Eine Frage, die angesichts der gerade kulminierenden Luther- und Reformationsfeierlichkeiten eine besondere Bedeutung hat: Wie steht es eigentlich mit der Reformation und uns? Wie wichtig ist die heute noch? Oder so:
Wie relevant ist die Reformation noch, um die heutige kulturelleund politische Situation in der EU – und im globalen Zusammenhang – zu verstehen? War sie mehr als eine regionalgeschichtliche Ausdifferenzierung in den nordalpinen Regionen, die einige Jahrhunderte 8zum Teil blutige) Relevanz hatte, aber heute nicht mehr zu Verständnisproblemen innerhalb der westlichen Gesellschaften führt und für das Verständnis der Probleme des heutigen Europa weit weniger relevant ist als etwa das Ost-West-Schisma von 1054? Würde die Reformation auch dann noch einen so hohen Kredit für die Geschichte der Säkularisierung bekommen, wenn nicht immer schon feststünde, dass mit der Reformation die Neuzeit beginnt? Bernhard Jussen, Richtig denken im falschen Rahmen? Warum das „Mittelalter“ nicht in den Lehrplan gehört. In: GWU 67 (2016), 571
Der insgesamt sehr anregende und interessante Beitrag von Bernhard Jussen beschäftigt sich eigentlich mit dem makrohistorischen Konzept Mittelalter, seiner seit langem bekannten und unbestritten Unsinnigkeit und Unhaltbarkeit und dann mit der Überlegung, warum es sich trotzdem hält und aber eigentlich gar keine Rolle mehr spielen sollte und dürfte, sondern durch geeignetere Modelle abgelöst werden muss – und zwar unbedingt nicht nur in der Forschung, sondern auch und gerade in Schulbüchern und im Unterricht.
Diese Thematisierung der Reformation gibt mir außerdem Gelegenheit, auch noch auf den aktuellen Blog von Achim Landwehr hinzuweisen, der sich in interessanten Beiträgen mit dem aktuellen Reformationsjubiläum vor allem unter dem Gesichtspunkt der Bedeutung für unsere momentane Geschichts- und Gedenkkultur auseinandersetzt: Mein Jahr mit Luther. Unterwegs in der deutschen Geschichtskultur.
Vielleicht sind „Day & Taxi“ auch nur auf der Suche nach einem Weg. Auf Way gibt es davon jedenfalls viele. Christoph Gallio als Chef dieses Trios mit dem seltsamen Namen „Day & Taxi“, der auch alle Musik für diese im Januar im Studio aufgenommene CD beisteuert, begegnet mir so halb am Rande meines musikalischen Wahrnehmungsfeldes immer mal wieder (die „Soziale Musik“ finde ich zum Beispiel konzeptionelle sehr spannend). Das Trio gibt es jetzt schon eine ganze Weile, auch die neue Besetzung – mit jungen Männern am Bass und Schlagzeug – ist schon gut eingespielt.
So ist Way eine sehr kontrastreiche CD geworden, die viel sehr heterogenes Material versammelt, auch von unterschiedlicher Spannung und Güte in meinen Ohren. MM (for Mark Müller) als Beispiel versammelt das meiste davon gleich in einem: gemäßigtes Powerplay, das dann wieder ins Stocken gerät, in eine Leere, eine Art musikalisches Einfrieren fällt, daraus aber wieder weitermacht und auch poetisch-versonnene Einfälle problemlos integriert.
Viele „Widmungsstücke“ gibt es auf Way, die Namen sagen mir fast alle nichts. Nicht immer wird beim Hören klar, wie viel/was davon jetzt komponiert oder improvisiert ist – das ist aber eben auch egal: Kontingenzen und Möglichkeitsformen werden nicht ohne Grund in den Liner Notes thematisiert. Das ist vielleicht das auffälligste an Way: Dass es kaum eine wirkliche Richtung gibt, sondern das Trio vielen Verästelungen nachgeht, an Weggabelungen immer neu spontan-zufällig entscheidet – und dabei Umwege und Irrungen, auch Sackgassen in Kauf nimmt, nicht verschweigt, sondern auch dem Hörer offenbart. Wahrscheinlich fällt mir deshalb das Urteil so schwer: Ich höre die Qualität des Albums, das ist unstreitig richtig gute Musik. Aber ich habe das ganze jetzt drei- oder viermal gehört: Und so richtig mitreißen oder begeistern kann es mich als Ganzes nicht. Vielleicht liegt es am Klangbild, Gallios Saxophone klingen mir etwas eng-nasal … Es mag aber aber auch an den Uneindeutigkeiten liegen. Was aber wieder seltsam ist, weil ich offene Musik eigentlich favorisiere. Nur bleibt mir diese Offenheit hier etwas verschlossen. (Naja, die Metapher habe ich jetzt genug strapaziert …). Aber andererseits: Bei jedem Hören entdecke ich neue spannende, faszinierende Momente. MM habe ich schon erwähnt, auch Snow White Black Magic ist ziemlich gelassen-großartig. Dazwischen steht auch viel kurzes Material, das da einfach so herumsteht, wie ein Gewächs am Wegerand: Das ist, das existiert für sich – aber damit passiert nichts. Manchmal fällt es einem der drei Reisenden auf, dann entwickeln sich daraus Ideen, komplexere Abläufe. Manchmal ist es nach ein paar Dutzend Sekunden aber auch wieder aus dem Blickfeld und damit erledigt. Bis etwas Neues auftaucht, einfällt oder passiert.
Way hat aber noch eine wirkliche Besonderheit. Unter den 22 Titeln sind einige Miniaturen. Und darunter noch drei spezielle: Miniaturen nämlich, die Texte von Friederike Mayröcker aufnehmen. Das hat mich – als Mayröcker-Leser – natürlich sehr neugierig gemacht. Der Bassist Silvan Jeger singt also dreimal, jeweils vier bis sechs Zeilen älterer Gedichte aus dem umfangreichen Katalog Mayröckers, mit ein bisschen Geplänkel des Trios dabei. Leider sind das wirklich knappeste Stückchen – zwischen 37 und 47 Sekunden lang. Und musikalisch passiert da auch nicht sehr viel. Immerhin wird hier also mal Mayröcker gesungen – so arg häufig passiert das ja nicht. Viel mehr höre ich da aber auch nicht. Vor allem keine Antwort auf das Warum? (Warum Mayröcker? Warum diese Texte?).
Day & Taxi: Way. Percaso 2016: percaso 34. Spielzeit: 1:09:52.
Eine Woche danach (und nach dem unsinnigen, schlechten Spiegel-Titelbild) macht mich das Trikont-Blog auf diesen passenden Attwenger-Song aufmerksam:
Schade: Nach nicht einmal einer halben Stunde ist das Vergnügen schon wieder vorbei. Oder es beginnt von vorne. Denn Illuminate von OnAir, die dritte CD der jungen Berliner Gruppe, möchte man eigentlich gerne sofort noch einmal hören. In den sechs Songs dreht es sich immer wieder um das Licht, das physische Licht der Sterne und das metaphorische der Erleuchtung. Schon der Beginn – eine der beiden Originalkompositionen neben vier Coversongs – setzt die Erleuchtung leicht und unbeschwert in einer eingängigen Hymne in Töne. Klar, das ist keine große Kunst – aber herrlich-perfekte Gute-Laune-Musik mit gut durchdachtem Arrangement und genau ausbalanciertem Klang.
Auch der Rest bleibt auf allerhöchstem Niveau. Denn so viel wird ganz schnell klar (viel Zeit ist ja auch nicht): die Präzision, mit der OnAir durch die Pop- und A‑cappella-Geschichte hüpfen, ist großartig. Noch besser ist aber, wie sie die komplexen und ausgefeilten Arrangements singen können: Das klingt stets locker, oft unbeschwert und vor allem immer musikalisch zwingend.
So kann man in „Sonne“, dem Rammstein-Cover, den schwachen Text leicht vergessen und stattdessen lieber den feinen Arrangement-Ideen nachhören. Wie OnAir die Sonne zwischen dumpf-dröhnendem Bass und Vocal Percussion im instrumental klingenden Satz und den darüber schwebenden melodischen Elementen, vorwiegend der beiden Frauen, aufscheinen lässt – das ist klasse.
„Stairway to Heaven“ beginnt dagegen sehr oldiemäßig, mit zeitgemäßem Rauschen und leichter Verzerrung – wunderbar, wie OnAir das in sein Arrangement einbaut und in eine großartige Steigerung zu einem energetisch pulsierenden Finale überführt. Überhaupt ist auf „Illuminate“ sehr bemerkenswert, wie sie jeden Song entwickeln, ihm ein eigenes Profil und einen neuen Klang geben. Da klingt wirklich jeder Song anders – anders als der vorangehende, aber auch anders als die Vorlage. Herbert Grönemeyers „Der Weg“ zeigt das mit seinem zurückgenommenen, zerbrechlichem Arrangement ganz typisch: Hier klingen OnAir wohl am klassischsten, sehr offen und verletzlich. Und immer wieder hört man neue Details, die jede Strophe und jeden Refrain anders klingen lassen.
Dem Sextett gelingt es überhaupt scheinbar mühelos, auf knappem Raum sechs ganz verschiedene Klangbilder zu schaffen. Das verdankt OnAir nicht nur ihren Stimmkehlen, sondern auch dem gefühlvollen Einsatz der Tontechnik – auf der sehr abwechslungsreich klingenden CD macht sich wohl auch die Erfahrung von Bill Hare bemerkbar. Illuminate ist von der ersten bis zur letzten perfekten Note schimmernder und funkelnder Vocal-Pop, weil OnAir sowohl den druckvollen Breitwandsound (wie im abschließenden „Illuminated“) als auch den zarten Klang der kammermusikalisch gesetzten Ballade vollendet beherrscht. Nach den 25 Minuten kann man nur sagen: Das hat wirklich etwas von Erleuchtung.
OnAir: Illuminate. Heart of Berlin 2016. Spielzeit: 24:56.
Are you man enough for birth control? | NewStatesman → laurie penny stellt in diesem interessanten text die nachricht über den abbruch der test von hormoneller geburtenkontrolle an männern in den größeren zusammenhang:
The story of a male contraceptive jab halted because men were too distressed by the side effects to stay the course is as disappointing as it is familiar. It fits the cultural narrative whereby men can’t possibly be trusted with traditionally female responsibilities—from washing up to changing nappies, if you leave it to the guys, they’ll either flake out, fuck it up or both. We should simply let them off the hook, and let the women get on with it, grit their teeth though they may. That’s nature’s way, or God’s, depending on who you ask. But that’s not what happened here. The real story is more interesting. The real story—of research halted despite most of the men involved being enthusiastic, and a great many people all over the world wondering why the hell male hormonal contraception isn’t a thing yet—is a story of collective cultural resistance to scientific progress. Once again, technological advances that could improve people’s lives are on hold because we’re too socially backward to tell a different story about sex, love and gender.
7 Reasons So Many Guys Don’t Understand Sexual Consent | cracked → David Wong über die rolle der durch kinofilme vermittelten männerbilder und dort positiv gezeichneten übergriffigen paarungssituationen für die aktuelle diskussion um zustimmung zum sex
Auch wenn die lokale CDU das Gegenteil meint: Die Förderung des Radverkehrs in Mainz geht selbst unter eine grünen Verkehrsdezernentin nur in mikroskopisch kleinen Schritten voran. Immer wieder passiert so etwas:
An der Klarastraße ist die Baustelle bereits erkennbar – der Radweg geht aber unverdrossen weiter …
Der Radweg an der Großen Bleiche dürfte nach den einschlägigen Gesetzen und Verwaltungsvorschriften sowieso nicht benutzungspflichtig sein (was das Verkehrsdezernat auch seit Jahren weiß, aber trotzdem nicht ändert – doch das ist eine andere Geschichte). Aber Baustellen wie diese sind eine Katastrophe – übrigens nicht nur für Radfahrerinnen, sondern auch für diejenigen, die das zu Fuß unterwegs sind. Die Benutzungspflicht an der Einmündung Klarastraße – keine hundert Meter von der Baustelle, die den Radweg vollends und den Fußweg teilweise versperrt, entfernt – wurde nicht aufgehoben. Schlimmer noch: Nicht einmal an der Baustelle selbst wird der Radweg beendet. Nur in der Gegenrichtung (!), in der dieser Radweg nicht befahren werden darf, hängt ein Alibi-„Schild“, das weder ein ordentliches Schild ist noch irgendeine gesetzliche Wirkung für Fahrräder hat.
Dieser Radweg endet leider in der Absperrung.
Die gesamte Baustelle ist eine Zumutung – auch für die Fußgänger.
Aus der Gegenrichtung: Ein laminierter Zettel bittet: „Radfahrer absteigen“
Ich frage mich ja immer, wie so etwas wieder und wieder passieren kann. Immerhin hat Mainz eine Radverkehrsbeauftragte. Die hat aber offensichtlich keinerlei Interesse daran, so etwas zu vermeiden – und das wäre ja einfach, weil es so schrecklich absehbar und erwartbar ist: Sie müsste ja nur mal vorbeiradeln und der Baufirma erklären, wie das richtig geht …
Nachtrag: Nach meinem Hinweis/Beschwerde und ein paar Tagen Wartezeit ist die (momentan ruhende) Baustelle nun sowohl für Fußgänger als auch für Radfahrerinnen vernünftig passierbar – es geht also …
Der Versuch, als real musizierender Mensch auf einer Bühne wenigstens kurz zu reinkarnieren, scheitert an der Indifferenz eines Publikums, dem es reicht, in virtuellen Räumen und bei sich selber zu sein. Der erste Star der Youtube-Epoche wird als deren tragischer Held von der Bühne gekreischt.
What the scientists amassed wasn’t a smoking gun. It’s a suggestive body of evidence that doesn’t absolutely preclude alternative explanations. But this evidence arrives in the broader context of the campaign and everything else that has come to light: The efforts of Donald Trump’s former campaign manager to bring Ukraine into Vladimir Putin’s orbit; the other Trump adviser whose communications with senior Russian officials have worried intelligence officials; the Russian hacking of the DNC and John Podesta’s email.
(und nebenbei ganz interessant: dass es spezialisten gibt, die zugriff auf solche logs haben …)
Reformationsjubiläum: Lasst uns froh und Luther sein | FAZ → sehr seltsamer text von jürgen kaube. am reformationsjubiläum gäbe es einiges zu kritiseren. aber das ist der falsche weg – zum einen ist die evangelische kirche deutschlands keine luther-kirche (und käßmann sicher nicht ihre wesentlichste theologin). zum anderen scheint mir kaubes kritikpunkt vor allem zu sein, dass evangelische theologie sich in den 500 jahren gewandelt hat und nicht gleichermaßen konservativ-fundamentalistisch-autoritär ist wie bei luther selbst. was soll das aber?
Siri Hustvedt und Paul Auster | Das Magazin → langes gespräch mit hustvedt und auster, dass sich aber nahezu ausschließlich um die politische lage dreht – immerhin eine halbe frage gilt auch dem, was sie tun – nämlich schreiben
Aids in Amerika: HIV kam um 1970 in New York an | Tagesspiegel → forscher haben mit genetischen analysen von blutkonserven die geschichte von aids in den usa neu geschrieben – nicht patient O war der erste, der virus kam schon jahre vorher nach new york. spannend, was heute so alles geht …
Ich verdiene nicht nur mit dem Schreiben kein Geld, ich verdiene auch mit dem Übersetzen kein Geld. Da möchte man dann mit dem Verlegen natürlich auch nichts verdienen. Das berühmte dritte unrentable Standbein. Das Paradoxe an der Sache ist nun aber, dass ich trotzdem irgendwie davon leben kann, und das schon ziemlich lange. Diese ganzen nicht oder schlecht bezahlten Tätigkeiten haben, zumindest in meinem Fall, dazu geführt, dass eine indirekte Form der Vergütung stattfindet, also etwa in Form von Preisen, Stipendien, Lehrtätigkeiten, Lesungen und Moderationen. Und ich glaube, dass durch die Verlegerei das Spielfeld noch ein bisschen größer geworden ist. Das hat jedoch bei der Gründung des Verlags keine Rolle gespielt. Den Verlag gibt es, weil ich das schon sehr lange machen wollte. Schreiben tue ich ja auch, weil ich das schon immer wollte. Das reicht mir völlig aus als Begründung. Mehr braucht es nicht.
Wir bräuchten vielmehr Mittel für den ökologischen Landbau oder um herauszufinden, wie eine wachstumsbefriedete Gesellschaft und Wirtschaft aussehen kann. Es liegt eindeutig zu viel Gewicht auf technologischen denn auf sozialen und kulturellen Veränderungen. … Das ist der wohl größte Fehler der Grünen Ökonomie: Dinge, die nie ökonomisiert waren, zu messen, zu berechnen, zu ökonomisieren. Die Monetarisierung der Natur.
Carl Amery: Der Untergang der Stadt Passau. Science Fiction-Roman. München: Heyne 1982. 128 Seiten. ISBN 978−3−453−30332−4.
Eigentlich bin ich ja kein Science-Fiction-Leser und schon gar kein Fan – auf den schmalen Roman von Carl Amery hat mich die „Phantastik“-Ausgabe der Krachkultur gebracht. Der Untergang der Stadt Passau ist ein Text, der ganz klar die Vorgaben des Genres erfüllt: Nach dem nicht ganz vollständigen Untergang der Zivilisation in Europa sammeln sich die Reste der Bevölkerung langsam wieder in Gruppen. In Passau etabliert sich eine Art Diktatur, die die Technik der Vergangenheit – unter anderem Stromerzeugung – noch nutzbar macht und dafür/dabei die Landbevölkerung unterdrückt und ausraubt. Es gibt eine Art Showdown mit einer kleinen Gruppe Jäger und Sammler/Landwirten, der in Gewalt und Verfolgung endet. Und einige Generationen später kommen die Nachfahren dieser beiden Abgesandten, um die Stadt Passau – den babylonischen Sündenpfuhl (die Parallelen zur biblischen Geschichte sind kein Zufall) dem Erdboden gleich zu machen. Das ist alles einigermaßen konventionell, aber dennoch ganz geschickt und einfallsreich geschrieben. Interessant auch: Was bei Clemens Setz Jahrzehnte später als großartiger Kunstgriff gilt – das Spiel mit verschiedenen Typographien, die verschiedenen Erzählebenen bzw. ‑formen entsprechen (siehe unten) -, passiert hier bei Amery quasi nebenbei. Aber halt in einem nicht ernst zu nehmenden Genre, der Science-Fiction. Übrigens zeigt das meines Erachtens wieder mal, wie wenig die Literaturkritik mit den Schöpfungen der deutschen Literaturgeschichte wirklich vertraut ist – oder, um es positiver zu sagen: Wie wenig sie diese Kenntnis in ihren Kritiken, die es ja nur in Ausnahmefällen vermag, wirklich historische (d.h. mehr als zwei, drei Jahre in die Vergangenheit zeigende) Einordnung oder Traditionslinien aufzuzeigen, zeigt und vermittelt …
Es ist eigentlich alles gutgegangen, überlegte er. Trotz der Politik. Oder wegen der Politik? (112)
Wolfgang Müller: Kosmas. Mit Zeichnungen von Max Müller. Berlin: Verbrecher 2011. 187 Seiten. ISBN 978−3−940426−70−3.
Kosmas ist eigentlich nicht viel mehr als eine nette Kunstbetrieb-Satire, in der Wolfgang Müller die verrückten Kapriolen der Sammler und Spekulanten und Künstler der Gegenwartskunst der Post-Post-Moderne um die Jahrtausendwende gekonnt aufspießt (unübersehbar ist die Referenz an Damien Hirst), die sich ganz und gar von der ästhetischen Seite der Kunst entfernt haben und nur noch ihre monetären und Aufmerksamkeit bzw. Geltung produzierenden Aspekte – v.a. die Exklusivität und die entsprechende Vermarktung – berücksichtigen und wertschätzen. Deshalb läuft sich der Text auch etwas schnell tot: Die Angriffsziele und Waffen dieser Satire sind schnell klar – und dann passiert eigentlich nicht mehr viel: Das wird noch ein wenig variiert und weitergesponnen, vor allem aber immer noch eine, hat aber Umdrehung mehr übersteigert. Leider hat Müller aber kaum neue Ideen im Verlauf des Textes. Immerhin bleibt der aber auch dann noch amüsant, so dass man die Lektüre nicht total bereut …
Wu Ming: Altai. Berlin: Assoziation A 2016. 352 Seiten. ISBN ISBN 978−3−86241−452−9.
Als Fortsetzung von Q (das noch unter dem älteren Namen des Schreibkollektivs, Luther Blisset, erschien) angepriesen, erzählt Altai die Vorgeschichte der Schlacht von Lepanto: Manuel Cardoso, ein Spion, muss aus Venedig fliehen, weil er der Sabotage verdächtigt wird und landet in Konstantinopel. Damit ist der große, welthistorische Geltung beanspruchende Rahmung des Romans schon beinahe abgesteckt: Alle drei monotheistischen Religionen werden hier mehr oder weniger konfrontativ zusammengebracht – und Cardoso steht als katholischer Konvertit im Dienste eines Judens, der für/mit den muslimischen Herrschern des Osmanischen Reiches arbeitet, immer im Zentrum. Beziehungsweise fast im Zentrum: Denn er ist zwar nahe dran, etwa an der Eroberung Zyperns und dann eben – als Reaktion darauf – in der Schlacht von Lepanto. Doch eingreifen kann er nicht oder nur so, dass seine Ohnmacht erst recht sichtbar wird. Das ist also ein historischer Krimi – aber ein Krimi, den ich überhaupt nicht spannend fand. Und zwar weder als historischen Roman noch als Kriminal- oder Verschwörungsgeschichte. Der ganze Text ist letztlich nicht im gleichen Maße überzeugend und faszinierend wie Q – auch wenn er sich der gleichen Mittel bedient: Bericht aus „zweiter Reihe“, Erleben des Entstehens und Geschehens von (Welt-)Geschichte aus anderer Perspektive etc… Aber: Zum einen ist Cardoso und damit der Erzähler viel näher dran an der Macht, zum anderen schien mir das alles viel konstruierter. Und viele Beschreibungen und Erzählungsstränge bleiben für mich schematisch, blass und leblos. Das gilt vor allem für ungefähr die ersten beiden Drittel – das ist total zerfasert und unharmonisch. Danach wird es besser, weil konzentrierter und spannender. Die Grausamkeit der Belagerung von Famagusta auf Zypern durch die Türken (und auch die Schlacht von Lepanto) wird dann durchaus fesselnd geschildert. Aber ein Problem bleibt: Die Figuren wirken alle wie am Reißbrett entworfen: eindimensional, flach und leblos. Und deshalb bleibt Altai dann ein zwar flott lesbarer, aber eher langweiliger Roman. Fortsetzungen von Erfolgsbüchern sind eben nicht einfach …
Seine vergangenen Leben verblassen, er weiß nicht, was ihn noch erwartet, und die Gegenwart zeigt sich nur in verschwommenen Umrissen. Deshalb nimmt er alles mit, was er im Laufe der Jahre aufgeschrieben hat. Aber das genügt nicht. Er steckt eine Spiegelscherbe ein. Er will sichergehen, dass er sich am Ende der Reise wiedererkennt. (90)
Jean Genet: Querelle. Reinbek: Rowohlt 1974 [1955]. 221 Seiten. ISBN 3499116847.
Der Gang der Ereignisse in diesem Buch muß sich beschleunigen. Es wäre wichtig, der Erzählung das Fleisch so abzulösen, daß allein ihr Knochengerüst übrigbliebe. Indessen, die bloße Wiedergabe der Tatsachen kann nicht genügen. Hier einige Erklärungen: Wer darüber erstaunt ist (wir sagen lieber erstaunt als erregt oder entrüstet, um deutlicher zu zeigen, daß dieser Roman demonstrativ sein will), daß Querelle bei Gils Verhaftung, die er den Abend zuvor veranlaßt hatte, Schmerz empfand, der möge den Ablauf seiner Abenteuer überblicken. Er tötet, um zu rauben. Wenn der Mord vollbracht ist, ist der Diebstahl zwar nicht gerechtfertigt – eher möchte man die Meinung wagen, daß der Mord durch den Diebstahl gerechtfertigt sein könnte -, aber er ist geheiligt. Offenbar ließ der Zufall Querelle die moralische Kraft des Diebstahls, der vom Mord gekrönt und zunichte gemacht wird, erfahren. (192)
Der Querelle – benannt nach seinem (Anti-)Helden – von Jean Genet ist ein sogenannter „berühmt-berüchtigter“ Text (Was wohl auch heißt, dass er heute zwar gerne mal anzitiert, aber wohl seltener gelesen wird). Er begleitet den Matrosen und Mörder Querelle, einen vielfachen Außenseiter (Bisexueller, Dieb, Serienmörder, Matrose …), dessen Leben und Lieben außerhalb der Gesellschaft und der Kommunikation und der gesellschaftlich akzeptieren Form der Liebe immer wieder gezeigt wird. Und zwar in aller Schwärze und Verzweiflung gezeigt und beschrieben, aber auch in allen Verästelungen und Verirrungen. Das ist ein ausgesprochen grandioser Text, der auch heute noch mit seiner Genauigkeit und seiner Drastik gleichermaßen aufrütteln kann. Wie der direkt nach dem Zweiten Weltkrieg – das französische Original erschien schon 1947 – gewirkt haben muss, kann man sich kaum mehr vorstellen. Die unbarmherzige Darstellung der physischen und emotionalen Gewalt, die Gemengelage aus Liebe, Begehren, Hass, Verrat und Gewalt „erzählt“ Genet mit einer ungeheuren Detailgenauigkeit gerade im psychologischen: Das ist immer wieder faszinierend. Aber es ist nicht nur thematisch, sondern auch formal durchaus interessant, weil Genet alles andere als traditionell erzählt: mit der Inkorporation des Tagebuchs des Leutenant Selbon schafft Genet zum Beispiel eine Außenperspektive aus unmittelbarer Nähe auf Querelle, die sein eigentlicher Erzähler nicht hergibt. Dazu gehört aber auch die etwas durcheinandergewürftelte Chronologie, die harten Schnitten und Montagen des Textes. Und – auch etwas, was ich gerne lese – ein Erzähler, der sich selbst thematisiert. Mir scheint, die nimmt im Lauf des Textes deutlich zu: Es scheint dem Erzähler zunehmend wichtiger zu werden, sich selbst und sein Tun – also das Erzählen dieses „seltsamen“ Stoffes – zu rechtfertigen und zu erklären.
Indem wir die psychologische Bewegung unserer Helden beschreiben, wollen wir unsere Seele zutage fördern. Dieses freimütige Bekenntnis der Haltung, die wir wählen würden – vielleicht angesichts oder vielmehr in Voraussicht eines ersehnten Endes -, führt uns zur Entdeckung jener gegebenen Welt der Psychologie, auf die sich die Freiheit der Wahl stützt, aber wenn es im Interesse der Handlich erforderlich ist, daß einer der Helden eine Entscheidung trifft und überlegt, sind wir plötzlich der Willkür preisgegeben: Das Geschöpf löst sich von seinem Autor. Es sondert sich ab. Wir müßten also zugeben, daß einer der Faktoren, aus denen sich unser Held zusammensetzt, nachträglich vom Autor entdeckt werden wird. (201)
Clemens J. Setz: Indigo. Berlin: Suhrkamp 2013. 479 Seiten. ISBN 978−3−518−46477−9.
Die Gedanken laufen in merkwürdigen Bahnen. Dadurch ensteht sehr viel Kunst. Ja, auch subversive, natürlich. (403)
Gelesen habe ich das vor allem, weil Indigo als eine Art Exemplum für eine Buchgestaltung gilt, die die inhaltlichen und formalen Aspekte des Textes sehr genau aufnimmt. Oder umgekehrt: Weil der Text gestalterische Elemente – Schriftarten zum Beispiel, auch (Pseudo-)Zitate und handschriftliche Faksimiles – zum Teil seiner selbst macht, also eine solche buchgestalterische Arbeit (die sich bis zum Umschlag erstreckt) geradezu voraussetzt. Judith Schalansky hat das sehr schön umgesetzt. Indigo erzählt von einer Art Krankheit oder Gendefekt, der dazu führt, dass Kinder ihre Umgebung krank machen – so krank, dass Nähe nicht möglich ist. Er tut das eben auf sehr verschiedene Weise: Als Bericht, als Sammlung von Medienberichten, Augenzeugen etc., von historischen Berichten ähnlicher Phänomene in verschiedenen Mappen. Das wird im Buch (das trotz der divergenten Materialien, die es scheinbar (!) inkorporiert, aber doch ein Buch bleibt, das in einem klassischen Buchblock gedruckt und gebunden ist (anders als etwa in Doug DorstsS.) dann geschickt und vielfältig kombiniert. Handwerklich ist das, auch erzähltechnisch, durchaus interessant. Mir ist nur nicht ganz klar geworden, was Setz hier eigentlich erzählen will …
Wie schön das aussah, wenn Papier verbrannte. Man sollte jeden Tag etwas verbrennen, so wie man sich jeden Tag die Zähne putzt. (473)
Michael Angele: Der letzte Zeitungsleser. Berlin: Galiani 2016. ebook. ISBN 978−3−86971−128−7.
Nun ja, das ist doch arg mager: Der letzte Zeitungsleser ist eine Verklärung von Zeitungslesern wie Thomas Bernhard (der taucht immer wieder auf) oder Claus Peymann, die täglich reichhaltiges Zeitungsmenu zu sich nehmen und daraus viel und wesentliches schöpfen. Mit der Realität scheint mir das nur sehr auszugsweise übereinzustimmen: Ja, solche emphatischen Zeitungslektüren gab und gibt es. Aber sie sind Ausnahmen. Die Wirklichkeit der Masse – und die braucht die Zeitung als solche ja gerade! – ist schon immer viel, viel prosaischer und langweiliger, aber auch weniger kultur- und staatstragend (freilich, sowohl Boulevardzeitungsleser als solche als auch Politik kommen bein Angele nicht wirklich vor). Schön zeigt sich seine Verklärung des „traditionellen“ Zeitungslesens bei seiner Gegenüberstellung von Kosmopolitismus und Globalisierung: Ersteres ist Zeitungslesen – weil ein Zeitungsleser (bei Angele geht es eh’ nur um Männer) Zeitungen aus aller Welt, am besten im Café oder Kaffeehaus, liest. Schon das ist meines Erachtens eine maßlose Übertreibung und Überschätzung – weil ja auch so viele Zeitungen aus aller Welt lesen/lasen … Letzteres, also Globalisierung, ist angeblich digitales Informieren. Denn dann wird angeblich noch Spiegel online überall auf der Welt gelesen. Unterschlägt das aber nicht vollkommen die Vielzahl der (genutzten!) Möglichkeiten der Lektüren, die das Internet erst ermöglicht: Gut, oft mögen das (wie bei mir z.B.) nur zwei Sprachen, etwa Deutsch und Englisch, sein. Aber ohne Internet würde ich von englischsprachigen Publikationen aus UK und USA ziemlich sicher genau nichts wahrnehmen. Gut, Angele würde jetzt einwenden: Das ist keine Zeitungslektüre, weil die Bündelung etc. fehlt, die das interesselose Lesen (das er offenbar sehr schätzt), das allerdings eher ein flüchtiges Anschauen und Durchblättern ist, und die damit einhergehenden Entdeckungen von Skurilitäten und Kuriosa ermöglicht. Dafür gibt es im Netz eben andere Zufallsmomente, andere Serendipitäten, um diesen schönen Ausdruck zu verwenden … Mir stellt sich Angeles Essay deshalb eher als ein Abgesang auf eine gute, alte Zeit dar, die nie so gut war, wie er sie verklärend darstellt. Das hat wahrscheinlich einen genauso großen (kultursoziologischen) Wert wie Adornos Typologie der Musikhörer …
außerdem gelesen:
Gerty Spies: Des Unschuldigen Schuld. Eine Auswahl aus dem Werk. Mainz: Landeszentrale für politische Bildung 2016. 52 Seiten. ISBN 9783892890379.
Micha Brumlik: Wann, wenn nicht jetzt? Versuch über die Gegenwart des Judentums. 2. Auflage. Berlin: Neofelis 2016 (Relationen – Essays zur Gegenwart 3). 130 Seiten. ISBN 978−3−95808−032−4.
Oswald Egger: Was nicht gesagt ist. Göttingen: Wallstein 2016 (Berliner Rede zur Poesie 1). 42 Seiten. ISBN 9783835319820.
Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Berlin: Suhrkamp 2016. ebook. ISBN 978−3−518−74439−0.
Jan Volker Röhnert, Romina Nikolić (Hrsg.): Dem Meister des langen Atems. Paulus Böhmer zu Ehren. Frankfurt am Main: Edition Faust 2016. 211 Seiten. ISBN 978−3−945400−36−4.
Klaus Hoffer: Bei den Bieresch. Halbwegs /Der große Potlatsch. 2. Auflage. Wien, Graz: Droschl 2007. 272 Seiten. ISBN 978−3−85420−718−4. (dritte Lektüre – immer noch großartig …)
Edit #69 (wunderbare Ausgabe, mit sehr guten Texten von u. a. Ann Cotten, Gerhard Falkner und Ulrike Almut Sandig