Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur

fussball

ein klei­ner zwi­schen­ruf, aus der faz vom freitag:

jochen jung: wm

deutsch­land, deutsch­land, übe alles,
übe alles für die welt-
meis­ter­schaft, den fall des falles,
damit kahn das leder hält.
oder leh­mann. oder bälamm.
oder kant. auf jeden fall,
und trotz all dem blö­den schmäschlamm,
hal­ten soll er halt den ball.

blut & bier

mein gott, schon wie­der so eine ent­täu­schung. man­che leu­te soll­ten wohl ein­fach nur bis zu einem bestimm­ten alter schrei­ben. und bei franz xaver kroetz ist das offen­bar inzwi­schen über­schrit­ten. denn was er hier unter dem titel blut & bier. 15 unge­wa­sche­ne sto­ries vor­legt, ist bei tages­licht bese­hen, ein­fach mist. und zwar ziem­lich großer.

ich hat­te ja eigent­lich gehofft, etwas von der sprach­li­chen poe­sie des frü­hen kroetz, wie in bau­ern ster­ben, wunsch­kon­zert oder furcht und hoff­nung in deutsch­land auch in die­sen geschich­ten wie­der­zu­fin­den. aber nix da, das ist nur noch selbst­hil­fe­pro­sa aus der schreib­werk­statt eines abge­wrack­ten dich­ters, der genau weiß, dass er nichts mehr auf die rei­he bringt. noch nicht ein­mal mehr ordent­li­che beob­ach­tun­gen sind auf­zu­zei­gen, kein inter­es­san­tes the­ma oder ein gelun­ge­ner plot. wobei die meis­ten die­ser wirk­lich recht dre­cki­gen g’schichten nicht ein­mal so etwas haben. apro­pos dreck: die vor­ge­täusch­te kol­lo­quia­li­tät, die bedeu­tungs­voll-unab­sicht­lich/­be­deu­tungs­los ein­floch­te­nen flos­kel der umgangs­spra­che sind kei­nes­weg legi­ti­ma­ti­on für irgend­et­was, son­dern bloß nervend.

denn wor­um geht es hier eigent­lich: genau, um kroetz. der taucht ziem­lich offen­sicht­lich in fast allen erzäh­lun­gen auf – immer gibt es einen altern­den schrift­stel­ler, der kaum noch etwas zu stan­de bringt, der über der schreib­ma­schi­ne brü­tet, der von alko­hol und über­haupt dem aus­schwei­fen­den leben sei­ner erfolg­rei­chen jugend gezeich­net ist: „er schick­te sich rum. such­te eine neue. er fand ein loch. ein ech­tes. das war er. ein arsch­loch.“ (28)

oder die tol­len, ach so wage­mu­ti­gen, ein­fach pein­li­chen phan­ta­sien des altern­den herrn beim anblick sei­ner fami­lie – sei­ner frau und sei­ner bei­den töch­ter: „sie zogen sich aus. sechs tit­ten, drei ärsche, drei mösen, straf­fe haut über jun­gem fleisch“ … „mein gott, die­se nut­ten, dach­te er, die­se gott­ver­damm­ten nut­ten.“ (38) und so geht das dann die gan­ze zeit…

manch­mal immer­hin scheint noch etwas vom sozi­al­kri­ti­schen beob­ach­ter, dem ehe­ma­li­gen mit­glie­der der kom­mu­nis­ti­schen par­tei, in den tex­ten auf – sel­ten genug. etwa wenn er im letz­ten text „der ganz nor­mal super­mann“ das sze­na­rio einer öko­lo­gisch-ega­li­tä­ren gesell­schaft ent­wirft, in der alles, auch sex etc., streng limi­tiert sind, damit alle mal zum zuge kommen.

lite­ra­risch ist das ein­fach mist: „schrei­ben kann doch heut­zu­ta­ge jeder depp, aber er war ein guter mann, und dar­auf kommts doch letzt­lich an!“ (79). das, was mich an sol­chen tex­ten immer wie­der am meis­ten anwi­dert, ist die tat­sa­che, dass ihr autor durch­aus zu wis­sen scheint, dass er nur mist, nur bil­li­ges geschwur­bel ohne künst­le­ri­schen wert, pro­du­ziert – und trotz­dem nichts dage­gen unter­nimmt, nichts bes­se­res schreibt oder wenigs­tens den dreck unver­öf­fent­lich lässt.

damit wäre kroetz also auch abge­hakt – es sei denn, er macht einen münch­hau­sen und holt sich selbst noch ein­mal aus dem sumpf sei­ner selbst­be­züg­li­chen, selbst­ver­lieb­ten (immer­hin mit dem obli­ga­to­ri­schen win­zi­gen schuss iro­nie), vor allem aber ein­fach schlech­ten pro­sa wie­der heraus.

franz xaver kroetz: blut & bier. 15 unge­wa­sche­ne sto­ries. ham­burg, rot­buch 2006

briefe einer freundschaft

nun ja, eigent­lich sind es ja nur frag­men­te: hwh war offen­bar doch recht schlam­pig beim auf­he­ben… jeden­falls feh­len vor allem von bach­manns brie­fe ein gro­ßer teil, auch sonst eini­ge lücken, die die lek­tü­re nicht gera­de erleich­tern, weil die bezü­ge stän­dig fehlen.

ansons­ten sind die brie­fe die­ser ach so tol­len, fast schon mytho­lo­gi­sier­ten freund­schaft nicht dazu ange­tan, mein eher abnei­gen­des ver­hält­nis zu hwh zu revi­die­ren. denn der brief­wech­sel ist ganz schön asy­m­e­trisch: hwh for­dert und ver­langt und drän­gelt, bach­mann hält dage­gen lan­ge zeit auf abstand. und aus dem von hwh immer wie­der ange­for­der­ten libret­to wird ja auch lan­ge nix…

das lie­be geld, die schwie­ri­gen arbeits­be­din­gun­gen, see­li­sche mühen und jubel – und natür­lich ita­li­en, das gelob­te land für hwh sind die immer wie­der auf­tau­chen­den the­men. und auch wenn er ib immer wie­der davon über­zeu­gen zu ver­sucht, es ihm mit dem gang ins exil nach­zu­tun, dar­an schei­tert er immer wie­der: ib bleibt höchs­ten ein paar wochen, mal mona­te, dann ist sie wie­der unter­wegs, rast­los wie immer.

über die gemein­sa­men arbei­ten erfährt man aber dann doch gar nicht so viel – außer, dass sie sol­ches lie­ber münd­lich bespra­chen. ein­zi­ge aus­nah­me: die libret­to-arbeit am „prinz von hom­burg“ – aber die war von hwh auch so schon recht aus­führ­lich dokumentiert

übri­gens auch die edi­ti­on nicht so wahn­sin­nig umwer­fend: die kom­men­ta­re sind teil­wei­se blo­ße selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, die auch noch oft wie­der­holt wer­den, ande­res wich­ti­ges fehlt dage­gen ganz – irgend­wie bleibt der ein­druck eines halb­her­zi­gen ver­suchs, nicht fisch noch fleisch.
inge­borg bach­mann, hans wer­ner hen­ze: brie­fe einer freund­schaft. hrsg. von hans höl­ler. mün­chen, zürich: piper 2004

was kann literatur?

genau, das ist immer wie­der die frage.

aber hier geht es um sebas­ti­an kie­fers essay mit die­sem titel. eigent­lich könn­te hier vie­les und inter­es­san­tes pas­sie­ren, aber bei kie­fer kommt vor allem eini­ges selt­sa­mes her­aus. das fängt damit an, dass für ihn lite­ra­tur nur aus sät­zen besteht. und die pro­ble­me fan­gen damit ja gera­de erst an. immer­hin hat er bemerkt, dass kon­kre­te poe­sie und laut­poe­sie da pro­ble­ma­tisch wer­den. aber er weist ihnen den schwar­zen peter gleich wie­der selbst zu: sie müs­sen ihm bewei­sen, dass sie über­haupt lite­ra­tur sei­en – und das kön­nen sie sei­ner mei­nung nach eben nicht. (mal abge­se­hen von der frag­wür­di­gen argu­men­ta­ti­ons­stra­te­gie: müs­sen sie über­haupt lite­ra­tur sein? muss man das bestim­men kön­nen, ob es lite­ra­tur oder „bil­den­de“ kunst ist? ich sage nur die­ter roth…) so ein­sich­tig das argu­ment des sat­zes als grund­la­ge aller lite­ra­tur auch schein mag, mir scheint doch eine unter­for­de­rung des lesers vor­zu­lie­gen: kie­fer behaup­tet näm­lich, dass jeder unvoll­stän­di­ge satz vom leser auto­ma­tisch (!) ver­voll­stän­digt wür­de, auch die gebil­de der kon­kre­ten poe­sie zu sät­zen geformt wür­den. das ist natür­lich ein sehr ein­ge­schränk­ter begriff des ver­ste­hens. und das pro­blem der ein­ge­schränk­ten sicht­wei­sen setzt sich fort: er schlägt dann ein ver­such der „bau­haus-lite­ra­tur“ vor, die – im anschluss an höl­der­lins poe­tik und klop­stock – eine art ton-satz-leh­re der lite­ra­tur sein soll – einer lite­ra­tur, die „nicht ande­res als eine kom­po­si­ti­ons­kunst des satz­ar­ti­gen bezug­neh­mens sein kann“ (60). da bin ich doch sehr skep­tisch, ob sich das so wirk­lich hal­ten lässt.

man muss kie­fer bei allen fra­ge­zei­chen, die in mei­nem text auf­blin­ken, doch zugu­te hal­ten, dass er sich dezi­diert von der „mehr­heits­li­te­ra­tur“ abwen­det und den kunst­cha­rak­ter des lite­ra­ri­schen schrei­bens wie­der gestärkt sehen will – in einer art neu­en „hohen“ tons, die die lite­ra­tur aus der „zone des geschmacks“ (169) rück­führt und eine extrem eli­tä­re „bra­ve new art world“ begründet.

mein pro­blem damit noch ein­mal: das ziel deckt sich ver­blüf­fend genau mit mei­nen ansprü­chen und idea­len der lite­ra­tur (etwa: „wort­kunst mit uni­ver­sa­li­sier­ba­rem erkennt­nis­an­spruch“ (170)), aber die sta­tio­nen dahin sind doch mit selt­sam­kei­ten gepflastert …

sebas­ti­an kie­fer: was kann lite­ra­tur? graz, wien: dro­schl 2006 (essay 55)

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