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Was jeder weiß

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„Es ist die Spra­che, die am Spre­chen hin­dert, nicht ihr Verlust.“
—Mar­cus Stein­weg, Sub­jekt und Wahr­heit, 2018, 30

Juniverse

him­mel­wärts gezo­gen
die stri­che der grä­ser
mit lüf­ten ver­floch­ten
unter feder­wol­ke gesang
flug auf unli­nier­tem blatt
samen gefie­dert steigt
hin­ge­sun­ke­ne feder
getaucht in holun­der­schat­ten
schreibt

Ste­fan Döring (aus: Mona­te Jah­re (in: WENN WELT. Ber­lin, Schupf­art 2024 (rough­books 064), S. 81.))

Sterben

Laßt eine müde See­le dem grim­mi­gen Tode ent­kom­men,
 wenn, schon gestor­ben zu sein, einem das Ster­ben erspart!

Publi­us Ovi­di­us Naso (aus: Lie­der der Trau­er. Die Tris­ti­en. Aus dem Latei­ni­schen von Vol­ker Ebers­bach, 1997, S. 23, Ers­tes Buch, Ele­gie IV)

Das Nicht-Erin­ner­te ist Tag-gerecht,
Irdi­sche Into­na­ti­on und hand­vol­le
Blü­te, nicht Nach­ah­mung.
Bild mehr!

Petra Gangl­bau­er (aus: Was­ser im Gespräch, 2016, S. 39, Kar­ger Lämmermond)

Frühlingsbeginn

Die Wein­berg­schne­cke ist fort
gekro­chen, den zar­ten Deckel aus
Kalk oder Elfen­bein ließ
sie auf der Mau­er zurück.

Micha­el Busel­mei­er (aus: In den San­den bei Mau­er. Letz­te Gedich­te, 2023, S. 14)

Schweigen

Was sie sagen,
die Vor­fah­ren,
geht uns viel­leicht gar nichts an.
Wir sehen, was sie tun, was sie taten,
aber ob es sie waren?

Ich könn­te in die Biblio­thek gehen
und lesen, was eigent­lich gemeint war,
und schrei­en.
Ich könn­te die Blöd­heit im Schnitt der Stei­ne,
ver­mer­gelt mit Weis­heit, erken­nen
und schrei­en,
ein­ge­mau­ert in die­se Geschichte.

Es muss Geschwis­ter geben       (alle so Schwesta, Bru­da, Cou­sin)
unter­schied­lich reagie­rend auf den glei­chen Schas,
gleich (gemein­sam) im Unterschiedlichen,

und ich bin blö­de       zu mei­nem Glück
wie ein Göt­ter­baum ein, zwei Meter wach­send im Jahr,
das kann ich,
mit dem gan­zen Kör­per in die Bewe­gung lehnen.

Die Anlei­tun­gen: Was sagen sie, was – wohin fal­len sie,
dahin fal­len wir auch       und dann sagen wirs nicht.
Schau mich an,
wir sind die Rui­nen
für alle Idyl­len,
wir sind die Minen
für Iro­nie

Ann Cot­ten (aus: Die Anlei­tung der Vor­fah­ren. Ber­lin: Suhr­kamp 2023, s. 138)

Zukunft

Seven Lines About Future

Die Zukunft wird kom­men.
Auch die der Lite­ra­tur.
Sie wird wenig Hei­mat haben,
wenn sie kommt.
Aber Tag und Nacht und
die Kör­per, die sie lieben.

Lud­wig Fels, Mit mir hast du kei­ne Chan­ce, 5
Snowflake in close-up

Schnee

Schnee: wer
die­ses Wort zu Ende
den­ken könn­te
bis dahin
wo es sich auf­löst
und wie­der zu Was­ser wird

das die Wege auf­weicht
und den Him­mel in
einer schwar­zen

blan­ken Pfüt­ze
spie­gelt, als wär er
aus nicht­ros­ten­dem Stahl

und blie­be
unver­än­dert blau.

Rolf Die­ter Brink­mann (aus: Le Chant du Monde)[Rolf Die­ter Brink­mann: Stand­pho­tos. Gedich­ter 1962–1970. Rein­bek: Rowohlt 1980, S. 40]

Gleichgewicht

Die Natur erhältt alles in einem schwer­ben­den Gleich­ge­wicht. Der Geist wird nicht müde, ihm nachzusinnen.

Wil­helm Leh­mann, Buko­li­sches Tage­buch (2. Febru­ar 1931)

Herbst

Die Blät­ter fal­len, fal­len wie von weit,
als welk­ten in den Him­meln fer­ne Gär­ten;
sie fal­len mit ver­nei­nen­der Gebärde.

Und in den Näch­ten fällt die schwe­re Erde
aus allen Ster­nen in die Einsamkeit.

Wir alle fal­len. Die­se Hand da fällt.
Und sie dir and­re an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, wel­cher die­ses Fal­len
unend­li­chen sanft in sei­nen Hän­den hält.

Rai­ner Maria Ril­ke, Herbst (Das BUch der Bilder)

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