Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: peter brötzmann

Ins Netz gegangen (6.4.)

Ins Netz gegan­gen am 6.4.:

  • Do We Wri­te Dif­fer­ent­ly on a Screen? | The New Yor­ker → tim parks eher pes­si­mis­ti­sche sicht auf die gewan­del­te art und wei­se des schrei­bens und sei­ner begleit­um­stän­de durch die tech­no­lo­gi­sche ent­wick­lung der letz­ten jahrzehnte

    Just as you once lear­ned not to drink ever­y­thing in the hotel mini­bar, not to eat too much at free buf­fets, now you have to cut down on com­mu­ni­ca­ti­on. You have lear­ned how com­pul­si­ve you are, how fra­gi­le your iden­ti­ty, how important it is to cul­ti­va­te a litt­le distance. And your only hope is that others have lear­ned the same les­son. Other­wi­se, your pro­fes­si­on, as least as you thought of it, is finished.

  • Das Spiel mit der Exzel­lenz | For­schung & Leh­re → micha­el hart­mann mit einer zurück­hal­ten­den, aber nicht über­schwäng­lich posi­ti­ven ein­schät­zung der exzel­lenz­stra­te­gie für die deut­schen universitäten

    Die Éli­te hat gewon­nen, die Mas­se verloren.

  • Peter Brötz­mann inter­view | It’s psy­che­de­lic Baby Maga­zi­ne → sehr schö­nes, offe­nes und ehr­li­ches inter­view mit peter brötz­mann, in dem er vor allem über sei­ne frü­hen jah­re – also die 1960er – spricht
  • Pro­vo­zie­ren und War­ten | Van → sehr schö­nes, ange­nehm freund­li­ches inter­view mit dem gro­ßen fre­de­ric rzewski:

    Ich habe nichts Ori­gi­nel­les kom­po­niert. Alles, was ich gemacht habe, ist von ande­ren zu klau­en. Aber auch Mozart hat links und rechts geklaut und Bach natür­lich genau­so. Du nimmst etwas, machst es auf dei­ne Art. 

  • Ganz­jäh­ri­ge Som­mer­zeit wäre der „Cloxit“ | Riff­re­por­ter → trotz der grenz­wer­tig blö­den Über­schrift ein inter­es­san­ter text über die aus­wir­kun­gen einer mög­li­chen ganz­jäh­ri­gen som­mer­zeit in deutschland

Aus-Lese #16

Ron Wink­ler: Torp. Mit Illus­tra­tio­nen von Pětrus Åkkor­děon. Ber­lin: J. Frank 2010. 155 Seiten.

Der Lyri­ker Ron Wink­ler hat mit Torp ein sehr humor­vol­les und ein­sich­ti­ges Buch vor­ge­legt. Was das eigent­lich ist, ist schwer zu sagen: Kur­ze Text(fragment)e, schwan­kend zwi­schend Minia­tur, Lyrik und Apho­ris­men paa­ren sich hier mit Illus­tra­tio­nen. Der Ein­fall und die For­mu­lie­rungs­kunst bestim­men das Ergeb­nis maß­geb­lich – also doch Lyrik? Aber gebun­de­ne Spra­che ist es nicht. Irgend­wie ist es aber auch völ­lig egal, weil Torp ein­fach Spaß macht. Wink­ler führt hier knapp und kurz mög­li­che Wel­ten vor – oder viel­leicht auch nur eine, die des „Torp“. Sprach­spie­le und Ver­frem­dun­gen küm­mern sich um eine neue, ande­re Sicht auf das „Ich“ und die Welt und den gan­zen Kram. Unter­stützt wird das mit ähn­lich exal­tiert-phan­tas­tisch-ver­fremd­ent-über­zeich­nen­den Illus­tra­tio­nen. Ein net­tes, nach­denk­li­ches, unter­halt­sa­mes, tie­fes Buch – auch wenn nicht viel drin­steht. Und wenn die Schrift­art zumin­dest gewöh­nungs­be­dürf­tig ist, mir einen Deut zu ver­spielt ist – auch wenn vie­les an Text und Bild Spiel ist, so ist es doch nicht nur Spiel, son­dern zeigt ja gera­de durch das Spiel sei­ne Wahr­haf­tig­keit – die­ser Ernst wird von der Schrift ten­den­zi­ell nicht wahr­ge­nom­men bzw. überspielt … 

Ron Wink­ler schlägt vor, Torp als „Kon­takt­an­zei­ge zum Ken­nen­ler­nen sei­ner selbst [zu] ver­ste­hen, aber auch als Hand­buch zum Ver­ständ­nis einer doch eini­ger­ma­ßen tor­phaf­ten Welt“. Und das kann man sei­ner Mei­nung nach dar­aus ler­nen: „Mög­li­cher­wei­se, dass man noch das Pro­fans­te als aura­tisch erle­ben kann. Torp wirbt, wenn man so will, für ein lite­ra­ri­sches Sein.“ Das passt. 

Torp kor­ri­gier­te gern Sprich­wör­ter und Apho­ris­men. Als geis­ti­ge Betriebs­sys­te­me bräuch­ten auch Ideen hin und wie­der ein Update (29)
Torp konn­te stun­den­lang Gedich­te lesen. So lächer­lich das auch klin­gen mag. (67)
Torp begrüß­te die Exis­tenz.
Torp bemerkt sehr oft und immer wie­der neu, dass das Geräusch von Wie­se nicht ganz stimm­te. (137)

Bau­er, Chris­toph J.: Brötz­mann. Gesprä­che. Ber­lin: Posth-Ver­lag 2012. 180 Seiten.

Der Wup­per­ta­ler Phi­lo­so­phie­do­zent Chris­toph J. Bau­er hat sich mehr­mals mit Peter Brötz­mann zu Gesprä­chen getrof­fen. Die sind hier abge­druckt. Lei­der offen­bar ganz und gar unre­di­giert, als rei­ne Tran­skrip­ti­on der Gesprä­che – mit den ent­spre­chen­den Fol­gen. Der mäan­dernd-trei­ben­den Gesprächs­füh­rung zum Bei­spiel, die auch dar­an ein biss­chen krankt, dass Bau­er – weder Inter­view-erfah­re­ner Jour­na­list noch Jazz-Spe­zia­list, son­dern Fan – oft arg unprä­zi­se, schwam­mig fragt. Dafür ger­ne auch mal aus­ufernd und ins sehr All­ge­mei­ne Abdrif­ten. Ande­rer­seits wer­den so die direk­te Aus­sa­gen Brötz­manns wer­den nicht abge­mil­dert: Der ist – wie sei­ne Musik, könn­te man sagen – im Gespräch manch­mal harsch und kan­tig in sei­nen Urtei­len und sei­ner Spra­che. Aber oft bleibt mir das auch etwas unge­nau, vie­les nur andeu­tend, anrei­ßend, aber eben gedank­lich und sprach­lich nicht aus­ge­ar­bei­tet (viel­leicht auch, weil die Fra­gen zu wenig unter­stüt­zen, zu wenig bei der „Geburt“ hel­fen …). Aber den­noch gibt es viel Klar­text, zu eige­nen und frem­den Feh­lern, zu Musi­ker-Kol­le­gen, zu Abnei­gun­gen und Vor­lie­ben. Die bei­den unter­hal­ten sich zum Bei­spiel über Frei­heit im Jazz und der Gesell­schaft, wie über­haupt der Zusam­men­hang von Musik und Gesell­schaft eine wich­ti­ge Rol­le spielt, die Bedin­gun­gen und Unter­schie­de die­ser bei­den „Sys­te­me“. Außer­dem geht es unter ande­rem um die Ent­ste­hungs­grün­de und ‑kon­tex­te des „Free Jazz“, um die Arbeits­wei­se des Chi­ca­go Ten­tet, um euro­päi­sche und ame­ri­ka­ni­sche Tra­di­tio­nen, um das Leben als Musi­ker, mit Musi­kern, auf Tour und so wei­ter etc.

Taglied 6.3.2012

Sono­re ist wirk­lich eines der gro­ßen Ensem­bles des Jazz. Man muss sich das immer wie­der anhö­ren. Zum Bei­spiel das hier:

Sono­re – „Ele­ments of Refusal“.wmv

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

20 jahre upart in mainz: grund zum feieren. mit vandermark & brötzmann

Gemein­sa­mes Musik­hö­ren und die dazu gehö­ren­den Dis­kus­sio­nen waren und sind die Keim­zel­le die­ses Ver­eins. Vor zwan­zig Jah­ren fan­den sich eini­ge Idea­lis­ten zusam­men, um den Jazz, die freie impro­vi­sier­te Musik häu­fi­ger nach Mainz zu brin­gen: Der Upart-Ver­ein war gegrün­det. Im Kern ist das seit damals vor allem eine basis­de­mo­kra­tisch orga­ni­sier­te Ver­ei­ni­gung von Idea­lis­ten und Fans. Ange­fan­gen hat alles an der Uni­ver­si­tät, im Asta, der 1987 das ers­te „Akut-Fes­ti­val“ ver­an­stal­te­te. Und der har­te Kern mach­te dann nach dem Ende des Stu­di­ums ein­fach wei­ter – jetzt eben als Ver­ein. Die knapp zwan­zig Mit­glie­der – viel grö­ßer ist der Ver­ein auch heu­te nicht, trotz des ste­ti­gen Kom­mens und Gehens – über­nah­men das Akut-Fes­ti­val und führ­ten es in Eigen­re­gie fort.
Das ist auch heu­te noch der Kern der Ver­an­stal­tungs­ar­beit von Upart. Auch wenn sie vor eini­gen Jah­ren den schwe­ren Ent­schluss fas­sen muss­ten, nur noch im zwei­jäh­ri­gen Tur­nus gro­ße Namen der impro­vi­sier­ten Musik nach Mainz zu holen. Das lag, natür­lich, am Geld: Das Publi­kums­in­ter­es­se an expe­ri­men­tel­ler, frei­er Musik ist in den bei­den Deka­den deut­lich zurück­ge­gan­gen, wie Grün­dungs­mit­glied Uwe Saß­manns­hau­sen weiß: „Es ist nicht ein­fa­cher gewor­den.“ Auch die Zuschüs­se von Stadt und Land sind immer wei­ter geschrumpft. Und doch machen sie immer wei­ter, ver­sich­tert Saß­manns­hau­sen: „Wir sind halt unver­dros­se­ne Idea­lis­ten. So lan­ge es irgend­wie geht und wir noch Spaß dar­an haben, wird es Upart wei­ter geben.“
Und das ist ein gro­ßes Glück für Mainz, wie man beim Jubi­lä­ums­kon­zert in der Alten Patro­ne erfah­ren konn­te. Dafür hat­te sich der Ver­ein zwei gro­ße Meis­ter des zeit­ge­nös­si­schen Jazz geleis­tet: Den deut­schen Saxo­pho­nis­ten Peter Brötz­mann und sei­nen ame­ri­ka­ni­schen Kol­le­gen Ken Van­der­mark. Zunächst ver­gnüg­ten sich die bei­den Blä­ser im inti­men Duo. Aus­ge­rüs­tet mit ver­schie­de­nen Saxo­pho­nen und Kla­ri­net­ten stürz­ten sie sich ins Ver­gnü­gen – nicht nur für das Publi­kum, son­dern offen­bar auch für die bei­den Blä­ser. Mit gro­ßer, nie nach­las­sen­der Inten­si­tät, wahn­sin­ni­gem Ideen­reich­tum und natür­lich der gera­de für Brötz­mann typi­schen unge­bän­dig­ten Energie.
In ganz ande­re Gefil­de stürm­te das Frame-Quar­tett, Van­der­marks Kern­trup­pe aus Chi­ca­go mit Fred Lon­berg-Holm am elek­tro­nisch ver­stärk­ten und gewan­del­ten Cel­lo, Nate McBri­de am eben­falls elek­tro­nisch behan­del­ten Bass und Tim Dai­sy am – ganz klas­si­schen – Schlag­zeug. Mit ver­track­ten Arran­ge­ments, per Hand­zei­chen abge­ru­fe­nen Schnit­ten, expe­ri­men­tie­ren die­se vier an der Gren­ze zwi­schen teil­wei­se notier­ter und impro­vi­sier­ter Musik. Sie begin­nen mal mit ver­träum­ten Strei­cher-Intro, las­sen kra­chen­de Gewit­ter fol­gen, unter­bre­chen das mit har­ten Beats oder syn­the­ti­schem Gef­ri­ckel aus den Effekt­ge­rä­ten – und sie fin­den aus den unweg­sams­ten Gebie­ten immer auf fast wun­der­sa­me Wei­se wie­der zusam­men. Mit sol­cher Musik kann man zwar kei­ne gro­ßen Mas­sen anzie­hen, am immer­hin die Alte Patro­ne ganz gut fül­len. Und Geld ver­die­nen muss Upart mit ihren Kon­zer­ten ja nicht – der unschlag­ba­re Vor­teil ehren­amt­li­cher Initiativen.

(mein text für die main­zer rhein-zei­tung. eine aus­führ­li­che­re betrach­tung des kon­zer­tes steht schon seit vor­ges­tern im blog.)

peter brötzmann & ken vandermark in mainz

ein eher sel­te­nes ver­gnü­gen in mainz, zwei so her­aus­ra­gen­de jazz-musi­ker zusam­men in mainz zu erle­ben. zu ver­dan­ken war es dem upart-ver­ein, der damit sein zwan­zig­jäh­ri­ges bestehen fei­er­te. und – auch wenn das jetzt ein kli­schee ist – es war ein geschenk sowohl für den ver­ein als auch für das publi­kum. immer­hin war die alte patro­ne ganz gut besucht, ich schät­ze so ca. 100 vor­wie­gend älte­re, vor­wie­gend männ­li­che zuhörer.

das ers­te set gestal­te­ten peter brötz­man und ken van­der­mark allein. also im duo. mit wech­seln­den instru­men­ten – kla­ri­net­te, alt- & tenor­sa­xo­phon, natür­lich war auch das táro­ga­tó von Peter Brötz­mann mit von der Par­tie. Schon der Start war bezeich­nend und viel­ver­spre­chend: Ohne jeg­li­che Prä­li­mi­na­ri­en, ohne ein Wort zu ver­lie­ren, mar­schie­ren die bei­den auf die Büh­ne, neh­men die Instru­men­te in Hand und Mund und legen so rich­tig los. aber wirk­lich so rich­tig. brötz­mann legt natür­lich wie­der enorm vor, ener­gisch und mar­kant wie immer, nicht mehr so aggres­siv wie vor eini­gen jah­ren, aber immer noch von unge­heu­rer prä­senz. und immer noch mit sei­nem unnach­ahm­li­chen ton, dem mar­kant-grow­len­den, weit vibrie­ren­den, enorm leben­di­gen klang. die unver­dros­sen­heit und die voll­kom­me­ne hin­ga­be, mit der sie sich in die musik bege­ben, ist immer wie­der umwer­fend (auch wenn das nicht nur bei ihnen so ist …). mit weni­gen moti­ven spie­len sie gekonnt hin und her, die über­ga­ben klap­pen naht­los, man merkt immer wie­der, dass die bei­den sich alles ande­re als fremd sind (sie haben ja in den letz­ten in ver­schie­de­nen for­men mit­ein­an­der gespielt, z.b. bei sono­re oder in brötz­manns chi­ca­go ten­tet.). so trei­ben sie sich auch gegen­sei­tig immer wie­der deut­lich an – bei­den wol­len, das merkt man, etwas errei­chen, neu­en  aus­druck fin­den (auch wenn es nicht immer ganz und gar gelin­gen mag).

im zwei­ten titel (die alle namen­los und ohne jeg­li­che sprach­li­che wür­di­gung blie­ben) wur­de es dann noch eini­ges enger, inni­ger, klang­li­cher, fei­ner und nach­denk­li­cher – aber auch wie­der nur so lan­ge, bis es zum wil­den aus­bruch, zum har­ten ein­spruch kommt – und damit fin­det das gegen­sei­ti­ge antrei­ben, vor­wärts­pre­schen, die rei­bun­gen und ver­zah­nun­gen, das inten­si­ve auf­ein­an­der ein­ge­hen, wie­der neu­en antrieb. mit der drit­ten impro­vi­sa­ti­on wur­de die sache dann deut­lich offe­ner, unge­wis­se­ner, bei­de spiel­ten jetzt zuneh­mend stär­ker mit den klang­li­chen aspek­ten, san­gen in ihre instru­men­te, van­der­mark pro­bier­te end­lo­se repe­ti­tio­nen mit zir­ku­lar­at­mung als hin­ter­grund für brötz­manns aus­flü­ge aus – sehr schön. und span­nend. und auch wenn sich das duo öfters merk­lich beru­hig­te – gezähmt klang das nie, immer blieb der drang ins neue (wo auch immer das zu ver­mu­ten ist) spür- und hörbar.

das gehetz­te trei­ben, das gegen­sei­ti­ge anschie­ben, die flucht ins extrem jen­seits von gut und böse, nah­men van­der­mark & brötz­mann im vier­ten titel aller­dings pro­blem­los wie­der auf. spä­tes­tens jetzt wur­de auch immer kla­rer, wo die bei­den sich eigent­lich befan­den: im reich des rei­nen aus­drucks, der rei­nen kunst – rein in dem sin­ne, dass hier klang, musik, kunst ein­fach nur noch ist – ohne her­kunft und ohne ziel, ohne irdi­sche beschwer­nis. sehr erhe­bend, immer wie­der, die­se erfah­rung. sie errei­chen sol­che gebie­te, weil sie gut ein­ge­pen­delt sind zwi­schen tota­ler frei­heit und voll­kom­me­ner über­ein­stim­mung: sie gehen auf ein­an­der ein, unter­stüt­zen sich, schaf­fen und geben sich aber auch immer wie­der selbst frei­raum für eige­ne ideen und aus­flü­ge.  und wah­re grö­ße zei­gen bei­de dann, wenn sie aus den ebe­nen der rei­nen kunst, der blo­ßen gegen­wart, auch wie­der zurück­fin­den, sich wie­der ein­pen­deln, vor­an­ge­gan­ge­ne moti­ve erneut auf­grei­fen, das gan­ze sehr schön abrun­den und durch­aus auch ganz hym­nisch, ja fast beschwich­ti­gend, bestä­ti­gen: erhe­ben­de und rei­ni­gen­de musik, aber auch das ist – wie­der – (noch) kein ziel, kein dau­er­zu­stand: alles erreich­te bleibt momen­tan, bleibt vor­läu­fig, bleibt insta­bil und ohne dau­er. der fünf­te titel ope­riert ähn­lich: erst mal frei spie­len, alles – naja, nicht alles … – kaputt spie­len, dann hat man raum und platz für knall­hart gepfef­fer­te anmer­kun­gen. und auch für einen ganz ver­söhn­li­chen, melo­diö­sen schluss. wunderbar.

und nach der pau­se dann etwas ganz ande­res. ken van­der­mark war wie­der dabei. das war’s aber auch schon mit den gemein­sam­kei­ten. mit sei­nem quar­tett „frame“ (eigent­lich Van­der­mark 5 abzüg­lich Dave Rem­pis, aber auch – so scheint mir – eine spur kon­se­quen­ter, extre­mer in den gegen­sät­zen zwi­schen fixier­ten abschnit­ten und frei­er impro­vi­sa­ti­on) ver­folg­te van­der­mark näm­lich ganz ande­re wege. eigent­lich eher pfa­de, tram­pel­we­ge, unweg­sa­mes gelän­de, ver­schlun­ge­ne trit­te durch abgrün­di­ges ter­rain. mit teil­wei­se kom­po­nier­ten, teil­wei­se stark impro­vi­sier­ten tei­len, gesteu­ert durch hand­zei­chen und mar­kan­te schnit­te, bau­ten die vier vor allem reich­lich (um nicht zu sagen hyper-) kom­ple­xe struk­tu­ren auf – zu spä­ter stun­de kei­ne leich­te kost mehr … unter der ober­flä­che bro­delt es dabei stän­dig. aber eben nicht nur dort, son­dern über­all. sehr viel ver­spiel­te expe­ri­men­te gibt es da, basie­rend auf dem auf har­ten beat ton tim dai­sy und den wir­beln­den, grund­lo­sen bäs­sen nate mcbri­des. dazu dann noch fred lon­berg-holm selt­sa­me cel­lo-spie­ler­ein und van­der­mark kla­ri­net­ten- und saxo­phon-gir­lan­den – und fer­tig ist ein schwe­res, aber auch köst­li­ches gebräu. die vier star­te­ten das aben­teu­er (nicht nur für die zuhö­rer, auch für die musi­ker sind beset­zung und mate­ri­al (kürz­lich auf­ge­nom­men) noch recht frisch & unbe­kannt, was sich durch­aus auch hör­bar macht …) mit „lens“, das schon alle typi­schen ele­men­te von frame auf­weist: kom­ple­xe, ver­wi­ckel­te struk­tu­ren, wech­sel­wei­se glei­ten­den meta­mor­pho­sen und har­te ein­schnit­te, undurch­schau­ba­res gewu­sel, dröhn­bass und glit­zernd kla­re saxo­phon-melo­dien zugleich. mit „Hue­s­ca Alpha­bet“ ging es dann ent­spre­chend wei­ter: zunächst ganz ver­träumt und ver­sun­ken ein strei­cher-intro, ver­zau­ber-ver­wun­sche­ne atmo­sphä­re, dann zuneh­mend „klas­si­sche“ free-jazz ergän­zun­gen, die sich in total ver­quer schei­nen­den schich­tun­gen tür­men: hol­pern­der beat, stot­tern­de kla­ri­net­te, sägen­des cel­lo und ein autis­ti­scher bass – wun­der­bar zar­te ver­su­chung ist das. und dann wie­der, ganz plötz­lich, eini­ge tak­te (fast) still­stand, völ­lig aus der welt gefal­le­ne musik – und wei­ter geht es wie zuvor. ange­trie­ben jetzt von einer zuneh­mend extre­mer wer­de­ne expres­si­vi­tät – bis zum nächs­ten, von dai­sy geforderten/​bestimmten, hia­tus, der sich deht und dehnt, bevor das alte schma sich wie­der stück für stück, aber zugleich auch neu und anders, in ver­trau­ter manier wie­der eta­bliert – nur um wenig spä­ter wie­der im frei­en, aus­ge­las­se­nen geto­be zu mün­den. da kommt kei­ne lang­wei­le auf … vor allem auch des­halb, weil alle vier unheim­lich kon­zen­triert spie­len und zusam­men eine fast unfass­ba­re viel­falt an bewe­gun­gen, kon­stel­la­tio­nen, idio­men, ein­fäl­len, klang­bil­dern, moti­ven und sti­len zusammenbringen.

„Thea­ter Pie­ce For Jim­my Lyons“ fängt dann wie­der mit durch­bro­che­nen moti­ven an, baut einen zar­ten und peit­schen­den dri­ve zugleich auf, um wie­der so ein über­ir­disch schei­nen­des cel­lo-solo zu ent­fal­ten – bis zum nächs­ten cut. so geht das hier immer wei­ter: wenn man sich gera­de bequem ein­ge­hört hat, wird wie­der alles anders. und neu. und so wei­ter. das führt ten­den­zi­ell zur hyper­kom­ple­xi­tät, die sich irgend­wann fast her­me­tisch gibt: ver­ste­hen wird hier wirk­lich schwie­rig. erle­ben macht aber viel freu­de. die frei­heit, ihre abso­lu­te unvor­her­seh­bar­keit und ihre abso­lu­te unge­wiss­heit sind ein genuss. in der alten patro­ne folg­te dann noch „straw“, ein dich­tes gewu­sel, ein dickicht von gef­ri­ckel höchs­ten gra­des (inkl. der elek­tro­nik der strei­cher), ein kunst­voll ange­leg­tes laby­rinth der irr­gän­ge und ein rei­ner urwald zugleich – kurz: total irre, aber auch total mit­rei­ßend, über­wäl­ti­gend, wie hier unge­heu­re kräf­te ent­fes­selt wer­den. ein mira­kel dann auch noch, wie sich das immer doch noch irgend­wie zusam­men­fügt, wie sich die vier immer wie­der fin­den – manch­mal, so scheint es mir (in unkennt­nis des mate­ri­als und der auf­nah­men), aber auch nur noch gera­de so …

als zuga­be zu den vier recht aus­ge­dehn­ten titeln gab es dann auch noch „m.e.s“., das ein wei­te­res mal die völ­li­ge und wie­der­hol­te ent­fes­se­lung, in allen dimen­si­on, mit gewal­ti­ger mate­ri­al­an­häu­fung (eine rich­ti­ge ideen­hal­de ist das …) fei­ert – und sich doch der ret­ten­den struk­tur, der fixier­ten idee auf dem noten­stän­der gewiss bleibt. groß­ar­tig, ins­ge­samt, die­ser abend. ein wür­di­ges jubi­lä­ums­kon­zert für den upart-verein.

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