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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

martin-luther-denkmal, dresden

Reformationsrelevanz

Eine Fra­ge, die ange­sichts der gera­de kul­mi­nie­ren­den Luther- und Refor­ma­ti­ons­fei­er­lich­kei­ten eine beson­de­re Bedeu­tung hat: Wie steht es eigent­lich mit der Refor­ma­ti­on und uns? Wie wich­tig ist die heu­te noch? Oder so: 

Wie rele­vant ist die Refor­ma­ti­on noch, um die heu­ti­ge kul­tu­rel­leund poli­ti­sche Situa­ti­on in der EU – und im glo­ba­len Zusam­men­hang – zu ver­ste­hen? War sie mehr als eine regio­nal­ge­schicht­li­che Aus­dif­fe­ren­zie­rung in den nord­al­pi­nen Regio­nen, die eini­ge Jahr­hun­der­te 8zum Teil blu­ti­ge) Rele­vanz hat­te, aber heu­te nicht mehr zu Ver­ständ­nis­pro­ble­men inner­halb der west­li­chen Gesell­schaf­ten führt und für das Ver­ständ­nis der Pro­ble­me des heu­ti­gen Euro­pa weit weni­ger rele­vant ist als etwa das Ost-West-Schis­ma von 1054? Wür­de die Refor­ma­ti­on auch dann noch einen so hohen Kre­dit für die Geschich­te der Säku­la­ri­sie­rung bekom­men, wenn nicht immer schon fest­stün­de, dass mit der Refor­ma­ti­on die Neu­zeit beginnt? Bern­hard Jus­sen, Rich­tig den­ken im fal­schen Rah­men? War­um das „Mit­tel­al­ter“ nicht in den Lehr­plan gehört. In: GWU 67 (2016), 571

Der ins­ge­samt sehr anre­gen­de und inter­es­san­te Bei­trag von Bern­hard Jus­sen beschäf­tigt sich eigent­lich mit dem makro­his­to­ri­schen Kon­zept Mit­tel­al­ter, sei­ner seit lan­gem bekann­ten und unbe­strit­ten Unsin­nig­keit und Unhalt­bar­keit und dann mit der Über­le­gung, war­um es sich trotz­dem hält und aber eigent­lich gar kei­ne Rol­le mehr spie­len soll­te und dürf­te, son­dern durch geeig­ne­te­re Model­le abge­löst wer­den muss – und zwar unbe­dingt nicht nur in der For­schung, son­dern auch und gera­de in Schul­bü­chern und im Unterricht.

Die­se The­ma­ti­sie­rung der Refor­ma­ti­on gibt mir außer­dem Gele­gen­heit, auch noch auf den aktu­el­len Blog von Achim Land­wehr hin­zu­wei­sen, der sich in inter­es­san­ten Bei­trä­gen mit dem aktu­el­len Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um vor allem unter dem Gesichts­punkt der Bedeu­tung für unse­re momen­ta­ne Geschichts- und Gedenk­kul­tur aus­ein­an­der­setzt: Mein Jahr mit Luther. Unter­wegs in der deut­schen Geschichts­kul­tur.

day & taxi (gruppenfoto)

Day & Taxi auf der Suche nach dem Weg

day & taxi, way (cover)Viel­leicht sind „Day & Taxi“ auch nur auf der Suche nach einem Weg. Auf Way gibt es davon jeden­falls vie­le. Chris­toph Gal­lio als Chef die­ses Tri­os mit dem selt­sa­men Namen „Day & Taxi“, der auch alle Musik für die­se im Janu­ar im Stu­dio auf­ge­nom­me­ne CD bei­steu­ert, begeg­net mir so halb am Ran­de mei­nes musi­ka­li­schen Wahr­neh­mungs­fel­des immer mal wie­der (die „Sozia­le Musik“ fin­de ich zum Bei­spiel kon­zep­tio­nel­le sehr span­nend). Das Trio gibt es jetzt schon eine gan­ze Wei­le, auch die neue Beset­zung – mit jun­gen Män­nern am Bass und Schlag­zeug – ist schon gut eingespielt. 

So ist Way eine sehr kon­trast­rei­che CD gewor­den, die viel sehr hete­ro­ge­nes Mate­ri­al ver­sam­melt, auch von unter­schied­li­cher Span­nung und Güte in mei­nen Ohren. MM (for Mark Mül­ler) als Bei­spiel ver­sam­melt das meis­te davon gleich in einem: gemä­ßig­tes Power­play, das dann wie­der ins Sto­cken gerät, in eine Lee­re, eine Art musi­ka­li­sches Ein­frie­ren fällt, dar­aus aber wie­der wei­ter­macht und auch poe­tisch-ver­son­ne­ne Ein­fäl­le pro­blem­los integriert.

Vie­le „Wid­mungs­stü­cke“ gibt es auf Way, die Namen sagen mir fast alle nichts. Nicht immer wird beim Hören klar, wie viel/​was davon jetzt kom­po­niert oder impro­vi­siert ist – das ist aber eben auch egal: Kon­tin­gen­zen und Mög­lich­keits­for­men wer­den nicht ohne Grund in den Liner Notes the­ma­ti­siert. Das ist viel­leicht das auf­fäl­ligs­te an Way: Dass es kaum eine wirk­li­che Rich­tung gibt, son­dern das Trio vie­len Ver­äs­te­lun­gen nach­geht, an Weg­ga­be­lun­gen immer neu spon­tan-zufäl­lig ent­schei­det – und dabei Umwe­ge und Irrun­gen, auch Sack­gas­sen in Kauf nimmt, nicht ver­schweigt, son­dern auch dem Hörer offen­bart. Wahr­schein­lich fällt mir des­halb das Urteil so schwer: Ich höre die Qua­li­tät des Albums, das ist unstrei­tig rich­tig gute Musik. Aber ich habe das gan­ze jetzt drei- oder vier­mal gehört: Und so rich­tig mit­rei­ßen oder begeis­tern kann es mich als Gan­zes nicht. Viel­leicht liegt es am Klang­bild, Gal­li­os Saxo­pho­ne klin­gen mir etwas eng-nasal … Es mag aber aber auch an den Unein­deu­tig­kei­ten lie­gen. Was aber wie­der selt­sam ist, weil ich offe­ne Musik eigent­lich favo­ri­sie­re. Nur bleibt mir die­se Offen­heit hier etwas ver­schlos­sen. (Naja, die Meta­pher habe ich jetzt genug stra­pa­ziert …). Aber ande­rer­seits: Bei jedem Hören ent­de­cke ich neue span­nen­de, fas­zi­nie­ren­de Momen­te. MM habe ich schon erwähnt, auch Snow White Black Magic ist ziem­lich gelas­sen-groß­ar­tig. Dazwi­schen steht auch viel kur­zes Mate­ri­al, das da ein­fach so her­um­steht, wie ein Gewächs am Wege­rand: Das ist, das exis­tiert für sich – aber damit pas­siert nichts. Manch­mal fällt es einem der drei Rei­sen­den auf, dann ent­wi­ckeln sich dar­aus Ideen, kom­ple­xe­re Abläu­fe. Manch­mal ist es nach ein paar Dut­zend Sekun­den aber auch wie­der aus dem Blick­feld und damit erle­digt. Bis etwas Neu­es auf­taucht, ein­fällt oder passiert.

Way hat aber noch eine wirk­li­che Beson­der­heit. Unter den 22 Titeln sind eini­ge Minia­tu­ren. Und dar­un­ter noch drei spe­zi­el­le: Minia­tu­ren näm­lich, die Tex­te von Frie­de­ri­ke May­rö­cker auf­neh­men. Das hat mich – als May­rö­cker-Leser – natür­lich sehr neu­gie­rig gemacht. Der Bas­sist Sil­van Jeger singt also drei­mal, jeweils vier bis sechs Zei­len älte­rer Gedich­te aus dem umfang­rei­chen Kata­log May­rö­ckers, mit ein biss­chen Geplän­kel des Tri­os dabei. Lei­der sind das wirk­lich knap­pes­te Stück­chen – zwi­schen 37 und 47 Sekun­den lang. Und musi­ka­lisch pas­siert da auch nicht sehr viel. Immer­hin wird hier also mal May­rö­cker gesun­gen – so arg häu­fig pas­siert das ja nicht. Viel mehr höre ich da aber auch nicht. Vor allem kei­ne Ant­wort auf das War­um? (War­um May­rö­cker? War­um die­se Texte?).

Day & Taxi: Way. Per­ca­so 2016: per­ca­so 34. Spiel­zeit: 1:09:52.

Taglied 15.11.2016

Eine Woche danach (und nach dem unsin­ni­gen, schlech­ten Spie­gel-Titel­bild) macht mich das Tri­kont-Blog auf die­sen pas­sen­den Att­wen­ger-Song aufmerksam:

OnAir, Illuminate - Collage (Michael Petersohn)

Erleuchtet auf Sendung: „Illuminate“ von OnAir

OnAir, Illuminate (Cover)

Scha­de: Nach nicht ein­mal einer hal­ben Stun­de ist das Ver­gnü­gen schon wie­der vor­bei. Oder es beginnt von vor­ne. Denn Illu­mi­na­te von OnAir, die drit­te CD der jun­gen Ber­li­ner Grup­pe, möch­te man eigent­lich ger­ne sofort noch ein­mal hören.
In den sechs Songs dreht es sich immer wie­der um das Licht, das phy­si­sche Licht der Ster­ne und das meta­pho­ri­sche der Erleuch­tung. Schon der Beginn – eine der bei­den Ori­gi­nal­kom­po­si­tio­nen neben vier Cover­songs – setzt die Erleuch­tung leicht und unbe­schwert in einer ein­gän­gi­gen Hym­ne in Töne. Klar, das ist kei­ne gro­ße Kunst – aber herr­lich-per­fek­te Gute-Lau­ne-Musik mit gut durch­dach­tem Arran­ge­ment und genau aus­ba­lan­cier­tem Klang. 

Auch der Rest bleibt auf aller­höchs­tem Niveau. Denn so viel wird ganz schnell klar (viel Zeit ist ja auch nicht): die Prä­zi­si­on, mit der OnAir durch die Pop- und A‑cap­pel­la-Geschich­te hüp­fen, ist groß­ar­tig. Noch bes­ser ist aber, wie sie die kom­ple­xen und aus­ge­feil­ten Arran­ge­ments sin­gen kön­nen: Das klingt stets locker, oft unbe­schwert und vor allem immer musi­ka­lisch zwingend. 

So kann man in „Son­ne“, dem Ramm­stein-Cover, den schwa­chen Text leicht ver­ges­sen und statt­des­sen lie­ber den fei­nen Arran­ge­ment-Ideen nach­hö­ren. Wie OnAir die Son­ne zwi­schen dumpf-dröh­nen­dem Bass und Vocal Per­cus­sion im instru­men­tal klin­gen­den Satz und den dar­über schwe­ben­den melo­di­schen Ele­men­ten, vor­wie­gend der bei­den Frau­en, auf­schei­nen lässt – das ist klasse.

„Stair­way to Hea­ven“ beginnt dage­gen sehr oldie­mä­ßig, mit zeit­ge­mä­ßem Rau­schen und leich­ter Ver­zer­rung – wun­der­bar, wie OnAir das in sein Arran­ge­ment ein­baut und in eine groß­ar­ti­ge Stei­ge­rung zu einem ener­ge­tisch pul­sie­ren­den Fina­le über­führt. Über­haupt ist auf „Illu­mi­na­te“ sehr bemer­kens­wert, wie sie jeden Song ent­wi­ckeln, ihm ein eige­nes Pro­fil und einen neu­en Klang geben. Da klingt wirk­lich jeder Song anders – anders als der vor­an­ge­hen­de, aber auch anders als die Vor­la­ge. Her­bert Grö­ne­mey­ers „Der Weg“ zeigt das mit sei­nem zurück­ge­nom­me­nen, zer­brech­li­chem Arran­ge­ment ganz typisch: Hier klin­gen OnAir wohl am klas­sischs­ten, sehr offen und ver­letz­lich. Und immer wie­der hört man neue Details, die jede Stro­phe und jeden Refrain anders klin­gen lassen.

Dem Sex­tett gelingt es über­haupt schein­bar mühe­los, auf knap­pem Raum sechs ganz ver­schie­de­ne Klang­bil­der zu schaf­fen. Das ver­dankt OnAir nicht nur ihren Stimm­keh­len, son­dern auch dem gefühl­vol­len Ein­satz der Ton­tech­nik – auf der sehr abwechs­lungs­reich klin­gen­den CD macht sich wohl auch die Erfah­rung von Bill Hare bemerk­bar. Illu­mi­na­te ist von der ers­ten bis zur letz­ten per­fek­ten Note schim­mern­der und fun­keln­der Vocal-Pop, weil OnAir sowohl den druck­vol­len Breit­wand­sound (wie im abschlie­ßen­den „Illu­mi­na­ted“) als auch den zar­ten Klang der kam­mer­mu­si­ka­lisch gesetz­ten Bal­la­de voll­endet beherrscht. Nach den 25 Minu­ten kann man nur sagen: Das hat wirk­lich etwas von Erleuchtung.

OnAir: Illu­mi­na­te. Heart of Ber­lin 2016. Spiel­zeit: 24:56.

(Zuerst erschie­nen in »Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin« No. 32, Novem­ber 2016.)

Ins Netz gegangen (5.11.)

Ins Netz gegan­gen am 5.11.:

  • Are you man enough for birth con­trol? | NewS­ta­tes­man → lau­rie pen­ny stellt in die­sem inter­es­san­ten text die nach­richt über den abbruch der test von hor­mo­nel­ler gebur­ten­kon­trol­le an män­nern in den grö­ße­ren zusammenhang:

    The sto­ry of a male con­tracep­ti­ve jab hal­ted becau­se men were too distres­sed by the side effects to stay the cour­se is as dis­ap­poin­ting as it is fami­li­ar. It fits the cul­tu­ral nar­ra­ti­ve wher­eby men can’t pos­si­bly be trus­ted with tra­di­tio­nal­ly fema­le responsibilities—from washing up to chan­ging nap­pies, if you lea­ve it to the guys, they’ll eit­her fla­ke out, fuck it up or both. We should sim­ply let them off the hook, and let the women get on with it, grit their tee­th though they may. That’s nature’s way, or God’s, depen­ding on who you ask. But that’s not what hap­pen­ed here. The real sto­ry is more inte­res­t­ing. The real story—of rese­arch hal­ted despi­te most of the men invol­ved being enthu­si­a­stic, and a gre­at many peo­p­le all over the world won­de­ring why the hell male hor­mo­n­al con­tracep­ti­on isn’t a thing yet—is a sto­ry of coll­ec­ti­ve cul­tu­ral resis­tance to sci­en­ti­fic pro­gress. Once again, tech­no­lo­gi­cal advan­ces that could impro­ve people’s lives are on hold becau­se we’re too soci­al­ly back­ward to tell a dif­fe­rent sto­ry about sex, love and gender. 

  • 7 Reasons So Many Guys Don’t Under­stand Sexu­al Con­sent | cra­cked → David Wong über die rol­le der durch kino­fil­me ver­mit­tel­ten män­ner­bil­der und dort posi­tiv gezeich­ne­ten über­grif­fi­gen paa­rungs­si­tua­tio­nen für die aktu­el­le dis­kus­si­on um zustim­mung zum sex

Radwege in Mainz – ein Dauer-Ärgernis

Auch wenn die loka­le CDU das Gegen­teil meint: Die För­de­rung des Rad­ver­kehrs in Mainz geht selbst unter eine grü­nen Ver­kehrs­de­zer­nen­tin nur in mikro­sko­pisch klei­nen Schrit­ten vor­an. Immer wie­der pas­siert so etwas:

baustelle große bleiche, 1

An der Kla­ra­stra­ße ist die Bau­stel­le bereits erkenn­bar – der Rad­weg geht aber unver­dros­sen weiter …

Der Rad­weg an der Gro­ßen Blei­che dürf­te nach den ein­schlä­gi­gen Geset­zen und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten sowie­so nicht benut­zungs­pflich­tig sein (was das Ver­kehrs­de­zer­nat auch seit Jah­ren weiß, aber trotz­dem nicht ändert – doch das ist eine ande­re Geschich­te). Aber Bau­stel­len wie die­se sind eine Kata­stro­phe – übri­gens nicht nur für Rad­fah­re­rin­nen, son­dern auch für die­je­ni­gen, die das zu Fuß unter­wegs sind. Die Benut­zungs­pflicht an der Ein­mün­dung Kla­ra­stra­ße – kei­ne hun­dert Meter von der Bau­stel­le, die den Rad­weg voll­ends und den Fuß­weg teil­wei­se ver­sperrt, ent­fernt – wur­de nicht auf­ge­ho­ben. Schlim­mer noch: Nicht ein­mal an der Bau­stel­le selbst wird der Rad­weg been­det. Nur in der Gegen­rich­tung (!), in der die­ser Rad­weg nicht befah­ren wer­den darf, hängt ein Alibi-„Schild“, das weder ein ordent­li­ches Schild ist noch irgend­ei­ne gesetz­li­che Wir­kung für Fahr­rä­der hat. 

Ich fra­ge mich ja immer, wie so etwas wie­der und wie­der pas­sie­ren kann. Immer­hin hat Mainz eine Rad­ver­kehrs­be­auf­trag­te. Die hat aber offen­sicht­lich kei­ner­lei Inter­es­se dar­an, so etwas zu ver­mei­den – und das wäre ja ein­fach, weil es so schreck­lich abseh­bar und erwart­bar ist: Sie müss­te ja nur mal vor­bei­ra­deln und der Bau­fir­ma erklä­ren, wie das rich­tig geht … 

Nach­trag: Nach mei­nem Hinweis/​Beschwerde und ein paar Tagen War­te­zeit ist die (momen­tan ruhen­de) Bau­stel­le nun sowohl für Fuß­gän­ger als auch für Rad­fah­re­rin­nen ver­nünf­tig pas­sier­bar – es geht also …

web (unsplash.com)

Ins Netz gegangen (2.11.)

Ins Netz gegan­gen am 2.11.:

  • Jens Bal­zer zu Musik­vi­de­os: You­tube kills the You­tube-Star Jus­tin Bie­ber | Ber­li­ner Zei­tung → jens bal­zer über den aktu­el­len zusam­men­hang von pop, stars, you­tube, kon­zer­ten und fans

    Der Ver­such, als real musi­zie­ren­der Mensch auf einer Büh­ne wenigs­tens kurz zu reinkar­nie­ren, schei­tert an der Indif­fe­renz eines Publi­kums, dem es reicht, in vir­tu­el­len Räu­men und bei sich sel­ber zu sein. Der ers­te Star der You­tube-Epo­che wird als deren tra­gi­scher Held von der Büh­ne gekreischt.

  • Was a ser­ver regis­tered to the Trump Orga­niza­ti­on com­mu­ni­ca­ting with Russia’s Alfa Bank? | sla­te → eine total ver­rück­te geschich­te: trump hat(te) einen ser­ver, der (fast) nur mit einem ser­ver der rus­si­schen alfa-bank kom­mu­ni­zier­te. und kei­ner weiß, wie­so, was, war­um – bei­de sei­ten behaup­ten, das kön­ne nicht sein …

    What the sci­en­tists amas­sed wasn’t a smo­king gun. It’s a sug­ges­ti­ve body of evi­dence that doesn’t abso­lut­e­ly pre­clude alter­na­ti­ve expl­ana­ti­ons. But this evi­dence arri­ves in the broa­der con­text of the cam­paign and ever­y­thing else that has come to light: The efforts of Donald Trump’s for­mer cam­paign mana­ger to bring Ukrai­ne into Vla­di­mir Putin’s orbit; the other Trump advi­ser who­se com­mu­ni­ca­ti­ons with seni­or Rus­si­an offi­ci­als have worried intel­li­gence offi­ci­als; the Rus­si­an hack­ing of the DNC and John Podesta’s email.

    (und neben­bei ganz inter­es­sant: dass es spe­zia­lis­ten gibt, die zugriff auf sol­che logs haben …)

  • The Digi­tal Tran­si­ti­on: How the Pre­si­den­ti­al Tran­si­ti­on Works in the Social Media Age | whi​te​house​.gov → die plä­ne der über­ga­be der digi­ta­len mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on (und accounts) des us-prä­si­den­ten. inter­es­sant: dass die inhal­te zwar erhal­ten blei­ben, aber als archiv unter neu­en account-namen. und die „offi­zi­el­len“ accounts geleert über­ge­ben werden.
  • Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um: Lasst uns froh und Luther sein | FAZ → sehr selt­sa­mer text von jür­gen kau­be. am refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um gäbe es eini­ges zu kri­ti­se­ren. aber das ist der fal­sche weg – zum einen ist die evan­ge­li­sche kir­che deutsch­lands kei­ne luther-kir­che (und käß­mann sicher nicht ihre wesent­lichs­te theo­lo­gin). zum ande­ren scheint mir kau­bes kri­tik­punkt vor allem zu sein, dass evan­ge­li­sche theo­lo­gie sich in den 500 jah­ren gewan­delt hat und nicht glei­cher­ma­ßen kon­ser­va­tiv-fun­da­men­ta­lis­tisch-auto­ri­tär ist wie bei luther selbst. was soll das aber?
  • Siri Hust­vedt und Paul Aus­ter | Das Maga­zin → lan­ges gespräch mit hust­vedt und aus­ter, dass sich aber nahe­zu aus­schließ­lich um die poli­ti­sche lage dreht – immer­hin eine hal­be fra­ge gilt auch dem, was sie tun – näm­lich schreiben
  • Das Para­dox der Demo­kra­tie: Judith But­ler über Hil­la­ry Clin­ton | FAZ → lan­ges, gutes inter­view mit judith but­ler über demo­kra­tie, ver­samm­lun­gen, frei­hei­ten, kör­per und identitäten
  • Aids in Ame­ri­ka: HIV kam um 1970 in New York an | Tages­spie­gel → for­scher haben mit gene­ti­schen ana­ly­sen von blut­kon­ser­ven die geschich­te von aids in den usa neu geschrie­ben – nicht pati­ent O war der ers­te, der virus kam schon jah­re vor­her nach new york. span­nend, was heu­te so alles geht …
  • Frank­fur­ter Buch­mes­se „Schwie­ri­ge Lyrik zu einem sehr hohen Preis“ | Ber­li­ner Zei­tung → mal wie­der ein inter­view mit ulf stol­ter­foht zum funk­tio­nie­ren von brue­te­rich press. dem ver­lag wür­de es wahr­schein­lich mehr hel­fen, wenn sei­ne bücher bespro­chen wür­den und nicht nur der verlag ;-) …

    Ich ver­die­ne nicht nur mit dem Schrei­ben kein Geld, ich ver­die­ne auch mit dem Über­set­zen kein Geld. Da möch­te man dann mit dem Ver­le­gen natür­lich auch nichts ver­die­nen. Das berühm­te drit­te unren­ta­ble Stand­bein. Das Para­do­xe an der Sache ist nun aber, dass ich trotz­dem irgend­wie davon leben kann, und das schon ziem­lich lan­ge. Die­se gan­zen nicht oder schlecht bezahl­ten Tätig­kei­ten haben, zumin­dest in mei­nem Fall, dazu geführt, dass eine indi­rek­te Form der Ver­gü­tung statt­fin­det, also etwa in Form von Prei­sen, Sti­pen­di­en, Lehr­tä­tig­kei­ten, Lesun­gen und Mode­ra­tio­nen. Und ich glau­be, dass durch die Ver­le­ge­rei das Spiel­feld noch ein biss­chen grö­ßer gewor­den ist. Das hat jedoch bei der Grün­dung des Ver­lags kei­ne Rol­le gespielt. Den Ver­lag gibt es, weil ich das schon sehr lan­ge machen woll­te. Schrei­ben tue ich ja auch, weil ich das schon immer woll­te. Das reicht mir völ­lig aus als Begrün­dung. Mehr braucht es nicht.

  • „Die Öko­no­mi­sie­rung der Natur ist ein Feh­ler“ | der Frei­tag → bar­ba­ra unmü­ßig, im vor­stand der hein­rich-böll-stif­tung, über „grü­ne öko­no­mie“, not­wen­di­ge umdenk­pro­zes­se und war­um kom­pen­sa­ti­on nicht reicht

    Wir bräuch­ten viel­mehr Mit­tel für den öko­lo­gi­schen Land­bau oder um her­aus­zu­fin­den, wie eine wachs­tums­be­frie­de­te Gesell­schaft und Wirt­schaft aus­se­hen kann. Es liegt ein­deu­tig zu viel Gewicht auf tech­no­lo­gi­schen denn auf sozia­len und kul­tu­rel­len Veränderungen.

    Das ist der wohl größ­te Feh­ler der Grü­nen Öko­no­mie: Din­ge, die nie öko­no­mi­siert waren, zu mes­sen, zu berech­nen, zu öko­no­mi­sie­ren. Die Mone­ta­ri­sie­rung der Natur.

Twitterlieblinge Oktober 2016

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Aus-Lese #49

Carl Ame­ry: Der Unter­gang der Stadt Pas­sau. Sci­ence Fic­tion-Roman. Mün­chen: Hey­ne 1982. 128 Sei­ten. ISBN 978−3−453−30332−4.

amery, untergang der stadt passau (cover)Eigent­lich bin ich ja kein Sci­ence-Fic­tion-Leser und schon gar kein Fan – auf den schma­len Roman von Carl Ame­ry hat mich die „Phantastik“-Ausgabe der Krach­kul­tur gebracht. Der Unter­gang der Stadt Pas­sau ist ein Text, der ganz klar die Vor­ga­ben des Gen­res erfüllt: Nach dem nicht ganz voll­stän­di­gen Unter­gang der Zivi­li­sa­ti­on in Euro­pa sam­meln sich die Res­te der Bevöl­ke­rung lang­sam wie­der in Grup­pen. In Pas­sau eta­bliert sich eine Art Dik­ta­tur, die die Tech­nik der Ver­gan­gen­heit – unter ande­rem Strom­erzeu­gung – noch nutz­bar macht und dafür/​dabei die Land­be­völ­ke­rung unter­drückt und aus­raubt. Es gibt eine Art Show­down mit einer klei­nen Grup­pe Jäger und Sammler/​Landwirten, der in Gewalt und Ver­fol­gung endet. Und eini­ge Gene­ra­tio­nen spä­ter kom­men die Nach­fah­ren die­ser bei­den Abge­sand­ten, um die Stadt Pas­sau – den baby­lo­ni­schen Sün­den­pfuhl (die Par­al­le­len zur bibli­schen Geschich­te sind kein Zufall) dem Erd­bo­den gleich zu machen. Das ist alles eini­ger­ma­ßen kon­ven­tio­nell, aber den­noch ganz geschickt und ein­falls­reich geschrie­ben. Inter­es­sant auch: Was bei Cle­mens Setz Jahr­zehn­te spä­ter als groß­ar­ti­ger Kunst­griff gilt – das Spiel mit ver­schie­de­nen Typo­gra­phien, die ver­schie­de­nen Erzähl­ebe­nen bzw. ‑for­men ent­spre­chen (sie­he unten) -, pas­siert hier bei Ame­ry qua­si neben­bei. Aber halt in einem nicht ernst zu neh­men­den Gen­re, der Sci­ence-Fic­tion. Übri­gens zeigt das mei­nes Erach­tens wie­der mal, wie wenig die Lite­ra­tur­kri­tik mit den Schöp­fun­gen der deut­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te wirk­lich ver­traut ist – oder, um es posi­ti­ver zu sagen: Wie wenig sie die­se Kennt­nis in ihren Kri­ti­ken, die es ja nur in Aus­nah­me­fäl­len ver­mag, wirk­lich his­to­ri­sche (d.h. mehr als zwei, drei Jah­re in die Ver­gan­gen­heit zei­gen­de) Ein­ord­nung oder Tra­di­ti­ons­li­ni­en auf­zu­zei­gen, zeigt und vermittelt …

Es ist eigent­lich alles gut­ge­gan­gen, über­leg­te er. Trotz der Poli­tik. Oder wegen der Poli­tik? (112)

Wolf­gang Mül­ler: Kos­mas. Mit Zeich­nun­gen von Max Mül­ler. Ber­lin: Ver­bre­cher 2011. 187 Sei­ten. ISBN 978−3−940426−70−3.

müller, kosmas (cover)Kos­mas ist eigent­lich nicht viel mehr als eine net­te Kunst­be­trieb-Sati­re, in der Wolf­gang Mül­ler die ver­rück­ten Kaprio­len der Samm­ler und Spe­ku­lan­ten und Künst­ler der Gegen­warts­kunst der Post-Post-Moder­ne um die Jahr­tau­send­wen­de gekonnt auf­spießt (unüber­seh­bar ist die Refe­renz an Dami­en Hirst), die sich ganz und gar von der ästhe­ti­schen Sei­te der Kunst ent­fernt haben und nur noch ihre mone­tä­ren und Auf­merk­sam­keit bzw. Gel­tung pro­du­zie­ren­den Aspek­te – v.a. die Exklu­si­vi­tät und die ent­spre­chen­de Ver­mark­tung – berück­sich­ti­gen und wert­schät­zen. Des­halb läuft sich der Text auch etwas schnell tot: Die Angriffs­zie­le und Waf­fen die­ser Sati­re sind schnell klar – und dann pas­siert eigent­lich nicht mehr viel: Das wird noch ein wenig vari­iert und wei­ter­ge­spon­nen, vor allem aber immer noch eine, hat aber Umdre­hung mehr über­stei­gert. Lei­der hat Mül­ler aber kaum neue Ideen im Ver­lauf des Tex­tes. Immer­hin bleibt der aber auch dann noch amü­sant, so dass man die Lek­tü­re nicht total bereut …

Wu Ming: Altai. Ber­lin: Asso­zia­ti­on A 2016. 352 Sei­ten. ISBN ISBN 978−3−86241−452−9.

wu ming, altai (cover)Als Fort­set­zung von Q (das noch unter dem älte­ren Namen des Schreib­kol­lek­tivs, Luther Blis­set, erschien) ange­prie­sen, erzählt Altai die Vor­ge­schich­te der Schlacht von Lepan­to: Manu­el Car­do­so, ein Spi­on, muss aus Vene­dig flie­hen, weil er der Sabo­ta­ge ver­däch­tigt wird und lan­det in Kon­stan­ti­no­pel. Damit ist der gro­ße, welt­his­to­ri­sche Gel­tung bean­spru­chen­de Rah­mung des Romans schon bei­na­he abge­steckt: Alle drei mono­the­is­ti­schen Reli­gio­nen wer­den hier mehr oder weni­ger kon­fron­ta­tiv zusam­men­ge­bracht – und Car­do­so steht als katho­li­scher Kon­ver­tit im Diens­te eines Judens, der für/​mit den mus­li­mi­schen Herr­schern des Osma­ni­schen Rei­ches arbei­tet, immer im Zen­trum. Bezie­hungs­wei­se fast im Zen­trum: Denn er ist zwar nahe dran, etwa an der Erobe­rung Zyperns und dann eben – als Reak­ti­on dar­auf – in der Schlacht von Lepan­to. Doch ein­grei­fen kann er nicht oder nur so, dass sei­ne Ohn­macht erst recht sicht­bar wird. Das ist also ein his­to­ri­scher Kri­mi – aber ein Kri­mi, den ich über­haupt nicht span­nend fand. Und zwar weder als his­to­ri­schen Roman noch als Kri­mi­nal- oder Ver­schwö­rungs­ge­schich­te. Der gan­ze Text ist letzt­lich nicht im glei­chen Maße über­zeu­gend und fas­zi­nie­rend wie Q – auch wenn er sich der glei­chen Mit­tel bedient: Bericht aus „zwei­ter Rei­he“, Erle­ben des Ent­ste­hens und Gesche­hens von (Welt-)Geschichte aus ande­rer Per­spek­ti­ve etc… Aber: Zum einen ist Car­do­so und damit der Erzäh­ler viel näher dran an der Macht, zum ande­ren schien mir das alles viel kon­stru­ier­ter. Und vie­le Beschrei­bun­gen und Erzäh­lungs­strän­ge blei­ben für mich sche­ma­tisch, blass und leb­los. Das gilt vor allem für unge­fähr die ers­ten bei­den Drit­tel – das ist total zer­fa­sert und unhar­mo­nisch. Danach wird es bes­ser, weil kon­zen­trier­ter und span­nen­der. Die Grau­sam­keit der Bela­ge­rung von Fama­gus­ta auf Zypern durch die Tür­ken (und auch die Schlacht von Lepan­to) wird dann durch­aus fes­selnd geschil­dert. Aber ein Pro­blem bleibt: Die Figu­ren wir­ken alle wie am Reiß­brett ent­wor­fen: ein­di­men­sio­nal, flach und leb­los. Und des­halb bleibt Altai dann ein zwar flott les­ba­rer, aber eher lang­wei­li­ger Roman. Fort­set­zun­gen von Erfolgs­bü­chern sind eben nicht einfach …

Sei­ne ver­gan­ge­nen Leben ver­blas­sen, er weiß nicht, was ihn noch erwar­tet, und die Gegen­wart zeigt sich nur in ver­schwom­me­nen Umris­sen. Des­halb nimmt er alles mit, was er im Lau­fe der Jah­re auf­ge­schrie­ben hat.
Aber das genügt nicht.
Er steckt eine Spie­gel­scher­be ein. Er will sicher­ge­hen, dass er sich am Ende der Rei­se wie­der­erkennt. (90)

Jean Genet: Que­rel­le. Rein­bek: Rowohlt 1974 [1955]. 221 Sei­ten. ISBN 3499116847.

Der Gang der Ereig­nis­se in die­sem Buch muß sich beschleu­ni­gen. Es wäre wich­tig, der Erzäh­lung das Fleisch so abzu­lö­sen, daß allein ihr Kno­chen­ge­rüst übrig­blie­be. Indes­sen, die blo­ße Wie­der­ga­be der Tat­sa­chen kann nicht genü­gen. Hier eini­ge Erklä­run­gen: Wer dar­über erstaunt ist (wir sagen lie­ber erstaunt als erregt oder ent­rüs­tet, um deut­li­cher zu zei­gen, daß die­ser Roman demons­tra­tiv sein will), daß Que­rel­le bei Gils Ver­haf­tung, die er den Abend zuvor ver­an­laßt hat­te, Schmerz emp­fand, der möge den Ablauf sei­ner Aben­teu­er über­bli­cken. Er tötet, um zu rau­ben. Wenn der Mord voll­bracht ist, ist der Dieb­stahl zwar nicht gerecht­fer­tigt – eher möch­te man die Mei­nung wagen, daß der Mord durch den Dieb­stahl gerecht­fer­tigt sein könn­te -, aber er ist gehei­ligt. Offen­bar ließ der Zufall Que­rel­le die mora­li­sche Kraft des Dieb­stahls, der vom Mord gekrönt und zunich­te gemacht wird, erfah­ren. (192)

genet, querelle (cover)Der Que­rel­le – benannt nach sei­nem (Anti-)Helden – von Jean Genet ist ein soge­nann­ter „berühmt-berüch­tig­ter“ Text (Was wohl auch heißt, dass er heu­te zwar ger­ne mal anzi­tiert, aber wohl sel­te­ner gele­sen wird). Er beglei­tet den Matro­sen und Mör­der Que­rel­le, einen viel­fa­chen Außen­sei­ter (Bise­xu­el­ler, Dieb, Seri­en­mör­der, Matro­se …), des­sen Leben und Lie­ben außer­halb der Gesell­schaft und der Kom­mu­ni­ka­ti­on und der gesell­schaft­lich akzep­tie­ren Form der Lie­be immer wie­der gezeigt wird. Und zwar in aller Schwär­ze und Ver­zweif­lung gezeigt und beschrie­ben, aber auch in allen Ver­äs­te­lun­gen und Ver­ir­run­gen. Das ist ein aus­ge­spro­chen gran­dio­ser Text, der auch heu­te noch mit sei­ner Genau­ig­keit und sei­ner Dras­tik glei­cher­ma­ßen auf­rüt­teln kann. Wie der direkt nach dem Zwei­ten Welt­krieg – das fran­zö­si­sche Ori­gi­nal erschien schon 1947 – gewirkt haben muss, kann man sich kaum mehr vor­stel­len. Die unbarm­her­zi­ge Dar­stel­lung der phy­si­schen und emo­tio­na­len Gewalt, die Gemenge­la­ge aus Lie­be, Begeh­ren, Hass, Ver­rat und Gewalt „erzählt“ Genet mit einer unge­heu­ren Detail­ge­nau­ig­keit gera­de im psy­cho­lo­gi­schen: Das ist immer wie­der faszinierend.
Aber es ist nicht nur the­ma­tisch, son­dern auch for­mal durch­aus inter­es­sant, weil Genet alles ande­re als tra­di­tio­nell erzählt: mit der Inkor­po­ra­ti­on des Tage­buchs des Leu­ten­ant Sel­bon schafft Genet zum Bei­spiel eine Außen­per­spek­ti­ve aus unmit­tel­ba­rer Nähe auf Que­rel­le, die sein eigent­li­cher Erzäh­ler nicht her­gibt. Dazu gehört aber auch die etwas durch­ein­an­der­ge­würf­tel­te Chro­no­lo­gie, die har­ten Schnit­ten und Mon­ta­gen des Tex­tes. Und – auch etwas, was ich ger­ne lese – ein Erzäh­ler, der sich selbst the­ma­ti­siert. Mir scheint, die nimmt im Lauf des Tex­tes deut­lich zu: Es scheint dem Erzäh­ler zuneh­mend wich­ti­ger zu wer­den, sich selbst und sein Tun – also das Erzäh­len die­ses „selt­sa­men“ Stof­fes – zu recht­fer­ti­gen und zu erklären.

Indem wir die psy­cho­lo­gi­sche Bewe­gung unse­rer Hel­den beschrei­ben, wol­len wir unse­re See­le zuta­ge för­dern. Die­ses frei­mü­ti­ge Bekennt­nis der Hal­tung, die wir wäh­len wür­den – viel­leicht ange­sichts oder viel­mehr in Vor­aus­sicht eines ersehn­ten Endes -, führt uns zur Ent­de­ckung jener gege­be­nen Welt der Psy­cho­lo­gie, auf die sich die Frei­heit der Wahl stützt, aber wenn es im Inter­es­se der Hand­lich erfor­der­lich ist, daß einer der Hel­den eine Ent­schei­dung trifft und über­legt, sind wir plötz­lich der Will­kür preis­ge­ge­ben: Das Geschöpf löst sich von sei­nem Autor. Es son­dert sich ab. Wir müß­ten also zuge­ben, daß einer der Fak­to­ren, aus denen sich unser Held zusam­men­setzt, nach­träg­lich vom Autor ent­deckt wer­den wird. (201)

Cle­mens J. Setz: Indi­go. Ber­lin: Suhr­kamp 2013. 479 Sei­ten. ISBN 978−3−518−46477−9.

Die Gedan­ken lau­fen in merk­wür­di­gen Bah­nen. Dadurch ensteht sehr viel Kunst. Ja, auch sub­ver­si­ve, natür­lich. (403)

clemens j. setz, indigo (cover)Gele­sen habe ich das vor allem, weil Indi­go als eine Art Exemp­lum für eine Buch­ge­stal­tung gilt, die die inhalt­li­chen und for­ma­len Aspek­te des Tex­tes sehr genau auf­nimmt. Oder umge­kehrt: Weil der Text gestal­te­ri­sche Ele­men­te – Schrift­ar­ten zum Bei­spiel, auch (Pseudo-)Zitate und hand­schrift­li­che Fak­si­mi­les – zum Teil sei­ner selbst macht, also eine sol­che buch­ge­stal­te­ri­sche Arbeit (die sich bis zum Umschlag erstreckt) gera­de­zu vor­aus­setzt. Judith Schal­an­sky hat das sehr schön umge­setzt. Indi­go erzählt von einer Art Krank­heit oder Gen­de­fekt, der dazu führt, dass Kin­der ihre Umge­bung krank machen – so krank, dass Nähe nicht mög­lich ist. Er tut das eben auf sehr ver­schie­de­ne Wei­se: Als Bericht, als Samm­lung von Medi­en­be­rich­ten, Augen­zeu­gen etc., von his­to­ri­schen Berich­ten ähn­li­cher Phä­no­me­ne in ver­schie­de­nen Map­pen. Das wird im Buch (das trotz der diver­gen­ten Mate­ria­li­en, die es schein­bar (!) inkor­po­riert, aber doch ein Buch bleibt, das in einem klas­si­schen Buch­block gedruckt und gebun­den ist (anders als etwa in Doug Dorsts S.) dann geschickt und viel­fäl­tig kom­bi­niert. Hand­werk­lich ist das, auch erzähl­tech­nisch, durch­aus inter­es­sant. Mir ist nur nicht ganz klar gewor­den, was Setz hier eigent­lich erzäh­len will …

Wie schön das aus­sah, wenn Papier ver­brann­te. Man soll­te jeden Tag etwas ver­bren­nen, so wie man sich jeden Tag die Zäh­ne putzt. (473)

Micha­el Ange­le: Der letz­te Zei­tungs­le­ser. Ber­lin: Galia­ni 2016. ebook. ISBN 978−3−86971−128−7.

angele, zeitungsleser (cover)Nun ja, das ist doch arg mager: Der letz­te Zei­tungs­le­ser ist eine Ver­klä­rung von Zei­tungs­le­sern wie Tho­mas Bern­hard (der taucht immer wie­der auf) oder Claus Pey­mann, die täg­lich reich­hal­ti­ges Zei­tungs­me­nu zu sich neh­men und dar­aus viel und wesent­li­ches schöp­fen. Mit der Rea­li­tät scheint mir das nur sehr aus­zugs­wei­se über­ein­zu­stim­men: Ja, sol­che empha­ti­schen Zei­tungs­lek­tü­ren gab und gibt es. Aber sie sind Aus­nah­men. Die Wirk­lich­keit der Mas­se – und die braucht die Zei­tung als sol­che ja gera­de! – ist schon immer viel, viel pro­sa­ischer und lang­wei­li­ger, aber auch weni­ger kul­tur- und staats­tra­gend (frei­lich, sowohl Bou­le­vard­zei­tungs­le­ser als sol­che als auch Poli­tik kom­men bein Ange­le nicht wirk­lich vor).
Schön zeigt sich sei­ne Ver­klä­rung des „tra­di­tio­nel­len“ Zei­tungs­le­sens bei sei­ner Gegen­über­stel­lung von Kos­mo­po­li­tis­mus und Glo­ba­li­sie­rung: Ers­te­res ist Zei­tungs­le­sen – weil ein Zei­tungs­le­ser (bei Ange­le geht es eh’ nur um Män­ner) Zei­tun­gen aus aller Welt, am bes­ten im Café oder Kaf­fee­haus, liest. Schon das ist mei­nes Erach­tens eine maß­lo­se Über­trei­bung und Über­schät­zung – weil ja auch so vie­le Zei­tun­gen aus aller Welt lesen/​lasen … Letz­te­res, also Glo­ba­li­sie­rung, ist angeb­lich digi­ta­les Infor­mie­ren. Denn dann wird angeb­lich noch Spie­gel online über­all auf der Welt gele­sen. Unter­schlägt das aber nicht voll­kom­men die Viel­zahl der (genutz­ten!) Mög­lich­kei­ten der Lek­tü­ren, die das Inter­net erst ermög­licht: Gut, oft mögen das (wie bei mir z.B.) nur zwei Spra­chen, etwa Deutsch und Eng­lisch, sein. Aber ohne Inter­net wür­de ich von eng­lisch­spra­chi­gen Publi­ka­tio­nen aus UK und USA ziem­lich sicher genau nichts wahr­neh­men. Gut, Ange­le wür­de jetzt ein­wen­den: Das ist kei­ne Zei­tungs­lek­tü­re, weil die Bün­de­lung etc. fehlt, die das inter­es­se­lo­se Lesen (das er offen­bar sehr schätzt), das aller­dings eher ein flüch­ti­ges Anschau­en und Durch­blät­tern ist, und die damit ein­her­ge­hen­den Ent­de­ckun­gen von Sku­ri­li­tä­ten und Kurio­sa ermög­licht. Dafür gibt es im Netz eben ande­re Zufalls­mo­men­te, ande­re Seren­di­pi­tä­ten, um die­sen schö­nen Aus­druck zu verwenden …
Mir stellt sich Ange­les Essay des­halb eher als ein Abge­sang auf eine gute, alte Zeit dar, die nie so gut war, wie er sie ver­klä­rend dar­stellt. Das hat wahr­schein­lich einen genau­so gro­ßen (kul­tur­so­zio­lo­gi­schen) Wert wie Ador­nos Typo­lo­gie der Musikhörer …

außerdem gelesen:

  • Ger­ty Spies: Des Unschul­di­gen Schuld. Eine Aus­wahl aus dem Werk. Mainz: Lan­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung 2016. 52 Sei­ten. ISBN 9783892890379.
  • Micha Brum­lik: Wann, wenn nicht jetzt? Ver­such über die Gegen­wart des Juden­tums. 2. Auf­la­ge. Ber­lin: Neo­fe­lis 2016 (Rela­tio­nen – Essays zur Gegen­wart 3). 130 Sei­ten. ISBN 978−3−95808−032−4.
  • Oswald Egger: Was nicht gesagt ist. Göt­tin­gen: Wall­stein 2016 (Ber­li­ner Rede zur Poe­sie 1). 42 Sei­ten. ISBN 9783835319820.
  • Didier Eri­bon: Rück­kehr nach Reims. Ber­lin: Suhr­kamp 2016. ebook. ISBN 978−3−518−74439−0.
  • Jan Vol­ker Röh­nert, Romi­na Niko­lić (Hrsg.): Dem Meis­ter des lan­gen Atems. Pau­lus Böh­mer zu Ehren. Frank­furt am Main: Edi­ti­on Faust 2016. 211 Sei­ten. ISBN 978−3−945400−36−4.
  • Klaus Hof­fer: Bei den Bie­resch. Halb­wegs /​Der gro­ße Pot­latsch. 2. Auf­la­ge. Wien, Graz: Dro­schl 2007. 272 Sei­ten. ISBN 978−3−85420−718−4. (drit­te Lek­tü­re – immer noch großartig …)
  • Edit #69 (wun­der­ba­re Aus­ga­be, mit sehr guten Tex­ten von u. a. Ann Cot­ten, Ger­hard Falk­ner und Ulri­ke Almut Sandig
  • Poet #21
  • Rand­num­mer #6

Unver­schämt­heit ist Ver­trau­en auf unse­ren Geist, auf unser Aus­drucks­ver­mö­gen. Jean Genet, Que­rel­le, 168

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