Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: weimarer republik

Die Weimarer Literatur als Zeitschrift

Ein inter­es­san­tes Unter­neh­men star­tet Jörg Miel­c­za­rek gera­de: Die Lite­ra­tur der Wei­ma­rer Repu­blik als Zeit­schrift. Fünf. Zwei. Vier. Neun. Zeit­schrift für Gesell­schaft, Kul­tur und Lite­ra­tur in den 5.249 Tagen der Wei­ma­rer Repu­blik soll die hei­ßen und führt damit die Dau­er der Wei­ma­rer Repu­blik im Titel (ich hab’s nicht nach­ge­rech­net …). Miel­c­za­rek hat dafür auf Start­next eine Crowd­fun­ding-Kam­pa­gne gestar­tet, in der das Pro­jekt der monat­lich erschei­nen­den Zeit­schrift mit beglei­ten­der Buch­rei­he natür­lich auch aus­führ­lich vor­ge­stellt wird. Star­ten soll das gan­ze pas­send am 9. November.

Die Vor­stel­lung liest sich ein biss­chen wie „Buch als Maga­zin“ meets Lite­ra­tur­zeit­schrift meets lite­ra­tur­his­to­ri­sche Arbeit: 

Die Wei­ma­rer Repu­blik ist nicht nur aus his­to­ri­scher Sicht eine der bedeu­tends­ten Epo­chen der deut­schen Geschich­te. Es war auch die Zeit gro­ßer Schrift­stel­ler und gro­ßer Lite­ra­tur. Die Ereig­nis­se zwi­schen 1918 und 1933 – Ende des 1. Welt­krie­ges, Ver­sailler Ver­trag, Welt­wirt­schafts­kri­se, Auf­stieg des Natio­nal­so­zia­lis­mus – bil­den dabei den Hin­ter­grund für außer­ge­wöhn­li­che Roma­ne, her­aus­ra­gen­de Erzäh­lun­gen und für Thea­ter­stü­cke, die für Furo­re sorg­ten. Welt­be­kann­te Autoren wie Tho­mas und Hein­rich Mann, Hans Fal­la­da, Ber­tolt Brecht, Her­mann Hes­se oder Franz Kaf­ka sind untrenn­bar mit die­ser Epo­che ver­bun­den. Aber auch weni­ger bekann­te Lite­ra­ten wie zum Bei­spiel Marie­lui­se Fleiß­er, Leon­hard Frank, Irm­gard Keun oder Edlef Köp­pen, deren Wer­ke heu­te oft ver­grif­fen sind, haben die beson­de­re Atmo­sphä­re die­ser Zeit in ihren Stü­cken, Roma­nen und Gedich­ten ein­ge­fan­gen und zu Papier gebracht. Es ist daher an der Zeit, dass die Lite­ra­tur der Wei­ma­rer Repu­blik end­lich ein ange­mes­se­nes Forum bekommt.

Die­ses Forum soll die monat­lich erschei­nen­de Zeit­schrift „Fünf. Zwei. Vier. Neun.“ sein, eine Zeit­schrift für Gesell­schaft, Kul­tur und Lite­ra­tur in den 5.249 Tagen der Wei­ma­rer Repu­blik. Jede Aus­ga­be wid­met sich dabei einem Schwer­punkt­the­ma. Bei der Null­num­mer wird dies die Welt­wirt­schafts­kri­se sein, und nicht von unge­fähr ist Hans Fal­la­das Roman „Klei­ner Mann, was nun?“ die Titel­ge­schich­te die­ser Aus­ga­be. Kein ande­rer Roman macht die Angst und die Ver­un­si­che­rung der Ange­stell­ten und Arbei­ter zu die­ser Zeit so spür­bar wie die­ses Meis­ter­werk. Auf cir­ca 100 Sei­ten wer­den zusätz­lich wei­te­re Stü­cke, Repor­ta­gen, Erzäh­lun­gen und Gedich­te zu die­sem Schwer­punkt­the­ma ver­öf­fent­licht – die­se wer­den zudem durch den ori­gi­nal­ge­treu­en Abdruck von Zei­tungs­ar­ti­keln aus die­ser Zeit in einen his­to­ri­schen Kon­text gebracht. Herz­stück der Null­num­mer ist das kom­plet­te Thea­ter­stück „Die Berg­bahn“ von Ödön von Hor­váth in der Mit­te des Hef­tes, das sepa­rat her­aus­trenn­bar ist. Ein sol­ches „Heft im Heft“ mit einem kom­plet­ten Ori­gi­nal­text wird jede Aus­ga­be haben.

„Fünf. Zwei. Vier. Neun.“ ist aber mehr als nur eine Zeit­schrift. Zu jeder Aus­ga­be erscheint daher ein Taschen­buch mit wei­te­ren Tex­ten zum Schwer­punkt­the­ma des Monats. Der Fokus liegt dabei auf Erzäh­lun­gen und Wer­ken von Autoren, die heu­te lei­der kaum jemand mehr kennt. Eine ech­te Fund­gru­be für Lite­ra­tur­lieb­ha­ber, in der es viel Neu­es zu ent­de­cken gibt!

Wenn ich ehr­lich bin: Ich bin etwas skep­tisch, ob das wirk­lich – und über meh­re­re Num­mern, dau­er­haft und dann auch noch jeden Monat – funk­tio­nie­ren wird. Aber das war ich bei ande­ren Zeit­schrif­ten, gera­de beim „Buch als Maga­zin“, auch – und wur­de des Gegen­teils belehrt … Das darf hier ger­ne auch pas­sie­ren, der Gegen­stand und das Enga­ge­ment von Miel­c­za­rek, der sich schon län­ger mit der Lite­ra­tur der Wei­ma­rer Repu­blik beschäf­tigt, wären es auf jeden Fall wert.

Also: Span­nend und inter­es­sant ist das sicher und auch eine klei­ne finan­zi­el­le Unter­stüt­zung wert (zumal das beim Crowd­fun­ding ja kei­ne Spen­de ist, man bekommt ja eini­ges dafür). Ich bin jeden­falls gespannt, was dar­aus wird – die Zwi­schen­kriegs­zeit bie­tet ja eine sehr reich­hal­ti­ge und reich dif­fe­ren­zier­te Lite­ra­tur, die heu­te kaum noch in ihrer Brei­te und Tie­fe bekannt ist. Wenn Fünf. Zwei. Vier. Neun. dar­an etwas ändern kann, wäre ja schon viel erreicht … Und wenn noch eine inter­es­san­te, lesens­wer­te Zeit­schrift bei her­aus­kommt, die unse­re Gegen­wart berei­chert – umso besser!

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  • Fleu­ron → coo­le sache: eine daten­bank von orna­men­ten des buch­drucks des 18. jahrhunderts

    Fleu­ron is a data­ba­se of eigh­te­enth-cen­tu­ry prin­ters’ orna­ments. Eigh­te­enth-cen­tu­ry books were high­ly deco­ra­ted and deco­ra­ti­ve. Their pages were ador­ned with orna­ments that ran­ged from small flo­ral embel­lish­ments to lar­ge and intri­ca­te head- and tail­pie­ces, depic­ting all man­ner of peo­p­le, places, and things. Fleu­ron includes orna­ments cut by hand in blocks of wood or metal, as well as cast orna­ments, engra­vings, and fleu­rons (orna­men­tal typography).

    Prin­ters’ orna­ments are of inte­rest to his­to­ri­ans from many disci­pli­nes (learn more here), not least for their importance as examp­les of ear­ly gra­phic design and craft­sman­ship. The­se minia­tu­re works of art can help sol­ve the mys­te­ries of the book trade, and they can be used to detect pira­cy and fraud.

  • We Need to Save the Inter­net from the Inter­net of Things | Mother­board → bruce schnei­er über die sicher­heits­pro­ble­me, die – schon jetzt abseh- und spür­bar, in naher zukunft aber um ein viel­fa­ches poten­ziert – das „inter­net of things“ darstellt

    What this all means is that the IoT will remain inse­cu­re unless govern­ment steps in and fixes the pro­blem. When we have mar­ket fail­ures, govern­ment is the only solu­ti­on. The govern­ment could impo­se secu­ri­ty regu­la­ti­ons on IoT manu­fac­tu­r­ers, for­cing them to make their devices secu­re even though their cus­to­mers don’t care. They could impo­se lia­bi­li­ties on manufacturers

    we need to build an inter­net that is resi­li­ent against attacks like this. But that’s a long time coming.

  • „vor­wärts“ und nicht ver­ges­sen? | car­ta → klaus vater über den „vor­wärts“, mit inter­es­san­ten anekdoten
  • Was läuft: Musik war immer wich­tig | der Frei­tag → über die musik, die seri­en für die end-cre­dits benutzen …
  • Wei­ma­rer Repu­blik: Hat­te Wei­mar eine Chan­ce? | ZEIT ONLINE → die „zeit“ stellt zwei bewer­tun­gen der wei­ma­rer repu­blik gegen­über – von tim b. mül­ler und andre­as wir­sching. inter­es­sant die unter­schie­de (mül­ler wie­der­holt, was er seit zwei jah­ren auf allen kanä­len mit­teilt …), aber auch die gemein­sam­kei­ten. und viel­leicht soll­te man die bei­den ansätze/​bewertungen über­haupt gar nicht so sehr als gegen­sät­ze, son­dern als ergän­zun­gen betrachten …

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  • Elke Hei­den­reich im Lite­ra­tur­club: Die Ver­lu­de­rung der Kri­tik | NZZ → der lite­ra­tur­kri­ti­ker der nzz, roman bucheli, hält wenig von der momen­ta­nen fernseh-literatur-kritik:

    Dort die Brüll-Kri­tik, hier die Schleim-Kri­tik, bei­des müss­te man nicht ernst neh­men, wäre die Wir­kung nicht so ver­hee­rend, denn die Kri­tik selbst wird damit beschä­digt. Das alles ist umso bedenk­li­cher, als es aus­ge­rech­net öffent­lich-recht­li­che Rund­funk­an­stal­ten sind, die unter dem Vor­wand, Lite­ra­tur­kri­tik zu betrei­ben, sie kor­rum­pie­ren und der Ver­lu­de­rung preis­ge­ben. Das ist kein Ser­vice public, son­dern öffent­li­che Selbstdemontage.

  • Rad fah­ren in Gro­nin­gen: Was pas­siert wenn alle Rad­fah­rer einer Kreu­zung gleich­zei­tig grün haben? | RBNSHT → schö­ne idee/​versuch in gro­nin­gen: an einer kreu­zung gibt es eine pha­se, in der alle rad­fah­rer aus allen/​in alle rich­tun­gen gleich­zei­tig grün haben. und es funktioniert …
  • Schuld ist nicht die Digi­ta­li­sie­rung – Frei­text → ein etwas weh­mü­ti­ger „nach­ruf“ auf die biblio­the­ken, der lei­der in sehr vie­len punk­ten recht hat

    „Treff­punk­te des Aus­tau­sches, Orte der Begeg­nung“ – so, heißt es auf der Web­site der Zen­tral­bi­blio­thek Ber­lin, sol­len Biblio­the­ken heu­te sein. Habe ich irgend­was falsch ver­stan­den? Ich will in der Biblio­thek nie­man­dem begeg­nen. Ich will mich auch nicht aus­tau­schen, wenn ich in die Biblio­thek gehe. Ich will mich an einen stil­len Ort bege­ben, an dem jemand sich ein klu­ges Sys­tem aus­ge­dacht hat, in dem Bücher und ande­re Medi­en geord­net bei­ein­an­der stehen.

  • The myth of the well-admi­nis­te­red Ger­man city – Homo Lud­dit­us → schö­ner blog­post, der am bei­spiel der baden-würt­tem­ber­gi­schen stadt leon­berg zeigt, wie mise­ra­bel es um das öffent­li­che bau­we­sen in deutsch­land steht (vor allem was die aufsicht/​kontrolle von bau­stel­len angeht – da muss ich voll­ends zustim­men), und wie wenig die städ­ti­sche ver­wal­tung dort (und wie­der: das ist ein typi­sches phä­no­men) dem ruf der deut­schen effi­zi­enz und ord­nung entspricht
  • Auto: Voll outo!? | Zeit → der groß­ar­ti­ge burk­hard straß­mann über die mobi­li­tät von jun­gen leu­ten und ihre (angeb­li­che) abkehr vom auto(besitz)

    Der Mul­ti­mo­dal-Sur­fer glei­tet in Out­door­ho­se und Trek­king­schu­hen durch den urba­nen Dschun­gel, schnell, fle­xi­bel und ele­gant, und ist dabei stets mit Leu­ten über sein Smart­phone ver­netzt. Alles, was sich bewegt, kann sei­nem Fort­kom­men die­nen, U‑Bahn, Taxi, Fahr­rad oder Miet­fahr­rad, Mut­ters Polo, Mit­fahr­ge­le­gen­hei­ten, der Flix­bus oder das Longboard.

  • Wahl­pla­ka­te in der Wei­ma­rer Repu­blik (1919 – 1933) → eine samm­lung von wahl­pla­ka­ten, gut auf­be­rei­tet und zugänglich
  • „Spit­zen­ma­na­ger sind da nur arme Schlu­cker“ | der Frei­tag → gutes inter­view mit dem elitenforscher=soziologe micha­el hart­mann über eli­ten, reich­tum, macht und aufstiegsmöglichkeiten
  • Haen­chen: Par­si­fal „noch­mal rich­tig machen“ | fest­spie­le­b­log → ein span­nen­des inter­view mit hart­mut haen­chen, dem diri­gen­ten des dies­jäh­ri­gen „par­si­fal“ bei den bay­reu­ther fest­spie­len, unter ande­rem über text­kri­ti­sche fra­gen der wag­ner-par­ti­tur und das arbei­ten in bayreuth

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  • Buch­markt : Zwi­schen Müt­ter­as­ke­se und Flat­ter­haf­tig­keit | ZEIT ONLINE – erhard schütz geht der fra­ge nach, war­um sich „wie­der­ent­de­ckun­gen“ und neu­auf­la­gen gera­de von roma­nen aus der wei­ma­rer repu­blik so gro­ßer (und meist sehr kurz­le­bi­ger) beliebt­heit freuen

    Den­noch sind gera­de klei­ne­re Ver­la­ge uner­müd­lich damit beschäf­tigt, Ver­gan­ge­nes, Ver­dräng­tes, Ver­ges­se­nes aus­zu­gra­ben. Inzwi­schen sind es auch die fünf­zi­ger bis sieb­zi­ger Jah­re des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts, die vor allem auf damals Unver­stan­de­nes, Skan­da­lö­ses oder ver­meint­lich zu Schwie­ri­ges, Anspruchs­vol­les durch­sucht wer­den. Aber noch immer ist es die Wei­ma­rer Repu­blik, die die meis­ten Neu­auf­la­gen lie­fert. Zum einen mag die Fas­zi­na­ti­on an der fre­chen Leich­tig­keit der Lie­bes- und All­tags­ver­hält­nis­se, an der ver­que­ren Lust am Kon­sum und am Unglück­lich­sein der Grund hier­für sein. Häu­fig sind es Roma­ne von Frau­en, in deren Tra­di­ti­on all die heu­ti­gen Stern­schnup­pen ste­hen, die eine Sai­son lang best­sel­lern. Zum ande­ren ist es die schar­fe Kri­tik, die noch immer reizt, sei es in den Anti­kriegs­tex­ten, die aus gege­be­nem Anlass gera­de wie­der neu­auf­ge­legt wer­den – der apo­kry­phe Elek­tri­sche Ver­lag z.B. bie­tet da eine gan­ze Rei­he auf –, sei es in der Kri­tik poli­ti­scher und sozia­ler Verhältnisse. 

  • Armut: „Wer unten ist, bleibt unten“ | ZEIT – inter­view mit dem öko­nom mar­cel fratz­scher über gesell­schaft­li­che & öko­no­mi­sche ungleich­heit, umver­tei­lung und auf­stiegs­mög­lich­kei­ten in deutschland
  • Lek­to­ren: Der gute Geist | Tages­spie­gel -

    Der Gärt­ner ist immer der Mör­der, und der Lek­tor ist immer schuld. Ein fal­scher Name, ein schie­fes Bild, his­to­ri­sche Irr­tü­mer, Stil­blü­ten, Lang­at­mig­keit und Recht­schreib­feh­ler – was immer an einem Buch nicht stimmt: Der Lek­tor ist’s gewe­sen. Wird er in Rezen­sio­nen erwähnt, ist „schlam­pig“ das Attri­but, das man ihm am liebs­ten anklebt. Nie wird man in einer Bespre­chung lesen: Das hat er aber fein gemacht. Denn was der Lek­tor getan hat, weiß der Kri­ti­ker nicht.

  • E‑Book-Kolum­ne „E‑Lektüren“: Ein Lyrik-Code als Anreiz | FAZ – elke hei­ne­mann über neue lyrik als/​fürs ebook – offen­bar nicht so wahn­sinng über­zeu­gend, was da bis­her vor­liegt – aller­dings aus ästhe­ti­schen, nicht aus tech­ni­schen gründen
  • I stay­ed in a hotel with Android lights­wit­ches and it was just as bad as you’d ima­gi­ne – war­um es nicht immer eine gute idee ist, ein­fa­che (mecha­ni­sche) funk­tio­nen durch com­pu­ter­steue­run­gen zu erset­zen – hier am bei­spiel einer hotel­zim­mer­licht­steue­rung ohne zugriffs­si­che­run­gen … – via wir​res​.net
  • Autor Micha­el Scha­rang lehnt Ehrung des Lan­des Wien ab | Die​Pres​se​.com – ein mann mit haltung …

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  • Zeit­ge­nös­si­sche Oper: „Aua, aua – Schme-e-erzen!“ | ZEIT ONLINE – chris­ti­nen lem­ke-matwey reka­pi­tu­liert die opern-urauf­füh­run­gen der letz­ten mona­te – und die situa­ti­on des zeit­ge­nös­si­schen musik­thea­ters überhaupt:

    Die Oper bleibt, was sie immer war, trä­ge, kuli­na­risch, teu­er, selbst­ver­liebt – und die Kom­po­nis­ten, auch die, die ihr abge­schwo­ren haben, ver­sam­meln sich halb reu­mü­tig, halb blau­äu­gig in ihrem war­men Schoß.

    nicht ohne hoff­nung, aber so rich­tig begeis­tert scheint sie auch nicht zu sein – und auch kei­ne idee zu haben, was eine (neue) begeis­te­rung aus­lö­sen könnte: 

    Man mag es schlimm fin­den oder nicht, wenn die Men­schen nicht mehr in Mozarts Zau­ber­flö­te oder Bizets Car­men gin­gen; rich­tig schlimm, ja ver­hee­rend wäre es, wenn es kei­ne ritu­el­len Orte mehr gäbe, an denen sich eine Gemein­schaft über ihre Emo­tio­nen und Affek­te ver­stän­dig­te, ohne immer gleich dar­über reden zu müs­sen, einer Sek­te bei­zu­tre­ten oder ins nächs­te Fuß­ball­sta­di­on zu ren­nen. Orte für Musik, Orte für Augen, Ohren und Sin­ne, Opern­häu­ser eben. 

    (ich wüss­te ja nur gern ein­mal, ob das wirk­lich stimmt, dass „der­zeit so vie­le [neue Stü­cke] wie noch nie“ ent­ste­hen – zah­len und ver­glei­che nennt sie lei­der keine …)

  • Uwe John­son: Daheim in der Par­al­lel­welt | ZEIT ONLINE – jan brandt schießt in sei­ner begeis­te­rung für uwe john­son, der ges­tern 80 jah­re alt gewor­den wäre, ein wenig übers ziel hinaus:

    Dabei war John­son der inno­va­tivs­te, radi­kals­te, manischs­te deut­sche Nachkriegsautor.

    trotz­dem aber eine gelun­ge­ne und rich­ti­ge und not­wen­di­ge hom­mage an einen gro­ßen autor

  • Klas­sen­ge­sell­schaft: Stan­des­ge­mäß | Kar­rie­re | ZEIT ONLINE – die „Zeit“ zeigt schö­ne und inter­es­san­te (porträt-)fotos aus der wei­ma­rer republik:

    Der Foto­graf August San­der hat die Stän­de­ge­sell­schaft der Wei­ma­rer Repu­blik por­trä­tiert. Er foto­gra­fier­te die Men­schen in ihrer typi­schen Umge­bung, mit cha­rak­te­ris­ti­scher Klei­dung oder in typi­scher Haltung.

    (von „Stän­de­ge­sell­schaft“ wür­de ich zwar nicht spre­chen, aber seis drum …)

  • IAS­Lon­line Net­Art: Geschich­te der Com­pu­ter­kunst Inhalts­ver­zeich­nis – tho­mas dre­her hat eine „Geschich­te der Com­pu­ter­kunst“ geschrie­ben und pas­send im netz veröffentlicht:

    Nach fünf Jahr­zehn­ten Com­pu­ter­kunst sind aus­führ­li­che­re Rekon­struk­tio­nen der his­to­ri­schen Ent­wick­lungs­li­ni­en des Ein­sat­zes von Rech­nern und Rechen­pro­zes­sen in künst­le­ri­schen Pro­jek­ten fäl­lig, um Com­pu­ter­kunst als eigen­stän­di­gen Bereich der Medi­en­kunst erken­nen zu können.

  • Kolum­ne Luft und Lie­be: So cra­zy wie gol­de­ne Leg­gins – taz​.de -

    Nein, ver­mut­lich hilft die „x“-Endung nicht im Nah­ost­kon­flikt. Viel­leicht löst sie über­haupt ganz wenig und wird schon bald durch irgend­was mit „y“ abge­löst. Men­schen, die sich an Baby­spi­nat-Man­gold-Smoothies gewöh­nen, wer­den sich mit der Zeit auch an neue Sprach­for­men gewöh­nen. Men­schen, die ver­su­chen, einer Wis­sen­schaft­le­rin zu erklä­ren, was sie vor geschätz­ten 37 Jah­ren in der Schu­le gelernt haben, von jeman­dem, der 20 Jah­re vor­her Bio­lo­gie auf Lehr­amt stu­diert hat: schwierig. 

  • Sym­bol­ge­halt ǀ Wir sind wie­der wer anders—der Frei­tag – georg seeß­len über fuß­ball, poli­tik, nati­on, sym­bol und verwertungszusammenhänge:

    Ein Fuß­ball­spiel hat kei­ne poli­ti­sche Bot­schaft, so wenig wie die Fri­sur eines Bun­des­trai­ners einen kul­tur­ge­schicht­li­chen Wen­de­punkt mar­kiert. Die poli­ti­sche Meta­pho­rik wird erst danach pro­du­ziert. Je nach Bedarf. Je nach Inter­es­se. Je nach Ein­fluss. Wie schön wäre es, wie­der ein­mal sagen zu kön­nen, gewon­nen hät­ten ein­fach die­je­ni­gen, die an dem ein oder ande­ren Tag am bes­ten Fuß­ball gespielt haben. Ein schö­nes Spiel sei ein schö­nes Spiel. Und sonst nichts. Aber das ist eben das Kreuz mit den Rea­li­täts­mo­del­len. Sie ver­lie­ren ihre eige­ne Rea­li­tät. Wie viel Wahr­heit ist noch auf dem Platz, wenn die Macht der Insze­na­to­ren und Pro­fi­teu­re ins Uner­mess­li­che geht?

  • Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker Recor­dings: Im Lei­nen-Schmuck­pack samt Blu-ray | Musik – Ber­li­ner Zei­tung – Inter­es­sant, wie tief­ge­hend man Klas­sik­kri­ti­ker mit einer außer­ge­wöhn­li­chen CD-Ver­pa­ckung irri­tie­ren & ver­stö­ren kann

Aus-Lese #33

Es wird mal wie­der höchs­te Zeit für die nächs­te Aus-Lese …

Ben­ja­min Stein: Das Alpha­bet des Rab­bi Löw. Ber­lin: Ver­bre­cher 2014. 286 Seiten. 

stein, alphabetDas Alpha­bet, ganz frisch vom Ver­lag, ist den­noch schon eini­ge Jah­re alt: Denn Stein legt hier ein Über­ar­bei­tung sei­nes Erst­lings vor. Das ist eine sehr auf­wän­dig kon­stru­ier­te, ver­track­te Geschich­te, die ich jetzt gar nicht rekon­stru­ie­ren (oder gar nach­er­zäh­len) möch­te – und wohl auch kaum noch könn­te. Was mich wie­der ein­mal über­zeugt und beein­druckt hat, ist das Erzäh­len des Erzäh­lens als The­ma selbst, mit dem fast schon obli­ga­to­ri­schen Ver­wi­schen von Erzähl­tem und Rea­li­tät, bei dem die Gren­zen zwi­schen erzäh­len­dem und erzähl­ten Ich schnell über­wun­den (bzw. unkenntn­lich gemacht) wer­den. Wo das Wirk­li­che unwirk­lich wird (zu wer­den scheint) – und die Phan­ta­sie auf ein­mal real: Da ist man in einem Text von Beja­min Stein. Sera­phin mit See­len aus Feu­er tau­chen hier auf, Selbst­ent­zün­dun­gen der untreu­en Lieb­ha­ber – über­haupt brennt hier ziem­lich viel -: Engel, Golem und Rab­bis, Wor­te und Namen und ähn­li­ches bevöl­ke­ren die­ses amü­san­te Ver­wir­spiel auf vie­len Ebe­nen der Erzäh­lung und der Wirk­lich­keit (aber ist eine Wirk­lich­keit, in der es Engel gibt, Men­schen, die selbst ent­zün­den, Wie­der­ge­bur­t/-erschei­nen nach meh­re­ren hun­dert Jah­ren als iden­ti­sche Per­son, ist so eine Wirk­lich­keit über­haupt „wirk­lich“?), ange­rei­chert mit reli­giö­sen The­men (und eini­gen Kurio­sa, zumin­dest für mich, der ich mich in der jüdi­schen Reli­gi­on so gar nicht aus­ken­ne). Und wie in Agen­ten­thril­lern/-fil­men/-seri­en wird sozu­sa­gen im nach­hin­ein immer noch eine Ebe­ne der Täuschung/​Illusion/​Erzählung/​Fiktion ein­ge­baut, die jeweils erst sicht­bar wird, in dem sie zer­stört wird, auf­ge­löst wird – und ent­spre­chend rück­wir­kend den gan­zen Text auf­löst, ent­kernt, … Das ist ein alter Erzäh­ler­trick, gewiss, den Stein hier aber durch­aus nett umsetzt. Man­che Pas­sa­gen sind für mei­nen Geschmack etwas kri­mi­haft, manch­mal auch etwas argl plau­de­rend erzählt, zu sehr dar­auf ange­legt, gemein­sa­me sache mit dem Leser machen. Mit Ratio­na­li­tät allein wird man die­sem Buch über Engel, das zugleich ein ver­track­ter Mehrgenerationen-Familiengeschichte(n) im 20. Jahr­hun­dert ist, in der alle mit allen zusam­men­hän­gen, kaum gerecht. Und sehr schön ist es übri­gens auch, mal wie­der ein in Lei­nen gebun­de­nes Buch in der Hand zu haben – das liegt da gleich ganz anders …

Was weißt du schon? erwi­der­te die Stim­me. Und das war der Satz, den er von nun an immer wie­der hören soll­te: Was weißt du schon? Sei nicht dumm. Es gibt ein Bild hin­ter dem Spie­gel und eine Stadt tief unter dir. Es gibt Engel, die wer­den als Men­schen gebo­ren, und Men­schen, die gehen in Flam­men auf, weil die Buch­sta­ben keck ihre Plät­ze tau­schen und die Welt auf den Kopf stel­len, nicht mehr als ein Spiel. (201f.)

Fried­helm Rath­jen: Arno Schmidt lesen! Ori­en­tie­rungs­hil­fe für Erst­le­ser und Weg­wei­ser im Lite­ra­tur­dschun­gel. Süd­west­hörn: Edi­ti­on ReJOY­CE 2014. 168 Seiten.

rathjen, schmidt lesenEin schö­ner, kur­zer und kna­cki­ger Über­blick aus der Rath­jen-Werk­statt: Zugleich eine ganz kur­ze Ein­füh­rung in die Bio­gra­phie Schmidts und ein Über­blick über sein Schaf­fen. Das geschieht vor allem im Modus der Kurz­cha­rak­te­ris­tik aller Wer­ke, die Rath­jen chro­no­lo­gisch abhan­delt und so zugleich auch ein biss­chen Rezep­ti­ons­ge­schich­te – vor allem für die nach­ge­las­se­nen Publi­ka­tio­nen und Edi­ti­on – bie­tet. Dazu gehört, den jewei­li­gen Wer­ken zuge­ord­net, ein doch recht aus­führ­li­ches Ver­zeich­nis der (wich­ti­gen?) Sekun­där­li­te­ra­tur – lei­der ohne Kom­men­tar und des­halb also ein doch nicht ganz so poten­ter „Weg­wei­ser“. Als Hilfs­mit­tel und Anre­gung für den (noch) nicht voll­stän­di­gen Schmid­tia­ner ist Arno Schm­dit lesen! aber trotz­dem nütz­lich, auch wenn für mei­nen Geschmack die Text­lein zu den Wer­ken manch­mal doch arg kurz gera­ten sind. Doch weil Rath­jen ein guter Ken­ner des Schmidt­schen-Kos­mos ist, hat das Büch­lein durch­aus sei­nen Wert, der natur­ge­mäß für Schmidt-Ken­ner gerin­ger ist als für Novizen.

Ilma Rakusa: Ein­sam­keit mit rol­len­dem »r«. Erzäh­lun­gen. Graz: Dro­schl 2014. 158 Seiten. 

rakusa, einsamkeitIn Kür­ze: Ganz tol­le Erzäh­lun­gen sind hier zu fin­den, unbe­dingt emp­feh­lens­wert – wenn man klei­ne Geschich­ten zwi­schen Repor­ta­ge und Moment­auf­nah­me aus der Frem­de Euro­pas mit einem Hang zu leich­ter Melan­cho­lie und Trau­rig­keit mag. Meist geben sie kur­ze Ein­bli­cke in Leben und Cha­rak­ter einer Per­son (die den Titel der jewei­li­gen Geschich­te bil­det), oft durch eine nahes­ten­de Erzäh­le­rin, einen Freund etwa. Das hat oft etwas von einer Pseu­do-Repor­ta­ge, wie es etwa ein­ge­ar­bei­te­te Zita­te der Prot­ago­nis­ten einer Erzäh­lung zur Dar­stel­lung ihres Hin­ter­grunds, ihrer Geschich­te nutzt, als stamm­ten sie aus einem Gespräch. Dazu passt auch die Schlicht­heit der Sät­ze – zumin­dest syn­tak­tisch, lexi­ka­lisch ist das durch­aus kunst­voll: Daher kommt auch der lyri­sche, oft leicht schwe­ben­de Ton der Erzäh­le­rin­nen aus der Feder Rakus­as.

Immer wie­der wer­den beschä­dig­te Leben erzäh­len: Hei­mat­ver­lust oder über­haupt Hei­mat­lo­sig­keit, das (ewi­ge) Wei­ter­zie­hen, die Suche nach einem Platz/​Ort (nicht nur, aber auch geo­gra­phisch) im Leben bestim­men den Weg der Prot­ago­nis­ten, die ganz über­wie­gend suchend sind, sich auf dem Weg bein­den, immer unter­wegs – nach Leben, Sinn etc., auch nach Erleuch­tung (mehr­mals suchen sie die ganz pla­ka­tiv in Indi­en): ent­wur­zel­te Men­schen der Moder­ne zeigt Rakusa uns. Momen­tan oder zeit­wei­se, vor­über­ge­hend kann die Ein­sam­keit auf­ge­ho­ben oder sus­pen­diert wer­den – in Freundschaft(en) und Lie­be etwa, wobei die Ent­he­bung aus der Ein­sam­keit immer als sol­che, als nicht dau­ern­de Erleich­te­rung, auch wahr­ge­nom­men und erkannt wird: Das Bewusst­sein der End­lich­keit der „Gesel­lig­keit“ ist immer vor­han­den, ihre Fra­gi­li­tät gewusst. So spie­len sich in den Figu­ren Dra­ma und Trau­ma der Gegen­wart ab: Kapi­ta­lis­mus, Krieg und Krank­hei­ten als Ver­ur­sa­cher der „Stö­rung“. Und: Euro­pa außer­halb Deutschlands/​Mitteleuropa wird gezeigt, mit Krieg und Kriegs­fol­gen, Armut, Lee­re, Ver­zweif­lung, Leid, Trau­er und Trau­rig­keit – ohne des­halb total schwarz zu sein, grun­diert die­se dunk­le Erfah­rung doch nicht nur das Leben der Prot­ago­nis­tin­nen, son­dern auch den Ton der meis­ten Erzäh­lun­gen: dun­kel, aber nicht depres­siv; hart, aber nicht ver­zwei­felt. Auch die Orte sind kei­nes­wegs alles Idyl­len: Kol­jansk etwa wird als rei­ner Höl­len­ort erzählt: Trost­los, aus­sichts­los, ret­tungs­los: „Ein Punkt, der bald ver­schwun­den sein wird. Dort.“ (158) – das sind zugleich die letz­ten Wor­te des Buches – die dem Gan­zen noch einemal einen etwas über­ra­schend düs­ter­nen, trost­los-grau­en Dreh geben

Wie geht das: im Leben eine Sei­te umwen­den? Aus­stei­gen, weg­ge­hen, auf nichts hof­fen als auf die Rich­tig­keit der Ent­schei­dung. (73)

Wir waren kurz sehr lan­ge weg gewe­sen. (79)

Tim B. Mül­ler: Nach dem Ers­ten Welt­krieg. Lebens­ver­su­che moder­ner Demo­kra­tien. Ham­burg: Ham­bur­ger Edi­ti­on 2014. 174 Seiten.

müller, demokratienDemo­kra­tien sind labi­le Gebil­de, Dau­er­haf­tig­keit gibt es nicht, die Demo­kra­tie muss immer neu her­ge­stellt wer­den. Des­we­gen benö­ti­gen sie Ent­schei­dun­gen, Reagie­ren – und Ent­wick­lung, sie ver­zei­hen aber auch Feh­ler. Ganz beson­ders gilt das für Momen­te der Kri­se. Mül­ler zeigt das anhand „der“ Kri­se der moder­nen Demo­kra­tien nach dem Ers­ten Welt­krieg am Ende der 1920er Jah­re, im Umfeld der Wirt­schafts­kri­se. Dabei zeigt Mül­ler auch, wie eng sozia­le Demo­kra­tie (mit ihrer Umver­tei­lung (die aus dem Gleich­heits­pos­tu­lat resul­tiert), also der „Wohl­fahrts­staat“ und demo­kra­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on sowie Gesin­nung (der Bevöl­ke­rung) im 20. Jahr­hun­dert in Euro­pa (und den USA) zusammenhängen. 

Demo­kra­tie will Mül­ler ver­stan­den wis­sen als Pro­zess, stän­di­ge Dis­kus­si­on, Ver­ge­wis­se­rung und Anpas­sung sind not­wen­dig und wesen­haft. Das geschieht nicht in allen Län­dern und Gesell­schaf­ten gleich­zei­tig und auf glei­che Wei­se. Für Deutsch­land stellt er etwa fest:

Demo­kra­tie als Kul­tur und Lebens­wei­se muss­te in Deutsch­land mit beson­de­rem Nach­druck ver­an­kert wer­den, weil Kriegs­ver­lauf und Nie­der­la­ge eine schwie­ri­ge Aus­gangs­la­ge geschaf­fen hat­ten: Die Kriegs­nie­der­la­ge führ­te zur Demo­kra­tie, was die Demo­kra­tie belas­te­te. (81)

Und spä­ter heißt es:

Es bedurf­te einer gewal­ti­gen Erschüt­te­rung, um die­ses Gefü­ge ins Wan­ken zu brin­gen. Die Welt­wirt­schafts­kri­se ließ die Ent­wick­lung, die den Zeit­ge­nos­sen seit dem Ers­ten Welt­krieg unauf­halt­sam erschie­nen war, still­ste­hen. Das war nicht der Unter­gang. Aber die Rou­ti­nen und Kon­ven­tio­nen der Demo­kra­tien, die auch unter gro­ßem Druck so lan­ge so gut funk­tio­niert hat­ten, gerie­ten ins Stot­tern. Jetzt kam es auf klu­ges Regie­ren an, jetzt konn­te jeder fal­sche Schritt in den Abgrund füh­ren, jetzt waren anti­de­mo­kra­ti­sche Kräf­te und Tra­di­tio­nen imstan­de, zur Bedro­hung zu wer­den. Die libe­ra­le und sozia­le Demo­kra­tie war nicht am Ende. Sie ging sogar gestärkt aus der gro­ßen Kri­se her­vor. Nur nicht in Deutsch­land. (112f.)

Das ist genau der Punkt, um den die­ser Essay kreist: Die Ent­wick­lung der Geschich­te war – auch in Deutsch­land – kei­ne zwangs­läu­fi­ge, der Weg aus der Kri­se hät­te auch anders aus­se­hen kön­nen. Ver­sa­gen sieht Mül­ler hier vor allem bei Brü­ning, dem er bescheinigt: 

Vom Blick­win­kel der Geschich­te der Demo­kra­tie aus war es nicht die­se oder jene Maß­nah­me der Brü­ning-Regie­rung, die den Unter­gang der Demo­kra­tie ein­lei­te­te, nicht das Spa­ren selbst, son­dern ein fun­da­men­ta­les intel­lek­tu­el­les Ver­sa­gen, die Unfä­hig­keit, Poli­tik in einer der Demo­kra­tie ange­mes­se­nen Kom­ple­xi­tät zu den­ken. (120)

Die Modi, Lösun­gen oder Stra­te­gien zur Bewäl­ti­gung der Kri­se der Demo­kra­tie, dar­auf weist Mül­ler aus­drück­lich hin, hät­ten aber gera­de das zur Bedin­gung gehabt: Die Beherr­schung des „Thea­ters der Demo­kra­tie“ (127) – das scheint für Mül­ler nicht nur der/​ein wesent­li­cher Unter­scheid zwi­schen Brü­ning und Roo­se­velt zu sein, son­dern ein wesent­li­ches Ele­ment erfolg­rei­cher Kri­sen­be­wäl­ti­gung. Zumin­dest kann man sein Lob von Roo­se­velts „demokratische[m] Expe­ri­men­tie­ren“ (129), das Mül­ler wohl als ange­mes­sens­tes Ver­fah­ren, die Kri­se zu be-/über­wäl­ti­gen, ansieht, so sehen.

Im Grun­de ist das auch schon ein wesent­li­cher Teil des Haupt­ar­gu­ments: „Wirt­schafts­wachs­tum, Wohl­fahrts­staat und Demo­kra­tie waren unauf­lös­lich mit­ein­an­der ver­wo­ben.“ (138f.). Und da sind, gera­de in Kri­sen­zei­ten, für Mül­ler han­deln­de Per­so­nen gefragt, Indi­vi­du­en (hier eben Poli­ti­ker (& Keynes ;-))), die die­se Kom­ple­xi­tät erken­nen und zugleich im demo­kra­ti­schen Dis­kurs (dem „Thea­ter“) ange­mes­sen argu­men­tie­ren kön­nen. In allen sei­nen Bei­spie­len macht Mül­ler Akti­ve aus, die die Demo­kra­tie „ret­ten“ (oder im fal­le Brü­nings, eben nicht). Ange­legt ist das dabei durch­aus in Struk­tu­ren, aber die Not­wen­dig­keit der/​einer Ent­schei­dung und – das ist im demo­kra­ti­schen Han­deln eben immer genau­so wich­tig – des Über­zeu­gens bleibt (als vor­nehm­lich indi­vi­du­el­le Leistung!).

Als kon­kre­te Über­le­bens­stra­te­gien von Demo­kra­tien iden­ti­fi­ziert Mül­ler dann vor allem drei Momen­te: Ers­tens die „sozia­le Sta­bi­li­sie­rung durch Sozi­al­po­li­tik“ (das heißt auch, in wirt­schaft­li­chen Kri­sen­zei­ten die staat­li­chen Inves­ti­tio­nen aus­zu­wei­ten statt blind zu spa­ren), zwei­tens die „poli­ti­sche Inte­gra­ti­on durch demo­kra­ti­sches Pathos, durch Par­ti­zi­pa­ti­on und Mobi­li­sie­rung der Bür­ger“ und drit­tens eine Wirt­schafts­po­li­tik mit inten­si­vem ein­grei­fen in öko­no­mi­sche Struk­tu­ren, „ohne Rück­sicht auf öko­no­mi­sche Effi­zi­enz“, d.h. hier v.a. Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nah­men (152). Das kann man übri­gens, so deu­tet Mül­ler sehr vor­sich­tig an, durch­aus auch für die gegen­wär­ti­ge Kri­se als Lösungs­fak­to­ren anneh­men … Über alle Kri­sen hin­aus aber gilt: 

Demo­kra­tien muss­ten sich ihrer stän­di­gen Gefähr­dung auch in guten Zei­ten bewusst blei­ben. Unter allen Umstän­den galt es, ihr zivi­li­sa­to­ri­schen Mini­mum zu bewah­ren. (152)

Alex­an­der Gumz: aus­rü­cken mit model­len. Ber­lin: kook­books 2011. 88 Seiten.

gumz, modelleSelt­sam: das fes­selt oder berührt mich so gar nicht – ohne dass ich sagen könn­te, war­um. Irgend­wie zün­den die Bil­der nicht, die Spra­che (Stil und Form) setzt sich nicht fest, die Inhal­te inter­es­sie­ren mich nicht. Die Form­lo­sig­keit (ger­ne in lan­gen Zwei­zei­ler) ist zwar irgend­wie gefühlt kook­books-typisch, aber ich erken­ne nichts, was die Tex­te für mich inter­es­sant mach­te. Viel­leicht braucht’s noch­mal eine Re-Lek­tü­re in ein paar Wochen – wer weiß, mög­li­cher­wei­se sieht der Lese­ein­druck dann schon ganz anders aus … 

Net­te Momen­te hat das näm­lich schon – zum Bei­spiel im ers­ten Zyklus, „zer­beul­tes gelän­de“: Der Wald, der wie auf Dro­gen scheint. Über­haupt spie­len Zei­chen (in) der Natur eine Rol­le: das heißt nicht zufäl­lig „zer­beul­tes gelän­de“, geht es doch immer wie­der um die Ein­wir­kung und die Ein­grif­fe der Men­schen in die Natur bzw. den Wald. Aber dann lese ich eben auch vie­les, was mir nur selt­sam und gewollt erscheint: wie gesagt, die Reso­nanz fehlt bei mir (was durch­aus an die­sem spe­zi­fi­schen Leser lie­gen kann): das sind nur lose gereih­te gewoll­te Bil­der für mich, nach den ers­ten Sei­ten ist aber auch die­ser Reiz weg.

wir leh­nen an der gren­ze zum gewitter,
schüt­teln die köpfe.

unter unse­ren füßen
dehnt sich der steg. (11, zer­beul­tes gelände)

Chris­toph Ban­gert: War Porn. Hei­del­berg, Ber­lin: Keh­rer 2014. 189 Seiten.

bangert, war pornEin har­tes, sehr har­tes und grau­sa­mes Buch. War Porn sam­melt Kriegs­fo­to­gra­fie aus Irak und Afgha­ni­stan vor allem, die in Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten nicht gedruckt wird. Sie zeigt näm­lich vor allem die Opfer, die Res­te, die von Men­schen manch­mal nur noch übrig blei­ben, nach dem der Krieg über sie hin­weg gegan­gen ist. Aber das ist eben auch emi­nent wich­tig, so etwas zu sehen, sich selbst zuzu­mu­ten – Krieg, Gewalt pas­siert ja nicht ein­fach, son­dern wird gemacht. Von Men­schen. Über­all und immer wie­der. Dar­an muss man erin­nern: wie das aus­sieht – abseits der schi­cken Kampf­jets oder der harm­los ver­nied­lich­ten „Droh­nen“. Klug ist das inso­fern, als Ban­gert sehr wohl um die „Nor­ma­li­tät“ sei­ner Bil­der weiß: Die sind – und das gilt eben lei­der auch für das dar­ge­stell­te – kei­nes­wegs außer­ge­wöhn­lich. Unge­wöhn­lich ist nur, dass sie gezeigt wer­den. Das – als Buch – zu loben, hat einen bit­te­ren Bei­geschmack: Denn das ist zwar durch­aus ein schö­nes Buch, schö­ner wäre es aber, wenn es War Porn gar nicht gäbe.

What you see in this book is my per­so­nal expe­ri­ence. And in a way it’s yours, too, becau­se the­se things hap­pen­ed in your life­time. You as a view­er are com­pli­cit. (3)

außer­dem:

  • Peter Weiss, Ästhe­tik des Wider­stands – groß­ar­tig und erschla­gend, fes­selnd und lang­wei­lend ohne Ende (je nach dem, wo man gera­de ist – im 2. Buch hat­te ich ganz schö­ne Durchhänger …)
  • Johann Beer (das „Tage­buch“, Jucun­di Jucun­dis­si­mi wun­der­li­che Lebens-Beschrei­bung u.a.)
  • Chris­ti­an Reu­ter, Schmel­muff­skys wahr­haff­ti­ge curiö­se und sehr gefähr­li­che Rei­se­be­schrei­bung zu Was­ser und Lande
  • Joseph Roth, Das fal­sche Gewicht. Die Geschich­te eines Eichmeisters
  • Max Frisch, Tage­buch 1966–1971

Die Eisler-Familie

Via Adress­comp­toir bin ich gera­de auf die­ses gut gemach­te, inter­es­san­te Fea­ture über die Eis­ler-Fami­lie (d.h. Hanns Eis­ler, Ger­hart Eis­ler & Ruth Fischer) beim Ö1 gesto­ßen, das noch 7 Tage online gehört wer­den kann: Unbe­dingt zu emp­feh­len, für alle, die sich auch nur etwas für die Geschich­te des 20. Jahr­hun­derts inter­es­sie­ren. Viel typi­sches pas­siert mit den drei Geschwis­tern Hanns Eis­ler als Musi­ker, Ger­hart Eis­lerRuth Fischer vor allem als Poli­ti­ker des lin­ken Spek­trums, in Deutsch­land, Öster­reich, den USA, der Sowjet­uni­on und anders­wo. Immer wie­der berüh­ren mich die Eis­ler­schen Musi­ken, der unbe­ding­te Ernst und der fes­te Glau­be an die his­to­ri­sche Mis­si­on des Kom­mu­nis­mus, die aus sei­ner Musik immer wie­der spricht – ob es nun um Mär­sche geht, um Lie­der, Musik­thea­ter oder Orches­ter­wer­ke. Das Fea­ture von Hen­ry Bern­hard erzählt die gan­zen Ver­knüp­fun­gen, die Ver­su­che und Feh­ler und natür­lich auch ganz stark die Tra­gik die­ser Leben: 

Der Karl Marx der Musik, die Denun­zi­an­ten-Lady und der gefähr­lichs­te Ter­ro­rist der Welt. Die Eis­lers – eine Aus­nah­me­fa­mi­lie. Wie poli­ti­sche Gesin­nung die Geschwis­ter Ger­hart Eis­ler, Hanns Eis­ler und Ruth Fischer entzweit.

„In der Fami­lie Eis­ler herr­schen ver­wandt­schaft­li­che Bezie­hun­gen wie in den Shakespeare’schen Königs­dra­men“, hat­te Char­lie Chap­lin über die Geschwis­ter Eis­ler gesagt. Er hat­te allen Grund dazu. Stand der älte­re Ger­hart Eis­ler 1947 in New York als Ange­klag­ter vor Gericht, so tra­ten sein jün­ge­rer Bru­der Hanns als Zeu­ge der Ver­tei­di­gung und die Schwes­ter Ruth Fischer als Zeu­gin der Ankla­ge auf.

Ger­hart gilt zeit­wei­se als „Staats­feind Nr. 1“ in den USA; der Kom­mu­nist soll ein Auf­wieg­ler, Ter­ro­rist und Agent der Kom­in­tern gewe­sen sein – dies mein­te auch und gera­de sei­ne Schwes­ter. Und wenn sich die Geschwis­ter auch nicht gegen­sei­tig umbrach­ten, so kamen ihre Ver­leum­dun­gen doch Ruf­mor­den gleich. […] 

Die Revo­lu­ti­on hat ihre Kin­der gefres­sen – außer­or­dent­lich begab­te Kin­der, die an ihren ver­ra­te­nen Hoff­nun­gen zer­bro­chen sind.

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