Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: winterreise

Wochenblog 5/​2023

Kaum hat das Jahr ange­fan­gen, ist auch schon der ers­te Monat rum. Die­se Woche hat­te vor allem ekli­ges Wet­ter im Gepäck. Vor allem der Don­ners­tag war schlimm wie sel­ten, bei solch ver­rück­tem Wet­ter bin ich ver­mut­lich noch nie mit dem Rad zur Arbeit gefah­ren: Mor­gens ist ein­fach Schnee­matsch vom Him­mel gefal­len, in rau­en Men­gen. Der sam­mel­te sich schön auf den Stra­ßen, schmolz dort wei­ter zu Was­ser und bil­de­te rie­si­ge Seen. Die konn­ten die Auto­fah­rer natür­lich nicht auf­hal­ten, die sind da mun­ter durch­ge­bret­ter ohne Rück­sicht auf Ver­lus­te bei (eher weni­gen) Rad­fah­ren­den und den zu Fuß Gehen­den. Dabei hat das Rad­fah­ren auch so schon wenig Spaß gemacht, von allen Sei­ten Dreck und Näs­se sind kei­ne Freu­de.
Und dann noch die schö­nen Win­ter­diens­te, die zu blöd sind, Rad­we­ge (auch die benut­zungs­pflich­ti­gen) ver­nünf­tig zu räu­men: Da ist dann plötz­lich mit­ten drin nicht geräumt, weil der Schnee­pflug auf den Bür­ge­steig gefah­ren ist. Und spä­tes­tens an jeder Kreu­zung lie­gen wie­der hohe Wäl­le quer auf dem Rad­weg, weil die Stra­ßen ja unbe­dingt sau­ber sein müs­sen.
Der Schnee­matsch hat­te dann noch eine Beson­der­heit: Er setzt sich in den Rit­zeln fest – am Ende mei­nes Arbeits­we­ges muss­te ich auf die drei größ­ten Gän­ge ver­zich­ten, da flupp­te die Ket­te gera­de so drü­ber weg. Und genau die Gän­ge brau­che ich eigent­lich ;-). Zum Glück wur­de es im Lau­fe des Tages ein wenig wär­mer, so dass der Heim­weg etwas unpro­ble­ma­ti­scher war.
Am Frei­tag dann hat­te sich das gan­ze wie­der etwas beru­higt, dafür bin ich am Abend fast vom Sturm beim Heim­fah­ren gehin­dert wor­den. Ver­rückt, das alles …
Dafür war das Wochen­en­de wet­ter­tech­nisch viel net­ter, sogar mit etwas Son­nen­schein – und viel Ent­span­nung.

Text: Die­se Woche habe ich nicht viel gele­sen, vor allem wei­ter in Phil­ipp Sara­sins „1977“. Das ist ein sehr klu­ges Buch, das viel zu mei­nem Ver­ständ­nis der Welt bei­tra­gen wird, schät­ze ich momen­tan.

Ton: Freie Musik vom Feins­ten: „Ten­der Music“ von Joël­le Léand­re und Eli­sa­beth Har­nik, schon 2018 bei Trost erschie­nen, aber erst jetzt bei mir erst­mals erklun­gen.
Und natür­lich berich­tens­wert: Die „Win­ter­rei­se“ mit Ben­ja­min Appl und James Bail­leou im Aure­li­um Lap­pers­dorf. Das war ein ech­tes sic-et-non-Erleb­nis: Auf der einen Sei­te die groß­ar­ti­ge, meis­ter­haf­te Beherr­schung des Details, die vie­len Klang­far­ben (auch wenn Appls e‑s und i‑s durch­weg arg dun­kel waren), die enor­me Dyna­mik: Wahn­sin­nig gut. Auf der ande­ren Sei­te: Jedes Lied wird hier aus­ein­an­der­ge­nom­men, die Tem­pi und die Ago­gik schwankt in einer ver­rück­ten Band­brei­te (das klappt auch nicht immer per­fekt im Zusam­men­spiel), die Win­ter­rei­se als Zyklus funk­tio­niert nicht mehr, das sind nur ein­zel­ne (in sich immer wie­der über­ra­gend fes­seln­de) Momen­te der exzes­si­ven Expres­si­vi­tät – noch deut­li­cher und oft über­trie­be­ner als auf der Auf­nah­me.

Drau­ßen: Brav wei­ter gelau­fen, ohne beson­de­re Vor­komm­nis­se.

Wochenblog 4/​2023

Eine gewöhn­li­che Woche im Janu­ar. Wie­der etwas viel gear­bei­tet und tortzdem mit dem Gefühl raus­ge­gan­gen, nicht viel geschafft zu haben. Aber das ist wohl ein­fach eine prin­zi­pi­el­le Täu­schung ;-). Es bleibt kalt, aber zum Glück für den Fahr­rad­pend­ler nur sehr wenig Schnee hier. Damit kann ich gut leben. Neben­bei war die­se Woche auch noch ein wenig Web­sei­ten­bas­teln ange­sagt – hier, bei Come­di­an Six­pack und noch ein paar ande­re Inter­net­auf­trit­te muss­ten ein wenig gewar­tet und ange­passt wer­den.

Text: Ich arbei­te mich lang­sam (sehr lang­sam) durch mei­nen Sta­pel unge­le­se­ner Bücher und habe mir des­halb ein Ein­kaufs­mo­ra­to­ri­um auf­er­legt. Die­se Woche aus­ge­le­sen habe ich Sla­ta Roschals klei­nen Gedicht­band „Wir ver­zich­ten auf das gelob­te Land“, 2019 bei Rei­ne­cke & Voß in Leip­zig erschie­nen. Der hat eini­ge inter­es­san­te Lese­er­fah­run­gen zu bie­ten, aber auch ein biss­chen Leer­lauf. Für mei­nen Geschmack ist die Spra­che der Gedich­te oft etwas zu all­täg­lich, zu wenig kunst-voll: Ich bevor­zu­ge ja doch im all­ge­mei­nen Lyrik, die sich nicht nur for­mal, son­dern auch sprach­lich vom all­täg­li­chen, „nor­ma­len“ Sprach­ge­brauch deut­lich abhebt.

Außer­dem: Karen Ruoffs „Aca­de­mia“. Das ver­sucht in der Tra­di­ti­on (und öfters in recht enger Anleh­nung an) David Lodges eine Sati­re des (ame­ri­ka­ni­schen) Uni­ver­si­täts­be­triebs der Gegen­wart, vor allem sei­ner Finan­zie­rung. Das ist aber höl­zern in Form und Spra­che, bleibt weit­ge­hend vor­her­seh­bar und lässt all die Ele­ganz und das Spie­le­ri­sche von Lodge lei­der völ­lig ver­mis­sen.
Und wei­ter­ge­le­sen in Phil­ipp Sara­sins gro­ßer Geschich­te des Jah­res „1977“ (oder der Gegen­wart, je nach­dem). Das ist wirk­lich sehr anre­gend: Wahn­sinn, was da alles an Mate­ri­al, Ideen und Beob­ach­tun­gen drin steckt. Und klas­se, wie gut es geschrie­ben ist, wie gut es sich, trotz sei­ner fach­li­chen Brei­te und Tie­fe (bei­des zusam­men ist ja nicht sehr häu­fig), lesen lässt, auch in klei­ne­ren Por­tio­nen.

Ton: Zur Auf­fri­schung habe ich mehr­mals die „Win­ter­rei­se“ gehört. Das ist sozu­sa­gen Vor­be­rei­tung für das nächs­te Wochen­en­de, wenn ich Sie mal wie­der live hören kann. Und in den letz­ten Jah­ren habe ich sie eher sel­ten gehört, also war es mal wie­der Zeit.

Drau­ßen: In die­ser Woche bin ich halb­wegs flei­ßig gelau­fen. Denn die Läu­fe gestal­te­te ich in die­ser Woche als Cre­scen­do: Jeden Tag mehr als am Vor­tag. Das wer­de ich in der nächs­ten Woche defi­ni­tif nicht wie­der­ho­len kön­nen. Jetzt ging es, weil ich auf sehr nied­ri­gem Niveau anfing. Und erstaun­li­cher­wei­se blieb das Tem­po der Läu­fe die gan­ze Woche über recht ordent­lich. Eigent­lich war­te­te ich jeden Tag dar­auf, dass mei­ne Bei­ne sagen: Mal lang­sam. Aber selbst die 14 Kilo­me­ter mit eini­gen Höhen­me­tern am Sonn­tag lie­fen doch gut. Viel­leicht kommt die Erschöp­fung ja auch erst noch.

Über Lieder von Liebe und Schmerz: Ian Bostridge erklärt Schuberts Winterreise

Es ist nicht mehr als ein klei­ner Aus­schnitt der fort­dau­ern­den Erkun­dung des kom­ple­xen und schö­nen Net­zes von Bedeu­tun­gen – musi­ka­li­sche und lite­ra­ri­sche, tex­tu­el­le und meta­tex­tu­el­le –, inner­halb des­sen die Win­ter­rei­se ihren Zau­ber her­vor­bringt.S. 396

bostridge, schuberts winterreise (cover)– Mit die­sem Schluss endet der bri­ti­sche Tenor Ian Bostridge (übri­gens ein aus­ge­bil­de­ter His­to­ri­ker) sein gro­ßes, fas­zi­nie­ren­des und in sei­ner berei­chern­den Klug­heit aus­ge­spro­chen lesens­wer­tes Buch über Schu­berts Win­ter­rei­se. Aber es ist ein Satz, der das, was auf den knapp vier­hun­dert Sei­ten zuvor pas­siert ist, sehr gut auf den Punkt bringt. Lie­der von Lie­be und Schmerz hat der deut­sche Ver­lag Bostridges Buch im Unter­ti­tel benannt. Das eng­li­sche Ori­gi­nal fin­de ich pas­sen­der: Ana­to­my of an Obses­si­on. Denn bei­des, das sezie­ren­de Unter­su­chen als auch die obses­si­ve Beschäf­ti­gung mit dem Kunst­werk, bringt das Ver­hält­nis von Bostridge zur Win­ter­rei­se sehr gut auf den Punkt. Und bei­des, die Ana­ly­se und die emo­tio­na­le Bin­dung, merkt man dem Text eigent­lich auf jeder Sei­te an: Jede Sei­te die­ses groß­ar­ti­gen Buches, das Lied für Lied die Win­ter­rei­se unter die Lupe nimmt, lässt die obses­si­ve Lie­be und die jahr­zehn­te­lan­ge Beschäf­ti­gung mit Musik und Text, mit Dich­ter und Kom­po­nist, mit Hin­ter­grün­den und Bedeu­tun­gen spü­ren.

Lied für Lied – die­se Glie­de­rung greift das gut gemach­te (ich habe – abge­se­hen von der prin­zi­pi­ell etwas unsin­ni­gen Über­set­zung eng­li­scher Über­set­zun­gen deut­scher Tex­te – nur einen Über­set­zungs­feh­ler bemerkt – der ist aller­dings etwas pein­lich, weil er das eng­li­sche b‑minor mit b‑moll statt h‑moll über­setzt und auf der sel­ben Sei­te auch noch rich­tig vor­kommt …) und schön aus­ge­stat­te­te Buch auch äußer­lich auf. Bostridge folgt damit zwar der Dra­ma­tur­gie Schu­berts (die ja, wie er mehr­fach dar­legt, von der Rei­hen­fol­ge Mül­lers abweicht), gestat­tet sich aber auch Frei­hei­ten: Man­che Kapi­tel sind auf­fal­lend kurz, ande­re etwas aus­schwei­fend. Man­che bie­ten eine sehr kon­zen­trier­te Ana­ly­se von Text und Musik, ande­re lie­fern vor allem geschicht­li­che, poli­ti­sche, wirt­schaft­li­che, sozio­lo­gi­sche Hin­ter­grün­de. Wie er prin­zi­pi­el­le Beob­ach­tun­gen und Anmer­kun­gen über die ein­zel­nen Lied­ka­pi­tel ver­teilt, das ist sehr geschickt. Die sind dadurch näm­lich immer mehr als blo­ße Kom­men­ta­re oder Erläu­te­run­gen, das Buch wird nicht zu einer seri­ell-sche­ma­ti­schen Ana­ly­se, son­dern zu einem gro­ßen Gan­zen: Alles in allem ist das eine groß­ar­ti­ge Samm­lung von Wis­sen aus allen Berei­chen zu den 1820er Jah­ren. Da liegt aber auch schon eines der Pro­ble­me, die ich damit hat­te (neben der meist feh­len­den Refe­ren­zie­rung des ange­sam­mel­ten Wis­sens): Bei Bostridge wer­den die 1820er in Tech­nik, Öko­no­mie, Gesell­schaft und Poli­tik zu einem frü­hen Höhe­punkt der Moder­ni­sie­rung. Ich bin mir nicht so recht sicher, ob das stimmt (und ob es hilf­reich wäre). Für ein end­gül­ti­ges Urteil fehlt mir da frei­lich etwas Wis­sen, mir schei­nen die­se Jah­re aber doch mehr Durch­gang als Gip­fel zu sein.

Ein ande­rer Punkt, bei dem ich Bostridge immer wie­der wider­spre­chen möch­te, ist die Iro­nie. Die fin­det er in der Win­ter­rei­se näm­lich wesent­lich häu­fi­ger und stär­ker als ich das immer nach­voll­zie­hen kann. Ähn­lich geht es mir mit der poli­ti­schen Dimen­si­on von Text und Musik. In bei­den Fäl­len möch­te ich Bostridges Deu­tun­gen gar nicht von vorn­her­ein ver­wer­fen, sie schei­nen mir in die­sen Aspek­ten aber etwas über­spitzt. Deut­lich wird das etwa bei sei­nen Aus­füh­run­gen zum „Köh­ler“, der (bzw. des­sen Hüt­te, er selbst ja gera­de nicht) in der Win­ter­rei­se genau ein­mal vor­kommt: Das kann man als mög­li­che poli­ti­sche Chif­fre lesen, so zwin­gend, wie Bostridge das dar­stellt, ist die­se Les­art aber mei­nes Erach­tens nicht. Über­haupt hat mich sei­ne poli­ti­sche Les­art vie­ler Lie­der (bzw. eigent­lich nur ihrer Tex­te, in die­sem Deu­tungs­zu­sam­men­hang spielt die Musik kei­ne Rol­le) nicht so sehr befrie­digt, zumal sie ja doch erstaun­lich indif­fe­rent bleibt. Ähn­lich ist es übri­gens um Schu­bert selbst hier bestellt: Zum einen wird er als poli­ti­scher Künst­ler, der extrem unter den har­ten Bedin­gun­gen der vor­märz­li­chen Zen­sur litt, dar­ge­stellt. Zugleich ist er für Bostridge aber auch ein Kom­po­nist, der ganz unbe­dingt ein Ide­al des rei­nen, tran­szen­den­ten Künst­ler­tums ver­folgt – zwei Les­ar­ten, die hier fast naht­los inein­an­der über­ge­hen, die ich aber nicht so recht zusam­men bekom­me.

Das alles macht aber wenig bis nicht. Denn Bostridge zu lesen, ja eigent­lich: zu schmö­kern, ist auf jeden Fall ein gro­ßer Gewinn. Zumal das Buch auch, ich sag­te es schon, ein­fach schön ist und auch mit Abbil­dun­gen nicht geizt. Scha­de fand ich aller­dings, um das Lob gleich wie­der ein biss­chen ein­zu­schrän­ken, dass Bostridge so wenig über die Musik und ihre Details spricht. Mein Ein­druck war da, dass die­ses Ele­ment in der Fül­le der Zugän­ge und Mate­ria­li­en, die er zur Win­ter­rei­se zusam­men­ge­tra­gen hat, etwas unter­geht. Von einem Sän­ger hät­te ich mir gera­de auf die­sem Gebiet mehr musi­ko­lo­gi­sche Ana­ly­se und Beschrei­bung gewünscht. Aber das wäre dann viel­leicht ein ande­res Buch gewor­den.

Es ist näm­lich wirk­lich selt­sam mit die­sem Buch: Als Gan­zes fin­de ich es immer noch ziem­lich groß­ar­tig, es ist ein (über)reiches Buch, das dem Ver­ständ­nis der Win­ter­rei­se auf jeden Fall in gro­ßem Maße dient und das Hören (oder Musi­zie­ren) unge­mein berei­chern kann. Im Detail fin­de ich aber vie­les frag­wür­dig und wür­de oft wider­spre­chen. Ein paar klei­ne, fast will­kür­li­che Bei­spie­le: Den Natio­nal­so­zia­lis­mus und den Zwei­ten Welt­krieg aus einer typisch deut­schen „roman­ti­schen Todes­be­ses­sen­heit“ (118) zu erklä­ren wol­len – das ist ein­fach Quatsch. Oder wenn ein Fer­ma­ten­zei­chen zu einem „alles­se­hen­den Auge“ (178) wird. Manch­mal ist es auch vor allem eine gro­ße Fleiß­leis­tung, wenn er etwa zum „Früh­lings­traum“ über meh­re­re Sei­ten das Vor­kom­men von Eis­blu­men in der Kunst- und Lite­ra­tur­ge­schich­te refe­riert, was aber weder mit Mül­ler noch mit Schu­bert in Ver­bin­dung steht. Da erschließt sich mir dann nicht so ganz der Zweck, den das für eine Ana­ly­se oder Inter­pre­ta­ti­on die­ses Kunst­wer­kes haben soll.

Aber: Die Welt von Schu­berts Win­ter­rei­se kann der über­aus gebil­de­te Bostridge mit sei­nem gesam­mel­tem Wis­sen und sei­nen genau­en, viel­fäl­ti­gen, empha­ti­schen Beob­ach­tun­gen eben doch ganz toll ent­fal­ten und wun­der­bar ver­mit­teln. Es ist übri­gens kein Ver­se­hen, wenn ich von Schu­berts Win­ter­rei­se sprach: Der Schwer­punkt sei­ner Betrach­tun­gen liegt auf Schu­bert und sei­ner Musik, auch wenn der Text und sein Autor, Wil­helm Mül­ler, nicht ganz außen vor blei­ben. Auch die Rezep­ti­on der Win­ter­rei­se wird nicht ver­ges­sen. Und sei­ne inti­me Ver­traut­heit en detail & en gros mit dem Werk sowie sei­ne dop­pel­te Auto­ri­tät als aus­üben­der Sän­ger und for­schen­der His­to­ri­ker tun dem Buch sehr gut: Er weiß, wovon er redet. Und nach der Lek­tü­re sei­ne Buches weiß man auch, was man da eigent­lich hört (oder: hören kann!), wenn man der Win­ter­rei­se lauscht.

Ian Bostridge: Schu­berts Win­ter­rei­se. Lie­der von Lie­be und Schmerz. 2. Auf­la­ge. Mün­chen: Beck 2015. 405 Sei­ten. ISBN 978−3−406−68248−3.

„Was fragen sie nach meinen Schmerzen?“ – Schäfer/​Schneider mit der „Winterreise“

Kar­ge Klar­heit bestimmt die „Win­ter­rei­se“, die Chris­ti­ne Schä­fer und Eric Schnei­der im Mozart-Saal der Frank­fur­ter Alten Oper auf­füh­ren. Die­se Inter­pre­ta­ti­on des Schu­bert­schen Lied­zy­klus, das wird eigent­lich schon mit dem ers­ten Lied, ja, fast schon mit den ers­ten Tönen, deut­lich, die­se Inter­pre­ta­ti­on wird ganz stark vom Intel­lekt bestimmt. Chris­ti­ne Schä­fer singt das ganz stark vom Kopf aus – und immer schon mit der Kata­stro­phe im Blick: Schär­fe in der Gestal­tung – nicht im Ton! – bestimmt die­se meis­ter­haf­te Auf­füh­rung.

Die­se Inter­pre­ta­ti­on gewinnt aber auch durch einen fan­tas­ti­schen Pia­nis­ten, der wun­der­bar ins Kon­zept passt: Eric Schnei­der spielt prä­zi­se wie kaum ein ande­rer Lied­be­glei­ter in der „Win­ter­rei­se“: Sel­ten hört man so genau jeden Ton des Kla­vier­sat­zes genau so, wie er in den Noten steht, mit jedem Akkzent und jedem for­te­pia­no. Ganz sel­ten nur spürt man einen Hauch Pedal, dafür sind die Klän­ge tro­cken und abge­setzt, dabei nicht lieb­los, son­dern abso­lut detail­ver­liebt. Mit „Roman­tik“ hat das auf den ers­ten Ton gar nicht mehr viel zu tun, das ist eigent­lich exis­ten­ta­lis­ti­sche Musik (auch wenn sie in der Alten Oper im Rah­men von „Impuls Roman­tik“ erklingt). Chris­ti­ne Schä­fer macht das grun­sätz­lich ähn­lich wie ihr Pia­nist (auch wenn die bei­den manch­mal mini­mals­te Dif­fe­ren­zen zeig­ten), zum Bei­spiel in „Gute Nacht“: Da sind es oft neben­ein­an­der­ste­hen­de Ein­zel­tö­ne, kei­ne durch­ge­sun­ge­ne Linie. Gran­di­os die leb­haf­te­ren, etwas dra­ma­ti­sche­ren Lie­der: Mit wel­che kla­ren Schwung sie die „Wet­ter­fah­ne“ singt und wie wun­der­bar schwan­kend „Die Post“ oder wie kon­tu­riert bei ihr „Die Krä­he“ auf­scheint – das ist wirk­lich gro­ße Kunst. Was mir nicht so gut gefal­len hat bei ihr: Die Phra­sen klin­gen oft sehr früh und sehr stark aus, so dass die Enden fast ver­schwin­den. Das kann ein sehr inter­es­san­ter Effekt sein, auf Dau­er fand ich das aber etwas über­trie­ben. Auch ihre Tedenz, glei­che Voka­le unter­schied­lich zu tönen, hat einen leich­ten Hang zum Manie­ris­mus. Dabei ist das aber, um kein Miss­ver­ständ­nis auf­kom­men zu las­sen, von ihr in jedem Ein­zel­fall unge­heu­er kon­se­quent umge­setzt und auch hör­bar durch­ge­dacht und durch­ge­führt.

Gegen­über der Auf­nah­me – die ist ja auch schon 2006 erschie­nen – scheint mir das noch ein­mal etwas gereif­ter: Die Stim­me klingt etwas kräf­ti­ger, nicht ganz so leicht und schwe­bend, alles hört sich etwas schwe­rer und bedachter/​bedächtiger an, nicht mehr ganz so cool, dafür abge­klär­ter und erfah­re­ner. Viel­leicht ist das auch der Live-Situa­ti­on geschul­det, zumal wir im Mozart-Saal fast ganz hin­ten saßen und so schon in merk­ba­rer Ent­fer­nung …

Die durch­weg aus­ge­spro­chen hohen Grund­tem­pi, mit sehr star­ken, fast über­trie­be­ne­n­en (aber nur fast!) Ver­zö­ge­run­gen, die manch­mal sogar fast Lücken in dem Lied­text auf­rei­ßen: Effekt­voll ist das, ganz ohne Fra­ge. Und sehr kon­zen­triert und gefasst, in einer span­nen­den Mischung von Intel­lek­tua­li­tät und Emo­tio­na­li­tät, einem sehr genau aus­ba­lan­cier­ten Ver­hält­nis von Distanz und Aneig­nung, von Iden­ti­fi­ka­ti­on und außen­ste­hen­der Beob­ach­tung (der eige­nen See­le, des emo­tio­na­len Welt­lei­des der Sän­ger­fi­gur …). Es gab und gibt Sän­ger (meis­tens sind es eben doch Män­ner), die das rüh­ren­der und berüh­ren­der, also über­wäl­ti­gen­der, sin­gen. Aber kaum

Winterreise-Eintrittskarte

Ein­tritts­kar­te zu einem beson­de­ren Erleb­nis

wel­che, die den eigent­li­chen Kern jedes Lie­des so klar und deut­lich, so unver­stellt und unüber­hör­bar her­aus­prä­pa­rie­ren. Ja, das Wort passt hier, denn man­cher Ansatz erscheint wie im Labo­ra­to­ri­um ent­wi­ckelt – oder das Ergeb­nis aus der Patho­lo­gie, wo der Noten­text zunächst ein­mal seziert wur­de, bevor er zum Klang wer­den durf­te und konn­te. Im Zusam­men­hang, im Lau­fe des kur­zen Abends, zeigt sich aber, dass das kei­ne ana­ly­ti­sche Käl­te ist, son­dern das Schau­ern und Schau­dern der emo­tio­na­len Win­ter­land­schaft, durch die der Sänger/​die Sän­ge­rin irrt. Dadurch ent­steht eine ganz eson­de­re Situa­ti­on: Im Saal merk­te man schon vor dem Beginn, ja schon im Foy­er, eine erhöh­te Span­nung. Alle erwar­te­ten etwas Beson­de­res. Und wer­den anders befrie­digt, als sie erwar­te­ten. Denn – so war zumin­dest mein Ein­druck – nicht allen wur­de klar, wie beson­ders das, was dann zu hören war, wirk­lich war. Weil es anders war, weil es nicht so recht der tra­di­tio­nel­len Gestal­tung der „Win­ter­rei­se“ ent­sprach. Und weil es nicht so sehr auf affek­tuös-emo­tio­na­ler Ebe­ne begeis­tern konn­te, son­dern stär­ker auf einer intel­lek­tu­el­len, fast ratio­na­len Ebe­ne. Das ist eigent­lich ein sehr klu­ger Ansatz, die „Win­ter­rei­se“ so zu sin­gen – kaum ein Lied­werk ist schließ­lich so bekannt, kaum ein Zyklus so aus­ge­schöpft und erschöpft durch unzäh­li­ge, sich oft genug nur noch in Details und Stimm­fär­bung unter­schei­den­den Inter­pre­ta­ti­on im Kon­zert­saal und auf der Kon­ser­ve.

Fragend in die kalten Unendlichkeit: Schubert/​Zender

Kalt ist es, bit­ter kalt. Frie­rend und ein­sam irrt der Sän­ger kurz vor Weih­nach­ten durch die Dör­fer, ver­las­sen und ver­lo­ren. Sel­ten hört man den Sän­ger der Schu­bert­schen „Win­ter­rei­se“ so welt­ver­lo­ren wie Dani­el Kirch im Staats­thea­ter. Das ist aber kein Wun­der. Denn im Gro­ßen Haus erklingt ja gar nicht Schu­berts Win­ter­rei­se: Auf dem Pro­gramm steht eine „kom­po­nier­te Inter­pre­ta­ti­on“ die­ser Win­ter­rei­se. So hat Hans Zen­der sei­ne Bear­bei­tung genannt: Das Kla­vier wird durch ein geni­al instru­men­tier­tes klei­nes Orches­ter ersetzt, von Strei­chern über die Gitar­re und das Akkor­de­on bis zum gro­ßen Schlag­werk ist es so reich besetzt, dass es Far­ben ohne Ende bie­tet. Dabei bleibt die Musik doch trü­be: Denn Zen­der macht in sei­ner inter­pre­tie­ren­den Instru­men­ta­ti­on des Schu­bert­schen Ori­gi­nals die Aus­sichts­lo­sig­keit, die Ver­las­sen­heit des Lied­sän­gers noch viel deut­li­cher. Der Tenor Dani­el Kirch, am Anfang noch etwas unaus­ge­gli­chen, aber zuneh­mend über­zeu­gen­der, navi­gier­te sehr sicher durch das win­ter­li­che Ter­rain. Selbst in den zer­ris­se­nen Par­tien des „stür­mi­schen Mor­gens“ oder den ver­scho­be­nen Tem­pi der drei „Neben­son­nen“ blieb er beson­nen – fast zu behut­sam und sou­ve­rän ange­sichts der exis­ten­zi­el­len Not.

Auch das Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter kam mit der unge­wohn­ten Beset­zung und dem sel­te­nen Instru­men­ta­ri­um von Melo­di­ca bis Wind­ma­schi­ne gut zurecht, wan­der­te dabei in Tei­len auch noch vor und hin­ter die Büh­ne. Doch Gene­ral­mu­sik­di­rek­tor Herr­mann Bäu­mer hat­te das alles fest im Griff. Der Schau­er kehr­te damit in die Schu­bert­sche Musik zurück – der Schau­er, den schon Schu­bert und sei­ne Zeit­ge­nos­sen bei die­sen Lie­dern über­lief. Hier wur­de er noch ein­mal leben­dig, indem Zen­der die Lie­der aus ihrer erstarr­ten Künst­lich­keit löst und die Struk­tu­ren ganz behut­sam auf­bricht. Ganz stark wur­de das am Ende des Zyklus, der in einer Auf­lö­sung der Welt mün­det – aber nicht in Wohl­klang, son­dern ins Unge­wis­se.

Eine ähn­li­che Öff­nung hat­te Bäu­mer zuvor schon mit Schu­berts sieb­ter Sin­fo­nie, der Unvoll­ende­ten, unter­nom­men. Die bei­den Sät­ze reich­ten, um das Haus des Wohl­klangs zu ver­las­sen – das ist hier aller­dings auch eher ein Gefäng­nis. Des­sen Stä­be zer­bra­chen schon ganz früh, bereits die ers­ten Tak­te der in den tie­fen Strei­chern anset­zen­den Melo­die dräng­ten ins Freie, aus dem Gefäng­nis der Form und der Tra­di­ti­on weit hin­aus ins unbe­kann­te Gebiet. Bäu­mer mach­te die­se Bewe­gung wun­der­bar deut­lich und ent­wi­ckel­te dar­aus eine bestechen­de Schön­heit der Frei­heit und der Offen­heit. Das Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter spiel­te das nicht nur hoch­kon­zen­triert, son­dern gera­de­zu leicht­fü­ßig, fast tan­zend. In schwe­ben­der Unent­schie­den­heit balan­ciert Bäu­mer zum herr­li­chen Klang. Eine Idyl­le, möch­te man mei­nen – wären da nicht die Ein­brü­che, die har­ten Schlä­ge der Wirk­lich­keit, die immer wie­der die himm­li­schen Län­gen der Unvoll­ende­ten heim­su­chen und deren äthe­ri­sche Schön­heit zer­stö­ren. Aber selbst die erklan­gen hier mit einem Fra­ge­zei­chen: Tro­cken und hart fuh­ren sie hin­ein – und zogen sich geschwind wie­der zurück. Ant­wor­ten bie­tet die­se Musik nicht mehr, da sind nur noch Fra­gen. Aber was für Fra­gen! – Und doch: Selbst die­se Offen­heit ver­blass­te dann etwas ange­sichts der schau­rig-erschüt­tern­den Käl­te, mit der Bäu­mer und Kirch die Zen­der-Ver­si­on der Win­ter­rei­se zu ihrem unbarm­her­zi­gen und ganz unweih­nacht­li­chen Ende brach­ten.

(etwas kür­zer für die Main­zer Rhein-Zei­tung geschrie­ben.)

Taglied 1.12.2012

Kürz­lich bin ich – in einem alten Aus­riss aus der „Zeit“ – über Zizeks Preis der Win­ter­rei­se-Ein­spie­lung von Hans Hot­ter mit Micha­el Rauch­ei­sen gestol­pert. Und ich muss sagen, ich tei­le sei­ne Begeis­te­rung …

Und das gibt es sogar kom­plett auf You­Tube:

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube über­tra­gen.

Taglied 10.11.2012

aus Grün­den – näm­lich dem Besuch der unge­mein span­nen­den, anre­gen­den, begeis­tern­den „Win­ter­rei­se“ von Jeli­nek hier im Main­zer Thea­ter heu­te:

Schu­bert /​Zen­der: Der Lei­er­mann – Pregardien/​Cambreling*

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube über­tra­gen.

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