Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 68 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Ins Netz gegangen (18.2.)

Ins Netz gegan­gen am 18.2.:

  • Chris Board­man: „Hel­mets not even in top 10 of things that keep cycling safe“ | road​.cc – Chris Board­man berät die bri­ti­sche Regie­rung in Sachen Fahr­rad­ver­kehr. Und er ver­tritt die Posi­ti­on: Hel­me brin­gen wenig. Die Daten legen näm­lich nahe, dass nicht so sehr Hel­me vor Ver­let­zun­gen schüt­zen, son­dern vor allem Infrastruktur.
    Board­man „liken­ed the cul­tu­re of hel­met use among keen cyclists to peo­p­le wea­ring body armour becau­se they have got used to being shot at.“
  • Foto­gra­fie: Krieg ist foto­gra­fisch nicht dar­stell­bar | Kul­tur – Ber­li­ner Zei­tung – Ger­hard Paul ver­tritt im Inter­view die The­se, dass (moder­ne) Krie­ge foto­gra­fisch nicht abzu­bil­den sind:

    …, dass der Krieg das Unmo­del­lier­ba­re schlecht­hin ist. Er ist viel zu kom­plex, um ihn durch Foto­gra­fie oder Film sicht­bar zu machen. Der moder­ne Krieg ist raum­grei­fend. Er ist mit foto­gra­fi­schen oder fil­mi­schen Mit­teln nicht darstellbar. 

    Aber da es natür­lich trotz­dem Bil­der (und Fil­me) von Krie­gen gibt, gilt immerhin:

    Jeder Krieg hat sei­ne eige­ne ästhe­ti­sche Ken­nung und sei­ne eige­nen Bilder.

  • kul­tur & geschlecht – Das online­jour­nal kul­tur & geschlecht ist ein trans­dis­zi­pli­nä­res Forum für Nach­wuchs-wis­sen­schaft­ler/in­nen der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum, die zu Geschlech­ter­fra­gen und ihren Kon­tex­ten for­schen. Es wird am Lehr­stuhl für Medi­en­öf­fent­lich­keit und Medi­en­ak­teu­re mit beson­de­rer Berück­sich­ti­gung von Gen­der des Insti­tuts für Medi­en­wis­sen­schaft der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum von Astrid Deu­ber-Man­kow­sky und Anja Michael­sen her­aus­ge­ge­ben, geför­dert von der Fakul­tät für Phi­lo­lo­gie und dem Rek­to­rat der RUB.

    Ziel ist, Pro­jek­te, umfas­sen­de­re Haus­ar­bei­ten, Bache­lor- und Mas­ter­ar­bei­ten, Tagun­gen und Work­shops, mit inno­va­ti­ven Ansät­zen und Fra­ge­stel­lun­gen der Geschlech­ter­for­schung einer grö­ße­ren Öffent­lich­keit zugäng­lich zu machen. Der Schwer­punkt liegt auf aktu­el­len kul­tur-wis­sen­schaft­li­chen Gen­der Stu­dies. Dabei ist uns beson­ders wich­tig, über ‚klas­si­sche’ The­men und Zugän­ge hin­aus­ge­hend Bezü­ge her­zu­stel­len. Dadurch hof­fen wir, rela­tio­na­le Bezie­hun­gen sicht­bar zu machen, und um eine Per­spek­ti­ve, die den Gen­der Stu­dies von Beginn an eigen ist: dass Geschlech­ter­dif­fe­renz nicht als iso­lier­tes Phä­no­men zu begrei­fen ist, son­dern nur durch umfas­sen­des, trans­dis­zi­pli­nä­res Befra­gen kom­ple­xer kul­tu­rel­ler Prozesse.

  • Sin­gen auf dem Rad­weg « Velo­phil – huch:

    An drei Stel­len in Ams­ter­da­mer Parks häng­te sie Schil­der mit der Auf­schrift “Zang­fiets­pad” auf, was so viel heißt wie Gesangs­rad­weg. Zudem war auf dem Schild ein sin­gen­der Rad­fah­rer abge­bil­det, und unter ihm stand die Auf­for­de­rung: Hier kön­nen Sie offi­zi­ell auf dem Rad singen.

  • Georg Diez über Homo­pho­bie – SPIEGEL ONLINE – Georg Diez in sei­ner Spiegel-Kolumne:

    Man kann die Räder ja kaum noch zäh­len, die da alle zurück­ge­dreht wer­den sol­len, mit solch bio­lo­gis­ti­schem, fun­da­men­ta­lis­ti­schem, bedrü­cken­dem Unsinn – und das Trüb­sin­nigs­te dar­an ist, dass das alles im halb­sei­de­nen Gewand eines Kon­ser­va­tis­mus geschieht, der sei­ne eige­ne Über­lebt­heit mit der Ver­tei­di­gung von angeb­lich christ­li­chen Wer­ten camoufliert.

Aus-Lese #28

Elke Naters: Köni­gin­nen. Köln: Kie­pen­heu­er & Witsch 1998. 151 Seiten. 

Ein ganz inter­es­san­ter klei­ner Roman, auch wenn er zunächst ganz unspek­ta­ku­lär und unauf­fäl­lig daher­kommt: Ohne Anfang und Ende erzählt Elke Naters einen ein­fa­chen Aus­schnitt aus dem „Leben“ zwei­er Frau­en. Freund­schaft ist das eigent­li­che The­ma dahin­ter. Erzählt wird das in dop­pel­ter Per­spek­ti­ve in kur­zen, wech­seln­den Abschnit­ten – teil­wei­se über­lap­pend – aus der Per­spek­ti­ve zwei­er Frau­en, Glo­ria & Marie, in schlich­ter, ein­fa­cher, sozu­sa­gen all­täg­li­cher Spra­che. Auf­fäl­li­ge Moti­ve bzw. (Stimmungs-)Indikatoren sind – etwas kli­schee­haft fast – das Ein­kau­fen, ins­be­son­de­re der Klei­dung, und Fri­su­ren (vor allem neue, ande­re). Natür­lich steht das in der Beto­nung der Mode und ande­rer „Äußer­lich­kei­ten“ in per­fek­ter Tra­di­ti­on des Popro­mans. Die Bana­li­tät des Lebens, der Freund­schaf­ten und Bezie­hun­gen, kurz: das „klei­ne Leben“ sind der Mit­tel­punkt der bei­den (mit­ein­an­der ver­wo­be­nen) all­täg­li­chen Frauengeschichten.

Das ist ein viel anstren­gen­de­res Leben, das ich füh­re, näm­lich ein glück­li­ches, als ein unglück­li­ches. (72)

Dou­glas Cou­p­land: Gene­ra­ti­on A. Stutt­gart: Tro­pen (Klett-Cot­ta) 2010. 333 Seiten. 

Cou­p­lands zwei­ter „Gene­ra­tio­nen-Roman“ basiert auf einer schö­nen Idee: Die Welt nach dem Ver­schwin­den der Bie­nen in naher Zukunft wird über­rascht von fünf über die Welt ver­teil­ten Bie­nen­sti­chen. Die gesto­che­nen wer­den aus­gie­big unter­sucht und getes­tet (offen­bar ohne Ergeb­nis), dann zusam­men­ge­bracht, um sich Geschich­ten zu erzäh­len – die auch apo­ka­lyp­ti­sche Ele­men­te erhal­ten und bestimm­te Pro­zes­se in den Gehir­nen anre­gen sol­len – alles im Namen der Wis­sen­schaft, angeb­lich. Manch­mal blöd fand ich, wie wenig Wis­sen vor­aus­ge­setzt wird, wie viel erklärt wird (unter dem Deck­man­tel, dass es die Cha­rak­te­re auch nicht wis­sen …). Dafür ist Gene­ra­ti­on A wie für Cou­p­land typisch auf den Punkt geschrie­ben, packend und forsch – und natür­lich mit der übli­chen Por­ti­on Coupland’scher Zeit- und Gesell­schafts­kri­tik, auch Sprach­wan­del und ‑ver­lust spie­len – als Sym­pto­me – eine gro­ße Rol­le. Und schließ­lich taucht noch ein schö­ner Sto­rytwist kurz vor Schluss auf, der zum etwas kit­schi­gen Hap­py­end mit Frie­de, Freu­de und Eier­ku­chen führt (sogar die Bie­nen kom­men wie­der zurück …). Das ist alles sehr nett, aber nicht so her­aus­ra­gend wie ande­res von Cou­p­land.

Caro­lin Emcke: Wie wir begeh­ren. Bonn: Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung 2013 (Schrif­ten­rei­he 1370). 254 Seiten. 

Wie wir begeh­ren ist kei­ne wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chung, son­dern ein Essay. Und zwar ein sehr guter (trotz eini­ger Beden­ken, die man inhalt­lich haben kann): Emcke erzählt sehr per­sön­lich, bleibt dabei aber nie ste­hen, son­dern reflek­tiert vom eige­nen Erle­ben aus: Die Ent­wick­lung von Sexua­li­tät, Lust und Begeh­ren im Lau­fe eines Lebens und – ganz wich­tig – der Umgang der Gesell­schaft mit die­sen The­men, der auch einem stän­di­gen Wan­del unter­liegt. Die Par­al­le­li­tät oder die Ver­schrän­kung von eige­nem Leben, der Erin­ne­rung und dem Nach­den­ken in allgemeinen/​soziologischen, auch sprach­li­chen Kate­go­rien (z.B. über das „Erwach­sen wer­den“, das „Coming of Age“) eig­net sich sehr gut, um die Viel­schich­tig­keit des The­mas in allen Belan­gen auch for­mal erfas­sen zu können. 

Emcke gelingt es immer wie­der (nicht nur in die­sem Buch) auf­fäl­lig gut, genau die rich­ti­gen Fra­gen zu stel­len. Das kann schon mal ein ein­fa­ches „Ist das wirk­lich so?“ sein. Das dient, wie auch die vie­len Bei­spiel-Erzäh­lun­gen, der Per­spek­ti­vie­rung: Das, was wir heu­te als „nor­ma­les“ Begeh­ren emp­fin­den, ist es nicht über­all und immer (gewe­sen). Begeh­ren kann immer auch die Mög­lich­keit der Not des Begeh­rens ent­hal­ten (weil die jewei­li­ge Art des Begeh­rens sozial/​juristisch/​theologisch unter­sagt ist etwa). Eine beson­de­re Rol­le nimmt des­halb der Umgang mit Homo­se­xua­li­tät ein – wie­der­um sowohl auf persönlicher/​individueller und gesell­schaft­li­cher Ebene.

Es ist ein Kate­go­rien­feh­ler, Sexua­li­tät über­haupt in mora­li­schen Begrif­fen zu ver­han­deln. (171)

Flann O’Bri­en: Aus Dal­keys Archi­ven. Zürich: Kein und Aber 2003. 256 Seiten. 

Die Fabel hat durch­aus Poten­zi­al: Ein „Wis­sen­schaft­ler“ erfin­det eine Sub­stanz, die die Atmo­sphä­re so ändert, dass Leben nicht mehr mög­lich ist. Und die hat die Neben­funk­ti­on, die Zeit auf­zu­he­ben. Und Kon­takt zu Figu­ren aus dem Him­mel her­zu­stel­len. Aber das ist eigent­lich nur eine Rand-/Rah­men­hand­lung, die den Prot­ago­nis­ten zu sei­nen ver­zwick­ten Akti­vi­tä­ten treibt (und ihn eini­ge Bie­re und Whis­keys trin­ken lässt) sowie Anlass zu den kru­des­ten Welt­theo­rien bie­tet. Auch James Joy­ce taucht per­sön­lich Jahr­zehn­te nach sei­nem ver­meint­li­chen Tod noch auf, als Autor, der sei­ne eige­nen Wer­ke nicht geschrie­ben haben will und sie auch für den größ­ten Mist hält. Und dann ist da noch die katho­li­sche Kir­che und ihre Orden …

Wenn man von der „Kon­kur­renz“ O’Briens zu Joy­ce – die sich auch hier nie­der­schlägt (und nicht zum Bes­ten des Buches …) – absieht, ist das ein sehr net­ter, humo­ri­ger klei­ner Roman, sehr irisch im Per­so­nal, der Hand­lung und dem Witz (sowie den Trink­ge­wohn­hei­ten) noch dazu.

Joseph Jurt: Bour­dieu. Stutt­gart: Reclam 2008. 129 Seiten. 

Jurt lie­fert hier eine sehr gedräng­te und dich­te, manch­mal für mich auch etwas arg ver­knapp­te Dar­stel­lung der Philosophie/​Soziologie Bour­dieus. Der Anfang etwa, wo er die Situa­ti­on der Phi­lo­so­phie in Frank­reich, in die Bour­dieu stößt beschreibt, und auch die Schil­de­rung sei­ner phi­lo­so­phi­schen Ent­wick­lung dar­in, die Kris­tal­la­ti­on sei­ner Grund­pos­tio­nen war für mich des­halb kaum les­bar. Das Pro­blem scheint mir auch zu sein, dass Jurt immer gleich den gan­zen Bour­dieu im Blick hat, also nicht ein­zel­ne Sta­tio­nen oder (Haupt-)Werke vor­stellt, son­dern immer auch die Ver­än­de­run­gen der Kon­zep­te im Lauf der Zeit mit­be­denkt – und das ist halt viel.

Ab dem drit­ten Kapi­tel, den „Grund­po­si­tio­nen Bour­dieus“ wird das aber kla­rer und deut­li­cher. Vor allem der Haupt­teil, das vier­te Kapi­tel, in dem Jurt die „zen­tra­len Kate­go­rien“ Bour­dieus vor­stellt, ist aus­führ­lich (und gut) erklärt – da wer­den natür­lich zuvör­derst das Kon­zept des „Habi­tus“ (das Bour­dieu von Panof­sky über­nom­men und modi­fi­ziert hat) und die Idee der „Fel­der“ geschildert.

John Dos Pas­sos: Man­hat­tan Trans­fer. Rein­bek: Rowohlt 2008 [1925]. 333 Seiten. 

Das Schreck­li­che, wenn einem New York zuwi­der ist, das Schreck­li­che ist, daß man nir­gends anders hin kann. Hier sit­zen wir auf dem Gip­fel der Welt.“ (183)

… das ist so etwas wie der Leit­satz für Man­hat­tan Trans­fer: New York als Zen­trum und Brenn­punkt der Welt, in dem sich alle mög­li­chen Schick­sa­le tref­fen. Ent­spre­chend erzählt Dos Pas­sos das – und das ist der lite­ra­tur­ge­schicht­lich wohl bedeut­sams­te Punkt an die­sem Roman – in einer Poly­pho­nie der Stim­men, Orte und Geschich­ten. Beson­ders die pre­kä­ren Situa­tio­nen und Schick­sa­le der „ein­fa­chen“ Men­schen inter­es­sie­ren ihn: die Armen, (fast) Mit­tel­lo­sen, die Arbei­ten­den und Arbeits­su­chen­den. Immer wie­der tau­chen auch gro­ße Ideen und Ver­su­che auf, Pro­jekt, Ansät­ze und Unter­neh­mun­gen, die viel (oder gleich alles) ver­spre­chen) – und doch immer wie­der zum Schei­tern ten­die­ren, im pri­va­ten wie im geschäft­li­chen Leben. Aber auch eine gewis­se Frei­zü­gig­keit in sexu­el­len Din­gen ist mir beim Lesen auf­ge­fal­len, vor allem eine sehr fle­xi­ble, viels­sei­ti­ge und viel­schich­ti­ge Moral (nicht: Moral­lo­sig­keit!) der Cha­rak­te­re in Man­hat­tan Trans­fer.

Im schril­len Wind der Welt­ge­schich­te klat­schen die lan­gen Fah­nen und zer­ren an ihren Schnü­ren an den knar­ren­den, gold­knau­fi­gen Stan­gen in der V. Ave­nue. (224)

Peter K. Wehr­li: Kata­log von allem. 1697 Num­mern vom Anfang bis zum Neu­be­ginn. Zürich: Ammann 2008 [1925]. 533 Seiten. 

Wehr­li hat sein Kon­zept der mini­ma­len Beob­ach­tun­gen – immer nur ein Satz pro Phä­no­men – ent­wi­ckelt, weil er sei­nen Foto­ap­pa­rat auf einer Rei­se ver­gaß. Dar­aus sind über Jahr­zehn­te eine Fül­le von „Num­mern“ in die­sem Kata­log erwach­sen (der übri­gens durch­aus nicht „alles“ umfasst, son­dern gera­de das Beson­de­re außer­halb des All­tags deut­lich bevor­zugt). Die sind span­nend in der Kon­zen­tra­ti­on auf Sin­gu­la­ri­tä­ten und erhel­lend in der Genau­ig­keit der Wahr­neh­mun­gen und Beob­ach­tun­gen. Aber manch­mal auch ermü­dend in der Viel­falt und Men­ge – ich kann das nur in klei­nen Dosen mit Gewinn lesen. Aber dann ist der Kata­log eben auch immer wie­der anre­gend in der Prä­zi­si­on und Kür­ze sei­ner Beschrei­bun­gen – und des­halb eine gro­ße Erfahrung.

Ins Netz gegangen (14.2.)

Ins Netz gegan­gen am 13.2.:

  • Recom­po­sed. | Bad Blog Of Musick – Ha! Der Moritz Eggert mal wieder …

    They don’t look to stres­sed with their part of long held-out dro­ning notes, so I guess they have time to smi­le. Some­ti­mes the came­ra zooms on the left hand of Max Rich­ter when it is about to play a new bass note. Fasci­na­ted we see how he lifts one fin­ger – and pres­ses down ano­ther one. This seems to be a tiring pro­cess becau­se after­wards the fin­gers don’t move any­mo­re for a while.
    […] Max Rich­ter smi­les at him, it could be that he’s hap­py that he’s back. But then he looks stres­sed again, becau­se now he lifts his fin­ger to play a new pedal note. I ask mys­elf if left hands can feel shame. Pro­ba­b­ly not.

  • 25. Todes­tag : Wo Tho­mas Bern­hard rund­um glück­lich war – DIE WELT – Joa­chim Lott­mann besucht zur Erin­ne­rung an den vor 25 Jah­ren gestor­be­nen Tho­mas Bern­hard des­sen Lieb­lings­or­te in Wien auf (inklu­si­ve sei­nem Grab):

    Bern­hard konn­te hier sei­ner liebs­ten Sucht nach­ge­hen: der Melan­cho­lie. Er lieb­te es, die Men­schen zu beob­ach­ten, und zwar über Jahr­zehn­te. Er sah dann, wie die einst jun­ge Ser­vie­re­rin, die ein­mal so behen­de, flink und lus­tig gewe­sen war, die­sel­ben Bewe­gun­gen, etwa das Zäh­len des Gel­des, nun mit ganz ande­ren, eben­falls schö­nen Bewe­gun­gen aus­führ­te – und zer­floss dabei vor Melan­cho­lie. Er sag­te es selbst: Das Melan­cho­lisch­sein war sei­ne Dro­ge, waren sei­ne Tablet­ten, und er brauch­te jeden Tag eine oder zwei davon. Es mach­te ihn glück­lich, melan­cho­lisch zu sein.

  • Der Unter­schied zwi­schen Schwu­len-Geg­nern und Schwu­len-Geg­ner-Geg­nern « Ste­fan Nig­ge­mei­er – Ste­fan Nig­ge­mei­er über die Argu­men­te von Schwu­len-Geg­nern und Schwu­len-Geg­ner-Geg­nern, wie sie von Maisch­ber­ger vor­ge­le­sen wurden:

    Das ist nicht das­sel­be. Das hat nicht die­sel­be Qua­li­tät. Objek­tiv nicht.

    (wenn es so aus­sieht, als wür­de ich (fast) jeden Blog­ar­ti­kel von Nig­ge­mei­er emp­feh­len, dann liegt das ein­fach dar­an, dass er so oft Recht hat und die Sachen – nüch­tern und sach­lich – auf den Punkt bringt)

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Ins Netz gegan­gen am 11.2.:

  • Lahn­tal: Wie die Ger­ma­nen leb­ten und arbei­te­ten – FAZ -

    Am Ran­de des Lahn­tals nahe Mar­burg soll ein Muse­ums­dorf mit Rekon­struk­tio­nen aus ver­schie­de­nen Epo­chen entstehen. 

    – mal sehen, ob das bes­ser gelingt als das Klein­kas­tell in Pohl

  • Psy­cho­lo­gie: Homo­phob? Muss nicht sein | ZEIT ONLINE – Die „Zeit“ ver­öf­fent­licht einen sehr unauf­ge­reg­ten und sach­lich gegen Homo­pho­bie argu­men­tie­ren­den Bei­trag des Psy­cho­lo­gen Ulrich Klo­cke (der sich auch dadurch aus­zeich­net, dass er sei­ne Quel­len offen­legt und verlinkt):

    Sexu­el­le Ori­en­tie­rung ist kei­ne Ent­schei­dung. Den­noch füh­len sich man­che von Schwu­len und Les­ben bedroht. Das lässt sich ändern

  • Ver­le­ger : Peter Gen­te, der Lei­den­schafts­a­vant­gar­dist – DIE WELT – Ulf Pos­ch­ardts Nach­ruf auf den Mer­ve-Ver­le­ger Peter Gente:

    Das Mer­ve-Uni­ver­sum folg­te der rhi­zo­ma­ti­schen Struk­tur sei­nes Best­sel­lers und wucher­te in jene Ecken, in denen sich ori­gi­nel­les, von Kom­pro­mis­sen und Selbst­wie­der­ho­lun­gen frei­es Den­ken rück­sichts­los aus­tob­te. Der Ver­lag mutier­te ent­lang der aus­grei­fen­den Neu­gier sei­ner Macher Gen­te – und spä­ter Hei­di Paris, die Gen­tes Lebens­mensch war.
    […] Gen­te war Begeisterungsstratege.

Aus-Lese #27

Tino Han­ekamp: So was von da. Köln: Kie­pen­heu­er & Witsch 2011. 302 Seiten. 

Der Klap­pen­text ver­heißt gro­ßes: „Ham­burg, St. Pau­li, 31.12. Auf dem Kiez beginnt die irrs­te Nacht des Jah­res. Nur Oskar Wro­bel wür­de lie­ber lie­gen blei­ben. Geht aber nicht. Weil ihm gleich sein Leben um die Ohren fliegt.“ Han­ekamps sprach­lich und for­mal nicht wei­ter bemer­kens­wer­ter Roman ist eine schnel­le Lek­tü­re, die mit durch­aus packen­dem Dri­ve die Geschich­te der letz­ten Par­ty eines Clubs in Ham­burg erzählt. Ganz schön die Deckung von erzähl­ter Zeit und Tem­po der Erzäh­lung, die sich in der Stei­ge­rung bis zum Kol­laps im Rausch (der Ver­nich­tung) nie­der­schlägt – dann fol­gen eini­ge leere/​blanke Sei­ten, bevor der Erzäh­ler in einer­re­sü­mie­ren­den Abschluss­be­mer­kung, die lei­der total schwach und banal ist, noch ein­mal das Wort ergreift. Viel bleibt davon nicht, aber eine net­te Zeit kann man mit dem Buch schon verbringen.

Hen­ning Ahrens: Kein Schlaf in Sicht. Frank­furt am Main: S. Fischer 2008. 92 Seiten. 

Die ers­ten Sei­ten emp­fan­gen mich mit lau­ter Platt­hei­ten in bana­ler Spra­che – eigent­lich ist das (im Kern) Pro­sa, noch dazu prä­ten­tio­ös und leer. Und so geht es lei­der wei­ter: Man schleppt sich als Leser fort durch den Band, ein paar (sehr) weni­ge ordent­lich Gedich­te sind dabei, aber viel als Mit­tel­maß noch gelob­tes prägt den Lese­ein­druck. „Stil­le satt“, aus dem die Titel­zei­le kommt, gehört noch zu den bes­ten Gedich­ten hier. Und Kein Schlaf in Sicht stimmt lei­der über­haupt nicht – einer der lang­wei­ligs­ten und ein­schlä­fernds­ten Lyrik­bän­de, die ich las: Nichts zün­det, alles bleibt irgend­wie rei­ne Deskrip­ti­on, die auch sprach­lich über­haupt nicht ima­gi­na­tiv scheint, kei­ne neu­en (Denk-/Vorstellungs-)Räume öff­net, son­dern nur „Welt“ ohne Poe­ti­sie­rung bie­tet. Das hat mich über­rascht, den als Erzäh­ler habe ich Hen­ning Ahrens durch­aus schät­zen gelernt.

Rein­hard Jirgl: Nichts von euch auf Erden. Mün­chen: Han­ser 2012. 510 Seiten. 

Hm, irgend­wie ver­lässt er mich hier: Selbst als Jirgl-Fan kann ich damit wenig anfan­gen. Klar, das ist durch­aus hand­werk­lich geschickt. Aber auch reich­lich lang­wei­lig. Das liegt unter ande­rem dar­an, dass es in wesent­li­chen Tei­len furcht­bar lang­at­mig und weit­schwei­fig ist. Auch sei­ne ortho­gra­fi­sche Sti­lis­tik (oder sti­lis­ti­sche Ortho­gra­fie) hilft hier nur beschränkt – irgend­wie passt sie in ihrer Ver­lang­sa­mungs- und Inten­si­vie­rungs­ten­denz nicht zum Stoff, der eher nach Tem­po und Geschwin­dig­keit ver­langt. Zu durch­schau­bar erscheint mir auch die Pro­jek­ti­on heu­ti­ger Pro­ble­me (öko­lo­gi­sche, gesell­schaft­li­che, poli­ti­sche) gleich ins 25. Jahr­hun­dert. Ande­res miss­fällt ein­fach – so blei­ben die Geschlech­ter­rol­len etwa total im Kli­schee: Frau­en­fi­gu­ren gibt es eh‘ nur weni­ge, dazu noch tota­le alt­mo­di­sche Rol­len­kli­schees, wie „die-eine“ oder auch die begeg­nung mit der Mar­sia­ne­rin IO, die Erfül­lung dann nur im „weib­li­chen“ fin­det und sich dem Mann/​Sohn opfert ..

Der gan­ze Text scheint mir durch­zo­gen von einem (kultur-)pessimistischen Men­schen­bild, vor allem eine deut­li­che Ver­ach­tung der Men­ge & Mas­se, die hier eher als Art Pöbel auf­taucht – und Objekt der Mani­pu­la­ti­on der Herr­schen­den (auf allen Ebe­nen) ist, bricht sich immer wie­der Bahn. Das gip­felt dann in einer End­zeit, der tota­len Hybris der Men­schen: Die Flucht ins All vor den Pro­ble­men der Mensch­heit (die vor allem aus ihren Mas­sen resul­tie­ren …) schlägt fehlt, kippt in eine Art Apo­ka­lyp­se. Über­lebt wer­den Unter­gang von Mars & Erde nur von den sich selbst (fort-)schreibenden „mor­fo­lo­gi­schen Büchern“ im „Roman der Zukunft“.

Hans-Ulrich Tha­mer: Die Völ­ker­schlacht bei Leip­zig. Euro­pas Kampf gegen Napo­le­on. Mün­chen: Beck 2013 (C.H.Beck Wis­sen). 126 Seiten. 

Tha­mer beginnt sei­ne klei­ne Geschich­te der Völ­ker­schlacht mit einer sehr umfas­sen­den und prä­zi­sen Schil­de­rung der Hin­ter­grün­de, alsoe die Ent­wick­lun­gen und Stel­lun­gen Euro­pas am Beginn des 19. Jahr­hun­derts. So beschreibt er die Völ­ker­schlacht im Rah­men der Befrei­ungs­krie­ge, die Tha­mer vor allem als Kabi­netts- und Koali­ti­ons­krie­ge wer­tet und dabei inso­fern „neue“ Krie­ge dar­stel­len, als sie Mas­sen­krie­ge sind, die neue Bru­ta­li­tät frei­set­zen und in der Fol­ge eine neue Erin­ne­rungs­kul­tur, wor­auf Tha­mer eben­falls Wert legt: Der „Wan­del der Kriegs­deu­tung und Kriegs­er­fah­rung“ (115) zu einer „Ideo­lo­gi­sie­rung des Krie­ges“ im vater­län­di­schen Inter­es­se ist ein zen­tra­ler Punkt sei­ner Darstellung. 

Die eigent­li­che Schlacht wird dabei sehr gedrängt geschil­dert, ein oder zwei Kar­ten hät­ten dem noch ganz gut getan. Zum Glück bleibt er aber nicht dabei ste­hen, son­dern fügt ein kur­zes Kapi­tel zu den „Kul­tu­ren der Gewalt“ an und schließt eben mit einem gro­ßen Über­blick über die Ent­wick­lung „vom Schlacht­feld zum Erin­ne­rung­ort“, das sich vor allem mit der zei­tenös­si­schen und spä­te­ren Sinn­ge­bung und Mythi­fi­zie­rung, der Ein­bet­tung in und Nut­zung der Völ­ker­schlacht für poli­tisch-reli­giö­se natio­na­lis­ti­sche und libe­ra­le Dis­kur­se beschäftigt.

außer­dem gele­sen:

  • Zeit Geschich­te #3–2013 mit dem The­ma „Faschis­mus“
  • Text+Kritik 201: Ulri­ke Draesner

Taglied 10.2.2014

Wil­liam Byrd, Fan­ta­sia in G:

Ins Netz gegangen (4.2.)

Ins Netz gegan­gen am 4.2.:

  • Seri­en­fi­gu­ren wer­den real – Mein Leben als Mensch – Medi­en – Süddeutsche.de – die @SZ über rea­le Seri­en­fi­gu­ren, ver­gisst aber die schöns­ten Bei­spie­le wie @Pres_Bartlet oder „God hates us all“
  • Group Fit­ness mit Fun | Drau­ßen nur Känn­chen – Die lie­be Nes­sy über den neu­es­ten hei­ßen Scheiß im Fitnessstudio:

    Ges­tern war ich das ers­te Mal an einem Sonn­tag im Fit­ti, und was sich dort abspiel­te, schlägt die Mor­ning Show um Län­gen. Neu­es­ter Trend in mei­nem Fit­ti ist Group Fit­ness mit Fun, tur­nen auf einer Frei­flä­che – letzt­end­lich nichts ande­res als Zir­kel­trai­ning, man kennt es aus stau­bi­gen Turn­hal­len. Nur, dass die Medi­zin­bäl­le nicht mehr auf­ge­platzt sind und nach ver­schwitz­tem Leder rie­chen; das Ambi­en­te ist ein biss­chen bun­ter, hip­per und pep­pi­ger. Am Ende machen trotz­dem alle Lie­ge­stüt­ze und Knie­beu­gen und Streck­sprün­ge; am Ende ist die Qual. Pfiff, nächs­te Übung.

    Es scheint aber, als merk­ten die Group-Fit­tis nicht, was ihnen ange­dreht wird.

  • Fefes Blog – „Seit­dem der Guar­di­an ihre Fest­plat­ten zer­stört hat“ – da kräu­seln sich mei­ne sämt­li­chen Zehennägel … >
  • The Art Song Pro­ject » Gus­tav Lewin Ich will mei­ne See­le tau­chen /​I want to immer­se my soul
  • Clau­dio Abbado—an orches­tral violinist’s per­so­nal tri­bu­te | Latest | The Strad – Stan­ley Dodds, Vio­li­nist der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker, erin­nert sich an das Musi­zie­ren mit Clau­dia Abbado:

    Off the podi­um Clau­dio came across as shy, gent­le, soft­ly spo­ken, a litt­le mys­te­rious and quite enig­ma­tic. In per­for­mance, he beca­me a con­duit bet­ween the forces assem­bled on stage and the emo­tio­nal nar­ra­ti­ve that resi­des in the music, com­ple­te­ly trans­pa­rent and wit­hout an inter­fe­ring ego. Rehear­sals see­med to be very much part of an ongo­ing crea­ti­ve pro­cess for Clau­dio, a pro­cess not always with a clear objec­ti­ve and whe­re doubts still have a place. In con­cert all doubt would be cast asi­de as he would draw upon the rehear­sals and chan­nel the ten­si­on pre­sent on stage into per­for­man­ces of gre­at inten­si­ty, whe­re the magi­cal qua­li­ty of music to break free of all phy­si­cal boun­da­ries beca­me apparent.

  • Euro­pea­na 1914–1918 – Ihre Fami­li­en­ge­schich­te zum Ers­ten Welt­krieg – Digi­ta­li­sa­te von Quel­len, per­sön­li­che Geschich­ten, Fil­me und vie­les mehr: gro­ße euro­päi­sche Samm­lung von Mate­ria­li­en und Pro­jek­ten zum Ers­ten Weltkrieg
  • Mode­wel­ten in Wies­ba­den: Ehr­furcht oder vol­le Tüten – Rhein-Main – FAZ – »Bei H&M trifft man in einer hal­ben Stun­de mehr Per­so­nal als in einem gan­zen Jahr im Baumarkt.« >
  • Are the­re bene­fits to sin­gle-sex edu­ca­ti­on? | junq​.info – Are the­re bene­fits to sin­gle-sex education?
  • – kur­ze Ant­wort: nein. Aber ver­mut­li­che Nachteile 

Aus-Lese #26

Wolf­gang Herrn­dorf: Arbeit und Struk­tur. Ber­lin: Rowohlt 2013. 447 Seiten. 

Das Blog von Wolf­gang Herrn­dorf, eben „Arbeit und Struk­tur“, habe ich erst recht spät wahr­ge­nom­men und dann auch immer etwas gefrem­delt. Hier, in sei­ner Ganz­heit, wirkt das sehr anders. Und jetzt ist Herrn­dorfs Web­log „Arbeit und Struk­tur“ wirk­lich so groß­ar­tig, wie es vie­le Rezen­sen­ten beschrei­ben. Aber nicht, weil es so beson­ders direkt und „authen­tisch“ ist (das ist es nicht, es ist Lite­ra­tur und sorg­fäl­tig bear­bei­tet), son­dern weil es den Ein­druck von Ehr­lich­keit und skru­tin­öser Selbst­be­fra­gung ver­mit­teln kann – gera­de in den schwie­ri­gen Situa­tio­nen, z.B. dem Emp­fang der Dia­gno­se, den Berech­nun­gen der ver­blei­ben­den Lebens­zeit. Und weil es scho­nungs­los die Schwie­rig­kei­ten recht unmit­tel­bar dar­stellt. Etwa auch die Ver­zweif­lung, dass es in Deutsch­land kaum mög­lich ist, als tod­kran­ker Mensch sein Lebens­en­de wirk­lich selbst zu bestim­men. Schon früh tau­chen die Über­le­gun­gen zu einer „Exit­stra­te­gie“ (79) auf. Deut­lich merkt man aber auch einen Wan­del in den drei Jah­ren: vom locke­ren (bei­na­he …) Anfang, als Herrn­dorf sich vor allem in die Arbeit (an Tschick und Sand) flüch­tet, hin zum bit­te­ren, har­ten Ende. Das mani­fes­tiert sich auch in der Spra­che, die dich­ter und här­ter, ja kan­ti­ger wird. Natür­lich geht es hier oft um die Krank­heit, den Hirn­tu­mor (die „Raum­for­de­rung“), aber nicht nur – er beschreibt auch die klei­nen Sie­ge des All­tags und die Seg­nun­gen der Arbeit, die poe­ti­schen Gedan­ken: „Arbeit und Struk­tur“ dient auch als Form der The­ra­pie, die manch­mal selbst etwas manisch wird, manch­mal aber auch nur Pflicht ist; ist aber zugleich auch eine poe­ti­sche Arbeit mit den ent­spre­chen­den Folgen.

Ich erfin­de nichts, ist alles, was ich sagen kann. Ich samm­le, ich ord­ne, ich las­se aus. Im Über­schwang spon­ta­ner Selbst­dra­ma­ti­sie­rung erkenn­bar falsch und unge­nau Beschrie­be­nes wird oft erst im Nach­hin­ein neu beschrie­ben. (292)

Ein gro­ßer Spaß, die­ses Ster­ben. Nur das War­ten nervt. (401)

Michel Fou­cault: Der Wil­le zum Wis­sen. Sexua­li­tät und Wahn­sinn I. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2012 (1983). 153 Seiten. 

Den Klas­si­ker der Dis­kurs­theo­rie habe ich jetzt end­lich auch mal gele­sen – nicht so sehr um des The­mas, also der Unter­su­chung der Erzäh­lung der Befrei­ung der Sexua­li­tät, wil­len, son­dern der Metho­de wil­len. Fou­cault zeigt ja hier, wie Macht­struk­tu­ren in Dis­kur­sen und Dis­po­si­ti­ven sich rea­li­sie­ren, hier am Bei­spiel der Sexua­li­tät und der Ent­wick­lung des Spre­chens über sie, also der Regu­lie­rung von Sexua­li­tät in der Neu­zeit Euro­pas. Ins­be­son­de­re die Ubi­qui­tät von Macht(strukturen) ist ent­schei­de­ne, die auch nicht irgend­wie zen­tral gesteu­ert sind (und gegen­tei­li­ge Ergeb­nis­se haben kön­nen: „Iro­nie die­ses Dis­po­si­tivs: es macht uns glau­ben, daß es dar­in um unse­re ‚Befrei­ung‘ geht.“ (153)).

Ent­schei­dend ist hier ja Fou­caults neu­er Begriff von Macht, der über den Dis­kurs & nicht­dis­kur­si­ve For­ma­tio­nen geprägt ist. Dazu noch die Idee der Dis­po­si­ti­ve als Samm­lung von Umset­zungs­stra­te­gien, die über Dis­kur­se hin­aus gehen und z.B. hier auch päd­ago­gi­sche oder archi­tek­to­ni­sche Pro­gram­me umfasst – das ergibt die Beob­ach­tung der Macht von „unten“, die im Geständ­nis der Sexua­li­tät Ver­hal­tens­wei­sen und Ord­nun­gen der Gesell­schaft aushandelt.

Mara Gen­schel: Refe­renz­flä­che #3.

Die­ses klei­ne, nur bei der Autorin selbst in limi­tier­ter Auf­la­ge zu bekom­men­de Heft ist ein ein­zig­ar­ti­ges, gro­ßes, umfas­sen­des Spiel mit Wor­ten und Tex­ten und Bedeu­tun­gen und Lite­ra­tur oder „Lite­ra­tur“: Zwi­schen Cut-Up, Mon­ta­ge, expe­ri­men­tell-avant­gar­dis­ti­scher Lyrik, Rea­dy-Mades und wahr­schein­lich noch einem Dut­zend ande­rer Küns­te vaga­bun­die­ren die sprach­spie­le­ri­schen Text‑, Sprach‑, und Wort­fet­zen, die sich gegen­sei­tig ergän­zen, per­mu­tie­ren und vari­ie­ren. Eini­ge davon sind wirk­lich im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes Fet­zen: Aus­ris­se aus ande­ren Tex­te, aus jour­na­lis­ti­schen oder hand­schrift­lich-pri­va­ten Erzeug­nis­sen, die hier mon­tiert und geklebt sind. Man­ches hin­ter­lässt ein­fach Rat­lo­sig­keit, man­ches ruft ein amü­san­tes Augen­brau­en­he­ben her­vor – und man­che Sei­te begeis­tert ein­fach. Ob das Schar­la­ta­ne­rie oder Genia­li­tät ist – kei­ne Ahnung, ehr­lich gesagt. Lang­wei­lig ist es aber auf jeden Fall nicht.

Peter Hand­ke: Die schö­nen Tage von Aran­juez. Ein Som­mer­dia­log. Ber­lin: Suhr­kamp 2012. 70 Seiten. 

Ich habe oft solch eine Lust, zu erzäh­len, vor allem die­se Erfah­rung – die­se Geschich­te. Aber sowie ich bedrängt wer­de mit ‚Erzähl!‘: Vor­bei der Schwung. (9)

Ein kar­ges Stück, das allein von sei­ner Spra­che lebt: „Ein Mann“ und „Eine Frau“ sit­zen sich gegen­über und füh­ren einen Dia­log. Nun ja, sie reden bei­de, aber nicht immer mit­ein­an­der. Offen­bar gibt es vor­her ver­ein­bar­te Regeln und Fra­gen, deren Ver­stö­ße manch­mal moniert wer­den. Es geht um viel – um die Geschich­te und Geschich­ten, ums Erzäh­len und die Erin­ne­rung. Aber auch um Licht und Schat­ten, Anzie­hung, Gebor­gen­heit und Ent­frem­dung oder Ernüch­te­rung, um Begeh­ren und Lie­be. Dahin­ter steht ein spie­le­risch-erzäh­le­risch-tas­ten­des Aus­lo­ten der Beziehung(smöglichkeiten) zwi­schen Mann und Frau. Das Gan­ze – es sind ja nur weni­ge Sei­ten – ist poe­ti­siert bis zum geht nicht mehr. Genau dar­in aber ist es schön!

Zum Glück ist das hier zwi­schen uns bei­den kein Dra­ma. Nichts als ein Som­mer­dia­log. (43)

Laß uns hier schwei­gen von Lie­be. Höchs­ten viel­leicht ein biß­chen Melan­cho­lie im November.(49)

The Day the Music Died

Heu­te vor 55 Jah­ren starb die Musik: Bud­dy Hol­ly, Rit­chie Valens und The Big Bop­per star­ben bei einem Flug­zeug­ab­sturz. Don McLean hat ihnen mit Ame­ri­can Pie ein unver­gess­li­ches Denk­mal gesetzt. Auch Wolf­gang Welts Bud­dy Hol­ly auf der Wil­helms­hö­he mit den drei Roma­nen Peg­gy Sue (der Welts Ruhm begrün­de­te), Der Tick und Der Tun­nel am Ende des Lichts erin­nert an die­se Zeit.

Don McLean – The mea­ning of Ame­ri­can Pie (UPDATE)

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BUDDY HOLLY – Peg­gy sue – Vidéo clip

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Fortschritt

Über­haupt hat der Fort­schritt das an sich, daß er viel grö­ßer aus­schaut, als er wirk­lich ist.
Lud­wig Witt­gen­stein, Phi­lo­so­phi­sche Untersuchungen

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