Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 23 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Taglied 9.2.2017

Get Lucky, in einer sehr schö­nen a‑cap­pel­la-Ver­si­on von OnAir:

[Offi­ci­al Video] Get Lucky – ONAIR (Daft Punk Cover)

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.
Berliner Fernsehtum hinterm Netz

Ins Netz gegangen (9.2.)

Ins Netz gegan­gen am 9.2.:

  • Ger­ma­nis­tik in der Kri­se? Der eier­le­gen­de Woll­milch­ger­ma­nist wird drin­gend gesucht | FAZ → ste­fan mar­tus über die gegen­wär­ti­ge lage der ger­ma­nis­tik, anläss­lich eines spiegel-artikels

    Mit der Ger­ma­nis­tik ist es ein wenig wie mit Ber­lin: Wem die Stadt nicht gefällt, war im fal­schen Stadt­teil. Oder er mag ein­fach kei­ne Metro­po­len, in denen man vor der Qual der Wahl steht. Ein Pro­blem für die Rede über „die“ Ger­ma­nis­tik besteht mit­hin dar­in, dass es kei­nen Stadt­plan gibt, der für Über­blick sorgt. 

  • Australia’s Faul­ty Wel­fa­re Pro­gram Shows the Peri­ls of Big Data | Vice → in aus­tra­li­en schei­tert ein big-data-pro­jekt, dass arbeits­lo­sen­be­zie­her und ihr ver­steu­er­tes ein­kom­men auto­ma­tisch über­prüft und bei feh­lern straf­zah­lun­gen for­dert, mas­siv – und nie­mand küm­mert es …

    „The data matching errors mean up to 20 per­cent of the ‚debts’ are just plain wrong,“ Dr. Sue­let­te Drey­fus, a lec­tu­rer in com­pu­ting and infor­ma­ti­on sys­tems at the Uni­ver­si­ty of Mel­bourne, tells VICE.
    […] An auto­ma­ted debt-reco­very sys­tem, it turns out, is about as Orwel­li­an as it sounds. Drey­fus explains that rely­ing on sim­pli­stic methods to crunch extre­me­ly com­plex sets of data will always mean high fail­ure rates. To a com­pu­ter algo­rithm, your per­so­nal circumstances—those that forced you to app­ly for wel­fa­re bene­fits in the first place—mean abso­lut­e­ly not­hing. The num­bers are all that mat­ter. Unfort­u­na­te­ly, espe­ci­al­ly when devo­id of con­text, num­bers can be wrong.
    […] „This is a poli­ti­cal fail­ure dres­sed up as an an IT fail­ure,“ Drey­fus says. „Big Data com­bi­ned with data ana­ly­tics and pre­dic­ti­ve ana­ly­tics has the poten­ti­al to give us bet­ter ans­wers on many things. View it as a powerful tool. How that tool is used—for good or evil—depends on how accoun­ta­ble the peo­p­le are who wield it.“

  • Das blan­ke Ent­set­zen| Stö­rungs­mel­der → micha­el berg­mann berich­tet aus sach­sen bzw. dres­den, wo die poli­zei immer noch mit zwei­er­lei maß arbei­tet, je nach­dem, ob die „störer“/protestanten/… von rechts oder von links kommen 
  • Sicher­heit in Deutsch­land: „Je frem­der, des­to schlim­mer unse­re Fan­ta­sien“ | Zeit → sehr gutes, unauf­ge­reg­tes inter­view mit dem sozio­lo­gen ort­win renn über sicher­heit, gefüh­le und kri­mi­na­li­tät (nur die kom­men­ta­re darf man wie­der mal nicht lesen, die haben näm­lich von dem, was der wis­sen­schaft­ler sagt, wenig bis nix kapiert …)
  • Die Lust ver­langt Opfer |FR → arno wid­mann wür­digt klaus the­we­leit zu des­sen 75. geburtstag

    Wer heu­te einen Text von Klaus The­we­leit liest, der – das macht The­we­leits Qua­li­tät aus – spürt auch noch in den neue­ren Arbei­ten den Schre­cken dar­über, dass „Das Lachen der Täter“, die „Män­ner­phan­ta­sien“ nicht nur bei ande­ren, son­dern auch an sich selbst zu beob­ach­ten sind. Die Hun­der­te von Sei­ten umfas­sen­den Stu­di­en, in denen The­we­leit – zum Bei­spiel im noch immer nicht abge­schlos­se­nen „Buch der Köni­ge“ (Stroem­feld Ver­lag) – sich und dem Leser deut­lich macht, wie sehr in unse­rer Kul­tur – und womög­lich nicht nur in ihr – männ­li­che Pro­duk­ti­vi­tät ange­wie­sen ist auf ihr sich opfern­de Frau­en. Die­se Opfer wer­den nicht nur gefor­dert. Sie wer­den auch gebracht. Bei­de Geschlech­ter wer­den geprägt von dem Ver­hält­nis, das zwi­schen bei­den herrscht. Dem Wahn­haf­ten, der ganz und gar irra­tio­na­len Öko­no­mie unse­rer Emo­tio­nen ist kaum einer so akri­bisch nach­ge­gan­gen wie The­we­leit. Sei­ne Bücher kön­nen kein Ende fin­den, weil wir alle noch mit­ten drin sind in den Ver­hält­nis­sen, die sie zu fas­sen versuchen.

netz mit fisch (unsplash.com)

Ins Netz gegangen (7.2.)

Ins Netz gegan­gen am 7.2.:

  • Wind­parks schaf­fen neu­en Lebens­raum| enorm → ergeb­nis­se einer dis­ser­ta­ti­on: off-shore-wind­parks in der deut­schen nord­see zie­hen höhe­re arten­viel­falt nach sich. die bio­to­pe wer­den also sehr deut­lich ver­än­dert – was man aber in die­sem fall durch­aus posi­tiv sehen kann/​darf

    In der deut­schen Nord­see fin­den sich haupt­säch­lich Sand­bio­to­pe und damit ver­gleichs­wei­se aus­ge­räum­te Mee­res­land­schaf­ten. Das Ein­brin­gen von Tur­bi­nen in die­se Bio­to­pe führt dazu, dass sich neue Tier­welt ansie­delt, die es bis dato in der Men­ge dort nicht gege­ben hat. Die Wind­rä­der sind wie neue geschaf­fe­ne Rif­fe, wodurch sich die Diver­si­tät in den Off-Shore-Wind­parks enorm erhöht. Zuerst sie­deln sich Muscheln und Ben­thos­le­be­we­sen – also Mee­res­bo­den­be­woh­ner wie Krus­ten­tie­re und Wür­mer – an den Tur­bi­nen an. Die­se locken Fische an und die Fische wie­der­um zie­hen, mög­li­cher­wei­se, Schweins­wa­le und Vögel an. Ins­ge­samt führt das dazu, dass sich in den Wind­parks mehr Lebe­we­sen wie­der­fin­den als vor­her in der Regi­on waren.

  • Tele­fon­num­mer als UID? Die sind doch gehasht!| Ben­ja­min @ Dia­spo­ra → ben­ja­min erklärt, war­um tele­fon­num­mern als uni­que iden­ti­fiers auch dann unsi­cher sind, wenn sie gehasht gespei­chert wer­den: weil die rechen­leis­tung moder­ner chips die hash-umkehr viel zu schnell schafft, als dass man da noch von sicherheit/​schutz spre­chen könnte …
  • Sprach­for­sche­rin Eli­sa­beth Weh­ling: „Wir gehen Trump immer noch auf den Leim“| Tages­spie­gel → lan­ges, inter­es­san­tes inter­view mit eli­sa­beth weh­ling über spra­che, poli­tik, medi­en und framing
  • Open-Access-Tran­si­ti­on von Lin­gua zu Glos­sa: Wider „die gna­den­lo­sen Geschäfts­prak­ti­ken Else­viers“| Netz​po​li​tik​.org → leon­hard dobusch spricht mit wal­traud paul über die umwand­lung der else­vier-zeit­schrift „lin­gua“ in die open-access-zeit­schrift „glos­sa“

    Dafür gibt es zwei Grün­de. Einer­seits eine kla­re Ver­schlech­te­rung der Arbeits­be­din­gun­gen für den Her­aus­ge­ber von Lin­gua, Johan Roo­ryck, und sein Team von 5 Mit­her­aus­ge­bern. Deren ver­trag­li­che Bin­dung an Else­vier mutier­te von einer Art “gentleman’s agree­ment” Ende der 1990er Jah­re zu einem extrem detail­lier­ten und umfang­rei­chen Ver­trag, der dem Her­aus­ge­ber­team immer zahl­rei­che­re Zwän­ge auf­er­leg­te. Gleich­zei­tig hat­te das Her­aus­ge­ber­team immer weni­ger Hand­lungs­frei­heit und muss­te sich mehr und mehr gegen die Ein­mi­schung des Else­vier-Manage­ments (zuletzt in der Per­son von Chris Tancock, Else­viers “Linguist-Portfolio”-Zuständigem) in die wis­sen­schaft­li­chen Aspek­te der Zeit­schrift weh­ren, wie z.B. bei der Wahl neu­er Mit­her­aus­ge­ber. Ande­rer­seits führ­te die extre­me Pro­fit­gier Else­viers zu einem wach­sen­den Unbe­ha­gen sowohl beim Her­aus­ge­ber­team als auch bei den Lin­gu­is­ten, die – umsonst! – für Lin­gua als Review­er arbei­te­ten. Da die­sel­ben Lin­gu­is­ten oft in Biblio­theks­gre­mi­en sozu­sa­gen „live“ die gna­den­lo­sen Geschäfts­prak­ti­ken Else­viers mit­er­leb­ten, waren sie immer weni­ger dazu bereit, ihre Zeit und Exper­ti­se Else­vier kos­ten­los zur Ver­fü­gung zu stellen.

Musik

DIe Music mein ich hier /​die Sinn und Muht durchdringet /
und mit der Lieb­lig­keit biß in das Marck erklinget.
wo nicht­es anders sonst des Men­schen Muht bewegt /
da ist sie off­ters /​die den Geist in ihm erregt;
und der vor lan­ge Zeit betrü­bet hat gesessen /
der kan durch die Music bald wer­den so vermessen /
daß er mit gra­dem Fuß lest sehen was er kan /
und stelt sich /​als wolt er den hohen Him­mel an.
[…]

Sibyl­la Schwarz, Auß dem Lob einer Nachtmusic

vögel im winter im gebirge

Twitterlieblinge Januar 2017


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spinnweben zwischen holz, schwarz-weiß

Ins Netz gegangen (30.1.)

Ins Netz gegan­gen am 30.1.:

  • Talk­show-Ter­ror mit Trump-Effekt| Deutsch­land­ra­dio Kul­tur → bodo mor­s­häu­ser über die unsäg­li­chen talk­shows des deut­schen fernsehens:

    Ihr Kri­te­ri­um ist der Erre­gungs­pe­gel, den es zu hal­ten gilt. Ist es Absicht oder ist es Unge­schick, dass die­se Art von soge­nann­ter Dis­kus­si­on eine der bes­ten Wahl­kampf­hil­fen für unse­re neue, auf Erre­gungs­pe­gel spe­zia­li­sier­te Rechts­par­tei ist? Abge­se­hen davon, dass Migra­ti­ons­the­men sowie­so ihr Spiel­feld sind.

    Ganz sicher wer­den Ter­ror und Sicher­heit die Wahl­kampf­the­men des Jah­res wer­den. Wirt­schafts- oder sozi­al­po­li­ti­sche The­men dage­gen – wie unter­be­zahl­te Jobs, sie­ben Mil­lio­nen Emp­fän­ger von Trans­fer­leis­tun­gen, Armut bei jedem sechs­ten Kind, die absurd unge­rech­te Ver­mö­gens­ver­tei­lung, die per­ma­nen­te Euro-Kri­se oder der unglaub­li­che Abgas­be­trug – sind offen­bar nicht erre­gend genug.

  • Men­schen ers­ter Klas­se, Men­schen zwei­ter Klas­se | law blog → udo vet­ter hält aus guten grün­den wenig davon, (wei­te­re) son­der­rech­te für poli­zis­tin­nen etc. zu schaffen
  • Ber­li­ner Städ­te­bau – lang­wei­lig und fan­ta­sie­los | SZ → der fran­zö­si­sche deutsch­land-kor­re­spon­dent chris­to­phe bour­doi­se­au rech­net mit der städ­te­bau-poli­tik ber­lins ziem­lich gna­den­los ab:

    Seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung ori­en­tiert sich die Ber­li­ner Poli­tik nicht an der Sub­stanz die­ser Stadt – an deren Ener­gie und Krea­ti­vi­tät -, son­dern an den alten und stau­bi­gen preu­ßi­schen Zei­ten mit deren Men­tor Karl Fried­rich Schinkel.

  • Stop Pro­ble­ma­tiz­ing Aca­de­mic Jar­gon | Sla­te → rebec­ca schu­man schreibt gegen die ver­ach­tung, die aka­de­mi­schem jar­gon (eigent­lich ja: fach­spra­che) beson­ders der geis­tes­wis­sen­schaf­ten ent­ge­gen­schlägt. kei­ne beson­ders ori­gi­nel­le argu­men­ta­ti­on, aber nett zu lesen und schließ­lich nie falsch …

    Per­haps the ans­wer moving for­ward, then, is not to join in the mockery of jar­gon, but to dou­ble down on it. Scho­lars of Yid­dish stu­dies are hap­py to tell you the thousand-year-old lan­guage deve­lo­ped as a kind of secret code so that its spea­k­ers could talk free­ly under the noses of their oppres­sors (and, yes, some­ti­mes mock them). Per­haps aca­de­mic jar­gon could ser­ve a simi­lar pur­po­se. Yes, per­haps the last hope to pro­ble­ma­ti­ze fascis­to­id non­pro­gres­si­ve edges, so to speak, is to reter­ri­to­ri­a­li­ze the oppo­si­tio­nal ver­na­cu­lars. But per­haps that was the point all along, and jar­gon has been lying pati­ent­ly and useful­ly in wait for all this time, a secret code in search of a foo­lish tyrant.

Emeritus

emeritus ist ein schöner beruf ...

Ins Netz gegangen (24.1.)

Ins Netz gegan­gen am 24.1.:

  • Knaus­gård ist gut, aber Hand­ke ist bes­ser | FAZ → ein klu­ger bei­trag von jan wie­le zur „authen­ti­zi­täts­de­bat­te“, die vor allem die „welt“ (voll­kom­men unsin­ni­ger wei­se …) los­ge­tre­ten hat

    enn man irgend­et­was aus den Debat­ten über rea­lis­ti­sches Erzäh­len der letz­ten Jahr­zehn­te mit­ge­nom­men hät­te, müss­te man eigent­lich miss­trau­isch wer­den ange­sichts einer sol­chen Schein­wirk­lich­keits­pro­sa, die so tut, also kön­ne man ein­fach „erzäh­len, wie es gewe­sen ist“ – und das gilt eben nicht nur für Knaus­gård, son­dern allgemein.
    […] Es wirkt – nicht nur aus einer his­to­risch-kri­ti­schen Hal­tung her­aus, son­dern auch für das per­sön­li­che Emp­fin­den von lite­ra­ri­schen Tex­ten – befremd­lich, wenn nun hin­ter all die ästhe­ti­schen Über­le­gun­gen zum rea­lis­ti­schen Erzäh­len, vor allem aber hin­ter die Wer­ke, die aus ihnen her­aus ent­stan­den sind, wie­der zurück­ge­gan­gen wer­den soll und man so tut, als gäbe es irgend­ein unschul­di­ges, authen­tisch-nicht­fik­tio­na­les Erzählen. 

  • Gemein­nüt­zig­keit als Tür­öff­ner | Bil­dungs­Ra­dar → der „bil­dungs­ra­dar“ ver­sucht her­aus­zu­be­kom­men, wie das gan­ze pro­jekt „cal­lio­pe“ funk­tio­niert bzw. funk­tio­nie­ren soll – und stößt auf vie­le mau­ern und eini­ge selt­sa­me mauscheleien …
  • Die Mode der Phi­lo­so­phen – Wie sich gro­ße Den­ker klei­den | Deutsch­land­ra­dio Kul­tur → net­te klei­ne geschich­te über die typ­ge­mä­ße klei­dung für phi­lo­so­phen (frau­en gibt’s zum schluss auch kurz)
  • Donald Trump: Popu­lis­mus als Poli­tik | Tele­po­lis → der wie meist klu­ge georg seeß­len im inter­view mit domi­nik irten­kauf über trump, demokratie/​postdemokratie und medi­al inszenierungen:

    Gegen ein Bünd­nis aus mehr oder weni­ger authen­tisch Rechts­extre­men, Neo-Natio­na­lis­ten und Exzep­tio­na­lis­ten, fun­da­men­ta­lis­ti­schen Markt-Anar­chis­ten, mafi­ös ver­netz­ten Klep­to­kra­ten und einem Mit­tel­stand in rea­ler und mani­pu­lier­ter Abstiegs­angst kann eine demo­kra­ti­sche Zivil­ge­sell­schaft nur bestehen, wenn sie neue Ideen und neu­en Zusam­men­halt fin­det. Der Zusam­men­schluss der post­de­mo­kra­ti­schen Kräf­te hin­ge­gen fin­det sei­ne Schub­kraft dage­gen vor allem im Oppor­tu­nis­mus und in der poli­ti­schen und media­len Korruption.
    […] Schon jetzt gibt es irrever­si­ble Fol­gen des Trum­pis­mus, eben jene Ver­mi­schung von poli­ti­schem Amt und öko­no­mi­schen Inter­es­sen, die einst den Ber­lus­co­nis­mus präg­te, den Wan­del der poli­ti­schen Spra­che, eine Spal­tung der Gesell­schaft, die über alle gewöhn­li­chen „poli­ti­schen Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten“ hin­aus geht, eine Patro­na­ge, Clan­wirt­schaft, Abhän­gig­keits­net­ze: Wir sehen einem Macht­sys­tem bei der Ent­ste­hung zu, das viel tie­fer geht als die Beset­zung eines Amtes. Und wie bei Ber­lus­co­ni lässt sich nach dem Ende der Amts­zeit nur ein Teil davon demo­kra­tisch rückgewinnen.

Augentrost aus fernen Zeiten

Augen­trost – das ist mal ein Buch­ti­tel! Dabei ist es gar kei­ne Neu­schöp­fung, denn Con­stan­ti­jn Huy­gens schrieb sei­ne Euphra­sia schon 1647. Der Titel ist übri­gens schnell erklärt: Der Augen­trost (Euphra­sia offi­ci­na­lis) ist eine Wie­sen­pflan­ze, sei­nen Namen hat er auf­grund sei­ner ange­nom­me­nen Heil­wir­kung. Das muss uns aber nicht wei­ter beschäf­ti­gen, denn hier geht es ja um Lite­ra­tur. Um ein Trost­ge­dicht, das aus eher pri­va­tem Anlass ent­stand (und zunächst auch noch nicht über 1000 Ver­se umfass­te): Huy­gens, der selbst (manch­mal) eine Bril­le trug, schrieb es als Trost für eine Freun­din (die im Text als „Par­then­i­ne“ auf­taucht) und offen­bar den Ver­lust eines Auges zu bekla­gen hat­te. Aber, wie das Nach­wort wie­der­um ganz rich­tig bemerkt, es ist mehr als ein Trost­ge­dicht (ich wür­de sogar sagen: Es ist gar kein Trost­ge­dicht mehr …), es ist ein rich­ti­ger Nar­ren­spie­gel, der die gan­ze Gesell­schaft – die Dich­ter übri­gens aus­drück­lich ein­ge­schlos­sen – aufspießt.

huygens, augentrost (cover)Huy­gens, ver­rät mir das Nach­wort des Über­set­zers Ard Post­hu­ma, ist „ein Klas­si­ker der nie­der­län­di­schen Lite­ra­tur“ (und auch ein recht pro­duk­ti­ver Kom­po­nist, neben sei­nen zahl­rei­chen ande­ren Tätig­kei­ten und Beru­fen), in Deutsch­land aber wohl eher unbe­kannt. „Huy­gens’ Sprach­vir­tuo­si­tät war gren­zen­los“. Und das merkt man. Wobei ich das gleich wie­der ein­schrän­ken muss: Denn ich ken­ne nur die Über­set­zung. Die ist aber sehr pfif­fig. Inwie­weit Post­hu­ma damit der Spra­che und dem Text Huy­gens’ gerecht wird, ent­zieht sich mei­ner Beur­tei­lung. Als deut­scher Text, der 2016 erschien, ist er aber auf jeden Fall lesens­wert. Denn Post­hu­ma lie­fert einen Text, der nicht nur erstaun­lich flüs­sig zu lesen ist, son­dern sich – und das macht das Lese­ver­gnü­gen deut­lich grö­ßer – genau an das metri­sche Vor­bild des Ori­gi­nals, die sechs­he­bi­gen Jam­ben mit wech­seln­den Kaden­zen und den Paar­reim hält. Manch­mal wird das sogar rich­tig­ge­hend salopp und fast flap­sig (auch der „Lahm­arsch“ hat einen Auftritt …).

Nun ist aber immer noch unklar, was die­ser Augen­trost denn nun eigent­lich ist. Kurz gesagt: Ein Lang­ge­dicht in 1002 Ver­sen (Alex­an­dri­nern) über die Blind­heit oder viel­leicht bes­ser: über die viel­fäl­ti­gen For­men, in denen Men­schen blind sein kön­nen. Das orga­ni­siert Huy­gens nach einer klei­nen Ein­füh­rung als einen Kata­log von Men­schen­grup­pen, die er als blind kate­go­ri­siert. Meis­tens sind sind sie es nicht in wört­li­cher Hin­sicht, son­dern in über­tra­ge­ner, weil sie das Eigent­li­che des Lebens – und des Glau­bens, des christ­li­chen Got­tes (da bleibt Huy­gens ganz und gar ein Kind sei­ner Zeit) – nicht sehen, d.h. nicht erken­nen, son­dern gie­rig, gei­zig, has­tig, müßig­gän­ge­risch sind. So haben sie alle einen Auf­tritt, die Gesun­den und Kran­ken, die Gelehr­ten und die Eifer­süch­ti­gen, die jun­gen Leu­te, die Jäger, die Schnat­te­rer, der gan­ze Hof – man merkt, das ist wirk­lich eine Art sozio­lo­gi­sches Gesell­schafts­pan­ora­ma, das Huy­gens hier ent­wirft. Und natür­lich sind, dar­um geht es ja schließ­lich, alle blind, ihr Sehen der Welt, ihre Sicht­wei­se auf Men­schen, Hand­lun­gen und Din­ge ist ein­ge­schränkt – meis­tens, weil sie das gro­ße Gan­ze des christ­li­chen Heils­pla­nes nicht (er)kennen oder nicht im Sinn behal­ten. Auch das eige­ne Leid und das Leid der ande­ren und der Umgang mit dem Leid über­haupt spie­len immer wie­der eines beson­de­re Rol­le. Schließ­lich ist das ins­be­son­de­re für Chris­ten ein Punkt der Prü­fung (eine Art pri­va­tes Theo­di­zee-Pro­blem): War­um lässt Gott mich/​die Men­schen leiden?

Wer klag­te da nicht gern, würd’s nach­her bes­ser gehn! /​Wer aber bräch­te je des Him­mels Lauf zum Stehn? Vers 49–50

Erstaun­lich fand ich dabei oft den fast kras­sen Rea­lis­mus der Beschrei­bun­gen, die er benutzt. Beson­ders deut­lich wird das, wenn er die Lie­bes­ly­rik-Kon­ven­tio­nen sei­ner Zeit mit der bana­len (und im Ver­gleich zum Ide­al häss­li­chen) Rea­li­tät kon­fron­tiert (Ver­se 360ff.). Und neben­bei fin­det man auch eine inter­es­san­te Abwer­tung der (rea­lis­ti­schen) Male­rei (460ff.), weil sie doch immer bloß ein unvoll­kom­me­nes, unfer­ti­ges, unvoll­stän­di­ges Abbild der Welt – die­ser voll­kom­me­nen gött­li­chen Schöp­fung – dar­stellt. Die Lis­te lie­ße sich noch wei­ter fort­set­zen – so ziem­lich jeder Leser, jede Lese­rin dürf­te hier auf inter­es­san­te Beob­ach­tun­gen und Schil­de­run­gen stoßen.

Zum Augen­trost gehört auch noch eine kur­ze Vor­re­de (im Ori­gi­nal latei­nisch), voll gestopft mit Topoi der Beschei­den­heit. Das fängt schon mit einer War­nung – die­ser Text sei nichts für Leser, die die Grö­ße anti­ker Autoren zu schät­zen wis­sen – an und gip­felt in dem Hin­weis: „Soll­te das Haupt­werk miss­fal­len /​genie­ße das Bei­werk.“ Und natür­lich funk­tio­niert es, man möch­te dann erst recht wei­ter­le­sen. Der Rest der Para­tex­te (des „Bei­werks“) fehlt in die­ser Edi­ti­on der Über­set­zung bei Rei­ne­cke & Voß lei­der zum größ­ten Teil, so dass man Huy­gens’ Emp­feh­lung gar nicht fol­gen könn­te. Durch Anmer­kun­gen des Über­set­zers – die sich aber nur auf die Bibel­stel­len­ver­wei­se/-anspie­lun­gen bezie­hen, die wie­der­um zum gro­ßen Teil recht klar & ein­deu­tig sind, wird das wenigs­tens zum Teil wie­der wett gemacht. Die Aus­ga­be ist sowie­so eine, die ihr Licht unter den Schef­fel stellt (um auch ein bibli­sches Bild zu bemü­hen): das Äuße­re ist eher zweck­mä­ßig als schön, was etwa das Druck­bild (und die recht häu­fi­gen Feh­ler) angeht. Dafür ist sie aber auch recht wohl­feil zu erwerben.

Nur eine Sor­te noch: Autoren sind auch Blin­de, /​beson­ders die von dir gelieb­ten Dich­ter­freun­de. /​Die sind so dicht wie blind; sie sehen nur den Reim /​und gehen in der Kunst den Wör­tern auf den Leim /​… /​Das ist Poe­ten-Art, denn die zu dich­ten pfle­gen /​sehen kein schö­ne­res Ei als was sie sel­ber legen. /​Ver­prü­geln kannst du ihn, doch sagt er unent­wegt, /​dass kein Poet so schön wie er die Lau­te schlägt. Ver­se 913ff., 941ff.

Soll man den Augen­trost also lesen? Wenn es nach Huy­gens selbst geht, gar nicht unbe­dingt. Er beginnt näm­lich gleich in der Vor­re­de – also direkt mit den aller­ers­ten Ver­sen – mit einer Warnung: 

Lies mich bit­te nicht, /​wenn bes­se­res Salz dir zusteht /​und dir kei­ne Spei­se schmeckt, /​die fader ist als die der Alten. /​Lies mich bit­te nicht. Wozu dei­ne Augen /​(oder ein Auge nur) peinigen?

Aber wer lässt sich von so etwas denn schon abhal­ten? Die Lese­zeit-Schät­zung, die Huy­gens in sei­nen Text ein­flicht (Vers 137: „zum Lesen sind gut zwei, drei Stun­den vor­ge­se­hen“), stimmt übri­gens ziem­lich genau: Mehr als zwei, drei Stun­den benö­tigt man dafür nicht. Aber das sind dann doch zwei, drei sehr ver­gnüg­li­che, unter­halt­sa­me und auch beleh­ren­de Stunden.

Con­stan­ti­jn Huy­gens: Euphra­sia. Augen­trost. Über­setzt und her­aus­ge­ge­ben von Ard Post­hu­ma. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2016. [ohne Sei­ten­zäh­lung]. ISBN 9783942901222 
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Ins Netz gegangen (19.1.)

Ins Netz gegan­gen am 19.1.:

  • Wor­über ich rede, wenn ich über Sex rede | Read on, my dear, read on → ein bericht aus der sexu­al­auf­klä­rung für geflüch­te­te in deutsch­land – sehr inter­es­sant zu lesen …
  • Falk-Pos­til­le | Mein Jahr mit Luther → achim land­wehr über falks „pop-ora­to­ri­um“ „luther“

    Man kann aus Mar­tin Luther einen Frei­heits­hel­den machen. Muss man aber nicht. Man kann die ‚Bot­schaft‘ der Refor­ma­ti­on (wie lau­te­te sie gleich noch?) in das Kor­sett stan­dar­di­sier­ter Musi­cal­me­lo­dien packen. Man muss sich das aber nicht anhö­ren. Man kann die geist­li­che Musik des 16. bis 18. Jahr­hun­derts in ein fahr­stuhl­taug­li­ches Funk­ti­ons­mu­sik­ge­rie­sel ver­wan­deln. Man muss dafür aber kein Geld ausgeben.

  • „Fake News“ und der blin­de Fleck der Medi­en | Über­me­di­en → ste­fan nig­ge­mei­er über die (unehr­li­che) empö­rung über „fake news“:

    Man hat das damals nicht „Fake News“ genannt, weil es den Begriff noch nicht gab. Vor allem aber haben die meis­ten ande­ren Medi­en die­se „Fake News“ nicht bekämpft, son­dern fröh­lich wei­ter verbreitet.
    […] Jetzt, auf ein­mal, ent­de­cken die Medi­en die Gefahr der „Fake News“ und wol­len mit gro­ßem Ein­satz dage­gen kämp­fen. Was für eine Heuchelei.

  • „Das 20. Jahr­hun­dert fällt uns gera­de auf den Kopf“ | Welt → inte­res­an­tes inter­view mit dem his­to­ri­ker timo­thy sny­der – über die „leh­ren“ aus der geschich­te udn die poli­tik der gegenwart

    Die Geschich­te wie­der­holt sich nicht. Sie reimt sich nicht ein­mal. Aber die Geschichts­wis­sen­schaft zeigt uns, wie gewis­se Din­ge zusam­men­hän­gen. Sie weist uns auf gewis­se Mus­ter hin.
    […] aber das Bei­spiel Deutsch­lands lehrt uns: Das muss man gleich am Anfang begrei­fen, nicht erst am Ende. Wenn man eine „Gleich­schal­tung“ stop­pen will, muss man sagen: Es gefällt mir, dass wir ein föde­ra­les Sys­tem haben 

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