Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 85 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Fußball

Max Goldt hat nicht immer, aber häu­fig recht:

Mor­gen gestalten …

Aus-Lese #8

Johann Wolf­gang von Goe­the: Unter­gang einer Reichs­haupt­stadt. Johann Wolf­gang von Goe­the. Bela­ge­rung von Mainz. Ein Bil­der­bo­gen. Her­aus­ge­ge­ben von Her­mann Kurz­ke und Oli­ver Kem­mann. 2. Auf­la­ge. Frank­furt: Socie­täts-Ver­lag. 176 Seiten.

Selt­sam und schön: Schön in der Auf­ma­chung, in der Samm­lung aller mög­li­cher Mate­ria­li­en rund um Goe­thes fin­gier­ten Tage­buch-Bericht zur Bela­ge­rung von Mainz, in der reich­hal­ti­gen Anno­tie­rung in bes­ter Gelehr­ten­ma­nier. Selt­sam dann aber wie­der man­che Tex­te, zum Bei­spiel das Lob der Mon­ar­chie im Anfang (und die Abwer­tung der Demokratie): 

Eine rich­ti­ge Idee lag ihr zugrun­de, sie war nicht gleich­be­deu­tend mit auto­ri­tä­rem Macht­miß­brauch. Die Men­schen waren in ihr nicht gleich­ge­stellt, gewiß nicht, sie waren ver­schie­den und hat­ten abge­stuf­te Rech­te. Aber sie sind ja auch heu­te nur in der Theo­rie gleich, und Geset­zes­ge­wän­der, die ver­schie­de­ne Rech­te für ver­schie­de­ne Men­schen vor­se­hen, schmie­gen sich dem Gesell­schaft­leib unter Umstän­den natür­li­cher an als das schlot­tern­de Ein­heits­kleid der Demo­kra­tie. (7f.)

Abge­se­hen davon aber eine schö­ne, reich und klug kom­men­tier­te Aus­ga­be des Goe­the-Tex­tes, der vor allem mit sei­nem reich­hal­ti­gen (größ­ten­teils zeit­ge­nös­si­schen) Bild­ma­te­ri­al gefällt. Zwei­fel­los ein schö­nes und schön gemach­tes Buch – ide­al für den Couch­tisch ;-). Aber das Vor­wort! – So etwas lässt mich rat­los zurück. Wahr­schein­lich bin ich nur wie­der mal die fal­sche Zielgruppe …

Peter Kurz­eck: Der radi­ka­le Bio­graph. Her­aus­ge­ge­ben von Eri­ka Schmied. Frank­furt am Main: Stroem­feld 2013. 179 Seiten.

Das Geburts­tags­ge­schenk des Stroem­feld-Ver­lags für Peter Kurz­eck zum 70. Geburts­tag – und vor allem für sei­ne Leser, Hörer und Fans: Schö­ne Fotos von den Schau­plät­zen sei­nes Lebens und sei­ner Wer­ke und von ihm, Tex­te von Man­fred Papst, Tho­mas Meine­cke zum Schrei­ben und Erin­nern Kurz­ecks und ein Gespräch mit ihm und vie­lem mehr: Wun­der­schö­ne Foto­gra­fien eines Lebens mit klug und kennt­nis­reich aus­ge­wähl­ten Zita­ten aus dem Werk Kurz­ecks – ein herr­li­ches Geschenk.

Ann Cot­ten: Haupt­werk. Soft­soft­porn. Mit Zeich­nun­gen von Marei­le Fel­li­en, Ostheim/​Rhön: Peter Engst­ler 2013. 70 Seiten.

Wie immer bei Ann Cot­ten zeigt auch das Haupt­werk eine Art wil­de Spra­che – schon der Unter­ti­tel weist ja dar­auf hin: Eine Spra­che, die sich nicht um seman­ti­sche Kon­ven­tio­nen schert, alle Sti­le, Gen­res und Regis­ter hem­mungs­los mischt, die Viel­falt der Hete­ro­ge­ni­tät fei­ert – in Leich­tig­keit und Locker­heit. Fun­ken sprüht das vor allem an den Stel­len, wo Cot­ten ihre Mehr­spra­chig­keit ein­setzt, wo sich eng­li­sche Kon­struk­tio­nen mit deut­schen Wör­ter fül­len oder umge­kehrt, wo die Mischun­gen tan­zen – ich weiß nur noch nicht so recht, was die Fun­ken ent­zü­den sol­len oder werden …
Das klei­ne Vor­wort bie­tet dazu noch so etwas wie eine klei­ne Poe­tik, die aller­dings selbst auch wie­der poe­tisch (und dun­kel) ist:

Das Vor­wort ist nur dazu da, Freund­schaf­ten zu ret­ten. […] Eigent­lich müss­te man also für jeden Zusam­men­hang sprach­lich sich etwas ganz Neu­es her­aus­bil­den las­sen – aber womit denn? Der Ein­druck von Sin­gu­la­ri­tät ver­lei­tet einen ja eher dazu, eine Sache nicht sprach­lich zu beschrei­ben: Wozu soll­te man etwas, was nur stimmt, solan­ge es da ist, all­ge­mein erschlie­ßen? […] Zum Text zurück: Wenn sei­ne Irr­tü­mer ein Ver­bre­chen dar­stel­len, besteht die­ses in mei­ner selbst­ver­schul­de­ten Einsamkeit.

Cha­mis­so /​Scho /​Stol­ter­foht: Frau­en-Lie­be und Leben. Per­le­berg Ber­lin: hoch­roth 2010. 46 Seiten.

Adel­bert von Cha­mis­sos „Lie­der-Cyclus“ Frau­en-Lie­be und Leben von 1830 im Ori­gi­nal und in zwei sehr unter­schied­li­chen Nach­dich­tun­gen – einer sehr inspie­ren­den von Sabi­ne Scho und einer frem­deln­den von Ulf Stol­ter­foht, bei­de auf ihre Wei­se sehr dicht am Ori­gi­nal und trotz­dem sehr eigenständig.

Dirk von Geh­len: Eine neue Ver­si­on ist ver­füg­bar. Exklu­si­ve Erst­auf­la­ge, indi­vi­dua­li­sier­te Pre­mi­um-Edi­ti­on. Mün­chen 2013. 224 Seiten.

Das crowd-finan­zier­te zwei­te Buch Dirk von Geh­lens über die Ver­än­de­run­gen, die die Digi­ta­li­sie­rung für die Kul­tur, das Kul­tur­er­zeug­nis und die Gesell­schaft (mit ihren Kul­tur­er­zeu­gern und ‑rezi­pi­en­ten) mit sich bringt, hat einen eige­nen klei­nen Blog­bei­trag bekom­men: klick.

"Eine neue Version ist verfügbar" - Frontcover

Die neueste Version der neuen Version

So sieht sie also aus, mei­ne per­so­na­li­sier­te Neue Ver­si­on, die jetzt ver­füg­bar ist – aber das hat­te ich ja schon getwittert.

Schön ist das Buch gewor­den, mit den far­bi­gen Sei­ten der ver­schie­de­nen Kapi­teln (nur eine bes­se­re und fle­xi­ble­re Kle­be­bin­dung hät­te ich mir gewünscht …). Wobei ver­füg­bar schon falsch ist: Der Text hät­te mir schon lan­ge bekannt sein kön­nen und war es teil­wei­se auch, weil der Autor Dirk von Geh­len (des­sen Mas­hup ich auch schon mit Gewinn gele­sen habe) sei­ne Unter­stüt­zer am Ent­ste­hungs­pro­zess hat teil­ha­ben las­sen (was ich aber nicht alles gele­sen und ange­hört habe). Jetzt also die neue Ver­si­on von Eine neue Ver­si­on ist ver­füg­bar, die auch nur eine vor­läu­fig letz­te ist: Im Herbst erscheint es als über­ar­bei­te­te Ver­si­on noch ein­mal bei einem Verlag.

Wor­um geht es in Eine neue Ver­si­on ist ver­füg­bar? Um Ver­flüs­si­gung. Von Geh­len beob­ach­tet und beschreibt eine Ver­än­de­rung, die durch die Digi­ta­li­sie­rung viel­leicht nicht her­vor­ge­bracht, aber zumin­dest beschleu­nigt wur­de: Gesell­schaft und ihre „Pro­duk­te“ ver­än­dert sich. Sie wird beweg­li­cher, eben flüs­si­ger, über­win­det also die Star­re des Fest­stof­fes. Das heißt auch: Sie exis­tiert immer in ver­schie­de­nen Ver­sio­nen: Alles – z.B. auch die Kul­tur – wird zur Software. 

Auch ein schöner Rücken kann entzücken ...

Auch ein schö­ner Rücken kann entzücken …

Meta­phern spie­len dabei – die Vor­stel­lung der „Ver­flüs­si­gung“ macht es ja schon deut­lich – eine gro­ße Rol­le. Viel­leicht manch­mal eine zu gro­ße: Hin und wie­der hät­te ich mir (auch) noch etwas mehr Kon­kre­ti­sie­rung gewünscht. Sicher, dass ist nicht das pri­mä­re Ziel von Geh­lens. Aber gescha­det hät­te es dem Text und sei­ner ana­ly­ti­schen Schär­fe viel­leicht nicht ;-). Und für mei­nen unmaß­geb­li­chen Geschmack wird der Fuß­ball­spiel­ver­gleich etwas über­stra­pa­ziert. Aber das sind Klei­nig­kei­ten, im Gro­ßen und Gan­zen bin ich – glau­be ich zumin­dest – auf einer Linie mit der Neu­en Version. 

Ver­flüs­si­gung heißt also: Der Künst­ler – denn obwohl von Geh­len immer mit dem Blick auf die gesam­te Gesell­schaft schreibt, bleibt die Künst­le­rin und ihr Kul­tur­schaf­fen doch im Fokus – steht „nicht mehr am Anfang, son­dern in der Mit­te eines krea­ti­ven Pro­zes­ses […], des­sen Aus­gang offen ist“ (S. 149f.) Und des­halb heißt es ganz fol­ge­rich­tig ein­mal: „Wir müs­sen schwim­men ler­nen!“ Und das ist also von Geh­lens For­de­rung für alle. Er schlägt dazu einen Weg in fünf Schrit­ten vor:

  1. Das Pro­dukt als Pro­zess den­ken (führt zu grö­ße­rer Nähe zw. Pro­du­zent und Konsument)
  2. Das Gespräch füh­ren (der sozia­le Aspekt der Kul­tur – dazu gehört auch, die „Meta­da­ten“ offen­zu­le­gen, also den Pro­zess zu zei­gen und auch nach­voll­zieh­bar zu machen)
  3. Ein Netz­werk erstel­len (Künst­ler als (Ver-)Mittler)
  4. Einen Salon eröff­nen (Gemein­sam­keit spe­zi­fisch defi­nier­ter (vir­tu­el­ler) Öffentlichkeit(en))
  5. Erleb­nis­se schaf­fen (auch der Ent­ste­hungs­pro­zess ist ein Erlebnis)

Zusam­men­ge­nom­men heißt das dann: 

Schwim­men ler­nen bedeu­tet des­halb vor allem: die neu­en Bedin­gun­gen im ver­än­der­ten Ver­hält­nis zwi­schen Autor und Publi­kum zu erspü­ren. Denn hier liegt eine der zen­tra­len Fol­gen der digi­ta­len Kopie für die zu Soft­ware gewor­de­ne Kul­tur. (S. 150)

Und damit hat er wohl ziem­lich recht. Es wird also span­nend, davon bin ich über­zeugt: Noch gibt es ja erst weni­ge Ver­su­che, die­sen Weg (in der Kunst) zu gehen. Das wer­den in den nächs­ten Jah­ren sicher­lich viel mehr wer­den – und dar­auf freue ich mich. Und so gelas­sen und freund­lich-posi­tiv, wie von Geh­len die­sen ja durch­aus radi­ka­len Ver­än­de­rungs­pro­zess beschreibt, freut er sich genau­so darauf … 

Dirk von Geh­len: Eine neue Ver­si­on ist ver­füg­bar. Exklu­si­ve Erst­auf­la­ge, indi­vi­dua­li­sier­te Pre­mi­um-Edi­ti­on. Mün­chen 2013. 224 Seiten.
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Indi­vi­dua­li­sier­te Premium-Edition

Ins Netz gegangen (6.7.)

Ins Netz gegan­gen (4.7.–6.7.):

  • Hack­ing: Wahl­be­trug leicht gemacht – Golem​.de – Armin Rupp zeigt, wie über­ra­schend ein­fach es ist, Brief­wah­len zu fäl­schen – in der BRD:

    1989 beschloss die Bun­des­re­gie­rung, die Brief­wahl nicht nur zu ver­ein­fa­chen, son­dern auch hier und dort dabei ein­zu­spa­ren. Das hat der Alter­na­ti­ve zum Besuch im Wahl­lo­kal zwar tat­säch­lich eini­ge Hür­den genom­men, aber die Mög­lich­keit zur Wahl­fäl­schung deut­lich erhöht. Das hat der Sicher­heits­exper­te Armin Rupp auf der Sicher­heits­kon­fe­renz Sig­int 2013 in Köln aus­führ­lich gezeigt. Auch die Orga­ni­sa­ti­on für Sicher­heit und Zusam­men­ar­beit in Euro­pa (OSZE) bemän­gelt inzwi­schen die Brief­wahl in Deutschland.

  • Ach übri­gens, er ist Autist – DIE WELT – David Mit­chell über das Leben mit einem autis­ti­schen Sohn:

    Sie ver­spü­ren plötz­lich Mit­leid mit den Kran­ken im Mit­tel­al­ter, die in der Hoff­nung, den für ihr Lei­den zustän­di­gen Hei­li­gen zu fin­den, von einem Schrein zum ande­ren hum­pel­ten, obwohl sie eigent­lich einen Quan­ten­sprung in der Medi­zin gebraucht hätten.

  • Beleuch­tungs­vor­schrif­ten am Fahr­rad: Nichts genau­es weiß man nicht | Rad­ver­kehrs­po­li­tik – Rad­ver­kehrs­po­li­tik setzt sich auch mit dem geän­der­ten Ände­rungs­vor­schlag zu den Fahr­rad­be­leuch­tungs­pa­ra­gra­phen in der StV­ZO aus­ein­an­der – und zeigt, wie schwie­rig so eine ein­fach Anpas­sung offen­bar sein kann …

    So rich­tig Freu­de kommt ange­sichts des Durch­ein­an­ders nicht auf: Viel­leicht sind abnehm­ba­re Lam­pen künf­tig erlaubt, viel­leicht auch nicht—das ist im End­ef­fekt Interpretationssache.

  • Die Schwu­len brin­gen uns allen den Tod: Die Lust des “Spie­gel” an der Apo­ka­lyp­se durch Aids « Ste­fan Nig­ge­mei­er -

    Den­noch ist es schwer, in der Aids-Bericht­erstat­tung des »Spie­gel« die­ser Zeit einen Aus­druck von Ver­ant­wor­tung zu sehen—und nicht von rasen­der Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit. Dazu trägt die offen­kun­di­ge Lust bei, mit der Hal­ter die grau­sa­men Mecha­nis­men aufs Gru­se­ligs­te ausmalt

  • Pofall­as Brief­kopf – Akten­kun­de und zeit­ge­nös­si­sche Doku­men­ten­fäl­schun­gen | Akten­kun­de – Diplo­ma­tik kann auch in der Zeit­ge­schich­te wich­tig sein – Hol­ger Ber­win­kel zeigt, war­um „Dis­cri­men veri ac fal­si“ auch eine Auf­ga­be „der zeit­ge­schicht­li­chen Akten­kun­de“ sein kann und wie sie kon­kret funktioniert.
  • Unter dem Tep­pich der HRK | Schma​len​stroer​.net -

    Die HRK will ein erstaun­lich gut funk­tio­nie­ren­des Sys­tem gegen ein klan­des­ti­nes, weni­ger gutes Sys­tem erset­zen. Die bekann­ten Pla­gia­te-Wikis wer­den damit auto­ma­tisch zum wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­ten, da sie ja grund­sätz­lich öffent­lich sind. Wer das nicht in Ord­nung fin­det, darf ger­ne die­se Peti­ti­on mit­zeich­nen. Und wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten auch zukünf­tig öffent­lich machen.

Ins Netz gegangen (4.7.)

Ins Netz gegan­gen (3.7.–4.7.):

  • Gut­ten­berg, Scha­van und die Fol­gen: Maul­korb bei Pla­gi­ats­ver­dacht – Tages­spie­gel -

    Die Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz (HRK) und die Deut­sche For­schungs­ge­mein­schaft (DFG) pla­nen einen Maul­korb für For­scher, die wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten öffent­lich machen wol­len – das befürch­ten zumin­dest Wis­sen­schaft­ler, die jetzt einen offe­nen Brief im Inter­net ver­öf­fent­licht haben.

  • Inter­net-Sicher­heits­exper­te Felix von Leit­ner : Der Über­wa­chung ent­ge­hen? Das macht rich­tig viel Arbeit! – FAZ – fefe im FAZ-Inter­view bringt’s auf den Punkt:

    Ter­ro­ris­mus ist ja defi­niert als Ein­schüch­te­rung, als Angriff, der nicht mich direkt angreift, son­dern mir Angst macht und ich so mei­ne Lebens­art ände­re. Das ist doch genau, was hier gera­de pas­siert! Nur dass eben nicht „die Ter­ro­ris­ten“ die­sen Angriff durch­füh­ren, son­dern die Geheim­diens­te. Die­ses ewi­ge „aber die Ter­ro­ris­ten“ ist doch genau so hohl wie der Hin­weis auf die angeb­li­che par­la­men­ta­ri­sche Kon­trol­le. Im öffent­li­chen Dis­kurs muss mal jemand die Fra­ge stel­len, ob der real erleb­te Ter­ror nicht eher von den Diens­ten aus­geht, anstatt dass sie uns vor ihm schützen.

  • law blog» Beweg­te Zei­ten -

    Die Ver­wei­ge­rung von Über­flug­rech­ten ist zwar grund­sätz­lich zuläs­sig, da jeder Staat auch sei­nen Luft­raum als Hoheits­ge­biet betrach­tet. Aller­dings ist nicht mal ansatz­wei­se erkenn­bar, wel­che nach­voll­zieh­ba­ren eige­nen Inter­es­sen Frank­reich und Por­tu­gal mit der Ver­wei­ge­rung der Über­flug­rech­te ver­fol­gen könn­ten. Von der Maschi­ne des boli­via­ni­schen Prä­si­den­ten ging kei­ner­lei Gefahr für die bei­den Län­der aus – selbst wenn Snow­den sich an Bord befun­den hätte.
    Von daher ist das schon ein höchst unge­wöhn­li­cher Vorgang.

Die Polizei, dein Freund und Helfer

… auch für die armen Kaufleute:

aus "Die Neue Polizei, 1/1950"

aus „Die Neue Poli­zei, 1/​1950“

Ins Netz gegangen (2.7.)

Ins Netz gegan­gen (1.7.–2.7.):

  • Mal­lor­ca: Eimer­ver­bot am Bal­ler­mann! | ZEIT ONLINE – Na so was, in Mal­lor­ca sol­len Sauf­ge­la­ge in der Nacht ein­ge­dämmt wer­den. Das ist natür­lich fast schon der Weltuntergang …

    Was las­sen die Sit­ten­wäch­ter und Lärm­war­te denn über­haupt noch vom mal­lor­qui­ni­schen Urlaubs­fee­ling übrig? Rich­tig: Urknall­tü­ten wie Jür­gen Drews. Und solan­ge der deut­sche Schla­ger nicht unters Kriegs­waf­fen­kon­troll­ge­setz fällt, wird das auch so bleiben.

  • Nach­rich­ten und Ver­schwö­rungs­theo­rien | web​logs​.evan​ge​lisch​.de – manch­mal ist es ganz einfach …:

    Könn­te damit zu tun haben, dass Frei­heit im Gauck’schen Sin­ne eigent­lich nur die Abwe­sen­heit von DDR meint – des­halb muss Gauck an der Frei­heit nicht mehr rum­den­ken, son­dern kann sie als auf Dau­er gestell­ten Erfolg immer nur gerührt beklat­schen; die DDR ist ja nicht mehr.

  • Tra­di­ti­ons­haus: Insel Ver­lag mel­det Insol­venz an – Ber­li­ner Mor­gen­post – Manch­mal fra­ge ich mich ja, ob die bei Suhr­kamp selbst noch durch­bli­cken, wie ihr Geschäft und ihr Betrieb funk­tio­niert – oder auch nicht.

    Man muss sich das klar­ma­chen: Im Zuge eines Schach­zugs, der der Öffent­lich­keit als Befrei­ungs­schlag ver­kauft wer­den soll­te, bean­tragt Suhr­kamp die Insol­venz für ein mehr als hun­dert Jah­re altes Traditionsunternehmen.

  • Ich has­se Hans Zim­mer. Eine Tira­de | Bad Blog Of Musick – Moritz Eggert hat genug von den Film­mu­si­ken aus der Werk­statt Hans Zim­mers. Und er sagt es sehr deut­lich. Und er hat natür­lich recht.

    Oder mal nicht mit die­sem schwur­beln­den Ein­heits­sound alles zuzu­schei­ßen, den Du so erfolg­reich pro­du­zierst, Du weisst schon, immer die­se repe­tier­te Moll­ak­kord, kei­ner­lei nen­nens­wer­te melo­di­sche Ein­fäl­le, ein­fach nur Sound, Sound, Sound, bis es einem zu den Ohren und zum Mund und zum Arsch raus­kommt, immer nur die­ser FASCHISTOIDE Ein­heits­sound, zuge­kleis­tert mit der typi­schen Audio­spur eines heu­ti­gen Films, wo alles bis zum Limit kom­pri­miert und geboos­tet ist, damit es im Kino so rich­tig schön kracht und man ver­gisst, dass man ein Hirn hat.

  • Neue Sen­dung von Gui­do Knopp – Kein Kampf­geist, dafür Grün­der­zeit­de­kos – Süddeutsche.de – Gus­tav Seibst, selbst aus­ge­wie­se­ner His­to­ri­ker, hat sich Gui­do Knopps neue Sen­dung ange­se­hen und war über­haupt nicht über­zeugt oder begeistert:

    Knopp und die Phoe­nix-Macher hat­ten „kon­tro­ver­se Stand­punk­te“ ver­spro­chen, Histo­ry live sol­le „Geschich­te erleb­bar machen“ und „jun­ge Zuschau­er für Zeit­ge­schich­te begeis­tern“. Das hier ließ sie in einen Mit­tags­schlaf ver­sin­ken – die jun­gen wie die alten.

Gute wissenschaftliche Praxis nur im Verborgenen?

Die DFG – die immer­hin einen Groß­teil der deut­schen For­schung finan­ziert und damit auch inhalt­lich maß­ge­bend bestimmt – hat zusam­men mit der Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz beschlos­sen, dass „gute wis­sen­schaft­li­che Pra­xis“ (eine Wort­kon­struk­ti­on, die mich immer sehr an die genau­so unspe­zi­fier­te „gute fach­li­che Pra­xis“ der Bäue­rin­nen und Bau­ern erin­nert) ver­langt, dass Whist­le­b­lower ihre Beob­ach­tun­gen, Ent­de­ckun­gen und Befürch­tun­gen – zum Bei­spiel von Pla­gia­ten – nicht öffent­lich machen sol­len, son­dern nur den zustän­di­gen Gre­mi­en der Hoch­schu­len ver­mel­den – damit, so muss man sich das wohl den­ken, die dann in Ruhe und ohne von den blö­den Fra­gen der ner­ven­den Öffent­lich­keit (die zwar alles bezahlt, aber was soll’s …) oder gar Fach­kol­le­gin­nen und ‑kol­le­gen beläs­tigt zu wer­den, ent­schei­den kön­nen, was sie zu tun geden­ken. Fast wie die arca­na impe­rii also …

Wer das – wie ich – nicht so gut fin­det und sol­che Din­ge auch zukünf­tig lie­ber öffent­lich ver­han­delt sehen möch­te, der oder die möge bit­te die­se von Ste­fan Heß­brüg­gen initi­ier­te Peti­ti­on hier mit­zeich­nen. Viel Hoff­nung habe ich zwar nicht, dass sie wirk­lich etwas bewegt, aber ver­su­chen soll­te und muss man es wenigs­tens. Also: Mit­zeich­nen!

Nach­trag: Der Pete­ten Ste­fan Heß­brüg­gen hat im Redak­ti­onblog von Hypo­the­ses noch ein­mal aus­führ­lich begrün­det, war­um die Peti­ti­on not­wen­dig ist und war­um HRK & DFG irren.

Volksrede an die Mainzer Menschheit

Und dann das Fina­le: Eine drei­vier­tel Stun­de hat der Chor dafür auf der Büh­ne gewar­tet, jetzt darf end­lich mit­mi­schen und die Freu­de, die Ein­tracht, die Erlö­sung und über­haupt den Him­mel auf Erden sin­gend ver­kün­den. Und sie tun das mit einer unge­bro­che­nen Ver­ve – obwohl Beet­ho­vens neun­te Sin­fo­nie mit ihren Ver­hei­ßun­gen doch schon bald 200 Jah­re alt ist. Der Bach­chor Mainz, der seit sei­ner Fusi­on bei sol­chen Groß­pro­jek­ten mit dem Hoch­schul­chor noch eine Spur jün­ger und fri­scher klingt, wird näm­lich von dem Diri­gen­ten Karl-Heinz Stef­fens hör­bar genau­so mit­ge­ris­sen wie das Publi­kum in der Christuskirche.

Kein Wun­der, denn nicht nur der Chor kann begeis­tern. Vor allem die Deut­sche Staats­phil­har­mo­nie aus Lud­wigs­ha­fen zeigt sich als über­zeu­gen­des Beet­ho­ven-Orches­ter. Stark und kon­zen­triert führt ihr Chef Stef­fens die Musi­ker durch die zu ihrer Zeit bei­spiel­lo­se Par­ti­tur der Neun­ten. Kan­tig und fokus­siert bleibt der Klang, vor allem die Blä­ser über­zeu­gen durch ihre Prä­senz. Kein Zwei­fel: Zwei­fel kennt Stef­fens nicht. Im Gegen­teil: Er zwingt all die diver­gie­ren­den Per­spek­ti­ven der Par­ti­tur in eine Ein­heit – ohne dass man den Zwang dabei immer merkt und ein­fach eine über wei­te Tei­le sehr logisch und strin­gent ent­wi­ckel­te Sin­fo­nie hört. 

Trotz ihrer unge­bro­che­nen Beliebt­heit ist die Neun­te alles ande­re als ein leich­tes Werk: Der Umfang, die schwie­ri­gen Tem­pi, die kom­ple­xe Ent­wick­lung der sin­fo­ni­schen Form und das Pathos des Schlus­ses: All das for­dert den Diri­gen­ten beson­ders. Stef­fens meis­tert das hoch­kon­zen­triert und schwä­chelt nur im drit­ten Satz ein wenig, woe er die sonst so kohä­ren­te Strin­gez und Kon­se­quenz der for­ma­len Ent­wick­lung in sei­ner Inter­pre­ta­ti­on ein biss­chen aus den Augen ver­liert: Das ist schön, aber nicht mehr so unbe­stech­lich zwin­gend wie die ers­ten bei­den Sät­ze. Da hat Stef­fens wirk­lich viel gege­ben und gezeigt, wie wich­tig die für die gan­ze Sin­fo­nie sind. Denn bei ihm wird nicht nur deut­lich, war­um die Neun­te so groß­ar­tig ist. Son­dern auch, wie sie es ist: Wie Beet­ho­ven hier geschickt wie sel­ten aus den kleins­ten Moti­ven das größ­te über­haupt ent­wi­ckelt, das macht Stef­fens immer wie­der deut­lich. Ganz beson­de­re und wun­der­bar hör­ba­re Auf­merk­sam­keit rich­tet er auf die Keim­zel­len der moti­vi­schen Entwicklung. 

Und doch war­ten natür­lich alle auf das gro­ße Fina­le: Erst hier darf der durch­trai­nier­te Bach­chor sei­ne voka­len Musik­eln spie­len las­sen und zei­gen, wie leicht ihm das fällt. Und das Solis­ten­quar­tett mit der Sopra­nis­tin Sophie Kluß­mann, der Altis­tin Julia Fay­len­bo­gen und dem Tenor Chris­ti­an Els­ner sowie dem Bass Micha­el Dries fügt sich da har­mo­nisch und fast schon unauf­fäl­lig ein.
Ver­zü­ckung macht sich auf dem Gesicht des Diri­gen­ten schon gleich zu Beginn des Sat­zes breit – nicht ohne Grund, denn trotz des mäch­ti­gem Klangs bleibt alles sehr leicht­fü­ßig. Selbst der hei­li­ge Ernst der gna­den­los über­höh­ten Kunst als Welt­ret­te­rin: Durch die zacki­ge Phra­sie­rung und den mar­kant-kan­ti­gen Klang ver­liert das die Lee­re, die For­mel­haf­tig­keit des Pathos, ohne dabei auf Distanz gehen zu müs­sen. Die­se Musik ist ein­fach beseelt vom Glau­ben an ihre Möglichkeiten. 

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Lieblingstweets Juni 2013


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