Ins Netz gegangen (21.12.)

Ins Netz gegan­gen am 21.12.:

  • 39. Besu­ch auf dem Fried­hof oder Ein Kreu­zungs­punkt der Zei­ten – achim land­wehr über die mög­lich­kei­ten & gele­gen­hei­ten, die ein gang auf den fried­hof bie­ten kann:

    Der Fried­hof ist dann nicht mehr nur ein Ort des Geden­kens, son­dern auch des Beden­kens der Zeit(en), die wir haben oder die wir mög­li­cher­wei­se haben wol­len. Hier ist nicht nur die Trau­er über die Toten zu Hau­se, son­dern auch die Hoff­nung ande­rer Zeit­mo­da­li­sie­run­gen, weil sich gen­au hier die sehr unter­schied­li­chen Ver­zei­tun­gen begeg­nen, über­kreu­zen und gegen­sei­tig durch­ein­an­der­brin­gen.

  • Wolf­gang Benz : „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlim­mer wird“ | ZEIT – sehr gutes inter­view mit wolf­gang benz, der ziem­li­ch ernüch­tert über sei­ne for­schun­gen, den zustand der deut­schen gesell­schaft und die mög­lich­kei­ten der geschichts­wis­sen­schaf­ten spricht:

    Man kann sagen: Die Sache mit Natio­nal­staat und Natio­nal­be­wusst­sein ist in Deutsch­land gründ­li­ch schief­ge­gan­gen.
    […] Es hat doch ohne­hin <em>niemand<em> wirk­li­ch Inter­es­se an Geschich­te. Fürs Fami­li­en­al­bum viel­leicht, aber wenn es dar­um geht, poli­ti­sche und sozia­le Her­aus­for­de­run­gen in den Griff zu bekom­men, spielt der Bli­ck in die Geschich­te kaum noch eine Rol­le. Da wird der His­to­ri­ker allen­falls abge­wehrt. Von Geschich­te und der Mög­lich­keit, sie zu nut­zen im Sin­ne eines huma­nis­ti­schen Fort­schritts, will die Mensch­heit nichts wis­sen. Son­st wür­de es näm­li­ch seit lan­ger Zeit kei­ne Krie­ge mehr geben, kei­nen Völ­ker­mord und wahr­schein­li­ch kei­ne Ver­trei­bun­gen.
    […] [Die Auf­klä­rung] war und ist der ein­zi­ge Ansatz­he­bel gegen das Freund-Feind-Den­ken und die Dehu­ma­ni­sie­rung des Ande­ren. Aber wie müh­sam schritt nach dem Jahr­hun­dert der Auf­klä­rung die Jude­n­eman­zi­pa­ti­on vor­an und mit wel­cher Halb­her­zig­keit! Und wie viel stär­ker ist das Irra­tio­na­le, das an Ängs­te appel­liert; wie viel leich­ter tun sich die Dem­ago­gen als die Auf­klä­rer … </em></em>

    – sehr lesens­wert!

  • The Inter­na­tio­nal Postal Sys­tem Is Pro­found­ly Broken—and Nobo­dy Is Pay­ing Atten­ti­on – Paci­fic Stan­dard – span­nend: ein text über die UPU, die Uni­ver­sal Postal Uni­on, die den brief­ver­kehr und vor allem des­sen bezah­lung zwi­schen staa­ten & pos­ten orga­ni­siert – und die mit eini­gen gro­ßen pro­ble­men zu kämp­fen hat, aber anschei­nend kaum/nicht zu refor­mie­ren ist …
  • Ver­fah­ren gehö­ren zum Beruf des Jour­na­lis­ten dazu – Das Netz – hans ley­en­de­cker im gespräch mit irights.info, über die netz­po­li­tik-lan­des­ver­rats-affä­re, geheim­diens­te, deutsch­land und euro­pa
  • Secret Code Found in Juniper’s Fire­walls Shows Risk of Govern­ment Back­doors | WIRED – ein real-life-pro­blem, an dem man sehr schön sehen kann, dass hin­ter­tü­ren bei ver­schlüs­se­lung etc. über­haupt kei­ne gute ide­en sind – schließ­li­ch kann die jeder fin­den (nicht, dass das bis­her undenk­bar gewe­sen wäre …)
  • Kill Your Airbnb’s Hid­den WiFi Came­ras With This Script | Mother­board – ein skript, mit dem man (mit ein biss­chen glück) unlieb­sa­me über­wa­chungs­ka­me­ras im wlan aus­schal­ten kann (aber nicht darf ;-) …)
  • Flücht­lings­for­schung gegen Mythen 2 – Netz­werk Flücht­lings­for­schung – das netz­werk flücht­lings­for­schung hat zum zwei­ten mal wis­sen­schaft­ler unter­su­chen las­sen, was an häu­fi­gen behaup­tun­gen über flücht­lin­ge dran ist. und wie­der zeigt sich: poli­ti­ker haben oft über­ra­schend wenig ahnung (oder sie tun zumin­dest so)
  • Stop­pen wir lügen­de Poli­ti­ker! | NZZ Cam­pus – ser­van grü­nin­ger zeigt sehr deut­li­ch, dass björn höckes ras­sis­ti­sche erklä­rung der repro­duk­ti­ons­stra­te­gi­en der „afri­ka­ner“ und der „euro­pä­er“ nach dem stand der wis­sen­schaft ein­fach fal­scher unsinn ist.

    Das Pro­blem liegt nicht dar­in, dass er ein Ras­sist ist. Das Pro­blem liegt dar­in, dass er ein Ras­sist ist, der die Wis­sen­schaft für sei­ne Ideo­lo­gie ein­span­nen will – im Wis­sen dar­um, dass ein sol­ches Vor­ge­hen sei­ne Aus­sa­gen stützt.

  • Baye­ri­sches Kabi­nett erlaubt Ver­fas­sungs­schutz Zugriff auf Vor­rats­da­ten­spei­che­rung | netzpolitik.org
  • ohne worte.

  • Archiv Arbei­ter­ju­gend­be­we­gung – Rea­der – ein (quellen)reader zur arbei­ter­ju­gend­be­we­gung zwi­schen 1904 und 1945. sieht auf den ers­ten bli­ck ganz inter­es­sant und gut gemacht aus (auch/gerade, weil ich von dem the­ma kei­ne ahnung habe …)
  • Wenn Spi­cken erlaubt ist | Bob Blu­me – bob blu­me über den ver­su­ch einer arbeit, bei der spi­cken erlaubt ist

Ins Netz gegangen (20.7.)

Ins Netz gegan­gen am 20.7.:

  • «Digi­tal Huma­nities» und die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten: Geist unter Strom – NZZ Feuil­le­ton – sehr selt­sa­mer text von urs haf­ner, der vor allem wohl sei­ne eige­ne skep­sis gegen­über „digi­tal huma­nities“ bestä­ti­gen woll­te. dabei unter­lau­fe ihm eini­ge feh­ler und er schlägt ziem­li­ch wil­de vol­ten: wer „huma­nities“ mit „human­wis­sen­schaf­ten“ über­setzt, scheint sich z.b. kaum aus­zu­ken­nen. und was die ver­zer­ren­de dar­stel­lung von open access mit den digi­tal huma­nities zu tun hat, ist auch nicht so ganz klar. ganz abge­se­hen davon, dass er die fächer zumin­dest zum teil fehl­re­prä­sen­tiert: es geht eben nicht immer nur um clo­se rea­ding und inter­pre­ta­ti­on von ein­zel­tex­ten (abge­se­hen davon, dass e-mai­len mit den digi­tal huma­nities unge­fähr so viel zu tun hat wie das nut­zen von schreib­ma­schi­nen mit kittler’schen medi­en­theo­ri­en …)
  • Lyrik: Reißt die Sei­ten aus den Büchern! | ZEIT ONLINE – net­te idee von tho­mas böhm, die lyrik zu ver­ein­zeln (statt in lyrik­bän­den zu sam­meln), das gedicht als opti­sches sprach­kunst­werk zu ver­mark­ten (auch wenn ich sei­ne argu­men­ta­tio­nen oft über­haupt nicht über­zeu­gend fin­de)
  • Ein­sam auf der Säu­le « Lyrik­zei­tung & Poe­try News – gute kri­tik­kri­tik zur bespre­chung des aktu­el­len „Jahr­buchs für Lyrik“ in der „zeit“, die auch mich ziem­li­ch ver­wun­dert hat.

    Unter­schei­dung, Alter­na­ti­ven, Schwer­punkt­set­zung? Fehl­an­zei­ge. Rez. zieht es vor, sich als schar­fe Kri­ti­ke­rin zu insze­nie­ren, jede Dif­fe­ren­zie­rung schwäch­te das Bild nur. Lie­ber auf der Schul­ter von Rie­sen, hier neben Krü­ger, Benn & Co. vor allem Jos­sif Brods­ky, auf die behaup­tet mage­re deut­sche Sze­ne her­ab­bli­cken. Ein­sam ist es dort oben auf der Säu­le!

  • Ver­kehrs­si­cher­heit: Brun­ners letz­te Fahrt | ZEIT ONLINE – sehr inten­si­ve repor­ta­ge von hen­ning sus­se­bach über die pro­ble­me der/mit altern­den auto­fah­rern (für mei­nen geschmack manch­mal etwas trä­nen­drü­sig, aber ins­ge­samt trotz­dem sehr gut geschrie­ben)

    Urlaubs­zeit in Deutsch­land, Mil­lio­nen Rei­sen­de sind auf den Stra­ßen. Da biegt ein 79-Jäh­ri­ger in fal­scher Rich­tung auf die Auto­bahn ein – fünf Men­schen ster­ben. Ein Unglück, das zu einer bri­san­ten Fra­ge führt: Kann man zu alt wer­den fürs Auto­fah­ren?

  • Lyrik und Rap: Die här­tes­te Gang­art am Start | ZEIT ONLINE – uwe kol­be spricht mit mach one (sei­nem sohn) und kon­stan­tin ulmer über lyrik, raps, rhyth­mus und the­men der kunst

    Dass ich mit mei­nen Gedich­ten kein gro­ßes Publi­kum errei­che, ist für mich etwas, wor­un­ter ich sel­ten lei­de. Ich möch­te das, was ich mache, auf dem Niveau machen, das mir vor­schwebt. Dabei neh­me ich auch kei­ne Rück­sicht mehr. Ich gehe an jeden Rand, den ich errei­chen kann. 

  • Rai­nald Goetz: Der Welt­ab­schrei­ber | ZEIT ONLINE – sehr schö­ne und stim­men­de (auch wenn das thea­ter fehlt …) wür­di­gung rai­nald goet­zes durch david hugen­dick anläss­li­ch der bekannt­ga­be, dass goetz dies­jäh­ri­ger büch­ner-preis-trä­ger wird

    Die ein­zi­ge Reak­ti­on auf die Zudring­lich­keit der Welt kann nur in deren Pro­to­koll bestehen, die zugleich ein Pro­to­koll der eige­nen Über­for­de­rung sein muss.

  • Pan­ora­ma­f­rei­heit“: Wider den Urhe­ber­rechts-Extre­mis­mus – Süddeutsche.de – leon­hard dobusch zum ver­su­ch, in der eu das urhe­ber­recht noch wei­ter zu ver­schär­fen:

    Wir alle sind heu­te ein biss­chen wie Lich­ten­stein oder War­hol. Wir erstel­len und tei­len stän­dig Fotos und Videos, in denen Wer­ke ande­rer vor­kom­men. Zeit, dass das Urhe­ber­recht dar­auf ein­geht.

  • Stravinsky’s Ille­gal “Star Span­g­led Ban­ner” Arran­ge­ment | Timo­thy Judd – ich wuss­te gar nicht, dass es von stra­wins­ky so ein schö­nes arran­ge­ment der ame­ri­ka­ni­schen hmy­ne gibt. und schon gar nicht, dass die angeb­li­ch ver­bo­ten sein soll …
  • Essay Grie­chen­land und EU: So deut­sch funk­tio­niert Euro­pa nicht – taz.de – ulrich schul­te in der taz zu grie­chen­land und der eu, mit vie­len sehr guten und tref­fen­den beob­ach­tun­gen & beschrei­bun­gen, unter ande­rem die­sen

    Von CSU-Spit­zen­kräf­ten ist man inzwi­schen gewohnt, dass sie jen­seits der baye­ri­schen Lan­des­gren­ze so dumpf agie­ren, als gös­sen sie sich zum Früh­stück fünf Weiß­bier in den Hals.
    […] Das Char­man­te an der teils irr­lich­tern­den Syri­za-Regie­rung ist ja, dass sie ein­ge­spiel­te Riten als nackt ent­larvt.

  • Sich „kon­struk­tiv ver­hal­ten“ heißt, ern­st genom­men zu wer­den | KRZYSZTOF RUCHNIEWICZ – Stel­lung­nah­me ehe­ma­li­ger Mit­glie­dern des Wis­sen­schaft­li­ch Bera­ter­krei­ses der (sowie­so über­mä­ßig vom Bund der Ver­trei­benen domi­nier­ten) Stif­tung Flucht, Ver­trei­bung, Ver­söh­nung zur Far­ce der Wahl des neu­en Direk­tors unter Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Moni­ka Grüt­ters
  • Kon­sum: Klei­ne Geschich­te vom rich­ti­gen Leben | ZEIT ONLINE – marie schmidt weiß nicht so recht, was sie von craft beer, hand­ge­rös­te­tem kaf­fee und dem gan­zen zele­brier­ten super-kon­sum hal­ten soll: feti­sch? rück­be­sin­nung alte hand­werk­li­che wer­te? oder was?
  • Alle Musik ist zu lang – wun­der­ba­re über­le­gun­gen von diet­mar dath zur musik, der welt und ihrer phi­lo­so­phie

    Alle bereits vor­han­de­ne, also auf­ge­schrie­be­ne oder auf­ge­zeich­ne­te Musik, ob als Sche­ma oder als wie­der­ga­be­fä­hi­ge Auf­füh­rung erhal­ten, ist für Men­schen, die heu­te Musik machen wol­len, zu lang, das heißt: Das kön­nen wir doch nicht alles hören, wir wol­len doch auch mal anfan­gen. Wie gesagt, das gilt nicht nur für die Wer­ke, son­dern schon für deren Mus­ter, Prin­zi­pi­en, Gat­tun­gen, Tech­ni­ken.
    […] Musik hält die Zeit an, um sie zu ver­brau­chen. Wäh­rend man sie spielt oder hört, pas­siert alles ande­re nicht, inso­fern han­delt sie von Ewig­keit als Ereig­nis- und Taten­lo­sig­keit. Aber bei­de Aspek­te der Ewig­keit, die sie zeigt, sind in ihr nicht ein­fach irgend­wie gege­ben, sie müs­sen her­ge­stellt wer­den: Die Ereig­nis­lo­sig­keit selbst geschieht, die Taten­lo­sig­keit selbst ist eine musi­ka­li­sche Tat.

  • Lite­ra­tur­blogs are bro­ken | The Dai­ly Frown – fabi­an tho­mas attes­tiert den „lite­ra­tur­blogs“ „feh­len­de Dis­tanz, Gefall­sucht und Harm­lo­sig­keit aus Prin­zip“ – und ange­sichts mei­ner beob­ach­tung (die ein eher klei­nes und unsys­te­ma­ti­sches sam­ple hat) muss ich ihm lei­der zustim­men.
  • Inter­view ǀ „Ent-iden­ti­fi­ziert euch!“ — der Frei­tag – groß­ar­ti­ges gespräch zwi­schen harald fal­cken­berg und jona­than mee­se über wag­ner, bay­reu­th, kunst und den gan­zen rest:

    Ja, ich hab total auf lieb Kind gemacht. Ich merk­te ja schon, dass ich im Wag­ner-Forum so als Mons­ter dar­ge­stellt wur­de. Ich bin kein Mons­ter. Ich woll­te das Ding nur radi­ka­li­sie­ren. Ich hab auf nett gemacht und so getan, als wäre ich gar nicht ich selbst. Was ich ja immer tue. Sei nie­mals du selbst. Kei­ne Selbst­su­che, bit­te. Kei­ne Pil­ger­fahrt. Kei­ne Mön­che­rei. Ich bin ein­fach wie ’n Spiel­kind da ran­ge­gan­gen, und ich dach­te, jetzt geht’s ab.
    […] Kul­tur ist genauso beschis­sen wie Gegen­kul­tur. Main­stream ist genauso beschis­sen wie Under­ground. Kul­tur und Gegen­kul­tur ist das Glei­che. Poli­tik kann­st du nicht mit Kul­tur bekämp­fen. Son­dern nur mit Kunst. Du kann­st nicht eine neue Par­tei grün­den, weil sie genauso schei­ße ist wie jede ande­re. Du kann­st kei­ne neue Reli­gi­on grün­den, weil sie genauso schei­ße ist wie alle ande­ren. Du kann­st kei­ne neue Eso­te­rik schaf­fen, weil sie genauso schei­ße ist wie jede ande­re. Du kann­st kei­ne Spi­ri­tua­li­tät schaf­fen, die bes­ser wäre als alle ande­ren.
    Jede Par­tei ist gleich schei­ße, jede Reli­gi­on ist gleich zukunfts­un­fä­hig, jede Eso­te­rik ist abzu­leh­nen. Ich benut­ze Eso­te­rik, aber ich iden­ti­fi­zie­re mich nicht damit. Ich iden­ti­fi­zie­re mich nicht mit Wag­ner, ich iden­ti­fi­zie­re mich nicht mit Bay­reu­th, ich iden­ti­fi­zie­re mich mit gar nichts.
    Ent-iden­ti­fi­ziert euch! Seid nicht mehr! Seid eine Num­mer! Seid end­li­ch eine Num­mer!
    Das ist geil. Seid kein Name! Seid kein Indi­vi­du­um! Seid kein Ich! Macht kei­ne Nabel­be­schau, kei­ne Pil­ger­rei­se, geht nie­mals ins Klos­ter, guckt euch nie­mals im Spie­gel an, guckt immer vor­bei!
    Macht nie­mals den Feh­ler, dass ihr auf den Trip geht, euch selbst spie­geln zu wol­len. Ihr seid es nicht. Es ist nicht die Wich­tig­tue­rei, die die Kunst aus­macht, son­dern der Dienst an der Kunst. Die Kunst ist völ­lig frei. Mei­ne Arbeit, die ist mir zuzu­schrei­ben, aber nicht die Kunst. Die spielt sich an mir ab. 

  • Eine Bemer­kung zur Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung by Fach­di­dak­tik Deut­sch -

    »Fak­ten­wis­sen« kommt nicht zuer­st, wenn Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung ern­st genom­men wird – Kön­nen kommt zuer­st. Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung bedeu­tet, die Ler­nen­den zu fra­gen, ob sie etwas kön­nen und wie sie zei­gen kön­nen, dass sie es kön­nen. Weil ich als Leh­ren­der nicht mehr zwin­gend sagen kann, auf wel­chem Weg die­ses Kön­nen zu errei­chen ist. Dass die­ses Kön­nen mit Wis­sen und Moti­va­ti­on gekop­pelt ist, steht in jeder Kom­pe­tenz­de­fi­ni­ti­on. Wer sich damit aus­ein­an­der­setzt, weiß das. Tut das eine Lehr­kraft nicht, ist das zunächst ein­fach ein­mal ein Zei­chen dafür, dass sie sich nicht mit Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung beschäf­tigt hat. Fehlt die­se Bereit­schaft, müs­sen zuer­st die Vor­aus­set­zun­gen dafür geschaf­fen wer­den.

  • Essay zum UN-Welt­kul­tur­er­be: Mord mit bes­ten Absich­ten – taz.de -

    Und immer noch drän­geln die Städ­te, die Dör­fer, die Regio­nen, dass sie ja als Ers­te ein­bal­sa­miert wer­den. Wie die Län­der, die sich um Olym­pi­sche Spie­le bewer­ben, ohne sich klar­zu­ma­chen, dass sie damit ihren Unter­gang her­auf­be­schwö­ren wie Grie­chen­land mit Athen.

  • Wie man nicht für die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung argu­men­tiert | saschalobo.com – sascha lobo seziert den tweet von rein­hold gall. wie (fast) immer exzel­lent. scha­de (und mir unver­ständ­li­ch), dass sol­che tex­te in den gro­ßen, publi­kums­wirk­sa­men medi­en kei­nen platz fin­den – war­um steht das nicht im print-spie­gel, der gedruck­ten faz oder süd­deut­schen?
  • Sex (und gen­der) bei der Fifa | Männ­li­ch-weib­li­ch-zwi­schen – ein schö­ner text zum pro­blem der bestim­mung des geschlechts, des bio­lo­gi­schen, wie es die fifa ver­sucht – näm­li­ch über den tes­to­ste­ron-spie­gel. mit dem (inzwi­schen erwart­ba­ren) resul­tat: so kann man das jeden­falls nicht machen.

    an darf also ver­mu­ten und hof­fen, dass auch die­se Defi­ni­ti­on von sex zu sport­li­chen Zwecken dem­nächst, wie bis­her alle ande­ren Defi­ni­tio­nen auch, als unbrauch­bar und absurd erwei­sen – aber wohl, eben­falls wie immer, erst zu spät.

Ins Netz gegangen (7.5.)

Ins Netz gegan­gen am 7.5.:

  • Volks­ban­ken: Mei­ne Bank ist krank | ZEIT ONLINE – heinz-roger dohms hat eine (sehr) klei­ne und nicht sehr pro­fi­ta­ble genos­ses­nchafts­bank besucht und berich­tet von deren stel­lung pro­ble­me wohl­tu­end unauf­ge­regt und ohne gro­ße lösun­gen …
  • His­to­ri­ker über Erin­ne­rungs­kul­tur: „Mar­tin Luther als Spiel­fi­gur“ – taz.de – der his­to­ri­ker valen­tin gro­eb­ner im gespräch mit jan fed­der­sen über erin­ne­rung, geden­ken und den zusam­men­hang von ver­gan­gen­heit, geschich­te und gegen­wart

    His­to­ri­sche Jubi­lä­en haben ziem­li­ch viel mit Heils­ge­schich­te zu tun, mit kol­lek­ti­ven Erlö­sungs­wün­schen plus Sinn­an­ge­bot.[…] Wie viel Platz für Über­ra­schen­des kann denn in den kol­lek­ti­ven Insze­nie­run­gen von Geden­ken sein? 2017 ist Luther-Jubi­lä­um – dann wird es ähn­li­ch sein. Ein biss­chen zuge­spitzt for­mu­liert: Das Ver­hält­nis zur Ver­gan­gen­heit wird über Gebets­ge­mein­schaf­ten orga­ni­siert.

  • Der 8. Mai 1945 – Tag der Befrei­ung? | reso­nanz­bo­den – huber­tus kna­be fin­det die bezeich­nung „tag der befrei­uung“ für den 8./9. mai 1945 unpas­send und schlägt eine zurück­hal­ten­de­re, bit­te­re­re les­art der erin­ne­rung an das kriegs­en­de vor

    Die Deut­schen tun gut dar­an, sich von sol­cher Mythen­bil­dung fern­zu­hal­ten. Für sie soll­te der 8. Mai vor allem ein Tag der Scham und der Trau­er sein. Über 50 Mil­lio­nen Men­schen kamen durch die Poli­tik der dama­li­gen deut­schen Regie­rung ums Leben – eine Last, die zu einer dif­fe­ren­zier­ten und rea­lis­ti­schen Sicht der Geschich­te ver­pflich­tet.

  • Varou­fa­kis benimmt sich echt unmög­li­ch (behaup­ten anony­me Quel­len)… | misik.at – robert misik legt sehr schön dar, wie unge­si­chert und gefähr­li­ch die angeb­li­chen infor­ma­tio­nen der medi­en aus der poli­tik, ins­be­son­de­re der brüs­se­ler, sein kön­nen:

    Wenn aber der immer glei­che Spin aus den offen­bar immer glei­chen “anony­men” Quel­len kommt, dann soll­te Ihnen als Leser klar sein, dass hier Jour­na­lis­ten vor­sätz­li­ch instru­men­ta­li­siert wer­den, um eine “Sto­ry­line” unter die Leu­te zu brin­gen.

  • Making the Right Choices: A John Cage Cen­ten­ni­al Cele­bra­ti­on – videos von john-cage-wer­ken – schön gemach­te sei­te von micha­el til­son tho­mas & new world sym­phony
  • Plat­ten aus dem Plat­ten­bau – taz.de – andre­as hart­mann hat für die taz das klei­ne, aber sehr fei­ne (vor allem, wenn man auf abge­fah­re­ne musik so abfährt wie ich …) plat­ten­la­bel karl­re­cor­ds ent­deckt

    Karl ist eines die­ser vie­len klei­nen, aber fei­nen Labels, die es welt­weit gibt und die nach der Kri­se der Musik­in­dus­trie durch die Digi­ta­li­sie­rung in den nul­ler Jah­ren in einer Nische blü­hen und gedei­hen – wegen des über­ra­schen­den Vinyl-Revi­vals.

    (ich bin aber immer froh, dass die ihre sachen nicht nur auf vinyl, son­dern auch digi­tal – bei band­camp – anbie­ten)

  • Die Neu­zeit und die Kul­tur der Unru­he: Das Gesumm der mensch­li­chen Din­ge – NZZ.ch – ralf koners­mann über die „ent­de­ckung“ der unru­he und ihre beschrei­bung und ana­ly­se durch blai­se pas­cal

    Das Neue der Neu­zeit war die Beja­hung der Unru­he, nicht jedoch das Emp­fin­den der Unru­he selbst.

  • Digi­ta­le Agen­da der Bun­des­re­gie­rung – Böses Netz – Chris­ti­an Hei­se vom Cen­tre for Digi­tal Cul­tures der Leu­pha­na Uni­ver­si­tät in Lüne­burg kom­men­tiert in der süd­deut­schen zei­tung das total­ver­sa­gen der bun­des­po­li­tik bei digi­ta­len und netz­po­lit. the­men:

    Die Netz­po­li­tik der schwarz-roten Koali­ti­on ist ein Witz. Sie ist gekenn­zeich­net durch feh­len­den Sach­ver­stand und eine grund­le­gen­de Abwehr­hal­tung gegen­über der Digi­ta­li­sie­rung. Statt Prio­ri­tä­ten zu deren Aus­bau zu defi­nie­ren, kon­zen­triert sich die Bun­des­re­gie­rung dar­auf, die Poten­zia­le des Digi­ta­len zur Kon­trol­le und zur Über­wa­chung der Bür­ger zu nut­zen.

    – auch der rest ist poin­tiert, tref­fend und sehr lesens­wert!

  • Zum Ver­ständ­nis | Post­kul­tur – jan kuh­l­brodt:

    Ich ver­steh nicht, was mit Ver­ste­hen gemeint sein soll. […] Ver­ste­hen im ästhe­ti­schen Sin­ne aber, wäre die Offen­heit der Kunst­wer­ke aus­zu­hal­ten, und ihre Ver­wei­ge­rung, sich in einem instru­men­tel­len Sinn über­set­zen zu las­sen, dass heißt, sich erset­zen zu las­sen durch Hand­lung oder Aus­sa­ge.

    – ich glau­be, dass „wäre“ soll­te durch ein „ist“ ersetzt wer­den …

  • Spio­na­ge: Der BND, ein gefähr­li­cher Staat im Staat | ZEIT ONLINE – kai bier­mann sehr poin­tiert zur neu­es­ten wen­dung im spio­na­ge-skan­dal (kann man das eigent­li­ch noch so nen­nen?)

    Der Fall zeigt, wie krank das Geschäft der Geheim­diens­te ist. Er zeigt, wie ver­scho­ben deren mora­li­sche und recht­li­che Maß­stä­be sind. Sehen­den Auges nahm der BND hin, dass ihn die NSA dazu miss­braucht, Unter­neh­men, Behör­den und Poli­ti­ker in Euro­pa aus­zu­spä­hen. Ein Pakt mit dem Teu­fel, dem zuge­stimmt wur­de, weil man glaub­te, ihn kon­trol­lie­ren und vor allem davon pro­fi­tie­ren zu kön­nen.
    Aber wenn jeder jeden betrügt und aus­trick­st, wo blei­ben dann Recht und Gesetz? Rich­tig, auf der Stre­cke. Kei­ner der Betei­lig­ten scher­te sich dar­um, nie­mand inter­es­sier­te sich für Grund­rech­te der Bür­ger, auch das wur­de in den Befra­gun­gen im Unter­su­chungs­aus­schuss klar. […] Wenn nicht ein­mal die Regie­rung ihre Spio­ne im Griff hat, dann hat nie­mand sie im Griff.

  • Ange­sichts der von #Lidl pro­kla­mier­ten… – Bäcke­rei Rich­ter, Kub­schütz – eine schö­ne reak­ti­on eines bäcker­meis­ters als reak­ti­on auf die ziem­li­ch bescheu­er­te (und die ein­kau­fen­den ver­ar­schen­de) wer­be­kam­pa­gne von lidl

Ins Netz gegangen (21.8.)

Ins Netz gegan­gen am 21.8.:

  • Geburt der Gegen­wart“: Wenn der Mond den Fri­seur­ter­min bestimmt | Ber­li­ner Zei­tung – stef­fen mar­tus hat achim land­wehrs „geburt der gegen­wart“ gele­sen:

    Der Düs­sel­dor­fer His­to­ri­ker Achim Land­wehr geht die­sen Fra­gen bis in jene Epo­che nach, als die Kalen­der die Welt erober­ten. Die Vor­ge­schich­te unse­rer zeit­li­chen Ver­stri­ckung in Ter­mi­ne und Daten ist dabei nur ein Bei­spiel für jene „Geburt der Gegen­wart“, von der er anschau­li­ch, anek­do­ten­reich und klug erzählt: In der Frü­hen Neu­zeit büß­te die Ver­gan­gen­heit in bestimm­ten Berei­chen ihre Auto­ri­tät ein, wäh­rend die Zukunft noch nicht als Objekt mensch­li­cher Ver­fü­gung wirk­te. In einer Art Zwi­schen­pha­se dehn­te sich die Gegen­wart als „Mög­lich­keits­raum“ aus und bahn­te damit jenes Zeit­re­gime an, dem wir heu­te unter­ste­hen.

  • Lite­ra­tur­de­bat­te : Der Buch­preis ist kei­ne Geschlechts­um­wand­lung wert – Lite­ra­ri­sche Welt – DIE WELT – mar­le­ne stree­ru­witz über den buch­preis und sei­ne struk­tu­ren und funk­tio­nen:

    Aber. Der Deut­sche Buch­preis ist das fröh­lichs­te Bei­spiel, wie die qua­si­re­li­giö­se Ein­deu­tig­keit eines Mar­ke­ting­in­stru­ments her­ge­stellt wird. In einer kon­stru­ie­ren­den Vor­gangs­wei­se wird der Bör­sen­ver­ein selbst zum Autor der Ver­mark­tung der Auto­ren und Auto­rin­nen im Deut­schen Buch­preis.

    Das alles erfolgt im Archil­ex­em (der Ver­wen­dung der männ­li­chen Form der Bezeich­nung, unter der die weib­li­che Form mit­ge­meint ist): In den Aus­sen­dun­gen des Bör­sen­ver­eins gibt es nur Auto­ren und kei­ne Auto­rin­nen. Auch das gehört zur Stra­te­gie der Ein­deu­tig­keit. Es gibt kei­ne Geschlech­ter­dif­fe­renz, sagen sol­che For­mu­lie­run­gen. Stellt euch unter die männ­li­che Form und lasst dif­fe­ren­zie­ren­de Kin­ker­litz­chen wie die geschlech­ter­ge­rech­te Spra­che sein. Nur in ein­deu­ti­gen For­mu­lie­run­gen gelingt ein umfas­sen­des Spre­chen, in dem Bücher ver­kauft wer­den kön­nen. Popu­lis­mus wird nicht nur in Kauf genom­men. Popu­lis­mus ist erwünscht.

  • Ste­fan Nig­ge­mei­er | Neu­es von Wer­t­her: Sui­zid-Häu­fung nach brei­ter Sui­zid-Bericht­erstat­tung – nig­ge­mei­er berich­tet über eine ame­ri­ka­ni­sche stu­die, die indi­zi­en für den wer­t­her-effekt beob­ach­ten konn­te:

    Selbst­mord ist anste­ckend. Bericht­erstat­tung über Sui­zi­de erhöht die Zahl der Sui­zi­de. Eine neue Stu­die aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten lie­fert wei­te­re Indi­zi­en dafür, dass die­ser soge­nann­te „Wer­t­her-Effekt“ tat­säch­li­ch exis­tiert.

  • Algo­rith­men: Fer­gu­son zer­split­tert in den sozia­len Netz­wer­ken | ZEIT ONLINE – gün­ter hack:

    Der der­zei­ti­ge Umgang mit der algo­rith­mi­schen Per­so­na­li­sie­rung ist die Voll­endung des Neo­li­be­ra­lis­mus auf Ebe­ne der öffent­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on. Wenn du etwas nicht gese­hen hast, dann bist du selbst Schuld, weil du den Algo­rith­mus von Face­book ent­spre­chend trai­niert hast oder dir die Pro­fi-Ver­si­on mit dem bes­se­ren Zugang zu den Daten nicht leis­ten kann­st.

  • Inter­view mit Hei­ner Goeb­bels, dem Inten­dan­ten der Ruhr­tri­en­na­le | Lesen was klü­ger macht – hol­ger pau­ler befragt hei­ner goeb­bels zu sei­nen erfah­run­gen in und mit der ruhr­tri­en­na­le und vor allem der „frei­en sze­ne“ (und am schluss auch zu „cas­si­ber“). hei­ner goeb­bels:

    In Deutsch­land gibt es für eine bestimm­te Liga von frei­en Künst­le­rin­nen und Künst­lern kaum Pro­duk­ti­ons­spiel­räu­me. Es gibt zwar ein welt­weit ein­zig­ar­ti­ges Thea­ter­sys­tem, das ist aller­dings einer gewis­sen Mono­kul­tur ver­pflich­tet, die sich auf das Opern-, Schau­spiel-, oder Orches­ter­re­per­toire bezieht – dar­über hin­aus blei­ben weni­ge Mög­lich­kei­ten für freie Kunst. Die­se Lücke woll­te ich mit der Ruhr­tri­en­na­le zu schlie­ßen ver­su­chen.

  • [AMA] Ich bin Ste­fan Nig­ge­mei­er. Fragt mich alles! : de_IAmA
  • Intro­du­cing Tap­Pa­th for Andro­id – YouTubeIntro­du­cing Tap­Pa­th for Andro­id! – eine schö­ne klei­ne app, die das leben (und sur­fen) auf einem andro­iden ein­fa­cher und ange­neh­mer macht

Ins Netz gegangen (3.7.)

Ins Netz gegan­gen am 3.7.:

  • Twit­ter / Stro­em­feld: Sind Schwä­ne gif­tig? Notiz­zet­tel …RT @Stroemfeld: Sind Schwä­ne gif­tig? Notiz­zet­tel aus dem Nach­laß von Peter Kurz­eck, vmtl. Ende der 1960er Jah­re
  • Richard Sen­nett: „Wir müs­sen die Arbeit umver­tei­len“ | ZEIT ONLINE – richard sen­net im inter­view mit zeit-online:

    Mehr Sozia­lis­mus, mehr Mit­be­stim­mung, klei­ne­re Fir­men und die Schwä­chung des Finanz­ka­pi­tals zuguns­ten pro­duk­ti­ver Arbeit. Wir benö­ti­gen alter­na­ti­ve Manage­ment­model­le, die auf eine kon­ti­nu­ier­li­che (Weiter-)Entwicklung der Men­schen set­zen. Das Pro­blem, mit dem wir es im moder­nen Kapi­ta­lis­mus zu tun haben, ist die Mani­pu­la­ti­on der Zeit. 

    und am schluss emp­fiehlt er das grund­ein­kom­men als lösung: 

    Mei­ner Auf­fas­sung nach wäre die Ein­füh­rung eines exis­tenz­si­chern­den Grund­ein­kom­mens eine Erfolg ver­spre­chen­de Her­an­ge­hens­wei­se. Man ver­sucht, die vor­han­de­ne Arbeit zu bestim­men, um sie dann unter zwei oder drei Leu­ten zu ver­tei­len. Die­se wer­den als Teil­zeit­kräf­te bezahlt. Der Staat gibt ihnen dann zusätz­li­ch ein Grund­ein­kom­men, um den Unter­schied aus­zu­glei­chen.

  • Kopen­ha­gen: „Rad­fah­rer machen eine Stadt erst rich­tig leben­dig“ | ZEIT ONLINE – noch ein paar grün­de, war­um es (gera­de städ­ten) gut tut, sich um den rad­ver­kehr zu küm­mern

    Rad­fah­rer machen eine Stadt erst rich­tig leben­dig. Man sieht Gesich­ter auf der Stra­ße, und nicht nur hin­ter Wind­schutz­schei­ben. Die Stadt wird als men­schen­freund­li­ch wahr­ge­nom­men und dadurch attrak­tiv.

  • Ein spä­ter Sieg der his­to­ri­schen Wahr­heit – taz.de – klaus hil­len­berg ist sehr ange­tan von der neu­en dau­er­aus­stel­lung zum wider­stand gegen das ns-regime im bend­ler­blo­ck:

    Mit die­ser Aus­stel­lung hat die Rezep­ti­on der Wider­stands­ge­schich­te einen vor­läu­fi­gen Schluss­punkt gefun­den, oder anders gesagt: Die Wahr­heit hat nach Jahr­zehn­ten der Geschichts­klit­te­rung, der offe­nen und ver­deck­ten Ein­fluss­nah­me von Poli­ti­kern, Kir­chen­ver­tre­tern, ehe­ma­li­gen Offi­zie­ren und, ja das auch, von Wider­stands­kämp­fern und deren Ange­hö­ri­gen gesiegt. Es ist ein ver­dammt spä­ter Sieg, der wohl nur mög­li­ch wur­de, weil die Täter­ge­ne­ra­ti­on nicht mehr unter den Leben­den weilt. Aber es ist doch ein his­to­ri­scher Sieg. 

  • World Cup Phi­lo­so­phy: Ger­many vs Fran­ce – Exis­ten­ti­al Comics – cool. (für die phi­lo­so­phie­ge­schicht­li­ch nicht so bewan­der­ten gibt es auch eine aus­führ­li­che erklä­rung dazu …)
  • Auto­ren­schaft revis­ted | Fix­poe­try – »Auto­ren von Qua­li­tät tun und sagen Uner­hör­ters, Schwer­hör­ba­res, Neu­hör­ba­res, sie expe­ri­men­tie­ren«
  • Font­blog | Ed Sheeran’s Album Cover Fail – Klei­ner Typo-Feh­ler ganz groß (was es nicht alles gibt!)

Aus-Lese #25

Marc Augé: Die For­men des Ver­ges­sens. Ber­lin: Mat­thes & Seitz 2013. 106 Sei­ten.

Augé plä­diert in die­sem Essay dafür, Ver­ges­sen als Teil der Erin­ne­rung vom Ruch des Makels zu befrei­en: Ver­ges­sen ist für ihn inso­fern unauf­lös­li­ch mit dem Erin­nern ver­bun­den, weil über­haupt nur durch das Ver­ges­sen von man­chem man­ches erin­nert wer­den kann und als Erin­ne­rung ver­füg­bar sein kann. Die Sicht ist die des Eth­no­lo­gen (und die Reflek­ti­on sei­ner Methode(n) nimmt erheb­li­chen Raum ein): Die zeit­li­che Gebun­den­heit der Fik­ti­on (bzw. der Nar­ra­ti­on) des Lebens, aus der der Eth­no­lo­ge (bei Augé gibt es kei­ne Frau­en ;-)) sei­ne Erzäh­lun­gen formt, sind ein wie­der­keh­ren­des Motiv. Und die­se Erzäh­lun­gen sind für ihn auf allen Ebe­nen immer Pro­duk­te des Gedächt­nis­ses, womit das Ver­ges­sen wie­der ins Spiel kommt. Fast neben­bei lie­fert er dazu viel Mate­ri­al und Anek­do­ten aus dem Schatz des Eth­no­lo­gen zu Erin­nern und Ver­ges­sen, aber eigent­li­ch vor allem zu Fik­ti­on und Erzäh­lung (in die Ver­ges­sen und Erin­nern hier immer ein­ge­bun­den sind). 

Ver­ges­sen ist für Augé nicht nur als Ele­ment der Erin­ne­rung zu ver­ste­hen, son­dern als pro­duk­ti­ver Vor­gang der Erzäh­lung (und damit Gestal­tung) der Wirk­lich­keit – denn Ver­ges­sen, so Augé, öff­net Mög­lich­kei­ten, Poten­tia­li­tä­ten der Ver­gan­gen­heit, der Gegen­wart oder der Zukunft. Also gen­au das, was Indi­vi­du­en und Gemein­schaf­ten brau­chen:

Gedächt­nis und Ver­ges­sen bedin­gen sich gegen­sei­tig, bei­de sind not­wen­dig zum umfas­sen­den Gebrauch der Zeit. […] Das Ver­ges­sen führt uns zur Gegen­wart zurück […]. Man muss ver­ges­sen, um anwe­send zu blei­ben, ver­ges­sen, um nicht zu ster­ben, ver­ges­sen, um treu zu blei­ben. (102f.)/

Alex­an­der Los­se: Stro­phen. Ber­lin: Karin Kramer 2010. 65 Sei­ten.

Stro­phen ist ein extrem deskrip­ti­ver Titel, denn das Lyrik­de­büt Los­ses ent­hält gen­au das: Stro­phen. Genau­er: 62 ein­zel­ne Stro­phen, alles Vier­zei­ler (eine sechs­ver­si­ge Stro­phe ist auch dabei) mit dem sehr auf­fal­len­de­nen Ele­ment des Kreuz- bzw. umar­men­de Reims orga­ni­siert. Getra­gen wer­den die kur­zen Gedich­te Los­ses durch ihre Lied­haf­tig­keit. Auch eine gewis­se, schwe­ben­de Leich­tig­keit ist ihrer Spra­che eigen. Vor allem spricht aus ihnen (fast) allen aber ein gro­ßer, exis­ten­ti­el­ler Ern­st: „Ver­wüs­tung eine See­le schuf“ heißt es zum Bei­spiel gleich in der ers­ten Stro­phe. Fra­gen­de Meta­phern, offen für Ant­wor­ten oder Ein­wür­fe bestim­men die meis­ten Stro­phen. Sie kön­nen sich auch recht gut ver­lie­ren – in der Kür­ze, der Klein­heit und der (fes­ten, vor­ge­be­nen, unan­ge­tas­te­ten) Form. Und manch­mal blei­ben sie auch ein­fach in der Bana­li­tät des Reims und der reli­giös-christ­li­ch-kirch­li­chen Meta­phern ste­cken, so dass ich nicht so recht weiß, ob ich – bei eini­gen sicher­li­ch sehr guten „Stro­phen“ – den gan­zen Band wirk­li­ch rich­tig gut fin­de …

XLVI
Gehst so lei­se in die Kir­che,
fliehst so spät zum untern Grund.
Wes­sen Hand hat nur berüh­ret,
wes­sen Weg dich her­ge­füh­ret,
wes­sen Opfer schweigt dein Mund.
Gehst so lei­se in die Kir­che.

Pau­lus Böh­mer: Kad­dish I-X. Frank­furt am Main: Schöff­ling 2002. 345 Sei­ten.

groß­ar­tig: Die Form des Kad­dish, des jüdi­schen Trau­er­ge­be­tes, nutzt Böh­mer, um den Leser mit so ziem­li­ch allem zu kon­fron­tie­ren, was sich den­ken lässt: Im Modus der Ver­gäng­lich­keit tau­chen Sexua­li­tät und Phan­ta­sie, Bil­dung und Erle­ben, Hoch­kul­tur und Under­ground neben-, über- und hin­ter­ein­an­der auf. Das ist in sei­ner Dich­te und vor allem der per­ma­nen­ten Anspan­nung kaum am Stück zu lesen. Zehn Kad­dishs ver­sam­melt Böh­mer in die­sem Band (inzwi­schen ist ja noch ein zwei­ter erschie­nen), als eine Art Lang­ge­dich­te mit 12 bis 50 Druck­sei­ten Län­ge – also ganz schö­ne Bro­cken. Und da Böh­mer immer mit einer kunst­voll gesuch­ten, unge­heu­er viel­fäl­ti­gen, rei­chen Spra­che auf höchs­tem Niveau arbei­tet, ver­langt das auch dem Lesen viel Kon­zen­tra­ti­on, Auf­merk­sam­keit und Durch­hal­te­wil­len ab – Anstren­gun­gen, die sich aber loh­nen, denn in sei­ner kon­zen­trier­ten Erschöp­fung der Ver­gäng­lich­keit der Welt und des Lebens ist Böh­mer ein groß­ar­ti­ger Lyri­ker.

Johan­nes Fried: Karl der Gro­ße. Gewalt und Glau­be. Eine Bio­gra­phie. Mün­chen: Beck 2013. 736 Sei­ten.

Der Ver­lag – und auch eini­ge Rezen­sen­ten – kön­nen sich ja vor Begeis­te­rung über die­sen Wäl­zer kaum ein­krie­gen. Ganz so ging es mir nicht. Das liegt aber nur zum Teil an Fried selbst, son­dern auch am Ver­lag. Ner­vig fand ich die – für einen Ver­lag wie Beck! – extrem nied­ri­ge Lek­to­r­akts- und Pro­duk­ti­ons­qua­li­tät. Ein paar Bei­spie­le: die Kapi­täl­chen ohne Klein­buch­sta­ben, Flüch­tig­keits­feh­ler (wie die fal­sche Ver­or­tung Ingel­heims auf der Kar­te oder fal­sche, nicht erklär­te Abkür­zun­gen im Text) und der auf Dau­er etwas stei­fe Stil, der etwas lek­t­o­rie­ren­de Glät­tung durch­aus ver­tra­gen hät­te, fal­sche Anmer­kun­gen, die ver­wir­ren­de Num­me­rie­rung der Abbil­dun­gen und Farb­ta­feln, das feh­len­de Abbil­dungs­ver­zeich­nis, der fal­sche Kolum­nen­ti­tel im Appen­dix, der bil­li­ge Umschlag …

Aber es geht ja um den Text selbst. Der bie­tet sehr, sehr viel – aber nicht unbe­dingt das, was der Unter­ti­tel ver­spricht. „Eine Bio­gra­phie“ ist das näm­li­ch aller­höchs­tens peri­pher, eigent­li­ch über­haupt nicht. Das Leben eines karo­lin­gi­schen Herr­schers ist ja nicht mehr aus­zu­lo­ten, wor­auf Fried selbst natür­li­ch hin­weist – also brei­tet ein Mit­tel­al­ter-His­to­ri­ker alles aus, was er aus und über die­se Zeit weiß. Das ist manch­mal sehr all­ge­mein und manch­mal sehr spe­zi­ell (wie sich über­haupt mir manch­mal der Ein­druck auf­dräng­te, dass Fried nicht so gen­au wuss­te, für wen er eigent­li­ch schrei­ben will: für den inter­es­sier­ten Lai­en? – Dafür setzt er ziem­li­ch oft sehr gründ­li­che Vor­kennt­nis­se vor­aus. Für die Fach­kol­le­gen? Dafür ist man­ches etwas all­ge­mein bis über­flüs­sig (und die Anmer­kun­gen bzw. das Lite­ra­tur­ver­zeich­nis etwas unge­nau …). Gera­de das Pan­ora­ma der früh­mit­tel­al­ter­li­chen Welt macht die­sen Karl aber so wert­voll.

Und Frieds Ansatz, Karls Leben und Hand­lun­gen mit zwei Moti­va­ti­ons­strän­gen – den im Unter­ti­tel genann­ten Kom­ple­xen „Gewalt“ und „Glau­be“ – zu erklä­ren, ist durch­aus nach­voll­zieh­bar und rich­tig. Auch wenn, wie er es selbst ent­wi­ckelt, die „Gewalt“ – ins­be­son­de­re eben die Krie­ge wie die gegen die Sach­sen – (fast) immer aus dem „Glau­ben“ erwächst. Das gelingt Fried übri­gens sehr schön, der Ver­su­ch, Karl und sei­ne Moti­va­ti­on aus dem Wis­sen und den Über­zeu­gun­gen sei­ner Zeit zu erklä­ren. Fast bestechend wird das etwa bei der Fra­ge nach der Kai­ser­kro­ne – ein Unter­neh­men, dass Fried durch­aus schlüs­sig mit dem Ver­weis auf die ver­brei­te­te und wahr­ge­nom­me­ne End­zeit­stim­mung um 800 erklä­ren kann. 

Ann Cot­ten: Der schau­ern­de Fächer. Erzäh­lun­gen. Ber­lin: Suhr­kamp 2013. 253 Sei­ten.

Obwohl ich Ann Cot­ten als Lyri­ke­rin durch­aus mit Wert­schät­zung und Inter­es­se wahr­ge­nom­men habe, kann ich mit ihrem ers­ten Erzäh­lungs­band eher wenig anfan­gen. Das ist sehr wild, unge­zähmt, unge­formt scheint es oft – wuchernd in Phan­ta­sie und Stil. Meistens/immer geht es um Lie­bes­be­zie­hun­gen, um den Beginn einer Ver­traut­heit und Zunei­gung und Lie­be – aber in sehr selt­sa­men Kon­fi­gu­ra­tio­nen und Beschrei­bun­gen. Schön und klug sind die ein­ge­ar­bei­te­ten (oft eher unauf­fäl­li­gen, sel­ten expli­zi­ten) Gen­der-The­ma­ti­sie­run­gen. Man­ches hat durch­aus poe­ti­sches Poten­ti­al, das sich auch beim ers­ten Lesen zeigt. Ande­res erschien mir eher fah­rig und aus­ufernd, mehr Ein­fall als Form, mehr Idee als Aus­ar­bei­tung, mehr Prä­ten­ti­on als Ein­lö­sung. Aber viel­leicht bin ich da etwas unge­recht – jeden­falls ver­spür­te ich öfters ein­fach kei­ne Lust, micht auf die­se Text­wel­ten wirk­li­ch ein­zu­las­sen (war­um auch immer).

Zeit

Und von jetzt ab und eine gan­ze Zeit über
Wird es kei­nen Sie­ger mehr geben
Auf eurer Welt, son­dern nur mehr
Besieg­te.
Ber­tolt Brecht, Der Unter­gang des Ego­is­ten Johann Fat­z­er

I’m feeling lucky

Kann man ein Buch über Goo­gle bespre­chen, wenn man noch nicht ein­mal weiß, was Googles pro­mi­nen­ter But­ton „I’m fee­ling lucky“ heißt und bedeu­tet? Das scheint mir schon ein erstaun­li­ches Nicht­wis­sen zu ver­ra­ten, was die Auto­rin der „Zeit“ da an den Tag legt, wenn sie „I’m fee­ling lucky“ – also den But­ton, der bei der Goo­gle-Suche direkt das ers­te Ergeb­nis auf­ruft und die Suche­rer­geb­nis­sei­te umgeht – mit „Ich bin zufrie­den“ über­setzt. Denn das macht ja ein­fach über­haupt kei­nen Sinn. Zumal die deut­sche Goo­gle-Sei­te ja eine pas­sen­de Über­set­zung bereit­hält: „Auf gut Glück!“ steht da.

Übri­gens ist der Rest des Tex­tes zwar viel­leicht nicht so offen­sicht­li­ch fal­sch. Zumin­dest nach­läs­sig ist es aber, das Buch als den „erste[n] Insi­der-Bericht“ über Goo­gle anzu­prei­sen – davon gab es ja durch­aus schon eini­ge, nur wohl nicht als Buch, son­dern meis­tens online. Und das Übri­ge ist dann doch fast maxi­mal belang­los …

Zeit

Ich bin gedul­dig, war­te nicht, die Zeit
kann kei­ner Ankunft als Begrün­dung die­nen.“
(Chris­ti­an Leh­nert, Auf­kom­men­der Atem, 29)

Noch einmal: E-Books & Journalismus

Jetzt auch noch die „Zeit“ (nach der FAZ). Wie­der wer­den fal­sche Gegen­sät­ze auf­ge­baut, fal­sche Posi­tio­nen behaup­tet – kurz: PR wird unhin­ter­fragt über­nom­men. Ist das wirk­li­ch nötig?

Chris­to­ph Schrö­der schreibt unter dem unsin­ni­gen Titel „Die Debat­te, die kei­ner ver­steht“ (natür­li­ch wird die ver­stan­den!) zum Bei­spiel:

Eine neue Gene­ra­ti­on von Ver­brau­chern betrach­tet den frei­en welt­wei­ten Zugang zu Daten als Selbst­ver­ständ­lich­keit und jede Ein­schrän­kung als unzu­läs­si­gen Ein­griff in die Infor­ma­ti­ons­frei­heit. Dem gegen­über steht ein Ver­le­ger vom alten Schlag wie Bör­sen­ver­eins-Vor­ste­her Gott­fried Hon­ne­fel­der, der uner­müd­li­ch für die Urhe­ber­rech­te von Auto­ren ein­tritt. Hin­ter den kon­trä­ren Posi­tio­nen von Open-Access-Befür­wor­tern und Schutz­recht­be­wah­rern ste­hen unver­ein­ba­re Welt­bil­der und inkom­pa­ti­ble Begrif­fe von Kul­tur.

Da ste­cken eine Men­ge Pro­ble­me dahin­ter. Die „neue Gene­ra­ti­on von Ver­brau­chern“ (was ja auch wie­der Unsinn ist, das Lesen eines Buches ist doch kein „Ver­brauch“, das Buch ist doch dana­ch immer noch da!) will also, so Schrö­der offen­sicht­li­ch, immer und über­all alle Daten umson­st haben. Sicher mag es sol­che Posi­tio­nen geben, aber das ist ers­tens nicht der Punkt und zwei­tens wohl nur eine Min­der­heit. Wor­um es geht ist ein ver­nünf­ti­ger, ange­mes­sen bepreis­ter Zugang zu Daten. Und dazu gehört, das ist doch im Moment das Haupt­pro­blem, dass zum Bei­spiel Kunst­wer­ke nicht so enorm lan­ge mono­po­li­siert ver­mark­tet wer­den dür­fen, son­dern frü­her als momen­tan gemein­frei wer­den soll­ten.

Dann kommt wie­der der schö­ne Gegen­satz: Bis­her – die Ver­brau­cher – ging es um „Daten“, also irgend­et­was ein­fa­ches, min­der­wer­ti­ges. Jetzt kommt, als Gegen­po­si­ti­on, der „Ver­le­ger vom alten Schlag“. Das impli­ziert natür­li­ch, dass es Hon­ne­fel­der nicht pri­mär um Gewin­ne geht, son­dern dar­um, die Kunst, die Lite­ra­tur zu ver­brei­ten, zugäng­li­ch zu machen (war­um er sich dann im Gegen­satz zu den angeb­li­chen Jün­gern des frei­en Zugangs posi­tio­nie­ren muss – das ist ein Para­dox die­ser hier impli­zit auf­ge­au­ten Gegen­sät­ze, das schon dar­auf hin­weist, dass die­se Schil­de­rung nicht der Rea­li­tät enspricht). Nun aber kommt der größ­te Witz, der eigent­li­ch eine Unver­schämt­heit ist: Hon­ne­fel­der set­ze sich als Vor­sit­zen­der des Bör­sen­ver­eins „uner­müd­li­ch“ für das „Urhe­ber­recht der Auto­ren“ ein. Das ist ja wohl blo­ße Ver­höh­nung! Ers­tens geht es ja gar nicht um das Urhber­recht der Auto­ren, das möch­te (außer extre­men Ver­tre­tern) kaum jemand ihnen abstrei­ten oder „abneh­men“. Es geht doch vor allem dar­um, was dem gan­zen folgt: Die Mono­po­li­sie­rung der Ver­mark­tung des Urhe­ber­rechts durch Ver­la­ge durch über­lan­ge Schutz­fris­ten. Dafür setzt Hon­ne­fel­der sich ein, des­we­gen lügt er sich Posi­tio­nen etwa der Pira­ten­par­tei zurecht.

Nun der nächs­te Schlag: Schrö­der ver­mischt das jetzt auch noch mit der Open-Access-Bewe­gung – einer Bewe­gung, die vor­wie­gend aus dem Bereich wis­sen­schaft­li­cher Ver­öf­fent­li­chun­gen kommt und dort sehr, sehr viel Sinn hat. Die wer­den jetzt gleich auch noch zu den Geg­nern der Schutz­fris­ten gemacht (was so auch wie­der über­haupt nicht stimmt!). Und dann noch die abso­lu­te Keu­le: „unver­ein­ba­re Welt­bil­der“ und „inkom­pa­ti­ble Begrif­fe von Kul­tur“. Damit ist dann ja eigent­li­ch die Dis­kus­si­on für über­flüs­sig, für unmög­li­ch erklärt wor­den. Aber das stimmt auch wie­der nicht: Die unter­schied­li­chen Begrif­fe für Kul­tur – was soll das denn bit­te schön sein? Das erklärt Schrö­der wohl­weis­li­ch nicht. Und war­um sie inkom­pa­ti­bel sind, ver­schweigt er eben­falls. Muss er ja, es gibt sie schließ­li­ch gar nicht.

Mit wel­chen unsau­be­ren jour­na­lis­ti­schen Mit­teln die „Zeit“ bzw. Schrö­der arbei­tet, sieht man auch eini­ge Absät­ze spä­ter. Dort heißt es:

Mari­na Weis­band, die poli­ti­sche Geschäfts­füh­re­rin der Pira­ten­par­tei, macht hin­ge­gen auch auf der Mes­se noch ein­mal deut­li­ch: „Der Kopier­schutz muss weg.“ Den Namen Gott­fried Hon­ne­fel­der kennt sie übri­gens gar nicht.

Die Inten­ti­on ist klar: Die Pira­ten (hier noch ) sind Kul­tur­ba­nau­sen, die nicht ein­mal so wich­ti­ge, ganz unbe­dingt not­wen­dig zu ken­nen­de Per­sön­lich­kei­ten wie den Her­ren Hon­ne­fel­der ken­nen. Das ist natür­li­ch gemei­ner Schwach­sinn – und sagt über inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen über­haupt nichts aus. Ich wür­de außer­dem wet­ten, dass Hon­ne­fel­der den Namen Mari­na Weis­band eben­falls „übri­gens gar nicht“ kennt. Doch was sagt uns das? Die Zeit macht Kam­pa­gnen­jour­na­lis­mus, lässt sich von der PR des Bör­sen­ver­eins ver­ein­nah­men. Und betrügt ihre Leser.

Seite 1 von 212