Jonathan Harvey, Death of Light/Light of Death:
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Jonathan Harvey, Death of Light/Light of Death:
Noch eine Nebenbeschäftigung meinerseits: Das jährliche Brennholz-Sägen, ‑Hacken und ‑Aufsetzen. Letztes Wochenende war es wieder so weit.
Das sieht dann ungefähr so aus:
Christian Gerhaher singt Beethovens „An die ferne Geliebte“, begleitet von Gerold Huber am Klavier:
dewesgen das hier:
Eine neue CD, die mir mein Abonnement der Intakt-Veröffentlichungen ins Haus bringt: Schlippenbach plays Monk. Das macht er ja nicht zum ersten Mal, Intakt hat ja auch seine grandiose „Gesamtaufnahme“ des Monkschen Oeuvres mit den großartigen Musikern von Die Enttäuschung veröffentlich. Das hier ist aber noch einmal etwas anderes. Ob besser oder schlechter, ist schwer zu sagen. Schlippenbachs Musik ist hier lockere Komplexität: Jeder Moment atment Luft, jeder Klang bleibt offen, Lücken in der Form beflügeln Monks geniale Kompositionen in dieser Einspielung von Alexander von Schlippenbach, die neun Kompositionen (eine doppelt eingespielt) mit kurzen, frei improvisierten Zwischenspielen Schlippenbachs kombiniert.
In komplexen Mustern und Abläufen bleibt diese Interpretation Monks quicklebendig. Sicher, immer wieder kann man die (geistige) Nähe zur komponierten Neuen Musik hören. Überhaupt kann man hier schon mal (wieder) die Frage stellen, ob das Jazz ist (oder sein soll). Das klangliche Ergebnis unterscheidet sich – gerade bei den Eigenkompositionen/Improvisationen Schlippenbachs – zumindest beim ersten hören nicht wesentlich von vielen Kompositionen der letzten 50 jahre oder so. Bei den Monk-Interpretationen, die so etwas wie das Gerüst dieser Einspielung bilden, ist das jazzig-improvisatorische Moment stärker zu hören – weil hier mit klassischen Vorgaben gearbeitet wird: einer Melodie und zugehöriger Akkordfolge als Ausgangspunkt. Aber selbst das stimmt nicht immer, man kann sich da schnell täuschen: Weil Monk sich Schlippenbach annähert und Schlippenbach sich monk anverwandelt. Ulf Drechsel schreibt im Begleittext deshalb ganz treffend:
MonkIstMonkWirdSchlippenbachBleibtMonkBleibtSchlippenbach
Das triff die Qualität dieser CD vielleicht am besten: Dass sich hier zwei Musiker, zwei Seelen treffen, vermischen, verwandeln und doch sie selbst bleiben. Klanglich ist das faszinierend und belebend, der Sound der Aufnahme ist wunderbar lebendig und detailgesättigt, so dass man Schlippenbachs behutsames Spiel auf dem großen Steinway in allen Facetten wahrnehmen, nachspüren und mit-/nachvollziehen kann. Diese scheinbar ganz schlichte Musik, die solistische Improvisation mit und über neun Monk-Kompositionen ist aber ungeheuer einnehmend. Nicht nur durch ihre kultiviert-verfeinerte Gelehrsamkeit und formale Klarheit – von dem wunderbaren Klang sprach ich ja schon -, sondern auch dadurch, dass sie ganz unbekümmert frisch und lebendig bleibt. Das Alter der Werke und des Pianisten hört man eben gerade nicht. Höchstens mal in der abgeklärten Entspanntheit, mit der Schlippenbach das monksche Material benutzt und verarbeitet – er muss sich und uns nichts mehr beweisen. Und das hört man unbedingt – mit großer Freude. Irgendwie spüre ich da mehr Wahrheit und Wahrhaftigkeit als in der meisten Musik, die uns sonst so umgibt (ohne jetzt direkt sagen zu können, welche Wahrheit das ist): Das hat die Wirkung erhabener Kunst – sie verändert den Hörer, läutert ihn oder lässt ihn zumindest die Erhabenheit de Schönheit wahrnehmen.
Alexander von Schlippenbach: Piano Solo. Schlippenbach plays Monk. Intakt CD 207, 2012.
Was, verdammt noch mal, macht ein glückliches Leben aus, und ist es möglich, beide Formen auszuprobieren? (174f.)
Grausam ist alles: Grausamkeit beherrscht die Menschen, die Gesellschaften, die Natur, die Systeme, die Länder, die Welten, das Leben – alles. Grausam ist auch dieses Buch, auf die typische Sibylle-Berg-Weise. Nämlich getarnt als schonungslose Offenlegung der Wirklichkeit – und ihrer Leere. Schön hyperbolisch ist das, wirklich schön, insofern die Grausamkeit des Stoffes und der Sprache eben doch immer wieder in Schönheit umschlägt. Und es wird immer stärker. Angekommen ist Sibylle Berg nun bei absoluter, permanenter Endzeit(-stimmung): Ganz alleine ist Toto.
Blut sah jeder gerne, wenn es nicht das eigene war, Prügeleien sah jeder gerne, wenn er nicht selbst verprügelt wurde, Aggressionen und Peinlichkeiten, ohnmächtige Kinder, gefallene Kinder, das sah man sich doch gerne an, und wenn man nicht beteiligt war, sah man sich auch gerne Unfälle an, doch nicht, um zu begreifen, wie schnell ein gesunder Körper zu einem geschundenen Körper wird, sondern um sich zu freuen, dass einer weniger zur Konkurrenz gehörte. (66)
Die zentrale Figur von Sibylle Bergs Roman Vielen Dank für das Leben ist eine seltsame Figur: Es wird nicht ganz klar, ob Toto Hermaphrodit, Intersexueller, Zwitter oder was auch immer ist. Zunächst lebt er als Junge, später dann als Frau. Aber genauso unglücklich. Ebenso egal ist es auch, ob Toto sich in der DDR befindet, wo er aufwächst, im Elend des sozialistischen Kinderheims und auf dem Dorf, bei einem Bauernehepaar. Oder eher neben ihm, denn Toto ist immer, von Anfang an, von der Geburt an, als dem Arzt der erste Satz „Es ist ein …“, mit dem üblicherweise die Geschlechtszuschreibung erfolgt, misslingt, schon von diesem Moment ist Toto an ein Außenseiter. Aber ein totaler. Nicht, dass er überhaupt je eine Chance gehabt hätte, daran etwas zu ändern. Später freilich, nach der etwas seltsam-unbeteiligt-unfreiwilligen Flucht in die BRD, die eher eine Mitnahme ist (irgendwann in den späten 80ern muss das sein, aber alles im Text – fast alles – ist merkwürdig (und manchmal angestrengt) zeit- und ortlos), später gibt es von seiten Totos aus einige zaghafte Versuche der behutsamen (Pseudo-)Eingliederung in das, was sich da Gesellschaft nennt. Aber irgendwie ist Toto am Rande, als Beobachter der anderen, steckengeblieben – ihre/seine einzige mögliche Rolle von frühen Zeiten an, in der sie konsequent drinbleibt. Weder zaghafte Versuche positiver Emotionen (etwa die Liebe in Phnom Penh) oder Schmerzen (der Beinahe-Totschlag …) befreien ihn/sie daraus (wobei das befreien auch schon fraglich wäre – ist das eine Befreiung? Oder ist Toto als Nicht-Teil, als sich-selbst-alles-Seiender (vielleicht meint das sein seltsam kurioser Name?) freier als die „Norm“-Entwürfe dessen, was man gemeinhin Leben nennt …
Und darum geht es ja irgendwie immer, das ist mehr als deutlich: Gutes Leben, die ganzen Ideen und Vorstellung davon, wie man/wir seine/unsere Zeit auf Erden zu verbringen haben – das sind eben alles nur Möglichkeiten, nur Ideen, denen genauso wenig Sinn inhärent ist wie ihren Gegenteilen. Da hilft auch das überirdische Singen fern jeder Prägung durch Bildung oder andere Musik, das Toto betreibt und das regelmäßig bei den Zuhörern Gefühlsausbrüche & Weinen hervorruft, nicht.
So großartig Vielen Dank für das Leben in manchen Teilen ist, es scheinen doch auch einige Längen durch. Und manchmal wird der Tonfall nervend, dieses Dozieren der Schlechtigkeit der Welt, der Menschen, der Natur, des Kapitalismus, des Sozialismus, des allen (vor allem in den „Kommentar“-Teilen „Der Anfang“, „Die Mitte“, „Das Ende“ ist das überdeutlich, es schlägt aber auch sonst manchmal arg auffällig durch, dann kommen nur noch bloße Phrasen bei heraus …). Aber dann gibt es eben doch immer wieder auch diese faszinierende Klarheit der Berg’schen Prosa, die verletzend wie Chirugenstahl durch die Wirklichkeit schneidet:
Degeneriert mögen sie sein, von Tumoren zersetzt, doch die sterben nicht aus, die gewöhnen sich an alles. Die Menschen. (315)
Und die Endzeit hört ja auch einfach nicht auf, es bleibt einfach immer schrecklich, kaum noch steigerbar, aber irgendwie doch im permamenten Verfall. „Und weiter.“ sind dann auch in diesem Sinne wunderbar treffend alle Kapitel der Toto-Handlung überschrieben, die nicht nur durch die drei Kommentare, sondern auch durch vereinzelte Kapitel mit Ausblicke in Nebenhandlungen unterborchen werden (unter denen Kasimir als eine Art Begleit- oder Gegenfigur zu Toto heraussticht: Kasimir, der mit Toto im Kinderheim aufwächst, mit dem ihm kurz so etwas wie Freundschaft (und Verlangen) verbindet, dass dann in systematischen Hass umgeformt wird von einem erwachsenen Kasimir, der ganz und gar im System aufgeht, und einen elaboriert-perfiden Plan der Vernichtung Totos ausgetüftelt hat …) Nun ist das natürlich kein Kulturpessismus alter Sorte, der sich eine wie auch immer phantasierte bessere Zeit zurückwünscht. Das ist einfach totale (manchmal vielleicht auch totalitätre?) Desillusionierungsprosa. Das muss einem gefallen, sonst wird man sich hier nur quälen. Und gequält werden, von diesem globalen Scheitern.
Ein Gefühl war nicht geplant gewesen. (367)
Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben. München: Hanser 2012. 400 Seiten. 21,90 Euro. ISBN 978−3−446−23970−8
Zeena Parkins, Thomas Lehn und Jason Willett in einem (zumindest zeitweise) grandiosen flow:
Heute eine feine Preziose: Ein kompletter Mitschnitt eines Konzertes von Naked City:
Heute muss es natürlich etwas von Arnold Schönberg sein. Zum Beispiel Ausschnitte aus den Gurreliedern in der Digital-Concert-Hall der Berliner Philharmoniker.
Oder die herrlich faszinierenden 3 Klavierstücke op. 11, hier von Mauizio Pollini mustergültig gespielt:
Und für die Liebhaber historischer Aufnahmen: Eduard Steuermann mit den Fünf Klavierstücken op. 23:
https://web.archive.org/web/20130302215646/http://www.youtube.com/watch?v=AXvmmjPHsVs
Mahlers 9. Symphonie, in einer Aufnahme des London Symphony Orchestra unter Valery Gergiev – besonders der dritte Satz ist gelungen:
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