Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 58 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Ins Netz gegangen (21.8.)

Ins Netz gegan­gen am 21.8.:

  • „Geburt der Gegen­wart“: Wenn der Mond den Fri­seur­ter­min bestimmt | Ber­li­ner Zei­tung – stef­fen mar­tus hat achim land­wehrs „geburt der gegen­wart“ gelesen:

    Der Düs­sel­dor­fer His­to­ri­ker Achim Land­wehr geht die­sen Fra­gen bis in jene Epo­che nach, als die Kalen­der die Welt erober­ten. Die Vor­ge­schich­te unse­rer zeit­li­chen Ver­stri­ckung in Ter­mi­ne und Daten ist dabei nur ein Bei­spiel für jene „Geburt der Gegen­wart“, von der er anschau­lich, anek­do­ten­reich und klug erzählt: In der Frü­hen Neu­zeit büß­te die Ver­gan­gen­heit in bestimm­ten Berei­chen ihre Auto­ri­tät ein, wäh­rend die Zukunft noch nicht als Objekt mensch­li­cher Ver­fü­gung wirk­te. In einer Art Zwi­schen­pha­se dehn­te sich die Gegen­wart als „Mög­lich­keits­raum“ aus und bahn­te damit jenes Zeit­re­gime an, dem wir heu­te unterstehen.

  • Lite­ra­tur­de­bat­te : Der Buch­preis ist kei­ne Geschlechts­um­wand­lung wert – Lite­ra­ri­sche Welt – DIE WELT – mar­le­ne stre­eru­witz über den buch­preis und sei­ne struk­tu­ren und funktionen:

    Aber. Der Deut­sche Buch­preis ist das fröh­lichs­te Bei­spiel, wie die qua­si­re­li­giö­se Ein­deu­tig­keit eines Mar­ke­ting­in­stru­ments her­ge­stellt wird. In einer kon­stru­ie­ren­den Vor­gangs­wei­se wird der Bör­sen­ver­ein selbst zum Autor der Ver­mark­tung der Autoren und Autorin­nen im Deut­schen Buchpreis.

    Das alles erfolgt im Archil­e­xem (der Ver­wen­dung der männ­li­chen Form der Bezeich­nung, unter der die weib­li­che Form mit­ge­meint ist): In den Aus­sen­dun­gen des Bör­sen­ver­eins gibt es nur Autoren und kei­ne Autorin­nen. Auch das gehört zur Stra­te­gie der Ein­deu­tig­keit. Es gibt kei­ne Geschlech­ter­dif­fe­renz, sagen sol­che For­mu­lie­run­gen. Stellt euch unter die männ­li­che Form und lasst dif­fe­ren­zie­ren­de Kin­ker­litz­chen wie die geschlech­ter­ge­rech­te Spra­che sein. Nur in ein­deu­ti­gen For­mu­lie­run­gen gelingt ein umfas­sen­des Spre­chen, in dem Bücher ver­kauft wer­den kön­nen. Popu­lis­mus wird nicht nur in Kauf genom­men. Popu­lis­mus ist erwünscht.

  • Ste­fan Nig­ge­mei­er | Neu­es von Wert­her: Sui­zid-Häu­fung nach brei­ter Sui­zid-Bericht­erstat­tung – nig­ge­mei­er berich­tet über eine ame­ri­ka­ni­sche stu­die, die indi­zi­en für den wert­her-effekt beob­ach­ten konnte:

    Selbst­mord ist anste­ckend. Bericht­erstat­tung über Sui­zi­de erhöht die Zahl der Sui­zi­de. Eine neue Stu­die aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten lie­fert wei­te­re Indi­zi­en dafür, dass die­ser soge­nann­te „Wert­her-Effekt“ tat­säch­lich existiert. 

  • Algo­rith­men: Fer­gu­son zer­split­tert in den sozia­len Netz­wer­ken | ZEIT ONLINE – gün­ter hack:

    Der der­zei­ti­ge Umgang mit der algo­rith­mi­schen Per­so­na­li­sie­rung ist die Voll­endung des Neo­li­be­ra­lis­mus auf Ebe­ne der öffent­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on. Wenn du etwas nicht gese­hen hast, dann bist du selbst Schuld, weil du den Algo­rith­mus von Face­book ent­spre­chend trai­niert hast oder dir die Pro­fi-Ver­si­on mit dem bes­se­ren Zugang zu den Daten nicht leis­ten kannst.

  • Inter­view mit Hei­ner Goeb­bels, dem Inten­dan­ten der Ruhr­tri­en­na­le | Lesen was klü­ger macht – hol­ger pau­ler befragt hei­ner goeb­bels zu sei­nen erfah­run­gen in und mit der ruhr­tri­en­na­le und vor allem der „frei­en sze­ne“ (und am schluss auch zu „cas­si­ber“). hei­ner goebbels:

    In Deutsch­land gibt es für eine bestimm­te Liga von frei­en Künst­le­rin­nen und Künst­lern kaum Pro­duk­ti­ons­spiel­räu­me. Es gibt zwar ein welt­weit ein­zig­ar­ti­ges Thea­ter­sys­tem, das ist aller­dings einer gewis­sen Mono­kul­tur ver­pflich­tet, die sich auf das Opern‑, Schauspiel‑, oder Orches­ter­re­per­toire bezieht – dar­über hin­aus blei­ben weni­ge Mög­lich­kei­ten für freie Kunst. Die­se Lücke woll­te ich mit der Ruhr­tri­en­na­le zu schlie­ßen versuchen.

  • [AMA] Ich bin Ste­fan Nig­ge­mei­er. Fragt mich alles! : de_​IAmA
  • Intro­du­cing TapP­ath for Android – You­TubeIntro­du­cing TapP­ath for Android! – eine schö­ne klei­ne app, die das leben (und sur­fen) auf einem andro­iden ein­fa­cher und ange­neh­mer macht

Aus-Lese #35

Wolf­ram Mal­te Fues: InZwi­schen. Mit Zeich­nun­gen von Thitz. Mün­chen: Alli­te­ra Ver­lag 2014 (Lyrik­edi­ti­on 2000). 127 Seiten. 

fues, inzwischenEin durch­aus fei­ner Lyrik­band, der mir mit sei­nen oft sehr lako­ni­schen, auf bru­ta­le Kür­ze zusam­men­ge­dampf­ten Gedich­ten eini­ge Lese­freu­de berei­te­te. Fues beschreibt vor allem die Ding­haf­tig­keit der Welt und ihre Erschei­nun­gen, der Gegen­stän­de und Zustän­de, Din­ge und Gesche­hen. Sein bevor­zug­tes Mit­tel ist es, Beob­ach­tun­gen oder Tat­sa­chen ein­fach unver­mit­telt auf­ein­an­der­pral­len zu las­sen. Das wird auch sprach­lich immer wie­der deut­lich: Fues bevor­zugt Kon­tras­te, das schwarz-weiß, den Vor­der- und Hin­ter­grund, jetzt und frü­her, unten oder oben und so wei­te. Die wer­den oft direkt gegen­über­ge­stellt, ohne Ver­mitt­lung, ohne ein Zwi­schen. Denn genau um die­ses „Zwi­schen“ geht es, um den Raum, der von den Begrif­fen so eröff­net wird. Dazu pas­sen auch die Ver­tau­schun­gen, gera­de der Kontrastpaare:

Ein Baum wie
eine Antenne.
Eine Antenne
wie ein Baum.
Demnächst
bot­schaf­ten Bäume
blü­hen Anten­nen. (44)

Manch­mal sind Sinn und Spra­che der kur­zen Gedich­te der­ma­ßen ver­knappt und redu­ziert, dass nur noch Rät­sel blei­ben – Rät­sel, die ein lee­res Gerüst der Spra­che zei­gen, aus dem der Sinn aus­ge­trie­ben wur­de ((z.b. 32). Dabei treibt ihn neben die­ser Arbeit an der Spra­che, die zwar redu­ziert, aber auch sehr kon­zen­triert wird, gera­de die Fra­ge der Kau­sa­li­tät oder nur der Kor­re­spon­denz, der zeitlichen/​räumlichen (sprach­li­chen) Fol­ge beson­ders um. Der Titel, das „Zwi­schen“, das ist auch in sei­ner Spra­che das Span­nen­de: Das da-/in-/-/zwi­schen in der Abfol­ge, der Kau­sa­li­tät, der Ent­wick­lung, der Kor­re­la­ti­on (oder auch nicht, der nur so schei­nen­den …). Auf die Strich­zeich­nun­gen von Thitz hät­te ich gut ver­zich­ten kön­nen – für mich sind das blo­ße – oft genug schlech­te, weil bana­le – Illus­tra­tio­nen des im Gedicht vor­kom­men­den, dabei aller­dings sehr oberflächlich.

Robert See­tha­ler: Ein gan­zes Leben. Ber­lin: Han­ser Ber­lin 2014. 77 Sei­ten (ebook)

seethaler, ganzes lebenDen Tra­fi­kant habe ich ja mit gro­ßem Ver­gnü­gen und Gewinn gele­sen. Des­we­gen hat mich Ein gan­zes Leben ziem­lich ent­täuscht. Mei­ne Lek­tü­re­no­ti­zen sind spar­sam: reich­lich lahm fand ich das wäh­rend des Lesen, auch erzäh­le­risch ein­fach lang­wei­lig und cha­rak­ter­los. Der Text beginnt etwas wie Stif­ter (auch sachen wie der am Beginn und Ende auf­tau­chen­de Hör­ner­han­nes und die sagen­haf­te „Kal­te Frau“ wei­sen auf die Ver­wand­schaft hin), dann kommt noch ein biss­chen Wim­schei­der und eine gehö­ri­ge Por­ti­on Franz Inner­ho­fer dazu. See­tha­ler erzählt ein Leben (aber ist das in irgend einer Hin­sicht ein gan­zes? Da sind vie­le Lücken …) eines Man­nes, der als Wai­se in ein öster­rei­chi­sches Gebirgs­tal kommt und dort – mit Aus­nah­me des Zwei­ten Welt­krie­ges – und einem spä­ten, ver­si­ckern­den Aus­bruchs­ver­such nicht her­aus­kommt. Dafür arbei­tet er nach sei­nem Beginn als land­wirt­schaft­li­cher Tage­löh­ner am Ein­zug des Fort­schritts in das Tal in Form von Seil­bah­nen mit – eines Fort­schrit­tes, der aber min­des­tens so unmensch­lich ist wie das har­te Leben zuvor. Das ist tat­säch­lich so kli­schee­haft und ein­falls­los, wie das hier klingt … Ich ver­ste­he ehr­lich gesagt die Begeis­te­rung der Rezen­sen­ten nicht so ganz – das ist mir alles zu banal und zu behä­big erzählt.

Elfrie­de Jeli­nek: Rein Gold. Ein Büh­nen­es­say. Rowohl 2013. 223 Seiten. 

jelinek, rein goldEine Art Streit­ge­spräch zwi­schen Wotan und Brün­hil­de am Schluss des „Ring des Nibe­lun­gen“. Aber Gespräch ist fast schon zu viel gesagt: Die bei­den Stim­men mono­lo­gi­sie­rend mehr ankla­gend abwech­selnd auf ein­an­der zu oder gegen ein­an­der. Es geht um alles, näm­lich die gesam­te Welt und ihre Geschich­te. Dabei kom­men bei­de immer­zu von einem zum ande­ren, vom Hölz­chen aufs Stöck­chen – manch­mal ist es der Klang bestimm­ter Wör­ter, der den Anschluss sichert, manch­mal ein the­ma­ti­scher Zusam­men­hang, manch­mal ein sys­te­ma­ti­scher oder ein per­so­na­ler. Das macht das Lesen so anstren­gend und schwie­rig: Wie eigent­lich immer bei Jeli­nek ist auch Rein Gold total über­frach­tet. Man muss sich selbst eine Schnei­se durch die­se Text­land­schaft schla­gen, sei­nen Weg suchen und dabei so man­chen Irr­gang nicht in Kauf neh­men. Dafür bekommt man eine Ankla­ge der Macht, des auf (unbe­dien­ten) Schul­den beru­hen­den Kapi­ta­lis­mus, der Aus­beu­tung über­haupt, dem Ver­hält­nist von Män­nern und Frau­en und dem von Töch­tern und Väter im beson­de­ren. Das ist oft wit­zig, tref­fend und genau, manch­mal aber auch absurd und manisch, wie hier alles – also wirk­lich Gott und die Welt, schließ­lich ist Wotan ja nicht irgend­wer, wie er ger­ne betont, und Brün­hil­de natür­lich auch nicht – durch den Text­wolf gedreht wird.

Ich ver­ste­he noch immer nicht, was ich sage, muß es aber sagen. (210)

Die­ses ewi­ge Tex­band hat mir den Zugang hier vor allem auf den ers­ten paar Dut­zend Sei­ten ziem­lich erschwert: Wenn man nicht rein­kommt in den Rhyth­mus der Gedan­ken und Wor­te, dann bleibt man aber auch wirk­lich drau­ßen. Die schlech­te Typo­gra­phie macht das Lesen des unbän­di­gen Tex­tes aller­dings auch nicht leich­ter und ver­sagt damit total – die unpas­sen­de Type ohne Liga­tu­ren ist der Anfang, dann ist der Satz­zei­chen-Clash „!,“, der oft vor­kommt, erstaun­lich häss­lich und vor den Aus­ru­fe- und Fra­ge­zei­chen so viel Luft, dass man manch­mal kaum weiß, wo die hingehören. 

Es gibt nichts vom Geld Ver­schie­de­nes, denn es gibt nur Geld, es gibt Ver­schie­de­ne, aber auch von ihnen kommt nur Geld, falls sie es schon vor­her hat­ten, sonst sind sie gar nicht so ver­schie­den. Sonst sind sie die glei­chen wie wir. (89f.)

Alles Geld ist nichts ohne Ware, und die Ware ist nichts als ein beschnit­te­ner Jude, unvoll­stän­dig, aber unbe­streit­bar tüch­tig, immer tüch­tig, das sehe ich vor­aus, bis auch er endet, ach, ich weiß nicht, das sage ich, ein Gott, und die Ware ist das Wun­der­ba­re, die Ware ist das Wun­der, die wun­der­ba­re Ver­meh­rung von allem, nicht nur Brot und Fischen, Jesus auch ein Pfos­ten, klar, ver­schenkt wird nichts, der hat das gemacht, aber er war ein Dil­lo, daß er geglaubt hat, das bringt ihm was, das bringt ihm Anhän­ger oder wie oder was, ich seh sie nicht, ich sehe sie noch nicht, was woll­te ich sagen: Also die Ware ist das wun­der­tä­ti­ge Mit­tel, um aus Geld, das wan­dern muß, das zu einem bestimm­ten Zweck, näm­lich die­sem, wan­dern muß, sonst kann man sich dafür nichts kau­fen, weil dann ja oft die Waren ganz woan­ders sind als das Geld, das eben wan­dern muß, um aus Geld mehr Geld zu machen, um mehr aus sich zu machen. Um aus Geld mehr Geld zu machen. Mehr Geld zu machen und aus. (125f.)

Mat­thi­as Nawrat: Unter­neh­mer. Rein­bek: Rowohlt 2014. 137 Seiten.

nawrat, unternehmerDer Schwarz­wald in nicht all­zu fer­ner Zukunft: deindus­tria­li­siert, auf­ge­ge­ben, ver­las­sen, nur noch eine Rest­be­völ­ke­rung schaut zu, wie die rie­si­gen Trans­por­ter auf der Auto­bahn vor­bei nach Nor­den don­nern, in die Städ­te. Da lebt auch die klas­si­sche Fami­lie – Vater, Mut­ter, Toch­ter, Sohn – von Liba, der 13jährigen Erzäh­le­rin in Nawrats klei­nem, aber durch­aus fei­nen Roman Unter­neh­mer. Die Fami­lie, das ist der Witz, hat die Logik des Kapi­ta­lis­mus auf­ge­so­gen und über­nom­men, bis ins Letz­te des Fami­li­en­le­bens hin­ein. Die Kin­der sind damit Teil des Unter­neh­mens – eines ziem­lich dürf­ti­gen Res­te­ver­wer­ters, der in ver­las­se­nen Fabri­ken und Kraft­wer­ken nach Wert­stof­fen sucht. Das ist eine nicht ganz unge­fähr­li­che Auf­ga­be, der Sohn hat schon einen Arm ver­lo­ren und wird wäh­rend des Romans auch noch sei­ner Bei­ne beraubt. Nawrat führt hier also gewis­ser­ma­ßen die neo­li­be­ra­lis­ti­sche Spiel­art des Kapi­ta­lis­mus nach dem Ende der Pro­duk­ti­on vor. Und er zeigt wun­der­bar, wie hohl die Phra­sen der Ideo­lo­gie (gewor­den) sind. Dazu dient ihm eine fas­zi­nie­ren­de Spra­che, die – wie die Moti­ve der Erzäh­lung – zwi­schen Nai­vi­tät und Raf­fi­niert­heit, zwi­schen Spiel und töd­li­chem Ernst, zwi­schen Locker­heit und Stren­ge (in Ton und Satz­bau glei­cher­ma­ßen) pen­delt. Gera­de dadurch, dass nicht alles expli­ziert wird, sich der Leser eini­ges die­ser selt­sa­men Welt und Gesell­schaft und Fami­lie zusam­men­rei­men muss und auch oft genug auf Lücken stößt, bleibt Unter­neh­mer inter­es­sant. Schön auch, dass Nawrat sei­ne Idee dann auch nicht über­mä­ßig aus­walzt und sich mit 137 Sei­ten beschei­det – mehr ist auch über­haupt nicht nötig, der Punkt ist dann schon längst klar: „Unter­neh­mer­tum“ ist eine lee­re Wort­hül­le, die man noch als Spiel betrei­ben kann, die aber, wenn sie zur allei­ni­gen Ideo­lo­gie gewor­den ist, die Lee­re ihrer selbst vor­führt – und das Feh­len der „wah­ren“ Wer­te wie Emo­tio­nen und Gefüh­le nur noch deut­li­cher wer­den lässt. 

Die Garan­tie hier­für ist der Erfolg unse­rer täg­li­chen Arbeit. Also hängt alles vom Erfolg unse­rer täg­li­chen Arbeit ab, sag­te Ber­ti. Und die­sen wie­der­um haben wir selbst in der Hand, sag­te ich. Es han­delt sich um einen Erfolgs­kreis­lauf, den wir mit unse­rer Arbeit in Bewe­gung halten.

Kili­an Jor­net: Lauf oder stirb. Das Leben eines bed­i­n­ungslosen Läu­fers. Mün­chen: Malik 2013. 222 Seiten. 

jornet, lauf oder stirbZu die­sem schö­nen und tol­len Lauf­buch oder bes­ser: Läu­fer­buch eines außer­or­dent­li­chen Läu­fers habe ich drü­ben im Lauf­blog schon alles not­wen­di­ge gesagt: Viel Licht, ein biss­chen Schat­ten: Lese­emp­feh­lung für alle Ultra-Trail-Lauf-Interessierten. 

außer­dem noch:

  • Fried­rich Höl­der­lin, Hype­ri­on oder der Ere­mit in Grie­chen­land (Re-Lek­tü­re, weil August ist)

Taglied 19.8.2014

schö­ne Klang­ar­beit mit einer alten, unge­pfleg­ten Orgel von Ste­fan Fraun­ber­ger: Quell­geis­ter #1, hier ein Aus­zug auf YouTube:

Ste­fan Fraun­ber­ger /​Quell­geis­ter #1

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Fortschritt

Der Fort­schritt geht auf Zins­fuß und Prothese,
Das Uhr­werk in der Hand, die Glo­rie im Herzen.

—Karl Kraus, Mit der Uhr in der Hand

Aus-Lese #34

Joa­chim Lott­mann: End­lich Koka­in. Köln: Kie­pen­heu­er & Witsch 2014. 195 Sei­ten (ebook)

lottmann, endlich kokainFünf Kapi­tel zwi­schen Wien und Ber­lin, in denen Lott­mann sei­nen Prot­ago­nis­ten die Eupho­rie des Rausch­gifts und (weni­ger stark aus­ge­prägt) den Absturz des Ent­zugs anhand der als über­all ver­füg­ba­re und über­all genut­zen Mode­dro­ge Koka­in (der Titel macht ja kein Geheim­nis dar­aus) erfah­ren lässt. Dabei steht aber nicht der Rausch im Mit­tel­punkt (und am Ziel des Dro­gen­kon­sums), son­dern die „Neben­ef­fek­te“: Das Abneh­men, das geän­der­te Sozi­al­ver­hal­ten, die anders er- und aus­ge­leb­te Sexua­li­tät – und das Geld. Die durch­aus komi­schen und amü­san­ten Schil­de­run­gen der Erleb­nis­se, die dem Hel­den auf die­ser, nun ja, Irr­fahrt begeg­nen, ergänzt Lott­mann etwas moti­va­ti­ons­los (und für den Text auch aus­ge­pro­chen fol­gen­los) sowie nicht sehr geschickt mit dem „Wis­sen­schaft­li­chen Tage­buch“ des Prot­ago­nis­ten, des­sen Ein­tra­gun­gen ganz ste­reo­typ mit „Lie­bes wis­sen­schaft­li­ches Tage­buch,“ begin­nen, die vom Erzäh­ler brav zitiert wer­den und vor allem durch ihre unglaub­wür­di­ge Nai­vi­tät auf­fal­len. Ansons­ten besticht der hete­ro­die­ge­ti­sche Erzäh­ler vor allem durch sein ent­spann­tes, leicht distan­zier­tes Plau­dern, das mit Sym­pa­thie für sei­ne Haupt­fi­gur Ste­phan Brau­mer erzählt, dabei des­sen Neu­gier und auch Befrem­den ange­sichts der „Per­ver­sio­nen“ der ande­ren tei­lend. End­lich Koka­in ist aber nicht nur ein Dro­gen­ro­man – das wäre Lott­mann wohl zu wenig. Zugleich will der Text auch noch eine Kunst­be­triebs­sa­ti­re sein. Das klappt so halb­wegs, ver­san­det aber in der net­ten Harm­lo­sig­keit. Und auch eine Anti-Ent­wick­lungs­ro­man (aller­dings mit ver­söhn­li­chem Hap­py-Ende soll das noch sein. Da aber über­haupt alles nett und flo­ckig bleibt, nir­gends hart (auch sprach­lich nicht), klappt das, was über den unter­halt­sa­men Bericht der täp­pi­schen Unter­neh­mun­gen Braum­ers hin­aus­geht, auch nur sel­ten. Bartels fasst das in sei­ner Rezen­si­on ganz gut zuammen: 

Am bes­ten ist es, „End­lich Koka­in“ wie im Rausch in einem Zug zu lesen, dann ist der Spaß am aller­größ­ten. Sonst könn­te man leicht auf den Gedan­ken kom­men, schon bes­se­re Dro­gen­ro­ma­ne und Kunst­be­triebs­sa­ti­ren gele­sen zu haben.

Jens Ditt­mar: So kalt und schön. Ein Son­der­weg. Aus dem Nach­lass von Hil­de­gard Klein­schmidt (Temuco/​Chile) her­aus­ge­ge­ben, kom­men­tiert und mit Anmer­kun­gen ver­se­hen von Jens Ditt­mar. Hohen­ems: Bucher 2014.

dittmarEinen post­mo­der­nen Schel­men­ro­man ver­heißt der Umschlag­text. Den bekommt man aller­dings nicht. Lesen kann man So kalt und schön am bes­ten als Ver­such, einen sol­chen zu schrei­ben – ein Ver­such, der nicht so rich­tig glückt. Denn auf bei­den Ebe­nen bleibt Ditt­mar vor dem Ziel ste­hen: Weder ist das ein gelun­ge­ner Schel­men­ro­man – die Ele­men­te sind da, der Witz fehlt … -, noch kann der post­mo­der­ne Aspekt über­zeu­gen. Der erschöpft sich näm­lich im Auf- und Vor­füh­ren von mög­lichst vie­len Namen, die im Kul­tur­le­ben (vor allem im lite­ra­ri­schen Teil) der Bun­des­re­pu­blik eine Rol­le spiel­ten. Das geschieht aber regel­mä­ßig ohne beson­de­re Moti­va­ti­on, so dass es lee­re Ges­te bleibt. Typisch für die­se Halb­her­zig­keit, die viel von dem Text durch­zieht, ist die Tat­sa­che, dass die Her­aus­ge­ber­fik­ti­on den Ver­lag über­for­der­te oder der sie nicht mit­ma­chen woll­te und sie des­halb gleich auf dem Titel­blatt „zer­stört“ – dann kann man sich so etwas auch gleich spa­ren. Ähn­li­ches gilt für die „Anmer­kun­gen“, die bloß belang­los sind und will­kür­lich ein paar Fak­ten im Wiki­pe­dia-Stil hinzufügen.

Der Erzäh­ler ist ein pene­trant dozie­ren­der Erzäh­ler, der mehr erklärt (und vor­führt, gera­de an Büchern und Gestal­ten und Autoren) als er erzählt: „Und Andrea ver­such­te, sich das vor­zu­stel­len, aber es ging nicht.“ (67) heißt es ein­mal – so ähn­lich geht es dem Leser (d.h. mir) auch. 

Horst Brun­ner (Hrsg.): Von acht­zehn Wach­teln und dem Fin­ken­rit­ter. Deut­sche Unsinns­dich­tung des Mit­tel­al­ters und der Frü­hen Neu­zeit. Stutt­gart: Reclam 2014. 163 Seiten.

wachtelnDie­ses schma­le Reclam-Bänd­chen ist wun­der­ba­re lus­ti­ge und lust­vol­le Lek­tü­re für zwi­schen­durch: Kurio­sa aus der Lita­tur­ge­schich­te des Mit­tel­hoch­deut­schen und vor allem der Frü­hen Neu­zeit. Brun­ner schreibt im Nachwort: 

Auch im Mit­tel­al­ter und in der Frü­hen Neu­zeit gab es Men­schen, die gern und ent­spannt gelacht haben, weder dach­ten sie unaus­ge­setzt an das Jen­seits, noch an den Sinn ihrer stän­di­schen Exis­tenz, noch an Rebel­li­on und Auf­rü­hertum. Die Tex­te, die ihnen gefal­len haben, kön­nen durch­aus auch uns heu­te noch erfreu­en. (163)

In der Tat, die Dich­tun­gen über Tie­re, Unmög­lich­kei­ten und ver­kehr­te Wel­ten sind erfreu­lich, im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. „Das Schlau­raf­fen Landt“ von Hans Sachs ist wohl der bekann­tes­te Text die­ser Samm­lung. Sehr schön aber auch der „Fin­ken­rit­ter“ in der Tra­di­ti­on des Rit­ter­ro­mans und mit Ver­wand­schaf­ten zum Schel­men­ro­man (Chris­ti­an Reu­ter könn­te sich hier durch­aus bedient haben, denkt man beim Lesen manch­mal, zum Bei­spiel bei der Schil­de­rung der Geburt, die doch eini­ge Ähn­lich­kei­ten zum Schel­muff­sky auf­weist). Ansons­ten: Viel Umkeh­rung des Sinns, ohne dass immer und unbe­dingt neu­er Sinn dar­aus wird und auch nicht wer­den soll – also Un-Sinn im wahrs­ten Sinn des Wor­tes. Die Mit­tel sind zum Bei­spiel die ver­kehr­te Sprach­welt, in der kon­se­quent Sub­jekt und Objekt der Ver­se ver­tauscht wer­den. Oder ein­fach Unmög­lich­kei­ten der Welt, in denen immer wie­der der Tri­umph der Schwa­chen über Star­ke, der Gejag­ten über Jäger her­vor­blitzt. Sprach­lich spie­len natür­lich auch Mit­tel der Ver­keh­rung wie die con­tra­dic­tio in adiec­to, das Para­do­xon oder der ad absur­dum getrie­be­ne Reim­zwang eine gro­ße Rolle.

Ein Bei­spiel aus dem anony­men „Puch von den Wach­teln“, ca. 1380:

geflo­gen kam ain regenwurm,
der hub den aller grös­ten sturm
mit ainem igel, der waz plos
herr diet­rich von pern schoz
durch ain alten enu­en wagen,
herr hil­de­prant durchn kragen,
herr Ekk durch den schüzzelkreben -
Chriem­hilt ver­loz da ir leben,
da plut gen mainz ran.
herr vasolt kaum entran,
des leibs er sich verwak.
sib­ent­ze­hen waht­eln in den sak!

Mar­le­ne Stre­eru­witz: Nach­kom­men.. Frank­furt: Fischer 2014. 432 Seiten. 

Sie muss­te durch­set­zen, dass das ein Roman war und kein Buch und dass es rich­tig war, dass es Roma­ne gab, und dass es um die Wahr­heit ging. Um die vie­len Mög­lich­kei­ten davon. (313)

streeruwitz, nachkommen.Stre­eru­witz schreibt wei­ter an ihrem Pro­jekt zu Wahr­heit und rich­ti­gen Leben, zum Ver­hält­nis der Geschlech­ter, und, hier sehr deut­lich, zum Pro­blem der Aus­beu­tung. Im Gegen­satz zu so man­chen Rezen­sio­nen geht es in Nach­kom­men. gar nicht so sehr um den Lite­ra­tur­be­trieb – das ist kein Schlüs­sel­ro­man. Der Betrieb um die Ware Buch, gemacht aus Roma­nen und ande­ren Tex­ten (der Unter­schied ist schon ent­schei­dend, für Stre­eru­witz und ihre Prot­ago­nis­tin Nelia Fehn), ist eigent­lich nur das Set­ting, der Rah­men, vor/​in dem sich das Ent­schei­den­de abspielt.

Das Ent­schei­den­de, um dem es in Nach­kom­men. geht, ist in mei­ner Les­art auch nicht das, was der Klap­pen­text ver­heißt, näm­lich „ein Roman über die Ord­nung der Gene­ra­tio­nen“. Eigent­lich – und ich fin­de das so deut­lich, dass es schon fast über­trie­ben ist ist Nach­kom­men. ein Roman über Aus­beu­tung. Es geht dar­um zu zei­gen, wie eine jun­ge Frau (das Geschlecht ist nicht unwich­tig!) das kapi­ta­lis­ti­sche „Funk­tio­nie­ren“ (ein-)übt, erkennt und – an sich, ihren eige­nen Hand­lun­gen und denen ande­rer Men­schen wie dem schmie­ri­gen Ver­le­ger, den Mäze­nen, den Kri­ti­ke­rin­nen etc – reflek­tiert und kri­ti­siert. Wobei „Kri­tik“ viel­leicht schon zu viel ver­spricht, näm­lich die Idee einer Alter­na­ti­ve, einer ver­hei­ßungs­vol­len Idee oder so. Dar­um geht es aber nicht, das weiß Nelia Fehn (die eigent­lich Cor­ne­lia heißt) auch. Es geht aber dar­um, erst ein­mal zu zei­gen, wie die An-/Ein­pas­sung in ein (über­mäch­ti­ges) öko­no­mi­sches Sys­tem funk­tio­niert und was das für Fol­gen für das Indi­vi­du­um hat, wenn die­ses Sys­tem (nur) nach öko­no­mi­schen Kri­te­ri­en funk­tio­niert und nicht ein sinn­haf­tes, men­schen­freund­li­ches ist. Die Hand­lung – die Buch­preis­ze­re­mo­nie, die Frank­fur­ter Buch­mes­se, die Inter­views, die Trau­er um die Mut­ter, die Begeg­nung mit dem absen­ten Vater – zeigt also die Aus­beu­tung auf ver­schie­de­nen Ebe­nen, als Selbst-Aus­beu­tung, als Aus­beu­tung durch den Ver­lag, durch die Medi­en, durch die Fami­lie, aber auch die Aus­beu­tung ande­rer (etwa in Form bil­li­ger Abeits­kräf­te, hier v.a. anhand der Tex­til­pro­duk­ti­on in Fern­ost, der Kri­se in Grie­chen­land etc.): Aus­beu­tung ist sozu­sa­gen ein omni­prä­sen­tes Motiv im Text. Das funk­tio­niert gera­de des­halb so gut, weil der Roman eben kei­nen Aus­weg zei­gen will und kann: Er will das Pro­blem bewusst machen und nicht ein­fa­che Lösun­gen pro­pa­gie­ren. Die Absur­di­tät und Kom­ple­xi­tät und Unent­rinn­bar­keit der Schlech­tig­keit der Welt, die sich auch in der Gene­ra­tio­nen­un­ge­rech­tig­keit spie­gelt (nicht nur als ein Macht­pro­blem im direk­ten Ver­hält­nis, son­dern grund­sätz­lich!) kann der Text auf­zei­gen. Aber ein Schlüs­sel­ro­man des Lite­ra­tur­be­triebs ist das natür­lich nicht – höchest so, wie die Bud­den­brooks ein Schlüs­sel­ro­man des Getrei­de­han­dels sind. Es geht nicht um dem Lite­ra­tur­be­trieb. Lite­ra­tur ist unwich­tig (gewor­den) – gera­de das erfährt und bemerkt und zeigt die Prot­ago­nis­tin ja immer wie­der: die Lee­re, die nur noch Betrieb und nicht mehr Lite­ra­tur ist. Vor allem geht es in Nach­kom­men. aber um ande­res: Frau­en (und Män­ner) und ihre Rol­len, Gene­ra­tio­nen, und, ganz wich­tig, das Funk­tio­nie­ren in der kapi­ta­lis­tisch orga­ni­sier­ten und durch­drun­ge­nen Gesell­schaft als ein Funk­tio­nie­ren (der Men­schen bzw. ihrer jewei­li­gen der­zei­ti­gen Rol­len) im kapi­ta­lis­ti­schen Sin­ne, das trotz Kri­se die Ver-Wer­tung, also: die Aus­nut­zung nicht behin­dert. Oder anders gesagt: es geht dar­um, die tota­le Durch­drin­gung der kapi­ta­lis­ti­schen Nor­men in der Gesell­schaft mit all ihren Berei­chen (wie etwa der Kunst) zu zei­gen. Und das in der von Stre­eru­witz gewohn­ten prä­zi­sen, manch­mal har­ten, immer fas­zi­nie­ren­den Sprache.

Der Roman, so ist mei­ne Erfah­rung, gewinnt unge­heu­er, wenn man dazu sich (noch ein­mal) die Poe­tik-Vor­le­sun­gen der Autorin zu Gemü­te führt, die Fischer gera­de noch ein­mal zusam­men mit­ei­nem her schwa­chen Inter­view her­aus­ge­ge­ben hat – da steht eigent­lich schon alles drin, was man zur Ästhe­tik und den lite­ra­ri­schen Zie­len von Stre­eru­witz wis­sen muss.
Groß­ar­tig. Wie eigent­lich alles von Mar­le­ne Stre­eru­witz.

War­um woll­te sie ein gutes Ergeb­nis sein. Über­haupt. War­um woll­te sie schön aus­schau­en. Es ging doch dar­um, dass es sie gege­ben hat­te. Schon immer. Und lan­ge bevor sie so groß und dünn gewor­den war. Sie war schon immer da gewe­sen, und es hät­te gleich­gül­tig sein sol­len, wie sie aus­sah. Über­haupt. Sie war ja erst groß und dünn gewor­den, nach­dem die Mami. Es wäre schön gewe­sen. Schö­ner. Viel schö­ner. Es wäre über­haupt nicht zu ver­glei­chen gewe­sen. Sie hät­te sich gewünscht, die Mami. Ihre Muter. Sie könn­te sie sehen. Könn­te etwas sagen. Dazu, wie sie aus­sah. Nur sehen. Sie anschau­en. Es wäre schon genug gewe­sen. Es wäre das Schöns­te gewe­sen. Und selbst Mari­os ver­stand das nicht. Dass das so wich­tig gewe­sen wäre. Aber Mari­os woll­te, dass er das Wich­tigs­te für sie war. Und sie woll­te ja auch, dass Mari­os das woll­te, und sie hat­ten bald auf­ge­hört, dar­über zu reden. Das war alles so weit innen. Das behielt sie da. Und war­um fürch­te­te sie sich vor dem Tref­fen. War­um hat­te sie die­ses Cha­os im Bauch. Fürch­te­te sie sich vor die­sem Mann. Die­ser Mann. Er war sinn­los. Er war mehr als sinn­los. Er war nicht ein­mal ein Ersatz. (158)

Birk Mein­hardt: Brü­der und Schwes­tern. Die Jah­re 1973–1989. Mün­chen: Han­ser 2013. 700 Seiten.

meinhardt, brüder und schwestern700 Sei­ten für 16 Jah­re Fami­li­en­ge­schich­te – kurz fas­sen ist offen­bar nicht die Stär­ke von Mein­hardt. Brü­der und Schwes­tern will ein breit erzähl­tes Pan­ora­ma einer „Jahr­hun­dert­fa­mi­lie“ sein (die­sen Anspruch merkt man auf fast jeder Sei­te), die mit Rück­blen­den bis in die Zeit vor dem Zwei­ten Welt­krieg zurück reicht, vor allem aber die „End­pha­se“ der DDR im Blick hat. Dabei, das ist schon ein ers­tes Pro­blem, zer­fällt die Fami­li­en­ge­schich­te aber in seri­ell erzähl­te Ein­zel­ge­schich­ten: von Wil­ly Wer­chow, dem Dru­cker und Betriebs­lei­ter, der sich durch Kom­pro­mis­se immer mehr der Par­tei- und Staats­li­nie annä­hert und kom­pro­mit­tiert, sei­ner Söh­ne Erik und vor allem Mat­ti, der sozu­sa­gen aus­steigt und „bloß“ Bin­nen­schif­fer wird, dafür aber einen Roman schreibt (der hier auch mit­ge­teilt wird), den sei­ne ehe­ma­li­ge Jugend­lie­be, die inzwi­schen als Lek­to­rin in der BRD arbei­tet, im „West­end-Ver­lag“ (soll wohl Suhr­kamp sein?) ver­öf­fent­licht, und Brit­ta, die bei einem pri­va­ten Zir­kus lan­det und dort mit einer neu­ar­ti­gen Akro­ba­tik­num­mer Furo­re macht. Das alles ist umständ­lich und weit aus­ho­lend erzählt, ohne dass mir die Not­wen­dig­keit dafür klar wür­de. Vor allem ist es im Detail manch­mal – trotz der Recher­chen und dem Bemü­hen um his­to­ri­sche Authen­ti­zi­tät – eher schwach und nach­läs­sig, wirkt oft unge­nau (zum Bei­spiel in der zeit­li­chen Fixie­rung). Eine Ten­denz ins All­ge­mei­ne, zum Aus­wei­chen ins irgend­wie gear­te­te „Über-Zeit­li­che“ macht sich öfters unan­gehm bemerk­bar. Dabei kann Mein­hardt durch­aus erzäh­len und beschrei­ben, detail­liert und vol­ler Fas­zi­na­ti­on für den eige­nen Stoff. Genau­ig­keit und Witz ste­cken da durch­aus drin – aber ein­ge­bet­tet in gro­ße Län­gen und dür­re Stre­cken. Denn ande­rer­seits ver­liert er sich immer wie­der zu sehr im Detail. Es gibt ein­fach zu viel davon – und dabei wird nicht klar, war­um (und wofür) das eigent­lich alles not­wen­dig sein soll, wo der Text hin­will (über die blo­ße Beschrei­bung hin­aus). „– wird fort­ge­setzt –“ steht auf der letz­ten Sei­te: soll das alles denn immer noch nicht genug gewe­sen sein?

Hans-Jost Frey & Franz Josef Czern­in: Sät­ze. Zürich, Ret­ten­egg, Solo­thurn: rough­books 2014 (rough­book 030). 132 Seiten.

sätzeDa hat rough­books mir wie­der etwas beschert. Einer­seits ist das fas­zi­nie­rend ohne Ende, kann man sich in die­sen „Sät­zen“ wun­der­bar ver­lie­ren. Ande­rer­seits kann man aber auch aus dem Kopf­schüt­teln kaum noch her­aus kom­men … – ein typi­sches rough­book also, in gewis­ser Hin­sicht. Hans-Jost Frey und Franz Josef Czern­in spie­len sich hier gegen­sei­tig Sät­ze zu – der jeweils ande­re muss dar­auf reagie­ren, mit Sät­zen, die Wör­ter des Aus­gangs­sat­zes ent­hal­ten. Und Sät­ze sind hier ganz buch­stäb­lich zu ver­ste­hen, es geht fast nur um ein­zel­ne Sät­ze. Und es sind „Sät­ze“, also Set­zun­gen. Die sind oft axio­ma­tisch, spie­len immer wie­der mit der Spra­che, mit der Ober­flä­che und ihren Bedeu­tun­gen, häu­fen (schein­ba­re) Para­do­xien, schmei­ßen mit Zita­ten und Allu­sio­nen und Ver­frem­dun­gen berühm­ter Aus­sa­gen berühm­ter Män­ner (Kant, Hegel, Nietz­sche, Lacan, Freud, Kaf­ka und so wei­ter) nur so um sich. Manch­mal ver­selb­stän­digt sich das, dann sind die „Regeln“ auch nicht mehr so wich­tig. Manch­mal läuft sich das auch ein biss­chen tot. Zumin­dest emp­fand ich das beim ers­ten Lesen so. Ver­mut­lich wür­de eine wie­der­hol­te Lek­tü­re ein ganz ande­res Ergeb­nis zei­gen, da wären ver­meint­li­che Dür­restre­cken dann ver­mut­lich reich an wun­der- und wert­vol­len Sät­zen. Davon gibt es aber immer schon genug, auch nach dem ers­ten Lesen fin­den sich unzäh­li­ge Anstrei­chun­gen in mei­nem Exem­plar. Wie­der ein Buch also, das mit ein­ma­li­gem Lesen nicht ansatz­wei­se abge­tan ist …

Voß, Flo­ri­an (Hrsg.): Welt­krieg! Gefal­le­ne Dich­ter 1914–1918. Mün­chen: Alli­te­ra 2014 (Lyrik­edi­ti­on 2000). 70 Seiten.
Anz, Tho­mas & Joseph Vogl (Hrsg.): Die Dich­ter und der Krieg. Deut­sche Lyrik 1914–1918. Stutt­gart: Reclam 2014. 103 Seiten. 

Zu die­sen bei­den Antho­lo­gien mit Lyrik aus den Jah­ren 1914–1918, dem Welt­krieg bezie­hungs­wei­se sei­nem Umfeld in Deutsch­land, habe ich kürz­lich schon ein paar Sät­ze geschrie­ben. Jeden­falls auch loh­nen­de Lek­tü­re – und gar nicht so schwer oder lang …

Sarah Schmidt: Eine Ton­ne für Frau Scholz. Ber­lin: Ver­bre­cher 2014. 217 Seiten. 

schmidt, tonneUnd zum Schluss noch ein fei­nes Buch aus dem vor­züg­li­chen Ver­bre­cher-Ver­lag: Eine Ton­ne für Frau Schulz ist ein aus­ge­zeich­ne­ter, prä­zi­se beob­ach­ten­der und beschrei­ben­der Roman vol­ler Witz und Esprit. Sicher, Gat­tungs- oder gar Lite­ra­tur­ge­schich­te wird der nicht schrei­ben. Aber es ist vor­züg­li­che, niveau­vol­le Unterhaltung.
Neben dem schön tro­cke­nen, prä­zi­sen und unauf­dring­li­chen Humor der Erzäh­le­ring hat mir auch die Gewöhn­lich­keit des Set­tings und der Per­so­nen gut gefal­len. Das sind ganz nor­ma­le Men­schen mit ganz nor­ma­len Pro­ble­men und gan­ze nor­ma­len Gedan­ken. Dabei wird das nicht ankla­gend oder vor­füh­rend erzählt, son­dern sehr sym­pa­thisch. Das Leben an sich reicht schon, ist schön und erfül­lend genug, da braucht es kei­ne Beson­der­hei­ten, viel­leicht auch kei­nen Ehr­geiz nach Indi­vi­dua­li­tät oder Beson­der­heit: Das Sein reicht schon, kann auch schön sein und glück­lich machen (wenn man sich damit beschei­det, wie die Erzäh­le­rin). Die titel­ge­ben­de Frau Scholz, eine alte Dame, mit der sich die Erzäh­le­rin, die mit ihrer Fami­lie (Vater, Mut­ter, Sohn, Toch­ter – ganz nor­mal eben …) im glei­chen her­un­ter­ge­kom­me­nen Ber­li­ner Miets­haus wohnt, anfreun­det, ver­schafft sich dann aber doch noch eine Beson­der­heit, in dem sie sich einen Sohn erfin­det, der Flucht­hel­fer an bzw. unter der Ber­li­ner Mau­er war – offen­sicht­lich eine Lüge, auch wenn das nie ganz ein­deu­tig geklärt wird. Unter ande­rem, weil sie vor dem ent­schei­den­den Inter­view mit der selt­sam (für die Ich-Erzäh­le­rin) ziel­stre­bi­gen Toch­ter ein­fach so stirbt … Den Freun­din­nen und Freun­den guter, niveau­vol­ler Unter­hal­tung jeden­falls wärms­tens empfohlen. 

Mir feh­len zwar oft eige­ne Wor­te, so viel ver­schwin­det, wird absor­biert und zu häu­fig benutzt, und für vie­les in mir drin habe ich über­haupt kei­ne Wör­ter, noch nie gehabt, aber »Lebens­qua­li­tät«, das gehört nicht zu mir. Ich will nur in der Küche sit­zen und rau­chen und wei­ge­re mich, dabei ein Lebens­ge­fühl zu ent­wi­ckeln. Ich will kei­nen Lebens­stan­dard, kei­ne Lebens­lust, kei­nen Lebens­traum, kei­ne Lebens­phi­lo­so­phie. (39)

außer­dem:

  • Tho­mas Meine­cke, Loo­ka­li­kes (Re-Lek­tü­re)
  • Hubert Fich­te, Det­levs Imi­ta­tio­nen »Grün­span« (Re-Lek­tü­re – und immer wie­der begeis­tert von die­sem gro­ßen Text!)
  • Mara Gen­schel, Refe­renz­flä­che #4
  • Spra­che im tech­ni­schen Zeit­al­ter, #210

Positive Nachrichten

Posi­ti­ve Nach­rich­ten aus der Geschich­te sind nicht nur bei Min­der­hei­ten die Minderheit.

Elke Erb: Wer sie spricht, tut es aus Liebe

August 1914

René Schi­cke­le, Ers­ter August 1914:

Kam eine rote Wol­ke gezogen,
Ent­stürz­ten ihr dro­hend Gestalten,
Wir rie­fen, um sie aufzuhalten,
schon war sie durch uns geflogen
Und hin­ter­ließ einen Brandgeruch,
Bestür­zung rin­sum wie nach einem Fluch,

und dann war Krieg.

Die Träu­me sind aus uns getreten,
Sie zei­gen flet­schen­de Zäh­ne und winken,
Wir moch­ten in die Kniee sinken,
Die Angst und Wut in Ruh‘ zu beten.
Die wachen Träu­me haben uns umringt,
Wir hören, noch fremd, die eige­ne Stim­me, die singt:

Tod oder Sieg!

„und dann war Krieg.“ – Der große Krieg und die Lyrik

Gleich zwei Antho­lo­gien mit deut­scher Lyrik aus der Zeit des Ers­ten Welt­kriegs sind zufäl­lig fast zusam­men bei mir auf­ge­schlan­gen: Flo­ri­an Voß’ Samm­lung „Welt­krieg! Gefal­le­ne Dich­ter 1914–1918″ und „Die Dich­ter und der Krieg“, ein von Tho­mas Anz und Joseph Vogl her­aus­ge­ge­be­nes Reclam-Bändchen.

voß, gefallen!Auch wenn mir die im Alli­te­ra-Ver­lag erschie­ne­ne Edi­ti­on zunächst sehr gut gefal­len hat: Anz & Vogl lie­fern die bes­se­re Antho­lo­gie. Dabei sind die bei­den Bän­de ganz unter­schied­lich ange­legt und durch­aus auch bei­de ver­dienst- und wert­voll. Aber trotz­dem emp­feh­le ich das Reclam-Heft eher – nicht nur wegen des bes­se­ren Preis-Leis­tungs­ver­hält­nis­ses (7,4 Cent pro Gedicht vs. 19 Cent). Anz & Vogl haben aller­dings auch einen ande­ren Anspruch. Wäh­rend Voß nur Dich­ter berück­sich­tigt, die im Krieg umge­bracht wur­den und auch die­se per­so­na­le Aus­wahl noch ästhe­tisch wei­ter einschränkt:

Ich habe in die­ser Antho­lo­gie aus­schließ­lich deutsch­spra­chi­ge Lyri­ker ver­sam­melt, die der Moder­ne zuge­hö­rig und zudem im Ers­ten Welt­krieg gefal­len sind oder an des­sen Fol­gen star­ben. Lyri­ker‚ die in ihren Gedich­ten den Krieg ver­herr­lich­ten, wur­den von mir nicht in Betracht gezo­gen. (64)

die dichter und der kriegDage­gen bemüh­sen sich Anz & Vogl um gro­ße Band­brei­te, mög­li­che Reprä­sen­ti­vi­tät der „Lite­ra­tur­land­schaft“ bzw. der deutsch­spra­chi­gen Lyrik­pro­duk­ti­on zwi­schen 1914 und 1918. Natür­lich legen sie auch ästhe­ti­sche Kri­te­ri­en an (die sie im Gegen­satz zu Voß frei­lich nicht deut­lich offen­le­gen) und natür­lich bleibt die Aus­wahl – bei so knap­pem Umfang (1982 hat­ten die bei­den Her­aus­ge­ber das glei­che The­ma schon ein­mal aus­führ­li­cher bear­bei­tet), der bei bei­den Samm­lun­gen den Abdruck von etwas mehr als 50 Gedich­ten ermög­lichgt – pro­ble­ma­tisch. Aber die Übeschnei­dun­gen sind gering: Zwei Gedich­te fin­den sich in bei­den Samm­lun­gen, Kurd Adlers „Geschütz“ und Georg Tra­kls „Gro­dek“ – bei­des natür­lich auch Gedich­te, die man nicht ein­fach aus­las­sen kann. Noch ein klei­ner Punkt gefällt mir bei Reclam bes­ser: Jedes Gedicht hat einen Quel­len­nach­weis – bei Voß gibt es das über­haupt nicht. Und das Nach­wort von Anz und Vogl ist auch deut­lich sub­stan­zi­el­ler als das von Voß.

Dafür kann Voß für sich gel­tend machen, mehr von den (fast) ver­ges­se­nen Dich­tern (bei ihm kom­men natur­ge­mäß kei­ne Frau­en vor, bei Anz & Vogl sind immer­hin drei Dich­te­rin­nen auf­ge­nom­men wor­den) zu zei­gen: Kurd Adler eben, aber auch Hans Ehren­baum-Dege­le oder Georg Hecht und Wal­ter Ferl, um nur eini­ge weni­ge zu nennen.

Die Dich­ter und der Krieg“ ist dage­gen deut­lich viel­fäl­ti­ger: In den the­ma­tisch geglie­der­ten Kapi­teln – z.B. „Beginn“, „Krieg und Kunst“, „Kriegs­ma­schi­nen“, „Vater­land – Mensch­heit“ und „Schuld und Trau­er“ – sind eben auch kriegs­be­geis­ter­te Lyri­ker ver­tre­ten und auch pro­pa­gan­dis­ti­sche Ver­se wie Ernst Lissau­ers „Haß­ge­sang gegen Eng­land“ oder Will Ves­pers „Lie­be oder Haß?“ sind abge­druckt. Aber obwohl alle drei Her­aus­ge­ber auf ein unge­heu­er gro­ßes Lyrik­re­per­toire zurück­grei­fen kön­nen – wäh­rend des Krie­ges erleb­te die Vers­dich­tung eine enor­me Kon­junk­tur – sind in bei­den Aus­wahl­bän­den nur ganz wenig bekann­te Gedich­te ver­tre­ten, die auch unab­hän­gig von Kriegs­ju­bi­lä­um und Erin­ne­rung noch gele­sen wer­den. Ich ver­mu­te, dass hängt einer­seits mit ästhe­ti­schen Grün­den zusam­men – vom frü­hen Expres­sio­nis­mus, der moder­nen Lite­ra­tur über­haupt der 1910er und 1920er Jah­re wird heu­te nur noch wenig rezi­piert -, hat ande­rer­seits sicher­lich aber auch the­ma­ti­sche Grün­de: Kriegs­dich­tung (oder auch Anti­kriegs­dich­tung) ent­spricht nur bedingt dem heu­te vor­herr­schen­den Anspruch an Lyrik und ihre The­men … Das bei­des zu ändern, dazu sind die­se zwei Samm­lun­gen zur Lek­tü­re unbe­dingt zu empfehlen.

Voß, Flo­ri­an (Hrsg.): Welt­krieg! Gefal­le­ne Dich­ter 1914–1918. Mün­chen: Alli­te­ra 2014 (Lyrik­edi­ti­on 2000). 70 Sei­ten. ISBN 9783869066332.

Anz, Tho­mas & Joseph Vogl (Hrsg.): Die Dich­ter und der Krieg. Deut­sche Lyrik 1914–1918. Stutt­gart: Reclam 2014. 103 Sei­ten. ISBN 9783150192559.

Ins Netz gegangen (8.8.)

Ins Netz gegan­gen am 8.8.:

Rudertrainer

Ruder­trai­ner, dach­te Mat­ti: der ein­zi­ge unwür­di­ge Beruf hier auf dem Was­ser, denn ob man Fischer war, oder Steg­ma­cher, oder Fahr­rin­nen­bag­ger­füh­rer, man muß­te bestän­dig und hart zugrei­fen, um das Sei­ni­ge zu tun; das ein­zi­ge aber, wonach so ein Ruder­trai­ner zu grei­fen hat­te, war die­ser Trich­ter, der, aus der Fer­ne gese­hen, dem Kopf etwas Miß­ge­bil­de­tes gab, ein wider­wär­ti­ger Aus­wuchs war das, ein vor­ge­stülp­ter Schlund, in dem noch das gewöhn­lichs­te Wort mit einem raben­ar­ti­gen Krä­hen und Kräch­zen behängt wur­de. Theo­re­tisch war Mat­ti durch­aus bewußt, daß die­se Män­ner, denen er da und dort immer wie­der begeg­ne­te, auch Trai­nings­plä­ne erstell­ten und Wett­kampf­stra­te­gien ent­war­fen, daß sie wahr­schein­lich sogar eine spe­zi­el­le Klug­heit besa­ßen, aber so wie sie sich ihm hier auf dem Was­ser zeig­ten, erschie­nen sie ihm wie Schin­der und Schma­rot­zer, wie Nach­fah­ren jener salz- und see­len­ver­krus­te­ten Antrei­ber, die einst­mals auf den Galee­ren der Welt­mee­re zugan­ge gewe­sen waren.

—Birk Mein­hardt, Brü­der und Schwes­tern, 662

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