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was kann literatur?

genau, das ist immer wie­der die frage.

aber hier geht es um sebas­ti­an kie­fers essay mit die­sem titel. eigent­lich könn­te hier vie­les und inter­es­san­tes pas­sie­ren, aber bei kie­fer kommt vor allem eini­ges selt­sa­mes her­aus. das fängt damit an, dass für ihn lite­ra­tur nur aus sät­zen besteht. und die pro­ble­me fan­gen damit ja gera­de erst an. immer­hin hat er bemerkt, dass kon­kre­te poe­sie und laut­poe­sie da pro­ble­ma­tisch wer­den. aber er weist ihnen den schwar­zen peter gleich wie­der selbst zu: sie müs­sen ihm bewei­sen, dass sie über­haupt lite­ra­tur sei­en – und das kön­nen sie sei­ner mei­nung nach eben nicht. (mal abge­se­hen von der frag­wür­di­gen argu­men­ta­ti­ons­stra­te­gie: müs­sen sie über­haupt lite­ra­tur sein? muss man das bestim­men kön­nen, ob es lite­ra­tur oder „bil­den­de“ kunst ist? ich sage nur die­ter roth…) so ein­sich­tig das argu­ment des sat­zes als grund­la­ge aller lite­ra­tur auch schein mag, mir scheint doch eine unter­for­de­rung des lesers vor­zu­lie­gen: kie­fer behaup­tet näm­lich, dass jeder unvoll­stän­di­ge satz vom leser auto­ma­tisch (!) ver­voll­stän­digt wür­de, auch die gebil­de der kon­kre­ten poe­sie zu sät­zen geformt wür­den. das ist natür­lich ein sehr ein­ge­schränk­ter begriff des ver­ste­hens. und das pro­blem der ein­ge­schränk­ten sicht­wei­sen setzt sich fort: er schlägt dann ein ver­such der „bauhaus-​literatur“ vor, die – im anschluss an höl­der­lins poe­tik und klopstock – eine art ton-​satz-​lehre der lite­ra­tur sein soll – einer lite­ra­tur, die „nicht ande­res als eine kom­po­si­ti­ons­kunst des satz­ar­ti­gen bezug­neh­mens sein kann“ (60). da bin ich doch sehr skep­tisch, ob sich das so wirk­lich hal­ten lässt.

man muss kie­fer bei allen fra­ge­zei­chen, die in mei­nem text auf­blin­ken, doch zugu­te hal­ten, dass er sich dezi­diert von der „mehr­heits­li­te­ra­tur“ abwen­det und den kunst­cha­rak­ter des lite­ra­ri­schen schrei­bens wie­der gestärkt sehen will – in einer art neu­en „hohen“ tons, die die lite­ra­tur aus der „zone des geschmacks“ (169) rück­führt und eine extrem eli­tä­re „bra­ve new art world“ begründet.

mein pro­blem damit noch ein­mal: das ziel deckt sich ver­blüf­fend genau mit mei­nen ansprü­chen und idea­len der lite­ra­tur (etwa: „wort­kunst mit uni­ver­sa­li­sier­ba­rem erkennt­nis­an­spruch“ (170)), aber die sta­tio­nen dahin sind doch mit selt­sam­kei­ten gepflastert …

sebas­ti­an kie­fer: was kann lite­ra­tur? graz, wien: dro­schl 2006 (essay 55)

Veröffentlicht in literatur

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