Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: sibylle berg

Ins Netz gegangen (26.3.)

Ins Netz gegan­gen am 26.3.:

  • Fahr­rad­boom und Fahr­rad­in­dus­trie – Vom Draht­esel zum „Bike“ – ein sehr schö­ner, lan­ger, viel­fäl­ti­ger, brei­ter und inten­si­ver text von gün­ter brey­er zur situa­ti­on des fahr­rads als pro­dukt in deutsch­land: her­stel­lung, ver­trieb, ver­kauf in deutsch­land, euro­pa und asi­en – mit allem, was (öko­no­misch) dazu gehört …
  • Gesetz­ge­bung: Unsinn im Straf­ge­setz­buch | ZEIT ONLINE – tho­mas fischer legt in sei­ner zeit-kolum­ne unter dem titel „Unsinn im Straf­ge­setz­buch“ sehr aus­führ­lich dar, war­um es im deut­schen recht ein­fach schlech­te, d.h. hand­werk­lich ver­pfusch­te, para­gra­phen gibt und for­dert, in die­ser hin­sicht auch mal aufzuräumen

    Ein Bei­spiel für miss­glück­te Gesetz­ge­bung und insti­tu­tio­na­li­sier­te Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit – und ein Auf­ruf zur Reparatur

  • Anti­se­mi­tis­mus: Was heißt „N.soz“? | ZEIT ONLINE – adam soboc­zyn­ski über den ver­dacht (der sich bis­lang nicht erhär­ten oder wider­le­gen lässt), dass die heid­eg­ger-aus­ga­be mög­li­cher­wei­se phi­lo­lo­gisch nicht sau­ber erstellt wur­de (was inso­fern pro­ble­ma­tisch ist, als der zugang zum nach­lass nur ein­ge­schränkt mög­lich ist und die heid­eg­ger-aus­ga­be eh’ schon kei­ne kri­ti­sche ist – was bei einem phi­lo­so­phen die­ses ran­ges & ein­flus­ses eigent­lich not­wen­dig wäre)

    Hät­te der mas­si­ve Anti­se­mi­tis­mus des Phi­lo­so­phen Mar­tin Heid­eg­ger frü­her belegt wer­den kön­nen? Das fragt sich mitt­ler­wei­le auch der Ver­lag der umstrit­te­nen Gesamt­aus­ga­be und ver­langt jetzt den Her­aus­ge­bern Rechen­schaft ab.

  • Musik – Der voll­kom­me­ne Musi­ker – Süddeutsche.de – rein­hard brem­beck wür­digt zum 90. geburts­tag pierre bou­lez und sei­ne eigent­lich irren leistungen:

    Bou­lez, der an die­sem Don­ners­tag sei­nen 90.Geburtstag fei­ert, ist der voll­kom­me­ne Musi­ker. Er ist Kom­po­nist, Diri­gent, For­scher, Intel­lek­tu­el­ler, Pro­vo­ka­teur, Päd­ago­ge, Ensem­ble- und Insti­tuts­grün­der in Per­so­nal­uni­on. Und das alles nicht nur im Neben‑, son­dern im Haupt­be­ruf. Damit steht er heu­te zwar allein da, er knüpft aber an ein bis in die Roman­tik durch­aus gän­gi­ges Berufs­bild an, das Musi­ker nur gel­ten lässt, wenn sie mög­lichst all die­se Tätig­kei­ten glei­cher­wei­se ausüben.
    Bou­lez ist von Anfang an ein Prak­ti­ker gewe­sen. Aber einer, der sich nie sei­ne Träu­me durch die Ein­schrän­kun­gen und fau­len Kom­pro­mis­se der Pra­xis kor­rum­pie­ren ließ.

  • Pierre Bou­lez: „Sprengt die Opern­häu­ser!“ | ZEIT ONLINE – eine geburts­tags­wür­di­gung für pierre bou­lez von felix schmidt, die sich stel­len­wei­se schon fast wie ein nach­ruf liest …

    Bou­lez hat dem Musik­be­trieb einen gewal­ti­gen Stoß ver­setzt und ihm viel von sei­ner Gedan­ken­lee­re aus­ge­trie­ben. Die Lang­zeit­fol­gen sind unüberhörbar.

  • Ille­ga­le Down­loads machen dem E‑Book-Markt Sor­gen – ein etwas selt­sa­mer arti­kel von cle­mens voigt zur pira­te­rie bei ebooks: eigent­lich will er ger­ne etwas panik ver­brei­ten (und pira­te­rie mit dem dieb­stahl phy­si­cher gegen­stän­de gleich­set­zen) und lässt des­halb aus­führ­lich die abmahn­an­wäl­te wal­dorf-from­mer zu wort kom­men und anbie­ter von pira­te­rie-bekämp­fungs-soft­ware. ande­rer­seits wol­len die ver­le­ger die­se panik­ma­che wohl nicht so ganz mit­ma­chen … – des­we­gen bleibt das etwas einseitig …
  • Selbst­bild einer Uni­ver­si­tät « erlebt – fran­çois bry über das pro­ble­ma­ti­sche ver­ständ­nis von wis­sen­schaft & uni­ver­si­tät, dass „kin­der­unis“ ver­mit­teln können:

    Die Fami­li­en­vor­le­sung war unter­halt­sam. Lehr­reich war sie inso­fern, dass sie ein paar Vor­stel­lun­gen auf den Punkt brachte:
    Ein Pro­fes­sor ist ein Star.
    Eine Vor­le­sung ist eine ein­drucks­vol­le Schau.
    Ver­ste­hen, wor­um es bei einer Vor­le­sung geht, tut man wenn über­haupt außer­halb des Hörsaals. 

  • Feh­len­de Netz­neu­tra­li­tät für Tele­kom-Kun­den spür­bar | dani​el​-weber​.eu – dani­el weber erklärt, wie die tele­kom den feh­len­den zwang zur netz­neu­tra­li­tät aus­nutzt und war­um das auch für ganz „nor­ma­le“ kun­den schlecht ist
  • Autoren nach der Buch­mes­se – Sibyl­le-Berg-Kolum­ne – SPIEGEL ONLINE – sibyl­le berg ist gemein – zu ihre kol­le­gen schrif­stel­lern und den ver­tre­tern des literarjournalismus:

    Auf allen Kanä­len wur­den Schrift­stel­ler wie­der über ihr Schrift­stel­ler­tum befragt, und sie gaben mit schief­ge­leg­tem Kopf Aus­kunft. War­um Leu­te, die schrei­ben, auch noch reden müs­sen, ist unklar. Aber sie tun es. Es wird erwar­tet. Da muss irgend­ein Anspruch befrie­digt wer­den, von wem auch immer. Da muss es wabern, tief und kapri­zi­ös sein. Das muss sein, denn das Schrei­ben ist so ein unge­mein tie­fer Beruf, dass jeder ger­ne ein wenig von der lei­den­den tie­fen Tie­fe spü­ren mag. 

    (das bes­te kann ich nicht zitie­ren, das muss man selbst lesen …)

  • Russ­land: Was Putin treibt | ZEIT ONLINE – gerd koe­nen als (zeit-)historiker über ukrai­ne, russ­land und was putin so umtreibt … (und die kom­men­ta­re explodieren …)
  • Woh­nungs­bau: Es ist zum Klot­zen | ZEIT ONLINE – han­no rau­ter­berg ran­tet über den ein­falls­lo­sen woh­nungs­bau in ham­burg – gilt aber so ähn­lich auch für ande­re städte …

    Häu­ser wer­den streng rasiert gelie­fert, oben alles ab. Das alte Spiel mit Tra­pez- und Trep­pen­gie­beln, mit Walm‑, Sat­tel- oder Man­sard­dä­chern, ein Spiel, das Häu­sern etwas Gemüt­vol­les ver­leiht, auch etwas Behü­ten­des, scheint die meis­ten Archi­tek­ten kaum zu inter­es­sie­ren. Es regiert die kal­te Logik des Funk­tio­na­lis­mus, sie macht aus dem Woh­nen eine Ware. Und da kann ma…

  • Ukrai­ne: Frei­heit gibt es nicht umsonst | ZEIT ONLINE – gei­ge­rin Lisa Bati­a­sh­vi­li zur situa­ti­on in der ukrai­ne und euro­pa sowie sei­ne werte
  • Son­nen­fins­ter­nis: Ein Main­stream der Angst­ma­che – Feuil­le­ton – FAZ – Main­stream der Angstmache
  • Ame­ri­ka­ni­scher Droh­nen­krieg – Was die Regie­rung unter Auf­klä­rung ver­steht – Süddeutsche.de – die süd­deut­sche über die unfä­hig­keit der bun­des­re­gie­rung, sich ans völ­ker­recht zu hal­ten (wol­len), hier beim droh­nen­krieg der usa:

    Jenen „Fra­ge­bo­gen“, auf des­sen Beant­wor­tung die Bun­des­re­gie­rung angeb­lich so gedrun­gen hat, erach­te­ten die Ame­ri­ka­ner jeden­falls „als beant­wor­tet“, teil­te das Aus­wär­ti­ge Amt jüngst auf Fra­gen der Links­par­tei-Abge­ord­ne­ten Andrej Hun­ko und Nie­ma Mov­as­sat mit. Man sehe die Ange­le­gen­heit damit als „geklärt“ an, schrieb eine Staats­se­kre­tä­rin. Die Fra­gen blei­ben also weit­ge­hend unbe­ant­wor­tet. Und die Bun­des­re­gie­rung nimmt das ein­fach so hin. „Das Aus­wär­ti­ge Amt will kei­ne Auf­klä­rung, inwie­fern US-Stand­or­te in Deutsch­land am töd­li­chen Droh­nen­krieg der US-Armee in Afri­ka und Asi­en betei­ligt sind“, kri­ti­sie­ren die Par­la­men­ta­ri­er Hun­ko und Mov­as­sat. „Das ist nicht nur unde­mo­kra­tisch, son­dern es erfüllt den Tat­be­stand der Strafvereitelung.“

  • Deutsch­land: Am Arsch der Welt | ZEIT ONLINE – david hugen­dick haut den deut­schen das abend­land um die ohren

    Das Abend­land ist ein deut­scher Son­der­weg von Kul­tur, Geist, Stolz, Volk und Wei­ner­lich­keit. War­um die­ses Geis­ter­reich der Gefüh­le nicht tot­zu­krie­gen ist. Eine Polemik

Aus-Lese #39

Lud­wig Wind­er: Der Thron­fol­ger. Ein Franz-Fer­di­nand-Roman. Wien: Zsol­nay 2014. 576 Seiten. 

winder, thronfolger

Ein schö­ner und guter Roman eines ver­ges­se­nen Autors zu einem bekann­ten The­ma. Lud­wig Wind­er, in der Zwi­schen­kriegs­zeit ein berühm­ter Autor und Jour­na­list, hat mit dem „Franz-Fer­di­nand-Roman“ Der Thron­fol­ger ein rich­tig gutes Buch geschrie­ben, das lei­der lan­ge Zeit ziem­lich ver­ges­sen war. Der Wie­ner Zsol­nay-Ver­lag hat es jetzt (mit einem Nach­wort des Spe­zia­lis­ten Ulrich Wein­zierl) neu auf­ge­legt – und so konn­te ich auch die­sem Roman, der 1937 das ers­te mal erschie­nen ist, ken­nen lernen. 

Wind­er erzählt das Leben des Erz­her­zogs Franz Fer­di­nand trotz der aus­führ­li­chen Dar­stel­lung in stren­ger Chro­no­lo­gie des Lebens. Und weil er sti­lis­tisch dabei erstaun­lich locker bleibt, lässt sich das trotz der etwas lang­at­mi­gen Anla­ge und Struk­tur sehr gut lesen. Denn im Kern ist es eben ein star­kes, leben­di­ges Por­trät des Erz­her­zo­ges – der war ja, wenn man Wind­er glau­ben mag (und es gibt kei­nen Grund, das nicht zu tun), alles ande­re als ein lei­ben­s­wür­di­ger Cha­rak­ter: Sprö­de, harsch, krank­haft ehr­gei­zig und miss­trau­isch – ein Mis­an­throp reins­ten Geblüts sozu­sa­gen. Die radi­ka­le per­so­na­le Per­spek­ti­ve macht das zu einem dich­ten Por­trät einer his­to­ri­schen Figur, ohne sie vor­zu­füh­ren oder zu ver­ur­tei­len. Inter­es­sant wird das auch dadurch, dass im Hin­ter­grund des Tex­tes immer die Fra­ge mit­schwingt: hät­te die Geschich­te nicht auch ganz anders aus­ge­hen kön­nen? Das „fak­ti­sche“ Ende ist ja bekannt – hier wird aber immer wie­der mit der Mög­lich­keit gespielt, dass die Geschich­te des 20. Jahr­hun­derts in der Figur Franz Fer­di­nands auch ande­re Poten­zen und Poten­zia­le gehabt hät­te – die aber unge­nutzt blei­ben (und viel­leicht auch ein­fach blei­ben müssen). 

Unter­des­sen wur­den in den Kon­fe­renz­sä­len der Gene­ral­stä­be, Minis­te­ri­en und Bot­schaf­ten, in den Salons der Muni­ti­ons­fa­bri­kan­ten, in den Schlös­sern und auf den Ver­gnü­gungs­yach­ten der Staats­ober­häup­ter, in den Klub­zim­mern der Abge­ord­ne­ten, in den Spiel­zim­mern der Offi­ziers­ka­si­nos, in den armen Man­sar­den­kam­mern jugend­li­cher Ver­schwö­rer die Plä­ne aus­ge­heckt, die zum Krie­ge füh­ren soll­ten. Leicht­fer­ti­ge Diplo­ma­ten, ehr­gei­zi­ge Gene­rä­le, ver­bre­che­ri­sche Geschäf­te­ma­cher und halb­wüch­si­ge Patrio­ten, deren natio­na­lis­ti­scher Rausch sich unver­se­hens in Blut­rau­seh wan­del­te, arbei­te­ten ein­an­der in die Hän­de, ohne es zu wis­sen. Sie jag­ten ein­an­der Angst ein, um die Ver­nunft zu töten. Sie woll­ten die Welt mit Angst erfül­len, um die Ver­bre­chen, die sie plan­ten, zu ent­schul­di­gen. Sie sag­ten den Völ­kern, der Feind gön­ne ihnen das Leben nicht und wol­le ihnen den Lebens­raum ver­kür­zen. Sie for­der­ten den Feind her­aus, den ers­ten Schuss abzu­ge­ben, das Signal zum gro­ßen Mas­sen­mord. Sie hat­ten Angst vor dem ers­ten Schuss, den sie inbrüns­tig ersehn­ten. (454)

Domi­nik Dom­brow­ski: Fremd­be­stäu­bung. Köln: para­si­ten­pres­se 2014. 44 Seiten. 

dombrowski, fremdbestäubungGute Gedich­te schei­nen mir das zu sein, der „Güte“ schwer zu fas­sen sind: Da sind star­ke, anzie­hen­de Bil­der, die ganz wun­der­bar selbst­ver­ständ­lich wir­ken. Da ist die Bewe­gung der Spra­che, die sich unge­hin­dert und wie von selbst enfal­tet. Und das Fort­schrei­ten im Text und der Welt, auch in der Zeit: immer wei­ter, nicht ras­ten, nicht ruhen … Da ist die sze­ni­sche Nar­ra­ti­on, die immer wie­der auf­taucht. Die Rei­hung von kur­zen Sequen­zen, die geschnit­ten (Cut!) Bil­der, die Rea­li­tät und Spra­che mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren las­sen (oder auch nicht), zumin­dest in Bezie­hung set­zen, sie auf­ein­an­der tref­fen las­sen. Scha­de nur, dass der Band von Dom­brow­ski so kurz ist …

Archi­va­re
Schif­fe zu fal­ten den Eisbären
dort unten
wo ihnen die Schollen
wegbrechen
haben
wir jetzt nicht
das Papier

So fil­men wir
wei­ter ihr
pola­res Treiben
vom Hub­schrau­ber aus (30)

Hans Plesch­in­ski: Der Holz­vul­kan. Ein deut­scher Fest­brief. Mit einem Nach­wort von Gus­tav Seibt. Mün­chen: Beck 2014 (tex­tu­ra). 96 Seiten. 

pleschinski, holzvulkanEine kurio­se Erzäh­lung eines kurio­sen Gesche­hens der an Kurio­si­tä­ten nicht gera­de armen deut­schen Geschich­te: Der Erzäh­ler triff auf die Geschich­te, die sich in Form eines Art Füh­rers und Erzäh­lers sowie der traum­haf­ten Ver­ge­gen­ständ­li­chung der his­to­ri­schen Bau­ten und Ansich­ten dar­stellt und zeigt. Es geht um einen etwas aus­ge­flipp­ten deut­schen Her­zog des 17. Jahr­hun­dert, den Anton Ulrich von Braun­schweig-Wol­fen­büt­tel, der nicht nur (extrem aus­ufern­de) Roma­ne schrieb, son­dern auch als Fes­te-Arran­geur und Mäzen sein klei­nes HZer­zog­tüm­chen zu einem euro­päi­schen Zen­trum der Küns­te und der reprä­sen­ta­ti­ven Dar­stel­lung machen woll­te – und damit so gran­di­os und kra­chend schei­tert, dass es Plesch­in­ski wun­der­ba­ren Stoff zum Erzäh­len gibt. Und auf den weni­gen Sei­ten macht er das aus­ge­spro­chen leben­dig und sym­pa­thisch, mit raf­fi­nier­ten erzäh­le­ri­schen Vol­ten, die dem Gegen­stand des Illu­si­ons­thea­ters wun­der­bar ange­mes­sen sind – und zugleich ein Bei­spiel, wie man kunst­voll Geschich­te (nach-)erzählen kann. Also: eine schö­ne, unter­hal­ten­de und auch beleh­ren­de Lek­tü­re für zwi­schen­durch (zumal das Büch­lein bei Beck auch nett gemacht und um eini­ge Kup­fer­sti­chen ergänzt wurde).

Deut­sches Barock ist den Deut­schen am frem­des­ten, weil’s dort nicht mal um Gemüt­lich­keit ging (75)

Patrick Mais­a­no: Mez­zo­gior­no. Salz­burg u.a.: müry salz­mann 2014. 152 Seiten. 

maisano, mezzogiornoEin schö­nes und gelun­ge­nes erzäh­le­ri­sches Expe­ri­ment, die­ses Debüt von Mais­a­no: Zwei Erzäh­ler – auch noch bei­de Archi­tek­ten – strei­ten sich um die Wahr­heit des Erzäh­lens, der Erin­ne­rung und der Deu­tung der Gegen­wart. Zugleich ist das auch ein Streit zwei­er Lebens­ent­wür­fe: Der genia­le, fau­le und orga­ni­sier­te Archi­tekt gegen den ord­nungs­fi­xier­ten, unter­neh­me­ri­schen, aber ideen­lo­sen Bau­in­ge­nieur und Planer.
Die Men­schen blei­ben allein, die Fami­li­en tau­chen als Idee und Erzäh­lung öfter und wirk­li­cher auf als in der „wah­ren“ Rea­li­tät: Patricks tro­cke­nes Berich­ten und Toms unbe­schwer­tes Fabu­lie­ren kon­kur­rie­ren um den Leser – glaub­haft sind natür­lich bei­de nicht, wie sich zuse­hends her­aus­stellt. Dass bei­den Prot­ago­nis­ten und Erzäh­lern am Ende dann ganz sym­bo­lisch und reell der Boden und das Fun­da­ment unter den Füßen weg­rutscht – das Cha­let, in dem sie sich befin­den, fällt einem Berg­rutsch zum Opfer – ist dann fast schon zu offen­sicht­lich. Aber bis dahin hat man beim Lesen an die­sem rasan­ten Text eine Men­ge Ver­gnü­gen gehabt. 

Lutz Sei­ler: im fel­der­la­tein. Ber­lin: Suhr­kamp 2010. 102 Seiten. 

seiler, felderlatein„daheim an den gedich­ten“ ist Lutz Sei­ler: Auch wenn er jetzt für sei­nen Roman „Kru­so“ so sehr gelobt ist: Er ist vor alle­dem ein vor­treff­li­cher und aus­ge­spro­chen klu­ger Lyri­ker. Schon pech & blen­de hat das gezeigt, im fel­der­la­tein gelingt es erneut: Hier ist eine eige­ne Stim­me und ein eige­ner Den­ke. Sei­lers Gedich­te machen immer wie­der die Zeit selbst zum Thema:

[…] immer

in der schwe­be, die
schät­ze die­ser zeit

- eine Zeit, die sich in der Erin­ne­rung zeigt oder als Gegen­wart der Ver­gan­gen­heit im Augen­blick der Emp­fin­dung und Wahr­neh­mung. Vor allem aber geht es ihm immer wie­der um die Ver­bi­dun­gen und Ver­knüp­fun­gen von Natur, Mensch und eben Zeit. Ein Gedicht wie „im fel­der­la­tein“ macht das beson­ders deut­lich. Schon der Titel ver­knüpft alle drei Berei­che: Den Men­schen mit sei­ner Spra­che – aber einer Spra­che, die „aus­ge­stor­ben“ ist, die Spra­che der Ver­gan­gen­heit ist, aber in unse­rer Gegen­wart immer noch lebt; und die­se Spra­che der Men­schen eben schon im Kom­po­si­tum ver­knüpft mit der Natur der „Fel­der“ – die, sobald sie Fel­der sind, ja auch schon mit dem kul­ti­vie­ren­den und abgren­zen­den Men­schen in Ver­bin­dung ste­hen. Dort, also „im fel­der­la­tein“, heißt es:

im ner­ven­bün­del drei­er birken:
umris­se der exis­tenz & alte formen
von geäst wie
schwar­zer mann & stummer
strom­ab­neh­mer. all

die fal­schen schei­tel, sauber
nach­ge­zo­gen im archiv
der glat­ten über­lie­fe­rung. gern

sagst du, es ist die käl­te, welche
din­ge hart im auge hält, wenn
gro­ße flä­chen schlaf wie
win­kel­schlei­fer schlei­fen in
den zwei­gen. so

sagt man auch: es ist ein baum
& wo ein baum so frei steht
muß er sprechen

Und das zeigt sich auch in Vers­grup­pen, die deut­lich machen, dass dem Men­schen (noch) längst nicht Zugriff auf alles eigen ist:

du weißt noch immer
nicht, daß es dich gibt, doch
was geschieht
ist begrif­fen, ins brü­chi­ge dunkel
ent­leert sich das haus (48)

In sei­nem fla­nie­ren­den Strei­fen durch Land­schaf­ten, Ver­gan­gen­hei­ten und Typen (Rück­kehr ist der ent­schei­den­de Begriff heir, nicht die Ankunft!) gelin­gen Sei­ler jeden­falls immer wie­der groß­ar­ti­ge Gedich­te, die als kon­zen­trier­te, star­ke Schöp­fun­gen der Spra­che und des Den­kens so etwas wie Bestands­auf­nah­men sind (nicht ohne Grund ist „inven­tur“ eines der bes­ten gedich­te in die­sem band):

[…] & unter der erde

lie­gen die toten
& hal­ten die enden wur­zeln im mund (49)

Moni­ka Rinck: I am the zoo. Ost­heim: Peter Engst­ler 2014. 52 Seiten. 

rinck, zooWie schon bei Hel­le Ver­wir­rung und Hasen­hass belässt es Rinck auch hier nicht bei der Schrift, beim Text allein, son­dern arbei­tet mit Zeich­nun­gen zuam­men. Genau­er gesagt: Sie arbei­te­te mti der Zeich­ne­rin Nele Brön­ner zusam­men. Die leg­te täg­lich eine von 24 Zeich­nun­gen vor, zu der Rinck tex­te­te, was wie­der­um Brön­ner zur nächs­ten Zeich­nung ver­an­lass­te etc: Die gegen­sei­ti­gen Rück­kopp­lun­gen ent­wi­ckeln sich hier Sei­te für Sei­te zu einer Fabel – einer fabel­haf­ten, phan­tas­tisch-spie­le­ri­schen Geschich­te. „Irri­tier­te Ver­hei­ßung“ heißt es ein­mal im Text – und das passt recht gut: Gegen­sei­ti­ge Irri­ta­ti­on beflü­gelt die Phan­ta­sie, die immer neu­es, ande­res, unge­plan­tes ver­heißt. Und das dann nicht unbe­dingt ein­löst: Die­ses Buch (ich scheue mich, nur vom Text zu spre­chen, die Zeich­nun­gen sind schließ­li­che ele­men­ta­rer Teil des Wer­kes) ist nie lang­wei­lig, weil die Ent­wick­lung zwar zu beob­ach­ten ist, aber nie vor­her­seh­bar wird. Und weil dazu noch die Spra­che Moni­ka Rincks zwi­schen Pro­sa und Lyrik schwankt, wenn man das so sagen darf, ihre poe­ti­sche Qual­ti­ät des Klangs und der Nicht-All­täg­lich­keit beson­ders betont, ist das ein Werk ganz nach mei­nem Ver­gnü­gen: Ein Buch, das mit dem Unter­ti­tel Geschich­ten vom inne­ren Biest gar nicht so schlecht umschrie­ben ist. 

Sibyl­le Berg: Der Tag, als mei­ne Frau einen Mann fand. Mün­chen: Han­ser 2015. 256 Seiten. 

berg, tagIn gewis­ser Wei­se ist das wie­der ein typi­scher Sibyl­le-Berg-Roman – und das ist ja schon ein­mal ein guter Start. Der Klap­pen­text des übri­gens sehr schön gemach­ten und in fei­nem Lei­nen gebun­de­nen Buch verheißt: 

Chloe und Ras­mus sind seit fast zwan­zig Jah­ren ver­hei­ra­tet, und ja, alles bes­tens, man hat sich ent­wi­ckelt, man ist sich ver­traut. Aber dass die­ses Leben nun ein­fach so wei­ter­ge­hen soll, ist auch nicht aus­zu­hal­ten. […] Sibyl­le Berg stellt die Fra­ge, die alle Paa­re irgend­wann ein­mal beschäf­tigt: Ist Sex lebens­not­wen­dig? Oder doch eher die Liebe?

Und das passt schon ganz gut: Berg erzählt (wie­der ein­mal) aus der Höl­le der Selbst­fin­dung eines ziem­lich frus­trier­ten Paa­res. Es geht in wech­seln­der Per­spek­ti­ve aus der Sicht der bei­den Prot­ago­nis­ten Ras­mus und Chloe um das Abnut­zen der Gefüh­le, um das Lei­den am Leben, um die unend­li­che ernüch­tern­de und nüch­ter­ne Aus­weg­lo­sig­keit des All­tags. In kur­zen Kapi­tel und kla­rer, knap­per und prä­zi­ser Pro­sa beschreibt Berg die auf­däm­mern­de Kata­stro­phe der Paar­be­zie­hung, das Umschla­gen, die völ­li­ge Zer­stö­rung und Neu­schaf­fung. Das ist Lite­ra­tur, die kurz­fris­tig unter­hält und nach­hal­tig ver­stö­ren kann, wie Richard Käm­mer­lings ganz rich­tig beob­ach­tet hat. Und genau die­se Kom­bi­na­ti­on aus Unter­hal­tung und Ver­stö­rungs­po­ten­zi­al, aus Humor und tie­fem, dunk­lem Ernst ist es, was mir an Bergs Büchern immer wie­der zusagt.

Die Auf­re­gung. Hat sich abge­nutzt, wie alle Gefüh­le, ich hat­te jedes schon ein­mal. Es wird kein neu­es dazu­kom­men. Das ist das Grau­en der mitt­le­ren Jah­re. Die Lan­ge­wei­le und die noch all­zu nahe Erin­ne­rung an Zei­ten, in denen alles zum ers­ten Mal pas­sier­te. (50)

außer­dem gelesen:

  • Hele­ne Hege­mann: Axolotl Road­kill. Ber­lin: Ull­stein 2010. 204 Seiten. 
  • Ursu­la Kre­chel: Shang­hai fern von wo. 2. Auf­la­ge. Mün­chen: btb 2010. 508 Seiten.
  • Ursu­la Kre­chel: Land­ge­richt. 5. Auf­la­ge. Salz­burg, Wien: Jung und Jung 2012. 495 Seiten.
  • Rüdi­ger Bitt­ner & Susan­ne Kaul: Mora­li­sche Erzäh­lun­gen. Göt­tin­gen: Wall­stein 2014 (Klei­ne Schrif­ten zur lite­ra­ri­schen Ästhe­tik und Her­me­neu­tik, Band 5). 74 Seiten.
  • Frank R. Ankers­mit: Die his­to­ri­sche Erfah­rung. Ber­lin: Matthes & Seitz 2012. 112 Seiten. 
  • Mark Row­lands: Der Läu­fer und der Wolf (sie­he neben­an im Lauf­blog)

Ins Netz gegangen (15.6.)

Ins Netz gegan­gen am 15.6.:

  • WM ver­sus Thea­ter: Sibyl­le Berg über deut­sche Kul­tur – SPIEGEL ONLINE – wie eigent­lich immer ist sibyl­le bergs kolum­ne die­se woche sehr gut:

    Wenn Deutsch­lands Mann­schaft nicht gewin­nen soll­te, was für eine wun­der­ba­re Vor­stel­lung! Tau­sen­de wei­nen­der Fuß­ball­fans lie­gen sich heu­lend in den Armen. Und trös­ten ein­an­der schul­ter­klop­fend mit den Wor­ten: Ach komm, Schwamm drü­ber. Denk nur an unse­re iden­ti­täts­stif­ten­de Kul­tur. Ja, du hast recht, Rudi, lass uns gleich mal wie­der in ein gutes Berg-Stück gehen. 

  • Der Brief­wech­sel zwi­schen Schil­ler und Goe­the – „Es ist unbe­greif­lich, wie eine Unklug­heit auf die ande­re folgt und wie incor­ri­gi­bel er in sei­nen Schief­hei­ten ist.“
  • For­schungs­platz Orgel­bank: Gerd Zacher (1929−2014) | nmz – neue musik­zei­tung – Ein schö­ner Nach­ruf von Georg Beck:

    Dass er sich sei­ne Orgel­bank mit Vor­lie­be als For­schungs­platz ein­ge­rich­tet hat, war Wir­kung fes­ter Über­zeu­gung: „Kom­po­si­ti­ons-Anwalt“ woll­te er sein. Auf allen Fel­dern, dem des his­to­ri­schen Erbes wie dem der Zeit­ge­nos­sen­schaft, muss­te sich für ihn die Inter­pre­ta­ti­on vor der Kom­po­si­ti­on ver­ant­wor­ten. Ego­tripps ver­ach­te­te er. Ande­rer­seits: Die „Köni­gin“ unter den Instru­men­ten, dies war ihm wich­tig, soll­te Staat machen, soll­te neue Klei­der haben und sie auch stolz aus­füh­ren. Dafür hat sich Gerd Zacher eben­so ein­ge­setzt wie für neue For­men kir­chen­mu­si­ka­li­scher Pra­xis, was für ihn mit der Fort- und Wei­ter­bil­dung sei­ner Hörer not­wen­dig zusammenfiel.

  • Last Week Tonight with John Oli­ver (HBO): FIFA and the World Cup – You­Tube – Die FIFA als die Kir­che des Fuß­balls: Ein wun­der­ba­rer Über­blick von John Oli­ver (Last Week Tonight with John Oliver)
  • Wie das Inter­net die Wahr­neh­mung von Men­schen ver­än­dert | schnee­schmel­ze | tex­te – Der (bis­her) bes­te – und viel­leicht ehr­lichs­te – Nach­ruf auf Frank Schirrmacher:

    Das ein­zi­ge, das sein Tod mar­kiert, ist das Ende des Feuil­le­tons. Ein letz­tes Auf­bäu­men der Pres­se­kon­zer­ne, um „Debat­ten“ zu insze­nie­ren, cross­me­di­al. Das konn­te er. 

  • „heu­te-show“ im ZDF – Da lacht der Och­sen­frosch – Medi­en – Süddeutsche.de – Det­lef Ess­lin­ger bringt mein Unbe­han­ge an/​mit der „heu­te-show“ gut auf den Punkt:

    Die „heu­te-show“ gilt als Ret­ter der deut­schen Fern­seh­sa­ti­re. Dabei scheu­en die Poin­ten der ZDF-Sen­dung nie­mals ein Kli­schee. Eine Hal­tung erkennt man bei den Machern nicht. 

  • Emser Depe­sche: Der Über­lie­fe­rungs­zu­sam­men­hang | Akten­kun­de – Hol­ger Ber­win­kel setzt sei­nen detail­lier­ten Bericht der akten­kund­li­chen Unter­su­chung der berühm­ten „Emser Depe­sche“ fort. Da fin­det sich auch die schö­ne Anmerkung:

    Aus der Lite­ra­tur ken­nen wir die moder­ne Archiv­si­gna­tur, R 11674, und auch Blatt­zah­len: 209–214. Also könn­ten wir uns sofort auf Abe­kens Bericht aus Ems stür­zen. Vie­le For­scher tun das auch und ver­zich­ten dar­auf, “ihre” Fun­de im Akten­zu­sam­men­hang zu kon­tex­tua­li­sie­ren. Sie tun das auf eige­ne Gefahr.

Ins Netz gegangen (1.9.)

Ins Netz gegan­gen am 1.9.:

  • Klau­su­ren und Sibyl­le Berg. | ats20​.de – Han­jo anläss­lich einer Kor­rek­tur zu einem Kurz­text von Sibyl­le Berg:

    Merk­satz für die nächs­te Deutsch­ar­beit also: Autoren sind immer min­des­tens drei Grö­ßen­ord­nun­gen coo­ler als der Deutsch­leh­rer, der ihre Geschich­ten mitbringt.

  • Vier Mode­ra­to­ren sind vier zuviel: Das TV-Duell—ein Vor­schlag zur Güte « Ste­fan Nig­ge­mei­er – Ste­fan Nig­ge­mei­er hat einen guten Vor­schlag, wie man Dis­kus­sio­nen zwi­schen Kanz­le­rin/-kan­di­da­ten span­nend machen könnte:

    Ich hät­te einen Vor­schlag für eine neue, bes­ser Form des »TV-Duells«: Wir ver­zich­ten auf die Mode­ra­to­ren. Nicht nur auf zwei oder drei, son­dern auf alle vier.

  • Bil­dung: Die Stun­de der Pro­phe­ten | ZEIT ONLINE – Mar­tin Spie­wak zeigt in der „Zeit“, was an den The­sen, Behaup­tun­gen und For­de­run­gen von Hüt­her & Co. dran ist: Wenig bis nichts:

    Mit neu­ro­bio­lo­gi­scher For­schung hat das wenig zu tun. Genau genom­men kommt die Hirn­for­schung in Hüt­hers Vor­trä­gen kaum noch vor. Der Bio­lo­ge ver­traut auf die Magie, die Wör­ter wie „prä­fron­ta­ler Kor­tex“, „emo­tio­na­le Zen­tren im Mit­tel­hirn“ oder „neu­ro­plas­ti­sche Boten­stof­fe“ im Publi­kum ent­fal­ten. „Appli­ed Neu­ro­sci­ence“ nennt Hüt­her die­se inzwi­schen per­fek­tio­nier­te Kunstform.

    Spä­ter heißt es noch, eben­falls sehr treffend:

    Doch mit Stu­di­en oder ande­rem päd­ago­gi­schen Klein-Klein schla­gen sich Gerald Hüt­her und die ande­ren Bil­dungs­pro­phe­ten nicht her­um. Umset­zungs­pro­ble­me, die end­lo­se His­to­rie didak­ti­scher Illu­sio­nen, die Wider­stän­dig­keit des Unter­richts­all­tags: für sie kein The­ma. Die Reform­jün­ger ver­kau­fen der Repu­blik statt­des­sen lie­ber ein­zel­ne Vor­zei­ge­ein­rich­tun­gen wie eine Ber­li­ner Pri­vat­schu­le als Leit­bild – dabei hat die­se bis­her noch nicht einen Jahr­gang durchs Abitur gebracht.

  • Land­tags­wahl: Hes­sen für Ein­stei­ger | ZEIT ONLINE – Lenz Jacob­sen war mit Hans Eichel in Hes­sen („Ein Dazwi­schen-Land, ein Redak­teur­salb­traum.“ nennt Jacob­sen das) unter­wegs und hat einen lau­ni­gen Text mit­ge­bracht, der sich vor allem dadurch aus­zeich­net, dass er fast kei­ne Infor­ma­ti­on beinhaltet.

Vielen Dank für nichts

Was, ver­dammt noch mal, macht ein glück­li­ches Leben aus, und ist es mög­lich, bei­de For­men aus­zu­pro­bie­ren? (174f.)

Grau­sam ist alles: Grau­sam­keit beherrscht die Men­schen, die Gesell­schaf­ten, die Natur, die Sys­te­me, die Län­der, die Wel­ten, das Leben – alles. Grau­sam ist auch die­ses Buch, auf die typi­sche Sibyl­le-Berg-Wei­se. Näm­lich getarnt als scho­nungs­lo­se Offen­le­gung der Wirk­lich­keit – und ihrer Lee­re. Schön hyper­bo­lisch ist das, wirk­lich schön, inso­fern die Grau­sam­keit des Stof­fes und der Spra­che eben doch immer wie­der in Schön­heit umschlägt. Und es wird immer stär­ker. Ange­kom­men ist Sibyl­le Berg nun bei abso­lu­ter, per­ma­nen­ter Endzeit(-stimmung): Ganz allei­ne ist Toto.

Blut sah jeder ger­ne, wenn es nicht das eige­ne war, Prü­ge­lei­en sah jeder ger­ne, wenn er nicht selbst ver­prü­gelt wur­de, Aggres­sio­nen und Pein­lich­kei­ten, ohn­mäch­ti­ge Kin­der, gefal­le­ne Kin­der, das sah man sich doch ger­ne an, und wenn man nicht betei­ligt war, sah man sich auch ger­ne Unfäl­le an, doch nicht, um zu begrei­fen, wie schnell ein gesun­der Kör­per zu einem geschun­de­nen Kör­per wird, son­dern um sich zu freu­en, dass einer weni­ger zur Kon­kur­renz gehör­te. (66)

Die zen­tra­le Figur von Sibyl­le Bergs Roman Vie­len Dank für das Leben ist eine selt­sa­me Figur: Es wird nicht ganz klar, ob Toto Herm­aphro­dit, Inter­se­xu­el­ler, Zwit­ter oder was auch immer ist. Zunächst lebt er als Jun­ge, spä­ter dann als Frau. Aber genau­so unglück­lich. Eben­so egal ist es auch, ob Toto sich in der DDR befin­det, wo er auf­wächst, im Elend des sozia­lis­ti­schen Kin­der­heims und auf dem Dorf, bei einem Bau­ern­ehe­paar. Oder eher neben ihm, denn Toto ist immer, von Anfang an, von der Geburt an, als dem Arzt der ers­te Satz „Es ist ein …“, mit dem übli­cher­wei­se die Geschlechts­zu­schrei­bung erfolgt, miss­lingt, schon von die­sem Moment ist Toto an ein Außen­sei­ter. Aber ein tota­ler. Nicht, dass er über­haupt je eine Chan­ce gehabt hät­te, dar­an etwas zu ändern. Spä­ter frei­lich, nach der etwas selt­sam-unbe­tei­ligt-unfrei­wil­li­gen Flucht in die BRD, die eher eine Mit­nah­me ist (irgend­wann in den spä­ten 80ern muss das sein, aber alles im Text – fast alles – ist merk­wür­dig (und manch­mal ange­strengt) zeit- und ort­los), spä­ter gibt es von sei­ten Totos aus eini­ge zag­haf­te Ver­su­che der behut­sa­men (Pseudo-)Eingliederung in das, was sich da Gesell­schaft nennt. Aber irgend­wie ist Toto am Ran­de, als Beob­ach­ter der ande­ren, ste­cken­ge­blie­ben – ihre/​seine ein­zi­ge mög­li­che Rol­le von frü­hen Zei­ten an, in der sie kon­se­quent drin­bleibt. Weder zag­haf­te Ver­su­che posi­ti­ver Emo­tio­nen (etwa die Lie­be in Phnom Penh) oder Schmer­zen (der Bei­na­he-Tot­schlag …) befrei­en ihn/​sie dar­aus (wobei das befrei­en auch schon frag­lich wäre – ist das eine Befrei­ung? Oder ist Toto als Nicht-Teil, als sich-selbst-alles-Sei­en­der (viel­leicht meint das sein selt­sam kurio­ser Name?) frei­er als die „Norm“-Entwürfe des­sen, was man gemein­hin Leben nennt … 

Und dar­um geht es ja irgend­wie immer, das ist mehr als deut­lich: Gutes Leben, die gan­zen Ideen und Vor­stel­lung davon, wie man/​wir seine/​unsere Zeit auf Erden zu ver­brin­gen haben – das sind eben alles nur Mög­lich­kei­ten, nur Ideen, denen genau­so wenig Sinn inhä­rent ist wie ihren Gegen­tei­len. Da hilft auch das über­ir­di­sche Sin­gen fern jeder Prä­gung durch Bil­dung oder ande­re Musik, das Toto betreibt und das regel­mä­ßig bei den Zuhö­rern Gefühls­aus­brü­che & Wei­nen her­vor­ruft, nicht.

So groß­ar­tig Vie­len Dank für das Leben in man­chen Tei­len ist, es schei­nen doch auch eini­ge Län­gen durch. Und manch­mal wird der Ton­fall ner­vend, die­ses Dozie­ren der Schlech­tig­keit der Welt, der Men­schen, der Natur, des Kapi­ta­lis­mus, des Sozia­lis­mus, des allen (vor allem in den „Kommentar“-Teilen „Der Anfang“, „Die Mit­te“, „Das Ende“ ist das über­deut­lich, es schlägt aber auch sonst manch­mal arg auf­fäl­lig durch, dann kom­men nur noch blo­ße Phra­sen bei her­aus …). Aber dann gibt es eben doch immer wie­der auch die­se fas­zi­nie­ren­de Klar­heit der Berg’schen Pro­sa, die ver­let­zend wie Chi­ru­gen­stahl durch die Wirk­lich­keit schneidet:

Dege­ne­riert mögen sie sein, von Tumo­ren zer­setzt, doch die ster­ben nicht aus, die gewöh­nen sich an alles. Die Men­schen. (315)

Und die End­zeit hört ja auch ein­fach nicht auf, es bleibt ein­fach immer schreck­lich, kaum noch stei­ger­bar, aber irgend­wie doch im per­ma­men­ten Ver­fall. „Und wei­ter.“ sind dann auch in die­sem Sin­ne wun­der­bar tref­fend alle Kapi­tel der Toto-Hand­lung über­schrie­ben, die nicht nur durch die drei Kom­men­ta­re, son­dern auch durch ver­ein­zel­te Kapi­tel mit Aus­bli­cke in Neben­hand­lun­gen unter­bor­chen wer­den (unter denen Kasi­mir als eine Art Begleit- oder Gegen­fi­gur zu Toto her­aus­sticht: Kasi­mir, der mit Toto im Kin­der­heim auf­wächst, mit dem ihm kurz so etwas wie Freund­schaft (und Ver­lan­gen) ver­bin­det, dass dann in sys­te­ma­ti­schen Hass umge­formt wird von einem erwach­se­nen Kasi­mir, der ganz und gar im Sys­tem auf­geht, und einen ela­bo­riert-per­fi­den Plan der Ver­nich­tung Totos aus­ge­tüf­telt hat …) Nun ist das natür­lich kein Kul­tur­pes­sis­mus alter Sor­te, der sich eine wie auch immer phan­ta­sier­te bes­se­re Zeit zurück­wünscht. Das ist ein­fach tota­le (manch­mal viel­leicht auch tota­li­tät­re?) Des­il­lu­sio­nie­rungs­pro­sa. Das muss einem gefal­len, sonst wird man sich hier nur quä­len. Und gequält wer­den, von die­sem glo­ba­len Scheitern.

Ein Gefühl war nicht geplant gewe­sen. (367)

Sibyl­le Berg: Vie­len Dank für das Leben. Mün­chen: Han­ser 2012. 400 Sei­ten. 21,90 Euro. ISBN 978−3−446−23970−8

Sommer, also

Sehn­sucht, Ver­klä­rung, Erin­ne­rung, Erwar­tung, Träu­me – und viel Hoff­nung, aber auch viel Rea­li­täts­ver­lust, ‑ver­nei­nung und ‑verw­wei­ge­rung:
All das packt Sibyl­le Berg in einen klei­nen Text „Som­mer, also“.

Der rich­ti­ge Som­mer aus der Erin­ne­rung fand zu Hau­se statt und hat­te mit geschlos­se­nen Fens­ter­lä­den zu tun und mit lee­ren Stun­den und Asphalt, und einer fieb­ri­gen Erwartung. 

Und das lese ich just an dem Tag, an dem es hier wirk­lich som­mer­lich (gewor­den) ist … Und nut­ze die Gele­gen­heit, nicht nur Frau Bergs Bücher zu emp­feh­len, son­dern auch ihre Web­site und ihr am bes­ten auch noch bei Twit­ter zu fol­gen (und dann die fei­ne Linie zwi­schen Fan und Stal­ker nicht überschreiten …).

Wir hof­fen. Der Som­mer ist zu etwas meta­pho­ri­schem gewor­den, zum Traum des per­fek­ten Daseins in einer luzi­den Umge­bung die nur aus freund­li­chen halb­nack­ten Men­schen besteht, und Som­mer­lö­chern in den Medi­en, in denen Raum für sol­che Tex­te ist, weil es gera­de kei­ne Eurok­rie­se gibt und kei­ne Roh­stoff Han­dels ‑Hor­ror­mel­dun­gen, kei­ne Aus­beu­tun­gen ande­rer Men­schen und Län­der, kein Unter­gang, kein Bla­de Run­ner Wet­ter vor der Woh­nung die viel­leicht bald nicht mehr unse­re ist, weil das Vier­tel gen­de­ri­fi­ziert wurde.

„Ich war froh, …

… dass ich nicht dem Zwang unter­lag, einem Bild ent­spre­chen zu müs­sen, das ich mir von mir gemacht hat­te.“ (Sibyl­le Berg, Der Mann schläft, 10)

menschheitsfehler

aus dem heu­ti­gen news­let­ter von frau berg:

„Nicht zum ers­ten Mal, aber deut­lich in Neon­far­be begrei­fe ich: DIE WISSEN ALLE NICHT, WAS SIE TUN. Die Mensch­heit ist die Ras­se, die sich ver­mut­lich am meis­ten überschätzt.“ -

auch sonst (mal abge­se­hen von den invek­ti­ven gegen mara­thon­läu­fer ;-) ) ein schö­nes klei­nes text­lein mit den typi­schen berg-beob­ach­tun­gen … es ist ja immer wie­der nett, sich selbst und die eige­nen beob­ach­tun­gen und ein­schät­zun­gen mit die­sen spo­ra­disch her­ein­flat­tern­den text­stü­cken aus der schweiz bestä­tigt zu wis­sen. der erkennt­nis­wert ist zwar nicht immer sehr hoch, aber prä­gnan­te, oft ätzen­de und gar nicht so men­schen­freund­li­che (aber dazu besteht ja lei­der oft genug auch kein anlass) for­mu­lie­run­gen fin­den sich da drin immer wie­der schö­ne – sie­he oben.

einsamkeit und traurigkeit allerorten

so etwas gibt es wohl nur bei sibyl­le berg. auch ihr neu­es­tes buch die fahrt (recht forsch und groß­zü­gig als „roman” eti­ket­tiert) kreist wie­der um ihre ganz eige­nen the­men, die sie immer wie­der neu auf­greift, neu abklopft und in ihrem lako­ni­schen anti-stil vor­führt: die ein­sam­keit des (post-) moder­nen men­schen, das altern, das bewusst­sein bzw. das bewusst-wer­den des alterns. das wirkt, in die­ser man­ches mal fast mons­trös anmu­ten­den bal­lung (und durch­aus auch ein­sei­ti­gen sicht­wei­se …) man­ches mal aus­ge­spro­chen depres­siv und bedrü­ckend. aber sibyl­le berg wäre nicht sibyl­le berg, wenn nicht die mög­lich­keit des glücks doch noch ab und an irgend­wo hin­durch schim­mern wür­de: immer­hin ist sie auch in der fahrt mehr als nur theo­re­tisch gege­ben, eini­ge aus dem reich­hal­ti­gen figu­ren­ar­se­nal schaf­fen es, der sinn­lo­sig­keit (momen­tan zumin­dest) zu ent­rin­nen (wobei mir natür­lich sofort ein ande­rer titel bergs ein­fällt: ein paar leu­te suche das glück und lachen sich tot). aber die stärks­ten momen­te hat die fahrt – und das unter­schei­det sie von den bis­he­ri­gen büchern der autorin – nicht nur dann, wenn sie die sinn­lo­sig­keit und absur­di­tät des urlau­bens und des rei­sens beschreibt, son­dern in den berich­ten aus den elends­ge­bie­ten. denn das sind zwei­fel­los eini­ge der berüh­rends­ten, auf­wüh­lends­ten beschrei­bun­gen des elends des lebens, die hier ein­ge­streut sind – gera­de im kon­trast zu den „luxus”-problemen den ande­ren figu­ren. ihre wirk­mäch­tig­keit ver­dan­ken die­se abschnit­te auch der tat­sa­che, dass berg sie durch nichts mil­dert, nichts erklä­ren will, son­dern nur – als qua­si gesetz­tes gegen­bild – beschreibt – und damit wir­kungs­vol­ler die men­schen anklagt, die so etwas zulas­sen, als es jede streit­re­de ver­möch­te. und das künst­le­risch beein­dru­cken­de ist dann auch noch die tat­sa­che, dass sich selbst die­se zunächst als mut­wil­li­ge fremd­kör­per ein­ge­streut erschei­nen­den pas­sa­gen wun­der­bar in das kon­zept des buches fügen – die (ver­geb­li­che? weil nur zufäl­lig von erfolg gekrön­te?) suche nach sinn und glück im irdi­schen leben … auf jeden fall ein groß­ar­ti­ges leseerlebnis!

gut fin­det die fahrt auch kris­ti­na maidt-zin­ke in der süd­deut­schen zei­tung: „Mit der roman­ti­schen Vor­stel­lung, dass die Men­schen in den Armuts­zo­nen der Erde zufrie­de­ner leb­ten als die über­fres­se­nen Abend­län­der, wird in die­sem Fahr­ten-Buch gründ­lich auf­ge­räumt. […] DIe stärks­ten Momen­te ihrer Pro­sa aber sind nach wie vor die, in denen sie die fort­schrei­ten­de Ver­kom­men­heit und Abge­wrackt­heit des Pla­ne­ten sowie die gras­sie­ren­de Unzu­rech­nungs­fä­hig­keit sei­ner Bewoh­ner mit der ihr eige­nen Hass­lust aus­malt: Die Schär­fe ihres schrä­gen Blicks ist unnach­ahm­lich.” (SZ 232, 9.10.2007, Bei­la­ge zur Frank­fur­ter Buch­mes­se, S. 3)

sibyl­le berg: die fahrt. köln: kie­pen­heu­er & witsch 2007.

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