Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: schweiz Seite 1 von 2

Berliner Fernsehtum hinterm Netz

Ins Netz gegangen (22.9.)

Ins Netz gegan­gen am 22.9.:

  • Wahl­wer­bung über access.log | hei­se → krea­ti­ve, aber nicht son­der­lich effek­ti­ve idee für die wahl­wer­bung: access.logs zu nut­zen …
  • Frag­ment einer Bibel von Guten­berg gefun­den | VÖB-Blog → der augs­bur­ger biblio­the­kar fand in sei­ner biblio­thek ein frag­ment einer guten­berg-bibel – eine sei­te, die als ein­band fü rein ande­res buch genutzt wur­de
  • The power of the com­ma| The Eco­no­mist → über das kom­ma und sei­ne optio­na­le not­wen­dig­keit, am bei­spiel des eng­li­schen und ame­ri­ka­ni­schen gebrauchs

    As much as peo­p­le want the rules for com­mas to be iron­clad, no mecha­ni­stic rules can sub­sti­tu­te for slow pro­ofre­a­ding and redraf­ting, or even bet­ter, a good edi­tor. And having some fle­xi­bi­li­ty in punc­tua­ti­on is one of the things that gives an aut­hor a style.

  • Nur Gutes aus der Regi­on? Die Krux mit den Lebens­mit­teln von neben­an | Geschich­te der Gegen­wart → nils wyss­mann über den trend zu regio­na­len lebens­mit­teln – und sei­ne aus­ge­blen­de­ten schat­ten­sei­ten

    Doch die­se Sehn­suchts­be­wirt­schaf­tung im Diens­te des Regio­na­len funk­tio­niert nur, weil sie die glo­ba­le Dimen­si­on der bewor­be­nen Pro­duk­te aktiv aus­blen­det. […] Als Real­fik­ti­on geis­tert die Regio­na­li­täts-Illu­si­on durch die Pro­duk­ti­ons­stät­ten und Ver­kaufs­lä­den der Gross­ver­tei­ler und ist dort zu einem ver­kaufs­träch­ti­gen Teil unse­res Kon­sum­all­tags gewor­den.

  • Alle sind betrof­fen | Zeit → ein gar nicht schlech­ter text zum „pro­blem“ der „identitäts“-politik (ich mag den begriff nicht beson­ders, weil er mei­nes erach­tens die gesell­schaft­li­che dimen­si­on von ungleich­hei­ten zu sehr ver­nach­läs­sigt bzw. als indi­vi­du­el­les pro­blem (noch dazu als nach­ran­gi­ges) impli­ziert … trotz­dem: cathe­ri­ne newark schafft es, aus­wüch­se abwä­gend als sol­che dar­zu­stel­len, ohne – wie so oft – das kind mit dem bade aus­zu­schüt­ten
spinnennetz mit tau

Ins Netz gegangen (23.11.)

Ins Netz gegan­gen am 23.11.:

  • #FakeN­ews jetzt auch im Feuil­le­ton? | Wolf­gang Mich­al → wolf­gang mich­al hat – aus­ge­löst von der alar­mis­ti­schen pres­se­mit­tei­lung des bör­sen­ver­ban­des und der unge­prüf­ten über­nah­me in qua­li­täts­me­di­en – mal ein biss­chen gerech­net, was die rück­zah­lung ille­gal erhal­te­ner vg-wort-gel­der für ver­la­ge eigent­lich wirk­lich bedeu­tet:

    Doch die noto­risch klam­me Situa­ti­on man­cher Kleinst­ver­la­ge wird vom rei­chen Bör­sen­ver­ein ja nur des­halb ins Feld geführt, weil man damit die Her­zen noto­risch klam­mer Autoren erwei­chen kann. Da traut sich dann kei­ner mehr zu fra­gen, war­um man aus­ge­rech­net klei­ne Autoren, deren Exis­tenz min­des­tens eben­so gefähr­det ist wie die Exis­tenz klei­ner Ver­le­ger, mit kul­tu­rel­len Unter­gangs­sze­na­ri­en dazu drän­gen will, auf ihre schma­len Rück­for­de­rungs­be­trä­ge (von weni­gen hun­dert Euro im Schnitt) „frei­wil­lig“ zu ver­zich­ten? War­um sprin­gen nicht die Mil­li­ar­dä­re und Mul­ti­mil­lio­nä­re Ber­tels­mann, Sprin­ger Sci­ence oder Wes­ter­mann in die Bre­sche und hel­fen ihrer angeb­lich so bedräng­ten Bran­che? Allein mit dem Jah­res­ge­winn von Ber­tels­mann könn­ten sämt­li­che Rück­for­de­run­gen der VG Wort 30 Jah­re lang begli­chen wer­den.

  • Öffent­li­cher Ver­kehr: Es wird eng | NZZ → an den pend­ler-bahn­hö­fen der schweiz wird es eng – weil immer mehr men­schen zugleich unter­wegs sind …
  • Wie sich das poli­ti­sche Thea­ter selbst betrügt – Ein Zwi­schen­ruf | Nacht­kri­tik → micha­el wolf hat ein­wän­de gegen das ach so tol­le, ach so wich­ti­ge, ach so gesell­schaft­lich rele­van­te thea­ter:

    In Thea­tern wird „exem­pla­risch durch­ge­spielt, was Demo­kra­tie aus­macht: das Auf­ein­an­der­pral­len extrem unter­schied­li­cher Ansät­ze aus­zu­hal­ten – und dis­kur­siv zu kana­li­sie­ren“? Nein, ein­fach nein. Poli­ti­sches Thea­ter ist nur so weit plu­ra­lis­tisch, bis es unan­ge­nehm wer­den könn­te. Es hat kein Inter­es­se dar­an, die Band­brei­te der Hal­tun­gen einer Gesell­schaft vor­kom­men zu las­sen, die – wie eklig! – eben nicht nur aus den Guten besteht

  • Nein, die Tran­sen und die Homos sind nicht schuld an Trump | Bild­blog → guter punkt von johan­nes kram, eigent­lich selbst­ver­ständ­lich, aber gera­de trotz­dem immer wie­der aus­zu­spre­chen:

    Es geht nicht um Respekt oder Tole­ranz der einen für die ande­ren, um etwas, das Mehr­heit einer Min­der­heit gönnt. Es geht dar­um, dass sich die Gesamt­ge­sell­schaft erst als kom­plett begreift, wenn alle glei­cher­ma­ßen dazu­ge­hö­ren.

  • Poli­to­lo­ge über Trumps Popu­lis­mus: „Er bestimmt, wer das Volk ist“ | taz.de → gutes inter­view mit jan-wer­ner mül­ler über popu­lis­mus, nati­on, volk und den gan­zen krams/​quatsch …
  • Men­schen­rech­te: Reden wir über das Grund­ge­setz! | Zeit → bir­te förs­ter ruft dazu auf, das grund­ge­setz ernst zu neh­men und in die aktu­el­len dis­kus­sio­nen stär­ker ein­zu­be­zie­hen
  • 100 Jah­re rus­si­sche Revo­lu­ti­on: Revo­lu­ti­ons­ju­bi­lä­um ohne Held | NZZ → ulrich m. schmid über die schwie­rig­kei­ten der putin-regie­rung, die revo­lu­ti­ons­fei­ern des nächs­ten jah­res mit dem nächs­ten spin zu ver­se­hen (spoi­ler: lenin fällt aus, der rus­si­sche staat darf in sei­ner grö­ße und gro­ßen geschich­te ganz natio­na­lis­ti­sche wie­der auf­er­ste­hen …)
day & taxi (gruppenfoto)

Day & Taxi auf der Suche nach dem Weg

day & taxi, way (cover)Viel­leicht sind „Day & Taxi“ auch nur auf der Suche nach einem Weg. Auf Way gibt es davon jeden­falls vie­le. Chris­toph Gal­lio als Chef die­ses Tri­os mit dem selt­sa­men Namen „Day & Taxi“, der auch alle Musik für die­se im Janu­ar im Stu­dio auf­ge­nom­me­ne CD bei­steu­ert, begeg­net mir so halb am Ran­de mei­nes musi­ka­li­schen Wahr­neh­mungs­fel­des immer mal wie­der (die „Sozia­le Musik“ fin­de ich zum Bei­spiel kon­zep­tio­nel­le sehr span­nend). Das Trio gibt es jetzt schon eine gan­ze Wei­le, auch die neue Beset­zung – mit jun­gen Män­nern am Bass und Schlag­zeug – ist schon gut ein­ge­spielt.

So ist Way eine sehr kon­trast­rei­che CD gewor­den, die viel sehr hete­ro­ge­nes Mate­ri­al ver­sam­melt, auch von unter­schied­li­cher Span­nung und Güte in mei­nen Ohren. MM (for Mark Mül­ler) als Bei­spiel ver­sam­melt das meis­te davon gleich in einem: gemä­ßig­tes Power­play, das dann wie­der ins Sto­cken gerät, in eine Lee­re, eine Art musi­ka­li­sches Ein­frie­ren fällt, dar­aus aber wie­der wei­ter­macht und auch poe­tisch-ver­son­ne­ne Ein­fäl­le pro­blem­los inte­griert.

Vie­le „Wid­mungs­stü­cke“ gibt es auf Way, die Namen sagen mir fast alle nichts. Nicht immer wird beim Hören klar, wie viel/​was davon jetzt kom­po­niert oder impro­vi­siert ist – das ist aber eben auch egal: Kon­tin­gen­zen und Mög­lich­keits­for­men wer­den nicht ohne Grund in den Liner Notes the­ma­ti­siert. Das ist viel­leicht das auf­fäl­ligs­te an Way: Dass es kaum eine wirk­li­che Rich­tung gibt, son­dern das Trio vie­len Ver­äs­te­lun­gen nach­geht, an Weg­ga­be­lun­gen immer neu spon­tan-zufäl­lig ent­schei­det – und dabei Umwe­ge und Irrun­gen, auch Sack­gas­sen in Kauf nimmt, nicht ver­schweigt, son­dern auch dem Hörer offen­bart. Wahr­schein­lich fällt mir des­halb das Urteil so schwer: Ich höre die Qua­li­tät des Albums, das ist unstrei­tig rich­tig gute Musik. Aber ich habe das gan­ze jetzt drei- oder vier­mal gehört: Und so rich­tig mit­rei­ßen oder begeis­tern kann es mich als Gan­zes nicht. Viel­leicht liegt es am Klang­bild, Gal­li­os Saxo­pho­ne klin­gen mir etwas eng-nasal … Es mag aber aber auch an den Unein­deu­tig­kei­ten lie­gen. Was aber wie­der selt­sam ist, weil ich offe­ne Musik eigent­lich favo­ri­sie­re. Nur bleibt mir die­se Offen­heit hier etwas ver­schlos­sen. (Naja, die Meta­pher habe ich jetzt genug stra­pa­ziert …). Aber ande­rer­seits: Bei jedem Hören ent­de­cke ich neue span­nen­de, fas­zi­nie­ren­de Momen­te. MM habe ich schon erwähnt, auch Snow White Black Magic ist ziem­lich gelas­sen-groß­ar­tig. Dazwi­schen steht auch viel kur­zes Mate­ri­al, das da ein­fach so her­um­steht, wie ein Gewächs am Wege­rand: Das ist, das exis­tiert für sich – aber damit pas­siert nichts. Manch­mal fällt es einem der drei Rei­sen­den auf, dann ent­wi­ckeln sich dar­aus Ideen, kom­ple­xe­re Abläu­fe. Manch­mal ist es nach ein paar Dut­zend Sekun­den aber auch wie­der aus dem Blick­feld und damit erle­digt. Bis etwas Neu­es auf­taucht, ein­fällt oder pas­siert.

Way hat aber noch eine wirk­li­che Beson­der­heit. Unter den 22 Titeln sind eini­ge Minia­tu­ren. Und dar­un­ter noch drei spe­zi­el­le: Minia­tu­ren näm­lich, die Tex­te von Frie­de­ri­ke May­rö­cker auf­neh­men. Das hat mich – als May­rö­cker-Leser – natür­lich sehr neu­gie­rig gemacht. Der Bas­sist Sil­van Jeger singt also drei­mal, jeweils vier bis sechs Zei­len älte­rer Gedich­te aus dem umfang­rei­chen Kata­log May­rö­ckers, mit ein biss­chen Geplän­kel des Tri­os dabei. Lei­der sind das wirk­lich knap­pes­te Stück­chen – zwi­schen 37 und 47 Sekun­den lang. Und musi­ka­lisch pas­siert da auch nicht sehr viel. Immer­hin wird hier also mal May­rö­cker gesun­gen – so arg häu­fig pas­siert das ja nicht. Viel mehr höre ich da aber auch nicht. Vor allem kei­ne Ant­wort auf das War­um? (War­um May­rö­cker? War­um die­se Tex­te?).

Day & Taxi: Way. Per­ca­so 2016: per­ca­so 34. Spiel­zeit: 1:09:52.

Ins Netz gegangen (24.5.)

Ins Netz gegan­gen am 24.5.:

  • War­um wäh­len jun­ge Män­ner so ger­ne rechts? | jetzt.de → der sozio­lo­ge bern­hard heinz­l­mai­er spricht tache­le­se:

    Der unge­bil­de­te Mann sieht sich als Opfer der Ver­hält­nis­se, weil er nicht mehr machen darf, was er will: zu schnell Auto fah­ren, besof­fen Auto fah­ren. Statt­des­sen muss er sich um den Haus­halt küm­mern. Das irri­tiert die ver­blö­de­ten Män­ner. Des­we­gen fol­gen sie einer Par­tei, die sich sys­te­ma­tisch als Opfer insze­niert
    […] Und die unge­bil­de­ten jun­gen Män­ner fol­gen einer Macht, die besin­nungs­los gegen alles los­schlägt, was Mensch­lich­keit heißt.
    […] Es ist ja so: Nicht ein­mal die Rechts­po­pu­lis­ten sind von ihren Ideen über­zeugt. Das sind gewis­sen­lo­se Betrü­ger, die in der Regie­rungs­ver­ant­wor­tung dann prag­ma­tisch wer­den. Und plötz­lich ganz anders agie­ren, als sie vor­her ange­kün­digt haben; eine huma­ne Außen­po­li­tik machen oder sich für Homo­se­xu­el­len­rech­te ein­set­zen. Die glau­ben, bis auf ein paar Pro­zent Voll­idio­ten, gar nicht an ihre eige­ne Idee. Die sind nur an der Macht inter­es­siert. Dar­in pas­sen sie zu ihren Wäh­lern.

  • Neue Musik: Kre­nek + Zem­lin­sky + Korn­gold = A – 300 | ZEIT ONLINE → vol­ker hage­dorn hat sich ein biss­chen umge­schaut, wie „normale“/„klassische“ orches­ter in deutsch­land gera­de so mit der neu­en musik (oder der alten neu­en musik) umge­hen
  • Jen­seits von Gut und Böse? Die Sprach­po­li­tik der deut­schen Leit­me­di­en | Über­me­di­en → ste­fan nig­ge­mei­er hat sich sprach­re­ge­lun­gen deut­scher medi­en & pres­se­agen­tu­ren ange­schaut

    Die Wahl der Begrif­fe ent­hält eine Posi­tio­nie­rung. Ändert sich die Posi­tio­nie­rung, ändern sich auch die Begrif­fe.

  • Der zwei­te Ver­such → Ingo Zam­pe­ro­ni über die (Vor-)Wahl in den USA und Hil­la­ry Clin­ton

    Rea­dy for Hil­la­ry? Schafft es Hil­la­ry Clin­ton im zwei­ten Anlauf nach 2008, Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tin der Demo­kra­ten zu wer­den – oder sogar ins Wei­ße Haus ein­zu­zie­hen? ARD-Kor­re­spon­dent Ingo Zam­pe­ro­ni wid­met sich den Pros und Con­tras in die­ser Fra­ge.

  • „Schwei­zer Art ist Bau­ern­art“. War­um wir die Bau­ern so lie­ben. | Geschich­te der Gegen­wart → instruk­ti­ver text von phil­ipp sara­sin über die grün­de, war­um die schwei­zer (städ­ter) die bau­ern so lie­ben. und seit wann.

    Es war der Bas­ler Bürger­sohn, ETH-Pro­fes­sor und Bauern­ver­bands­se­kretär Ernst Laur (der „Bauern­hei­land“), hat in der Zwischen­kriegs­zeit den Schwei­ze­ri­schen Bauern­ver­band (SBV) zu einer schlag­kräf­tigen und einfluss­rei­chen Lobby­or­ga­ni­sa­tion aufge­baut und er präg­te vor allem jenen Slo­gan, der bis heu­te offen­bar unaus­lösch­lich im iden­ti­ty-code vie­ler Schwei­ze­rinnen und Schwei­zern veran­kert ist, obwohl sie seit schon bald nicht mehr erinner­baren Genera­tionen in Städ­ten leben: „Schwei­zer Art ist Bau­ern­art“. Zusam­men mit sei­nem gleich­na­migen Sohn hat er im Rah­men der Geis­ti­gen Landes­ver­tei­di­gung der 1930er Jahr das neu erfun­den, was angeb­lich der „fru­me edle pur“ der alten Eidge­nos­sen­schaft gewe­sen sein soll: Laur juni­or beauf­tragte in den 1930er Jah­ren meh­re­re Textil­de­si­gner, um die heu­te bekann­ten Schwei­zer Trach­ten ent­wer­fen zu las­sen. Dabei passt ins Bild, dass schon an der Wen­de zum 20. Jahrhun­dert in der Unter­hal­tungs­szene des Zür­cher Nieder­dorfs die Länd­ler-Musik kre­iert wor­den ist, und dass eben­falls zu Beginn des 20. Jh. der städ­tisch-bür­ger­li­che Heimat­schutz die von der Moder­ne „bedroh­te“ bäuer­liche Kul­tur und die Viel­falt der Schwei­zer Bauern­häuser zu „schüt­zen“ sich zur Auf­ga­be mach­te. „Der“ Schwei­zer Bau­er ist eine städti­sche Erfin­dung; die „Bauernart“-Ideologie war, noch bevor sie Laur auf den Begriff brach­te, eine Reak­ti­on auf die Moder­ne.

  • taz-Streit zum Fahr­rad-Volks­ent­scheid „Da geht bei mir der Puls hoch“ | taz → Braucht Ber­lin den „Volks­ent­scheid Fahr­rad“? Initia­tor Hein­rich Strö­ßen­reu­ther und Staat­s­e­kre­tär Chris­ti­an Gaeb­ler (SPD) sind unter­schied­li­cher Mei­nung.

Ins Netz gegangen (20.4.)

Ins Netz gegan­gen am 20.4.:

  • The Stran­ge Tale of Social Auto­psy, the Anti-Harass­ment Start-up That Des­cen­ded Into Gamer­ga­te Truthe­rism | NYMag → tol­le geschich­te über ein kick­star­ter-pro­jekt, das auf omi­nö­se wei­se hate-speech & cyber­bul­ling bekämp­fen woll­te und dann ganz schnell sich selbst in gamer­ga­te-ver­schwö­run­gen ver­strick­te – weil die initia­to­rin offen­bar kei­ne ahnung hat(te), was im inter­net der jetzt­zeit so alles pas­siert …: „So over­all, Social Autopsy’s Kick­star­ter roll­out has not been wit­hout its hic­cups.“
  • Infor­ma­tio­nel­le Selbst­zer­trüm­me­rung | ctrl+verlust → inter­es­san­te über­le­gun­gen von mspro: hin­dert das kon­zept der infor­ma­tio­nel­len selbst­be­stim­mung nicht eigent­lich einen effek­ti­ven daten­schutz oder einen schutz der indi­vi­du­en vor miss­bräuch­li­cher nut­zung ihrer daten?

    Man kann das noch wei­ter­spin­nen, wie ich es ja bereits seit eini­gen Jah­ren tue 4: Wenn wir 1. nicht mehr kon­trol­lie­ren kön­nen, wel­che Daten über uns an wel­chen Stel­len gesam­melt wer­den, weil wir die gan­ze Welt mit immer mehr und immer unsicht­ba­re­ren Sen­so­ren aus­stat­ten;
    Wenn wir 2. die Kapa­zi­tä­ten von Lei­tun­gen und Daten­trä­gern immer wei­ter erhö­hen, so dass Daten in immer grö­ße­rem Umfang immer pro­blem­lo­ser von A nach B kopiert wer­den kön­nen;
    Wenn wir 3. immer bes­se­re Metho­den und Soft­ware zur Daten­aus­wer­tung bereit­stel­len, die noch aus den unschul­digs­ten Daten kom­ple­xe Pro­fil­bil­dun­gen und unvor­her­ge­se­he­ne Erkennt­nis­se erlau­ben;
    Wenn wir also den infor­ma­tio­nel­len Kon­troll­ver­lust auf den Ebe­nen der Samm­lung, Spei­che­rung und Aus­wer­tung erle­ben, wie kön­nen wir dann über­haupt noch – egal wo – von einer „infor­mier­ten Ein­wil­li­gung“ spre­chen, ohne uns in die eige­ne Tasche zu lügen?

  • Klei­ne Kri­tik am digi­ta­len Dis­kurs | Bob Blu­me → bob blu­me ist vom „digi­ta­len dis­kurs“ etwas des­il­lu­sio­niert und über­legt, was digi­ta­le bil­dung in der schu­le soll/​kann/​muss … – auch die kom­men­ta­re steu­ern inter­es­san­te über­le­gun­gen bei
  • Kli­ma­wan­del: Wir Umwelt­ver­wal­ter | Zeit → guter text über die ent­wick­lung der umwelt­be­we­gung und ‑poli­tik in der schweiz

    Wir Schwei­zer sind gute Umwelt­ver­wal­ter, sehen uns gern als Vor­bil­der und sind manch­mal ganz gern auch Umwelt­träu­mer, und wo Umwelt­schutz kos­tet, haben wir das Geld dafür. Sobald es aber um Ver­hal­tens­wei­sen oder gar um Macht­struk­tu­ren geht, las­sen wir lie­ber alles beim Alten.

    Für die anste­hen­den gro­ßen Umwelt­pro­ble­me vom Kul­tur­land­ver­lust über das Arten­ster­ben bis zum Kli­ma­wan­del wird das nicht genü­gen.

  • HIS­TO­di­gi­ta­LE → oer-platt­form der leip­zi­ger uni für das fach geschich­te, mit schwer­punkt auf leip­zig-the­men
  • „Lie­ber Papa“ – Toch­ter bit­tet Ihren Vater um ein Gefal­len – You­Tube
  • Old man yells at cloud | Cof­fee And TV → auch nerds seh­nen sich nach der guten, alten zeit – nur begrün­den sie es halt mit einem dou­glas-adams-zitat
    (im grun­de trifft lukas aber einen punkt, den ich ähn­lich emp­fin­de, was die ver­füg­bar­keit von musik, bil­dern, tex­ten angeht …)
  • The cult of memo­ry: when histo­ry does more harm than good | The Guar­di­an → sehr gute über­le­gun­gen (mit vie­len bei­spie­len) von david rieff über den „kult der erin­ne­rung“, das unbe­ding­te „nie ver­ges­sen“ und die pro­ble­me, die das (gesell­schaft­lich) her­vor­ru­fen kann

    The con­se­quence of this is that remem­brance as a spe­ci­es of mora­li­ty has beco­me one of the more unas­sailable pie­ties of the age. Today, most socie­ties all but vene­ra­te the impe­ra­ti­ve to remem­ber. We have been taught to belie­ve that the remem­be­ring of the past and its corol­la­ry, the memo­ri­a­li­sing of coll­ec­ti­ve his­to­ri­cal memo­ry, has beco­me one of humanity’s hig­hest moral obli­ga­ti­ons.

    But what if this is wrong, if not always, then at least part of the time? What if coll­ec­ti­ve his­to­ri­cal memo­ry, as it is actual­ly employ­ed by com­mu­ni­ties and nati­ons, has led far too often to war rather than peace, to ran­cour and resent­ment rather than recon­ci­lia­ti­on, and the deter­mi­na­ti­on to exact reven­ge for inju­ries both real and ima­gi­ned, rather than to com­mit to the hard work of for­gi­ve­ness?

    […]

    The­re is also too much remem­be­ring, and in the ear­ly 21st cen­tu­ry, when peo­p­le throug­hout the world are, in the words of the his­to­ri­an Tzve­tan Todo­rov, “obses­sed by a new cult, that of memo­ry”, the lat­ter seems to have beco­me a far grea­ter risk than the for­mer.

Aus-Lese #39

Lud­wig Wind­er: Der Thron­fol­ger. Ein Franz-Fer­di­nand-Roman. Wien: Zsol­nay 2014. 576 Sei­ten.

winder, thronfolger

Ein schö­ner und guter Roman eines ver­ges­se­nen Autors zu einem bekann­ten The­ma. Lud­wig Wind­er, in der Zwi­schen­kriegs­zeit ein berühm­ter Autor und Jour­na­list, hat mit dem „Franz-Fer­di­nand-Roman“ Der Thron­fol­ger ein rich­tig gutes Buch geschrie­ben, das lei­der lan­ge Zeit ziem­lich ver­ges­sen war. Der Wie­ner Zsol­nay-Ver­lag hat es jetzt (mit einem Nach­wort des Spe­zia­lis­ten Ulrich Wein­zierl) neu auf­ge­legt – und so konn­te ich auch die­sem Roman, der 1937 das ers­te mal erschie­nen ist, ken­nen ler­nen.

Wind­er erzählt das Leben des Erz­her­zogs Franz Fer­di­nand trotz der aus­führ­li­chen Dar­stel­lung in stren­ger Chro­no­lo­gie des Lebens. Und weil er sti­lis­tisch dabei erstaun­lich locker bleibt, lässt sich das trotz der etwas lang­at­mi­gen Anla­ge und Struk­tur sehr gut lesen. Denn im Kern ist es eben ein star­kes, leben­di­ges Por­trät des Erz­her­zo­ges – der war ja, wenn man Wind­er glau­ben mag (und es gibt kei­nen Grund, das nicht zu tun), alles ande­re als ein lei­ben­s­wür­di­ger Cha­rak­ter: Sprö­de, harsch, krank­haft ehr­gei­zig und miss­trau­isch – ein Mis­an­throp reins­ten Geblüts sozu­sa­gen. Die radi­ka­le per­so­na­le Per­spek­ti­ve macht das zu einem dich­ten Por­trät einer his­to­ri­schen Figur, ohne sie vor­zu­füh­ren oder zu ver­ur­tei­len. Inter­es­sant wird das auch dadurch, dass im Hin­ter­grund des Tex­tes immer die Fra­ge mit­schwingt: hät­te die Geschich­te nicht auch ganz anders aus­ge­hen kön­nen? Das „fak­ti­sche“ Ende ist ja bekannt – hier wird aber immer wie­der mit der Mög­lich­keit gespielt, dass die Geschich­te des 20. Jahr­hun­derts in der Figur Franz Fer­di­nands auch ande­re Poten­zen und Poten­zia­le gehabt hät­te – die aber unge­nutzt blei­ben (und viel­leicht auch ein­fach blei­ben müs­sen).

Unter­des­sen wur­den in den Kon­fe­renz­sä­len der Gene­ral­stä­be, Minis­te­ri­en und Bot­schaf­ten, in den Salons der Muni­ti­ons­fa­bri­kan­ten, in den Schlös­sern und auf den Ver­gnü­gungs­yach­ten der Staats­ober­häup­ter, in den Klub­zim­mern der Abge­ord­ne­ten, in den Spiel­zim­mern der Offi­ziers­ka­si­nos, in den armen Man­sar­den­kam­mern jugend­li­cher Ver­schwö­rer die Plä­ne aus­ge­heckt, die zum Krie­ge füh­ren soll­ten. Leicht­fer­ti­ge Diplo­ma­ten, ehr­gei­zi­ge Gene­rä­le, ver­bre­che­ri­sche Geschäf­te­ma­cher und halb­wüch­si­ge Patrio­ten, deren natio­na­lis­ti­scher Rausch sich unver­se­hens in Blut­rau­seh wan­del­te, arbei­te­ten ein­an­der in die Hän­de, ohne es zu wis­sen. Sie jag­ten ein­an­der Angst ein, um die Ver­nunft zu töten. Sie woll­ten die Welt mit Angst erfül­len, um die Ver­bre­chen, die sie plan­ten, zu ent­schul­di­gen. Sie sag­ten den Völ­kern, der Feind gön­ne ihnen das Leben nicht und wol­le ihnen den Lebens­raum ver­kür­zen. Sie for­der­ten den Feind her­aus, den ers­ten Schuss abzu­ge­ben, das Signal zum gro­ßen Mas­sen­mord. Sie hat­ten Angst vor dem ers­ten Schuss, den sie inbrüns­tig ersehn­ten. (454)

Domi­nik Dom­brow­ski: Fremd­be­stäu­bung. Köln: para­si­ten­pres­se 2014. 44 Sei­ten.

dombrowski, fremdbestäubungGute Gedich­te schei­nen mir das zu sein, der „Güte“ schwer zu fas­sen sind: Da sind star­ke, anzie­hen­de Bil­der, die ganz wun­der­bar selbst­ver­ständ­lich wir­ken. Da ist die Bewe­gung der Spra­che, die sich unge­hin­dert und wie von selbst enfal­tet. Und das Fort­schrei­ten im Text und der Welt, auch in der Zeit: immer wei­ter, nicht ras­ten, nicht ruhen … Da ist die sze­ni­sche Nar­ra­ti­on, die immer wie­der auf­taucht. Die Rei­hung von kur­zen Sequen­zen, die geschnit­ten (Cut!) Bil­der, die Rea­li­tät und Spra­che mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren las­sen (oder auch nicht), zumin­dest in Bezie­hung set­zen, sie auf­ein­an­der tref­fen las­sen. Scha­de nur, dass der Band von Dom­brow­ski so kurz ist …

Archi­va­re
Schif­fe zu fal­ten den Eis­bä­ren
dort unten
wo ihnen die Schol­len
weg­bre­chen
haben
wir jetzt nicht
das Papier

So fil­men wir
wei­ter ihr
pola­res Trei­ben
vom Hub­schrau­ber aus (30)

Hans Plesch­in­ski: Der Holz­vul­kan. Ein deut­scher Fest­brief. Mit einem Nach­wort von Gus­tav Seibt. Mün­chen: Beck 2014 (tex­tu­ra). 96 Sei­ten.

pleschinski, holzvulkanEine kurio­se Erzäh­lung eines kurio­sen Gesche­hens der an Kurio­si­tä­ten nicht gera­de armen deut­schen Geschich­te: Der Erzäh­ler triff auf die Geschich­te, die sich in Form eines Art Füh­rers und Erzäh­lers sowie der traum­haf­ten Ver­ge­gen­ständ­li­chung der his­to­ri­schen Bau­ten und Ansich­ten dar­stellt und zeigt. Es geht um einen etwas aus­ge­flipp­ten deut­schen Her­zog des 17. Jahr­hun­dert, den Anton Ulrich von Braun­schweig-Wol­fen­büt­tel, der nicht nur (extrem aus­ufern­de) Roma­ne schrieb, son­dern auch als Fes­te-Arran­geur und Mäzen sein klei­nes HZer­zog­tüm­chen zu einem euro­päi­schen Zen­trum der Küns­te und der reprä­sen­ta­ti­ven Dar­stel­lung machen woll­te – und damit so gran­di­os und kra­chend schei­tert, dass es Plesch­in­ski wun­der­ba­ren Stoff zum Erzäh­len gibt. Und auf den weni­gen Sei­ten macht er das aus­ge­spro­chen leben­dig und sym­pa­thisch, mit raf­fi­nier­ten erzäh­le­ri­schen Vol­ten, die dem Gegen­stand des Illu­si­ons­thea­ters wun­der­bar ange­mes­sen sind – und zugleich ein Bei­spiel, wie man kunst­voll Geschich­te (nach-)erzählen kann. Also: eine schö­ne, unter­hal­ten­de und auch beleh­ren­de Lek­tü­re für zwi­schen­durch (zumal das Büch­lein bei Beck auch nett gemacht und um eini­ge Kup­fer­sti­chen ergänzt wur­de).

Deut­sches Barock ist den Deut­schen am frem­des­ten, weil’s dort nicht mal um Gemüt­lich­keit ging (75)

Patrick Mais­a­no: Mez­zo­gior­no. Salz­burg u.a.: müry salz­mann 2014. 152 Sei­ten.

maisano, mezzogiornoEin schö­nes und gelun­ge­nes erzäh­le­ri­sches Expe­ri­ment, die­ses Debüt von Mais­a­no: Zwei Erzäh­ler – auch noch bei­de Archi­tek­ten – strei­ten sich um die Wahr­heit des Erzäh­lens, der Erin­ne­rung und der Deu­tung der Gegen­wart. Zugleich ist das auch ein Streit zwei­er Lebens­ent­wür­fe: Der genia­le, fau­le und orga­ni­sier­te Archi­tekt gegen den ord­nungs­fi­xier­ten, unter­neh­me­ri­schen, aber ideen­lo­sen Bau­in­ge­nieur und Pla­ner.
Die Men­schen blei­ben allein, die Fami­li­en tau­chen als Idee und Erzäh­lung öfter und wirk­li­cher auf als in der „wah­ren“ Rea­li­tät: Patricks tro­cke­nes Berich­ten und Toms unbe­schwer­tes Fabu­lie­ren kon­kur­rie­ren um den Leser – glaub­haft sind natür­lich bei­de nicht, wie sich zuse­hends her­aus­stellt. Dass bei­den Prot­ago­nis­ten und Erzäh­lern am Ende dann ganz sym­bo­lisch und reell der Boden und das Fun­da­ment unter den Füßen weg­rutscht – das Cha­let, in dem sie sich befin­den, fällt einem Berg­rutsch zum Opfer – ist dann fast schon zu offen­sicht­lich. Aber bis dahin hat man beim Lesen an die­sem rasan­ten Text eine Men­ge Ver­gnü­gen gehabt.

Lutz Sei­ler: im fel­der­la­tein. Ber­lin: Suhr­kamp 2010. 102 Sei­ten.

seiler, felderlatein„daheim an den gedich­ten“ ist Lutz Sei­ler: Auch wenn er jetzt für sei­nen Roman „Kru­so“ so sehr gelobt ist: Er ist vor alle­dem ein vor­treff­li­cher und aus­ge­spro­chen klu­ger Lyri­ker. Schon pech & blen­de hat das gezeigt, im fel­der­la­tein gelingt es erneut: Hier ist eine eige­ne Stim­me und ein eige­ner Den­ke. Sei­lers Gedich­te machen immer wie­der die Zeit selbst zum The­ma:

[…] immer

in der schwe­be, die
schät­ze die­ser zeit

- eine Zeit, die sich in der Erin­ne­rung zeigt oder als Gegen­wart der Ver­gan­gen­heit im Augen­blick der Emp­fin­dung und Wahr­neh­mung. Vor allem aber geht es ihm immer wie­der um die Ver­bi­dun­gen und Ver­knüp­fun­gen von Natur, Mensch und eben Zeit. Ein Gedicht wie „im fel­der­la­tein“ macht das beson­ders deut­lich. Schon der Titel ver­knüpft alle drei Berei­che: Den Men­schen mit sei­ner Spra­che – aber einer Spra­che, die „aus­ge­stor­ben“ ist, die Spra­che der Ver­gan­gen­heit ist, aber in unse­rer Gegen­wart immer noch lebt; und die­se Spra­che der Men­schen eben schon im Kom­po­si­tum ver­knüpft mit der Natur der „Fel­der“ – die, sobald sie Fel­der sind, ja auch schon mit dem kul­ti­vie­ren­den und abgren­zen­den Men­schen in Ver­bin­dung ste­hen. Dort, also „im fel­der­la­tein“, heißt es:

im ner­ven­bün­del drei­er bir­ken:
umris­se der exis­tenz & alte for­men
von geäst wie
schwar­zer mann & stum­mer
strom­ab­neh­mer. all

die fal­schen schei­tel, sau­ber
nach­ge­zo­gen im archiv
der glat­ten über­lie­fe­rung. gern

sagst du, es ist die käl­te, wel­che
din­ge hart im auge hält, wenn
gro­ße flä­chen schlaf wie
win­kel­schlei­fer schlei­fen in
den zwei­gen. so

sagt man auch: es ist ein baum
& wo ein baum so frei steht
muß er spre­chen

Und das zeigt sich auch in Vers­grup­pen, die deut­lich machen, dass dem Men­schen (noch) längst nicht Zugriff auf alles eigen ist:

du weißt noch immer
nicht, daß es dich gibt, doch
was geschieht
ist begrif­fen, ins brü­chi­ge dun­kel
ent­leert sich das haus (48)

In sei­nem fla­nie­ren­den Strei­fen durch Land­schaf­ten, Ver­gan­gen­hei­ten und Typen (Rück­kehr ist der ent­schei­den­de Begriff heir, nicht die Ankunft!) gelin­gen Sei­ler jeden­falls immer wie­der groß­ar­ti­ge Gedich­te, die als kon­zen­trier­te, star­ke Schöp­fun­gen der Spra­che und des Den­kens so etwas wie Bestands­auf­nah­men sind (nicht ohne Grund ist „inven­tur“ eines der bes­ten gedich­te in die­sem band):

[…] & unter der erde

lie­gen die toten
& hal­ten die enden wur­zeln im mund (49)

Moni­ka Rinck: I am the zoo. Ost­heim: Peter Engst­ler 2014. 52 Sei­ten.

rinck, zooWie schon bei Hel­le Ver­wir­rung und Hasen­hass belässt es Rinck auch hier nicht bei der Schrift, beim Text allein, son­dern arbei­tet mit Zeich­nun­gen zuam­men. Genau­er gesagt: Sie arbei­te­te mti der Zeich­ne­rin Nele Brön­ner zusam­men. Die leg­te täg­lich eine von 24 Zeich­nun­gen vor, zu der Rinck tex­te­te, was wie­der­um Brön­ner zur nächs­ten Zeich­nung ver­an­lass­te etc: Die gegen­sei­ti­gen Rück­kopp­lun­gen ent­wi­ckeln sich hier Sei­te für Sei­te zu einer Fabel – einer fabel­haf­ten, phan­tas­tisch-spie­le­ri­schen Geschich­te. „Irri­tier­te Ver­hei­ßung“ heißt es ein­mal im Text – und das passt recht gut: Gegen­sei­ti­ge Irri­ta­ti­on beflü­gelt die Phan­ta­sie, die immer neu­es, ande­res, unge­plan­tes ver­heißt. Und das dann nicht unbe­dingt ein­löst: Die­ses Buch (ich scheue mich, nur vom Text zu spre­chen, die Zeich­nun­gen sind schließ­li­che ele­men­ta­rer Teil des Wer­kes) ist nie lang­wei­lig, weil die Ent­wick­lung zwar zu beob­ach­ten ist, aber nie vor­her­seh­bar wird. Und weil dazu noch die Spra­che Moni­ka Rincks zwi­schen Pro­sa und Lyrik schwankt, wenn man das so sagen darf, ihre poe­ti­sche Qual­ti­ät des Klangs und der Nicht-All­täg­lich­keit beson­ders betont, ist das ein Werk ganz nach mei­nem Ver­gnü­gen: Ein Buch, das mit dem Unter­ti­tel Geschich­ten vom inne­ren Biest gar nicht so schlecht umschrie­ben ist.

Sibyl­le Berg: Der Tag, als mei­ne Frau einen Mann fand. Mün­chen: Han­ser 2015. 256 Sei­ten.

berg, tagIn gewis­ser Wei­se ist das wie­der ein typi­scher Sibyl­le-Berg-Roman – und das ist ja schon ein­mal ein guter Start. Der Klap­pen­text des übri­gens sehr schön gemach­ten und in fei­nem Lei­nen gebun­de­nen Buch ver­heißt:

Chloe und Ras­mus sind seit fast zwan­zig Jah­ren ver­hei­ra­tet, und ja, alles bes­tens, man hat sich ent­wi­ckelt, man ist sich ver­traut. Aber dass die­ses Leben nun ein­fach so wei­ter­ge­hen soll, ist auch nicht aus­zu­hal­ten. […] Sibyl­le Berg stellt die Fra­ge, die alle Paa­re irgend­wann ein­mal beschäf­tigt: Ist Sex lebens­not­wen­dig? Oder doch eher die Lie­be?

Und das passt schon ganz gut: Berg erzählt (wie­der ein­mal) aus der Höl­le der Selbst­fin­dung eines ziem­lich frus­trier­ten Paa­res. Es geht in wech­seln­der Per­spek­ti­ve aus der Sicht der bei­den Prot­ago­nis­ten Ras­mus und Chloe um das Abnut­zen der Gefüh­le, um das Lei­den am Leben, um die unend­li­che ernüch­tern­de und nüch­ter­ne Aus­weg­lo­sig­keit des All­tags. In kur­zen Kapi­tel und kla­rer, knap­per und prä­zi­ser Pro­sa beschreibt Berg die auf­däm­mern­de Kata­stro­phe der Paar­be­zie­hung, das Umschla­gen, die völ­li­ge Zer­stö­rung und Neu­schaf­fung. Das ist Lite­ra­tur, die kurz­fris­tig unter­hält und nach­hal­tig ver­stö­ren kann, wie Richard Käm­mer­lings ganz rich­tig beob­ach­tet hat. Und genau die­se Kom­bi­na­ti­on aus Unter­hal­tung und Ver­stö­rungs­po­ten­zi­al, aus Humor und tie­fem, dunk­lem Ernst ist es, was mir an Bergs Büchern immer wie­der zusagt.

Die Auf­re­gung. Hat sich abge­nutzt, wie alle Gefüh­le, ich hat­te jedes schon ein­mal. Es wird kein neu­es dazu­kom­men. Das ist das Grau­en der mitt­le­ren Jah­re. Die Lan­ge­wei­le und die noch all­zu nahe Erin­ne­rung an Zei­ten, in denen alles zum ers­ten Mal pas­sier­te. (50)

außer­dem gele­sen:

  • Hele­ne Hege­mann: Axolotl Road­kill. Ber­lin: Ull­stein 2010. 204 Sei­ten.
  • Ursu­la Kre­chel: Shang­hai fern von wo. 2. Auf­la­ge. Mün­chen: btb 2010. 508 Sei­ten.
  • Ursu­la Kre­chel: Land­ge­richt. 5. Auf­la­ge. Salz­burg, Wien: Jung und Jung 2012. 495 Sei­ten.
  • Rüdi­ger Bitt­ner & Susan­ne Kaul: Mora­li­sche Erzäh­lun­gen. Göt­tin­gen: Wall­stein 2014 (Klei­ne Schrif­ten zur lite­ra­ri­schen Ästhe­tik und Her­me­neu­tik, Band 5). 74 Sei­ten.
  • Frank R. Ankers­mit: Die his­to­ri­sche Erfah­rung. Ber­lin: Matthes & Seitz 2012. 112 Sei­ten.
  • Mark Row­lands: Der Läu­fer und der Wolf (sie­he neben­an im Lauf­blog)

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  • Über­set­zungs­vor­schlä­ge für „Boy­hood“ | Laut & Lui­se -

    Oh boy – manch­mal ist es von Vor­teil, nicht mit­ge­meint zu sein, Mädels.

  • War­um die Bron­zen in Cam­bridge nicht von Michel­an­ge­lo sind – DIE WELT – der michel­an­ge­lo-exper­te frank zöll­ner:

    Es ist nicht ein­fach, das Gesche­hen in Cam­bridge ange­mes­sen zu cha­rak­te­ri­sie­ren, ohne dabei inner­lich mit dem Kopf zu schüt­teln und an der Legi­ti­mi­tät des eige­nen Berufs­stan­des zu zwei­feln.[…] Aller­dings pro­fi­tie­ren davon [von den spek­ta­ku­lä­ren Zuschrei­bun­gen] weni­ger die Muse­en als die oft pri­va­ten Besit­zer der Wer­ke. Selbst eine Aus­stel­lung strit­ti­ger Zuschrei­bung erzielt lei­der die­se Wert­stei­ge­rung. Es wird Zeit, dass sich an die­sem Mecha­nis­mus etwas ändert.

  • Nüch­tern statt ero­tisch – Neue Zür­cher Zei­tung – Eine (ein­fa­che) Lösung für ein Pro­blem und Rät­sel der Shake­speare­for­schung – lei­der aller­dings nicht veri­fi­zier­bar …
  • Syri­za-Bas­hing: Ein Ver­such, den deut­schen Irr­sinn zu ver­ste­hen | misik.at – robert misik ana­ly­siert grün­de für den „deut­schen irr­sinn“ der euro­päi­schen wirt­schafts­la­ge und ‑poli­tik:
    [die deut­schen poli­ti­ker] wis­sen, wenn sie eine Posi­ti­on öko­no­mi­scher Ver­nunft zu laut und ver­nehm­bar ein­neh­men wür­den, wür­den sie sich in ihrem Land iso­lie­ren. Oder bes­ser: Sie glau­ben das. Mit dem Ergeb­nis, dass im Spek­trum der “ernst­zu­neh­men­den Poli­tik” eine Posi­ti­on öko­no­mi­scher Ver­nunft nicht mehr geäu­ßert wird, was sei­ner­seits zur Sta­bi­li­sie­rung des Mei­nungs­kli­mas bei­trägt. Da die wirt­schaft­li­che Ver­nunft, die über­all in der Welt Main­stream wäre, in Deutsch­land im poli­ti­schen Feld nicht mehr reprä­sen­tiert ist (außer am lin­ken Rand der Grü­nen und am Rea­lo-Rand der Links­par­tei), hat das wie­der­um Aus­wir­kun­gen auf das ver­öf­fent­lich­te Mei­nungs­bild. Kurz­um: Die Schlan­ge beißt sich in den Schwanz.
  • Stand der Lite­ra­tur­kri­tik: Ewi­ge Kri­se klingt gut – Kul­tur – Tages­spie­gel – ger­rit bartels hat lei­der nichts ver­stan­den. jör sun­dermei­er ging es doch gar nicht so sehr dar­um, den lite­ra­tur­jour­na­lis­mus zu ver­teu­feln. was er aber – und da stim­me ich ihm zu – für pro­ble­ma­tisch hält, ist, wenn die­ser die lite­ra­tur­kri­tik ersetzt. bartels hat offen­bar auch nicht rich­tig gese­hen, dass sun­dermei­er dar­auf hin­weist, dass die kri­tik schon län­ger in der kri­se steckt.
  • Schweiz: Die Rück­erobe­rung | ZEIT ONLINE -

    Über die Schweiz kön­ne man kei­ne guten Bücher schrei­ben, heißt es. Das ist falsch. Die Lite­ra­tur des 21. Jahr­hun­derts ver­misst das Land völ­lig neu.

Pilger beim italienischen Zirkus: Christoph Irniger Pilgrim erzählen Musik

christoph irniger pilgrim, italian circus storyChris­toph Irni­ger ist ein wirk­lich inter­es­san­ter Schwei­zer. Der noch ziem­lich jun­ge Saxo­pho­nist hat bei Intakt bereits im letz­ten Jahr mit sei­nem Trio die wun­der­bar kraft­vol­le CD Gowa­nuns Canal ver­öf­fent­licht. Und jetzt legt er nach – und noch eines drauf. Mit der losen For­ma­ti­on „Chris­toph Irni­ger Pil­grim“, die in etwas ande­rer Beset­zung schon eine Auf­nah­me gemacht hat (die ich (noch) nicht ken­ne), hat er wie­der bei Intakt (die sind eben wirk­lich gut, die Züri­cher …) Ita­li­an Cir­cus Sto­ry vor­ge­legt. Und das ist tol­le Musik, die mich beim ers­ten Hören berührt, beim zwei­ten begeis­tert und beim drit­ten ent­zückt hat.

Schon der Beginn ist ziem­lich cool: schleicht sich auf wei­chen Klang­pfo­ten hin­ein, mit Zeit für Ent­wick­lun­gen und Ent­de­ckun­gen. Über­haupt die Ent­wick­lung: Wie span­nend und viel­fäl­tig es sein kann, die Ideen zu ent­fal­ten, hört man wohl am bes­ten beim vier­tel­stün­di­gen Titel­stück Ita­li­an Cir­cus Sto­ry. Das ist kei­ne akro­ba­ti­sche Ver­ren­kung (für die ich ja durch­aus auch eini­ges übrig habe …), son­dern eine phan­tas­ti­sche Geschich­te vol­ler Ver­wand­lun­gen, Über­ra­schun­gen und Ent­wick­lun­gen, Höhe­punk­te und Tie­fen. Neben­bei bemerkt klingt die Auf­nah­me auch sehr gut, hat einen schö­nen war­men und plas­ti­schen Sound. Über­haupt zeich­net die gan­ze Ita­li­an Cir­cus Sto­ry eine gro­ße Prä­zi­si­on des klang­li­chen Gefü­ges aus. Die Klän­ge ver­fü­gen in so ziem­lich jedem Moment über beein­dru­cken­de Klar­heit – trotz der (zeit­wei­se) hohen Dich­te und durch­aus vor­han­de­nen Kom­ple­xi­tät erschei­nen sie wie selbst­ver­ständ­lich und fast natür­lich. Das hängt damit zusam­men, dass das Quin­tett aus Klang­pil­gern besteht: Fest ste­hen sie auf gemein­sa­men Grund, über­zeugt in ihrem Tun, sehr selbst­si­cher und selbst­be­wusst. Und das durch­aus mit Grund, denn sie sind hör­bar alle gro­ße Kön­ner und erstaun­lich rei­fe Sti­lis­ten. Das zeigt sich gera­de immer wie­der dar­in, dass sie Zeit haben oder sich Zeit neh­men, die Musik nicht drän­gen, son­dern ihr Frei­raum zur inne­ren und äuße­ren Ent­fal­tung geben.

Die Klar­heit der Far­ben und Moti­ve, das oft auch sehr durch­sich­tig Ensem­ble, selbst bei erheb­li­cher klang­li­cher Dich­te bezie­hungs­wei­se momen­ta­ner Ver­dich­tung ver­mit­telt so immer wie­der eine die­ser Musik inne­woh­nen­de poe­ti­sche Frei­heit. Dabei ist alles sehr kon­zen­triert, genau und im höchs­ten Maße aus­ge­feilt – nicht die Frei­heit des egal was, des War­tens auf die Inspi­ra­ti­on hört man hier, son­dern die Frei­heit der Vor­be­rei­tung – und der dar­aus resul­tie­ren­den Gewiss­heit und Über­zeu­gung (des Gelin­gens).

Chris­toph Irni­ger ist dabei selbst als Saxo­pho­nist gar nicht so sehr prä­sent, wie man das von Band­lea­dern gewohnt ist: Er drän­gelt nicht, son­dern lässt viel Raum – unter ande­rem für den klang­sin­ni­gen Pia­nis­ten Ste­fan Aeby oder den schwe­ben­den Gitar­ren­sound von Dave Gis­ler. Aber egal, wer gera­de zu hören ist: Immer wie­der beein­druckt die kon­zen­trier­te Gelas­sen­heit der Musik, die erar­bei­te­te, her­ge­stell­te Locker­heit und die ange­spann­te Auf­merk­sam­keit für jedes rhyth­mi­sche, moti­vi­sche und klang­li­che Detail.

Chris­toph Irni­ger Pil­grim: Ita­li­an Cir­cus Sto­ry. Intakt CD 238. Intakt Records 2014.

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  • Leis­tungs­schutz­recht: Eine Far­ce nähert sich ihrem Höhe­punkt | ZEIT ONLINE – Till Kreuz­ter auf „Zeit Online“ zu den neu­es­ten Machen­schaf­ten rund um das „Leis­tungs­schutz­recht“:

    Poli­tisch betrach­tet wird das Gan­ze immer absur­der. Schon die Ein­füh­rung des LSR ent­behr­te jeg­li­cher Begrün­dung und Recht­fer­ti­gung. Der Ver­such, zu des­sen Durch­set­zung auch noch das Kar­tell­recht ad absur­dum zu füh­ren, ist infam. Umso erstaun­li­cher und bedenk­li­cher sind ers­te Anzei­chen, dass sich die Poli­tik erneut hin­ters Licht füh­ren lässt.

  • Das Platz­spitz-Trau­ma | Das Platz­spitz-Trau­ma – Gro­ße, gut auf­be­rei­te­te Geschich­te im „Tages­an­zei­ger“ über die Züri­cher Dro­gen­sze­ne in den Neun­zi­gern – und die ent­spre­chen­den Pro­ble­me bis zur „Lösung“:

    Die rie­si­ge offe­ne Dro­gen­sze­ne in den Acht­zi­ger- und Neun­zi­ger­jah­ren zählt zu den gröss­ten sozia­len Kata­stro­phen Zürichs und der Schweiz über­haupt.

  • Wikipedia’s bureau­cra­cy pro­blem and how to fix it. – Dari­us Jemiel­ni­ak, selbst „Büro­krat“ der Wiki­pe­dia, über das Büro­kra­tie- (d.h. Regel-)Problem der Wiki­pe­dia:

    Curr­ent­ly, the Eng­lish Wiki­pe­dia has more than 50 offi­ci­al poli­ci­es with a word count clo­se to 150,000 (enough for a thick book). But that’s just the tip of the admi­nis­tra­ti­ve ice­berg. In addi­ti­on to the poli­ci­es, the­re are gui­de­lines and essays—more than 450 devo­ted sole­ly to pro­per con­duct. You will also find more than 1,200 essays con­tai­ning comm­ents on the poli­ci­es and gui­de­lines, advi­so­ry notes, and ana­ly­ses of the com­mu­ni­ty. The total word count for all gui­de­lines and essays can easi­ly be in the magni­tu­de of mil­li­ons. It is safe to assu­me that no one in the world knows them all, and that Wiki­pe­di­ans real­ly wal­low in crea­ting norms and regu­la­ti­ons. I should know—I am one. But this is mad­ness!

    Sein Lösungs­vor­schlag:

    A bureau­cra­cy-bus­ting squad of Wiki­pe­di­ans, who actively use and edu­ca­te about the “igno­re all rules” rule, should be reco­gni­zed and com­men­ded within the com­mu­ni­ty.

  • Mani­pu­lier­te Face­book-Nut­zer und unethi­sche For­schung | Tage­bü­cher der Wis­sen­schaft – Lars Fischer über die mas­si­ven ethi­schen Pro­ble­me der „For­schung“, die Face­book-Streams von Nut­zern ohne deren Wis­sen und Ein­ver­ständ­nis mani­pu­liert
  • „Alle hat­ten das Gefühl, ange­grif­fen zu wer­den“ – Gedenk­jahr 1914 – derStandard.at › Wis­sen­schaft

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  • The Deal That Brought Dvo­rak to New York – NYTimes.com – The con­tract that brought Dvo­rak to the new world—six pages of graceful­ly hand­writ­ten clau­ses, bound by green rib­bon …
    eini­ge Aus­zü­ge davon hat die NYT auch online gestellt: http://www.nytimes.com/2013/08/24/arts/music/the-fine-print-of-dvoraks-contract.html
  • Pro­ble­ma­ti­sche Wahl­kampf­pla­ka­te XII | Rep­ti­li­en­fonds – Aus dem Rep­ti­li­en­fonds:

    Und wäh­rend “der Euro geret­tet wird”, Deut­sche den Hit­ler­gruß zei­gen, der Ver­fas­sungs­schutz so bleibt, wie er ist, um die nächs­te Neo­na­zi-Kader­or­ga­ni­sa­ti­on auf­zu­bau­en, Frau­en mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund zuhau­se blei­ben müs­sen, weil ihnen die CSU dafür einen Hun­ni in die Schür­ze steckt, die Zusam­men­ar­beit mit den Ent­wick­lungs­län­dern zu einer Art Neo-Kolo­ni­sa­ti­on umge­baut wird, die Arbeits­lo­sig­keit in pre­kä­ren Jobs ver­steckt ist und die deut­sche Außen­po­li­tik zur Belang­lo­sig­keit wird, wäh­rend all das pas­siert, soll man eines Sep­tem­ber­mor­gens auf­ste­hen und sagen: “Dann geh’ ich mal die Mut­ti wäh­len.”

  • Tot oder leben­dig im Gangs­ta-Kapi­ta­lis­mus – taz.de – Klaus Wal­ter zum 50jährigen Jubi­lä­um von Mar­tin Luther Kings „I have a dream“-Rede, zu deren (fal­scher) Ver­ein­nah­mung und der Wen­de der schwar­zen Bür­ger­rechts­be­we­gung:

    Ego-Poli­tics erset­zen Bür­ger­rechts­be­we­gung. Fünf­zig Jah­re nach „I have a dream“ sind die Ido­le des schwar­zen Ame­ri­ka Rap­per wie Jay‑Z und Kanye West. Sie haben sich durch­ge­boxt

  • Kolum­ne von Sibyl­le Berg über das Ende der Lite­ra­tur­kri­tik – SPIEGEL ONLINE – Sibyl­le Berg mal wie­der, voll im Recht:

    Jubelnd äußern sich die Leser über ein neu­es drol­li­ges Hit­ler- oder Pfer­de­buch. Wun­der­bar, dass man es kann – grau­en­haft, wenn Ver­brau­cher­mei­nun­gen das ein­zi­ge Kor­rek­tiv in der Kul­tur wer­den. Hat­te ich mir mit mei­ner Aus­sa­ge, zeit­ge­nös­si­sche Kunst wür­de von Exper­ten in den Kanon beför­dert, schon vie­le Freun­de gemacht, gilt es doch auch in allen ande­ren Berei­chen unse­res Lebens. […] Kei­ner muss den Emp­feh­lun­gen eines Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers fol­gen, aber als Gegen­ent­wurf zur eige­nen Mei­nung war sie ab und zu hilf­reich.

    Und natür­lich brin­gen die Kom­men­ta­re gleich die ach-so-wert­vol­len Gegen­bei­spiel aus der Welt der Lite­ra­tur­blogs. Und die gibt es ja durch­aus. Nur ohne die Schlag­kraft der „alten“ Kul­tur­kri­tik. Und das darf man durch­aus ver­mis­sen, ohne gleich als ewig Gest­ri­ge abge­stem­pelt wer­den zu müs­sen. Und auch, ohne direkt davon etwas zu haben.

  • Pan­zer­faust | Das Maga­zin – Ein schwei­zer Wehr­pflich­ti­ger berich­tet – vom Grau­en, Unsinn und Cha­os des Mili­tärs:

    Und dass man auch noch gehorcht! Und die­se gott­ver­damm­ten Lie­der! (springt auf, geht her­um, ruft aus­ser sich) Ich habe ein­fach so über­haupt kei­nen Bock her­um­zu­bal­lern, mich von Gleich­alt­ri­gen fig­gen zu las­sen und per­ver­se Lie­der zu sin­gen! Muss aber! (stösst die Luft aus, setzt sich, sagt lei­se) Kannst du mir erklä­ren, war­um das jemand geil fin­det? Manch­mal ist es – ziem­lich unheim­lich.

  • Jill Peters Pho­to­gra­phy – Sworn Vir­gins of Alba­nia – ein inter­es­san­tes Pro­jekt der Pho­to­gra­phin Jill Peters: In Alba­ni­en gibt es eine Tra­di­ti­on, nach der Frau­en als Män­ner leben kön­nen – aller­dings unter der Bedin­gung der Jung­fräu­lich­keit & Keusch­heit:

    „Sworn Vir­gin“ is the term given to a bio­lo­gi­cal fema­le in the Bal­kans who has cho­sen, usual­ly at an ear­ly age, to take on the social iden­ti­ty of a man for life. As a tra­di­ti­on dating back hundreds of years, this was some­ti­mes neces­sa­ry in a socie­ty that lived within tri­bal clans, fol­lo­wed the Kanun, an archaic code of law, and main­tai­ned an oppres­si­ve rule over the fema­le gen­der. […] As an alter­na­ti­ve, beco­ming a Sworn Vir­gin, or ‚bur­ne­sha“ ele­va­ted a woman to the sta­tus of a man and gran­ted her all the rights and pri­vi­le­ges of the male popu­la­ti­on. In order to mani­fest the tran­si­ti­on such a woman cut her hair, don­ned male clot­hing and some­ti­mes even chan­ged her name. Male ges­tu­res and swag­gers were prac­ti­ced until they beca­me second natu­re. Most important­ly of all, she took a vow of celi­ba­cy to remain chas­te for life. She beca­me a „he“.

  • The Heart of the Mat­ter: David Miran­da and the Pre­clu­si­on of Pri­va­cy – RT @jayrosen_nyu: This post by @barryeisler (ex-CIA) explains bet­ter than any­thing I’ve read why they stop­ped David Miran­da at Heath­row

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