Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 2 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Trauer auf dem Wäschedraht im Januar

Ein Stück Draht, krumm
aus­ge­spannt, zwi­schen zwei
kah­len Bäu­men, die

bald wie­der Blätter
trei­ben, früh am Morgen
hängt dar­an eine

frisch gewa­sche­ne
schwar­ze Strumpfhose
aus den verwickelten

lan­gen Bei­nen tropft
das Was­ser in dem hellen
frü­hen Licht auf die Steine.

Rolf Die­ter Brinkmann

Tor August

schwer­fäl­li­ger mahlt
der gros­se motor som­mer
gedan­ken kau­en­der tor
zum abend geneigt
steht mit­tag im feld
prackt­voll sinkt rot
unterm wol­ken­bro­kat
schon am herbst­saum
trei­ben die wie­sen
das tor in den tag
ange­lehnt
du ich zwi­schen
tür und angel

Ste­fan Döring (aus: Mona­te Jah­re (in: WENN WELT. Ber­lin, Schupf­art 2024 (rough­books 064), S. 83.))

#20books Book Challenge

Ich bin wie­der mal hoff­nungs­los late to the par­ty, dafür gibt es gleich alles auf einen Streich und hier, nicht auf Mast­o­don, wo die Chall­enge her­kommt: „20 Bücher, die dich geprägt haben. Ein Buch pro Tag, 20 Tage lang.“. 

Die Aus­wahl war gar nicht so ein­fach: Man­che Bücher waren sehr schnell klar, bei ande­ren war es schwie­ri­ger, sich auf ein kon­kre­tes Buch fest­zu­le­gen – oft ist es dann doch eher ein Autor/​eine Autorin oder eine Grup­pe von Tex­ten, die mich beson­ders beein­fluss­ten. Nichts­des­to­trotz, das ist die Lis­te, die nach eini­gem Über­le­gen raus­kam (ohne beson­de­re Reihenfolge):

  1. Judith Kerr, Als Hit­ler das rosa Kanin­chen stahl
  2. Gud­run Pau­se­wang, Die Wolke
  3. Micha­el Ende, Momo
  4. Tho­mas Mann, Der Zauberberg
  5. Peter Weiss, Ästhe­tik des Widerstands
  6. Peter Kurz­eck, Der Nuß­baum gegen­über vom Laden, in dem du dein Brot kaufst. Die Idyl­le wird bald ein Ende haben!
  7. Fried­rich Höl­der­lin, Hype­ri­on oder der Ere­mit in Griechenland
  8. Max Horkheimer/​Theodor W. Adorn, Dia­lek­tik der Auf­klä­rung. Phi­lo­so­phi­sche Fragmente
  9. Tho­mas Bern­hard, Aus­lö­schung. Ein Zerfall
  10. Georg Büch­ner, Lenz
  11. Georg Büch­ner, Der Hes­si­sche Landbote
  12. Georg Fried­rich Wil­helm Hegel, Ästhetik
  13. Rai­nald Goetz, Irre
  14. Tho­mas Mann, Dok­tor Faustus
  15. Judith Buth­ler, Das Unbe­ha­gen der Geschlechter
  16. Fried­rich Schil­ler, Über die ästhe­ti­scher Erzie­hung des Menschen
  17. Michel de Mon­tai­gne, Essais
  18. Car­lo Ginz­burg, Der Käse und die Würmer
  19. Tho­mas Meine­cke, Tomboy
  20. Tho­mas Kling, Erpro­bung herz­stär­ken­der Mit­tel, Geschmacks­ver­stär­ker, Brenn­stabm, Nacht.Sicht.Gerät. Aus­ge­wähl­te Gedich­te 1981 – 1993

Was jeder weiß

„Es ist die Spra­che, die am Spre­chen hin­dert, nicht ihr Verlust.“
—Mar­cus Stein­weg, Sub­jekt und Wahr­heit, 2018, 30

Juniverse

him­mel­wärts gezo­gen
die stri­che der grä­ser
mit lüf­ten ver­floch­ten
unter feder­wol­ke gesang
flug auf unli­nier­tem blatt
samen gefie­dert steigt
hin­ge­sun­ke­ne feder
getaucht in holun­der­schat­ten
schreibt

Ste­fan Döring (aus: Mona­te Jah­re (in: WENN WELT. Ber­lin, Schupf­art 2024 (rough­books 064), S. 81.))

Sterben

Laßt eine müde See­le dem grim­mi­gen Tode ent­kom­men,
 wenn, schon gestor­ben zu sein, einem das Ster­ben erspart!

Publi­us Ovi­di­us Naso (aus: Lie­der der Trau­er. Die Tris­ti­en. Aus dem Latei­ni­schen von Vol­ker Ebers­bach, 1997, S. 23, Ers­tes Buch, Ele­gie IV)

Das Nicht-Erin­ner­te ist Tag-gerecht,
Irdi­sche Into­na­ti­on und hand­vol­le
Blü­te, nicht Nach­ah­mung.
Bild mehr!

Petra Gangl­bau­er (aus: Was­ser im Gespräch, 2016, S. 39, Kar­ger Lämmermond)

Frühlingsbeginn

Die Wein­berg­schne­cke ist fort
gekro­chen, den zar­ten Deckel aus
Kalk oder Elfen­bein ließ
sie auf der Mau­er zurück.

Micha­el Busel­mei­er (aus: In den San­den bei Mau­er. Letz­te Gedich­te, 2023, S. 14)

Schweigen

Was sie sagen,
die Vor­fah­ren,
geht uns viel­leicht gar nichts an.
Wir sehen, was sie tun, was sie taten,
aber ob es sie waren?

Ich könn­te in die Biblio­thek gehen
und lesen, was eigent­lich gemeint war,
und schrei­en.
Ich könn­te die Blöd­heit im Schnitt der Stei­ne,
ver­mer­gelt mit Weis­heit, erken­nen
und schrei­en,
ein­ge­mau­ert in die­se Geschichte.

Es muss Geschwis­ter geben (alle so Schwesta, Bru­da, Cou­sin)
unter­schied­lich reagie­rend auf den glei­chen Schas,
gleich (gemein­sam) im Unterschiedlichen,

und ich bin blö­de zu mei­nem Glück
wie ein Göt­ter­baum ein, zwei Meter wach­send im Jahr,
das kann ich,
mit dem gan­zen Kör­per in die Bewe­gung lehnen.

Die Anlei­tun­gen: Was sagen sie, was – wohin fal­len sie,
dahin fal­len wir auch und dann sagen wirs nicht.
Schau mich an,
wir sind die Rui­nen
für alle Idyl­len,
wir sind die Minen
für Iro­nie

Ann Cot­ten (aus: Die Anlei­tung der Vor­fah­ren. Ber­lin: Suhr­kamp 2023, s. 138)

Zukunft

Seven Lines About Future

Die Zukunft wird kom­men.
Auch die der Lite­ra­tur.
Sie wird wenig Hei­mat haben,
wenn sie kommt.
Aber Tag und Nacht und
die Kör­per, die sie lieben.

Lud­wig Fels, Mit mir hast du kei­ne Chan­ce, 5

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