Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: kultur

Ins Netz gegangen (2.5.)

Ins Netz gegan­gen am 2.5.:

Ins Netz gegangen (21.8.)

Ins Netz gegan­gen am 21.8.:

  • 1628 Wertheim | ein his­to­ri­ographis­ches Blog — Robert Meier, Archivar im Staat­sarchiv Wertheim, schreibt aus den Quellen über die Ereignisse in Wertheim in den Jahren 1628 und 1629
  • Som­mer­lochtage­buch. Bad Blog goes dai­ly. | Bad Blog Of Musick — Moritz Eggert kotzt sich in das Som­mer­loch ein biss­chen aus. Lei­der ist da trotz des wun­der­baren Zynis­mus viel Wahres dran an dem, was er über Kul­tur­ab­bau, ‑kürzun­gen und ‑einsparun­gen schreibt.

    So unre­al­is­tisch ist das gar nicht. Nach neuesten wis­senschaftlichen Erken­nt­nis­sen wird die gesamte klas­sis­che und zeit­genös­sis­che Musik im Jahr 2100 nur noch aus einem einzi­gen Stück beste­hen: Rav­els „Bolero“. Dieser läuft äußerst erfol­gre­ich auf der ganzen Welt in soge­nan­nten „Beis­chlafau­di­to­rien“ (denn allein die Musik zu hören ist den Men­schen dann zu lang­weilig). Fol­gerichtig gibt es in Deutsch­land nur noch eine einzige Musikhochschule (in Warnemünde) in der die ca. 80 Stu­den­ten ler­nen, wie man den „Bolero“ spielt. Die anderen 80 spie­len ihn, im let­zten verbliebe­nen deutschen Orch­ester (Gevels­berg­er Phillies).

  • Rüs­tung­spro­jekt Euro Hawk: Ein Traum von ein­er Drohne | ZEIT ONLINE — Die “Zeit” hat die Unter­la­gen der Unter­suchungsauss­chuss­es zum Drohnen-Fiasko aus­gew­ertet (alle 372 Aktenord­ner liegen ihr vor … — und wur­den als (schlechte) Scans in der­doc­u­ment­cloud teil­weise schon veröf­fentlicht: http://preview.tinyurl.com/drohnendok) und fängt an, die ganze Geschichte zu beschreiben. Das geht heute so los:

    Das Desaster um die Aufk­lärungs­drohne Euro Hawk war von Anfang an abse­hbar. Schon vor zehn Jahren kan­nten die Ver­ant­wortlichen alle Prob­leme. Doch sie woll­ten die Drohne.

    … und sie soll­ten sie bekom­men — nur halt, ohne damit etwas anfan­gen zu kön­nen. Und klar ist auch jet­zt schon: Das Sys­tem der Beschaf­fung und das Min­is­teri­um sind offen­bar poli­tisch nicht mehr zu steuern und zu kon­trol­lieren …

  • Überwachung: NSA kann drei von vier E‑Mails mitle­sen | ZEIT ONLINE — Die “Zeit” weist auf einen im Wall Street Jour­nal erschienen Artikel hin, der deut­lich macht, wie weit die Möglichkeit­en der NSA wirk­lich gehen:

    Die NSA kann bis zu 75 Prozent des Inter­netverkehrs überwachen, der durch die USA läuft.

Kulturnation

Jan­u­ar 2010 — Deutsch­land senkt die Mehrw­ert­s­teuer für Hotelüber­nach­tun­gen von 19 auf 7%.
Juni 2012 — Frankre­ich senkt die Mehrw­ert­s­teuer für Büch­er (wieder) von 7 auf 5,5%.

Weltmüller und andere Fast-Reportagen

Das ist ein wun­der­bares nettes kleines Buch, dieser Welt­müller von Frank Fis­ch­er.1 Der hat sich ja — zumb Beispiel in der eben­falls amüsan­ten “Zer­störung der Leipziger Stadt­bib­lio­thek im Jahr 2003” — schon öfters an kon­trafak­tis­chen Reporta­gen ver­sucht. Das ist nicht unbe­d­ingt wahnsin­nig gehaltvoll und tief­schür­fend, aber hochtra­bend unter­halt­sam. Dass wahrschein­lich kein Pub­likum der Welt den “Ham­let” so genau ken­nt, dass es genau fol­gen kann, wenn statt Men­schen Hunde auf der Bühne ste­hen und entsprechend kein einziges Wort gesprochen wird — geschenkt. Dass Godot in ein­er bahn­brechen­den Insze­nierung zwar mit “dem besten deutschsprachi­gen” Schaus­piel­er beset­zt wird, aber naturgemäß nicht auf­taucht, nicht ein­mal zum Schlus­sap­plaus, ist natür­lich an sich eine blasse Pointe. Aber darum alleine geht es Fis­ch­er ja nicht. Son­dern um die Mit­tel und Möglichkeit­en, solche (Nicht-)Ereignisse des Kul­turlebens zu beschreiben. Und das kann er richtig gut — ein­fach präzise unter­hal­tend näm­lich, in ein­er genau durchge­führten Stil­par­o­die. Mehr ist das ganze Büch­lein auch kaum. Aber das ist ja schon nicht wenig.

Der Witz bei den Erzäh­lun­gen hier ist natür­lich, dass sie zwar ein­er­seits absurd erscheinen, ander­er­seits als (fast?) real­is­tisch gel­ten müssen: Ohne Prob­leme kann man sich eine Godot-Insze­nierung vorstellen, bei der ein Godot beset­zt wird. Selb­stver­ständlich liegt es nicht außer­halb des Möglichen, das ein Kunst­werk qua­si im Moment des Entste­hens ver­waist, weil sein vorge­blich­er Schöpfer jede Beteili­gung leugnet und so eine “seman­tis­che Zeit­bombe” im öffentlichen Raum hin­ter­lässt — denn wenn nicht bekan­nt ist, wer das Kunst­werk (das spricht dem Pro­jekt übri­gens bei Fis­ch­er fast nie­mand ab) geschaf­fen hat, ist es auch nicht deut­bar.2 Schließlich muss der imag­inäre Jour­nal­ist Fis­ch­ers resümieren: “Man lässt das Werk nun doch ein­fach gewähren.” (81)

Das Chang­ieren zwis­chen unser­er “Real­ität” und kon­trafak­tis­chen Sit­u­a­tio­nen, denkbaren Ereignis­sen in möglichen Wel­ten zieht seinen Witz genau daraus, dass nicht immer auf den ersten Blick erkennbar ist, was Real­ität ist oder sein kann und was nur eine mögliche Vorstel­lung darstellt. Wer außer­dem noch Freude an Metaspielchen (aber ganz unaufgeregt, ohne großes The­o­retisieren) und Schlüs­sel­erzäh­lun­gen aus dem Kul­turbe­trieb hat und sich an den vorge­führten Hohlheit­en von man­nig­falti­gen Worthülsen aus diesem Sek­tor delek­tieren kann, der wird hier sicher­lich eine oder zwei vergnügliche Stun­den haben (übri­gens gibt es “Welt­müller” auch als preiswertes E‑Book).

Frank Fis­ch­er: Welt­müller. Berlin: Sukul­tur 2012. 120 Seit­en. ISBN 978–3‑941592–32‑2.

Show 2 foot­notes

  1. Aufmerk­sam gewor­den bin ich darauf im “Text & Blog”-Blog (hier), dann auch beim Begleitschreiben: klick.
  2. das ist natür­lich Quatsch … — aber weit ver­bre­it­er Blödsinn und deshalb hier glaub­würdig

Fanboy

Allein für diesen Kom­men­tar muss man Rainald Goetz doch lieben!
Der Umblät­ter­er hat­te zum 30jährigen Jubiläum der “Feuil­leton­manie” von Rainald Goetz, die — zumin­d­est in der für den Leser sicht­baren Form — mit ein­er Reportage (?) über Feuil­leton­is­ten im Transat­lantik von August 1981 begonnen hat, eine kleine (lobpreisende) Würdi­gung dieses “Unternehmens” (das ja eher einem Zwang/Drang zu entsprin­gen scheint als Über­legung, meint man manch­mal) geschrieben. Und Rainald Goetz hat kom­men­tiert. Unter anderem damit, mit einem kleinen aber bösen Seit­en­hieb auf die momen­tane Form des FAZ-Feuil­letons:

Über den aktuellen KITSCH der Faz-Kul­tur und ‑Lit­er­atur, den die dor­ti­gen Frauen Loven­berg, Mühl, Bopp, Kegel u.a. mit ihren Lebenser­fahrungs-bericht­en und tod­trau­ri­gen Spießerthe­o­rien über die FAMILLJE ver­bre­it­en, anstatt Büch­er zu besprechen, weil Büch­er dort pro­gram­ma­tisch nur noch bejubelt wer­den […]

Und mit ein­er kleinen Abwe­ichung zu Botho Strauß:

Botho »gle­ich­wohl« Strauß schreibt seine unschöne Erlesen­heitssprache, hat seine scheußlich erlese­nen Kitschgedanken auch deshalb, weil er zu wenig Feuil­leton liest. Er liest zu viel gehobe­nen Dreck, das ergibt im Resul­tat Kitsch.

Das ist doch — so neben­bei — ein­fach mal wieder her­rlich.

Kultur

„Am Anfang jed­er Kul­tur ste­ht die Unter­schei­dung und an ihrem Ende die Unfähigkeit dazu.“ (Hen­ning Rit­ter, Notizhefte, 106)

20 jahre upart in mainz: grund zum feieren. mit vandermark & brötzmann

Gemein­sames Musikhören und die dazu gehören­den Diskus­sio­nen waren und sind die Keimzelle dieses Vere­ins. Vor zwanzig Jahren fan­den sich einige Ide­al­is­ten zusam­men, um den Jazz, die freie impro­visierte Musik häu­figer nach Mainz zu brin­gen: Der Upart-Vere­in war gegrün­det. Im Kern ist das seit damals vor allem eine basis­demokratisch organ­isierte Vere­ini­gung von Ide­al­is­ten und Fans. Ange­fan­gen hat alles an der Uni­ver­sität, im Asta, der 1987 das erste „Akut-Fes­ti­val“ ver­anstal­tete. Und der harte Kern machte dann nach dem Ende des Studi­ums ein­fach weit­er – jet­zt eben als Vere­in. Die knapp zwanzig Mit­glieder – viel größer ist der Vere­in auch heute nicht, trotz des steti­gen Kom­mens und Gehens – über­nah­men das Akut-Fes­ti­val und führten es in Eigen­regie fort.
Das ist auch heute noch der Kern der Ver­anstal­tungsar­beit von Upart. Auch wenn sie vor eini­gen Jahren den schw­eren Entschluss fassen mussten, nur noch im zwei­jähri­gen Tur­nus große Namen der impro­visierten Musik nach Mainz zu holen. Das lag, natür­lich, am Geld: Das Pub­likum­sin­ter­esse an exper­i­menteller, freier Musik ist in den bei­den Dekaden deut­lich zurück­ge­gan­gen, wie Grün­dungsmit­glied Uwe Saß­mannshausen weiß: „Es ist nicht ein­fach­er gewor­den.“ Auch die Zuschüsse von Stadt und Land sind immer weit­er geschrumpft. Und doch machen sie immer weit­er, ver­sichtert Saß­mannshausen: „Wir sind halt unver­drossene Ide­al­is­ten. So lange es irgend­wie geht und wir noch Spaß daran haben, wird es Upart weit­er geben.“
Und das ist ein großes Glück für Mainz, wie man beim Jubiläum­skonz­ert in der Alten Patrone erfahren kon­nte. Dafür hat­te sich der Vere­in zwei große Meis­ter des zeit­genös­sis­chen Jazz geleis­tet: Den deutschen Sax­o­phon­is­ten Peter Brötz­mann und seinen amerikanis­chen Kol­le­gen Ken Van­der­mark. Zunächst vergnügten sich die bei­den Bläs­er im inti­men Duo. Aus­gerüstet mit ver­schiede­nen Sax­o­pho­nen und Klar­inet­ten stürzten sie sich ins Vergnü­gen – nicht nur für das Pub­likum, son­dern offen­bar auch für die bei­den Bläs­er. Mit großer, nie nach­lassender Inten­sität, wahnsin­nigem Ideen­re­ich­tum und natür­lich der ger­ade für Brötz­mann typ­is­chen unge­bändigten Energie.
In ganz andere Gefilde stürmte das Frame-Quar­tett, Van­der­marks Kern­truppe aus Chica­go mit Fred Lon­berg-Holm am elek­tro­n­isch ver­stärk­ten und gewan­del­ten Cel­lo, Nate McBride am eben­falls elek­tro­n­isch behan­del­ten Bass und Tim Daisy am – ganz klas­sis­chen – Schlagzeug. Mit ver­track­ten Arrange­ments, per Handze­ichen abgerufe­nen Schnit­ten, exper­i­men­tieren diese vier an der Gren­ze zwis­chen teil­weise notiert­er und impro­visiert­er Musik. Sie begin­nen mal mit verträumten Stre­ich­er-Intro, lassen krachende Gewit­ter fol­gen, unter­brechen das mit harten Beats oder syn­thetis­chem Gefrick­el aus den Effek­t­geräten – und sie find­en aus den unwegsam­sten Gebi­eten immer auf fast wun­der­same Weise wieder zusam­men. Mit solch­er Musik kann man zwar keine großen Massen anziehen, am immer­hin die Alte Patrone ganz gut füllen. Und Geld ver­di­enen muss Upart mit ihren Konz­erten ja nicht – der unschlag­bare Vorteil ehre­namtlich­er Ini­tia­tiv­en.

(mein text für die mainz­er rhein-zeitung. eine aus­führlichere betra­ch­tung des konz­ertes ste­ht schon seit vorgestern im blog.)

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