Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 28 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Twitterlieblinge August (und September) 2016

Total ver­spä­tet, des­halb bis in den Sep­tem­ber erwei­tert: Die monat­li­chen Twitterlieblinge …


https://​twit​ter​.com/​W​o​n​d​e​r​g​i​r​l​/​s​t​a​t​u​s​/​7​6​3​4​8​3​6​6​2​2​2​6​6​9​4​144
https://​twit​ter​.com/​p​e​t​e​r​b​r​e​u​e​r​/​s​t​a​t​u​s​/​7​6​4​1​3​6​0​0​5​7​8​8​1​9​6​864
https://​twit​ter​.com/​g​u​e​n​t​e​r​h​a​c​k​/​s​t​a​t​u​s​/​7​6​4​1​7​2​7​2​4​9​4​8​3​0​7​968
https://​twit​ter​.com/​S​p​r​a​c​h​p​i​n​g​e​l​/​s​t​a​t​u​s​/​7​6​5​4​7​1​7​8​1​4​0​6​6​3​8​080


https://​twit​ter​.com/​g​u​e​n​t​e​r​h​a​c​k​/​s​t​a​t​u​s​/​7​6​5​8​3​3​0​0​4​2​3​7​3​8​5​729


https://​twit​ter​.com/​J​a​n​k​o​T​i​e​t​z​/​s​t​a​t​u​s​/​7​6​9​4​3​8​6​4​8​7​8​1​7​3​3​888


https://​twit​ter​.com/​A​c​h​i​m​L​a​n​d​w​e​h​r​/​s​t​a​t​u​s​/​7​7​0​3​4​7​4​8​3​6​4​1​8​9​6​960


https://​twit​ter​.com/​A​l​e​x​L​o​s​s​e​/​s​t​a​t​u​s​/​7​7​0​9​2​6​4​3​9​2​9​0​0​4​8​512
https://​twit​ter​.com/​z​y​n​a​e​s​t​h​e​s​i​e​/​s​t​a​t​u​s​/​7​7​0​9​3​6​8​1​0​0​7​5​7​2​5​824


https://​twit​ter​.com/​W​o​n​d​e​r​g​i​r​l​/​s​t​a​t​u​s​/​7​7​3​8​1​1​3​8​4​5​4​7​2​1​7​408

https://​twit​ter​.com/​s​p​m​r​i​d​e​r​/​s​t​a​t​u​s​/​7​7​4​4​9​6​5​4​0​7​9​8​8​7​7​696

Ins Netz gegangen (12.9.)

Ins Netz gegan­gen am 12.9.:

  • Elke Hei­den­reich im Lite­ra­tur­club: Die Ver­lu­de­rung der Kri­tik | NZZ → der lite­ra­tur­kri­ti­ker der nzz, roman bucheli, hält wenig von der momen­ta­nen fernseh-literatur-kritik:

    Dort die Brüll-Kri­tik, hier die Schleim-Kri­tik, bei­des müss­te man nicht ernst neh­men, wäre die Wir­kung nicht so ver­hee­rend, denn die Kri­tik selbst wird damit beschä­digt. Das alles ist umso bedenk­li­cher, als es aus­ge­rech­net öffent­lich-recht­li­che Rund­funk­an­stal­ten sind, die unter dem Vor­wand, Lite­ra­tur­kri­tik zu betrei­ben, sie kor­rum­pie­ren und der Ver­lu­de­rung preis­ge­ben. Das ist kein Ser­vice public, son­dern öffent­li­che Selbstdemontage.

  • Rad fah­ren in Gro­nin­gen: Was pas­siert wenn alle Rad­fah­rer einer Kreu­zung gleich­zei­tig grün haben? | RBNSHT → schö­ne idee/​versuch in gro­nin­gen: an einer kreu­zung gibt es eine pha­se, in der alle rad­fah­rer aus allen/​in alle rich­tun­gen gleich­zei­tig grün haben. und es funktioniert …
  • Schuld ist nicht die Digi­ta­li­sie­rung – Frei­text → ein etwas weh­mü­ti­ger „nach­ruf“ auf die biblio­the­ken, der lei­der in sehr vie­len punk­ten recht hat

    „Treff­punk­te des Aus­tau­sches, Orte der Begeg­nung“ – so, heißt es auf der Web­site der Zen­tral­bi­blio­thek Ber­lin, sol­len Biblio­the­ken heu­te sein. Habe ich irgend­was falsch ver­stan­den? Ich will in der Biblio­thek nie­man­dem begeg­nen. Ich will mich auch nicht aus­tau­schen, wenn ich in die Biblio­thek gehe. Ich will mich an einen stil­len Ort bege­ben, an dem jemand sich ein klu­ges Sys­tem aus­ge­dacht hat, in dem Bücher und ande­re Medi­en geord­net bei­ein­an­der stehen.

  • The myth of the well-admi­nis­te­red Ger­man city – Homo Lud­dit­us → schö­ner blog­post, der am bei­spiel der baden-würt­tem­ber­gi­schen stadt leon­berg zeigt, wie mise­ra­bel es um das öffent­li­che bau­we­sen in deutsch­land steht (vor allem was die aufsicht/​kontrolle von bau­stel­len angeht – da muss ich voll­ends zustim­men), und wie wenig die städ­ti­sche ver­wal­tung dort (und wie­der: das ist ein typi­sches phä­no­men) dem ruf der deut­schen effi­zi­enz und ord­nung entspricht
  • Auto: Voll outo!? | Zeit → der groß­ar­ti­ge burk­hard straß­mann über die mobi­li­tät von jun­gen leu­ten und ihre (angeb­li­che) abkehr vom auto(besitz)

    Der Mul­ti­mo­dal-Sur­fer glei­tet in Out­door­ho­se und Trek­king­schu­hen durch den urba­nen Dschun­gel, schnell, fle­xi­bel und ele­gant, und ist dabei stets mit Leu­ten über sein Smart­phone ver­netzt. Alles, was sich bewegt, kann sei­nem Fort­kom­men die­nen, U‑Bahn, Taxi, Fahr­rad oder Miet­fahr­rad, Mut­ters Polo, Mit­fahr­ge­le­gen­hei­ten, der Flix­bus oder das Longboard.

  • Wahl­pla­ka­te in der Wei­ma­rer Repu­blik (1919 – 1933) → eine samm­lung von wahl­pla­ka­ten, gut auf­be­rei­tet und zugänglich
  • „Spit­zen­ma­na­ger sind da nur arme Schlu­cker“ | der Frei­tag → gutes inter­view mit dem elitenforscher=soziologe micha­el hart­mann über eli­ten, reich­tum, macht und aufstiegsmöglichkeiten
  • Haen­chen: Par­si­fal „noch­mal rich­tig machen“ | fest­spie­le­b­log → ein span­nen­des inter­view mit hart­mut haen­chen, dem diri­gen­ten des dies­jäh­ri­gen „par­si­fal“ bei den bay­reu­ther fest­spie­len, unter ande­rem über text­kri­ti­sche fra­gen der wag­ner-par­ti­tur und das arbei­ten in bayreuth
die orgel im kirchenraum

Arbeitsplatz (8)

Das klei­ne Kirch­lein im ziem­lich klei­nen, ver­steckt und abge­le­ge­nen Dorf Wald-Amor­bach hat auch eine etwas spe­zi­el­le Orgel. Das Instru­ment ist sei­ten­spie­lig, was hier schon sel­ten genug ist. Außer­dem hat es eine inter­es­san­te Aus­le­gung des kur­zen Pedals: Nicht die Okta­ve ist kurz, son­dern die Pedal­tas­ten sind so kurz gera­ten, dass ich mit mei­nen noch nicht ein­mal beson­ders gro­ßen Füßen ganz schö­ne Pro­ble­me hat­te, da kein Durch­ein­an­der anzu­rich­ten. Ein ande­res Pro­blem der nicht­stan­dar­di­sier­ten, uner­go­no­mi­schen Maße: Das Noten­pult – da pas­sen näm­lich kei­ne Noten im Hoch­kant-For­mat drauf. Das ist schon etwas gemein. Aber ich habe ja immer einen Plan B und bin für die meis­ten Fäl­le inzwi­schen gerüstet …

Die Orgel spielt sich wie eine ech­te Dorf­or­gel, die von einem Orgel­bau­er gefer­tigt wur­de, der wahr­schein­lich eher Schrei­ner als Instru­men­ten­ma­cher war ;-) (wobei ich kei­ne Ahnung war, wer sie gebaut hat): Die Tas­ten sind reich­lich schwer­gän­gig, die Into­na­ti­on sehr unaus­ge­wo­gen mit eini­gen Über­ra­schun­gen. Und man­che Töne brauch­ten einen hal­ben Takt, bis sie rich­tig anspra­chen. Aber auch das macht ja den Reiz des Ver­tre­tungs­or­ga­nis­ten­da­seins aus, dass man immer wie­der auf neue (alte), über­ra­schen­de Instru­men­te stößt …

Taglied 5.9.2016

Ein neu­es Video von Pos­tyr: Dance with me now

POSTYR – Dance With Me Now (Offi­ci­al Video)

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.
spinnennetz mit tau (unsplash.com)

Ins Netz gegangen (4.9.)

Ins Netz gegan­gen am 4.9.:

  • Bin­gen dringt auf Besei­ti­gung der poli­ti­schen Paro­le auf Rüdes­hei­mer Sei­te → eigent­lich eine lokal­pos­se, aber eine sehr bezeich­nen­de und typi­sche: als gegen­ak­ti­on zum afd-par­tei­tag in bin­gen hat jemand auf der gegen­über­lie­gen­den rhein­sei­te in rüdes­heim wein­berg­mau­ern mit der schö­nen paro­le „natio­na­lis­mus ist kei­ne lösung“ beschrif­tet. die bin­ge­ner hät­ten das jetzt ger­ne weg – weil es angeb­lich dem tou­ris­mus (!) schadet …
  • Why Tim Ber­ners-Lee is no fri­end of Face­book | The Guar­di­an → die nahe­lie­gen­de lösung: weil face­book ein geg­ner des offe­nen net­zes ist …
  • Jan Robert von Renes­se: Rich­ter Mund­tot | Zeit → die „zeit“ berich­tet von sehr unschö­nen vor­gän­gen – man muss das eigent­lich mau­sche­lei­en nen­nen – in der jus­tiz, wenn es um wie­der­gut­ma­chung von natio­nal­so­zia­lis­ti­schem unrecht – hier: ren­ten für ghet­to-arbeit – geht
  • Land­wirt­schaft: Sie duzen sich, sie strei­ten sich | Zeit → die „zeit“ hat den grü­nen land­wirt­schafts­mi­nis­ter von schles­wig-hol­ste­ing, robert habeck, mit dem dor­ti­gen bau­ern­ver­bands-prä­si­den­ten klaus-peter lucht tref­fen und reden las­sen. eine inter­es­san­te sache, ein sach­li­cher, har­ter streit
  • Letz­ter Brief von König Lud­wig II. – Staats­streich auf Baye­risch | Süd­deut­sche → die süd­deut­sche über den letz­ten brief lud­wigs II., der dar­auf hin­weist, dass er evtl. gar nicht so ver­rückt war, wie bis­her angenommen

    Die­se Zei­len zei­gen auf, dass Lud­wig II. geis­tig in der Lage war, die ihm dro­hen­de Gefahr zu sehen. Das bestä­tigt auch Ger­hard Immler, Lei­ten­der Archiv­di­rek­tor am Baye­ri­schen Haupt­staats­ar­chiv, einer der bes­ten Ken­ner des Lud­wig II.-Nachlasses.

    Aller­dings habe der König selt­sam reagiert, sagt Immler. Es gelang ihm nicht, die für ihn rich­ti­gen Schrit­te ein­zu­lei­ten. Er hat die Lage, in der er sich befand, miss­ge­deu­tet. „Er bewer­te­te die Vor­gän­ge nicht vor dem Hin­ter­grund der Ver­fas­sung, son­dern wohl als Akt eines Königs­dra­mas à la Shake­speare“, sagt Immler.

    und den wort­laut des brie­fes gibt es dort auch zu lesen.

  • Por­trät ǀ Musi­ker mit Botschaft—der Frei­tag → ein inter­es­san­tes por­trät über mar­kus rindt, den inten­dan­ten der dresd­ner sin­fo­ni­ker, der mit sei­nem durch­aus poli­ti­schen (und zeit­ge­nös­si­schem) pro­gramm manch­mal gehö­rig aneckt

roughbook-Zeit

Für eine sol­che Mit­tei­lung muss man den rough­books-Ver­lag von Urs Enge­ler doch ein­fach lieben …

via Insta­gram

prospekt der sandbacher orgel

Arbeitsplatz (7)

Die evan­ge­li­sche Kir­che in Sand­bach ist über­ra­schend groß und groß­zü­gig gebaut (und ver­fügt noch über die in pro­tes­tan­ti­schen kir­chen inzwi­schen sel­te­nen Beicht­stüh­le) – man muss nur hin­kom­men (mit dem Auto ist das etwas abenteuerlich …)

Die 1787 von den Brü­dern Johann Chris­ti­an und Johann Georg Dau­phin erbau­te Orgel auf der Empo­re über dem Altar sieht im Kir­chen­raum so aus:
orgel sandbach

Die im gro­ßen und gan­zen seit ihrer Erbau­ung unver­än­der­te Orgel hat eine über­ra­schend groß­zü­gi­ge, fein gestuf­te Dis­po­si­ti­on, die klang­lich aller­dings nicht ganz so dif­fe­ren­ziert ist wie es auf dem Papier aussieht …

Bayreuth-Notizen 2016

Eine gan­ze Woche war ich die­ses Jahr in Bay­reuth bei den Bay­reu­ther Fest­spie­len. Eine vol­le Ladung Wag­ner also: Den kom­plet­ten Ring und den Par­si­fal konn­te ich sehen und hören, dazu noch die Vil­la Wahn­fried und das dor­ti­ge Richard-Wag­ner-Muse­um. Damit ist mein Bedarf fürs Ers­te mal wie­der gedeckt …

Aber es war eine tol­le Erfah­rung, nach mei­ner bis­he­ri­gen ein­ma­li­gen Stipp­vi­si­te (wo ich nur zu einer Vor­stel­lung kam und direkt danach in der Nacht wie­der nach Hau­se fuhr) mal die Fest­spie­le so rich­tig zu erle­ben. Naja, was eben so rich­tig heißt … Bei mir hieß das: An- und Abrei­se mit dem Zug (hin hat das wun­der­bar rei­bungs­los geklappt, zurück war lei­der der ers­te Zug ab Bay­reuth so ver­spä­tet, dass ich mei­ne Anschlüs­se nicht mehr schaff­te), Über­nach­tun­gen in der Jugend­her­ber­ge, die Fest­spiel­haus­be­su­che ver­gleichs­wei­se under­dres­sed (kei­ne klas­si­sche Abend­gar­de­ro­be …), dafür aber auch ver­gleichs­wei­se bil­li­ge Plät­ze im Balkon.

Der Auf­ent­halt in der Jugend­her­ber­ge, die nicht mehr ganz heu­ti­gen Ansprü­chen ent­spricht (etwa: kei­ne Schrän­ke im Zim­mer, nur Spin­de auf dem Flur; eine Dusche pro Flur für ca. 30 Bet­ten …), deren Nach­fol­ger direkt neben­an aber schon in Bau ist und im nächs­ten Früh­jahr in Betrieb gehen soll, hat­te zwar klei­ne­re Kom­fort­ein­bu­ßen zur Fol­ge, aber dafür einen gro­ßen Vor­teil: Ich traf gleich dort eini­ge ande­re Wag­ne­ria­ner. Genau­er gesagt: Einen Eng­län­der, einen Japa­ner, einen Rus­sen und einen Luxem­bur­ger, die (fast) alle im Gegen­satz zu mir wesent­lich über­zeug­te­re Wag­ne­ria­ner (und Lieb­ha­ber der Oper des 19. Jahr­hun­derts über­haupt) waren. Die kos­mo­po­li­ti­sche Zusam­men­set­zung unse­res klei­nen Trupps führ­te dazu, dass ich zwar Wer­ke des viel­leicht deut­sches­ten aller deut­schen Kom­po­nis­ten hör­te und sah, sonst aber nahe­zu aus­schließ­lich eng­lisch rede­te (und zum Schluss auch schon dach­te). Eine sehr inter­es­san­te und sehr berei­chern­de Erfah­rung war es auf jeden Fall.

Aber zur Haupt­sa­che: Der Ring also. Die Insze­nie­rung von Frank Cas­torf hat ja nun schon eini­ge Jah­re auf dem Buckel. Belieb­ter gewor­den ist sie dadurch beim Bay­reu­ther Publi­kum nicht gera­de. Das ist auch nicht nur Reflex und Faul­heit, son­dern liegt – ver­mu­te ich – zumin­dest teil­wei­se an der Insze­nie­rung selbst. Cas­torf hat näm­lich, könn­te man sagen, ein­fach sei­ne bewähr­te Thea­ter­me­tho­de der Dra­ma­ti­sie­rung gro­ßer Roma­ne auf den Ring des Nibe­lun­gen ange­wandt. Das funk­tio­niert aber nur so halb­wegs, es kracht an allen Ecken und Enden. Zum einen hat er für mich kei­ne Idee, was der gesam­te Ring eigent­lich soll und (bedeu­ten) will. Zumin­dest kei­ne erkenn­bar. Ja, es gibt das Motiv des Öls, das irgend­wie das neue Rhein­gold ist (gera­de im Rhein­gold_​wird das recht stark gemacht). Aber das bleibt eine Idee unter vie­len, die nicht kon­se­quent umge­setzt ist und in der Göt­ter­däm­me­rung nur noch eine fer­ne Erin­ne­rung ist. (Zumal ist die Idee auch zwan­zig bis vier­zig Jah­re zu spät – heu­te ist Öl ja nicht (mehr) unbe­dingt das wert­volls­te, da sind Daten inzwi­schen viel wichtiger …)

Mein Pro­blem mit der Cas­torf-Insze­nie­rung als Gan­zer war aber – neben vie­len, vie­len Details, die mir ver­schlos­sen blie­ben – ein Grund­sätz­li­ches: Mir scheint, Cas­torf hat nicht das Musik­thea­ter­werk insze­niert, son­dern den Text gele­sen und damit gear­bei­tet. Zwi­schen Musik und Büh­ne gibt es eigent­lich kei­ner­lei Ver­bin­dung (dass der Diri­gent Mar­ke Janow­ski die Insze­nie­rung für Unsinn hält, mag da mit eine Rol­le spie­len). Vor allem aber passt mei­nes Erach­tens das Thea­ter­kon­zept Cas­torfs (das an sich durch­aus sehr inter­es­sant ist!) nicht zum Wag­ner­schen Musik­thea­ter. Die Büh­nen­bil­der, die Aktio­nen und vor allem die Vide­os, die nicht nur Live-Über­tra­gun­gen des Büh­nen­ge­sche­hens, son­dern auch vor­fa­bri­zier­te Ein­spie­ler sind, dazu das Orches­ter, die Sän­ger und Sän­ge­rin­nen und der Text: Das alles auf ein­mal lässt sich nicht ver­ar­bei­ten, geschwei­ge denn deu­tend ent­schlüs­seln. Ich befand mit im per­ma­nen­ten Über­for­de­rungs­mo­dus, der Über­fluss an Zei­chen und Bedeu­tun­gen führ­te zur Kapitulation …

So span­nend das in eini­gen Momen­ten ist, so groß­ar­tig die Büh­nen­bil­der sind – so rich­tig auf­neh­men und genie­ßen konn­te ich das nicht. Zumin­dest nicht beim ers­ten Sehen und Hören. Das Hören war lei­der auch nicht eines, das mich zu abso­lu­ten Begeis­te­rungs­tür­men hin­ris­se. Ja, die Qua­li­tät aller Betei­lig­ten ist hoch. Aber Janow­skis Diri­gat zün­de­te für mich nicht so rich­tig toll. Das lag zum einen an der bereits ange­spro­che­nen Diver­genz zwi­schen Büh­ne und Musik, zum ande­ren an einem selt­sa­men Phä­no­men: An jedem Abend begann Janow­ski recht schwach, stei­ger­te sich aber zum Schluss hin regel­mä­ßig. Und viel­leicht auch vom Rhein­gold zur Göt­ter­däm­me­rung hin noch ein­mal. Am stärks­ten ist es mir im Sieg­fried auf­ge­fal­len: Der Anfang bis unge­fähr zur Mit­te des zwei­ten Aktes klang sehr nach über­leg­ter, fei­ner, um Details und vor­sich­tig-zurück­ge­nom­me­ne Fein­heit und Balan­ce bemüh­ter Orches­ter­ar­beit, die es auch den Sän­gern sehr leicht machen woll­te. Irgend­wann schien er aber davon genug zu haben und gab sich der Emo­tio­na­li­tät und der Über­wäl­ti­gungs­kraft der Wag­ner­schen Musik hin, als hät­te er sich gesagt: Na gut, dann lasst uns halt mal Spaß haben …

Der Par­si­fal dage­gen, die dies­jäh­ri­ge Neu­in­sze­nie­rung des Wies­ba­de­ner Inten­dan­ten Uwe-Eric Lau­fen­berg, war ein ganz ande­res Erleb­nis. Musi­ka­lisch ließ er, das heißt vor allem: der ein­ge­sprun­ge­ne Diri­gent Hart­mut Haen­chen, (fast) nichts zu wün­schen übrig, das war eine aus­ge­spro­chen strin­gen­te, (auch zügi­ge), gut ent­wi­ckel­te und span­nen­de Arbeit, die er und das Orches­ter ablie­fer­ten. Zumal die voka­le Beset­zung auch aus­ge­spro­chen fein war: Der wirk­lich rund­um groß­ar­ti­ge, wun­der­ba­re, herr­li­che Georg Zep­pe­n­feld als Gurn­emanz, der sehr gute, jugend­lich-star­ke Klaus Flo­ri­an Vogt als Par­si­fal und eben­falls auf höchs­tem Niveau begeis­tern­de Kundry von Ele­na Pankratova.

Die Insze­nie­rung Lau­fen­bergs hat mich, wenn ich es auf einen Punkt brin­gen müss­te, eher gelang­weilt – weil sie mich kaum her­aus­ge­for­dert hat, son­dern eher zu deut­lich und zu pla­ka­tiv ihre Posi­tio­nen zeig­te. Lau­fen­berg hat ja im Vor­feld kaum eine Gele­gen­heit aus­ge­las­sen, allen zu ver­kün­den, wie groß­ar­tig sein Kon­zept sei. Das besteht im Grun­de aus der Idee, der Par­si­fal sei eine Kri­tik aller Reli­gio­nen. Das ist natür­lich so ein­fach Unsinn und führ­te zu eini­gen kurio­sen Sze­nen auf der Büh­ne. Vor allem pas­sier­te auf der Büh­ne aber immer wie­der das: Lau­fen­berg, so nahm ich es wahr, hat­te eine Idee für ein schö­nes Bild, ein Tableau. Dann hat er das etwas poli­tisch-reli­gi­ons­kri­tisch auf­ge­la­den. Und fer­tig ist die Par­si­fal-Insze­nie­rung (ok, das ist jetzt etwas arg pole­misch). Aber so man­ches Gesche­hen konn­te ich mir nur so erklä­ren. Und so man­ches wird unfass­bar pla­ka­tiv und kit­schig. Und so man­ches wird unpas­send, scheint mir mit der Par­ti­tur Wag­ners nicht in Ein­klang zu brin­gen. Das ist ja über­haupt ein Pro­blem, das mich zuneh­mend beschäf­tigt: Die Musi­ker wer­den, was die Beschäf­ti­gung mit und Aus­le­gung der Par­ti­tu­ren angeht, immer kri­ti­scher und fein­sin­ni­ger – Haen­chen zum Bei­spiel leg­te wohl viel Wert auf die unter­schied­li­chen Aus­prä­gun­gen der Arti­ku­la­ti­ons­zei­chen wie Punkt, Strich oder Keil bei Wag­ner. Die Büh­ne dage­gen nimmt sich immer mehr Frei­hei­ten, erzählt ja oft eine ganz ande­re Geschich­te, die nur noch punk­tu­el­le Über­schnei­dun­gen mit der Par­ti­tur hab. Das soll jetzt kei­nes­wegs eine Ableh­nung des Regie­thea­ters sein, es ist nur ein Dilem­ma, aus dem ich kaum eine Lösung sehe …

Was noch?
Die Fes­ti­val-Atmo­sphä­re ist in Bay­reuth schon ziem­lich inter­es­sant. In der Stadt (die übri­gens nicht sehr groß, aber sehr hübsch ist) selbst merkt man recht wenig von den Fest­spie­len. Auf dem grü­nen Hügel ist das natür­lich anders. Zum einen kom­men recht vie­le Besu­cher ziem­lich früh. Dann hat man in Bay­reuth immer die Kar­ten­su­cher (für den Ring gab es immer pro­blem­los noch Kar­ten zu ergat­tern, für den Par­si­fal war es fast unmög­lich) und einen Schwarz­markt­händ­ler. Und das Publi­kum ist etwas kos­mo­po­li­ti­scher, etwas (nun ja, ziem­lich viel) for­mel­ler geklei­det als in den meis­ten deut­schen Theatern.

Der Zaun (und auch wenn alle Medi­en etwas ande­res behaup­ten): Das Fest­spiel­haus ist nicht ein­ge­zäunt gewe­sen. Ledig­lich die BÜh­nen­ein­gän­ge waren davon betrof­fen. Und natür­lich war das „Sicher­heits­kon­zept“, wie das heu­te so schön heißt, noch zu spü­ren. Von Kon­zept kann man aller­dings kaum spre­chen. Gut, der Sicher­heits­dienst wach­te ziem­lich genau dar­über, dass nur Men­schen mit jewei­li­ger Tages­ein­tritts­kar­te Zugang zum Gebäu­de hat­ten. Die erhöh­te Poli­zei­prä­senz (da war sie ja schon immer, sie hat ja sogar eine eige­ne tem­po­rä­re Wache in unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft) war aber in mei­nen Augen eher Augen­wi­sche­rei. An jedem Abend funk­tio­nier­te das näm­lich anders: Manch­mal stan­den an den Auf­gän­gen zwei oder drei Poli­zis­ten und schau­ten, manch­mal waren am über­dach­ten Gang vor dem Kar­ten­bü­ro noch ein­zel­ne Pos­ten auf­ge­stellt, manch­mal hat­ten sie Schutz­wes­ten, manch­mal nicht, bei der Göt­ter­däm­me­rung kon­trol­lier­ten sie plötz­lich (ohne dass es, nach ihrer Aus­sa­ge, einen spe­zi­el­len Anlass gab) auch alle Hand­ta­schen der Damen am Beginn des Fes­ti­val­ge­län­des – mir scheint, die Stren­ge der Kon­trol­le unter­schied sich vor allem nach dienst­ha­ben­der Poli­zei­füh­rungs­kraft erheb­lich. Aber sei’s drum, ein Gutes hat­te das gan­ze Bohei auf jeden Fall: Erst­mals gab es eine Gepäck­auf­be­wah­rung, bei der man bequem sei­ne Tasche mit Ver­pfle­gung für die lan­gen Aben­de depo­nie­ren konnte …

Ach ja, die Sitz­plät­ze in Bay­reuth. Ich war durch­weg im Bal­kon. Für den Ring hat­te ich Kar­ten in der fünf­ten Rei­he – die Bay­reuth-Ken­ner wis­sen, dass das kei­ne nor­ma­len Sitz­plät­ze mehr sind, son­dern in Nischen nach hin­ten ver­steck­ten Sit­ze. Da wird es schön warm und sti­ckig und die eigent­lich aus­ge­zeich­ne­te Akus­tik des Fest­spiel­hau­ses wird doch auch etwas gedämpft, mit etwas Pech hat man auch noch eine Säu­le im Blick­feld. Zum Glück konn­te ich aber für Sieg­fried und Göt­ter­däm­me­rung eini­ge Rei­hen nach vor­ne rücken, weil Plät­ze frei blie­ben – das war eine deut­li­che Ver­bes­se­rung der Akus­tik und des Kom­forts. Das lässt sich Bay­reuth aber auch immer gut bezah­len, denn es gibt zwar bil­li­ge Plät­ze, aber sowie Sicht und Akus­tik etwas bes­ser wer­den, stei­gen die Prei­se sehr schnell recht steil nach oben. Und für den Ring braucht man eben immer gleich vier Karten …

(Und natür­lich habe ich wie­der mal kei­ne Fotos gemacht …)

Was Bauern und Städter wirklich unterscheidet …

Was Bau­ern und Städ­ter wirk­lich unterscheidet …

, via Insta­gram

Aus-Lese #48

Tho­mas Brussig: Was­ser­far­ben. Ber­lin: Auf­bau Digi­tal 2016. 183 Sei­ten. ISBN 978−3−8412−1084−5.

brussig, wasserfarben (cover)Was­ser­far­ben ist der ers­te Roman von Brussig, 1991 unter einem Pseud­onym erschie­nen und jetzt als E‑Book ver­öf­fent­licht, des­halb ist er sozu­sa­gen bei mir gelan­det. Es wird erzählt von einem Abitu­ri­ent in Ost-Ber­lin am Über­gangs­punkt zwi­schen noch Schu­le und bald Leben. Es soll also ganz offen­sicht­lich ein coming-of-age-Roman sein. Das ist es aber nicht so recht – weil der „Held“ sich wenig bis gar nicht ent­wi­ckelt und erst am Ende von sei­nem älte­ren Bru­der erklärt bekommt, wie man erwach­sen wird … Der Text ist viel­leicht typisch Brussig: gewollt rot­zig und trot­zig. Und die­ses bemüh­te Wol­len merkt man dem Text lei­der immer wie­der an – nicht an allen Stel­len, aber doch häu­fig. Genau wie er bemüht „frech“ sein will ist er auch etwas bemüht wit­zig. Vor allem aber fehlt mir die eigent­li­che Moti­va­ti­on des Erzäh­lers, war­um er so ist, wie er ist. Das wird ein­fach nicht klar.

Was­ser­far­ben ist dabei sowie­so von einem eher lah­men Witz und hin­ken­dem Esprit gekenn­zeich­net. Das passt inso­fern, als auch die beschrie­be­ne DDR-Jugend in den 80ern so halb auf­säs­sig ist: nicht ganz ange­passt, aber auch kein Hang zur Total­ver­wei­ge­rung oder wenigs­tens „ordent­li­cher“ Oppo­si­ti­on. Das, der Held und sei­ne Freun­de und Bekann­te, denen er im Lauf der Erzäh­lung begeg­net, zei­gen dafür sehr schön den Druck, den das Sys­tem auf­bau­en und aus­üben konn­te, vor allem in der Schu­le, aber auch im Pri­vat­le­ben, wo Arnold, der Prot­ago­nist und Erzäh­ler (der den Leser schön brav siezt und auch sonst so sei­ne extrem ange­pass­ten Momen­te hat), durch­aus aneckt – vor allem wohl aus einem unspe­zi­fi­schen Frei­heits­drang, weni­ger aus grund­sätz­li­cher Oppo­si­ti­on. Das Buch hat durch­aus eini­ge net­te Momen­te, die auch mal zum Schmun­zeln anre­gen kön­nen, erschien mir auf die Dau­er aber etwas fad – so wie die Jugend und die DDR selbst viel­leicht. Nicht umsonst beschrei­ben die sich als „was­ser­far­ben“ im Sin­ne von: die­se Jugend hat die Far­be von Was­ser, ist also ziem­lich blass, durch­schei­nend, aber auch vielfältig. 

Alke Stach­ler: Dün­ner Ort. Mit foto­gra­fi­schen Illus­tra­tio­nen von Sarah Oswald. Salz­burg: edi­ti­on mosa­ik 2016 (edi­ti­on mosa­ik 1.2). 64 Sei­ten. ISBN 9783200044548.

Mei­nen Ein­druck die­ses fei­nen Büch­leins, dass es mir nach anfäng­li­cher Distanz doch ziem­lich ange­tan hat, habe ich an einem ande­ren Ort auf­ge­schrie­ben: klick.

John Corbett/​span>: A Listener’s Gui­de to Free Impro­vi­sa­ti­on. Chi­ca­go, Lon­don: The Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go Press 2016. 172 Sei­ten. ISBN 978−0−226−35380−7.

Die­se gelun­ge­ne Ein­füh­rung in die frei impro­vi­sier­te Musik für inter­es­sier­te Hörer und Höre­rin­nen habe ich auch schon in einem Extra-Bei­trag gelobt: klick.

Nora Gom­rin­ger: ach du je. Luzern: Der gesun­de Men­schen­ver­sand 2015 (edi­ti­on spo­ken script/​Sprechtexte 16).153 Sei­ten. ISBN 9783038530138. 

gomringer, ach du je (cover)Die­ser Band ver­sam­melt Sprech­tex­te Gom­rin­gers. Die zie­len auf die Stim­me und ihre kör­per­li­che Mate­ria­li­tät, sie set­zen sie vor­aus, sie machen sie zu einem Teil des Tex­tes selbst – oder, wie es im Nach­wort heißt: „Die Nie­der­schrift ist für sie ein Behelf, um das lyri­sche schlecht­hin zur Erfül­lung zu brin­gen.“ (144). Das ist gewis­ser­ma­ßen Vor­teil und Pro­blem zugleich. Dass man den Tex­ten ihre Stim­me sozu­sa­gen immer anmerkt, ist kon­se­quent. Und sie pas­sen damit natür­lich sehr gut in die „edi­ti­on spo­ken script“. Ich – und das ist eben eine rein sub­jek­ti­ve Posi­ti­on – mag das aller­dings oft nicht so ger­ne, zu sprechende/​gesprochene Tex­te lesen – da fehlt ein­fach wesent­li­che Dimen­si­on beim „blo­ßen“ Lesen. Und was übrig bleibt, funk­tio­niert nicht immer, nicht unbe­dingt so rich­tig gut. Das soll aber auch gar kei­ne Rüge sein und kei­nen Man­gel anzei­gen: Sprech­tex­te, die als sol­che kon­zi­piert und geschrie­ben wur­den, sind eben mit bzw. in der Stim­me gedacht. Ist ja logisch. Wenn die nun im gedruck­ten Text weg­fällt, fehlt eine Dimen­si­on des Tex­tes, die sich ima­gi­na­tiv für mich nicht immer rei­bungs-/naht­los erset­zen lässt. Ich den­ke durch­aus, dass min­des­te ein Teil der Tex­te gut sind. Gefal­len hat mir zum Bei­spiel das wie­der­hol­te Aus­pro­bie­ren und Beden­ken, was Spra­che ver­mag und in wel­cher Form: was sich also (wie) sagen lässt. Ande­res dage­gen schien mir doch recht banal. Und manch­mal auch etwas laut und etwas „in your face“, eine Spur zu auf­dring­lich und über-direkt. Ins­ge­samt hin­ter­lässt der Band damit bei mir einen sehr diver­gen­ten, unein­heit­li­chen Eindruck.

Modern

Einen Baum pflanzen
Auf ihm ein Haus bauen
Da rein ein Kind setzen
Das Kind zweisprachig
Anschrei­en (116)

Urs Leimgruber/​Jacques Demierre/​Barre Phil­lips: Lis­tening. Car­net de Rou­te – LDP 2015. Nan­tes: Len­ka Len­te 2016. 269 Sei­ten. ISBN 9791094601051.

Lis­tening ist das Tour­ta­ge­buch des Impro­vi­sa­ti­ons­tri­os LDP, also des Saxo­pho­nis­ten Urs Leim­gru­ber, des Pia­nis­ten Jac­ques Demierre und des Bas­sis­ten Bar­re Phil­lips. Ursprüng­lich haben die drei das als Blog geschrie­ben und auch ver­öf­fent­licht. Drei Musi­ker also, die in drei Spra­chen schrei­ben – was dazu führt, dass ich es nicht ganz gele­sen habe, mein Fran­zö­sisch ist doch etwas arg ein­ge­ros­tet. Das geht mal ein paar Sät­ze, so man­ches habe ich dann aber doch über­sprun­gen. Und die ganz unter­schied­li­che Sicht­wei­sen und Sti­le beim Erzäh­len des Tou­rens haben. Da geht es natür­lich auch um den Tourall­tag, das Rei­sen spielt eine gro­ße Rol­le. Wich­ti­ger aber noch sind die Ver­an­stal­ter, die Orga­ni­sa­ti­on und vor allem die Orte und Räu­me, in den sich die Musik des Tri­os ent­wi­ckeln kann. Und immer wie­der wird die Mühe des Gan­zen deut­lich: Stun­den- bis tage­lang fah­ren, unter­wegs sein für ein bis zwei Stun­den Musik. Und doch ist es das wert, sowohl den Pro­du­zen­ten als auch den Rezi­pi­en­ten der frei­en Musik. 

The per­forming musician’s han­di­cap is that each con­cert is the last one ever. It’s never going to get any bet­ter than it is today. The con­cert is ‚do or die‘ time. This moment is your truth and the groups truth. (65)

Die Räu­me, Publi­ka und auch die bespiel­ten Instru­men­te wer­den immer wie­der beschrie­ben und bewer­ten. Demierre führt zum Bei­spiel genau Buch, wel­che Kla­vie­re und Flü­gel er bespielt, bis hin zur Seri­en­num­mer der Instru­men­te. Und da ist vom Stein­way-Kon­zert­flü­gel der D‑Reihe bis zum abge­wrack­ten „upright“ alles dabei … Leim­gru­ber inter­es­siert sich mehr für die Städ­te und Orga­ni­sa­ti­ons­zu­sam­men­hän­ge, in denen die Kon­zer­te statt­fin­den. Und natür­lich immer wie­der die Musik: Wie sie ent­steht und was dabei her­aus­kommt, wenn man in ver­trau­ter Beset­zung Tag für Tag woan­ders neu und immer wie­der frei impro­vi­siert. Und wie die Reak­tio­nen sind. Da fin­den sich, im Text des Tour­ta­ge­buch ver­teilt, immer wie­der inter­es­san­te Refle­xio­nen des Impro­vi­sie­rens und Selbst­po­si­tio­nie­run­gen, die ja bei sol­cher, in gewis­ser Wei­se mar­gi­na­ler, Musik immer auch Selbst­ver­ge­wis­se­run­gen sind. Nur geübt wird eigent­lich über­haupt nicht (außer Bar­re Phil­lips, der sich nach mona­te­lan­ger Abs­ti­nenz aus Krank­heits­grün­den wie­der neu mit sei­nem Bass ver­traut machen muss). Und im Trio gibt’s immer­hin kur­ze Sound­checks, die aber wohl vor allem der Erpro­bung und Anpas­sung an die jewei­li­ge Raum­akus­tik die­nen. Und nicht zuletzt bie­tet der Band noch vie­le schö­ne Fotos von Jac­ques Demierre.

Kon­zen­trier­tes Hören, Ver­ant­wor­tung, mate­ri­el­le Vor­aus­set­zun­gen und spon­ta­ne Ein­ga­ben bil­den die Basis der Musik. Wir agie­ren, inten­si­vie­ren, dekon­stru­ie­ren, eli­mi­nie­ren, addie­ren und mul­ti­pli­zie­ren… Wir prak­ti­zie­ren Musik in Echt­zeit, sie ent­steht, indem sie ent­steht. Ges­ten und Spiel­wei­sen ver­mi­schen sich und lösen sich ab. Wir hal­ten nichts fest. Das Aus­ge­las­se­ne zählt genau­so wie das Ein­ge­füg­te. Jedes Kon­zert ist auf sei­ne Art ein Ori­gi­nal. Jede Situa­ti­on ist anders. Der akus­ti­sche Raum, das Publi­kum, die gesam­te Stim­mung im Hier und Jetzt. (134f.)

Hubert Fich­te: Ich bei­ße Dich zum Abschied ganz zart. Brie­fe an Leo­no­re Mau. Hrsg. von Peter Braun. Frank­furt am Main: S. Fischer 2016. 256 Sei­ten. ISBN 978−3−10−002515−9.

fichte, briefe (umschlag)Zusam­men­ge­rech­net sind es knapp 60 Sei­ten Brie­fe, für die man 26 Euro bezahlt. Und vie­le der Brie­fe Hubert Fich­tes an sei­ne Lebens­ge­fähr­tin Leo­no­re Mau sind (sehr) knap­pe, kur­ze Mit­tei­lun­gen, die oft in ers­ter Linie die Bana­li­tä­ten des (Zusammen-)Lebens zum Inhalt haben. 

Ich will: kei­ner­lei fami­liä­re Bin­dun­gen. Ich will frei leben – als Sohn Pans – wenn Du willst und ich will schrei­ben. (28)

Die Brie­fe zeich­nen nicht unbe­dingt ein neu­es Fich­te-Bild – aber als Fan muss man das natür­lich lesen. Auch wenn ich mit schlech­tem Gewis­sen lese, weil es dem Autor­wil­len aus­drück­lich wider­spricht, denn der woll­te die­se Doku­men­te ver­nich­tet haben (was Leo­no­re Mau in Bezug auf sei­nen sons­ti­gen schrift­li­chen Nach­lass auch weit­ge­hend befolg­te, bei den Brie­fen (zumin­dest die­sen) aber unter­ließ, so dass sie nach ihrem Tod jetzt sozu­sa­gen gegen bei­der wil­len doch öffent­lich wer­den kön­nen und das Pri­va­te der bei­den Künst­ler­per­so­nen also der Öffent­lich­keit ein­ver­leibt wer­den kann …) Vor allem bin ich mir nicht sicher, ob sich – wie Her­aus­ge­ber Peter Braun im Nach­wort breit aus­führt – dar­aus wirk­lich ein „Reli­ef“ im Zusam­men­spiel mit den Wer­ken bil­det. Und wie immer bin ich mir ziem­lich unsi­cher, ob das den Wer­ken (es geht ja vor allem um die unfer­ti­ge „Geschich­te der Emp­find­lich­keit“) wirk­lich gut tut (bzw. der Lek­tü­re), wenn man sie mit den Brie­fen – und damit mit ihrem Autor – so eng ver­schränkt. Und ob es in irgend einer Wei­se not­wen­dig ist, scheint mir auch zwei­fel­haft. Ja, man erkennt die auto­bio­gra­phi­sche Grun­die­rung man­cher Jäcki-Züge und auch der Irma-Figur nach der Lek­tü­re der Brie­fe noch ein­mal. Aber ver­lei­tet das Brie­fe-Lesen dann nicht doch dazu, aus Jäcki Hubert und aus Irm Leo­no­re zu machen und damit wie­der am Text der Wer­ke vor­bei zu lesen? Ande­rer­seits: ein wirk­lich neu­es Bild, eine unent­deck­te Les­art der Glos­sen oder der Alten Welt scheint sich dann selbst für Braun doch nicht zu ergeben.

Ich will Frei­heit, Frei­heit – und dazu bedarfs Wit­zes und Lachens. (42)

Selbst Wil­li Wink­ler, durch­aus enthu­si­as­ti­scher Fich­teaner, befin­det in der Süd­deut­schen Zei­tung: „Die­se Brie­fe, ein­mal muss es doch her­aus, sind näm­lich von sen­sa­tio­nel­ler Belang­lo­sig­keit“ und schießt dann noch recht böse gegen die tat­säch­lich manch­mal auf­fal­len­den Bana­li­tä­ten des Kom­men­tars (mein Lieb­lings­kom­men­tar: „Darm­ge­räu­sche: Darm­ge­räu­sche sind ein Aus­druck der Peris­tal­tik von Magen und Darm und inso­fern Anzei­chen für deren nor­ma­le oder gestör­te Tätig­keit.“ (167)) und das etwas hoch­tra­ben­de Nach­wort von Her­aus­ge­ber Braun. Über­haupt macht das Drum­her­um, das ja eine gan­ze Men­ge Raum ein­nimmt, eher wenig Spaß. Das liegt auch an der eher unschö­nen, lieb­lo­se Gestal­tung. Und den – wie man es bei Fich­te und Fischer ja lei­der gewöhnt ist – vagen, unge­nau­en Edi­ti­ons­richt­li­ni­en. Der Titel müss­te eigent­lich auch anders hei­ßen, das Zitat geht näm­lich noch ein Wort wei­ter und heißt dann: „Ich bei­ße dich zum Abschied ganz zart /​wohin.“ So steht es zumin­dest im ent­spre­chen­den Brief, war dem Ver­lag aber wohl zu hei­kel. Und das ist dann doch schade …

Aber für uns ist ja nur das Unvor­sich­ti­ge das rich­ti­ge. (141)

außer­dem gelesen:

  • T. E. Law­rence: Wüs­ten-Gue­ril­la. Über­setzt von Flo­ri­an Trem­ba. Her­aus­ge­ge­ben von Rei­ner Nie­hoff. Ber­lin: blau­wer­ke 2015 (= split­ter 05/​06). 98 Sei­ten. ISBN 9783945002056.
  • Björn Kuhl­igk: Ich habe den Tag zer­schnit­ten. Riga: hoch­roth 2013. 26 Sei­ten. ISBN 97839934838309.
  • Chris­ti­an Mei­er­ho­fer: Georg Phil­ipp Hars­dörf­fer. Han­no­ver: Wehr­hahn 2014 (Meteo­re 15). 134 Sei­ten. ISBN 978−3−86525−418−4.
  • Edit #66
  • Müt­ze #12 & #13 (mit inter­es­san­ten Gedich­ten von Kurt Aeb­li und Rai­ner René Mueller)

Seite 28 von 208

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén