Kapitalismus ist OA Realität, als Programm dafür, die Menschheit im gemeinsamen intellektuellen Gespräch und Streben nach Wissen zu vereinigen, ist es eine Utopie.
OA hat das auch vorher schon virulente Problem eines hemmungslosen Publikationswahns noch weiter verschärft und mit der vermeintlichen Transparenz eine noch größere Unübersichtlichkeit geschaffen.
- Die Schwarzen Schwäne der Energiewende | Neue Energie → ein interessantes interview über risiken für die energiewende
Das kritischste Risiko für die Energiewende wirkt im Vergleich gar nicht so spannend: dauerhaft niedrige Weltmarktpreise für fossile Energien.
- „Das Geld wandert ab aus diesem Beruf“ | Volltext → interessantes interview mit ulrike draesner über lyrik und deren wertschätzung, die änderungen für das schreiben, die die allzeit verfügbaren daten & informationen mit sich bringen
- US Airways Flight 1549: Anatomy of a Miracle | Vanity Fair → großartige (wirklich!) – und auch ziemlich lange – reportage über das flugzeug, das auf dem hudson river kurz nach dem start notlandete. toller text!
- Alfred Harth: Jenseits von Paradox (Erinnerungen) | getidan → der großartige alfred 23 harth erinnert sich an die 80er:
Am Abend meditiere ich auf dem Saxofon die jüngsten Ereignisse dieser enigmatischen Reise, ihre numerologischen Implikationen, und bin ab sofort als 23 neu inkarniert.
[…] Zersplitterte Zeitpyramide. Simulationszeitalter. Anything Goes – Jazz ist eigentlich ein querstehendes Gefühl. - Byung-Chul Han: Wir hatten eine gute Zeit | ZEIT ONLINE → Magnus Klaue zeigt wie das Denken und Schreiben von Byung-Chul Han funktioniert und erfolgreich sein kann
Nick Cave & The Bad Seeds, Jesus Alone
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Unverhofft fand ich mich in einem Kerbgottesdienst, der nicht – wie es anlässlich eines Festes zur Kirchweihe ja zu erwarten wäre – in der Kirche, sondern im Festzelt auf dem Dorfplatz stattfand, wieder. Da durfte ich dann auf dem E‑Piano klimpern. Aber die Gemeinde hat wenigstens kräftig mitgesungen. Was man auf dem Bild nicht sieht: Den Regen, der auf das Zeltdach und an die Wände prasselte. Und der überall durchtropfte – unter anderem auch auf den Altar. Das Instrument (und ich) blieb vom Wasser glücklicherweise verschont.

