Stattdessen bekommen wir eine „Feminismusdebatte“ nach der anderen serviert, und jede beginnt bei null. Kein anderer Bereich der Gesellschaftskritik ist so anfällig für intellektuelle Sabotage: Wer schreibt schon Bücher darüber, warum Kapitalismuskritiker an den Verwerfungen unserer Wirtschaftsordnung schuld sind?
Der Schönheitsfehler: Nichts davon stimmt. Und alle Missverständnisse hätten sich mit minimalem Rechercheaufwand vermeiden lassen. In ihren Angstgefechten mit dem Internet sind die Qualitäts-Printmedien unzuverlässige Quellen geworden.
Georg Riedel: Harmonische Freude, frommer Seelen:
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Digitales Staatsversagen, ist das nicht übertrieben? Keineswegs. Der deutsche Staat ist offensichtlich nicht in der Lage, einem millionenfachen Grundrechtsbruch im Internet entgegenzutreten. Eigentlich schafft er es nicht einmal, sich eine Frageliste von der NSA beantworten zu lassen. Aber der entscheidende Punkt ist, dass in diesem Moment die Grundrechte bekannterweise seit einem Jahr verletzt werden undkeine Abhilfe geschaffen wird. Wer je im Verlauf der letzten zwölf Monate verstört oder gar erzürnt war über die flächendeckende Totalüberwachung – hat nicht den geringsten Grund, inzwischen entspannt zu sein. Es hat sich diesbezüglich exakt nichts geändert. Nichts.
Übermächtig aber scheint bei einem Teil der deutschen Öffentlichkeit zugleich der Wunsch nach einem Geschichtenerzähler, der 100 Jahre danach endlich die Belege für den Freispruch Deutschlands bieten soll. […] Was vorgeblich als Debatte über die Ursachen des Ersten Weltkriegs begann, mündet in die apologetische Ausrufung Deutschlands zum willigen Hegemon. Die Truppen für die künftige moralische Aufrüstung stehen schon bereit. Vorerst aber arbeiten deutsche Intellektuelle daran, die Geschichte des Ersten Weltkriegs in der beliebten Serie »Als der Weltkrieg Deutschland überfallen hat« (Hermann L. Gremliza) zur allgemeinen deutschen Zufriedenheit umzudeuten.
Der Name der Windrose – Sprachlog – Sexismus tötet: „Orkane mit Männernamen werden im Schnitt als stärker und gefährlicher eingestuft“ >
Vier Einsichten der letzten 15 Jahre bewegen mich, die Krautreporter zu abonnieren:
1. Das Internet ist die Öffentlichkeit 2. Es gibt keine Ökonomie der Information 3. Es geht um die Zukunft der Öffentlichkeit, nicht des Journalismus 4. Wir müssen über die Öffentlich-Rechtlichen reden
Bisher hatte ich geglaubt, mit Guido Knopps historischen Dokumentationen sei der Tiefpunkt im deutschen Fernsehen schon erreicht worden. Dieser Film bewies das Gegenteil. […] Fast alles, was über Ereignisse und Personen in dieser Dokumentation gesagt wird, ist falsch. […] Aber wer interessiert sich noch für Fakten, wenn es doch nur darum geht, den Zuschauer mit bunten Bildern zu unterhalten! Nun könnte man einwenden, solche Informationen seien Nebensache, weil sie zur Erklärung nichts beitragen. Mag sein. Aber dieser lieblos zusammengeschnittene Film erklärt nichts, er erhellt nichts. Er ist stümperhafte Desinformation.
Und er nutzt das – weil es für ihn keine Ausnahme, sondern Symptom ist – zu einer neuen Generalabrechnung mit dem Geschichtsfernsehen ganz im allgemeinen:
Die Infantilisierung des Zuschauers kennt keine Grenzen. Er wird nicht nur für dumm verkauft, er wird auch für dumm gehalten. Deshalb erzählt man ihm nur, was man ihm zumuten zu können glaubt. „History-TV“ gibt es nur, weil jene, die Dokumentarfilme produzieren, glauben, dass intelligente Menschen nicht fernsehen.
Jan Keupp, Jörg Schwarz: Konstanz 1414–1418. Eine Stadt und ihr Konzil. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2013. 213 Seiten.
Eine – vor allem im ersten Teil von Jörg Schwarz – sehr gut zu lesende Darstellung für Nicht-Experten des späten Mittelalters. Die erste Hälfte befasst sich mit dem eigentlichen Konzil, der Auflösung des großen abendländischen Schismas, bei dem aus drei Päpsten wieder einer wurde und nebenbei unter anderem noch Jan Hus verbrannt wurde. Das ist solide gemacht, geht aber naturgemäß nicht allzu sehr in die Tiefe. Im zweiten Teil geht es dann in der Darstellung von Jan Keupp um Konstanz selbst: Die Stadt, ihre Bürger, ihre Politik, ihre Wirtschaft. Das franst dann ein bisschen aus, der Themenstrauß wird arg bunt und es wirkt etwas oberflächlich und zufällig, die stärkere Kohärenz des ersten Teils wird nicht mehr erreicht. Das ist weniger ein Problem von Keupp, auch wenn er nicht ganz so ein guter Erzähler ist wie Schwarz (der manchmal freilich arg suggestiv schreibt), sondern eines der Sache – die ist einfach so vielfältig, dass sie nur durch den Ort der Überlieferung – Konstanz eben – zusammengehalten wird. Durch reichhaltige Quellenzitate (meist übersetzt), vor allem aus den Rats- und Gerichtsakten, wird das recht lebendig. Leider ist aber überhaupt kein Zitat nachgewiesen – das finde ich dann doch immer schade, weil es die Benutzbarkeit natürlich enorm einschränkt.
Pierre Bertaux: Hölderlin und die Französische Revolution. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1969. 188 Seiten.
Ein Klassiker der Hölderlin-Forschung, der zu seiner Zeit, bei seinem ersten Erscheinen, ziemlich für Aufruhr sorgte. Denn Bertaux geht es darum, zu zeigen, dass Hölderlin Jakobiner – also Anhänger der Französischen Revolution war – und, das ist das wichtige an seinem Buch, dass sich das auch in der Dichtung Hölderlins niederschlägt. Den ersten Punkt kann ich gut nachvollziehen, beim zweiten wird es schwierig, da scheint mir Bertaux’ Lektüre von Hölderlins Lyrik als verschlüsselter Code, der seine politische Botschaft versteckt, zu einseitig und etwas übers Ziel hinaus zu schießen. Letztlich steht aber auch recht wenig zu konkreten Werken Hölderlins drin – dafür entwickelt Bertaux mit viel Mühe ein breites Panorama der Französischen Revolution und vor allem ihrer Rezeption in Deutschland und besonders in Tübingen und Schwaben, das weit, sehr, sehr weit über Hölderlin hinaus geht, aber andererseits zum konkreten Gegenstand der Untersuchung eben auch nur bedingt etwas beiträgt.
Worauf es ankam, war, an einem Beispiel zu zeigen, daß die »politische« Interpretation der Dichtung Hölderlins auch – und nicht zuletzt – einen gültigen Beitrag zu einem besseren Verständnis leisten kann und diese Dichtung wieder aufleben läßt in ihrer Aktualität, als laufenden Kommentar zum Problem der Revolution und des Mannes im Zeitalter der Revolutionen. (138)/
Oswald Egger: Tag und Nacht sind zwei Jahre. Kalendergedichte. Warmbronn: Ulrich Keicher 2006. 31 Seiten.
Kalendergedichte? Wirklich? Das würde mich bei einem Autor wie Oswald Egger allerdings überraschen. Und natürlich ist das weder Kalender noch Gedicht – zumindest nach herkömmlichem Verständnis. Aber das zählte für Egger ja (noch) nie. Ein anderer, ein neuer Gang durch’s (Natur-)Jahr hat er hier aufgeschrieben – Menschen kommen nicht vor (nur das „ich“, das aber durchaus häufig), höchstens ihre Artefakte wie die „Fahrstraße“ (14), die Wege etc, die in der Natur liegen – ein Jahresreigen, wirklich ein Reigen. Hier kann man sehen, was passiert, wenn sich ein Sprachmeister und ‑magier wie Egger der Natur annimmt: Ihren Erscheinungen und ihrem Erklingen. Das ist – wie immer – phantastisch: Kaum jemand kann Sprache so magisch und kraftvoll verformen wie Egger – und damit Bilder und Töne evozieren, die normale Sätze oder Wörter nicht aufrufen können: Die sind zu schwach, zu ausgelaugt, zu abgenutzt, sie treffen das einzigartige, besondere des jeweiligen Moments nicht – und deshalb gibt’s halt Neues. Das hat immer etwas von einem Abenteuer: Man weiß weder, wo der Satz einen hinführt, noch, was der nächste Satz, die nächste Seite/Doppelseite (ein „Gedicht“) bringt.
[…] wie farbig flammendere Träume /schreckten diese hier, kalbendsten selbander, als Vögel /im Fieberschlaf erstarrt, und floureszieren etwas (wie nichts) /| auf Granit, die wie Porphyrpflasterplatten der Zufluß-Gneise /schiefernder Wege, alles Firmament verbleite lichtgrau und /betrübt sich richtig – (richtig)? (2f.)
Gleich zwei Bücher auf einmal hier. Aber zwei ganz verschiedene Seiten von Monika Rinck. In Helle Verwirrung die „normale“ Lyrikerin, in Rincks Ding- und Tierleben die Zeichnerin von kuriosen Dingen. Aber Rinck hat ja sowieso Auge und Ohr für das Ungewöhnliche, das Kuriose – etwas im „Begriffsstudio“. Das schlägt sich vor allem in den kühnen Bildern der Hellen Verwirrung nieder – und in den starken Titel der Gedichte, die – selten genug – wirkliche Titel sind: „erschöpfte konzepte: die liebe“, „immer nie“ … Und allein der Quitten-Zyklus ist mit seinen phantastischen, vielfältigen und vollkommen überraschenden Bildern den Band schon wert.
Weniger konnte ich dagegen mit dem Ding- und Tierleben anfangen: Das ist sehr spielerisch und humoristisch, mit Lust an Kontradiktionen und Null-Sinn und dem sprachlichen extemporieren. Aber einen rechten Zugang habe ich dazu nicht gefunden.
Mein Lieblingszitat:
in jedem buch gibt es zeilen, die man gar nicht lesen darf. (14)
Schöne Stellen gibt es aber unendlich viele. Zitierenswert erschien mir auch noch das hier – vielleicht gibt das ja einen Eindruck, warum ich das so gern gelesen habe:
das fand für dich auf der grenze statt, die meisten deiner gäste /haben sich entschieden für: normalität. einsam waren sie trotzdem. (16)/
Ein kleiner, bei Keicher sorgsam gedruckter Essay über die deutsche Sprache, ihre Struktur und ihren Laut, ihre Möglichkeiten und Schwierigkeiten. Zugleich geht es, der Titel verrät es ja, auch um die Möglichkeiten und Beschwernisse, Deutscher zu sein. Dieses Sein scheint sich aber – für Egger ja nicht besonders verwunderlich – vor allem oder hauptsächlich in der Sprache abzuspielen und zu entwickeln. Deswegen geht es also auch um solche Erlebnisse wie den „Schmuggel“ von Sinn und Bedeutung in Wörter, Sätze und Texte. Oder um Klang und Musik, Lieder und Melos des Deutschen – vor allem natürlich des „Deutschlandsliedes“, der Nationalhymne. Themen sind außerdem: Der Umgang „der Deutschen“ – und ihrer Dichter – mit ihrer Sprache und den ihr innewohnenden Möglichkeiten. In An- und Halbsätzen zeigen sich dabei auch einige Bausteine der Poetik Eggers – nämlich eben in seinem Verständnis der Sprache, die wohl etwas sehr offenes und fluides ist.
da gabelt sich die Gabe der Sprache in irrwische Wünschel, durch und durch die Gegend ohne Gegenstand als ein eingepeitschter Schlingerkreisel im ergatterten Mischmasch (5)
Oswald Egger: Nichts, das ist. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001. 160 Seiten.
Außerdem noch diesen dritten Egger gelesen. Aber da sehe ich mich außerstande, etwas halbwegs kluges dazu zu sagen …
In den Gedichten oder 200 Strophen/4‑Zeiler mit angehängter/überlagerter Poetik & Sprachkritik & Sprachsuche im poetischen Modus steckt – so viel merke ich schon beim ersten Lesen – unheimlich viel drin. Hyperkomplex gibt sich das, vielleicht ist das aber auch nur gefakt? Beim (ersten) Lesen bleiben eigentlich nur Sinnfetzen, Assoziationen, Klänge, Klangwortreihen und ‑entwicklungen – aber davon so viel, dass es die Lektüre lohnt. Die 3–5fache Parallelität des Textes (der Texte? – was ist hier überhaupt „der“ Text? und was machen die Zeichnungen/Grafiken da drin?), horizontal und vertikal auf den Seiten, vom Kolumnentitel oben bis zum unteren Rand, überhaupt das permanente Überkreuzen und Queren – von Sinn, von Einheit(en), von Text und Sprache machen schon eine „normale“ Lektüre unmöglich – ein „Verstehen“ erst recht. Immer neue Ansätze scheinen sich hier aufzutun, Iterationen vielleicht auch, oder Bohrungen in der Art von Versuchen mit offenem Ausgang: kein fester BOden, kein festes/dauerndes Ergebnis ist das einzig Ergebnishafte, was die Lektüre ergibt.
Zwei Beispielseiten – beinahe zufällig ausgewählt ;-) – mögen das illustrieren:
Scott Jurek with Steve Friedman: Eat & Run. My unlikely Journey to Ultramarathon Greatness. London u.a.: Bloomsbury 2012. 260 Seiten.
Ist das ein Laufbuch? Der Autorname lässt es vermuten: Scott Jurek ist einer der großen Ultraläufer. Aber Eat & Run – der Titel verrät es ja schon – dreht sich nicht nur ums Laufen. Im Gegenteil: Über weite Strecken geht es vor allem ums Essen. Nicht ohne Grund steht das im Titel vorne. Und zwar um das richtige Essen – nämlich die vegane Ernährung. Jurek schildert ausführlich seinen Weg von der „normalen“ amerikanischen Kost des mittleren Westens zur veganischen Ernährung. Das geschieht bei ihm vor allem aus (scheinbar) gesundheitlichen Gründen und weil er meint zu beobachten, dass er sich damit besser fühlt. Zugleich plagen ihn aber auch lange und immer wieder die Zweifel, ob er mit veganen Lebensmitteln ausgewogen, gesund und in allen Bereichen ausreichend genährt ist, um Ultras zu laufen.
So recht warm geworden bin ich mit Eat & Run aber nicht. Obwohl ich die Leistungen Jureks sehr schätze, blieb mir seine Haltung zum Laufen, wie sie sich hier zeigt, einfach fremd. Mehr dazu steht in meinem Laufblog: klick.
Darauf bin ich nur zufällig durch einen Beitrag in der Poet #15 gekommen. Zunächst mal ist das ein schönes Buch, auch die Herstellung ist ein Teil des Kunstwerks: Traditioneller Bleisatz, feines Papier (unaufgeschnitten und deswegen doppelt – so wird aus 58 Seiten ein Buch), lebendiger Druck, schöner Einband, dazu die farbigen Bilder Laubschers – so macht man Bücher.
Wilhelm Müllers Winterreise – oder wohl doch eher Schuberts Liedzyklus – dient Laubscher als Anregung und Ausgangspunkt für seine kleinen Gedichte. Die haben etwas von Preziosen: Fein und feinsinnig beobachtet, sehr klug und sehr sprachgewandt, auch sehr geschliffen und fest, überhaupt nicht spielerisch. Teilweise funktionieren sie als Überschreibung: Einzelne Worte und Sätze aus dem „Original“ sind als Zitate und Ankläge eingearbeitet – sehr dicht, fast nahtlos fügen sie sich in Laubschers wesentlich moderneren (wenn auch nicht avantgardistischen) Ton ein, der es trotz seiner Modernität schafft, vergleichsweise zeitlos zu bleiben. Ziemlich düster, grau und traurig ist diese Winterwelt hier. Aber, und das macht es lesenswert, es sind ganz viele Graus. Vielleicht könnte man sagen, dass Laubscher hier die Müllersche Winterreise überbietet: Mit mehr Realismus und zugleich mehr poetischer Entrückung geht das weiter als die romantischen Urgedichte. Und bleibt dabei andererseits auch doch sehr zurückhaltend – arg breit ist das thematische Feld nicht. Das macht aber nicht, weil es handwerklich sehr geschickt – etwa in der Verkettung der einzelnen Gedichte – und durchaus fein gemacht ist: (Be)rührend sind hier viele der Gedichte, emotional durch oder in ihrer Kunstfertigkeit.
Eines meiner Lieblingsgedichte aus dem titelgebenden Zyklus ist das auf Seite 19:
Das NewJazz-Meeting des SWR bringt oft spannende Musik hervor. 2011 war so ein guter Jahrgang: Da durfte die sowieso interessante und spannende Saxophonisten Ingrid Laubrock ein Oktett zusammenstellen und mit dem eigene Kompositionen proben und aufführen. Bei Intakt – nicht ohne Grund eines meiner Lieblingslabel … – ist nun der Mitschnitt der Zürcher Aufführung, das „Zürich Concert“, erschienen.
Das ist sozusagen Jazz jenseits des Jazz. Eigentlich ist das nämlich eher Kammermusik mit Musikern, die sich (auch) ausgezeichnet aufs Improvisieren verstehen. Will sagen: Zum größeren Teil ist das komponierte Musik. Und das hört man auch durchaus. Laubrock hat einige faszinierende Stücke entworfen. Ausgefeilte Klänge und vor allem Zusammen-Klänge des ungewöhnlichen Instrumentariums verbinden sich mit langen, im Klang verwobenen Linien. Manchmal – gerade in dem über zehnminütigen „Novemberdoodle“ etwas – wirkt das wie ein erstarrtes, versteiftes Bild der Bewegung. Ein Klangbild mit ganz feinen Ziselierungen, mit sehr vorsichtig und ausgesprochen sorgsam austarierten Klangschattierungen. Manchmal wirkt das fast überkultiviert und überdeterminiert, fast zu vorsichtig. Aber dann kommen wieder Abschnitte wie das frei improvisierte „Blue Line & Sinker“, die diesen Eindruck schnell zurechtrücken.
Überhaupt macht die Vielfalt der beteiligten Musiker das ganze sehr spannend und eindrücklich: Neben Laubrock und ihren Triopartnern Liam Noble am Klavier und Tom Rainey am Schlagzeug, der hier allerdings auch als ausgezeichneter Xylophonist auftritt, sind der Trompeter Tom Arthurs, der Cellist Ben Davis, Bassist Drew Gress und die großartig-verschrobene Gitarristin Mary Halvorson sowie der Akkordeonist Ted Reichman beim „Ingrid Laubrock Octet“ dabei. Die bestimmt mit ihrem wunderbaren Solo das ganz viertelstündige „Chant“ – der Auftakt sozusagen zum lebendigeren Teil der Aufnahme. Denn nach dem sehr herbstlich-novembrigen Beginn nimmt die Musik deutlich an Fahrt auf. Ohne dabei allerdings ihr Geheimnis zu verlieren. Nicht nur Halvorsons Solo bleibt leicht entrückt und verzückt, auch weite Teile der restlichen Komposition und Improvisation frönen der labyrinthischen Klangwelt: Das ist oft nur schwer zu durchschauen, kaum vorherzusehen – und gerade deshalb ja so interessant und faszinierend. Auch wenn manches fast hermetisch wirkt: Diese in sich ruhende Abendmusik hat eine große Anziehungskraft.
Und hier gibt’s noch ein kleines Feature aus den Proben:
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Ingrid Laubrock Octet: Zürich Concert. SWR NewJazz Meeting. Intakt CD 221. 2014.
Statt aller lebensträchtigen Erinnerung, die neues Leben entwickeln könnte, bleibt nichts zurück als ein dürftiger Haufen Asche, gerade noch genug, um eine kleine Kolonie von Bakterien zu nähren, die sich ausbreiten werden. Das Menschenschicksaml mag für Jahrmillionen vorbestimmt sein. Es läßt trotzdem nichts zurück als diesen Dreck, den dürftigen Rest, womit er sich selbst verdaut hat. Es gibt in der einer Beschreibung zugänglichen menschlichen Gesellschaft eine besonders niedere Art von Beschäftigten, die diesen Dreck sammeln, kneten und zu modellieren vorgeben, die Wissenschaftler und in diesem besonderen Fall die Historiker.
Robert Schumann: Im wunderschönen Monat Mai (aus der „Dichterliebe“) – hier in der wunderbaren Aufnahme von Christoph Prégardien & Andreas Staier:
Robert Schumann: Im wunderschönen Monat Mai (Dichterliebe, Nr. 1)
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Aber in den Vorbereitungen für den nächsten Partysmalltalk kommen Sie mit Korpuslinguistik halt etwas flotter und aufwandsärmer zur textstrukturellen Erkenntnis:
Und wer unsere Art Strandleben nicht mag, der muss ja nicht kommen.
Leitartikler und Machteliten | Telepolis – Marcus Klöckner setzt sich sehr ausführlich mit der momentanen Diskussion um die Integration wichtiger deutscher Jouranlisten in mehr oder minder verschwiegene Zirkel der Machteliten auseinander – und kommt zu dem Schluss:
Es ist an der Zeit, dass die Distanz zwischen Journalisten und Machteliten größer wird.
Identitäten und Deutungszusammenhänge sind bei Bowie ständig im Fluss. Dank seines Selbstverständnisses, immer im Übergang, nie angekommen zu sein, und seiner Fähigkeit, Abseitiges nachvollziehbar zu machen, legte Bowie für sein Publikum Fährten in anderes, bis dahin fremdes kulturelles Terrain – vielleicht war diese Haltung, nicht seine Songs, das größte Geschenk, das er seinen jugendlichen Fans gemacht hat.
Und über ein weiteres Element seines Erfolges und Einflusses:
Konsequent hat Bowie sich anverwandelt, was ihm an Interessantem in die Finger kam. Er unterschied nicht zwischen Hoch- und Popkultur. Auch das war ein Grund für seinen Appeal. Schließlich hatte er seinen Fans, als die Versprechungen der Sechzigerjahre schal geworden waren, gezeigt, dass es mehr zu entdecken gab als eine Subkultur, mit der sie sich einst vom Rest der Welt hatten abgrenzen wollten, aber in einer Sackgasse gelandet waren. Bowie zeigte, dass man sich auch aus der Hochkultur das holen konnte, was man eben brauchte.
Tatsächlich prallen mit Zweifel und Heidenreich zwei Welten aufeinander. Insofern ist die Ablösung Zweifels nicht nur eine Entscheidung gegen die Person des Moderators. Es ist auch eine Entscheidung wie man den «Literaturclub», wie man Literatur im Fernsehen positionieren will: Hier das lustige, harmlose Leseempfehlungsgequatsche ohne besonderen Tiefgang. Dort die interessierte, neugierige, nicht immer sofort in ein Klischee einsetzbare Rede über ein Buch. Hier Facebook-Plauderei und Kaffeekränzchen, dort der Versuch, Texten und ihrer Komplexität (sofern vorhanden) gerecht zu werden.