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Taglied 30.4.2013

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Orchestergast im Dom

Die meis­ten Rei­sen, die ein Orches­ter wie das Main­zer Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter unter­nimmt, gesche­hen nur im Kopf, denn sie sind bloß klang­lich-musi­ka­li­scher Natur: Ita­lie­ni­sche Oper klingt anders als deut­sche, ame­ria­ni­sche Sin­fo­nik anders als rus­si­sche. Manch­mal ist der Grund fürs Wan­dern aber auch ganz pro­fan und hand­fest – etwa wenn die Phil­har­mo­ni­ker in den Dom umzie­hen. Eine wei­te Rei­se ist das zwar nicht gera­de, vom Staats­thea­ter sind es ja nur ein paar Schrit­te. Aber es ist eine ganz ande­re Welt. Kein Wun­der also, dass das sieb­te Sin­fo­nie­kon­zert eine Pre­miè­re war: Erst­mals – aber nicht zum letz­ten Mal – spielt das Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter unter Her­mann Bäu­mer nicht auf der Büh­ne des Gro­ßen Hau­ses, son­dern vor dem Altar des Doms. 

Und wenn man schon den Raum wech­selt, kann man das auch nut­zen. Zum Bei­spiel, um die gro­ße Dom­or­gel mit­samt ihrem Orga­nis­ten Dani­el Beck­mann ins Kon­zert zu integrieren.
So hat das Orches­ter auch mal die Gele­gen­heit, die drit­te Sin­fo­nie von Camil­le Saint-Saëns zu spie­len. Dafür ist näm­lich eine Orgel unbe­dingt not­wen­dig. Ganz im Sin­ne der Par­ti­tur und trotz des Bei­na­mens „Orgel­sin­fo­nie“ machen das Bäu­mer und Beck­mann aber ganz unauf­fäl­lig: Wie ein „nor­ma­le“ Orches­ter­in­stru­ment fügt sich die Orgel unauf­fäl­lig in das Klang­ge­sche­hen ein. Bäu­mer zeigt die Drit­te von Saint-Saëns – unzwei­fel­haft sein bekann­te­tes Werk und auch vom Kom­po­nis­ten selbst als das Bes­te, was er kom­po­nie­ren konn­te, sehr geschätzt – als ein sehr lebe­ni­ges Werk. Unter sei­nen Hän­den ver­liert die Sin­fo­nie nie den ener­ge­tisch pul­sie­ren­den Drang. Auch sei­ne Ten­denz zum hel­len, leich­ten und beweg­li­chen Klang unter­stützt die­se lebens­be­ja­hen­de Inter­pre­ta­ti­on. Obwohl sich das gan­ze Werk eigent­lich aus dem „Dies irae“, der Toten­se­quenz, speist, macht Bäu­mer ohne Ver­ren­kun­gen und Über­trei­bun­gen dar­aus geschmei­di­ge, fast über­schwäng­lich freund­li­che und freu­di­ge Musik, deren Leich­tig­keit auch in der hal­li­gen Akus­tik des Doms ziem­lich gut funktioniert.

Und wenn das Orches­ter schon mal im Dom zu Gast ist, muss man das auch aus­nüt­zen und nicht nur die Orgel hin­zu­zie­hen, son­dern auch das Haus­ensem­ble. Für das Sta­bat Mater von Fran­cis Pou­lenc nutzt Bäu­mer auch noch die vom Dom­ka­pell­meis­ter Cars­ten Storck vor­be­rei­te­te Dom­kan­to­rei. Zusam­men errei­chen sie beson­de­re Inten­si­tät. Ganz zu eigen macht sich Bäu­mer die schmerz­er­füll­te Musik aller­dings nicht, eine gewis­se Distanz bleibt zunächst hör­bar, gera­de in den noch etwas stei­fen ers­ten Momen­ten. Im Detail gelin­gen ihm aber immer wie­der präch­ti­ge Bil­der, die Pou­lencs Klang­far­ben­welt voll aus­schöp­fen. Auch die Sopra­nis­tin Vida Mik­ne­vici­ute fügt sich in die berüh­ren­de Inter­pre­ta­ti­on mit Leich­tig­keit ein. Und je wei­ter die Musik fort­schrei­tet, des­to mehr fügt sich alles zusam­men. Bäu­mer fin­det mit Chor und Orches­ter zu einer zuneh­men­den Gran­dez­za und treibt die Musik zu immer neu­en Höhe­punk­ten, die aus dem Schmerz wun­der­ba­re Schön­hei­ten machen – bis zur ver­klärt-ver­klä­ren­den Inten­si­tät des Schlus­ses. Für sol­che Erleb­nis­se darf das Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter ger­ne noch öfter in den Dom umziehen.

(Geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Netzfunde der letzten Tage (26.4.–29.4.)

Mei­ne Netz­fun­de für die Zeit vom 26.4. zum 29.4.:

  • Franz­obel: War­um wir die Arbeit abschaf­fen sol­len – Ich fra­ge mich … – der​Stan​dard​.at › Kul­tur – Franz­obel, der über­bor­den­de Phan­tast der öster­rei­chi­schen Lite­ra­tur, schlägt vor, die Arbeit end­lich abzu­schaf­fen und PANDA, die „Par­tei der Nicht­ar­beit“ zu gründen:

    Arbeit, das sind wir – und sonst nichts mehr. Aber Arbeit ermü­det, und wir sind nicht dafür geschaffen.

  • Eph­emera – Der Fro­met-und-Moses-Men­dels­sohn-Platz oder die Angst des Feuil­le­to­nis­ten vor dem Weib­li­chen – Ana­tol Ste­fa­no­witsch über die merk­wür­di­gen Reak­tio­nen der Feuil­le­ton anläss­lich des Vor­schlags für einen „Fro­met-und-Moses-Men­dels­sohn-Patz“ in Berlin:

    [Moses Men­dels­sohn] wäre sicher dank­bar für den Beschluss der grü­nen Bezirks­re­gie­rung in Fried­richs­hain-Kreuz­berg, neu­en oder neu zu benen­nen­den Stra­ßen solan­ge die Namen von Frau­en zu geben, bis fünf­zig Pro­zent aller Stra­ßen im Bezirk nach Frau­en benannt sind. Denn sei­en wir ehr­lich, ohne einen sol­chen Beschluss wäre nie­mand auf die Idee gekom­men, sei­ne Frau mit in den Stra­ßen­na­men aufzunehmen.

  • The next gene­ra­ti­on of Insta­pa­per – Mar​co​.org – Mar­co Arment ver­kauft Instapaper:

    I’m hap­py to announ­ce that I’ve sold a majo­ri­ty sta­ke in Insta­pa­per to Beta­works. We’ve struc­tu­red the deal with Instapaper’s health and lon­ge­vi­ty as the top prio­ri­ty, with incen­ti­ves to keep it going well into the future. I will con­ti­nue advi­sing the pro­ject inde­fi­ni­te­ly, while Beta­works will take over its ope­ra­ti­ons, expand its staff, and deve­lop it further.

Taglied 26.4.2013

The Fla­ming Lips (eigent­lich immer klas­se …), The Terror

The Fla­ming Lips – The Ter­ror (Live)

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Netzfunde der letzten Tage (23.4.–26.4.)

Mei­ne Netz­fun­de für die Zeit vom 23.4. zum 26.4.:

Bach ohne Bach: Daniel Beckmann in St. Stephan

Bach ist ein magi­scher Name. Nicht nur wegen Johann Sebas­ti­an und sei­nem rie­si­gen und genia­len Oeu­vre, son­dern auch ganz für sich. Denn aus die­sen vier Buch­sta­ben B‑A-C‑H lässt sich wun­der­bar Musik machen – eine Tat­sa­che, die schon Bach selbst und vor allem sei­ne Söh­ne aus­ge­nutzt haben. So rich­tig Kon­juk­tur hat­te die­ses klei­ne, aber unver­kenn­ba­re Motiv dann aber in der Roman­tik: Immer wie­der nutz­ten Kom­po­nis­ten die klei­ne Ton­fol­ge, um ihre Reve­renz an den Meis­ter aus dem Barock aus­zu­drü­cken. Ganz beson­ders weit ver­brei­tet war das natür­lich bei den Orgel­kom­po­nis­ten, war doch Johann Sebas­ti­an Bach gera­de im 19. Jahr­hun­dert vor allem als genia­ler Schaf­fer von Orgel­mu­sik bekannt.

Dani­el Beck­mann, der Main­zer Dom­or­ga­nist, hat sich das jetzt bei sei­nem Kon­zert an der neu­en Orgel in St. Ste­phan für ein Kon­zert zu nut­ze gemacht, das sich ganz um Bach dreht, ohne ihn selbst zu Gehör kom­men zu las­sen. Zumin­dest nicht in der Ori­gi­nal­ge­stalt: Denn neben drei der wohl wich­tigs­ten und bekann­tes­ten B‑A-C-H-Bear­bei­tun­gen von Liszt, Reger und Schu­mann stell­te er Orgel­tran­skri­pi­tio­nen von Kan­ta­ten­sät­zen. Gewich­ti­ger kamen aber die Ori­gi­na­le aus dem 19. Jahr­hun­dert daher. Gleich zu Beginn setz­te Franz Liszts „Prä­lu­di­um und Fuge über den Namen B‑A-C‑H“ einen gran­dio­sen Auf­takt. Natür­lich ist die­ses Werk immer mehr oder weni­ger mit­rei­ßend – aber unter Beck­manns Hän­den und Füßen gewann es beson­de­re Kraft. Das lag vor allem dar­an, dass er immer im Moment war: Jeder Takt, jede Phra­se durf­te in sei­ner Inter­pre­ta­ti­on ihr Eigen­le­ben voll­stän­dig aus­le­ben. Unge­ach­tet der gefor­der­ten Vir­tuo­si­tät und der zu orga­ni­sie­ren­den Klang­mas­sen wur­de das dadurch eine sehr hörer­freund­li­che Vari­an­te. Denn Beck­mann nutz­te die viel­fäl­ti­gen, genau abge­stimm­ten Klang­far­ben der neu­en Orgel geschickt, um Prä­lu­di­um und Fuge in plas­ti­scher Gerad­li­nig­keit zu zei­gen: Klar­heit und Klan­g­le­ben­dig­keit ver­ban­den sich bei ihm zu gro­ßen Momenten.

Zurück­hal­ten­der gab er sich bei den ers­ten drei Fugen über B‑A-C‑H aus der Feder Robert Schu­manns. Und das nicht ohne Grund, eine gewis­se Stren­ge ist hier durch­aus ange­bracht. Zumal Beck­mann es nie über­treibt, son­dern auch die ver­hal­te­ne Begeis­te­rung die­ser Fugen ganz sub­til – und dar­in unge­heu­er vir­tu­os – zu einer fast schwe­re­los-mythi­schen Aura zu stei­gern vermag.
Ans Ende sei­nes Pro­gramms hat­te Beck­mann die „Fan­ta­sie und Fuge über B‑A-C‑H“ von Max Reger gestellt – eine wahr­haft gewal­ti­ge und rie­si­ge Ver­beu­gung vor Bach. Wie ein Vul­kan­aus­bruch beginnt die­se Fan­ta­sie, erup­tiv und vol­ler unge­bän­dig­ter Kraft – und der fol­gen­de Lava­strom reißt alles mit sich. Bei Beck­mann wur­de aber auch deut­lich, wie zäh so eine Lava­mas­se flie­ßen kann und wie viel sie über­deckt. Denn so gran­di­os und magisch man­che Abschnit­te ver­zau­ber­ten, so ging auch man­ches rhyth­mi­sche und satz­tech­ni­sche Detail im Sturm des Klangs unter: Der Klang­schön­heit opfer­te Beck­mann hier den letz­ten Rest Deut­lich­keit. Umso bezau­bern­der ent­wi­ckel­te er dann die Fuge, deren lan­ge Stei­ge­rung er mit viel Ruhe aus­kos­te­te: Magisch eben, die­ser Bach oder B‑A-C‑H.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Mondsüchtige Musik

Scha­de, dass gera­de kein Voll­mond war. Dann hät­te das Kam­mer­kon­zert im Klei­nen Haus des Main­zer Staats­thea­ters noch bes­ser gepasst. Aber unab­hän­gig von der Stel­lung der Gestir­ne war das „Mond­süch­tig“ über­ti­tel­te Pro­gramm trotz­dem einen Besuch wert – auch wenn viel zu vie­le Plät­ze leer blie­ben. An der Qua­li­tät der Musik und der Dar­bie­tung kann es nicht gele­gen haben. Aber wahr­schein­lich schreckt der Name Arnold Schön­berg immer noch zu sehr ab. Des­sen „Pier­rot lun­aire“ ist zwar auch schon gute hun­dert Jah­re alt, gilt aber immer noch als Neue Musik.

Da half dann auch der zwei­te Teil des kur­zen Kon­zer­tes nicht: Fran­cis Pou­lenc ist kaum als Neu­tö­ner ver­schrie­ben. Und sei­ne Kam­mer­kan­ta­te bleibt auch schön brav tonal. Wobei „brav“ die Hal­tung des Kom­po­nis­ten nicht trifft: Die Musik ist näm­lich aus­ge­spro­chen frech. Über­all bedient sie sich, bei Mozart genau­so wie im Café­haus oder Tanz­lo­kal, sie zitiert und par­odiert, sie steht stän­dig an der Schwel­le zur Par­odie und Sati­re. Pou­lenc selbst hat­te eine hohe Mei­nung von sei­nem heu­te recht sel­ten auf­ge­führ­ten Werk: “Wer das nicht kennt, liebt mei­ne Musik nicht wirk­lich. Das ist hun­dert­pro­zen­ti­ger Pou­lenc”, sag­te er ein­mal. Und Recht hat er.
Die acht Instru­men­ta­lis­ten aus dem Phil­har­mo­ni­schen Orches­ter und der Bar­ti­on Richard Logie­wa unter der Lei­tung von Fran­çois Sali­gnat spiel­ten das mit hör­ba­rem Genuss. Und dann macht auch das Zuhö­ren Spaß. Sogar den fran­zö­si­schen Text, den Logie­wa kan­tig-pro­fi­liert von pathe­ti­scher Opern­par­odie bis zur schmie­ri­gen Schnul­ze singt, ver­steht man. Des­we­gen hat man dann die Gedich­te von Max Jacob zwar noch nicht unbe­dingt ver­stan­den, aber das macht ja nichts, die Musik ent­schä­digt ausreichend.

Wie wenig man sich bei Schön­bergs Musik von sei­nem Namen abschre­cken las­sen soll­te, mach­te die Inter­pre­ta­ti­on des „Pier­rot lun­aire“ im Klei­nen Haus sehr deut­lich. Sicher, das ist ato­na­le Musik. Aber sie ist trotz­dem unmit­tel­bar zugäng­lich und ver­ständ­lich. Vor allem, wenn man die 21 Lie­der, die Schön­berg aus Albert Girauds Zyklus „Pier­rot Lun­aire“ ver­ton­te, so offen und gefühls­be­tont musi­ziert wie das Ensem­ble im Staatstheater. 

Die kraft­vol­le und fül­li­ge, zwi­schen Spre­chen, Dekla­mie­ren und Sin­gen – mit einer deut­li­chen Ten­denz zum letz­te­ren – chan­gie­ren­de Stim­me von Annet­te Luig strahlt auf den Rest des Ensem­bles aus: Das ist kei­ne unter­kühl­te Kon­struk­ti­on der Moder­ne, son­dern weicht gera­de­zu ins Gegen­teil aus. Die Beto­nung der Emp­fin­dung und Emp­find­sam­keit wird den Musi­kern hin und wie­der durch­aus über­mäch­tig, dann kippt das auch mal von der Kon­zen­tra­ti­on zum Über­mut bis zur Bei­na­he-Eksta­se – immer aber mit fes­seln­der Inten­si­tät, die nur sel­ten impro­vi­sa­to­ri­scher Leich­tig­keit weicht. Vor allem aber klin­gen die Lie­der hier immer als – klei­ne oder grö­ße­re – Dra­men. Nicht aus­zu­den­ken, wie das erst klän­ge, wenn wirk­lich Voll­mond wäre.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Taglied 22.4.2013

Bei Noon Paci­fic heu­te ent­deckt, die­sen schö­nen ent­spann­ten Song von Pale vV:

Netzfunde der letzten Tage (18.4.–21.4.)

Mei­ne Netz­fun­de für die Zeit vom 18.4. zum 21.4.:

Taglied 20.4.2013

Neu­es von Blixa Bar­geld: Er singt jetzt ita­lie­nisch, zusam­men mit Teho Teardo.

Teho Tear­do & Blixa Bar­geld – Mi Scu­si (video edit)

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