Wer möch­te denn Goe­the sein? So gna­den­reich es ist, ihn gewe­sen zu wis­sen, so pei­ni­gend wäre es, er noch ein­mal sein zu müs­sen. Erken­nen heißt doch gera­de, besit­zen zu dür­fen, ohne es sein zu müs­sen. Hans Blu­men­berg: Lebens­the­men. Aus dem Nach­laß, 151

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A-Cappella für jeden Tag: Quartonal

qurartonal, gruppenbild

quartonal, everytime (cover)Für jeden Geschmack etwas bie­ten zu wol­len, kann als Kon­zept einer CD leicht schief gehen. Quar­to­nal zeigt mit „Ever­y­ti­me a cap­pel­la“, dem zwei­ten Album des jun­gen Vokal­quar­tetts, dass es auch gelin­gen kann. Denn tat­säch­li­ch dürf­te „Ever­y­ti­me“ jedem gefal­len. Zumin­dest bemüht es sich sehr dar­um: Ever­greens, Tra­di­tio­nals und eini­ge Pophits bil­den das Mate­ri­al, aus dem die durch­weg erfah­re­nen Vokal­ar­ran­geu­re den vier Män­nern das musi­ka­li­sche Aller­lei berei­tet haben. Und zwar immer so, dass nie­mand ver­stört auf­hor­chen muss. Denn Neu­es oder Unge­wohn­tes bekommt man hier nicht zu hören. Das ist sozu­sa­gen „klas­si­sches“ a-cap­pel­la, aber kei­ne Musik, die die Gat­tung oder das vier­stim­mi­ge Män­ner­sin­gen wirk­li­ch vor­an­bringt oder gar neue Klang­räu­me kar­to­gra­phiert. Der gemein­sa­me Nen­ner aller 18 Songs ist vor allem, dass Quar­to­nal sie ger­ne singt. Viel ist das nicht, aber auch nicht die schlech­tes­te Vor­aus­set­zung. Dass man (fast) alle Melo­dien und Tex­te, ob sie nun deut­scher, mexi­ka­ni­scher, bri­ti­scher, fran­zö­si­scher oder platt­deut­scher Her­kunft sind, aus dem Steg­reif mit­sin­gen kann, passt dazu. So steht platt­deut­sches neben einem fein durch­ge­ar­bei­te­ten Arran­ge­ment des Shan­tys „What shall we do with a drun­ken sailor“, eine etwas blas­se Ver­si­on von Georg Micha­els „Faith“ erklingt ganz und gar ohne Sex­ap­peal neben dem tod­ern­st-melan­cho­li­schen „Über den Wol­ken“ von Rein­hard Mey und einer ent­spannt swin­gen­den, wun­der­bar gelas­se­nen Bear­bei­tung von „Küs­sen kann man nicht allei­ne“ aus der Feder von Annet­te Hum­pe und Max Raabe.

Egal, was Quar­to­nal sich vor­nimmt: Sie sin­gen wirk­li­ch alles mit einer beein­dru­cken­den tech­ni­schen und voka­len Sicher­heit, into­na­to­ri­sch lupen­rein und in jedem noch so klei­nen Detail per­fekt auf­ein­an­der abge­stimmt. Das Quar­tett klingt auf die­ser Auf­nah­me der­ma­ßen sau­ber und rein, dass man es pro­blem­los in ein Rein­raum­la­bor mit­neh­men könn­te. Der jugend­li­ch schlan­ke und agi­le Ensem­ble­klang hat hör­bar Eben­maß als höchs­tes Ziel. Und sie errei­chen das mit fein­sin­ni­ger Akku­ra­tes­se.

Lei­der stellt sich aber immer wie­der der Ein­druck ein: Quar­to­nal bleibt damit unter sei­nen Mög­lich­kei­ten. Viel­leicht ist es der etwas leb­lo­se Stu­dio­klang, viel­leicht auch ihre noble Zurück­hal­tung: Bei aller voka­ler Raf­fi­nes­se bleibt „Ever­y­ti­me“ meis­tens etwas kühl. Eigent­li­ch fehlt allen Songs etwas Emo­tio­na­li­tät und wenigs­tens momen­ta­ne expres­si­ve Begeis­te­rung. Zu oft klingt das wie ein Klang­la­bor: Sau­ber bis in die Poren, ja gera­de­zu akus­ti­sch rein – aber auch ten­den­zi­ell ste­ril und ohne Über­ra­schun­gen. Dabei ist alles, von den Arran­ge­ments über Phra­sie­rung, Dyna­mik und Into­na­ti­on bis hin zur Ton­ge­bung, geschmack­voll und gekonnt aus­ge­ar­bei­tet. Doch nur sel­ten blit­zen auf „Ever­y­ti­me“ die groß­ar­ti­gen Momen­te auf, in denen man wirk­li­ch ganz und gar, mit Herz und Hirn, hin­ge­ris­sen ist von die­ser Musik.

Quar­to­nal: Ever­y­ti­me a cap­pel­la. Sony 2017. Spiel­zeit: 57:32

(Zuer­st in einer etwas kür­ze­ren Ver­si­on erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin“, #36 , März 2017)

Ins Netz gegangen (13.3.)

geknüpftes netz (knoten)FrankenCH

Ins Netz gegan­gen am 13.3.:

  • Mar­ga­ret Atwood on What ‘The Handmaid’s Tale’ Means in the Age of Trump | The New York Times → mar­ga­ret atwood schreibt über die ent­ste­hung ihres roma­nes „der report der magd“ („the handmaid’s tale“ im ori­gi­ni­al), wesent­li­che fra­gen, die sie dabei beschäf­tigt haben und mög­li­che par­al­le­len mit der gegen­wart und zukunft in der rea­li­tät
  • Frau­en­feind­lich­keit: „Ekel vor Frau­en hat Tra­di­ti­on“ | FR → sebas­ti­an moll sprach mit siri hust­ve­dt über die frau­en­ver­ach­tung der gegen­wart, natür­li­ch vor allem in den usa und bei der trump-regie­rung und kon­sor­ten
  • Frau­en­stim­men wer­den tie­fer | BR-Klas­sik → kur­zer hin­weis auf eine unter­su­chung der nor­ma­len sprech­stimm­la­gen bei frau­en und män­nern:

    Dass die gesun­de Frau­en­stim­me heu­te nur noch um etwa eine Quin­te höher als die Män­ner­stim­me lie­ge – nicht mehr eine gan­ze Okta­ve wie noch vor zwei Jahr­zehn­ten -, sei auch für die Wis­sen­schaft­ler ein über­ra­schen­des Ergeb­nis

  • Elphi – oder Hoch­kul­tur als Sub­ven­ti­ons­be­trug (Hohe Kul­tur 3) | Mer­kur Blog → chris­ti­na don­gow­ski rech­net mit den gro­ßen ver­spre­chun­gen der elb­phil­har­mo­nie („kul­tur für alle“, demo­kra­ti­sie­rung etc pp) ab:

    Dass hier die bes­se­ren Ham­bur­ger Krei­se die Maß­stä­be set­zen – und son­st nie­mand –, deut­li­cher kann man es nicht machen. Man klopft sich bereits dafür auf die Schul­ter, dass man nun auch ein biss­chen Koh­le für das Her­an­füh­ren der nie­deren Stän­de an die Hoch­kul­tur inves­tiert. Viel­leicht eröff­net sich für den einen oder die ande­re ja dadurch die Chan­ce, selbst mal dazu zu gehö­ren! Oder viel­leicht ent­deckt man den neu­en Gus­ta­vo Duda­mel? Und wahr­schein­li­ch mei­nen das alle auch ganz ern­st.

    Was die Wohl­mei­nen­den tat­säch­li­ch tun, fällt ihnen wahr­schein­li­ch gar nicht auf – nur des­we­gen funk­tio­niert das ja auch noch so rei­bungs­los: Sie miss­brau­chen das (sozi­al­de­mo­kra­ti­sche) Ver­spre­chen, sich auch durch ästhe­ti­sche Bil­dung aus dem Käfig der begren­zen­den sozia­len Umstän­de eman­zi­pie­ren zu kön­nen, um das eige­ne Bil­dungs­er­leb­nis und das des eige­nen Nach­wuch­ses zu finan­zie­ren.

  • The Truth About the Wiki­Leaks C.I.A. Cache) | The New York Times → Zeynep Tufek­ci über wiki­leaks, die medi­en und „vault 7“:

    Wiki­Leaks seems to have a play­book for its dis­in­for­ma­ti­on cam­pai­gns. The first step is to dump many docu­ments at once — rather than allo­wing jour­na­lists to scru­ti­ni­ze them and absorb their signi­fi­can­ce befo­re publi­ca­ti­on. The second step is to sen­sa­tio­na­li­ze the mate­ri­al with mis­lea­ding news relea­ses and tweets. The third step is to sit back and watch as the news media unwit­ting­ly pro­mo­tes the Wiki­Leaks agen­da under the aus­pices of inde­pen­dent reporting.

Ins Netz gegangen (9.3.)

drahtnetz (detail)Lucky2013

Ins Netz gegan­gen am 9.3.:

  • Die unge­woll­te Pati­en­tin | taz → die taz zeigt in einer ein­drück­li­chen repor­ta­ge, wie schwie­rig abtrei­bun­gen auch im angeb­li­ch so libe­ra­len deutsch­land in man­chen gegen­den sind und wie sich die lage für die frau­en eher ver­schlech­tert
  • Mis­ha Men­gel­berg (1935 – 2017) | The Free Jazz Collec­tive → nach­ruf auf den gro­ßen mis­ha men­gel­berg. den deut­schen qua­li­täts­pu­bli­kums­me­di­en scheint der tod des pia­nis­ten kei­ne nachricht/nachruf wert zu sein
  • Hier irr­te der Ver­le­ger – und kor­ri­gier­te sein Urteil | Log­buch Suhr­kamp → lek­tor rai­mund fel­lin­ger über sig­fried unselds urteil der „ästhe­tik des wider­stands“ von peter weiss und die arbeit mit ihm dar­an – mit zwei fak­si­mi­lies aus unselds jour­nal von 1975 und 1978
  • Hou­se of Jazz: Der Leucht­turm und sein Wär­ter| Tages­spie­gel → guter über­bli­ck über die dis­kus­si­on um till brön­ners ber­li­ner „hou­se of jazz“, der bei­den sei­ten – der eher kusche­lig-wohl­fühl-tra­di­tio­na­lis­ti­schen von brön­ner und der eher fort­schritt­li­ch-avant­gar­dis­ti­sch ori­en­tie­ren der ber­li­ner sze­ne – raum und ver­ständ­nis gibt
  • Ver­netz­tes Radeln, oder Smart ist doof | … ach, nichts. → bringt mei­nen stand­punkt zum ziem­li­ch zwang­haf­ten „ver­net­zen“ des fahr­rads ziem­li­ch gut auf den punkt: das wesent­li­ch – die (unbe­schwer­te) ein­fach­heit – geht dadurch ver­lo­ren, der gewinn ist (bis­lang zumin­dest) eher mar­gi­nal …
  • Revo­lu­ti­on in Sicht | Zeit → die „zeit“ berich­tet von einem vor­sich­ti­gen umden­ken in tei­len der kon­ven­tio­nel­len land­wirt­schaft, der dlg, was frucht­fol­ge, che­mie­ein­satz und nach­hal­tig­keit sowie arten­schutz angeht. 

Ins Netz gegangen (2.3.)

fischernetz (detail)brigwa

Ins Netz gegan­gen am 2.3.:

  • Let’s not demo­ni­ze driving—just stop sub­si­di­zing it | City Obser­va­to­ry → ein ande­rer weg, die leu­te vom auto weg­zu­be­kom­men: ihnen ein­fach die wirk­li­chen kos­ten des moto­ri­sier­ten ver­kehrs in rech­nung stel­len (ich weiß nicht, ob das wirk­li­ch so viel bes­ser funk­tio­niert – es scheint mir eher neue unge­rech­tig­kei­ten zu pro­du­zie­ren …)

    But the pro­blem is not that cars (or the peop­le who dri­ve them) are evil, but that we use them too much, and in dan­ge­rous ways. And that’s becau­se we’ve put in pla­ce incen­ti­ves and infra­struc­tu­re that encou­ra­ge, or even requi­re, us to do so. When we sub­si­di­ze roads, socia­li­ze the costs of pol­lu­ti­on, cras­hes and par­king, and even legal­ly requi­re that our com­mu­nities be built in ways that make it impos­si­ble to live without a car, we send peop­le strong signals to buy and own cars and to drive—a lot. As a result, we dri­ve too much, and fre­quent­ly at unsafe speeds given the urban envi­ron­ment.
    […] Dri­ving is a choice, and pro­vi­ded that dri­vers pay all the costs asso­cia­ted with making that choice, there’s litt­le rea­son to object to that. 

  • Ele­ment of Cri­me: „Del­men­hor­st“ | Pop-Antho­lo­gie → Uwe Ebbing­haus nimmt das Lied bzw. sei­nen Song­text unter die Lupe

    Poe­sie darf bei Ele­ment of Cri­me, das scheint ein eher­nes Gesetz der Band zu sein, nicht dau­er­haft durch poe­ti­sche For­mu­lie­run­gen erzeugt wer­den. Manch­mal bricht sich in den Tex­ten sogar eine regel­rech­te Poe­sie­feind­schaft Bahn […]. Aus Angst vor der Pseu­d­o­ly­rik ver­zich­tet Rege­ner fast kom­plett auf lyri­sche Mar­ker

  • Lin­gu­is­tik: Ein neu­es Bild der Spra­che | Spek­trum → Paul Ibbot­son und Micha­el Toma­sel­lo mit einem inter­es­san­ten (auch für lai­en ver­ständ­li­chen) text über aktu­el­le ent­wick­lun­gen in der lin­gu­i­si­tik (auch wenn sie mei­nes erach­tens den stel­len­wert der chomsky’schen uni­ver­sal­gram­ma­tik über­zeich­nen – die ablö­sung läuft schon recht lan­ge …)

    Die Uni­ver­sal­gram­ma­tik scheint end­gül­tig in der Sack­gas­se zu ste­cken. An ihrer Stel­le ver­spricht die gebrauchs­ba­sier­te Lin­gu­is­tik einen aus­sichts­rei­chen Zugang zu den 6000 Spra­chen, die auf der Welt genutzt wer­den.

  • Wir ver­ste­hen sozia­le Medi­en immer noch nicht wirk­li­ch“ | future­zo­ne → kur­zes inter­view mit Iyad Rah­wan über sozia­le medi­en, geschwin­dig­kei­ten von nach­rich­ten­ver­brei­tung und infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung und die anpas­sungs­fä­hig­keit von men­schen, gesell­schaf­ten (und ein biss­chen von tech­no­lo­gi­en)
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