Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 2 von 204

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

wer hat die­sen mond auf die blaue flur,
wer hat die­sen mund auf die nacht angesetzt?“

— Caro­lin Cal­lies, scha­tul­len & bre­douil­len, 83

Jenseits

Er wur­de, sonst ein gar lebens­kräf­ti­ger jovia­ler mann, sehr nach­denk­lich, und wie ich es gar nicht erwar­tet hat­te, sprach er: „In alter Zeit hat­ten wir einen from­men schlich­ten Glau­ben, wir erkann­ten das Jen­seits, aber auch die Blö­dig­keit unse­rer Sin­ne, dann kam die Auf­klä­rung, die alles so klar mach­te, dass man vor lau­ter Klar­heit nichts sah, un sich am nächs­ten Bau­me im Wal­de die Nase stieß, jetzt soll das Jen­seits erfasst wer­den mit hin­über­ge­streck­ten Armen von Fleisch und Bein.“

— E. T. A. Hoff­mann, Ein Frag­ment aus dem Leben drei­er Freun­de, zitiert nach Harald Neu­mey­er (Hrsg.), Gespens­ter. Ber­lin: Seces­si­on 2019 (Hand­li­che Biblio­thek der Roman­tik, 1), S 97f.

Ode

aus: caro­lin cal­lies, bewohn­ba­re käs­ten (scha­tuul­len & bedouil­len, 28) 

Erziehung

So wahr ist’s, dass etwas Dau­ren­des nur durch Erzie­hung begrün­det ist und dass jede Wel­t­än­de­rung, die kei­ne inne­re Bezie­hung (was von äuße­ren Erzie­hungs­vor­schrif­ten und Sys­te­men ganz ver­schie­den) zur Erzie­hung hat, wie ein Wol­ken­schat­ten vorübergeht.

— Achim von Arnim, Die drei lieb­rei­chen Schwes­tern und der glück­li­che Fär­ber. Ein Sit­ten­ge­mäl­de [1812], zitiert nach Chris­tia­ne Holm (Hg.), Hand­ar­beit. Ber­lin: Seces­si­on 2020 (Hand­li­che Biblio­thek der Roman­tik, 5), S. 127f.

Gedichte

Beitrag oben halten

Man wird davon nicht klü­ger. Aber Gedich­te sind Weg­mar­kie­run­gen, die hel­fen aus dem Gestrüpp.

—Syl­vie Schenk, Roman d’a­mour, 9

Fiction

"The trouble with fiction," said John Rivers, "is that it makes too much sense. Reality never makes sense."

—Aldous Huxley, The Genius and the Goddess, 7

Fantoscope

[…]

Die auf­ge­las­se­nen Grä­ber der Ein­sa­men besit­zen mehr Ewig­keit
als jede schwe­re Mar­mor­gruft. In gro­ßen Stät­ten ste­hen gro­ße Urnen
für klei­ne Leben. Und der Rest? Die Mensch­heit? Du und ich?

Wir wer­den leuch­ten, wenn die Erde uns zu Öl verkocht.

—Vere­na Stauf­fer, Ousia, 108

Akkumulation

Wol­ke, wohin du gewolkt bist.
Ein herr­li­cher Mai­tag – mir im Gemüte.

—aus: Elke Erb, „Ursprüng­li­che Akku­mu­la­ti­on“ (in: Elke Erb, Mensch sein, nicht, 1998)

Verspäteter Glückwunsch: Johann Christian Heinrich Rinck zum 250. Geburtstag

2020 war ein gro­ßes Beethoven-​Jahr, zumin­dest irgend­wie – so rich­tig hat der 250. Geburts­tag nicht gezün­det, scheint mir. Und das lag ver­mut­lich nicht nur an den Ein­schrän­kun­gen der Kon­zert­tä­tig­kei­ten durch Coro­na, son­dern mei­nes Erach­tens auch dar­an, dass Beet­ho­ven sowie­so immer mehr als genug da und prä­sent ist. 

Rinck, Orgelwerke (Cover)

Das ist ist bei Johann Chris­ti­an Hein­rich Rinck ganz anders. Der ist aus dem öffent­li­chen (Musik)Leben weit­ge­hend kom­plett ver­schwun­den. Organist*innen soll­ten ihn aller­dings noch ken­nen. Ich zumin­dest spie­le sogar ab und an klei­ne­re Sachen von ihm. Den 250. Geburts­tag des Darm­städ­ter Kom­po­nis­ten und Kir­chen­mu­si­kers habe ich im letz­ten Jahr aber auch über­haupt nicht regis­tiert. Mit etwas Ver­spä­tung konn­te die Hoch­schu­le für Musik der Johannes-​Gutenberg-​Universität Mainz mir da jetzt auf die Sprün­ge hel­fen. Deren Orgel­klas­se von Ger­hard Gnann hat näm­lich im Jubi­lä­ums­jahr eine sehr gelun­ge­ne Doppel-​CD als eine Art Hom­mage an Rinck pro­du­ziert. Zusam­men mit der Rinck-​Gesellschaft haben die jun­gen Organist*innen und ihr Leh­rer eine wirk­lich schö­ne Zusam­men­stel­lung auf­ge­nom­men, die einen guten Ein­blick in das kom­po­si­to­ri­sche Schaf­fen Rincks bie­tet: Von den durch­aus zeit­ge­nös­sisch belieb­ten Orgel­kon­zer­ten über grö­ße­re Varia­ti­ons­zy­klen zu klei­nen, eher gebrauchs­mu­si­ka­lisch isn­pi­rier­ten Ton­stü­cken bil­det die Pro­duk­ti­on eine gro­ße Band­brei­te ab.

Ein wesent­li­ches Ele­ment des Gelin­gens ist die genutz­te Orgel: Die Dreymann-​Orgel von 1837 in St. Ignaz in der Main­zer Alt­stadt. In mei­ner Main­zer Zeit habe ich die nicht ken­nen­ge­lernt oder zumin­dest nicht bewusst wahr­ge­nom­men – wenn ich mich rich­tig erin­ne­re, war das grö­ße­ren Arbei­ten an und in der Kir­che geschul­det. Inzwi­schen wur­de die Orgel auch umfas­send restau­riert. Und für mich zufäl­li­ger­wei­se zeit­lich genau pas­send auch in der aktu­el­len Aus­ga­be der Ars Orga­ni (Jg. 69, Heft 1, S. 46–50) beschrie­ben. Das Instru­ment, das von Rinck selbst als Neu­bau abge­nom­men und sehr geschätzt wur­de, kommt auf der Auf­nah­me gut zur Gel­tung: Die kla­ren, prä­gnan­ten Bäs­se vor allem des Posau­nen­bas­ses sind wun­der­bar prä­gnant und sau­ber, aber auch die war­men – und teil­wei­se sehr lei­se und sanf­ten Grund­stim­men klin­gen auf der Auf­nah­me sehr authen­tisch. Und die fie­nen Ober­stim­men und glän­zen­den Mix­tu­ren krö­nen das sehr schön, ohne zu dominieren. 

Die ein­ge­spiel­ten Wer­ke – teil­wei­se aus Auto­gra­phen bzw. eigens ange­fer­tig­ten Abschrif­ten – bie­ten, wie gesagt, eine schö­ne Gele­gen­heit, Rincks Kom­po­si­ti­ons­stil genau­so ken­nen­zu­ler­nen wie die­se fas­zi­nie­ren­de Orgel. Rinck hat ja eine ganz eige­ne Ver­bin­dung von (spät-)barocken Tech­ni­ken, die gera­de auf den Orgeln ja durch­aus noch lan­ge fort­le­ben, mit eigent­lich eher klas­si­schen Ele­men­ten (und zeit­wei­se früh­ro­man­ti­schen Anklän­gen) geschaf­fen. Das erreicht sicher nicht immer Beet­ho­vens Tie­fe (aber das machen Beet­ho­vens Wer­ke ja auch nicht immer), ist aber mehr als nur gefäl­li­ge Gele­gen­heits­mu­sik: Dem genaue­ren Hören eröff­nen sich da durch­aus immer wie­der span­nen­de Ideen, neue Kom­bi­na­tio­nen und vor allem gelun­ge­ne Ein­fäl­le. Und das alles zuam­men macht ein­fach Freude!

Johann Chris­ti­an Hein­rich Rinck: Orgel­wer­ke. Stu­die­ren­de der Abtei­lung Kirchenmusik/​Orgel der Hoch­schu­le für Musik an der Johan­nes Gutenberg-​Universität Mainz spie­len an der Dreymann-​Orgel (1837) in St. Ignaz, Mainz. Coviel­lo Clas­sics COV 92101, 2020. 114:02 Minuten.

Vocal Jazz zum Anhören: Hanna Schörken

Hanna Schörken, Luma (Cover)

vocal jazz ist ja nor­ma­ler­wei­se nicht unbe­dingt mei­ne kra­gen­wei­te . das hier aber schon. das ist näm­lich ganz anders: befrei­ung der stim­me. (gab es natür­lich schon vor­her, hat sich in der impro­vi­sier­ten musik aber anschei­nend nicht so durch­ge­setzt wie das instru­men­ta­le spiel (zumin­dest in mei­ner (ein­ge­schränk­ten) wahr­neh­mung)). das ist aber über­haupt der punkt: das ist nicht sin­gen (wie der meis­te vocal jazz), son­dern voka­les spiel. und viel­leicht auch voka­les spie­len. das instru­ment ist halt mund, rachen, lip­pen, stimm­bän­der, luft (und was sonst noch so dazu­ge­hört). text spielt kei­ne rol­le. das gefällt mir, mag ich in der impro­vi­sier­ten musik nur sel­ten (was auch dar­an liegt, dass die dann meist arg banal wer­den – und vor allem in den meis­ten fäl­len zu ein­deu­tig, zu un-​ambig sind, um den frei­en sin­nen der impro­vi­sier­ten musik gerecht wer­den zu kön­nen.) das ist hier aber über­haupt nicht der fall. ganz und gar nicht. luma zeich­net sich durch ein über­bor­den­de offen­heit aus: die gan­zen, lei­der dann doch viel zu kur­zen, 36 minu­ten, sind so ziem­lich das genaue gegen­teil von überdeterminiert.

also: han­na schör­ken ist anders. zart, aber bestimmt. sehr fein­sin­ning und fein­glied­rig fächert sie ihre musik immer wie­der auf. und zwar immer wie­der neu. die fle­xi­bi­li­tät, die band­brei­te der stimm­li­chen äuße­run­gen ist fas­zi­nie­rend frap­pie­rend. und, das ist der wesent­lich fak­tor für mei­ne begeis­te­rung, es ist nicht tech­ni­sche spie­le­rei oder vor­füh­re­rei der voka­len fähig­kei­ten, son­dern ein­fach klang­lich span­nen­de, gren­zen negie­ren­de (oder nicht ein­mal das – sie spie­len ein­fach kei­ne rol­le) ent­de­ckun­gen, phan­ta­sien, ideen, ein­drü­cke, emotionen.

zum gelin­gen trägt auch die kon­zen­tra­ti­on sehr bei: das sind meist kur­ze „stü­cke“, die elf wer­ke, die auf luma ver­sam­melt sind. „songs“ oder „lie­der“ mag man das ja nicht nen­nen. egal: han­na schör­ken, die mir auch in der ziem­lich coo­len grup­pe The Dorf begnet ist, über­zeugt mich sehr. allein dadurch, dass die ideen nicht tot­ge­rit­ten wer­den, aus­quetscht bis zum let­zen fit­zel klang, son­dern halt so lan­ge dau­ern, wie es nötig ist. das ist auch eine kunst, die nicht alle improvisator*innen immer rest­los beherrschen.

und in die­sem kur­zen (noch ein­mal: zu kur­zen) album ist so viel schön­heit, so viel wil­de und zugäng­lich, uner­schlos­se­ne und offe­ne, zugäng­lich und zutrau­li­che schön­heit. allein das vibrie­ren­de, sanft-​füllige ending ist schon alles wert. ich kann gar nicht auf­hö­ren zu schwärmen …

Han­na Schör­ken: Luma. Leo Records LR 893, 2020. 36:13 Minuten.

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