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fischernetz (detail)brigwa

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  • Let’s not demo­ni­ze driving—just stop sub­si­di­zing it | City Obser­va­to­ry → ein ande­rer weg, die leu­te vom auto weg­zu­be­kom­men: ihnen ein­fach die wirk­li­chen kos­ten des moto­ri­sier­ten ver­kehrs in rech­nung stel­len (ich weiß nicht, ob das wirk­li­ch so viel bes­ser funk­tio­niert – es scheint mir eher neue unge­rech­tig­kei­ten zu pro­du­zie­ren …)

    But the pro­blem is not that cars (or the peop­le who dri­ve them) are evil, but that we use them too much, and in dan­ge­rous ways. And that’s becau­se we’ve put in pla­ce incen­ti­ves and infra­struc­tu­re that encou­ra­ge, or even requi­re, us to do so. When we sub­si­di­ze roads, socia­li­ze the costs of pol­lu­ti­on, cras­hes and par­king, and even legal­ly requi­re that our com­mu­nities be built in ways that make it impos­si­ble to live without a car, we send peop­le strong signals to buy and own cars and to drive—a lot. As a result, we dri­ve too much, and fre­quent­ly at unsafe speeds given the urban envi­ron­ment.
    […] Dri­ving is a choice, and pro­vi­ded that dri­vers pay all the costs asso­cia­ted with making that choice, there’s litt­le rea­son to object to that. 

  • Ele­ment of Cri­me: „Del­men­hor­st“ | Pop-Antho­lo­gie → Uwe Ebbing­haus nimmt das Lied bzw. sei­nen Song­text unter die Lupe

    Poe­sie darf bei Ele­ment of Cri­me, das scheint ein eher­nes Gesetz der Band zu sein, nicht dau­er­haft durch poe­ti­sche For­mu­lie­run­gen erzeugt wer­den. Manch­mal bricht sich in den Tex­ten sogar eine regel­rech­te Poe­sie­feind­schaft Bahn […]. Aus Angst vor der Pseu­d­o­ly­rik ver­zich­tet Rege­ner fast kom­plett auf lyri­sche Mar­ker

  • Lin­gu­is­tik: Ein neu­es Bild der Spra­che | Spek­trum → Paul Ibbot­son und Micha­el Toma­sel­lo mit einem inter­es­san­ten (auch für lai­en ver­ständ­li­chen) text über aktu­el­le ent­wick­lun­gen in der lin­gu­i­si­tik (auch wenn sie mei­nes erach­tens den stel­len­wert der chomsky’schen uni­ver­sal­gram­ma­tik über­zeich­nen – die ablö­sung läuft schon recht lan­ge …)

    Die Uni­ver­sal­gram­ma­tik scheint end­gül­tig in der Sack­gas­se zu ste­cken. An ihrer Stel­le ver­spricht die gebrauchs­ba­sier­te Lin­gu­is­tik einen aus­sichts­rei­chen Zugang zu den 6000 Spra­chen, die auf der Welt genutzt wer­den.

  • Wir ver­ste­hen sozia­le Medi­en immer noch nicht wirk­li­ch“ | future­zo­ne → kur­zes inter­view mit Iyad Rah­wan über sozia­le medi­en, geschwin­dig­kei­ten von nach­rich­ten­ver­brei­tung und infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung und die anpas­sungs­fä­hig­keit von men­schen, gesell­schaf­ten (und ein biss­chen von tech­no­lo­gi­en)

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netz mit fisch (unsplash.com)Vikas Kanwal

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  • Wind­parks schaf­fen neu­en Lebens­raum| enorm → ergeb­nis­se einer dis­ser­ta­ti­on: off-shore-wind­parks in der deut­schen nord­see zie­hen höhe­re arten­viel­falt nach sich. die bio­tope wer­den also sehr deut­li­ch ver­än­dert – was man aber in die­sem fall durch­aus posi­tiv sehen kann/darf

    In der deut­schen Nord­see fin­den sich haupt­säch­li­ch Sand­bio­tope und damit ver­gleichs­wei­se aus­ge­räum­te Mee­res­land­schaf­ten. Das Ein­brin­gen von Tur­bi­nen in die­se Bio­tope führt dazu, dass sich neue Tier­welt ansie­delt, die es bis dato in der Men­ge dort nicht gege­ben hat. Die Wind­rä­der sind wie neue geschaf­fe­ne Rif­fe, wodurch sich die Diver­si­tät in den Off-Shore-Wind­parks enorm erhöht. Zuer­st sie­deln sich Muscheln und Bent­ho­s­le­be­we­sen – also Mee­res­bo­den­be­woh­ner wie Krus­ten­tie­re und Wür­mer – an den Tur­bi­nen an. Die­se locken Fische an und die Fische wie­der­um zie­hen, mög­li­cher­wei­se, Schweins­wa­le und Vögel an. Ins­ge­samt führt das dazu, dass sich in den Wind­parks mehr Lebe­we­sen wie­der­fin­den als vor­her in der Regi­on waren.

  • Tele­fon­num­mer als UID? Die sind doch gehasht!| Ben­ja­min @ Dia­spora → ben­ja­min erklärt, war­um tele­fon­num­mern als uni­que iden­ti­fiers auch dann unsi­cher sind, wenn sie gehasht gespei­chert wer­den: weil die rechen­leis­tung moder­ner chips die hash-umkehr viel zu schnell schafft, als dass man da noch von sicherheit/schutz spre­chen könn­te …
  • Sprach­for­sche­rin Eli­sa­be­th Wehling: „Wir gehen Trump immer noch auf den Leim“| Tages­spie­gel → lan­ges, inter­es­san­tes inter­view mit eli­sa­be­th wehling über spra­che, poli­tik, medi­en und framing
  • Open-Access-Tran­si­ti­on von Lin­gua zu Glossa: Wider „die gna­den­lo­sen Geschäfts­prak­ti­ken Else­viers“| Netzpolitik.org → leon­hard dobusch spricht mit wal­traud paul über die umwand­lung der else­vier-zeit­schrift „lin­gua“ in die open-access-zeit­schrift „glossa“

    Dafür gibt es zwei Grün­de. Einer­seits eine kla­re Ver­schlech­te­rung der Arbeits­be­din­gun­gen für den Her­aus­ge­ber von Lin­gua, Johan Roo­ryck, und sein Team von 5 Mit­her­aus­ge­bern. Deren ver­trag­li­che Bin­dung an Else­vier mutier­te von einer Art “gentleman’s agree­ment” Ende der 1990er Jah­re zu einem extrem detail­lier­ten und umfang­rei­chen Ver­trag, der dem Her­aus­ge­ber­team immer zahl­rei­che­re Zwän­ge auf­er­leg­te. Gleich­zei­tig hat­te das Her­aus­ge­ber­team immer weni­ger Hand­lungs­frei­heit und mus­s­te sich mehr und mehr gegen die Ein­mi­schung des Else­vier-Manage­ments (zuletzt in der Per­son von Chris Tan­cock, Else­viers “Linguist-Portfolio”-Zuständigem) in die wis­sen­schaft­li­chen Aspek­te der Zeit­schrift weh­ren, wie z.B. bei der Wahl neu­er Mit­her­aus­ge­ber. Ande­rer­seits führ­te die extre­me Pro­fit­gier Else­viers zu einem wach­sen­den Unbe­ha­gen sowohl beim Her­aus­ge­ber­team als auch bei den Lin­gu­is­ten, die – umson­st! – für Lin­gua als Review­er arbei­te­ten. Da die­sel­ben Lin­gu­is­ten oft in Biblio­theks­gre­mi­en sozu­sa­gen „live“ die gna­den­lo­sen Geschäfts­prak­ti­ken Else­viers mit­er­leb­ten, waren sie immer weni­ger dazu bereit, ihre Zeit und Exper­ti­se Else­vier kos­ten­los zur Ver­fü­gung zu stel­len.

Ins Netz gegangen (21.9.)

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Ins Netz gegangen (26.5.)

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  • Bibel­stun­de – Sprach­log – Kor­pus­lin­gu­is­tik, leicht zweck­ent­frem­det:

    Aber in den Vor­be­rei­tun­gen für den nächs­ten Par­tysmall­talk kom­men Sie mit Kor­pus­lin­gu­is­tik halt etwas flot­ter und auf­wands­är­mer zur text­struk­tu­rel­len Erkennt­nis:

    Im Alten Tes­ta­ment war mehr Gemet­zel.

  • Wahl­recht – News – Euro­pa­wahl am 25. Mai 2014 (Stimm­zet­tel, Hoch­rech­nun­gen und Pro­gno­sen, usw.) – Neu­es vom Nie­der­gang des „Qua­li­täts­jour­na­lis­mus“: Der „Zeit“-Chefredakteur weiß nicht, wie man/er rich­tig wählt
  • Urlaub auf Mal­lor­ca : Darf man den Bal­ler­mann ver­bie­ten? – DIE WELT – Kath­rin Spo­err zeich­net in der „Welt“ ein schö­nes, nur ganz leicht iro­ni­sches Bild dess, was deut­sche Tou­ris­ten am Bal­ler­mann unter „Urlaub“ ver­ste­hen.

    Und wer unse­re Art Strand­le­ben nicht mag, der muss ja nicht kom­men.

  • Leit­ar­tik­ler und Macht­eli­ten | Tele­po­lis – Mar­cus Klöck­ner setzt sich sehr aus­führ­li­ch mit der momen­ta­nen Dis­kus­si­on um die Inte­gra­ti­on wich­ti­ger deut­scher Jour­an­lis­ten in mehr oder min­der ver­schwie­ge­ne Zir­kel der Macht­eli­ten aus­ein­an­der – und kommt zu dem Schluss:

    Es ist an der Zeit, dass die Dis­tanz zwi­schen Jour­na­lis­ten und Macht­eli­ten grö­ßer wird.

  • Ste­pha­nie Grimm: David Bowie ist kein Rock­star – LOGBUCH (Suhr­kamp-Blog) – Ste­pha­nie Grimm über David Bowie, sei­ne Fähig­kei­ten und sei­ne Beson­der­hei­ten als Pop-/Rock-/Kunststar:

    Iden­ti­tä­ten und Deu­tungs­zu­sam­men­hän­ge sind bei Bowie stän­dig im Fluss. Dank sei­nes Selbst­ver­ständ­nis­ses, immer im Über­gang, nie ange­kom­men zu sein, und sei­ner Fähig­keit, Absei­ti­ges nach­voll­zieh­bar zu machen, leg­te Bowie für sein Publi­kum Fähr­ten in ande­res, bis dahin frem­des kul­tu­rel­les Ter­rain – viel­leicht war die­se Hal­tung, nicht sei­ne Songs, das größ­te Geschenk, das er sei­nen jugend­li­chen Fans gemacht hat.

    Und über ein wei­te­res Ele­ment sei­nes Erfol­ges und Ein­flus­ses:

    Kon­se­quent hat Bowie sich anver­wan­delt, was ihm an Inter­es­san­tem in die Fin­ger kam. Er unter­schied nicht zwi­schen Hoch- und Pop­kul­tur. Auch das war ein Grund für sei­nen Appeal. Schließ­li­ch hat­te er sei­nen Fans, als die Ver­spre­chun­gen der Sech­zi­ger­jah­re schal gewor­den waren, gezeigt, dass es mehr zu ent­de­cken gab als eine Sub­kul­tur, mit der sie sich ein­st vom Rest der Welt hat­ten abgren­zen woll­ten, aber in einer Sack­gas­se gelan­det waren. Bowie zeig­te, dass man sich auch aus der Hoch­kul­tur das holen konn­te, was man eben brauch­te.

  • Chan­cen­los « Die MEDIENWOCHE – Das digi­ta­le Medi­en­ma­ga­zin – Lothar Struck beschäf­tigt sich aus­gie­big mit dem Ska­nal beim „Lite­ra­tur­club“ des SRF:

    Tat­säch­li­ch pral­len mit Zwei­fel und Hei­den­reich zwei Wel­ten auf­ein­an­der. Inso­fern ist die Ablö­sung Zwei­fels nicht nur eine Ent­schei­dung gegen die Per­son des Mode­ra­tors. Es ist auch eine Ent­schei­dung wie man den «Lite­ra­tur­club», wie man Lite­ra­tur im Fern­se­hen posi­tio­nie­ren will: Hier das lus­ti­ge, harm­lo­se Lese­emp­feh­lungs­ge­quat­sche ohne beson­de­ren Tief­gang. Dort die inter­es­sier­te, neu­gie­ri­ge, nicht immer sofort in ein Kli­schee ein­setz­ba­re Rede über ein Buch. Hier Face­book-Plau­de­rei und Kaf­fee­kränz­chen, dort der Ver­su­ch, Tex­ten und ihrer Kom­ple­xi­tät (sofern vor­han­den) gerecht zu wer­den.

Aus-Lese #30

Jona­than Safran Foer: Tree of Codes. Lon­don: Visual Edi­ti­on 2011. 139 Sei­ten.

Foer, Tree of CodesDie Idee hin­ter Tree of Codes ist aus­ge­spro­chen cool: Foer nahm einen vor­han­de­nen Text – näm­li­ch The Street of Cro­co­di­les von Bru­no Schulz – und schnei­det ein­fach weg, was ihm im Weg ist oder nicht gefällt. Das Ergeb­nis, ein Cut-up sozu­sa­gen, ist dann ein neu­er Text. Der Witz ist nun, dass nicht ein­fach der neue Text gedruckt wird, son­dern der Pro­zess des Aus­schnei­dens auch im Ergeb­nis, in Tree of Codes also, noch sicht­bar ist. Denn die Sei­ten sind durch­lö­chert. Alles, was für neu­en Text, die Über­schrei­bung (Palim­psest!) nicht benö­tigt wird, wird weg­ge­schnit­ten. Ent­spre­chend löch­rig sind die Sei­ten: Manch­mal ste­hen vom „ori­gi­na­len“ Text noch hal­be Sät­ze oder ein­zel­ne Wort­grup­pen, manch­mal auf einer hal­ben Sei­te auch nur ein ein­zel­nes Wort und son­st vor allem Luft, Nichts, die tat­säch­li­ch spür­ba­re Abwe­sen­heit des ursprünglichen/vorhandenen Tex­tes. Das macht die Fra­gi­li­tät des Buches als Ding und als Text (Lücken!) ganz neu deut­li­ch.

Man ist außer­dem geneigt, dem Text eine gewis­se Offen­heit zuzu­spre­chen: Durch die Lücken, die Löcher auf den Sei­ten, im Papier scheint ja immer das noch kom­men­de schon durch, ist also schon prä­sent – als Wort, als Satz­zei­chen, als Split­ter oder nur als Lücke. Das täuscht aber ziem­li­ch. Auch die Idee des „Satz­bil­des“ bekommt eine ganz neue Bedeu­tung: Tat­säch­li­ch macht es irgend­wie doch einen Unter­schied, ob ein Satz mit weni­gen Lücken geschnit­ten ist oder ob ein klei­nes Gebil­de wie „I found myself lost.“ (80/81) sich über andert­halb Sei­ten – mit enspre­chend viel Luft – erstreckt: Das Gewicht wird ein ande­res (eher rezi­prok aber …)

Lee­re und Abwe­sen­hei­ten spie­len aber auch inhalt­li­ch eine gewis­se Rol­le (oder mei­ne Per­spek­ti­ve ist durch die Form ver­scho­ben). Der ste­hen­ge­blie­be­ne Text ist dabei manch­mal etwas schräg (wie die ver­rut­schen­den, absin­ken­den Häu­ser …), einen Tick sur­re­al oder expres­sio­nis­ti­sch (in der Dar­stel­lung der Stadt). Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen, das Ver­schwin­den, Ver­blas­sen und Ver­wan­deln von Per­so­nen und Din­gen spie­len hier eine bedeu­ten­de Rol­le.

The tree of codes was bet­ter than a paper imi­ta­ti­on. (96)

Wolf­gang Hil­big: Eine Über­tra­gung. Frank­furt am Main: Fischer 2011 (Wer­ke 4). 427 Sei­ten.

hilbig, eine übertragungEine Über­tra­gung ist Hil­bigs ers­ter Roman und trotz­dem gleich ein „ech­ter“ und typi­scher Hil­big: Das Pro­blem des Ichs wird hier durch­de­kli­niert, ins­be­son­de­re die Fra­ge nach der Iden­ti­tät eines Schrift­stel­lers. Die Iden­ti­tät der Haupt­fi­gur, eines schrift­stel­lern­den Hei­zers (oder als Hei­zer arbei­ten­den Schrift­stel­lers, das hängt von Stand- und Zeit­punkt ab), steht dabei nicht nur unter inne­rem Druck und Recht­fer­ti­gungs­zwang, son­dern gera­de auch unter äuße­rem Zwang, der sich in den staat­li­chen Repres­sa­li­en der DDR-Insti­tu­tio­nen (geheimdienstlich/polizeilich) äußert – was natür­li­ch zusam­men­hängt und sich gegen­sei­tig ver­stärkt.

Die gan­ze Über­tra­gung ist des­halb eine Art „Selbst­ver­neh­mung“, in dem die erzäh­len­de Haupt­fi­gur ver­sucht, die­sem Pro­blem – also: Wer ist die­ses Ich? Kann ich mei­nen Erin­ne­run­gen trau­en? Und mei­nen Wahr­neh­mun­gen? – auf den Grund zu gehen. Der dabei reich­hal­tig kon­su­mier­te Alko­hol hilft nicht unbe­dingt, Klar­heit zu ver­schaf­fen. Neben­bei gibt es noch ein wei­te­res Pro­blem, das der Unter­su­chung bedarf: Die Lie­be – als Pro­blem in einer Gesell­schaft der Angst/Sicherheit/Unterdrückung). Das ist in Hil­bigs typi­scher mäch­ti­ger, har­ter Spra­che manch­mal anstren­gend, über die lan­ge Stre­cke durch­zu­hal­ten. Aber es ist in sei­ner kör­per­li­chen Wucht eben auch immer wie­der groß­ar­tig und berei­tet mir aus­ge­spro­chen gro­ßes Ver­gnü­gen …

Es war da ein Text, der auf sei­nen Ver­fas­ser war­te­te, aber andau­ernd griff das Leben ein und hin­der­te den Ver­fas­ser, indem es sei­ne eige­ne Geschich­te schrieb … […]. (107)

Lui­se F. Pusch: Das Deut­sche als Män­ner­spra­che. Auf­sät­ze und Glos­sen zur femi­nis­ti­schen Lin­gu­is­tik. Frank­furt: Suhr­kamp 1984. 202 Sei­ten.

Man­ches von den hier ver­sam­mel­ten, etwas dis­pa­ra­ten (lin­gu­is­ti­schen) Auf­sät­zen und (jour­na­lis­ti­schen) sprach­kri­ti­schen Glos­sen von Lui­se Pusch ist inzwi­schen etwas geal­tert – vor allem in dem Sinn, dass man die Ent­ste­hungs­zeit der 1980er erkennt. Das meis­te aber ist noch – erschre­ckend eigent­li­ch – aktu­ell und gül­tig sowie­so: Pusch zeigt einer­seits, wie sehr die deut­sche Spra­che von patri­a­cha­li­schen Struk­tu­ren und Denk­mus­tern geprägt ist und schlägt ande­rer­seits vor, wie man das ändern könn­te – damit die Nicht-Män­ner nicht immer nur „mit­ge­meint“ sind. Ihr Haupt­vor­schlag im titel­ge­ben­den Auf­satz ist letzt­li­ch so etwas wie eine Ent­ge­schlecht­li­chung (wie sie z.B. im Eng­li­schen weit ver­brei­tet ist): Aus „der Pro­fes­sor“ und „die Pro­fes­so­rin“ wird „der Pro­fes­sor“ und „die Pro­fes­sor“. Ihr ist natür­li­ch klar, dass das ein recht radi­ka­ler Ein­griff in die über­lie­fer­te Sprach­struk­tur ist und des­halb von vor­ne­her­ein abge­lehnt wird (auch wenn das Ergeb­nis kei­nes­wegs unsys­te­ma­ti­sch im Deu­schen wäre). Als „klei­ne“ Alter­na­ti­ve bevor­zugt sie dann wenigs­tens die Dop­pel­nen­nung bzw. deren abge­kürz­te Form mit Bin­nen-I.

Hel­mut Oeh­ring: Mit ande­ren Augen. Vom Kind gehör­lo­ser Eltern zum Kom­po­nis­ten. Ber­lin: btb 2011. 256 Sei­ten.

Oehring, Mit anderen AugenOeh­rings frü­he Auto­bio­gra­phie ist als Text bzw. Buch ziem­li­ch selt­sam und lebt wohl nur von der schon im Unter­ti­tel ver­kün­de­ten Beson­der­heit sei­nes Lebens­we­ges – die Lebens­ge­schich­te eines „nor­ma­len“ (im Sin­ne der stan­dar­di­sier­ten Erwar­tung) Kom­po­nis­ten hät­te wohl nicht die­sen Ver­lag gefun­den. Ich emp­fand das text­li­ch vor allem also als recht kru­de Mischung aus sehr per­sön­li­chem Erle­ben und Künst­ler­bio­gra­phie mit Beto­nung des Auto­di­dak­ten­tums und der Unwahr­schein­lich­keit des Gelin­gens, dem Hän­gen­blei­ben im Dazwi­schen (zwi­schen Wel­ten) sowie Erläu­te­rung der Ent­ste­hungs­zu­sam­men­hän­ge und Bedeu­tung der eige­nen Wer­ke. Kru­de wirkt das vor allem, weil es so chao­ti­sch erzählt ist, ohne erkenn­ba­re Abfol­ge oder Zusam­men­hän­ge, in Fet­zen fast. Oeh­ring betont dabei auch ger­ne und wie­der­holt die von ihm erleb­te Wucht der Erfah­rung von Neu­em, ins­be­son­de­re von Kunst – also Oper, Musik, Pop und so wei­ter. Das wird dann aber von ihm immer wei­der mit sehr all­ge­mei­nen Beob­ach­tun­gen und künst­le­ri­schen Arbei­ten (vor allem Aus­schnit­ten aus den Tex­ten sei­ner Kom­po­si­tio­nen) gemischt. Und so ekkle­ti­zis­ti­sch Oeh­ring sich im Hören gibt (von Schön­berg bis Depe­che Mode rei­chen unge­fähr sei­ne Vor­lie­ben), so unein­heit­li­ch ist auch sei­ne Spra­che – oft sehr höl­zern, manch­mal sti­lis­ti­sch aus­ge­spro­chen unge­lenk, an ande­ren Stel­len aber auch sprü­hend vor Begeis­te­rung.

Richard Ale­wyn, Karl Sälz­le: Das gro­ße Welt­thea­ter. Die Epo­che der höfi­schen Fest in Doku­ment und Deu­tung. Ham­burg: Rowohlt 1959. 134 Sei­ten.

Das große WelttheaterDie­se klas­si­sche Dar­stel­lung der Epo­che des Barocks als Zeit­al­ter des Fes­tes war­te­te schon län­ger auf mei­ne Lek­tü­re. Im ers­ten Teil bie­tet Ale­wyn hier eine über­sicht­li­che Mor­pho­lo­gie des baro­cken Fes­tes, die – so weit ich das über­bli­cke – gelun­gen auf grund­le­gen­de Züge abs­tra­hiert, aber das mit Bei­spie­len reich­hal­tig demons­triert. Dem schließt er eine nähe­re Betrach­tung der Ele­men­te des Fes­tes im Baro­ck an (die vor allem das Thea­ter aus­führ­li­ch wür­digt) und auch eine Situ­ie­rung des baro­cken Fes­tes im Leben & Geselllschaft. Hier spürt man viel­leicht am deut­lichs­ten das Alter des Tex­tes. Bei der Abgren­zung zum „Volk“ etwa – davon hat Ale­wyn kaum einen Begriff, ihn inter­es­sie­ren die offen­sicht­li­chen Quel­len – und die sind aus adli­gen Krei­sen oder beschrei­ben zumin­dest vor allem den Adel. Dem­entspre­chend kon­zen­triert er sich ganz stark auf die­se „wich­ti­ge“ Schicht – was sich in die­sem Unter­su­chungs­zu­sam­men­hang sach­li­ch ja auch weit­ge­hend recht­fer­ti­gen lässt -, der Rest ist allen­falls Staf­fa­ge.

Der zwei­te Teil des Taschen­buchs fügt dem dann noch eini­ge Beschrei­bun­gen gro­ßer Fes­te des Barocks an, die lei­der nicht vor­wie­gend Quel­len sind, son­dern in der Haupt­sa­che Quel­len­pa­ra­phra­sen (was inso­fern ver­ständ­li­ch ist, als die baro­cken Fest­be­schrei­bun­gen natür­li­ch baro­ck sind – d.h. unse­ren heu­ti­gen Lese­ge­wohn­hei­ten viel­leicht ein wenig zu aus­führ­li­ch …).

Die Geschich­te des höfi­schen Fes­tes, eines der glän­zends­ten Kapi­tel abend­län­di­scher Kul­tur­ge­schich­te, war­tet umge­schrie­ben und kaum gese­hen der Auf­er­ste­hung aus den Grüf­ten unse­rer Archi­ve und gra­phi­schen Samm­lun­gen. Es fehlt nicht an der Samm­lung und Kata­lo­gi­sie­rung die­ser Schät­ze, aber es fehlt an jeder geis­ti­gen Ord­nung und Deu­tung. (16)

Ein jedes Zeit­al­ter schafft sich ein Gleich­nis, durch das es im Bild sei­ne Ant­wort gibt auf die Fra­ge nach dem Sinn des Lebens und in dem es den Schlüs­sel aus­lie­fert zu sei­nem Geheim­nis. Die Ant­wort des Baro­ck lau­tet: Die Welt ist ein Thea­ter. Groß­ar­ti­ger kann man viel­leicht von der Welt, aber schwer­li­ch vom Thea­ter den­ken. Kein Zeit­al­ter hat sich mit dem Thea­ter tie­fer ein­ge­las­sen als das Baro­ck, kei­nes hat es tie­fer ver­stan­den. In kei­nem Stoff aber auch hat das Baro­ck sich völ­li­ger offen­bart als im Thea­ter. Es hat das Thea­ter zum voll­stän­di­gen Abbild und zum voll­kom­me­nen Sinn­bild der Welt gemacht. (48)

Andre­as Alt­mann: Die lich­ten Lie­der der Bäu­me lie­gen im Gras und schei­nen nur so. Leip­zig: Poe­ten­la­den 2014. 101 Sei­ten.

Altmann, Die lichten LiederDas Mot­to stellt gleich wich­ti­ge Ele­men­te des sehr fas­zi­nie­ren­den Gedicht­ban­des von Alt­mann vor: 

erin­ne­run­gen häu­ten sich. immer wie­der / stel­len sie mir ihre kör­per in die spie­gel.

heißt es da: Erin­ne­run­gen, Kör­per, auch die Kör­per­lich­keit der Erinnerung(en) sowie Spie­gel und Selbst­be­trach­tun­gen durch­zie­hen als Moti­ve vie­le der Gedich­te. Gera­de der Aspekt des Zusam­men­hangs von Erin­ne­rung und Geschich­te schlägt sich bei Alt­mann oft nie­der. Das sind kon­kre­te (teil­wei­se sogar sehr kon­kre­te!), streng öko­no­mi­sch „erzähl­te“ Sze­nen und klei­ne Geschich­ten, die mit spar­sa­men Hin­wei­sen auf ihre geschicht­li­che Situ­ie­rung über das eigent­li­ch Erzähl­te ger­ne hin­aus­wei­sen. Dafür reicht manch­mal schon ein ein­zel­nes Wort – „Grenz­weg“ zum Bei­spiel situ­iert das Gedicht zeit­li­ch und ört­li­ch an der inner­deut­schen Gren­ze. Trotz­dem neigt Alt­mann dazu, sei­ne Lyrik prä­sen­ti­sch zu prä­sen­tier­ten, als ob sie ohne Zeit wäre: „… aus der zeit fällt. die wun­den sind leer.“ heißt es ein­mal. (11)

Sei­ne kon­kre­te, auf der Ebe­ne der Lexik gera­de­zu all­täg­li­che Spra­che ver­bin­det sich zu star­ken Bil­dern, die gera­de durch ihre Genau­ig­keit und Schlicht­heit wirk­mäch­tig sind. Dabei füh­len sich vie­le sei­ner Gedich­te, die auch immer wie­der die Natur an den Kul­tur­rän­dern, an den Schnitt­stel­len zwi­schen mensch­li­chen Arte­fak­ten und „rei­ner“ Natur evo­zie­ren, sehr men­schen­leer an, obwohl das „Ich“ – aller­dings bevor­zugt im spie­gel – durch­aus vor­kommt. Prä­gen­der sind aller­dings die (Natur-)Räume mit Schnee (auch Regen) und ihrem spe­zi­el­len Licht, die „geschich­te im land­schafts­park“ (16) oder die „ana­to­mie der erin­ne­rung“ (22).

In den oft stil­len, unauf­ge­reg­ten Gedich­ten schwingt immer eine gewis­se, star­ke Leich­tig­keit mit, eine schein­ba­re Natür­lich­keit der Spra­che, wie sie im immer wie­der vor­kom­men­den Bild der Feder sich typi­sch mani­fes­tiert. Die Feder ist auch inhalt­li­ch ganz tref­fend: Als Rest eines Leben­we­sens, als Stell­ver­tre­ter, zugleich aber auch eine Wun­de (hin­ter­las­send), dabei sich schwe­bend fort­be­we­gend (kein eigent­li­ches flie­gen …), ziel­los, unge­steu­ert und unregel-/steuerbar, zugleich Teil der Land­schaft (der Natur) und der/ihrer Geschöp­fe.

… die geräu­sche in der land­schaft / sind blind. ich tast mich an wor­t­en durch / die gedächt­nis­räu­me. … (26)

Nina Buß­mann: Gro­ße Feri­en. Ber­lin: Suhr­kamp 2012. 200 Sei­ten.

Bußmann, Große FerienBuß­manns Roman ist ein schö­nes, inten­si­ves Kam­mer­spiel der Moral. Der Text lebt stark von sei­ner geschick­ten Infor­ma­ti­ons­ver­ga­be, der all­mäh­li­chen, immer wie­der durch Abschwei­fun­gen, Ablen­kun­gen und Sprün­ge unter­bro­che­nen Auf­klä­rung des Lesers – die übri­gens bis zum Schluss nicht voll­stän­dig geschieht. Aber wie immer gilt ja: Der Pro­zess ist meis­tens inter­es­san­ter als das Erge­be­nis. Hier geht es um einen älte­ren Leh­rer und sein Ver­hält­nis zu einem begab­ten Schü­ler, das zu einem Eklat – dem „Vor­fall“ – sich stei­gert und dar­in aber auch, gemein­sam mit der Sicher­heit des Gewis­sens, der Wahr­neh­mung (und der Anstel­lung) des Leh­rers, der kei­nen Vor­na­men hat, sei­nen Schluss fin­det. Ent­we­der ist das ein gewal­ti­ger Kli­max, der sich in einer Ohr­fei­ge ent­lädt – oder eben nicht, weil die Ohr­fei­ge aus­bleibt, mit ihr aber eben auch die Ori­en­tie­rung im Leben und der Moral, im Wis­sen um Gut und Böse, Fal­sch und Rich­tig. Und das ist eben das zen­tra­le Schei­tern Schramms, der Haupt­fi­gur:

Sie sind Leh­rer, Sie müs­sen die Din­ge klä­ren und nicht ein Geheim­nis dar­aus machen. (129)

Buß­mann erzählt das in einem sehr schö­nen, stän­dig flie­ßen­den Wech­sel im Hin und Her zwi­schen der Gegen­wart (dem Sor­gen um den Gar­ten, die Befrei­ung der Auf­fahrt vom Unkraut – wun­der­bar, wie gen­au und prä­zi­se Buß­mann das schil­dern kann!) und der Vor­ge­schich­te, dem Her­an­tas­ten an den „Vor­fall“. Die genaue Beob­ach­tung und Wahr­neh­mung der Umge­bung (der Umwelt) durch die Augen Schramms spielt eine wesent­li­che Rol­le gera­de weil sie in der erzähl­ten Zeit, die bru­tal ver­lang­samt erscheint, kon­tras­tiert mit der Unge­wiss­heit in im wei­tes­ten Sin­ne mora­li­schen Fra­ge.

Gefal­len hat mir aber auch die Viel­falt der erzähl­ten Aspek­te. Eine Rol­le spie­len unter ande­rem auch noch das memen­to mori für die Mut­ter, der Vater als Pro­blem­fi­gur der Ver­gan­gen­heit und Vikktor als undurch­schau­ba­rer Bru­der (der ein­mal sogar als Ter­ro­rist ver­mu­tet wird) … Auch sti­lis­ti­sch hat Buß­mann mit ihren gesta­pel­ten Sät­ze eine pas­sen­de Form gefun­den: Die Sät­ze sind ein­fach nie fer­tig, nie abge­schlos­sen, immer wie­der gibt es wie nach­träg­li­ch ein­ge­füg­te, ein­ge­scho­be­ne Ergän­zun­gen, Prä­zi­sie­run­gen, Erwei­te­run­gen, die als sol­che eben über­deut­li­ch kennt­li­ch blei­ben, was zu einer frag­men­tier­ten Syn­tax, einer per­ma­nen­ten Sto­ckung und Unter­bre­chung führt (und das Lesen dadurch bewusst ver­lang­samt …):

Zwan­zig Jah­re oder län­ger hat­te er dort ver­bracht, im Hin­ter­land, in einem von allen Ver­kehrs­we­gen abge­schie­de­nen Berg­dorf, und auch wenn es dar­um für einen Dok­tor nie gereicht hat­te, war er jeden­falls, ent­ge­gen allen Erwar­tun­gen, Arzt gewor­den, ein rich­ti­ger, wahr­schein­li­ch nicht ein­mal ein schlech­ter Arzt. (145)

Ein sehr klu­ges, schö­nes und lesen­wer­tes Buch.

Alex­an­der Schim­mel­bu­sch: Die Mur­au Iden­ti­tät. Ber­lin: Metro­lit 2014. 206 Sei­ten.

Schimmelbusch, Murau IdentitätDie Mur­au Iden­ti­tät (sic, der Autor schreibt das – wohl in Anleh­nung an die „Bour­ne Iden­ti­ty“ – ohne not­wen­di­gen Bin­de­strich) ist lei­der doch ein ziem­li­ch lang­wei­li­ges Buch. Hin­ter der „Mur­au-Iden­ti­tät“ ver­birgt sich ein unto­ter Tho­mas Bern­hard, der ein­fach wei­ter lebt (war­um, wird nicht so recht klar), was wir aus „Rei­se­be­rich­ten“ sei­nes Ver­le­gers, die dem Erzäh­ler zuge­spielt wer­den, erfah­ren. Das ist natür­li­ch eine Stil­ko­pie Tho­mas Bern­hards, auch in den Rants, die ver­su­chen, Bern­hard zu imi­tie­ren – aber lei­der nur eine mäßi­ge, in der Regel bleibt es flach, niveau­los und vor allem völ­lig banal. Wahr­schein­li­ch ist das Bern­hard-Imi­tat immer nur bein ers­ten Mal über­haupt inter­es­sant … Manch­mal blitzt immer­hin etwas Witz (und ganz sel­ten auch Esprit) hin­durch, eini­ge schö­ne Absur­di­tä­ten hat zusam­men mit viel Leer­lauf auch ein­ge­streut. Irgend­wie scheint mir das Ziel eine Mischung aus gewe­sen zu sein. Lei­der bleibt der Text aber eine bloß not­dürf­ti­ge zusam­men­ge­stop­pel­te Rah­men­hand­lung für die fünf Berich­te des „Ver­le­gers“ zum Unto­ten Tho­mas Bern­hard (und sei­nem Roman­pro­jekt Àni­ma Negra über die posi­ti­ven Sei­ten der Ehe & Fami­lie) – viel mehr als die­se Idee ist in den 200 Sei­ten ein­fach nicht drin.

Sprache und die Unmöglichkeiten ihrer Kritik

so, der nach­trag vom wochen­en­de. mei­ne haupt­lek­tü­re: das neu­es­te buch von die­t­er e. zim­mer: spra­che in zei­ten ihrer unver­bes­ser­lich­keit. ham­burg: hoff­mann und cam­pe 2005. ins­ge­samt nicht ganz so erquick­li­ch wie ich es mir erhoff­te.
grund­sätz­li­ch hat er ja die rich­ti­gen ide­en, ins­be­son­de­re im ers­ten kapi­tel zu den grund­säzt­li­chen mög­lich­kei­ten der sprach­kri­tik – auch wenn das arg aus­schwei­fend und pene­trant red­un­dant for­mu­liert ist. spä­ter frei­li­ch krankt sei­ne dar­stel­lung – und auch schon sein gedan­ken­gang – v.a. zum pri­va­ten schrift­li­chen all­tags­deut­sch an einem abso­lut untaug­li­chen kor­pus (nur inter­net-quel­len, noch dazu sol­che wie ebay-auk­tio­nen…) und sei­ner wie­der­um weit aus­ho­len­den, aber arg ein­sei­ti­gen dis­kus­si­on des anglizismen-„problems“.

im zen­trum (auch ganz pro­fan in der mit­te des buches) des gan­zen steht sicher nicht zufäl­lig die recht­schrei­bung und ihre reform inklu­si­ve der aus­ufern­den debat­te dazu und über­haupt die reform­fä­hig­keit von recht­schreib­vor­schrif­ten. hier hat zim­mer durch­aus ver­nünf­ti­ge vor­schlä­ge – was vor allem an sei­ner dezi­diert prag­ma­ti­schen aus­rich­tung liegt. reform soll­te schon mal sein, aber vor allem ein wenig bes­ser durch­dacht, kon­se­quen­ter und auch jetzt noch mit eini­gen modi­fi­ka­tio­nen – etwa bei der von zim­mer abge­lehn­ten, sinn­wid­ri­gen und unäs­the­ti­schen mecha­ni­schen tren­nung sowie natür­li­ch bei der getrennt- und zusam­men­schrei­bung.
der gesam­te zwei­te teil dient vor allem zwei zwecken: der offi­zi­el­le grund ist wohl, zu zei­gen, dass gro­ße tei­le der lin­gu­is­tik aus fal­schen grün­den die sprach­kri­tik ableh­nen. der eigent­li­ch grund scheint aber eher zu sein: seht her, das habe ich alles gele­sen, das ken­ne und beherr­sche ich alles. zim­mer bedient sich dafür äußrst groß­zü­gig am buf­fet der sprach­wis­sen­schaft, lässt aber auch ganz gro­ße berei­che ein­fach außer acht, scheint sie noch nicht ein­mal zu ken­nen. das betrifft vor allem neue­re theo­ri­en sowohl der gram­ma­tik (natür­li­ch nimmt er von der opti­ma­li­täts­theo­rie kei­ne notiz), aber auch fast die kom­plet­te, inzwi­schen ja sehr expe­ri­men­tell aus­ge­rich­te­te, psy­cho­lin­gu­is­tik wür­digt er kei­nes bli­ckes. ent­spre­chend alt­ba­cken und mager sind die ergeb­nis­se. über das niveau der ein­füh­rungs-pro­se­mi­na­re kommt er kaum her­aus. und auch da beschränkt er sich schon außer­or­dent­li­ch stark: auf­grund sei­nes ver­ständ­nis­ses von sprach­kri­tik (das er so frei­li­ch nie expli­ziert) als kri­tik v.a. der wort-seman­tik und des „rich­ti­gen“ gebrauchs der wör­ter, mit ein wenig syn­tax dazu, lässt er gro­ße tei­le der sprach­wis­sen­schaft außer acht, u.a. eben die tei­le der seman­tik, die über das ein­zel­ne wort hin­aus­ge­hen – das, was ja erst so rich­tig span­nend wird…

er bemüht sich sehr, die neu­tra­li­tät der lin­gu­is­tik zurück­zu­wei­sen – aller­dings aus fal­schen grün­den. im kern behaup­tet zim­mer näm­li­ch, die lin­gu­is­tik sei ideo­lo­gi­sch kon­ta­mi­niert und des­halb nicht wil­lens, sprach­kri­tik zu betrei­ben. das macht er vor allem am nati­vis­mus der (post-)chomsky’schen aus­prä­gung fest, den er aber sehr ent­stellt und längst nicht mit sei­nen aktu­el­le­ren ent­wick­lun­gen vor­stellt. wenn er etwa viel mühe dar­auf ver­wen­det, zu zei­gen, dass lexi­ka nicht ange­bo­ren sein kön­nen, weil dafür gar nicht genug „spei­cher­platz“ in den genen sei, zeigt er vor allem, wie wenig er ver­stan­den hat. denn wenn ich recht sehe, glaubt das doch sowie­so nie­mand mehr – es geht doch gera­de dar­um, dass die zugrun­de­lie­gen­den struk­tu­ren gene­ti­sch ver­mit­telt wer­den und dann mit­tels des inputs „gefüllt“ wer­den. das ist alles umso erschre­cken­der, als zim­mer gera­de den lin­gu­is­ten fal­sche und ideo­lo­gi­sche moti­vier­te schluss­fol­ge­run­gen vor­wirft – sei­ne eige­nen schlüs­se erschei­nen mir aber wesent­li­ch fahr­läs­si­ger und ein­sei­ti­ger. das pro­blem der ver­er­bung bzw. der ent­wick­lung eines „sprach­gens“ scheint mir gar nicht so sehr ein pro­blem zu sein: es wur­de inzwi­schen ja durch­aus gezeigt, dass kom­ple­xe sys­tem sich der­art ent­wi­ckeln kön­nen – das bes­te bei­spiel dafür ist ja das auge (womit die krea­tio­nis­ten ja so ger­ne argu­men­tie­ren). aber so etwas nimmt zim­mer genauso wenig zur kennt­nis wie neue­re for­schun­gen zur evo­lu­tio­nä­ren lern­bar­keit von spra­che, die in expe­ri­men­ten (mit algo­rith­men etc.) ja inzwi­schen durch­aus gesi­chert ist.

lass dei­ne spra­che nicht allein“ ist zim­mers fazit – damit hat er ja recht. nur sei­ne grün­de sind lei­der die fal­schen. denn die lin­gu­is­ten dür­fen das durch­aus – und zwar gen­au so, wei bio­lo­gen nicht natur­schüt­zer sein müs­sen.