Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 135 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Überall nur Blau

Auch wenn der Ein­band ganz gelb ist: „Blue­screen“ von Mark Greif ist ein fan­tas­ti­sches Buch. Mir war Greif ja noch unbe­kannt – eine ech­te Lücke. Die Essays, die er „Ein Argu­ment vor sechs Hin­ter­grün­den“ unter­ti­tel­te und die in der – von Greif mit­her­aus­ge­ge­be­nen – Zeit­schrift n+1 erschie­nen sind, dre­hen sich um Erschei­nun­gen des moder­nen Lebens der Gegen­wart, um den sexu­el­le Fetisch der Jugend­lich­keit, um Über- und Unter­se­xua­li­se­rung, um You­Tube oder um die Geschich­te des Hip­Hop (einer der bes­ten Essays über­haupt: „Rap­pen ler­nen“, der aus­ge­hend von einer ganz per­sön­li­chen Erfah­rung einen brei­ten Abriss des Hip­Hops und sei­ner Bedeu­tun­gen entwickelt).

Die Ästhe­ti­sie­rung des gan­zen Lebens ist die zen­tra­le The­se Greifs. Aber dar­um spinnt sich ein wun­der­ba­rer Kos­mos der Beob­ach­tun­gen und Erklä­run­gen des All­tags der Gegen­wart und sei­ner media­len, ästhe­ti­schen und kul­tu­rel­len Erschei­nun­gen – so etwas wie eine Zeit­dia­gno­se in Schlag­lich­tern. Da geht es dann auch nicht mehr nur um die eigent­li­che Ästhe­ti­sie­rung, son­dern etwas all­ge­mei­ner um das Pro­blem der media­le Ver­mitt­lung unse­rer Erfah­run­gen und im Beson­de­ren um das Leben in Nar­ra­tio­nen: Greif sieht die Men­schen der Gegen­wart umstellt von Erzäh­lun­gen, die den Blick auf die „Wirk­lich­keit“ behin­dern. Da kann man frei­lich auch ande­rer Mei­nung sein: Die nar­ra­ti­ve und media­le Erfah­rung muss nicht unbe­dingt schlecht sein. Greif neigt sich da manch­mal etwas der kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Sicht zu, die die media­le Ver­mitt­lung als Hin­der­nis ansieht, als Abkehr von einem – von Greif selbst durch­aus als sol­chen in sei­ner Pro­ble­ma­tik erkann­ten – idea­len Zustand der Unmittelbarkeit.

Aber Essays wie „Rap­pen ler­nen“ oder auch der „Hoch­som­mer der Sexkin­der“ sind trotz­dem gro­ße Kul­tur­kri­tik: Erklä­rend, aber durch­aus von einem Stand­punkt aus kri­tisch hin­ter­fra­gend, ohne bes­ser­wis­se­ri­schen Ges­tus des Alles­wis­sers und alle­ser­klä­rers aller­dings, der sowie­so schon weiß, was er von allem hält. In die­ser Hin­sicht sind das eben Essays im bes­ten Sin­ne: Ver­su­che, Erklä­run­gen zu fin­den – Erklä­run­gen z.B. für Phä­no­me­ne wie das Rea­li­ty-Fern­se­hen. Und davon aus­ge­hend immer die Über­le­gung: Was macht das mit uns? Wie ver­än­dert das uns, unse­re Hal­tung, unse­re Wahr­neh­mun­gen, unse­re Ein­stel­lun­gen, unser Ver­hält­nis zur Welt und zu unse­ren Mit­men­schen. In bes­ter Essay-Tra­di­ti­on nimmt Greif sich da als Zweif­ler und Sucher auch nicht zu sehr zurück, son­dern bleibt als Per­son, als Erle­ben­der und Fra­gen­stel­ler, immer prä­sent. Dass das außer­dem klar for­mu­liert, über­zeu­gend argu­men­tiert und luzi­de geschrie­ben ist, gehört unbe­dingt zum posi­ti­ven Ein­druck die­ses emp­feh­lens­wer­ten Bandes. 

Mark Greif: Blue­screen. Ein Argu­ment vor sechs Hin­ter­grün­den. Ber­lin: Suhr­kamp 2011. 231 Sei­ten. ISBN 978−3−518−12629−5.

Taglied 3.1.2012

Heu­te gibt es ganz viel Musik, näm­lich „The Illu­si­ve Eng­lish Organ“, die Aus­ga­be 1201 der „Pipe­d­reams“. Pipe­d­reams ist eine unbe­dingt emp­feh­lens­wer­te Sen­dung des ame­ri­ka­ni­schen Radi­os, die über deren Home­page auch bei uns zu hören ist: Jede Woche gibt es hier (auch per E‑Mail) zwei Stun­den feins­te Orgel­mu­sik, the­ma­tisch und/​oder regio­nal ver­bun­den, mit gro­ßem Inter­es­se an den Orgeln und ihren Spe­zi­fi­ka. Mehr Infor­ma­tio­nen gibt’s auf der Home­page beim Publicradio/​American Publik Media: klick.

schweizer musik

(der kalau­er muss­te sein). es geht natür­lich um irè­ne schwei­zer, eine der bes­ten leben­den pia­nis­tin­nen der impro­vi­sier­ten musik, um das gleich mal klarzustellen.

beim anhö­ren ihrer aller­neu­es­ten cd, einem live-mit­schnitt (der lei­der klang­lich nicht ganz top of the line zu sein scheint …) frag­te ich mich wie­der ein­mal (und nicht zum ers­ten mal), was – für mich – eigent­lich das gro­ße an ihrem spiel aus­macht. ich glau­be, es ist ihre mischung aus ener­gie und poe­sie. das klingt nach all­ge­mein­platz und ist es wahr­schein­lich auch. aber in der kom­bi­na­ti­on die­ser bei­den pole – nicht so sehr der mischung, als der ver­ei­ni­gung zwei­er schein­ba­rer gegen­sät­ze – liegt, glau­be ich, ihr indi­vi­du­el­ler stil. der macht sich bemerk­bar, egal, ob es sich um eige­ne kom­po­si­tio­nen han­delt oder um frem­des mate­ri­al (hier zum bei­spiel von car­la bley, the­lo­nious monk oder dol­lar brand). man­fred papst nennt das im book­let übri­gens „das Wech­sel­spiel von lyri­scher Ver­schat­tung und heroi­scher Gebär­de auf kleins­tem Raum“ – wobei ich mir nicht sicher bin, ob „hero­isch“ den aus­druck die­ser musik wirk­lich triff. viel­leicht, „hero­isch“ dann im sin­ne von stand­fest, auch unbeug­sam – indi­vi­dua­lis­tisch eben. aber nicht auf­trump­fend, besie­gend. gewiss­hei­ten ver­sagt sie sich aller­dings nicht, das ist mehr als rei­ne bre­chung. viel­leicht ist das ja auch etwas, das ihre fas­zi­na­ti­on aus­macht: trotz der viel­falt der aus­drucks­for­men (schwei­zer ist in gewis­sem sin­ne auch eine „gelehr­te“ pia­nis­tin – und des­halb in so einem klas­si­schen musen­tem­pel wie­der der züri­cher ton­hal­le gar nicht so ver­kehrt am platz) schim­mert immer die posi­ti­on, der ort und die kraft der pia­nis­tin als selbst­be­haup­te­tem sub­jekt durch: das gibt sie nicht auf, nie und nirgends.

schon der titel mar­kiert das sehr gut: „to whom it may con­cern“. das ist selbst­ge­wiss und selbst­be­wusst. aber eben auch – ver­mu­te ich – im vol­len bewusst­sein der exklu­si­vi­tät (oder limi­tät) der krei­se, die das tat­säch­lich wahr­neh­men und die das inter­es­siert: eigent­lich müss­te & soll­te das ja mög­lichst alle ange­hen. so gut ist die­se welt aber lei­der nicht … dafür ist die musik die­ser welt aber so gut. gran­di­os eigent­lich sogar, wenn man sich etwa das „final ending“ anhört, das in einem ries­ei­gen rund­um­schlag noch ein­mal alles erfasst und umfasst, ohne sein eige­nes zu ver­lie­ren, das span­nend in jedem ton ist, aber doch ganz gelas­sen und natür­lich vor allem aus­ge­spro­chen fol­ge­rich­tig wirkt: vom mate­ri­al könn­te man es fast als eine etü­de des free jazz anse­hen. aber dann höchs­tens im cho­pin­schen sinn: etü­de als kon­zert­stück und so weiter.

das nur schnell beim ers­ten hören. die cd, auf­ge­nom­men übri­gens im april 2011 in der züri­che ton­hal­le anläss­lich ihres 70. geburts­ta­ges (kaum zu glau­ben!), wird mei­nen play­er sicher noch­öf­ter von innen sehen, das ist sicher.

Irè­ne Schwei­zer: To Wom It May Con­cern. Pia­no Solo Ton­hal­le Zürich. Intakt CD 200, 2012.

Taglied 2.1.2012

Wohin? Ja, wohin nur? … Eine wun­der­ba­re Bear­bei­tung von Edu­ard Steu­er­mann.

Taglied 1.1.2012

ein­fach nur so: 

Taglied 31.12.2011

Chris­tof Kurz­mann und Burk­hard Stangl sind bei­des gro­ße Musi­ker, d.h. Impro­vi­sa­to­ren. Und im Duo gilt das dop­pelt, schon bei „schnee“ und auch bei „neu­schnee“. Dar­aus gibt es heu­te den kür­zes­ten Track, „home­l­ess dogs“:

Und als Zuga­be noch einen klit­ze­klei­nen Aus­schnitt von der Label­sei­te – die ande­ren Tracks sind fast alle zwi­schen 15 und 20 Minu­ten lang:

[wpau­dio url=„http://www.erstwhilerecords.com/audio/mp3/ep002_in_the_global_snow_of_things.mp3“ text=„Kurzmann & Stangl: In the glo­bal snow of things (aus­schnitt)“ dl=„0“]

Zusammenhänge

„Es ist, als wür­den die auf­ein­an­der­fol­gen­den Jah­re den Ent­schei­dun­gen Gewicht neh­men. Die Din­ge fol­gen auf­ein­an­der, man kann ande­re Zusam­men­hän­ge fin­den als ein Weil, das als Not­wen­dig­keit so oft unbarm­her­zig ist und sich nichts aus­den­ken kann als den Tod als Ende einer Geschich­te.“ (Katha­ri­na Hacker, Eine Dorf­ge­schich­te, 123)

Erinnerung

„Die Erin­ne­rung gibt (in all ihrer Unzu­ver­läs­sig­keit) Indi­zi­en, die eine Geschich­te ent­ste­hen las­sen, wo bis­her alles ver­bor­gen oder ohne Geheim­nis schien“ (Katha­ri­na Hacker, Eine Dorf­ge­schich­te, 109)

Gedächtnis

„Erst hat­te ich den Weg nicht mehr beschrei­ben, dann nicht mehr gehen kön­nen, das Gedächt­nis ist manch­mal flüch­ti­ger als das schie­re Wis­sen der Füße.“ (Katha­ri­na Hacker, Eine Dorf­ge­schich­te, 103)

Taglied 30.12.2011

Heu­te ist mir eine CD wie­der in die Hän­de gefal­len (beim Umräu­men …), die ganz viel erstaun­li­che Musik ent­hält: „Affi­ni­ties“ von Mari­lyn Cris­pell und Ger­ry Heming­way (erschie­nen beim vom mir sehr bevor­zug­ten Label Intakt), bei­des ganz groß­ar­ti­ge Musi­ker, die zusam­men auf die­ser lei­der nicht so arg lan­gen Auf­nah­me zei­gen, was Frei­heit hei­ßen kann – und was man dar­aus machen kann. Zum Bei­spiel das hier:

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