Für eine der größten Verwirbelungen der Sphären [öffentlich und privat] aber sorgt das Auto: Jede Fahrt mit dieser rollenden Privatkapsel wird zur temporären Enteignung, zur Kurzzeitverwandlung einer öffentlichen Fläche in eine semiprivate. Hanno Rauterberg, Wir sind die Stadt!, 48
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- re:publica 2016 – Richard Sennett: The City as an Open System → richard sennett sprach bei der re:publica sehr gut über open & smart cities, stadtentwicklung, grenzen und begegnungen
- Last Week Tonight with John Oliver: Scientific Studies (HBO) → John Oliver erklärt wissenschaftliche Studien und (Wissenschafts-)Journalismus
- Radwege: Jetzt geht es rund | ZEIT ONLINE → sehr schöner text über die absurdität und gewollt fakten-ignorierende und ‑verdrehende diskussion um die förderung von radverkehr in hamburg
Kaum eine Debatte wird so emotional geführt wie die um Radwege. In einer Straße in Wandsbek zeigt sich nun die gesamte Absurdität des Konflikts.
- The Absurd Primacy of the Automobile in American Life | The Atlantic → auch wenn’s (v.a. bei den zahlen) primär um die usa geht, gilt das im wesentlichen natürlich für alle entwickelten länder
But convenience, along with American history, culture, rituals, and man-machine affection, hide the true cost and nature of cars. And what is that nature? Simply this: In almost every way imaginable, the car, as it is deployed and used today, is insane.
- Literatur und Kapitalismuskritik: Das Geld verschlingt uns | NZZ → björn hayer in der nzz über die literatur (d.h. über vier texte) und den kapitalismus bzw. dessen kritik – er sieht da vor allem abstrakte schuld und schwarzmalerei, ihm fehlt sozusagen das positive …
Die Schriftsteller nehmen also ihre klassische Position als Mahner und Wächter der Moral ein. Doch wo sind die Akteure, die sie zu adressieren sich bemühen, in einem nebulösen System noch aufzuspüren?
[…] Sie verharren aber allein in Diagnosen, die Schuldfragen ins Nirgendwo verlagern und das Subjekt zur machtlosen Marionette degradieren.Ihre Literatur arrangiert sich mit einem gemütlichen Feindbild, das sie weiter aufbläst.
- Selected Stockhausen Scores → Beispielseiten/-ausschnitte aus Stockhausens Partituren
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- Controlling vehicle features of Nissan LEAFs across the globe via vulnerable APIs | Troy Hunt – nissan hat bei der programmierung seine elektroautos „leaf“ so richtig, richtig böse geschlampt – und bekommt es offenbar nicht hin, dass riesige sicherheitsloch zügig zu schließen …
- Andreas Scholl: „Männlichkeit bemisst sich an Dramatik“ | Frankfurter Rundschau – stefan schickhaus hat für die „fr“ mit dem fantastischen countertenor andreas scholl gesprochen.
Ein Abonnentenpublikum in der Oper ist nach wie vor oft vor den Kopf gestoßen, wenn ein Mann in Altlage singt. Weil ich ja immer schon auch im Popbereich gesungen habe, weiß ich: Die Ablehnung des Klassik-Publikums der hohen Männerstimme gegenüber war immer eine deutlich größere. Es ist zwar schon ein paar Jahre her, aber auch zu mir kam nach dem Konzert einer aus der Sponsorenreihe und erkundigte sich, ob ich eigentlich Kinder haben könnte. Das war humorvoll überspielt, drückte aber schon diese enorme Unsicherheit gegenüber dem Unbekannten aus. Zeugungsfähigkeit, Männlichkeit, Homosexualität, da wird dann alles zusammengemengt.
- Verlags-Monokultur beim «Literarischen Quartett»: In Kölner Hand | NZZ – rainer moritz in der „nzz“ über die seltsame nächste ausgabe des „literarischen quartetts“, wo nur bücher eines verlages (nämlich kiepenheuer & witsch) mit u.a. „kritikern“, die dort veröffentlichen, besprochen werden
- Tribalismus wird Alltag, wo Politik sich abwendet: Zur Eskalation in Clausnitz – Debatten – FAZ – etwas seltsame einschätzung der politischen lage von dietmar dath …
- Von totalitären Schäferhunden und libertären Mauerkaninchen | zeitgeschichte-online – Florian Peters zur durch die satire von „Christiane Schulte & Freund_innen“ angezettelte debatte über debattenkultur in geistes-/geschichtswissenschaften und die offenbar recht einfache möglichkeit, so einen hoax bei einer renommierten zeitschrift unterzubringen …
- Faust-Edition [beta] – die beta-version der im entstehen begriffenen (digitalen und analogen) faust-edition: „Die digitale Faust-Edition besteht aus einem Archiv der Handschriften und der zu Lebzeiten erschienenen textkritisch relevanten Drucke zum ‚Faust‘, einem Lesetext des ‚Faust I‘ und des ‚Faust II‘ sowie Visualisierungen zur Genese des Werks.“
- [toread] La Petite Musique de Marie Antoinette: Music for the Queens Theater (2006) –
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- Hiltibold: Wanderer zwischen Antike und Mittelalter: Das potemkinsche Dorf Campus Galli – Ein kritischer Jahresrückblick – hiltibold über die letzten entwicklungen am „campus galli“, wo angeblich versucht wird, den st. gallener klosterplan mit mittelalterlichen techniken und mitteln zu verwirklichen (tl,dr: viele verzögerungen, viele fehler und unsinnigkeiten, bisher noch so gut wie nichts geschafft von den großen zielen)
- Autodesign: Hübsch gefährlich | ZEIT ONLINE – Burkhard Straßmann über die – vor allem für andere Verkehrsteilnehmer, d.h. Fußgänger und Radfahrerinnen – gefährliche „Verpanzerung“ der Autos durch die Designentwicklungen der letzten Jahre/Jahrzehnte, die immer schlechtere Sichten für PKW-Fahrer produzieren
- Das grosse Universum | Schröder & Kalender – rainald goetz über jörg schröder, die bundesrepublik, das leben und die welt – ein eigentlich für den spiegel 1984 geschriebener text, dort nicht gedruckt, hier von schröder & kalender der mit- und nachwelt überliefert
In Wirklichkeit erlebt jeder vielen, täglich Neues. Weitergegeben jedoch, berichtet, erzählt, schrumpeln die meisten Leben auf ein trostlos Altbekanntes zusammen. Einfach weil es so schwierig ist, sich selbst zu glauben, dem, was man sieht, was man denkt. Und beim Zuhören, noch mehr beim Lesen von Schrift gewordenem erzähltem Leben befällt einen manische Traurigkeit, Schwäche, großes Mattsein und Schmerz.
Schröders Erzählen hingegen belehrt einen auf eine unschlagbar unterhaltsame, wahrhaft komische Weise, wie genau die Radikalität aussieht, die vom eigenen mickrigsten Kümmerlichkeitseckchen genauso unspektakulär spricht wie vom eigenen Größenwahn, und wie genau an diesem Punkt, wo alle Entlarvungs- und Selbstentlarvungsabsichten längst zu nicht verglüht sind, das Ich explodiert ins tröstlich Unbesondere, Allgemeine, Verwechselbare.
- Sachal Studios’ Take Five Official Video – nimm fünf! – geniale coverversion des dave brubeck/paul desmond-klassikers „take five“ mit dem pakistanischen sachal studio orchestra
- Debatte um Flüchtlinge: Deutsche Werte manipuliert – Kolumne – SPIEGEL ONLINE – die neue kolumne von margaret stokowski beim spiegel-online fängt gut an
Wie halten es diese Flüchtlinge mit der Gleichstellung Homosexueller? Und respektieren sie die Rechte der Frauen? Ausgerechnet Konservative machen sich darüber jetzt große Sorgen – dabei waren ihnen diese Themen bisher herzlich egal.
- dichterlesen.net – interessantes archiv, mit spannenden fundstücken und großem entdeckungspotenzial …
Dichterlesen.net ist ein gemeinsames Projekt des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) und des Deutschen Literaturarchivs Marbach (DLA) und seit dem 3. Oktober 2015 online. Gemeinsam haben es sich die kooperierenden Einrichtungen zum Ziel gesetzt, ihre Veranstaltungsmitschnitte aus einem halben Jahrhundert deutscher und internationaler Literaturgeschichte der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Das Herzstück des Projektes bildet das Online-Tonarchiv, in welchem die Audio-Aufnahmen literarischer Veranstaltungen (u.a. Lesungen, Diskussionen, Werkstattgespräche und Colloquien) der beteiligten Institutionen weltweit zum kostenfreien Nachhören angeboten werden. - Oliver Maria Schmitt Poschardts Kinder | TITANIC – Das endgültige Satiremagazin – oliver maria schmitt rechnet mit dem welt-feuilleton ab – sehr treffend, sehr gemein & sehr gut:
»Springerjugend« nannte die linke Lügenpresse seine Boys und Girls. »Hitlers Kinder«, so sann es in Poschardts Polo, so nannte man doch früher mal sozusagen metaphorisch die Deppen von der RAF. Kohls Kind, das war er im Prinzip selbst. Und Merkels Kinder, die schrieben ihm jetzt das Feuilleton voll. Die ehemals von den Linken monopolisierte Protest- und Randaliergeste war nun im rechten Mainstream angekommen, analysierte der Dr. die Gesamtlage auf den Straßen von Großberlin. Und recht eigentlich waren es doch seine Kinder. Ja, das war die Poschardtjugend, haha! Flink wie Schoßhunde, zäh wie Nappaleder und hart wie die Kronkorken von Club-Mate.
- Vorwürfe gegen von der Leyen: Ungelesene Doktorarbeiten? – sehr gute einordnung von jürgen kaube über das promotionswesen in deutschland, forschung, qualifikation, lesen und schreiben …
- NSU ǀ Geheime Kommunikation—der Freitag – der „Freitag“ über hinweise und indizien, dass der baden-württembergische nsu-ausschuss der exekutive – die er kontrollieren soll – hinweise auf aussagen und hinweisgeber weitergegeben hat.
- Der Bibliothekar als Gatekeeper der Wissenschaft | KSW Blog – michael knoche, direktor der herzogin-anna-amalia-bibliothek in weimar, über die notwendigkeit, auch heute unter bedinungen zumindest teilweiser elektronischer publikation, in forschungsbibliotheken noch/weiter sammlungen aufzubauen
- Wider die Aktengläubigkeit! Eine Lehrstunde bei Egon Bahr | Aktenkunde – die „Aktenkunde“ über das diffizile zusammenspiel von akten und memoiren von politikern, interessant dargestellt anhand egon bahrs:
Quellenkritisch ist das natürlich ein Problem, denn Zirkelschlüsse drohen. Vor allem müssen Historiker in der Lage sein, die den “Erinnerungen” zugrundeliegenden Unterlagen aktenkundlich einzuschätzen. Dazu erteilt Bahr in seinen Memoiren eine Lehrstunde: 1968 führte er als Planungsstabschef des Auswärtigen Amts in Wien ein vertrauliches Sondierungsgespräch mit dem polnischen Geschäftsträger in Österreich, Jerzy Raczkowski. Um dieses Gespräch in seinen Memoiren darzustellen, hatte Bahr in einem seltenen Glücksfall nicht nur seinen eigenen Gesprächsvermerk zur Hand, sondern auch den seines polnischen Gegenübers.
- Apfelernte: Ohne Streuobstwiesen keinen Apfelwein
- Rebuilding Berlin’s Stadtschloss is an Act of Historical Whitewashing | The Maybachufer – sehr richtig (und passiert leider nicht nur in berlin):
By rebuilding the Stadtschloss in place of the Palast der Republik, Berlin is airbrushing its own history. East Germany happened. Physically removing the evidence of it from the heart of Berlin, replacing it with what was there before, pretending it was never there, is disingenuous and it is dangerous.
itstartedwithafight hat einen schönen fernsehbeitrag des br von 1964 gefunden und weist zu recht darauf hin, dass sich in den jahrzehnten seitdem wenig geändert hat:
Beim Klicken auf das und beim Abspielen des von YouTube eingebetteten Videos werden (u. U. personenbezogene) Daten wie die IP-Adresse an YouTube übertragen.
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- «Digital Humanities» und die Geisteswissenschaften: Geist unter Strom – NZZ Feuilleton – sehr seltsamer text von urs hafner, der vor allem wohl seine eigene skepsis gegenüber „digital humanities“ bestätigen wollte. dabei unterlaufe ihm einige fehler und er schlägt ziemlich wilde volten: wer „humanities“ mit „humanwissenschaften“ übersetzt, scheint sich z.b. kaum auszukennen. und was die verzerrende darstellung von open access mit den digital humanities zu tun hat, ist auch nicht so ganz klar. ganz abgesehen davon, dass er die fächer zumindest zum teil fehlrepräsentiert: es geht eben nicht immer nur um close reading und interpretation von einzeltexten (abgesehen davon, dass e‑mailen mit den digital humanities ungefähr so viel zu tun hat wie das nutzen von schreibmaschinen mit kittler’schen medientheorien …)
- Lyrik: Reißt die Seiten aus den Büchern! | ZEIT ONLINE – nette idee von thomas böhm, die lyrik zu vereinzeln (statt in lyrikbänden zu sammeln), das gedicht als optisches sprachkunstwerk zu vermarkten (auch wenn ich seine argumentationen oft überhaupt nicht überzeugend finde)
- Einsam auf der Säule « Lyrikzeitung & Poetry News – gute kritikkritik zur besprechung des aktuellen „Jahrbuchs für Lyrik“ in der „zeit“, die auch mich ziemlich verwundert hat.
Unterscheidung, Alternativen, Schwerpunktsetzung? Fehlanzeige. Rez. zieht es vor, sich als scharfe Kritikerin zu inszenieren, jede Differenzierung schwächte das Bild nur. Lieber auf der Schulter von Riesen, hier neben Krüger, Benn & Co. vor allem Jossif Brodsky, auf die behauptet magere deutsche Szene herabblicken. Einsam ist es dort oben auf der Säule!
- Verkehrssicherheit: Brunners letzte Fahrt | ZEIT ONLINE – sehr intensive reportage von henning sussebach über die probleme der/mit alternden autofahrern (für meinen geschmack manchmal etwas tränendrüsig, aber insgesamt trotzdem sehr gut geschrieben)
Urlaubszeit in Deutschland, Millionen Reisende sind auf den Straßen. Da biegt ein 79-Jähriger in falscher Richtung auf die Autobahn ein – fünf Menschen sterben. Ein Unglück, das zu einer brisanten Frage führt: Kann man zu alt werden fürs Autofahren?
- Lyrik und Rap: Die härteste Gangart am Start | ZEIT ONLINE – uwe kolbe spricht mit mach one (seinem sohn) und konstantin ulmer über lyrik, raps, rhythmus und themen der kunst
Dass ich mit meinen Gedichten kein großes Publikum erreiche, ist für mich etwas, worunter ich selten leide. Ich möchte das, was ich mache, auf dem Niveau machen, das mir vorschwebt. Dabei nehme ich auch keine Rücksicht mehr. Ich gehe an jeden Rand, den ich erreichen kann.
- Rainald Goetz: Der Weltabschreiber | ZEIT ONLINE – sehr schöne und stimmende (auch wenn das theater fehlt …) würdigung rainald goetzes durch david hugendick anlässlich der bekanntgabe, dass goetz diesjähriger büchner-preis-träger wird
Die einzige Reaktion auf die Zudringlichkeit der Welt kann nur in deren Protokoll bestehen, die zugleich ein Protokoll der eigenen Überforderung sein muss.
- „Panoramafreiheit“: Wider den Urheberrechts-Extremismus – Süddeutsche.de – leonhard dobusch zum versuch, in der eu das urheberrecht noch weiter zu verschärfen:
Wir alle sind heute ein bisschen wie Lichtenstein oder Warhol. Wir erstellen und teilen ständig Fotos und Videos, in denen Werke anderer vorkommen. Zeit, dass das Urheberrecht darauf eingeht.
- Stravinsky’s Illegal “Star Spangled Banner” Arrangement | Timothy Judd – ich wusste gar nicht, dass es von strawinsky so ein schönes arrangement der amerikanischen hmyne gibt. und schon gar nicht, dass die angeblich verboten sein soll …
- Essay Griechenland und EU: So deutsch funktioniert Europa nicht – taz.de – ulrich schulte in der taz zu griechenland und der eu, mit vielen sehr guten und treffenden beobachtungen & beschreibungen, unter anderem diesen
Von CSU-Spitzenkräften ist man inzwischen gewohnt, dass sie jenseits der bayerischen Landesgrenze so dumpf agieren, als gössen sie sich zum Frühstück fünf Weißbier in den Hals.
[…] Das Charmante an der teils irrlichternden Syriza-Regierung ist ja, dass sie eingespielte Riten als nackt entlarvt. - Sich „konstruktiv verhalten“ heißt, ernst genommen zu werden | KRZYSZTOF RUCHNIEWICZ – Stellungnahme ehemaliger Mitgliedern des Wissenschaftlich Beraterkreises der (sowieso übermäßig vom Bund der Vertreibenen dominierten) Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung zur Farce der Wahl des neuen Direktors unter Kulturstaatsministerin Monika Grütters
- Konsum: Kleine Geschichte vom richtigen Leben | ZEIT ONLINE – marie schmidt weiß nicht so recht, was sie von craft beer, handgeröstetem kaffee und dem ganzen zelebrierten super-konsum halten soll: fetisch? rückbesinnung alte handwerkliche werte? oder was?
- Alle Musik ist zu lang – wunderbare überlegungen von dietmar dath zur musik, der welt und ihrer philosophie
Alle bereits vorhandene, also aufgeschriebene oder aufgezeichnete Musik, ob als Schema oder als wiedergabefähige Aufführung erhalten, ist für Menschen, die heute Musik machen wollen, zu lang, das heißt: Das können wir doch nicht alles hören, wir wollen doch auch mal anfangen. Wie gesagt, das gilt nicht nur für die Werke, sondern schon für deren Muster, Prinzipien, Gattungen, Techniken.
[…] Musik hält die Zeit an, um sie zu verbrauchen. Während man sie spielt oder hört, passiert alles andere nicht, insofern handelt sie von Ewigkeit als Ereignis- und Tatenlosigkeit. Aber beide Aspekte der Ewigkeit, die sie zeigt, sind in ihr nicht einfach irgendwie gegeben, sie müssen hergestellt werden: Die Ereignislosigkeit selbst geschieht, die Tatenlosigkeit selbst ist eine musikalische Tat. - Literaturblogs are broken | The Daily Frown – fabian thomas attestiert den „literaturblogs“ „fehlende Distanz, Gefallsucht und Harmlosigkeit aus Prinzip“ – und angesichts meiner beobachtung (die ein eher kleines und unsystematisches sample hat) muss ich ihm leider zustimmen.
- Interview ǀ „Ent-identifiziert euch!“—der Freitag – großartiges gespräch zwischen harald falckenberg und jonathan meese über wagner, bayreuth, kunst und den ganzen rest:
Ja, ich hab total auf lieb Kind gemacht. Ich merkte ja schon, dass ich im Wagner-Forum so als Monster dargestellt wurde. Ich bin kein Monster. Ich wollte das Ding nur radikalisieren. Ich hab auf nett gemacht und so getan, als wäre ich gar nicht ich selbst. Was ich ja immer tue. Sei niemals du selbst. Keine Selbstsuche, bitte. Keine Pilgerfahrt. Keine Möncherei. Ich bin einfach wie ’n Spielkind da rangegangen, und ich dachte, jetzt geht’s ab.
[…] Kultur ist genauso beschissen wie Gegenkultur. Mainstream ist genauso beschissen wie Underground. Kultur und Gegenkultur ist das Gleiche. Politik kannst du nicht mit Kultur bekämpfen. Sondern nur mit Kunst. Du kannst nicht eine neue Partei gründen, weil sie genauso scheiße ist wie jede andere. Du kannst keine neue Religion gründen, weil sie genauso scheiße ist wie alle anderen. Du kannst keine neue Esoterik schaffen, weil sie genauso scheiße ist wie jede andere. Du kannst keine Spiritualität schaffen, die besser wäre als alle anderen.
Jede Partei ist gleich scheiße, jede Religion ist gleich zukunftsunfähig, jede Esoterik ist abzulehnen. Ich benutze Esoterik, aber ich identifiziere mich nicht damit. Ich identifiziere mich nicht mit Wagner, ich identifiziere mich nicht mit Bayreuth, ich identifiziere mich mit gar nichts.
Ent-identifiziert euch! Seid nicht mehr! Seid eine Nummer! Seid endlich eine Nummer!
Das ist geil. Seid kein Name! Seid kein Individuum! Seid kein Ich! Macht keine Nabelbeschau, keine Pilgerreise, geht niemals ins Kloster, guckt euch niemals im Spiegel an, guckt immer vorbei!
Macht niemals den Fehler, dass ihr auf den Trip geht, euch selbst spiegeln zu wollen. Ihr seid es nicht. Es ist nicht die Wichtigtuerei, die die Kunst ausmacht, sondern der Dienst an der Kunst. Die Kunst ist völlig frei. Meine Arbeit, die ist mir zuzuschreiben, aber nicht die Kunst. Die spielt sich an mir ab. - Eine Bemerkung zur Kompetenzorientierung by Fachdidaktik Deutsch -
»Faktenwissen« kommt nicht zuerst, wenn Kompetenzorientierung ernst genommen wird – Können kommt zuerst. Kompetenzorientierung bedeutet, die Lernenden zu fragen, ob sie etwas können und wie sie zeigen können, dass sie es können. Weil ich als Lehrender nicht mehr zwingend sagen kann, auf welchem Weg dieses Können zu erreichen ist. Dass dieses Können mit Wissen und Motivation gekoppelt ist, steht in jeder Kompetenzdefinition. Wer sich damit auseinandersetzt, weiß das. Tut das eine Lehrkraft nicht, ist das zunächst einfach einmal ein Zeichen dafür, dass sie sich nicht mit Kompetenzorientierung beschäftigt hat. Fehlt diese Bereitschaft, müssen zuerst die Voraussetzungen dafür geschaffen werden.
- Essay zum UN-Weltkulturerbe: Mord mit besten Absichten – taz.de -
Und immer noch drängeln die Städte, die Dörfer, die Regionen, dass sie ja als Erste einbalsamiert werden. Wie die Länder, die sich um Olympische Spiele bewerben, ohne sich klarzumachen, dass sie damit ihren Untergang heraufbeschwören wie Griechenland mit Athen.
- Wie man nicht für die Vorratsdatenspeicherung argumentiert | saschalobo.com – sascha lobo seziert den tweet von reinhold gall. wie (fast) immer exzellent. schade (und mir unverständlich), dass solche texte in den großen, publikumswirksamen medien keinen platz finden – warum steht das nicht im print-spiegel, der gedruckten faz oder süddeutschen?
- Sex (und gender) bei der Fifa | Männlich-weiblich-zwischen – ein schöner text zum problem der bestimmung des geschlechts, des biologischen, wie es die fifa versucht – nämlich über den testosteron-spiegel. mit dem (inzwischen erwartbaren) resultat: so kann man das jedenfalls nicht machen.
an darf also vermuten und hoffen, dass auch diese Definition von sex zu sportlichen Zwecken demnächst, wie bisher alle anderen Definitionen auch, als unbrauchbar und absurd erweisen – aber wohl, ebenfalls wie immer, erst zu spät.
Ins Netz gegangen am 18.4.:
- Was hinterlässt Günter Grass?: Olymp der Old Boys – taz.de – marlene streeruwitz blickt kritisch aus Günter Grass und sein politisches Engagement zurück:
Wenn die soziale Gerechtigkeit am Ende doch parteiisch gedacht war. Die Moral zerbricht an so einem Widerspruch. Das kam wohl auch daher, dass diese Generation von kritischen Söhnen sich auf einem Olymp der Moralität wähnten und dort bleiben wollten. Aber ungestört. Statt also den Olymp zu demokratisieren, wurde die deutsche Kultur zu einem der vielen old boys clubs, wie sie die Welt immer schon beherrschten. Solche Personen haben viel verändert und am Ende dann wieder gar nicht so viel.
- Die Geschichte offenhalten (junge Welt) – ingar solty & enno stahl diagnostizieren die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit der Literatur und machen Vorschläge, wie sich das ändern ließe
Diese sozialen und ökonomischen Dissonanzen müssen sich in der Literatur niederschlagen, die monströse Asymmetrie des Lebens, Momente der Schönheit neben Ausbrüchen atavistischer Grausamkeit, die Verstrickungen des einzelnen im großen Ganzen, gerade wenn er oder sie sich herauszuhalten sucht. Die Literatur muss sagen, was Sache ist, muss dokumentieren, nachhaltig aufbewahren und damit anklagen, welche Verheerungen sich ereignet haben und wer die Verursacher sind
- Mara Genschel: Die Erhabenheit des Tesafilms | ZEIT ONLINE – Michael braun über die wunderbare und spannende Lyrikerin mara genschel
- Mauerfall: Schabowski-Zettel soll gestohlen worden sein – Politik – Süddeutsche.de – Mehr als 20 Jahre lang galt der Notizzettel von Günter Schabowski für die Pressekonferenz, die den Mauerfall auslöste, als verschollen. Dann tauchte er bei der Stiftung „Haus der Geschichte“ auf. Schabowskis Ehefrau erhebt schwere Vorwürfe gegen Bekannte.
- Don’t make bicyclists more visible. Make drivers stop hitting them. – The Washington Post – eben weiss hat zwar die usa im blick, seine argumente (etwa in bezug auf die helmpflicht für radfahrer) lassen sich aber problemlos auf europa & deutschland übertragen:
Effectively, we’ve lost equal access to the public roadways unless we’re willing and able to foot the hefty bill for a car. Instead, what we have is an infrastructure optimized for private vehicles and a nation of subsidized drivers who balk at the idea of subsidizing any other form of transit, and who react to a parking ticket as though they’ve been crucified.
- Blitzmarathon: Rasen und witzeln – Welt – Tagesspiegel – interessanter vergleich:
Die Römer hielten Gladiatorenkämpfe, also das, was wir heute Barbarei nennen, für Spiele. In einer späteren Zivilisation wird man womöglich auf uns zurückblicken und sich fragen, warum wir die Barbarei auf unseren Straßen für Sport gehalten haben.
- Der Wortvandale – taz.de – jens uthoff würdigt rolf dieter brinkmann zu seinem 75. geburtstag:
Brinkmann wollte die ungefilterte Wirklichkeit darstellen, einen unvermittelten, ersten Eindruck der Dinge wiedererlangen und sprachlich formulieren.[…] Brinkmann ist als Poet, dessen großes Thema Entfremdungserfahrungen, die Wahrnehmung und das Bewusstsein waren, noch immer aktuell: Die Mediatisierung ist vorangeschritten; die Erfahrungen sind noch weniger als zu Brinkmanns Zeiten unmittelbare. Mehr noch: Die mediale Verwertung des Augenblicks muss heute stets mitgedacht werden, erst das Selfie dient dazu, uns unserer selbst zu versichern. Und auch sein Strampeln und Schlagen „gegen die Subjektverdrängung“ (Handke), gegen die Verdinglichung und den Verlust natürlicher Lebenswelten spiegelt stets aktuelle menschliche Grundkonflikte oder fortlaufende Prozesse.
- Die Gründe, bitte | law blog – udo vetter
Hier sind nach wie vor die Befürworter der Speicherung in der Pflicht nachzuweisen, dass eine Einschränkung der Bürger- und Freiheitsrechte überhaupt einen Nutzen bringt, der den weiteren Ausverkauf des Grundgesetzes und europäischer Wertestandards verschmerzbar erscheinen lässt.
Wenn ich schon Verzicht üben und künftig in einem anderen Staat leben soll, der mich als potenziell Verdächtigen behanelt, dann möge man mir bitte plausibel erklären, warum.
Ins Netz gegangen am 11.7.:
- Walter Benjamin – Passagenprojekt – coole idee: walter benjamins „passagen“ nach stichwörtern und symbolen geordnet
- Emser Depesche: Die Berliner Entzifferung | Aktenkunde – Holger Berwinkel schreitet in seiner detaillierten aktenkundlichen analyse der emser depesche fort – inzwischen ist das telegramm schon zu bismarck gelangt.
Aktenkundlich zu arbeiten bedeutet bei aller Akribie das genaue Gegenteil von Aktengläubigkeit, die unter Historikern leider verbreitet ist.
- NSA-Affäre: Einen Diplomaten ausweisen? Wie niedlich. | ZEIT ONLINE – „Der Elefant NSA steht mitten in den bundesdeutschen Wohn- und Schlafzimmern, und niemand in der Bunderegierung will darüber reden.“
- Nachgerechnet: Bringt die Pkw-Maut wirklich 600 Mio. /Jahr? » Zukunft Mobilität – so etwas hat der medialen berichterstattung zu den maut-plänen (entschuldigung: „infrastrukurabgabe) dobrindts (bisher) gefehlt – und es wäre eigentlich nötig gewesen: mal nachrechnen, ob dobrindts angekündigte einnahmen überhaupt möglich, wahrscheinlich und realistisch sind. dann könnte man nämlich auch zu dem ergebnis kommen:
Es darf daher bezweifelt werden, ob dem Bundeshaushalt durch die Einführung einer Infrastrukturabgabe pro Jahr wirklich über 600 Millionen Euro zufließen (unter der Prämisse der vollständigen Kompensation in Deutschland Kfz-steuerpflichtiger Kfz-Halter).
- SPRENGSATZ _Das Politik-Blog aus Berlin » Zirkel des Irsinns – Jeder weiß, dass es irrsinniger Unsinn oder unsinniger Irrsinn ist (je nach Präferenz) – und keiner stoppt es:
Die PKW-Maut ist ein Musterbeispiel dafür, wozu populistische Wahlversprechen einer Regionalpartei am Ende führen.
Ins Netz gegangen am 15.5.:
- The Robot Car of Tomorrow May Just Be Programmed to Hit You | Autopia | WIRED – Patrick Lin spielt ein paar ehtische Probleme bei der Programmierung von autonom fahrenden Autos durch – vor allem, wie man entscheidet, wen man im Zweifelsfall tötet bei einem Unfall – spannende Sache!
- Begegnung mit Christoph Waltz: Ein Glücksfall, kein Verdienst – Kino – FAZ – Ein schönes Porträt von Verena Lueken, die sich lange mit Waltz unterhalten hat:
Wir haben inzwischen einige Ermüdungsphasen hinter uns, Pausen, wie sie zu jedem Gespräch gehören, Abschweifungen, aber Waltz strahlt immer noch. Nur für wenige Sekunden hatte er mal statt seines fröhlichen ein dunkel sardonisches Lächeln gezeigt, und selbst als ich in einem unaufmerksamen Augenblick ihm eine Rolle zuschrieb, die ein anderer gespielt hatte, schien er nicht verärgert zu sein. Offenbar hat er tatsächlich alle Frustration hinter sich gelassen.
- Why did the First Crusade succeed while later Crusades failed – <blockqute>Through this one can see how the successes of the first Crusade are what led to the failures of all those which followed afterwards.</blockqute>
- Römischer Lagerfund: Thüringer Legionäre – FAZ -
Römische Legionen marschierten auch über Thüringischen Boden. Was schon lange vermutet wurde, macht der Fund eines römischen Marschlagers im Kyffhäuserkreis zur Gewissheit./
- Neue Tübinger Stadtschreiberin: Ohne das Schreiben wäre ja alles sinnlos – Zeitungsverlag Waiblingen – Ein Interview mit Monika Rinck:
Wie sehen Sie die Zukunft der Lyrik?
Hier gönne ich mir den Luxus, ahnungslos zu sein.
