http://youtu.be/pOi34ebqA0U
Die meisten Reisen, die ein Orchester wie das Mainzer Philharmonische Orchester unternimmt, geschehen nur im Kopf, denn sie sind bloß klanglich-musikalischer Natur: Italienische Oper klingt anders als deutsche, amerianische Sinfonik anders als russische. Manchmal ist der Grund fürs Wandern aber auch ganz profan und handfest – etwa wenn die Philharmoniker in den Dom umziehen. Eine weite Reise ist das zwar nicht gerade, vom Staatstheater sind es ja nur ein paar Schritte. Aber es ist eine ganz andere Welt. Kein Wunder also, dass das siebte Sinfoniekonzert eine Première war: Erstmals – aber nicht zum letzten Mal – spielt das Philharmonische Orchester unter Hermann Bäumer nicht auf der Bühne des Großen Hauses, sondern vor dem Altar des Doms.
Und wenn man schon den Raum wechselt, kann man das auch nutzen. Zum Beispiel, um die große Domorgel mitsamt ihrem Organisten Daniel Beckmann ins Konzert zu integrieren.
So hat das Orchester auch mal die Gelegenheit, die dritte Sinfonie von Camille Saint-Saëns zu spielen. Dafür ist nämlich eine Orgel unbedingt notwendig. Ganz im Sinne der Partitur und trotz des Beinamens „Orgelsinfonie“ machen das Bäumer und Beckmann aber ganz unauffällig: Wie ein „normale“ Orchesterinstrument fügt sich die Orgel unauffällig in das Klanggeschehen ein. Bäumer zeigt die Dritte von Saint-Saëns – unzweifelhaft sein bekanntetes Werk und auch vom Komponisten selbst als das Beste, was er komponieren konnte, sehr geschätzt – als ein sehr lebeniges Werk. Unter seinen Händen verliert die Sinfonie nie den energetisch pulsierenden Drang. Auch seine Tendenz zum hellen, leichten und beweglichen Klang unterstützt diese lebensbejahende Interpretation. Obwohl sich das ganze Werk eigentlich aus dem „Dies irae“, der Totensequenz, speist, macht Bäumer ohne Verrenkungen und Übertreibungen daraus geschmeidige, fast überschwänglich freundliche und freudige Musik, deren Leichtigkeit auch in der halligen Akustik des Doms ziemlich gut funktioniert.
Und wenn das Orchester schon mal im Dom zu Gast ist, muss man das auch ausnützen und nicht nur die Orgel hinzuziehen, sondern auch das Hausensemble. Für das Stabat Mater von Francis Poulenc nutzt Bäumer auch noch die vom Domkapellmeister Carsten Storck vorbereitete Domkantorei. Zusammen erreichen sie besondere Intensität. Ganz zu eigen macht sich Bäumer die schmerzerfüllte Musik allerdings nicht, eine gewisse Distanz bleibt zunächst hörbar, gerade in den noch etwas steifen ersten Momenten. Im Detail gelingen ihm aber immer wieder prächtige Bilder, die Poulencs Klangfarbenwelt voll ausschöpfen. Auch die Sopranistin Vida Mikneviciute fügt sich in die berührende Interpretation mit Leichtigkeit ein. Und je weiter die Musik fortschreitet, desto mehr fügt sich alles zusammen. Bäumer findet mit Chor und Orchester zu einer zunehmenden Grandezza und treibt die Musik zu immer neuen Höhepunkten, die aus dem Schmerz wunderbare Schönheiten machen – bis zur verklärt-verklärenden Intensität des Schlusses. Für solche Erlebnisse darf das Philharmonische Orchester gerne noch öfter in den Dom umziehen.
(Geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung.)
Meine Netzfunde für die Zeit vom 26.4. zum 29.4.:
- Franzobel: Warum wir die Arbeit abschaffen sollen – Ich frage mich … – derStandard.at › Kultur – Franzobel, der überbordende Phantast der österreichischen Literatur, schlägt vor, die Arbeit endlich abzuschaffen und PANDA, die „Partei der Nichtarbeit“ zu gründen:
Arbeit, das sind wir – und sonst nichts mehr. Aber Arbeit ermüdet, und wir sind nicht dafür geschaffen.
- Ephemera – Der Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz oder die Angst des Feuilletonisten vor dem Weiblichen – Anatol Stefanowitsch über die merkwürdigen Reaktionen der Feuilleton anlässlich des Vorschlags für einen „Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Patz“ in Berlin:
[Moses Mendelssohn] wäre sicher dankbar für den Beschluss der grünen Bezirksregierung in Friedrichshain-Kreuzberg, neuen oder neu zu benennenden Straßen solange die Namen von Frauen zu geben, bis fünfzig Prozent aller Straßen im Bezirk nach Frauen benannt sind. Denn seien wir ehrlich, ohne einen solchen Beschluss wäre niemand auf die Idee gekommen, seine Frau mit in den Straßennamen aufzunehmen.
- The next generation of Instapaper – Marco.org – Marco Arment verkauft Instapaper:
I’m happy to announce that I’ve sold a majority stake in Instapaper to Betaworks. We’ve structured the deal with Instapaper’s health and longevity as the top priority, with incentives to keep it going well into the future. I will continue advising the project indefinitely, while Betaworks will take over its operations, expand its staff, and develop it further.
The Flaming Lips (eigentlich immer klasse …), The Terror
Beim Klicken auf das und beim Abspielen des von YouTube eingebetteten Videos werden (u. U. personenbezogene) Daten wie die IP-Adresse an YouTube übertragen.
Meine Netzfunde für die Zeit vom 23.4. zum 26.4.:
- Über echten nicht nur gefühlten Unsinn – Insbesondere die Medien sollten die „gefühlten | Politisches Feuilleton | Deutschlandradio Kultur – Markus Reiter über gefühlte Temperaturen, Inflation, Sonnenstunden und politische Leistungen …
Machen wir uns nichts vor: Viele Bürger und viele Politiker haben keine Lust, ihre Gefühlswelt durch nicht genehme Fakten in Unordnung zu bringen. Zumindest die Journalisten aber sollten sich davor hüten. Es ist der Kern ihrer Aufgaben, sauber zu recherchieren, was sich objektiv erfassen lässt. Nur mit nachvollziehbar ermittelten Fakten kann die Gesellschaft echten Problemen mit echten Lösungen entgegnen. Wo es um Zahlen geht, müssen Gefühle schweigen.
- Rufraub im Piraten-Dossier: Die “Zeit” tritt nach « Stefan Niggemeier – Rufraub im Piraten-Dossier: Die »Zeit« tritt nach (via Published articles)
- Demokratie wird offen angezählt. Was tun? » Text & Blog – Das Weblog von Markus Trapp – Demokratie wird offen angezählt. Was tun? (via Published articles)
Bach ist ein magischer Name. Nicht nur wegen Johann Sebastian und seinem riesigen und genialen Oeuvre, sondern auch ganz für sich. Denn aus diesen vier Buchstaben B‑A-C‑H lässt sich wunderbar Musik machen – eine Tatsache, die schon Bach selbst und vor allem seine Söhne ausgenutzt haben. So richtig Konjuktur hatte dieses kleine, aber unverkennbare Motiv dann aber in der Romantik: Immer wieder nutzten Komponisten die kleine Tonfolge, um ihre Reverenz an den Meister aus dem Barock auszudrücken. Ganz besonders weit verbreitet war das natürlich bei den Orgelkomponisten, war doch Johann Sebastian Bach gerade im 19. Jahrhundert vor allem als genialer Schaffer von Orgelmusik bekannt.
Daniel Beckmann, der Mainzer Domorganist, hat sich das jetzt bei seinem Konzert an der neuen Orgel in St. Stephan für ein Konzert zu nutze gemacht, das sich ganz um Bach dreht, ohne ihn selbst zu Gehör kommen zu lassen. Zumindest nicht in der Originalgestalt: Denn neben drei der wohl wichtigsten und bekanntesten B‑A-C-H-Bearbeitungen von Liszt, Reger und Schumann stellte er Orgeltranskripitionen von Kantatensätzen. Gewichtiger kamen aber die Originale aus dem 19. Jahrhundert daher. Gleich zu Beginn setzte Franz Liszts „Präludium und Fuge über den Namen B‑A-C‑H“ einen grandiosen Auftakt. Natürlich ist dieses Werk immer mehr oder weniger mitreißend – aber unter Beckmanns Händen und Füßen gewann es besondere Kraft. Das lag vor allem daran, dass er immer im Moment war: Jeder Takt, jede Phrase durfte in seiner Interpretation ihr Eigenleben vollständig ausleben. Ungeachtet der geforderten Virtuosität und der zu organisierenden Klangmassen wurde das dadurch eine sehr hörerfreundliche Variante. Denn Beckmann nutzte die vielfältigen, genau abgestimmten Klangfarben der neuen Orgel geschickt, um Präludium und Fuge in plastischer Geradlinigkeit zu zeigen: Klarheit und Klanglebendigkeit verbanden sich bei ihm zu großen Momenten.
Zurückhaltender gab er sich bei den ersten drei Fugen über B‑A-C‑H aus der Feder Robert Schumanns. Und das nicht ohne Grund, eine gewisse Strenge ist hier durchaus angebracht. Zumal Beckmann es nie übertreibt, sondern auch die verhaltene Begeisterung dieser Fugen ganz subtil – und darin ungeheuer virtuos – zu einer fast schwerelos-mythischen Aura zu steigern vermag.
Ans Ende seines Programms hatte Beckmann die „Fantasie und Fuge über B‑A-C‑H“ von Max Reger gestellt – eine wahrhaft gewaltige und riesige Verbeugung vor Bach. Wie ein Vulkanausbruch beginnt diese Fantasie, eruptiv und voller ungebändigter Kraft – und der folgende Lavastrom reißt alles mit sich. Bei Beckmann wurde aber auch deutlich, wie zäh so eine Lavamasse fließen kann und wie viel sie überdeckt. Denn so grandios und magisch manche Abschnitte verzauberten, so ging auch manches rhythmische und satztechnische Detail im Sturm des Klangs unter: Der Klangschönheit opferte Beckmann hier den letzten Rest Deutlichkeit. Umso bezaubernder entwickelte er dann die Fuge, deren lange Steigerung er mit viel Ruhe auskostete: Magisch eben, dieser Bach oder B‑A-C‑H.
(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung.)
Schade, dass gerade kein Vollmond war. Dann hätte das Kammerkonzert im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters noch besser gepasst. Aber unabhängig von der Stellung der Gestirne war das „Mondsüchtig“ übertitelte Programm trotzdem einen Besuch wert – auch wenn viel zu viele Plätze leer blieben. An der Qualität der Musik und der Darbietung kann es nicht gelegen haben. Aber wahrscheinlich schreckt der Name Arnold Schönberg immer noch zu sehr ab. Dessen „Pierrot lunaire“ ist zwar auch schon gute hundert Jahre alt, gilt aber immer noch als Neue Musik.
Da half dann auch der zweite Teil des kurzen Konzertes nicht: Francis Poulenc ist kaum als Neutöner verschrieben. Und seine Kammerkantate bleibt auch schön brav tonal. Wobei „brav“ die Haltung des Komponisten nicht trifft: Die Musik ist nämlich ausgesprochen frech. Überall bedient sie sich, bei Mozart genauso wie im Caféhaus oder Tanzlokal, sie zitiert und parodiert, sie steht ständig an der Schwelle zur Parodie und Satire. Poulenc selbst hatte eine hohe Meinung von seinem heute recht selten aufgeführten Werk: “Wer das nicht kennt, liebt meine Musik nicht wirklich. Das ist hundertprozentiger Poulenc”, sagte er einmal. Und Recht hat er.
Die acht Instrumentalisten aus dem Philharmonischen Orchester und der Bartion Richard Logiewa unter der Leitung von François Salignat spielten das mit hörbarem Genuss. Und dann macht auch das Zuhören Spaß. Sogar den französischen Text, den Logiewa kantig-profiliert von pathetischer Opernparodie bis zur schmierigen Schnulze singt, versteht man. Deswegen hat man dann die Gedichte von Max Jacob zwar noch nicht unbedingt verstanden, aber das macht ja nichts, die Musik entschädigt ausreichend.
Wie wenig man sich bei Schönbergs Musik von seinem Namen abschrecken lassen sollte, machte die Interpretation des „Pierrot lunaire“ im Kleinen Haus sehr deutlich. Sicher, das ist atonale Musik. Aber sie ist trotzdem unmittelbar zugänglich und verständlich. Vor allem, wenn man die 21 Lieder, die Schönberg aus Albert Girauds Zyklus „Pierrot Lunaire“ vertonte, so offen und gefühlsbetont musiziert wie das Ensemble im Staatstheater.
Die kraftvolle und füllige, zwischen Sprechen, Deklamieren und Singen – mit einer deutlichen Tendenz zum letzteren – changierende Stimme von Annette Luig strahlt auf den Rest des Ensembles aus: Das ist keine unterkühlte Konstruktion der Moderne, sondern weicht geradezu ins Gegenteil aus. Die Betonung der Empfindung und Empfindsamkeit wird den Musikern hin und wieder durchaus übermächtig, dann kippt das auch mal von der Konzentration zum Übermut bis zur Beinahe-Ekstase – immer aber mit fesselnder Intensität, die nur selten improvisatorischer Leichtigkeit weicht. Vor allem aber klingen die Lieder hier immer als – kleine oder größere – Dramen. Nicht auszudenken, wie das erst klänge, wenn wirklich Vollmond wäre.
(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung.)
Bei Noon Pacific heute entdeckt, diesen schönen entspannten Song von Pale vV:
Meine Netzfunde für die Zeit vom 18.4. zum 21.4.:
- Planungsstopp für das neue Kölner Stadtarchiv | Schmalenstroer.net – Planungsstopp für das neue Kölner Stadtarchiv (via Published articles)
- 04. Die D‑Mark und die Alternative im Gestern | Geschichte wird gemacht -
Aber den Alternativsuchern im Gestern sei eine historische Grunderkenntnis mit auf den Weg gegeben, die sie bei ihren Bemühungen achtsam beherzigen sollten: Nicht nur die Zukunft, auch die Vergangenheit ist unvorhersagbar. Das Gestern kann zwar besser werden, muss aber nicht. Daher Vorsicht an historischen Bahnsteigkante.
- Quotenjungs | Dr. Mutti – Quotenjungs (via Published articles)
- Wer ist maskulin, wer ist feminin? – Sprachlog – Wer ist maskulin, wer ist feminin? (via Published articles)
