Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: theater

eislermaterial

end­lich habe ich es ein­mal geschafft, hei­ner goeb­bels eis­ler­ma­te­ri­al auch ein­mal live zu sehen – das ensem­ble modern und joseph bier­bich­ler sind ja erst acht jah­re mit der pro­duk­ti­on unter­wegs. und ihre cd (bei ecm erschie­nen) gehört schon lan­ge zu mei­nen liebs­ten und meistgespielten.

was mich unge­heu­er beein­druckt hat: wie stark die­se musik, mit­samt ihren mini­ma­lis­ti­schen sze­ni­schen ele­men­ten (der büh­nen­auf­bau vor allem mit der klei­nen, kaum erkenn­ba­ren eis­sler-sta­tu­et­te in der mit­te, die im zum zuschau­er­raum offe­nen u sit­zen­den musi­ker, weit ver­teil über die gan­ze büh­nen­rän­der, auf ein­fa­chen schwar­zen bän­ken, mit beson­ders ein­fa­chen noten­stän­dern, die wech­seln­den licht­stim­mun­gen – ganz unauf­dring­lich, aber eben, typisch für goeb­bels-pro­duk­tio­nen, stim­mig bis ins letz­te detail) immer noch auf mich wirkt, auch wenn ich sie eigent­lich schon tau­send­mal gehört habe und wirk­lich sehr gut kenne.

befrem­det hat mich ande­rer­seits, wie lus­tig das publi­kum war, an welch unpas­sen­den stel­len es zu teils ziem­lich hef­ti­gem geläch­ter kam – die eis­sler-lie­der sind in mei­nen augen eher tra­gi­sche zeug­nis­se als komisch. denn gera­de mit ihrer unbän­di­gen hoff­nung auf eine bes­se­re (arbeiter-)welt, ihren glau­ben an die mög­lich­keit einer revo­lu­ti­on, sind sie, kon­fron­tiert man sie mit der unver­än­dert bedrü­cken­den­den (glo­ba­len) wirk­lich­keit, eigent­lich tra­gisch: nach so vie­len jah­ren sind sie immer noch kein schnee von ges­tern, nicht ver­gan­gen­heit – etwas schlim­me­res kann ihnen, betrach­tet man sie von dem stand­punkt ihrer ent­ste­hung aus, eigent­lich gar nicht pas­sie­ren. lus­tig sind dabei für mich allen­falls tei­le der bei­den hör­mu­si­ken, die goeb­bels aus ton­band­kon­ser­ven von äuße­run­gen eis­slers zusam­men­ge­schnit­ten hat. die waren ton­tech­nisch aller­dings auch am wenigs­ten über­zeu­gend, sie fan­den kei­nen platz im raum des frank­fur­ter schau­spiels. die musik dage­gen ist live um län­gen bes­ser als die – eigent­lich auch nicht schlech­te – cd-ver­si­on. mit einem klei­nen man­ko: die stim­me von bier­bich­ler, elek­tro­nisch ver­stärkt, ist ziem­lich stark abge­ho­ben. aber das fügt sich nach weni­gen minu­ten auch. die musik an sich ist vor allem um ein viel­fa­ches plas­ti­scher und durch­hör­ba­rer. die sam­pler-spur bei­spiels­wei­se ist durch­weg erheb­lich deut­li­cher wahr­zu­neh­men als auf der auf­nah­me. auch sonst ist die gro­ße räum­lich­keit, die weit aus­ein­an­der­ge­zo­ge­nen musi­ker – es sind ja nur 15 leu­te, die über rund um die nicht gera­de klei­ne büh­ne ver­teilt sind – live natür­lich erheb­lich dras­ti­scher und ein­drück­li­cher zu erleben.

die hohe kraft die­ser musik auf mein gemüt hat aber vor allem eine quel­le: joseph bier­bich­ler. ihn als sän­ger zu nut­zen war ein­deu­tig ein genie­streich hei­ner goeb­bels. denn gera­de sei­ne etwas zitt­ri­ge stim­me, sei­ne klei­nen unsi­cher­hei­ten – etwa sein nicht gera­de sel­te­nes leich­tes vor­an­ei­len – ver­lei­hen dem gan­zen eine fas­zi­nie­ren­de, unge­heu­re authen­ti­zi­tät. wie er am ende der wie­gen­lie­der für arbei­ter­müt­ter die letz­ten wör­ter spre­chend leicht nach oben zieht und so das gan­ze gleich immer wie­der in zwei­fel zieht, das ist ein­fach wahn­sinn: so viel wir­kung mit so wenig auf­wand, so prä­zi­se gesetzt. dane­ben sind es aber auch, das ist mir hier beson­ders deut­lich gewor­den, die fan­tas­ti­schen arran­ge­ments goeb­bels, die dem gan­zen nicht nur eine musi­ka­li­sche geschlos­sen­heit, son­dern auch über­zeu­gungs­kraft und emo­tio­na­li­tät ver­lei­hen. also ein­fach ein wahn­sin­nig gutes kunstwerk.

oper – eine aussterbende kunst

war’s das dann schon? stirbt die oper als kunst­form und gat­tung jetzt nach 400 jah­ren oder so tat­säch­lich doch noch aus? und nur, weil kei­ner mehr hin­geht? mög­lich ist das – und es scheint immer wahr­schein­li­cher zu wer­den. jens mal­te fischer hat im aktu­el­len mer­kur (heft 691, novem­ber 2006, s. 1067–1072) schon fast einen nach­ruf geschrie­ben. er ist nicht sehr zuver­sicht­lich, was die zukunft des musik­thea­ters angeht – das zeigt schon der titel: oper wohin? schon im ers­ten absatz schreibt fischer, mit sicher­heit alles ande­re als ein ver­äch­ter der oper: “wohin sie geht, ist unkla­rer denn je.” aku­tel­ler anlass für die aus­las­sun­gen fischers ist unter ande­rem der ber­li­ner wahl­kampf, in dem die oper(nhäuser) ja wie­der mal eine gro­ße rol­le spiel­ten – heu­te ist bekannt gewor­den, dass der kul­tur­se­na­tor ber­lins in der neu­en regie­rung nicht mehr exis­tiert, sei­ne auf­ga­ben wer­den vom regie­ren­den bür­ger­meis­ter (”des­sen ver­hält­nis zur kul­tur als bes­ten­falls unge­klärt zu bezeich­nen ist” (fischer)) übernommen.das grund­le­gen­de pro­blem für fischer ist fol­gen­des: oper ist auf­wän­dig und teu­er. die ein­nah­men der opern­häu­ser kön­nen aber nicht belie­big erhöht wer­den: “opern­kar­ten sind bereits über­all in deutsd­ch­land nicht ganz bil­lig, wenn man nicht cle­ver, stu­dent oder schü­ler, steh­platz­kom­pa­ti­bel ist, am bes­ten alles zusam­men. daß die deut­schen für urlaubs­rei­sen unend­lich viel mehr aus­ge­ben als für kul­tur, wird man ihnen nicht mehr aus­re­den kön­nen, da das recht auf urlaubs­rei­sen ja im grund­ge­setz ver­an­kert ist.” trotz­dem, es gibt sie ja immer (noch), die opern­be­su­cher und ‑fans: es gilt wei­ter­hin, “daß pro jahr in deutsch­land mehr men­schen die thea­ter, kon­zer­te und fest­spie­le besu­chen als die fuß­ball­sta­di­en, aber es ist nun ein­mal so: 35,6 mil­lio­nen besu­cher waren es in der spiel­zeit 2003/​2004.” und das alles for­dert ja gera­de mal einen rela­tiv gese­hen aus­ge­spro­chen lächer­li­chen anteil der öffent­li­chen aus­ga­ben – bei groß­zü­gi­ger rech­nung, also bei wei­tem nicht nur oper, sind es auf allen glie­de­rungs­ebe­nen seit ewig­kei­ten unge­fähr 0,2 pro­zent! die oper ist nur, wegen ihrer aus­ge­spro­chen hohen fes­ten kos­ten (orches­ter, chor, etc. pp.) “der pro­ble­ma­tischs­te ort der deut­schen theaterlandschaft”.

pro­ble­ma­tisch ist das vor allem, weil die oper rasant an publi­kum ver­liert: rasen­de über­al­te­rung etwa – “gäbe es in den opern­häu­sern (auch inter­na­tio­nal gese­hen) nicht einen treu­en stamm der schwu­len opern­freak-kul­tur, [ ] wäre das bild noch deso­la­ter.” denn wor­aus rekru­tier­te sich das opern­pu­bli­kum: in ers­ter linie aus dem (bildungs-)bürgertum. doch das “zer­fällt zu staub wie dra­cu­la in den alten ham­mer-fil­men”. – und dann wird es rich­tig düs­ter: “das publi­kum wächst ein­fach nicht mehr nach, und damit feh­len die ver­tei­di­ger der kunst­form oper, wenn sie gefähr­det ist. der zur unkennt­lich­keit mini­miert musik­un­ter­richt in den schu­len umgeht die oper weit­räu­mig”, “an den uni­ver­si­tä­ten kommt die oper so gut wie gar nicht vor.” vor allem aber muss fischer (das ist weder neu noch beson­ders über­ra­schend für jeden, der ab und an opern besucht ) fest­stel­len: “das opern­pu­bli­kum in aller welt ist, man muß es lei­der so deut­lich sagen, das reak­tio­närs­te und dümms­te von allen thea­ter­pu­bli­ka (des­we­gen füh­len sich die spon­so­ren auch dort so wohl), liebt aber die kom­pli­zier­tes­te, anspruchs­volls­te und anfor­de­rungs­reichs­te kunst­form über­haupt.” – sehr schön und genau auf den punkt gebracht, die­se ewi­ge para­do­xie, aus der es heu­te weni­ger denn je einen aus­weg zu geben scheint. denn “oper erfor­dert, um tie­fen­wir­kung ent­fal­ten zu kön­nen, eine gewis­se anstren­gung des zuhö­rens, lesens, vor- und nach­be­rei­tens. begrei­fen, was einen ergreift, daß heißt gera­de in der oper mehr zu inves­tie­ren als die kur­ze lust des augen­blicks, das opern­haus ist kein stun­den­ho­tel.” aber genau das bräuch­te der aller­größ­te teil des publi­kums heu­te und genau so ver­hält er sich auch in der oper die bestands­auf­nah­me der trau­ri­gen situa­ti­on hat fischer damit schon ziem­lich been­det – gut, oper wird es auch wei­ter­hin geben, aber wohl nur in der schwund­form der kul­tur­in­dus­tri­el­len popu­la­ri­sie­rung, die ja schon deut­lich zuge­nom­men hat – lösun­gen weiß fischer halt auch kei­ne. gibt es aber auch gar kei­ne: denn nötig wäre ein­fach eine ästhe­ti­sche erzie­hung des vol­kes im gesam­ten, ein bewusst­sein für den wert sol­cher anstren­gen­den kul­tur, nicht nur ihrer fest­li­chen äußerlichkeiten 

ach ja, ein hüb­scher sei­ten­hieb fehlt noch: “der hirn- und maß­stabs­lo­se rum­mel um eine stimm­lich begab­te, als künst­le­rin und inter­pre­tin unter­ent­wi­ckel­te sopra­nis­tin namens anna netreb­ko zeigt, daß die kul­tur­in­dus­trie inzwi­schen auch im opern­be­reich alles durch­set­zen kann, was ihr beliebt.”

die buschtrommelt wirbelt im patat herum

die busch­trom­mel ist nicht nur ein kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um, son­dern macht auch eine men­ge krach. einen bes­se­ren namen kann sich ein kaba­rett-trio also eigent­lich gar nicht geben. denn die drei män­ner, die da wie­der ein­mal im patat auf der büh­ne ste­hen, hau­en denn auch so rich­tig auf die pau­ke. sie tun dies schon seit fünf­zehn jah­ren – also noch län­ger als die michel­städ­ter klein­kunst­büh­ne. aber immer­hin kön­nen sie gemein­sam fei­ern. und die­ses dop­pel­te jubi­lä­ums­pro­gramm hat es in sich. denn die busch­trom­mel ist ein ech­ter wir­bel­sturm. die drei män­ner schlüp­fen geschmei­dig von einer rol­le in die nächs­te: schau­spie­le­ri­sche ver­wand­lungs­küns­te sind ohne zwei­fel das größ­te an die­sem trio. wie etwa andre­as brei­ing den engel adolf hit­ler gibt, der sich bei den deut­schen ent­schul­di­gen möch­te und dabei unun­ter­bro­chen unter auf­bie­tung absur­der zun­gen­akro­ba­tik damit zu kämp­fen hat, sein fal­schen bärt­chen am rich­ti­gen platz zu hal­ten, ist wun­der­bar gro­tesk. oder wie jörg fabri­zi­us als auf­schwung­be­auf­tra­ger für die not­wen­di­ge posi­ti­ve grund­hal­tung in der bevöl­ke­rung sorgt, indem er den ewi­gen nörg­lern und pes­si­mis­ten seri­en­wei­se das lebens­licht aus­pus­tet – aber immer auf ganz indi­vi­du­el­le art! – das hat ein­fach klas­se. und natür­lich lud­ger wil­helm, der bei sei­ner geburt 15 minu­ten, nein 20, ach was, fast 30 minu­ten ohne sau­er­stoff aus­kom­men muss­te. man merkt es aber fast gar nicht. ande­rer­seits wäre sonst aber wohl nie so ein treff­li­cher assi aus dem ruhr­pott aus ihm gewor­den, der unter auf­bie­tung aller sei­ner bescheid­nen krea­ti­ven kräf­te ver­sucht, eine mög­lichst bil­li­ge beer­di­gung für sei­ne oma zu orga­ni­sie­ren– bei ihm wird das frei­lich schnell zu einer rechen­auf­ga­be und endet natür­lich in der total maka­bren ent­sor­gung mit­ten auf der düs­sel­dor­fer kö.

so kalau­ern sich die drei müns­te­ra­ner durch die „gefühl­ten höhe­punk­te“ ihre letz­ten jah­re. doch gefüh­le sind nicht immer die bes­ten pro­gramm­ma­na­ger. vor allem nach der pau­se hat­te das trio näm­lich so eini­ge durch­hän­ger: die wit­ze über ulla schmidt – lie­be­voll als todes­en­gel apo­stro­phiert – sind eben nicht mehr so ganz brand­neu. und auch zum rest­li­chen ber­li­ner per­so­nal fällt ihnen nicht all­zu viel neu­es ein. die beob­ach­tung der „mer­kel­sche unschär­fe­re­la­ti­on“ ist da noch ein ech­tes high­light. bes­ser sind die drei aber sowie­so da, wo es nicht um genu­in poli­ti­sche, son­dern um gesell­schaft­li­che phä­no­me­ne geht. als zyni­sche beob­ach­ter und kom­men­ta­to­ren des sozia­len elends, die sich immer brav aus allem her­aus­hal­ten und mun­ter wet­ten abschlie­ßen, wann der jun­kie von gegen­über wohl end­lich auf­hört, sich zu bewe­gen, sind sie nicht zu schla­gen. und ihre ulti­ma­ti­ve lösung des schul­den­pro­blems der brd hat auch eini­ges für sich: sie über­tra­gen die paar bil­lio­nen euro mie­se dem unter­neh­men „omer­tà“, das zwar auch nicht viel geld ein­trei­ben kann, mit don pas­qua­le und der schlag­kräf­ti­gen unter­stüt­zung von lui­gi aber immer­hin den ernst der lage ver­deut­lich ver­mag. von dort ist es dann auch nur noch ein klit­ze­klei­ner schritt zum inter­na­tio­na­len ter­ror. der besteht wahl­wei­se aus dem ver­fas­sungs­schutz, der längst alle ehe­mals ter­ro­ris­ti­schen zel­len unter­wan­dert hat, der spd, die immer über­all ihre fäden zieht, oder der neu­en cd von tokio hotel. sich selbst hät­ten sie eigent­lich auch gleich noch dazu zäh­len kön­nen. aber die busch­trom­mel singt doch wesent­lich bes­ser als die tee­nie-band. und ist auch erwach­se­ner. zumin­dest ein bisschen.

strauss und das musiktheater – ein weites, aber sehr verholztes und ausgelaugtes feld

sam­mel­bän­de zu bespre­chen ist meist kei­ne beson­ders dank­ba­re auf­ga­be – das edi­tie­ren aller­dings oft auch nicht. die regel­mä­ßig über­gro­ße zahl der bei­trä­ge, ihre metho­di­sche und the­ma­ti­sche viel­falt und oft auch noch ihre stark diver­gie­ren­de qua­li­tät machen ein ein­heit­li­ches urteil fast unmög­lich. das gilt auch für den band „richard strauss und das musik­thea­ter“, der die vor­trä­ge der gleich­na­mi­gen inter­na­tio­na­len fach­kon­fe­renz in bochum 2001 ver­sam­melt. schon der titel zeigt ja an, wie umfas­send das spek­trum sein wird. zwei dut­zend bei­trä­ge unter­schied­lichs­ten umfangs und erkennt­nis­dich­te fül­len dann auch gut vier­hun­dert sei­ten. und die her­aus­ge­be­rin julia lieb­scher betont auch aus­drück­lich, das richard strauss aus allen mög­li­chen blick­win­keln betrach­tet wer­den soll, im ver­ein mit thea­ter- und film­wis­sen­schaft, mit der libretto­for­schung und der dra­ma­tur­gie. den ange­streb­ten „metho­do­lo­gi­schen plu­ra­lis­mus“ hebt sie zudem beson­ders hervor.

ein zwei­ter leit­ge­dan­ke, der die meis­ten arbei­ten prägt, ist die über­zeu­gung von der moder­ni­tät und fort­schritt­lich­keit sowie der „uni­ver­sa­li­tät“ des strauss’schen oeu­vre: „zwei­fel­los ist strauss als letz­ter musi­ker der euro­päi­schen muik­ge­schich­te zu wür­di­gen, der jene uni­ver­sa­li­tät der musi­ka­li­schen kul­tur reprä­sen­tier­te, die in den plu­ra­len kunst­strö­mun­gen und spe­zia­li­sie­run­gen des 20. jahr­hun­derts end­gül­tig zer­bro­chen ist“ heißt es in der ein­füh­rung von lieb­scher. den anhal­ten­den ruhm strauss’ auf die­se fak­to­ren zurück­zu­füh­ren, hat sich ja in den letz­ten jah­ren – gegen etwa ador­nos frü­hes ver­dikt – zuneh­mend durchgesetzt.

der ers­te teil des ban­des ist „musi­ka­li­sche dra­ma­tur­gie“ über­schrie­ben und wid­met sich vor allem den ver­schie­de­nen for­men der über­füh­rung des (theater-)textes in musik­thea­ter. und obwohl er damit auf eine lan­ge for­schungs­tra­di­ti­on auf­bau­en kann, ist er doch ins­ge­samt der schwächs­te teil des ban­des. die meis­ten auf­sät­ze kau­en näm­lich bloß – teil­wei­se sehr minu­ti­ös – die ent­ste­hungs­ge­schich­ten, die pro­zes­se der zusam­men­ar­beit zwi­schen libret­tist und kom­po­nist, also die trans­for­ma­tio­nen von thea­ter in oper bzw. musik­thea­ter, durch. beson­de­re erkennt­nis­se erwach­sen dar­aus nicht oder zumin­dest arg sel­ten. eine deut­li­che aus­nah­me ist aller­dings jür­gen maeh­ders gekonn­te stu­die zur „klang­far­ben­kom­po­si­ti­on und dra­ma­ti­schen instru­men­ta­ti­ons­kunst in den opern von richard strauss“. die­se grund­le­gen­de arbeit, eine instru­men­ta­ti­ons­ana­ly­se in der nach­fol­ge von egon wel­lesz, macht sich die „inter­de­pen­denz von klang­far­be und orches­ter­satz“ mit der dra­ma­tur­gi­schen akti­on zu ihrem the­ma. und genau in die­ser schnitt­men­ge begibt er sich auf die suche nach der werk­in­ten­ti­on – eine müh­sa­me auf­ga­be. vor allem die ein­füh­rung neu­er instru­men­te, die erwei­te­rung und ver­dich­tung des appa­ra­tes las­sen maeh­der dann strauss als nach­fol­ger und fort­set­zer der bemü­hun­gen richard wag­ners erken­nen – ein nach­fol­ger, der aller­dings weit über sei­nen vor­gän­ger hin­aus­reicht. das vor­drin­gen in und aus­lo­ten von grenz­be­rei­chen orches­tra­ler klang­far­ben wie dem ton­hö­hen­lo­sen akkord und dem über­gang zum geräusch, dem umschwung des ver­schmel­zungs­klan­ges in die ver­schleie­rung beto­nen die fort­schritt­lich­keit des opern­kom­po­nis­ten: „durch wech­sel­sei­ti­ge dena­tu­rie­rung der ein­zel­nen töne erzeug­te der kom­po­nist das ers­te »syn­the­ti­sche geräusch« der musik­ge­schich­te, den grenz­fall extre­men instru­men­ta­to­ri­schen raf­fi­ne­ments.“ und mit der hil­fe einer detail­lier­ten situ­ie­rung der strauss’schen tech­ni­ken in der orchestra­ti­ons­tech­nik des fin de siè­cle kann maeh­der zu dem schluss kom­men, dass mit strauss der abschied von der epi­go­na­len nach­fol­ge des musik­dra­mas aus der „ein­sicht in das inners­te sei­ner musi­ka­li­schen spra­che“ voll­zo­gen wor­den sei.

der zwei­te teil, „insze­nie­rung – dar­stel­lung – gesang“ vesam­melt eini­ge über­le­gun­gen zur auf­füh­rungs­pra­xis. joa­chim herz als prak­ti­ker pro­pa­giert den begriff der „werk­ge­rech­tig­keit“ anstel­le der für ihn unmög­li­chen „werk­treue“ und legt anhand der „frau ohne schat­ten“ die beweg­grün­de sei­ner insze­nie­rung dar. dabei kreist er in ers­ter linie um das pro­blem der ver­ständ­lich­keit – eine insze­nie­rung sol­le, so herz, sich dar­um bemü­hen, text, musik und vor allem die büh­ne, d.h. letzt­lich die gan­ze insze­nie­rung beson­ders zur „expli­ka­ti­on der fabel“ zu nut­zen – im fal­le sei­ner „frau ohne schat­ten“ wäre das für ihn ein „hohe­lied von der ver­än­der­bar­keit des menschen“.

peter-micha­el fischer lie­fert eine sehr grund­le­gen­de und tech­nisch soli­de arbeit zu den „anfor­de­run­gen an die pro­fes­sio­nel­le sän­ger­stim­me“ und reflek­tiert dabei vor allem das pro­blem des „opern­mu­se­ums“: jede zeit­epo­che hat nicht nur ein ande­res stimm­ide­al, son­dern auch ande­re stimm­tech­ni­schen fähig­kei­ten und mög­lich­kei­ten, die es heu­te sowohl bei der beset­zung als auch bei der inter­pre­ta­ti­on ent­spre­chend zu berück­sich­ti­gen gilt. im fal­le strauss sieht er das beson­de­re in der eta­blie­rung eines neu­en, aus dem natür­li­chen sprach­duk­tus ent­wi­ckel­ten gesangs­stil durch den kom­po­nis­ten, der den bel­can­to um neue anfor­de­run­gen – bedingt durch die erwei­ter­te ver­to­nung von spra­che – ergänzt. tho­mas see­dorf ver­voll­stän­digt die­se aus­füh­run­gen mit sei­nem bei­trag „kom­po­si­to­ri­sche rol­len­kon­zep­ti­on und sän­ge­ri­sche rea­li­sie­rung“ im wesent­lich details. see­dorf kann näm­lich anhand der vor­be­rei­tung der urauf­füh­run­gen zei­gen, dass strauss, immer der thea­ter­rea­li­tät ver­pflich­tet, „im prag­ma­ti­schen umgang mit dem eige­nen werk“ zu gro­ßen kon­zes­sio­nen hin­sicht­lich der details der stimm­füh­rung bereit war, um aus dar­stel­le­risch und musi­ka­li­schen grün­den gewünsch­ten sän­ge­rin­nen die ent­spre­chen­den par­tien zu ermög­li­chen und fol­gert dar­aus: „strauss hat auf sei­nem ursprüng­li­chen ide­al nicht bestan­den, son­dern ande­re inter­pre­ta­tio­nen zuge­las­sen.“ eine sol­che, näm­lich die ari­ad­ne-insze­nie­rung von jos­si wie­ler und ser­gio morabi­to, nimmt sich robert braun­mül­ler zum gegen­stand. er lie­fert eine aus­führ­li­che auf­füh­rungs­ana­ly­se und ver­gleicht dabei die kon­kre­te insze­nie­rungs­pra­xis mit den vor­ga­ben von strauss – mit ernüch­tern­dem ergeb­nis. „seit jah­ren erschöp­fen sich die meis­ten insze­nie­run­gen in der kon­ti­nu­ier­li­chen fort­füh­rung einer tradition.“

von dort aus ist der weg nicht weit zur unter­su­chung der rezeption(sgeschichte): die im drit­ten teil ver­sam­mel­ten bei­trä­ge beto­nen durch­weg die fle­xi­bi­li­tät des kom­po­nis­ten hin­sicht­lich der werk­treue – solan­ge die „inten­ti­on“ gewahrt blieb oder ihr damit gar gedient wur­de, war strauss zu kür­zun­gen und umstel­lun­gen, in guten augen­bli­cken sogar zur umar­bei­tung fähig.

wäh­rend ros­wi­tha schlöt­te­rer-trai­mer bei ihrer unter­su­chung der „mus­ter­auf­füh­run­gen“ unter cle­mens krauss in mün­chen immer­hin noch so etwas wie eine grund­ten­denz der insze­nie­ren­den inter­pre­ta­ti­on, näm­lich das „stre­ben nach größt­mög­li­cher deut­lich­keit“ fin­det, begnügt sich gün­ther les­nig gleich mit einer rei­nen daten­samm­lung zu den salo­me-auf­füh­run­gen in wien, mai­land und new york. sonst glänzt der drit­te, mit „rezep­ti­on“ über­schrie­be­ne teil vor allem durch sei­ne glanz­lo­sig­keit. hans-ulrich fuss kann in sei­ner unter­su­chung ver­schied­ner auf­nah­men der salo­me immer­hin zei­gen, dass es bei strauss nicht immer sinn­voll ist, mög­lichst exakt zu spie­len: bestimm­te tex­tu­ren for­dern die undeut­lich­keit als eigen­stän­di­ges ästhe­ti­sches attri­but über­haupt erst her­aus. und mar­tin els­te macht sich eini­ge gedan­ken über den unter­schied einer oper als ton­auf­nah­me oder als thea­ter: grund­ver­schie­de­ne tem­pi-not­wen­dig­kei­ten für ent­spre­chen­de dra­ma­tur­gi­sche effek­te for­dert er etwa. vor allem aber: „das blo­ße hören einer oper kommt dem ein­tau­chen in eine traum‑, in eine schein­welt gleich“ – und kon­stan­tiert dann noch wenig über­ra­schend: „oper von schall­plat­te wird pri­mär als abso­lu­te musik gehört.“ das ver­bin­det er – ein wenig para­dox – mit der qua­si-natür­li­chen bevor­zu­gung der spra­che, d.h. der gesangs­stim­men bei ton­auf­nah­men. er sieht dann dar­in auch eine nahe­zu idea­le rezep­ti­ons­wei­se der oper – befreit von allen neben­säch­lich­kei­ten, als purer akus­ti­scher traum. das scheint mir aber dann doch ein arger fehl­schluss, der viel zu stark von der per­sön­li­chen fas­zi­na­ti­on des autors durch opern­auf­nah­men aus­geht – es gibt ja durch­aus auch rezi­pi­en­ten, die opern mehr oder weni­ger aus­schließ­lich in der kom­bi­na­ti­on aus akus­ti­schen und visu­el­len rei­zen genie­ßen können.

ande­res schließ­lich sam­melt sich unter der rubrik „tri­via“: richard strauss’ leben und wer­ke sind ja nicht ganz uner­forscht. da kann man sich also auch durch­aus mal auf neben­schau­plät­zen tum­meln und dort nach inter­es­san­tem mate­ri­al suchen. der ertrag lässt frei­lich wie­der­um meist zu wün­schen übrig. und den­noch, schließ­lich ist strauss’ werk auch noch nicht wirk­lich umfas­send und detail­liert unter­sucht – da böten sich durch­aus noch mög­lich­kei­ten für inter­es­san­te ana­ly­sen – die aller­dings auch zeit­ge­mä­ße metho­den erfor­der­ten. aber damit hat, und das zeigt die­ser band in sei­ner gesamt­heit eben auch, die musik­wis­sen­schaft nicht immer die glück­lichs­te hand: das meis­te hier vesam­mel­te ist in die­ser hin­sicht vor allem hoch­gra­dig unspek­ta­ku­lär, unbe­darft bis unre­flek­tiert und arbei­tet mit alt­mo­di­scher, teil­wei­se auch ein­fach unzu­rei­chen­der metho­dik. dass etwa die musik strauss „an der leben­di­gen auf­füh­rung ori­en­tiert“ und „auf unmit­tel­bar sinn­li­che gegen­wart“ aus­ge­rich­tet ist (hans-ulrich fuss), wird zwar wie­der­holt ange­merkt, schlägt sich in den ana­ly­sen aber erstaun­lich wenig nie­der. ver­mut­lich ist genau das einer grün­de, war­um die erfor­schung der musik­thea­ter­pro­duk­ti­on richard strauss’, wie sie die­ser band prä­sen­tiert, oft so bie­der und alt­ba­cken wirkt.

julia lieb­scher (hrsg.): richard strauss und das musik­thea­ter. bericht über die inter­na­tio­na­le fach­kon­fe­ren­ze bochum, 14. bis 17. novem­ber 2001. ber­lin: hen­schel 2005.

parsifal (frankfurt)

richard wag­ners par­si­fal in der oper frank­furt, insze­nie­rung von chris­tof nel, diri­gent pao­lo carigna­ni (beset­zung hier)

die insze­nie­rung für einen par­si­fal gar nicht so schlecht – extrem zurück­hal­tend, aber selbst in dem ewig dau­ern­den ers­ten akt auf der büh­ne nicht ganz und gar im still­stand ver­sun­ken. das liegt aber vor allem am genia­len raum­kon­zept, das die bei­den frank­fur­ter dreh­büh­nen mit die gesam­te büh­nen­hö­he nut­zen­den lat­ten­zäu­nen so geschickt voll­stell­te, dass durch die kom­bi­nier­te dre­hung der bei­den büh­nen­tei­le immer wie­der neue, sehr inspi­rie­ren­de räu­me ent­stan­den: „zum raum ward die zeit“ heißt es im libret­to ja (was auch immer das hei­ßen soll und wie das für das büh­nen­weih­fest­spiel über­haupt funk­tio­nie­ren kann und ernst­zu­neh­men ist) – hier hat­te man immer­hin eine ahnung davon. und carigna­ni hat­te auch durch­weg akzep­ta­ble tem­pi, schö­ne klang­bil­der, beson­ders im zwei­ten akt die ja fast eksta­si­schen, für den par­si­fal schon fast rasan­ten hand­lun­gen, sehr genau aus­ge­leuch­tet und doch den sän­gern noch genü­gend raum gelas­sen. das war im drit­ten akt nicht immer so: sowohl gurn­emanz (den jan-hen­drik roo­te­ring eigent­lich sehr prä­zi­se und bewe­gend sang, auch wenn er mit sei­ner figur als grals­rit­ter nur noch bedingt glaub­wür­dig war…) als auch par­si­fal (stuart skel­ton, der mich nicht so sehr begeis­ter­te, immer etwas nüch­tern und blass wirk­te) waren inzwi­schen doch hör­bar erschöpft und ange­schla­gen. da stach die kundry von michae­la schus­ter immer wie­der posi­tiv her­vor: nicht nur schau­spie­le­risch (ein­deu­tig die bes­te leis­tung auf der büh­ne, wie sie immer mehr ins irre abdrif­te­te, in sich selbst ver­schlos­sen, über­haupt nix mehr kapier­te), son­dern gera­de auch sän­ge­risch: beein­dru­ckend, wie sie trotz der gro­ßen anfor­de­run­gen noch so prä­zi­se und vor allem aus­drucks­stark sin­gen kann. der amfor­tas von alex­an­der mar­co-buhr­mes­ter ist ähn­lich gut, im gegen­satz zu dem grot­ti­gen titu­rel von magnus bald­vins­son, der nur rum­ei­ert… das ver­bin­det ihn übri­gens mit den chö­ren, die erstaun­lich schlecht into­niert waren.

was mich – neben so vie­lem ande­ren, was mich an par­si­fal ver­stört und unver­ständ­lich bleibt – rat­los zurück­lies, war nur die suche nach einer posi­ti­on des regis­seurs: was soll­te das gan­ze eigent­lich? gut, wir leben alle irgend­wie in einem gefäng­nis, um uns heraum zäu­ne und kein platz, die män­ner pres­sen blut und leben aus den frau­en und las­sen sie fast als abfall zurück (wenn man den fall kundry hier so ver­all­ge­mei­nern darf und kann), aber sonst? was soll das gan­ze mit der erlö­sung? ganz zu schwei­gen von den berüch­tig­ten schluss­wor­ten „erlö­sung dem erlö­ser“? da bie­tet nel mir irgend­wie über­haupt kei­ne ant­wort, das wird nicht wirk­lich klar, da ist er, wie sei­ne gan­ze insze­nie­rung, viel zu zurück­hal­tend, fast posi­ti­ons­los. zumin­dest ich kann sei­nen stand­punkt nicht erkennen.

aber eines muss man ihm zugu­te hal­ten: in sei­ner insze­nie­rung wirkt das mons­trö­se werk doch erheb­lich zugäng­li­cher als in der kon­zer­tan­ten auf­füh­rung der frank­fur­ter oper – da war das nur ein gigan­ti­scher musi­ka­li­scher bro­cken. und doch blei­be ich dabei: par­si­fal ist das bes­te mit­tel, jeden anflug von wag­ne­ris­mus zu hei­len. das werk als sol­ches ist ein­fach zu – wie soll ich sagen? – selt­sam, abar­tig auf eine mit­un­ter fast hoch­stap­le­risch anmu­ten­de wei­se: kei­ner kann mit bestimmt­heit sagen, was der par­si­fal als gan­zes über­haupt soll, aber alle ver­eh­ren ihn als hohe kunst…

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