Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 27 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

john cage, complete song books (cover)

Taglied 18.10.2016

John Cage, Solo for Voice #70 (Song Books), inter­pre­tiert von Rein­hold Friedl:
https://​sound​cloud​.com/​k​a​r​l​r​e​c​o​r​d​s​/​j​o​h​n​-​c​a​g​e​-​s​o​l​o​-​f​o​r​-​v​o​i​c​e​-70

Ins Netz gegangen (18.10.)

Ins Netz gegan­gen am 18.10.:

  • „Stendhal hät­te es mit einem Agen­ten ver­mut­lich leich­ter gehabt“ | Voll­text → aus­führ­li­ches inter­view mit dem ehe­ma­li­gen lek­tor und piper-ver­le­ger mar­cel hart­ges, der jetzt lite­ra­tur­agent ist, über ver­la­ge und markt, lite­ra­tur und autoren (ja, in ers­ter linie die männlichen …)
  • How Did Walm­art Get Clea­ner Stores and Hig­her Sales? It Paid Its Peo­p­le More | New York Times → lan­ge repor­ta­ge über walm­art und sei­ne ver­su­che, umsät­ze zu stei­gern – durch die bes­se­re behand­lung & bezah­lung sei­ner mit­ar­bei­ter (wer könn­te auch dar­auf kommen …)

    But in ear­ly 2015, Walm­art announ­ced it would actual­ly pay its workers more.

    That set in moti­on the big­gest test ima­gi­nable of a basic argu­ment that has con­su­med ivo­ry-tower eco­no­mists, uni­on-hall orga­ni­zers and cor­po­ra­te exe­cu­ti­ves for years on end: What if pay­ing workers more, trai­ning them bet­ter and offe­ring bet­ter oppor­tu­ni­ties for advance­ment can actual­ly make a com­pa­ny more pro­fi­ta­ble, rather than less?

    und auch wenn das, was walm­art macht, sicher nicht das best­mög­li­che (für die arbei­ten­den) ist, so scheint es doch in die rich­ti­ge rich­tung zu gehen. und sich auch für das unter­neh­men zu lohnen …

  • SPIE­GEL-Gespräch: „Mit der Sor­ge kommt die Blind­heit“ | Spie­gel → caro­lin emcke im gespräch mit dem spiegel:

    Die Aggres­si­vi­tät und Miss­ach­tung betref­fen nicht nur die­je­ni­gen, auf die Brand­an­schlä­ge ver­übt wer­den, vor deren Moscheen oder Syn­ago­gen Schweins­köp­fe abge­legt wer­den. Sie betref­fen nicht nur Homo­se­xu­el­le oder Trans­per­so­nen, die sich fürch­ten müs­sen, auf der Stra­ße ange­grif­fen zu wer­den. Alle, die in einer libe­ra­len, zivi­len Gesell­schaft leben wol­len, sind betroffen.

    Ich sehe nicht ein, war­um ich mich intel­lek­tu­ell und emo­tio­nal ver­stüm­meln las­sen soll­te durch die­sen Hass. Ich den­ke, es braucht Ein­spruch, Wider­spruch, aber einen, der all das mobi­li­siert, was den Fana­ti­kern der „Rein­heit“, den Dog­ma­ti­kern des Homo­ge­nen und angeb­lich Ursprüng­li­chen abgeht: näm­lich die nicht nach­las­sen­de Bereit­schaft zu dif­fe­ren­zie­ren und das, was Han­nah Are­ndt ein­mal „lachen­den Mut“ nann­te. Eine gewis­se hei­te­re, muti­ge Freu­de dar­an, auch mal Ambi­va­len­zen aus­zu­hal­ten, Selbst­zwei­fel zuzu­las­sen, auch ein Zutrau­en in die Fähig­keit, gemein­sam zu handeln.

    Wir dür­fen uns als Gesell­schaft doch nicht zurück­zie­hen, nur weil wir die Aggres­si­ven auf der Stra­ße nicht errei­chen. Für die gewalt­be­rei­ten Fana­ti­ker sind die Poli­zei und die Staats­an­walt­schaf­ten zustän­dig. Aber für all die klei­nen, schä­bi­gen Ges­ten und Gewohn­hei­ten des Aus­gren­zens sind alle zustän­dig. Es wür­de auch schon hel­fen, wenn man­che Par­tei­en sich nicht dar­in über­bie­ten wür­den, einer poli­tisch radi­ka­len Min­der­heit die Arbeit abzu­neh­men. Durch Anbie­de­rung ver­schwin­det Popu­lis­mus nicht. 

  • Und ich so: Was habt ihr gegen Oba­ma? | taz → der gan­ze gegen­wär­ti­ge us-ame­ri­ka­ni­sche irr­sinn in einem satz:

    Im Bio­un­ter­richt schrei­ben wir eine Arbeit über den Urknall. Als Ash­lie alle Fra­gen durch­streicht und dafür die Schöp­fungs­ge­schich­te aus der Bibel hin­schreibt, bekommt sie die vol­le Punktzahl.

    auch der rest des tex­tes einer schü­le­rin über ihr aus­tausch­jahr in den usa, dass sie in die pam­pa von min­ne­soat führ­te, ist sehr inter­es­sant & gut
    (via wir​res​.net)

spinnennetz mit tau (unsplash.com)

Ins Netz gegangen (13.10.)

Ins Netz gegan­gen am 13.10.:

  • Die The­se vom Sound der Revol­te | per­len­tau­cher → der per­len­tau­cher über­nimmt einen teil eines gesprä­ches aus dem „mit­tel­weg“, das wolf­gang kraus­haar mit mar­tin bau­er und ste­fan mör­chen geführt hat. hier geht es vor allem um poli­tik und pop, um demons­tra­tio­nen und open-air-kon­zer­te und den (angeb­li­chen) „sound der revol­te“ sowie die zeit­li­che dif­fe­ren­zie­rung die­ser zusam­men­hän­ge zwi­schen den spä­ten sech­zi­gern und den frü­hen siebzigern
  • Pech für Fuß­gän­ger: Selbst­fah­ren­der Mer­ce­des soll im Zwei­fel immer den Fah­rer schüt­zen | t3n → wenn das stimmt, was t3n berich­tet, dass der sicher­heits­ab­tei­lungs­lei­ter bei daim­ler bei auto­no­men fahr­zeu­gen den fah­rer schüt­zen und z.b. fuß­gän­ger opfern möch­te, zeigt das (wie­der ein­mal) ein­dring­lich, wie schlecht ethi­sche fra­gen bei inge­nieu­ren auf­ge­ho­ben sind …
  • Fuß­ball-Bericht­erstat­tung: „Nen­nen wir das bit­te nicht Jour­na­lis­mus“ | kress → inter­view mit ron­ny blasch­ke über die unfä­hig­keit des „sport­jour­na­lis­mus“, sich sei­nes gegen­stan­des, ins­be­son­de­re beim fuß­ball, jour­na­lis­tisch und kri­tisch zu nähern …
  • Umwelt­ex­per­te über Elek­tro­mo­bi­li­tät: „Bis 2050 kom­plett emis­si­ons­frei“ | taz → gutes (wenn auch kur­zes) inter­view mit mar­tin schmied vom umweltbundesamt:

    Ein emis­si­ons­frei­er Auto­ver­kehr ist ein gesamt­ge­sell­schaft­li­ches Pro­jekt, das wir alle brau­chen. Und ohne ent­spre­chen­de staat­li­che Ein­grif­fe wird es nicht gelin­gen. Der öffent­li­che Nah­ver­kehr, Rad­fah­rer und Fuß­gän­ger, aber auch Car­sha­ring müs­sen über bes­se­re Infra­struk­tur natür­lich auch geför­dert wer­den. Denn Elek­tro­au­tos lösen zwar die Pro­ble­me von Schad­stoff­be­las­tung in den Städ­ten, aber sie lösen nicht die Kon­flik­te um die begehr­ten und knap­pen Flächen.

Die Weimarer Literatur als Zeitschrift

Ein inter­es­san­tes Unter­neh­men star­tet Jörg Miel­c­za­rek gera­de: Die Lite­ra­tur der Wei­ma­rer Repu­blik als Zeit­schrift. Fünf. Zwei. Vier. Neun. Zeit­schrift für Gesell­schaft, Kul­tur und Lite­ra­tur in den 5.249 Tagen der Wei­ma­rer Repu­blik soll die hei­ßen und führt damit die Dau­er der Wei­ma­rer Repu­blik im Titel (ich hab’s nicht nach­ge­rech­net …). Miel­c­za­rek hat dafür auf Start­next eine Crowd­fun­ding-Kam­pa­gne gestar­tet, in der das Pro­jekt der monat­lich erschei­nen­den Zeit­schrift mit beglei­ten­der Buch­rei­he natür­lich auch aus­führ­lich vor­ge­stellt wird. Star­ten soll das gan­ze pas­send am 9. November.

Die Vor­stel­lung liest sich ein biss­chen wie „Buch als Maga­zin“ meets Lite­ra­tur­zeit­schrift meets lite­ra­tur­his­to­ri­sche Arbeit: 

Die Wei­ma­rer Repu­blik ist nicht nur aus his­to­ri­scher Sicht eine der bedeu­tends­ten Epo­chen der deut­schen Geschich­te. Es war auch die Zeit gro­ßer Schrift­stel­ler und gro­ßer Lite­ra­tur. Die Ereig­nis­se zwi­schen 1918 und 1933 – Ende des 1. Welt­krie­ges, Ver­sailler Ver­trag, Welt­wirt­schafts­kri­se, Auf­stieg des Natio­nal­so­zia­lis­mus – bil­den dabei den Hin­ter­grund für außer­ge­wöhn­li­che Roma­ne, her­aus­ra­gen­de Erzäh­lun­gen und für Thea­ter­stü­cke, die für Furo­re sorg­ten. Welt­be­kann­te Autoren wie Tho­mas und Hein­rich Mann, Hans Fal­la­da, Ber­tolt Brecht, Her­mann Hes­se oder Franz Kaf­ka sind untrenn­bar mit die­ser Epo­che ver­bun­den. Aber auch weni­ger bekann­te Lite­ra­ten wie zum Bei­spiel Marie­lui­se Fleiß­er, Leon­hard Frank, Irm­gard Keun oder Edlef Köp­pen, deren Wer­ke heu­te oft ver­grif­fen sind, haben die beson­de­re Atmo­sphä­re die­ser Zeit in ihren Stü­cken, Roma­nen und Gedich­ten ein­ge­fan­gen und zu Papier gebracht. Es ist daher an der Zeit, dass die Lite­ra­tur der Wei­ma­rer Repu­blik end­lich ein ange­mes­se­nes Forum bekommt.

Die­ses Forum soll die monat­lich erschei­nen­de Zeit­schrift „Fünf. Zwei. Vier. Neun.“ sein, eine Zeit­schrift für Gesell­schaft, Kul­tur und Lite­ra­tur in den 5.249 Tagen der Wei­ma­rer Repu­blik. Jede Aus­ga­be wid­met sich dabei einem Schwer­punkt­the­ma. Bei der Null­num­mer wird dies die Welt­wirt­schafts­kri­se sein, und nicht von unge­fähr ist Hans Fal­la­das Roman „Klei­ner Mann, was nun?“ die Titel­ge­schich­te die­ser Aus­ga­be. Kein ande­rer Roman macht die Angst und die Ver­un­si­che­rung der Ange­stell­ten und Arbei­ter zu die­ser Zeit so spür­bar wie die­ses Meis­ter­werk. Auf cir­ca 100 Sei­ten wer­den zusätz­lich wei­te­re Stü­cke, Repor­ta­gen, Erzäh­lun­gen und Gedich­te zu die­sem Schwer­punkt­the­ma ver­öf­fent­licht – die­se wer­den zudem durch den ori­gi­nal­ge­treu­en Abdruck von Zei­tungs­ar­ti­keln aus die­ser Zeit in einen his­to­ri­schen Kon­text gebracht. Herz­stück der Null­num­mer ist das kom­plet­te Thea­ter­stück „Die Berg­bahn“ von Ödön von Hor­váth in der Mit­te des Hef­tes, das sepa­rat her­aus­trenn­bar ist. Ein sol­ches „Heft im Heft“ mit einem kom­plet­ten Ori­gi­nal­text wird jede Aus­ga­be haben.

„Fünf. Zwei. Vier. Neun.“ ist aber mehr als nur eine Zeit­schrift. Zu jeder Aus­ga­be erscheint daher ein Taschen­buch mit wei­te­ren Tex­ten zum Schwer­punkt­the­ma des Monats. Der Fokus liegt dabei auf Erzäh­lun­gen und Wer­ken von Autoren, die heu­te lei­der kaum jemand mehr kennt. Eine ech­te Fund­gru­be für Lite­ra­tur­lieb­ha­ber, in der es viel Neu­es zu ent­de­cken gibt!

Wenn ich ehr­lich bin: Ich bin etwas skep­tisch, ob das wirk­lich – und über meh­re­re Num­mern, dau­er­haft und dann auch noch jeden Monat – funk­tio­nie­ren wird. Aber das war ich bei ande­ren Zeit­schrif­ten, gera­de beim „Buch als Maga­zin“, auch – und wur­de des Gegen­teils belehrt … Das darf hier ger­ne auch pas­sie­ren, der Gegen­stand und das Enga­ge­ment von Miel­c­za­rek, der sich schon län­ger mit der Lite­ra­tur der Wei­ma­rer Repu­blik beschäf­tigt, wären es auf jeden Fall wert.

Also: Span­nend und inter­es­sant ist das sicher und auch eine klei­ne finan­zi­el­le Unter­stüt­zung wert (zumal das beim Crowd­fun­ding ja kei­ne Spen­de ist, man bekommt ja eini­ges dafür). Ich bin jeden­falls gespannt, was dar­aus wird – die Zwi­schen­kriegs­zeit bie­tet ja eine sehr reich­hal­ti­ge und reich dif­fe­ren­zier­te Lite­ra­tur, die heu­te kaum noch in ihrer Brei­te und Tie­fe bekannt ist. Wenn Fünf. Zwei. Vier. Neun. dar­an etwas ändern kann, wäre ja schon viel erreicht … Und wenn noch eine inter­es­san­te, lesens­wer­te Zeit­schrift bei her­aus­kommt, die unse­re Gegen­wart berei­chert – umso besser!

Ins Netz gegangen (10.10.)

Ins Netz gegan­gen am 10.10.:

  • Fleu­ron → coo­le sache: eine daten­bank von orna­men­ten des buch­drucks des 18. jahrhunderts

    Fleu­ron is a data­ba­se of eigh­te­enth-cen­tu­ry prin­ters’ orna­ments. Eigh­te­enth-cen­tu­ry books were high­ly deco­ra­ted and deco­ra­ti­ve. Their pages were ador­ned with orna­ments that ran­ged from small flo­ral embel­lish­ments to lar­ge and intri­ca­te head- and tail­pie­ces, depic­ting all man­ner of peo­p­le, places, and things. Fleu­ron includes orna­ments cut by hand in blocks of wood or metal, as well as cast orna­ments, engra­vings, and fleu­rons (orna­men­tal typography).

    Prin­ters’ orna­ments are of inte­rest to his­to­ri­ans from many disci­pli­nes (learn more here), not least for their importance as examp­les of ear­ly gra­phic design and craft­sman­ship. The­se minia­tu­re works of art can help sol­ve the mys­te­ries of the book trade, and they can be used to detect pira­cy and fraud.

  • We Need to Save the Inter­net from the Inter­net of Things | Mother­board → bruce schnei­er über die sicher­heits­pro­ble­me, die – schon jetzt abseh- und spür­bar, in naher zukunft aber um ein viel­fa­ches poten­ziert – das „inter­net of things“ darstellt

    What this all means is that the IoT will remain inse­cu­re unless govern­ment steps in and fixes the pro­blem. When we have mar­ket fail­ures, govern­ment is the only solu­ti­on. The govern­ment could impo­se secu­ri­ty regu­la­ti­ons on IoT manu­fac­tu­r­ers, for­cing them to make their devices secu­re even though their cus­to­mers don’t care. They could impo­se lia­bi­li­ties on manufacturers

    we need to build an inter­net that is resi­li­ent against attacks like this. But that’s a long time coming.

  • „vor­wärts“ und nicht ver­ges­sen? | car­ta → klaus vater über den „vor­wärts“, mit inter­es­san­ten anekdoten
  • Was läuft: Musik war immer wich­tig | der Frei­tag → über die musik, die seri­en für die end-cre­dits benutzen …
  • Wei­ma­rer Repu­blik: Hat­te Wei­mar eine Chan­ce? | ZEIT ONLINE → die „zeit“ stellt zwei bewer­tun­gen der wei­ma­rer repu­blik gegen­über – von tim b. mül­ler und andre­as wir­sching. inter­es­sant die unter­schie­de (mül­ler wie­der­holt, was er seit zwei jah­ren auf allen kanä­len mit­teilt …), aber auch die gemein­sam­kei­ten. und viel­leicht soll­te man die bei­den ansätze/​bewertungen über­haupt gar nicht so sehr als gegen­sät­ze, son­dern als ergän­zun­gen betrachten …
vögel auf leitung (unsplash.com)

Twitterlieblinge September

Die Rest des Monats (die ers­ten Wochen sind noch in der August­aus­ga­be gelandet):


https://​twit​ter​.com/​S​c​i​e​n​c​e​P​o​r​n​/​s​t​a​t​u​s​/​7​7​5​7​9​1​6​6​1​0​2​8​9​5​8​208


https://​twit​ter​.com/​h​a​l​t​e​r​j​u​e​r​g​/​s​t​a​t​u​s​/​7​7​7​4​6​7​1​5​2​3​4​5​4​8​9​409
https://​twit​ter​.com/​H​o​k​e​y​s​/​s​t​a​t​u​s​/​7​7​8​0​9​2​8​2​1​0​3​5​2​2​9​186


https://​twit​ter​.com/​G​e​y​s​t​/​s​t​a​t​u​s​/​7​8​0​4​6​5​9​4​1​1​7​1​8​0​6​209

Ulrich Peltzer bekommt noch einen Literaturpreis

Ulrich Pelt­zer war ges­tern mal wie­der in Mainz – weil er den Ger­ty-Spies-Lite­ra­tur­preis der Lan­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung bekom­men hat. Die Preis­ver­lei­hung im Foy­er des SWR-Funk­hau­ses hat­te sogar inter­es­san­te Momen­te im vie­len Gere­de. Das liegt natür­lich an Pelt­zer, der mit sei­ner klu­gen, manch­mal zöger­li­chen Nach­denk­lich­keit immer wie­der eine inter­es­san­te und berei­chern­de Begeg­nung ist. Viel los war eigent­lich nicht: Wenn man die gan­zen Hono­ra­tio­ren und „Pflicht­be­su­cher“ abzieht, waren viel­leicht noch 10–20 ande­re (vor­wie­gend älte­re) Besu­cher übrig, die sich in der groß­zü­gi­gen Bestuh­lung etwas ver­lo­ren. Aber das ist ja eigent­lich immer so bei sol­chen Ver­an­stal­tun­gen, selbst beim Georg-Büch­ner-Preis blei­ben vie­le Sit­ze leer …

Und eigent­lich war der Abend ganz nett, mit ange­neh­mer musi­ka­li­scher Umrah­mung der Brü­der Nils und Niklas Lie­pe (Kla­vier und Vio­li­ne), die mit dem Preis­trä­ger aller­dings eher nichts zu tun hat­te (wenn man sei­ne Bücher als Maß­stab nimmt, hät­te da ande­re Musik – am bes­ten von Vinyl – gespielt wer­den müs­sen …). Und die Reden und Gruß­wor­te schie­nen sogar ehr­lich gemein­te Freu­de und über den dies­jäh­ri­gen Preis­trä­ger auszudrücken. 

Die Lau­da­tio der Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin Mei­ke Feß­mann hat mich nicht so sehr begeis­tert: Da ging es dann doch wie­der vor allem um Hand­lungs­strän­ge, Moti­ve und Sujets – also in ers­ter Linie um inhalt­li­che Fra­gen. Und über­haupt mag ich die super­la­ti­ve Lob­hu­de­lei (der „avan­cier­tes­te“ Erzäh­ler, die „legen­dä­re Ein­gangs­sze­ne“ und so wei­ter), die so man­che Lau­da­tio mit sich bringt, nicht so sehr. Zumal ein Autor wie Pelt­zer die eigent­lich gar nicht nötig hat. Natür­lich wird – das geht bei Pelt­zer offen­bar nicht anders – immer wie­der sei­ne „for­ma­le Avan­ciert­heit“, sein auf den „Metho­den und Errun­gen­schaf­ten des 20. Jahr­hun­derts“ auf­bau­en­des Erzäh­len, sei­ne „meis­ter­haf­te Beherr­schung der erleb­ten Rede“ und des fil­mi­schen Erzäh­len, beschwo­ren. Aber das sind oft lei­der nur Stich­wor­te, die halt inzwi­schen (nach immer­hin sechs Roma­nen in 30 Jah­ren – ein Viel­schrei­ber ist er ja über­haupt nicht) zu Pelt­zer gehö­ren. Inter­es­sant ist ja eher, dass Ulrich Pelt­zer hier­zu­lan­de fast als Spit­ze der lite­ra­ri­schen Avant­gar­de zählt. Denn so sehr ich ihn schät­ze: For­mal und nar­ra­to­lo­gisch ist das jetzt nicht so wahn­sin­nig avan­ciert – das scheint nur im Ver­gleich so, weil ein Groß­teil der deut­schen erzäh­len­den Lite­ra­tur (auch derer, die von den Kri­ti­kern und Jurys geprie­sen wird) in die­ser Hin­sicht halt immer noch im 19. Jahr­hun­dert steckt. Und bezeich­nend ist auch, dass schon der Ulys­ses von James Joy­ce als (nahe­zu) unles­ba­res moder­nes Kunst­werk gilt, des­sen Fin­ne­gans Wake aber nicht mal mehr erwähnt wird …

Doch das nur neben­bei. Eigent­lich ging es ja um Ulrich Pelt­zer – und der beruft sich eben unter ande­rem immer wie­der auf den Ulys­ses. Das tat er auch ges­tern in sei­ner knap­pen Dan­kes­re­de wie­der und stell­te ihn neben Ray­mond Feder­man und des­sen Die Nacht zum 21. Jahr­hun­dert oder aus dem Leben eines alten Man­nes. Der Ger­ty-Spies-Lite­ra­tur­preis ist ja eine Aus­zeich­nung, die aus­drück­lich die gesell­schaft­li­che Rol­le von Lite­ra­tur her­vor­hebt und wür­di­gend för­dern möch­te. Das passt durch­aus zu Pelt­zers Ästhe­tik, die, das beton­te er auch ges­tern ger­ne wie­der, wie alle Ästhe­tik über­haupt immer auch eine poli­ti­sche ist. Vor allem aber räson­nier­te er über sich und sein Tun – das beschreibt sei­ne Tätig­keit viel­leicht am bes­ten. Deut­lich wur­de das auch in der abschlie­ßen­den Gesprächs­run­de, die recht ergeb­nis­arm und kul­tur­pes­si­mis­tisch blieb (ja, „damals“, als „alle“ das glei­che Buch lasen und dar­über sprachen …). 

Ergie­bi­ger das Solo von Pelt­zer, dass sei­nen Stand­punkt und sei­ne Poe­tik zwar nicht – das wäre ja auch selt­sam … – ganz neu erschloss, aber schon ande­re Schwer­punk­te setz­te. Bei Pelt­zer habe ich stär­ker als bei ande­ren Autoren den Ein­druck, dass er in einem per­ma­nen­ten, unab­ge­schlos­se­nen (und wohl auch nicht zu Ende zu brin­gen­den) Rin­gen um die Posi­ti­on sei­ner Ästhe­tik und ihr Ver­hält­nis zur Welt steht. Ihm ging es aus­drück­lich um den Zusam­men­hang von Geschich­te und Schrei­ben und die Rol­le des Autors als mög­li­cher Für­spre­cher, sei­nen Ein­fluss auf die Gesell­schaft. Die Fra­ge, was denn Geschich­te sei, wie das Indi­vi­du­um in der Geschich­te mög­lich sei, hängt für Pelt­zer dabei eng zusam­men mit der Fra­ge nach der Mög­lich­keit der Lite­ra­tur, Wirk­lich­keit zu erzäh­len. Wie geht das über­haupt, „Wirk­lich­keit erzäh­len“? Damit beschäf­tigt er sich ja schon län­ger, auch bei der Main­zer Poe­tik­do­zen­tur sprach er dar­über … Und: Soll Lite­ra­tur das über­haupt? Soll sie Gegen­wart zei­gen und beweisen?

Wie geht das also, das Schrei­ben mit Geschich­te, mit der Unaus­weich­lich­keit, mit der wir – und alle Roman­fi­gu­ren – in der Geschich­te ver­haf­tet blei­ben? „Der Geschich­te, zumal der Welt­ge­schich­te, aus­zu­wei­chen ist unmög­lich.“ Er geht sogar noch wei­ter: Gefan­gen in der Geschich­te sind wir alle, ob „real“ oder „fik­tio­nal“ (und wie­der dien­te der Ulys­ses als Bei­spiel). Geschich­te heißt dabei nicht nur (aber auch) das Ver­gan­ge­ne, son­dern auch das Gegen­wär­ti­ge vor allem des poli­ti­schen Gesche­hen und Han­delns, das die Men­schen beein­flusst und unent­wegt begleitet.

Das lite­ra­ri­sche Schrei­ben beschreibt Pelt­zer dann als einen Beschrei­bungs- und Erkennt­nis­pro­zess. Denn: „Sich zur Gegen­wart ver­hal­ten, sich ver­hal­ten zu müs­sen, ist unhin­ter­geh­ba­re Bedin­gung des Schrei­bens.“ Aber: Nicht als Ermah­nung, nicht als pre­di­gen­de Bes­ser­wis­se­rei des Autors soll das gesche­hen. Son­dern es soll und muss sich im Hori­zont der Figu­ren mani­fes­tie­ren, in ihrem Wis­sen, ihren Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten und ihren Erleb­nis­sen: Der Autor (und vor allem sein Wis­sen, sein Erkennt­nis­stand gera­de aus spä­te­rer Zeit, mit dem Wis­sen der geschicht­li­chen Ent­wick­lung) sei nicht gefragt (sonst ent­stün­de eine Pre­digt und kein Roman). Spä­ter prä­zi­sier­te er das noch: Auf­ga­be der Lite­ra­tur sei es nicht, Poli­tik und Geschich­te nach­zu­er­zäh­len. Geschich­te ist aber der immer prä­sen­te Rah­men, der die Roman­hand­lung beeinflusst.

Ob dann Zufall oder Not­wen­dig­keit in der Rea­li­tät wal­ten, ob plan­ba­re Hand­lun­gen oder Reak­tio­nen poli­ti­sches Gesche­hen und Geschich­te ermög­li­chen, ist eine wei­te­re Fra­ge, die er sich als Autor stellt. Aus der Sicht des Indi­vi­du­ums lässt sich das für Pelt­zer wohl nicht ent­schei­den, denn letzt­lich, das beton­te er sehr, ist „Geschich­te der Alb­traum eines ande­ren, aus dem es kei­nen Aus­gang gibt“. Davon aus­ge­hend ist lite­ra­ri­scher Rea­lis­mus für ihn dann aber nicht das sich Erge­ben des Autors in die Unab­ding­bar­keit (wenn ich ihn da rich­tig ver­stan­den habe). Im Gegen­teil: Der Wider­stand der Kunst liegt mög­li­cher­wei­se (wie so vie­les for­mu­lier­te Pelt­zer das als Fra­ge) dar­in, nicht auf­zu­ge­ben, son­dern wei­ter­zu­ma­chen: „Die Zukunft wird das sein, was wir uns erkämp­fen. Man muss damit anfan­ge – heu­te, jetzt. Sonst ist es zu spät.“ schloss Pelt­zer sein Plä­doy­er für die Ernst­haf­tig­keit und die Anstren­gung der Kunst im Umgang mit der Welt und der Gegen­wart ab. Dass es ihm bei all dem nicht pri­mär um Ant­wor­ten, son­dern vor allem um die rich­ti­gen Fra­gen an die so schnell Geschich­te wer­den­de Gegen­wart geht, wur­de auch an die­sem Abend wie­der deut­lich. Und die­se Art der ana­ly­ti­schen Schär­fe der Gegen­warts­be­trach­tung, die eine sehr spe­zi­fi­sche Art der Offen­heit gegen­über der Gegen­wart, ihrer Erkennt­nis und den Fol­gen dar­aus (also dem Han­deln und der Zukunft) mit sich bringt, sind es, die Pelt­zer in mei­nen Augen als Autor so inter­es­sant machen.

Nach­trag 19. Okto­ber: Im Ver­lags­blog Hun­dert­vier­zehn des Fischer-Ver­la­ges ist die Dan­kes­re­de Pelt­zers jetzt auch nach­zu­le­sen: klick.

spinnennetz mit tau (unsplash.com)

Ins Netz gegangen (25.9.)

Ins Netz gegan­gen am 25.9.:

Taglied 19.9.2016

Nick Cave & The Bad Seeds, Jesus Alone

Nick Cave & The Bad Seeds – ‚Jesus Alo­ne’ (Offi­ci­al Video)

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Arbeitsplatz (9)

Unver­hofft fand ich mich in einem Kerb­got­tes­dienst, der nicht – wie es anläss­lich eines Fes­tes zur Kirch­wei­he ja zu erwar­ten wäre – in der Kir­che, son­dern im Fest­zelt auf dem Dorf­platz statt­fand, wie­der. Da durf­te ich dann auf dem E‑Piano klim­pern. Aber die Gemein­de hat wenigs­tens kräf­tig mit­ge­sun­gen. Was man auf dem Bild nicht sieht: Den Regen, der auf das Zelt­dach und an die Wän­de pras­sel­te. Und der über­all durch­tropf­te – unter ande­rem auch auf den Altar. Das Instru­ment (und ich) blieb vom Was­ser glück­li­cher­wei­se verschont.

kerbgottesdienst brensbach

Seite 27 von 208

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén