»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Ins Netz gegangen (12.6.)

Ins Netz gegan­gen am 12.6.:

Taglied 5.6.2014

Georg Rie­del: Har­mo­ni­sche Freu­de, from­mer Seelen:


Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Ins Netz gegangen (4.6.)

Ins Netz gegan­gen am 4.6.:

  • Snow­den-Ent­hül­lun­gen: Staats­ver­sa­gen beim Schutz der Bür­ger – SPIEGEL ONLINE – Sascha Lobo hat lei­der sehr recht:

    Digi­ta­les Staats­ver­sa­gen, ist das nicht über­trie­ben? Kei­nes­wegs. Der deut­sche Staat ist offen­sicht­lich nicht in der Lage, einem mil­lio­nen­fa­chen Grund­rechts­bruch im Inter­net ent­ge­gen­zu­tre­ten. Eigent­lich schafft er es nicht ein­mal, sich eine Fra­ge­lis­te von der NSA beant­wor­ten zu las­sen. Aber der ent­schei­den­de Punkt ist, dass in die­sem Moment die Grund­rech­te bekann­ter­wei­se seit einem Jahr ver­letzt wer­den undk­ei­ne Abhil­fe geschaf­fen wird. Wer je im Ver­lauf der letz­ten zwölf Mona­te ver­stört oder gar erzürnt war über die flä­chen­de­cken­de Total­über­wa­chung – hat nicht den gerings­ten Grund, inzwi­schen ent­spannt zu sein. Es hat sich dies­be­züg­lich exakt nichts geän­dert. Nichts. 

  • jungle​-world​.com – 22/​2014 – The­ma – Die deut­sche Debat­te über den Ers­ten Welt­krieg – Richard Geb­hardt zur aktu­el­len Dis­kus­si­on um Schuld und Ver­ant­wor­tung in Europa

    Über­mäch­tig aber scheint bei einem Teil der deut­schen Öffent­lich­keit zugleich der Wunsch nach einem Geschich­ten­er­zäh­ler, der 100 Jah­re danach end­lich die Bele­ge für den Frei­spruch Deutsch­lands bie­ten soll.
    […] Was vor­geb­lich als Debat­te über die Ursa­chen des Ers­ten Welt­kriegs begann, mün­det in die apo­lo­ge­ti­sche Aus­ru­fung Deutsch­lands zum wil­li­gen Hege­mon. Die Trup­pen für die künf­ti­ge mora­li­sche Auf­rüs­tung ste­hen schon bereit. Vor­erst aber arbei­ten deut­sche Intel­lek­tu­el­le dar­an, die Geschich­te des Ers­ten Welt­kriegs in der belieb­ten Serie »Als der Welt­krieg Deutsch­land über­fal­len hat« (Her­mann L. Grem­li­za) zur all­ge­mei­nen deut­schen Zufrie­den­heit umzudeuten.

  • Der Name der Wind­ro­se – Sprach­log – Sexis­mus tötet: „Orka­ne mit Män­ner­na­men wer­den im Schnitt als stär­ker und gefähr­li­cher eingestuft“ >
  • Von Erin­ne­rungs­kul­tur und Ver­gess­lich­keit | Kul­tur | DW​.DE | 24.05.2014 – Alei­da Ass­mann: Erin­ne­rungs­kul­tur lebe, sei nicht sta­bil. Und sie müs­se sich auch ver­än­dern dür­fen.

    (Und neben­bei: Walsers Augen­brau­en sind ja ein Kunst­werk für sich …)

  • War­um ich die Kraut­re­por­ter unter­stüt­ze – Im Enten­teich 02.06.2014 – Per­len­tau­cher – Thier­ry Cher­vel begrün­det, war­um er die „Kraut­re­por­ter“ unter­stützt und für eine gute Sache hält:

    Vier Ein­sich­ten der letz­ten 15 Jah­re bewe­gen mich, die Kraut­re­por­ter zu abonnieren:

    1. Das Inter­net ist die Öffentlichkeit
    2. Es gibt kei­ne Öko­no­mie der Information
    3. Es geht um die Zukunft der Öffent­lich­keit, nicht des Journalismus
    4. Wir müs­sen über die Öffent­lich-Recht­li­chen reden

  • Unsäg­li­che TV-Dokus: Geschich­te für Trot­tel – FAZ – Jörg Bab­e­row­ski macht sei­nem Unmut über die neu­es­te (far­bi­ge!) Sta­lin-Doku­men­ta­ti­on Luft:

    Bis­her hat­te ich geglaubt, mit Gui­do Knopps his­to­ri­schen Doku­men­ta­tio­nen sei der Tief­punkt im deut­schen Fern­se­hen schon erreicht wor­den. Die­ser Film bewies das Gegenteil.
    […] Fast alles, was über Ereig­nis­se und Per­so­nen in die­ser Doku­men­ta­ti­on gesagt wird, ist falsch.
    […] Aber wer inter­es­siert sich noch für Fak­ten, wenn es doch nur dar­um geht, den Zuschau­er mit bun­ten Bil­dern zu unter­hal­ten! Nun könn­te man ein­wen­den, sol­che Infor­ma­tio­nen sei­en Neben­sa­che, weil sie zur Erklä­rung nichts bei­tra­gen. Mag sein. Aber die­ser lieb­los zusam­men­ge­schnit­te­ne Film erklärt nichts, er erhellt nichts. Er ist stüm­per­haf­te Desinformation.

    Und er nutzt das – weil es für ihn kei­ne Aus­nah­me, son­dern Sym­ptom ist – zu einer neu­en Gene­ral­ab­rech­nung mit dem Geschichts­fern­se­hen ganz im allgemeinen:

    Die Infan­ti­li­sie­rung des Zuschau­ers kennt kei­ne Gren­zen. Er wird nicht nur für dumm ver­kauft, er wird auch für dumm gehal­ten. Des­halb erzählt man ihm nur, was man ihm zumu­ten zu kön­nen glaubt. „Histo­ry-TV“ gibt es nur, weil jene, die Doku­men­tar­fil­me pro­du­zie­ren, glau­ben, dass intel­li­gen­te Men­schen nicht fernsehen.

  • Anar­chist Michail Baku­nin: „Der Räu­ber ist der wah­re Held“ | ZEIT ONLINE – Vor 200 Jah­ren kam der gro­ße Anar­chist Michail Baku­nin zur Welt. Zeit­le­bens war er immer dort, wo es nach Revol­te roch. – Gero von Ran­dow por­trä­tiert Bakunin

Taglied 2.6.2014

„Sta­tic Kings“ aus dem gera­de erschie­ne­nen neu­en Album „Bécs“ von Fennesz:

Aus-Lese #32

Jan Keupp, Jörg Schwarz: Kon­stanz 1414–1418. Eine Stadt und ihr Kon­zil. Darm­stadt: Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft 2013. 213 Seiten. 

keupp-schwarz_konstanzEine – vor allem im ers­ten Teil von Jörg Schwarz – sehr gut zu lesen­de Dar­stel­lung für Nicht-Exper­ten des spä­ten Mit­tel­al­ters. Die ers­te Hälf­te befasst sich mit dem eigent­li­chen Kon­zil, der Auf­lö­sung des gro­ßen abend­län­di­schen Schis­mas, bei dem aus drei Päps­ten wie­der einer wur­de und neben­bei unter ande­rem noch Jan Hus ver­brannt wur­de. Das ist soli­de gemacht, geht aber natur­ge­mäß nicht all­zu sehr in die Tie­fe. Im zwei­ten Teil geht es dann in der Dar­stel­lung von Jan Keupp um Kon­stanz selbst: Die Stadt, ihre Bür­ger, ihre Poli­tik, ihre Wirt­schaft. Das franst dann ein biss­chen aus, der The­men­strauß wird arg bunt und es wirkt etwas ober­fläch­lich und zufäl­lig, die stär­ke­re Kohä­renz des ers­ten Teils wird nicht mehr erreicht. Das ist weni­ger ein Pro­blem von Keupp, auch wenn er nicht ganz so ein guter Erzäh­ler ist wie Schwarz (der manch­mal frei­lich arg sug­ges­tiv schreibt), son­dern eines der Sache – die ist ein­fach so viel­fäl­tig, dass sie nur durch den Ort der Über­lie­fe­rung – Kon­stanz eben – zusam­men­ge­hal­ten wird. Durch reich­hal­ti­ge Quel­len­zi­ta­te (meist über­setzt), vor allem aus den Rats- und Gerichts­ak­ten, wird das recht leben­dig. Lei­der ist aber über­haupt kein Zitat nach­ge­wie­sen – das fin­de ich dann doch immer scha­de, weil es die Benutz­bar­keit natür­lich enorm einschränkt.

Pierre Ber­taux: Höl­der­lin und die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 1969. 188 Seiten. 

bertaux, hölderlinEin Klas­si­ker der Höl­der­lin-For­schung, der zu sei­ner Zeit, bei sei­nem ers­ten Erschei­nen, ziem­lich für Auf­ruhr sorg­te. Denn Ber­taux geht es dar­um, zu zei­gen, dass Höl­der­lin Jako­bi­ner – also Anhän­ger der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on war – und, das ist das wich­ti­ge an sei­nem Buch, dass sich das auch in der Dich­tung Höl­der­lins nie­der­schlägt. Den ers­ten Punkt kann ich gut nach­voll­zie­hen, beim zwei­ten wird es schwie­rig, da scheint mir Ber­taux’ Lek­tü­re von Höl­der­lins Lyrik als ver­schlüs­sel­ter Code, der sei­ne poli­ti­sche Bot­schaft ver­steckt, zu ein­sei­tig und etwas übers Ziel hin­aus zu schie­ßen. Letzt­lich steht aber auch recht wenig zu kon­kre­ten Wer­ken Höl­der­lins drin – dafür ent­wi­ckelt Ber­taux mit viel Mühe ein brei­tes Pan­ora­ma der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und vor allem ihrer Rezep­ti­on in Deutsch­land und beson­ders in Tübin­gen und Schwa­ben, das weit, sehr, sehr weit über Höl­der­lin hin­aus geht, aber ande­rer­seits zum kon­kre­ten Gegen­stand der Unter­su­chung eben auch nur bedingt etwas beiträgt.

Wor­auf es ankam, war, an einem Bei­spiel zu zei­gen, daß die »poli­ti­sche« Inter­pre­ta­ti­on der Dich­tung Höl­der­lins auch – und nicht zuletzt – einen gül­ti­gen Bei­trag zu einem bes­se­ren Ver­ständ­nis leis­ten kann und die­se Dich­tung wie­der auf­le­ben läßt in ihrer Aktua­li­tät, als lau­fen­den Kom­men­tar zum Pro­blem der Revo­lu­ti­on und des Man­nes im Zeit­al­ter der Revo­lu­tio­nen. (138)/

Oswald Egger: Tag und Nacht sind zwei Jah­re. Kalen­der­ge­dich­te. Warm­bronn: Ulrich Kei­cher 2006. 31 Seiten. 

Egger, Tag und NachtKalen­der­ge­dich­te? Wirk­lich? Das wür­de mich bei einem Autor wie Oswald Egger aller­dings über­ra­schen. Und natür­lich ist das weder Kalen­der noch Gedicht – zumin­dest nach her­kömm­li­chem Ver­ständ­nis. Aber das zähl­te für Egger ja (noch) nie. Ein ande­rer, ein neu­er Gang durch’s (Natur-)Jahr hat er hier auf­ge­schrie­ben – Men­schen kom­men nicht vor (nur das „ich“, das aber durch­aus häu­fig), höchs­tens ihre Arte­fak­te wie die „Fahr­stra­ße“ (14), die Wege etc, die in der Natur lie­gen – ein Jah­res­rei­gen, wirk­lich ein Rei­gen. Hier kann man sehen, was pas­siert, wenn sich ein Sprach­meis­ter und ‑magi­er wie Egger der Natur annimmt: Ihren Erschei­nun­gen und ihrem Erklin­gen. Das ist – wie immer – phan­tas­tisch: Kaum jemand kann Spra­che so magisch und kraft­voll ver­for­men wie Egger – und damit Bil­der und Töne evo­zie­ren, die nor­ma­le Sät­ze oder Wör­ter nicht auf­ru­fen kön­nen: Die sind zu schwach, zu aus­ge­laugt, zu abge­nutzt, sie tref­fen das ein­zig­ar­ti­ge, beson­de­re des jewei­li­gen Moments nicht – und des­halb gibt’s halt Neu­es. Das hat immer etwas von einem Aben­teu­er: Man weiß weder, wo der Satz einen hin­führt, noch, was der nächs­te Satz, die nächs­te Seite/​Doppelseite (ein „Gedicht“) bringt.

[…] wie far­big flam­men­de­re Träu­me /​schreck­ten die­se hier, kal­bends­ten sel­ban­der, als Vögel /​im Fie­ber­schlaf erstarrt, und flou­res­zie­ren etwas (wie nichts) /​| auf Gra­nit, die wie Por­phyr­pflas­ter­plat­ten der Zufluß-Gnei­se /​schie­fern­der Wege, alles Fir­ma­ment ver­blei­te licht­grau und /​betrübt sich rich­tig – (rich­tig)? (2f.)
Moni­ka Rinck: Hel­le Ver­wir­rung. Gedich­te – Rincks Ding- und Tier­le­ben. Tex­te & Zeich­nun­gen. Idstein: kook­books 2009. 139 Seiten. 

rinck, helle verwirrungGleich zwei Bücher auf ein­mal hier. Aber zwei ganz ver­schie­de­ne Sei­ten von Moni­ka Rinck. In Hel­le Ver­wir­rung die „nor­ma­le“ Lyri­ke­rin, in Rincks Ding- und Tier­le­ben die Zeich­ne­rin von kurio­sen Din­gen. Aber Rinck hat ja sowie­so Auge und Ohr für das Unge­wöhn­li­che, das Kurio­se – etwas im „Begriffs­stu­dio“. Das schlägt sich vor allem in den küh­nen Bil­dern der Hel­len Ver­wir­rung nie­der – und in den star­ken Titel der Gedich­te, die – sel­ten genug – wirk­li­che Titel sind: „erschöpf­te kon­zep­te: die lie­be“, „immer nie“ …
Und allein der Quit­ten-Zyklus ist mit sei­nen phan­tas­ti­schen, viel­fäl­ti­gen und voll­kom­men über­ra­schen­den Bil­dern den Band schon wert.

Weni­ger konn­te ich dage­gen mit dem Ding- und Tier­le­ben anfan­gen: Das ist sehr spie­le­risch und humo­ris­tisch, mit Lust an Kon­tra­dik­tio­nen und Null-Sinn und dem sprach­li­chen extem­po­rie­ren. Aber einen rech­ten Zugang habe ich dazu nicht gefunden.

Mein Lieb­lings­zi­tat:

in jedem buch gibt es zei­len, die man gar nicht lesen darf. (14)

Schö­ne Stel­len gibt es aber unend­lich vie­le. Zitie­rens­wert erschien mir auch noch das hier – viel­leicht gibt das ja einen Ein­druck, war­um ich das so gern gele­sen habe: 

das fand für dich auf der gren­ze statt, die meis­ten dei­ner gäs­te /​haben sich ent­schie­den für: nor­ma­li­tät. ein­sam waren sie trotz­dem. (16)/

Oswald Egger: Deut­scher sein. Warm­bronn: Ulrich Kei­cher 2013 (Rei­he Lite­ra­tur­haus Stutt­gart 4). 28 Seiten. 

Egger, Deutscher-seinEin klei­ner, bei Kei­cher sorg­sam gedruck­ter Essay über die deut­sche Spra­che, ihre Struk­tur und ihren Laut, ihre Mög­lich­kei­ten und Schwie­rig­kei­ten. Zugleich geht es, der Titel ver­rät es ja, auch um die Mög­lich­kei­ten und Beschwer­nis­se, Deut­scher zu sein. Die­ses Sein scheint sich aber – für Egger ja nicht beson­ders ver­wun­der­lich – vor allem oder haupt­säch­lich in der Spra­che abzu­spie­len und zu ent­wi­ckeln. Des­we­gen geht es also auch um sol­che Erleb­nis­se wie den „Schmug­gel“ von Sinn und Bedeu­tung in Wör­ter, Sät­ze und Tex­te. Oder um Klang und Musik, Lie­der und Melos des Deut­schen – vor allem natür­lich des „Deutsch­lands­lie­des“, der Natio­nal­hym­ne. The­men sind außer­dem: Der Umgang „der Deut­schen“ – und ihrer Dich­ter – mit ihrer Spra­che und den ihr inne­woh­nen­den Mög­lich­kei­ten. In An- und Halb­sät­zen zei­gen sich dabei auch eini­ge Bau­stei­ne der Poe­tik Eggers – näm­lich eben in sei­nem Ver­ständ­nis der Spra­che, die wohl etwas sehr offe­nes und flui­des ist. 

da gabelt sich die Gabe der Spra­che in irr­wi­sche Wün­schel, durch und durch die Gegend ohne Gegen­stand als ein ein­ge­peitsch­ter Schlin­ger­krei­sel im ergat­ter­ten Misch­masch (5)

Oswald Egger: Nichts, das ist. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2001. 160 Seiten. 

egger, nichts das istAußer­dem noch die­sen drit­ten Egger gele­sen. Aber da sehe ich mich außer­stan­de, etwas halb­wegs klu­ges dazu zu sagen …

In den Gedich­ten oder 200 Strophen/​4‑Zeiler mit angehängter/​überlagerter Poe­tik & Sprach­kri­tik & Sprach­su­che im poe­ti­schen Modus steckt – so viel mer­ke ich schon beim ers­ten Lesen – unheim­lich viel drin. Hyper­kom­plex gibt sich das, viel­leicht ist das aber auch nur gefakt? Beim (ers­ten) Lesen blei­ben eigent­lich nur Sinn­fet­zen, Asso­zia­tio­nen, Klän­ge, Klang­wort­rei­hen und ‑ent­wick­lun­gen – aber davon so viel, dass es die Lek­tü­re lohnt. Die 3–5fache Par­al­le­li­tät des Tex­tes (der Tex­te? – was ist hier über­haupt „der“ Text? und was machen die Zeichnungen/​Grafiken da drin?), hori­zon­tal und ver­ti­kal auf den Sei­ten, vom Kolum­nen­ti­tel oben bis zum unte­ren Rand, über­haupt das per­ma­nen­te Über­kreu­zen und Que­ren – von Sinn, von Einheit(en), von Text und Spra­che machen schon eine „nor­ma­le“ Lek­tü­re unmög­lich – ein „Ver­ste­hen“ erst recht. Immer neue Ansät­ze schei­nen sich hier auf­zu­tun, Ite­ra­tio­nen viel­leicht auch, oder Boh­run­gen in der Art von Ver­su­chen mit offe­nem Aus­gang: kein fes­ter BOden, kein festes/​dauerndes Ergeb­nis ist das ein­zig Ergeb­nis­haf­te, was die Lek­tü­re ergibt. 

Zwei Bei­spiel­sei­ten – bei­na­he zufäl­lig aus­ge­wählt ;-) – mögen das illustrieren:
egger, nichts das ist, 18

egger, nichts das ist, 48

Scott Jurek with Ste­ve Fried­man: Eat & Run. My unli­kely Jour­ney to Ultra­ma­ra­thon Great­ness. Lon­don u.a.: Bloomsbu­ry 2012. 260 Seiten.

Ist das ein Lauf­buch? Der Autor­na­me lässt es ver­mu­ten: Scott Jurek ist einer der gro­ßen Ultra­l­äu­fer. Aber Eat & Run – der Titel ver­rät es ja schon – dreht sich nicht nur ums Lau­fen. Im Gegen­teil: Über wei­te Stre­cken geht es vor allem ums Essen. Nicht ohne Grund steht das im Titel vor­ne. Und zwar um das rich­ti­ge Essen – näm­lich die vega­ne Ernäh­rung. Jurek schil­dert aus­führ­lich sei­nen Weg von der „nor­ma­len“ ame­ri­ka­ni­schen Kost des mitt­le­ren Wes­tens zur vega­ni­schen Ernäh­rung. Das geschieht bei ihm vor allem aus (schein­bar) gesund­heit­li­chen Grün­den und weil er meint zu beob­ach­ten, dass er sich damit bes­ser fühlt. Zugleich pla­gen ihn aber auch lan­ge und immer wie­der die Zwei­fel, ob er mit vega­nen Lebens­mit­teln aus­ge­wo­gen, gesund und in allen Berei­chen aus­rei­chend genährt ist, um Ultras zu laufen.

So recht warm gewor­den bin ich mit Eat & Run aber nicht. Obwohl ich die Leis­tun­gen Jureks sehr schät­ze, blieb mir sei­ne Hal­tung zum Lau­fen, wie sie sich hier zeigt, ein­fach fremd. Mehr dazu steht in mei­nem Lauf­blog: klick.

span style=„font-variant: small-caps“>Werner Laub­scher: Win­ter­rei­se. Win­ter­spra­che. Ann­wei­ler: Tho­mas Plö­ger 1989. 58 Seiten.

laubscher, winterreiseDar­auf bin ich nur zufäl­lig durch einen Bei­trag in der Poet #15 gekom­men. Zunächst mal ist das ein schö­nes Buch, auch die Her­stel­lung ist ein Teil des Kunst­werks: Tra­di­tio­nel­ler Blei­satz, fei­nes Papier (unauf­ge­schnit­ten und des­we­gen dop­pelt – so wird aus 58 Sei­ten ein Buch), leben­di­ger Druck, schö­ner Ein­band, dazu die far­bi­gen Bil­der Laub­schers – so macht man Bücher. 

Wil­helm Mül­lers Win­ter­rei­se – oder wohl doch eher Schu­berts Lied­zy­klus – dient Laub­scher als Anre­gung und Aus­gangs­punkt für sei­ne klei­nen Gedich­te. Die haben etwas von Pre­zio­sen: Fein und fein­sin­nig beob­ach­tet, sehr klug und sehr sprach­ge­wandt, auch sehr geschlif­fen und fest, über­haupt nicht spie­le­risch. Teil­wei­se funk­tio­nie­ren sie als Über­schrei­bung: Ein­zel­ne Wor­te und Sät­ze aus dem „Ori­gi­nal“ sind als Zita­te und Anklä­ge ein­ge­ar­bei­tet – sehr dicht, fast naht­los fügen sie sich in Laub­schers wesent­lich moder­ne­ren (wenn auch nicht avant­gar­dis­ti­schen) Ton ein, der es trotz sei­ner Moder­ni­tät schafft, ver­gleichs­wei­se zeit­los zu blei­ben. Ziem­lich düs­ter, grau und trau­rig ist die­se Win­ter­welt hier. Aber, und das macht es lesens­wert, es sind ganz vie­le Graus. Viel­leicht könn­te man sagen, dass Laub­scher hier die Mül­lersche Win­ter­rei­se über­bie­tet: Mit mehr Rea­lis­mus und zugleich mehr poe­ti­scher Ent­rü­ckung geht das wei­ter als die roman­ti­schen Urge­dich­te. Und bleibt dabei ande­rer­seits auch doch sehr zurück­hal­tend – arg breit ist das the­ma­ti­sche Feld nicht. Das macht aber nicht, weil es hand­werk­lich sehr geschickt – etwa in der Ver­ket­tung der ein­zel­nen Gedich­te – und durch­aus fein gemacht ist: (Be)rührend sind hier vie­le der Gedich­te, emo­tio­nal durch oder in ihrer Kunstfertigkeit.

Eines mei­ner Lieb­lings­ge­dich­te aus dem titel­ge­ben­den Zyklus ist das auf Sei­te 19:
laubscher_19

Lieblingstweets Mai 2014


http://​twit​ter​.com/​s​e​b​a​s​o​/​s​t​a​t​u​s​/​4​6​6​9​0​7​0​6​9​3​9​2​8​7​9​616
http://​twit​ter​.com/​l​u​e​b​u​e​/​s​t​a​t​u​s​/​4​6​6​8​5​0​8​9​4​8​9​9​0​6​0​737


http://​twit​ter​.com/​k​u​s​a​n​o​w​s​k​y​/​s​t​a​t​u​s​/​4​6​8​0​9​1​2​5​4​3​2​1​1​8​8​864
http://​twit​ter​.com/​A​S​c​h​m​i​d​t​_​Z​i​t​a​t​e​/​s​t​a​t​u​s​/​4​6​8​4​1​4​2​6​2​3​0​6​9​5​1​168

Achtsame Abendmusik

Ingrid Laubrock Octet, Zürich ConcertDas NewJazz-Mee­ting des SWR bringt oft span­nen­de Musik her­vor. 2011 war so ein guter Jahr­gang: Da durf­te die sowie­so inter­es­san­te und span­nen­de Saxo­pho­nis­ten Ingrid Lau­b­rock ein Oktett zusam­men­stel­len und mit dem eige­ne Kom­po­si­tio­nen pro­ben und auf­füh­ren. Bei Intakt – nicht ohne Grund eines mei­ner Lieb­lings­la­bel … – ist nun der Mit­schnitt der Zür­cher Auf­füh­rung, das „Zürich Con­cert“, erschie­nen.

Das ist sozu­sa­gen Jazz jen­seits des Jazz. Eigent­lich ist das näm­lich eher Kam­mer­mu­sik mit Musi­kern, die sich (auch) aus­ge­zeich­net aufs Impro­vi­sie­ren ver­ste­hen. Will sagen: Zum grö­ße­ren Teil ist das kom­po­nier­te Musik. Und das hört man auch durch­aus. Lau­b­rock hat eini­ge fas­zi­nie­ren­de Stü­cke ent­wor­fen. Aus­ge­feil­te Klän­ge und vor allem Zusam­men-Klän­ge des unge­wöhn­li­chen Instru­men­ta­ri­ums ver­bin­den sich mit lan­gen, im Klang ver­wo­be­nen Lini­en. Manch­mal – gera­de in dem über zehn­mi­nü­ti­gen „Novem­ber­dood­le“ etwas – wirkt das wie ein erstarr­tes, ver­steif­tes Bild der Bewe­gung. Ein Klang­bild mit ganz fei­nen Zise­lie­run­gen, mit sehr vor­sich­tig und aus­ge­spro­chen sorg­sam aus­ta­rier­ten Klang­schat­tie­run­gen. Manch­mal wirkt das fast über­kul­ti­viert und über­de­ter­mi­niert, fast zu vor­sich­tig. Aber dann kom­men wie­der Abschnit­te wie das frei impro­vi­sier­te „Blue Line & Sin­ker“, die die­sen Ein­druck schnell zurechtrücken.

Über­haupt macht die Viel­falt der betei­lig­ten Musi­ker das gan­ze sehr span­nend und ein­drück­lich: Neben Lau­b­rock und ihren Trio­part­nern Liam Noble am Kla­vier und Tom Rai­ney am Schlag­zeug, der hier aller­dings auch als aus­ge­zeich­ne­ter Xylo­pho­nist auf­tritt, sind der Trom­pe­ter Tom Arthurs, der Cel­list Ben Davis, Bas­sist Drew Gress und die groß­ar­tig-ver­schro­be­ne Gitar­ris­tin Mary Hal­vor­son sowie der Akkor­deo­nist Ted Reich­man beim „Ingrid Lau­b­rock Octet“ dabei. Die bestimmt mit ihrem wun­der­ba­ren Solo das ganz vier­tel­stün­di­ge „Chant“ – der Auf­takt sozu­sa­gen zum leben­di­ge­ren Teil der Auf­nah­me. Denn nach dem sehr herbst­lich-novem­bri­gen Beginn nimmt die Musik deut­lich an Fahrt auf. Ohne dabei aller­dings ihr Geheim­nis zu ver­lie­ren. Nicht nur Hal­vor­sons Solo bleibt leicht ent­rückt und ver­zückt, auch wei­te Tei­le der rest­li­chen Kom­po­si­ti­on und Impro­vi­sa­ti­on frö­nen der laby­rin­thi­schen Klang­welt: Das ist oft nur schwer zu durch­schau­en, kaum vor­her­zu­se­hen – und gera­de des­halb ja so inter­es­sant und fas­zi­nie­rend. Auch wenn man­ches fast her­me­tisch wirkt: Die­se in sich ruhen­de Abend­mu­sik hat eine gro­ße Anziehungskraft.

Und hier gibt’s noch ein klei­nes Fea­ture aus den Proben:


Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Ingrid Lau­b­rock Octet: Zürich Con­cert. SWR NewJazz Mee­ting. Intakt CD 221. 2014.

Historiker

Statt aller lebens­träch­ti­gen Erin­ne­rung, die neu­es Leben ent­wi­ckeln könn­te, bleibt nichts zurück als ein dürf­ti­ger Hau­fen Asche, gera­de noch genug, um eine klei­ne Kolo­nie von Bak­te­ri­en zu näh­ren, die sich aus­brei­ten wer­den. Das Men­schen­schick­saml mag für Jahr­mil­lio­nen vor­be­stimmt sein. Es läßt trotz­dem nichts zurück als die­sen Dreck, den dürf­ti­gen Rest, womit er sich selbst ver­daut hat. Es gibt in der einer Beschrei­bung zugäng­li­chen mensch­li­chen Gesell­schaft eine beson­ders nie­de­re Art von Beschäf­tig­ten, die die­sen Dreck sam­meln, kne­ten und zu model­lie­ren vor­ge­ben, die Wis­sen­schaft­ler und in die­sem beson­de­ren Fall die Historiker.

—Franz Jung, Der Tor­pe­do­kä­fer, 119f.

Taglied 26.5.2014

Robert Schu­mann: Im wun­der­schö­nen Monat Mai (aus der „Dich­ter­lie­be“) – hier in der wun­der­ba­ren Auf­nah­me von Chris­toph Pré­gar­dien & Andre­as Staier:

Robert Schu­mann: Im wun­der­schö­nen Monat Mai (Dich­ter­lie­be, Nr. 1)

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Ins Netz gegangen (26.5.)

Ins Netz gegan­gen am 26.5.:

  • Bibel­stun­de – Sprach­log – Kor­pus­lin­gu­is­tik, leicht zweckentfremdet:

    Aber in den Vor­be­rei­tun­gen für den nächs­ten Par­tysmall­talk kom­men Sie mit Kor­pus­lin­gu­is­tik halt etwas flot­ter und auf­wands­är­mer zur text­struk­tu­rel­len Erkenntnis:

    Im Alten Tes­ta­ment war mehr Gemetzel.

  • Wahl­recht – News – Euro­pa­wahl am 25. Mai 2014 (Stimm­zet­tel, Hoch­rech­nun­gen und Pro­gno­sen, usw.) – Neu­es vom Nie­der­gang des „Qua­li­täts­jour­na­lis­mus“: Der „Zeit“-Chefredakteur weiß nicht, wie man/​er rich­tig wählt
  • Urlaub auf Mal­lor­ca : Darf man den Bal­ler­mann ver­bie­ten? – DIE WELT – Kath­rin Spoerr zeich­net in der „Welt“ ein schö­nes, nur ganz leicht iro­ni­sches Bild dess, was deut­sche Tou­ris­ten am Bal­ler­mann unter „Urlaub“ verstehen.

    Und wer unse­re Art Strand­le­ben nicht mag, der muss ja nicht kommen.

  • Leit­ar­tik­ler und Macht­eli­ten | Tele­po­lis – Mar­cus Klöck­ner setzt sich sehr aus­führ­lich mit der momen­ta­nen Dis­kus­si­on um die Inte­gra­ti­on wich­ti­ger deut­scher Jour­an­lis­ten in mehr oder min­der ver­schwie­ge­ne Zir­kel der Macht­eli­ten aus­ein­an­der – und kommt zu dem Schluss:

    Es ist an der Zeit, dass die Distanz zwi­schen Jour­na­lis­ten und Macht­eli­ten grö­ßer wird.

  • Ste­pha­nie Grimm: David Bowie ist kein Rock­star – LOGBUCH (Suhr­kamp-Blog) – Ste­pha­nie Grimm über David Bowie, sei­ne Fähig­kei­ten und sei­ne Beson­der­hei­ten als Pop-/Rock-/Kunst­star:

    Iden­ti­tä­ten und Deu­tungs­zu­sam­men­hän­ge sind bei Bowie stän­dig im Fluss. Dank sei­nes Selbst­ver­ständ­nis­ses, immer im Über­gang, nie ange­kom­men zu sein, und sei­ner Fähig­keit, Absei­ti­ges nach­voll­zieh­bar zu machen, leg­te Bowie für sein Publi­kum Fähr­ten in ande­res, bis dahin frem­des kul­tu­rel­les Ter­rain – viel­leicht war die­se Hal­tung, nicht sei­ne Songs, das größ­te Geschenk, das er sei­nen jugend­li­chen Fans gemacht hat.

    Und über ein wei­te­res Ele­ment sei­nes Erfol­ges und Einflusses:

    Kon­se­quent hat Bowie sich anver­wan­delt, was ihm an Inter­es­san­tem in die Fin­ger kam. Er unter­schied nicht zwi­schen Hoch- und Pop­kul­tur. Auch das war ein Grund für sei­nen Appeal. Schließ­lich hat­te er sei­nen Fans, als die Ver­spre­chun­gen der Sech­zi­ger­jah­re schal gewor­den waren, gezeigt, dass es mehr zu ent­de­cken gab als eine Sub­kul­tur, mit der sie sich einst vom Rest der Welt hat­ten abgren­zen woll­ten, aber in einer Sack­gas­se gelan­det waren. Bowie zeig­te, dass man sich auch aus der Hoch­kul­tur das holen konn­te, was man eben brauchte.

  • Chan­cen­los « Die MEDIENWOCHE – Das digi­ta­le Medi­en­ma­ga­zin – Lothar Struck beschäf­tigt sich aus­gie­big mit dem Ska­nal beim „Lite­ra­tur­club“ des SRF:

    Tat­säch­lich pral­len mit Zwei­fel und Hei­den­reich zwei Wel­ten auf­ein­an­der. Inso­fern ist die Ablö­sung Zwei­fels nicht nur eine Ent­schei­dung gegen die Per­son des Mode­ra­tors. Es ist auch eine Ent­schei­dung wie man den «Lite­ra­tur­club», wie man Lite­ra­tur im Fern­se­hen posi­tio­nie­ren will: Hier das lus­ti­ge, harm­lo­se Lese­emp­feh­lungs­ge­quat­sche ohne beson­de­ren Tief­gang. Dort die inter­es­sier­te, neu­gie­ri­ge, nicht immer sofort in ein Kli­schee ein­setz­ba­re Rede über ein Buch. Hier Face­book-Plau­de­rei und Kaf­fee­kränz­chen, dort der Ver­such, Tex­ten und ihrer Kom­ple­xi­tät (sofern vor­han­den) gerecht zu werden.

Seite 62 von 208

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén