Wer möch­te denn Goe­the sein? So gna­den­reich es ist, ihn gewe­sen zu wis­sen, so pei­ni­gend wäre es, er noch ein­mal sein zu müs­sen. Erken­nen heißt doch gera­de, besit­zen zu dür­fen, ohne es sein zu müs­sen. Hans Blu­men­berg: Lebens­the­men. Aus dem Nach­laß, 151

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Ins Netz gegangen (24.1.)

Zara Walker

Ins Netz gegan­gen am 24.1.:

  • Knaus­gård ist gut, aber Hand­ke ist bes­ser | FAZ → ein klu­ger bei­trag von jan wie­le zur „authen­ti­zi­täts­de­bat­te“, die vor allem die „welt“ (voll­kom­men unsin­ni­ger wei­se …) los­ge­tre­ten hat

    enn man irgend­et­was aus den Debat­ten über rea­lis­ti­sches Erzäh­len der letz­ten Jahr­zehn­te mit­ge­nom­men hät­te, müss­te man eigent­li­ch miss­traui­sch wer­den ange­sichts einer sol­chen Schein­wirk­lich­keits­pro­sa, die so tut, also kön­ne man ein­fach „erzäh­len, wie es gewe­sen ist“ – und das gilt eben nicht nur für Knaus­gård, son­dern all­ge­mein.
    […] Es wirkt – nicht nur aus einer his­to­ri­sch-kri­ti­schen Hal­tung her­aus, son­dern auch für das per­sön­li­che Emp­fin­den von lite­ra­ri­schen Tex­ten – befremd­li­ch, wenn nun hin­ter all die ästhe­ti­schen Über­le­gun­gen zum rea­lis­ti­schen Erzäh­len, vor allem aber hin­ter die Wer­ke, die aus ihnen her­aus ent­stan­den sind, wie­der zurück­ge­gan­gen wer­den soll und man so tut, als gäbe es irgend­ein unschul­di­ges, authen­ti­sch-nicht­fik­tio­na­les Erzäh­len.

  • Gemein­nüt­zig­keit als Tür­öff­ner | Bil­dungs­Ra­dar → der „bil­dungs­ra­dar“ ver­sucht her­aus­zu­be­kom­men, wie das gan­ze pro­jekt „cal­lio­pe“ funk­tio­niert bzw. funk­tio­nie­ren soll – und stößt auf vie­le mau­ern und eini­ge selt­sa­me mau­sche­lei­en …
  • Die Mode der Phi­lo­so­phen – Wie sich gro­ße Den­ker klei­den | Deutsch­land­ra­dio Kul­tur → net­te klei­ne geschich­te über die typ­ge­mä­ße klei­dung für phi­lo­so­phen (frau­en gibt’s zum schluss auch kurz)
  • Donald Trump: Popu­lis­mus als Poli­tik | Tele­po­lis → der wie meist klu­ge georg seeß­len im inter­view mit domi­nik irten­kauf über trump, demokratie/postdemokratie und medial insze­nie­run­gen:

    Gegen ein Bünd­nis aus mehr oder weni­ger authen­ti­sch Rechts­ex­tre­men, Neo-Natio­na­lis­ten und Exzep­tio­na­lis­ten, fun­da­men­ta­lis­ti­schen Markt-Anar­chis­ten, mafiös ver­netz­ten Klep­to­kra­ten und einem Mit­tel­stand in rea­ler und mani­pu­lier­ter Abstiegs­angst kann eine demo­kra­ti­sche Zivil­ge­sell­schaft nur bestehen, wenn sie neue Ide­en und neu­en Zusam­men­halt fin­det. Der Zusam­men­schluss der post­de­mo­kra­ti­schen Kräf­te hin­ge­gen fin­det sei­ne Schub­kraft dage­gen vor allem im Oppor­tu­nis­mus und in der poli­ti­schen und media­len Kor­rup­ti­on.
    […] Schon jetzt gibt es irrever­si­ble Fol­gen des Trum­pis­mus, eben jene Ver­mi­schung von poli­ti­schem Amt und öko­no­mi­schen Inter­es­sen, die ein­st den Ber­lus­co­nis­mus präg­te, den Wan­del der poli­ti­schen Spra­che, eine Spal­tung der Gesell­schaft, die über alle gewöhn­li­chen „poli­ti­schen Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten“ hin­aus geht, eine Patro­na­ge, Clan­wirt­schaft, Abhän­gig­keits­net­ze: Wir sehen einem Macht­sys­tem bei der Ent­ste­hung zu, das viel tie­fer geht als die Beset­zung eines Amtes. Und wie bei Ber­lus­co­ni lässt sich nach dem Ende der Amts­zeit nur ein Teil davon demo­kra­ti­sch rück­ge­win­nen.

Augentrost aus fernen Zeiten

Augen­trost – das ist mal ein Buch­ti­tel! Dabei ist es gar kei­ne Neu­schöp­fung, denn Con­stan­ti­jn Huy­gens schrieb sei­ne Euphra­sia schon 1647. Der Titel ist übri­gens schnell erklärt: Der Augen­trost (Euphra­sia offi­ci­na­lis) ist eine Wie­sen­pflan­ze, sei­nen Namen hat er auf­grund sei­ner ange­nom­me­nen Heil­wir­kung. Das muss uns aber nicht wei­ter beschäf­ti­gen, denn hier geht es ja um Lite­ra­tur. Um ein Trost­ge­dicht, das aus eher pri­va­tem Anlass ent­stand (und zunächst auch noch nicht über 1000 Ver­se umfass­te): Huy­gens, der selbst (manch­mal) eine Bril­le trug, schrieb es als Trost für eine Freun­din (die im Text als „Par­theni­ne“ auf­taucht) und offen­bar den Ver­lust eines Auges zu bekla­gen hat­te. Aber, wie das Nach­wort wie­der­um ganz rich­tig bemerkt, es ist mehr als ein Trost­ge­dicht (ich wür­de sogar sagen: Es ist gar kein Trost­ge­dicht mehr …), es ist ein rich­ti­ger Nar­ren­spie­gel, der die gan­ze Gesell­schaft – die Dich­ter übri­gens aus­drück­li­ch ein­ge­schlos­sen – auf­spießt.

huygens, augentrost (cover)Huy­gens, ver­rät mir das Nach­wort des Über­set­zers Ard Post­hu­ma, ist „ein Klas­si­ker der nie­der­län­di­schen Lite­ra­tur“ (und auch ein recht pro­duk­ti­ver Kom­po­nist, neben sei­nen zahl­rei­chen ande­ren Tätig­kei­ten und Beru­fen), in Deutsch­land aber wohl eher unbe­kannt. „Huy­gens‘ Sprach­vir­tuo­si­tät war gren­zen­los“. Und das merkt man. Wobei ich das gleich wie­der ein­schrän­ken muss: Denn ich ken­ne nur die Über­set­zung. Die ist aber sehr pfif­fig. Inwie­weit Post­hu­ma damit der Spra­che und dem Text Huy­gens‘ gerecht wird, ent­zieht sich mei­ner Beur­tei­lung. Als deut­scher Text, der 2016 erschien, ist er aber auf jeden Fall lesens­wert. Denn Post­hu­ma lie­fert einen Text, der nicht nur erstaun­li­ch flüs­sig zu lesen ist, son­dern sich – und das macht das Lese­ver­gnü­gen deut­li­ch grö­ßer – gen­au an das metri­sche Vor­bild des Ori­gi­nals, die sechs­he­bi­gen Jam­ben mit wech­seln­den Kaden­zen und den Paar­reim hält. Manch­mal wird das sogar rich­tig­ge­hend salopp und fast flap­sig (auch der „Lah­mar­sch“ hat einen Auf­tritt …).

Nun ist aber immer noch unklar, was die­ser Augen­trost denn nun eigent­li­ch ist. Kurz gesagt: Ein Lang­ge­dicht in 1002 Ver­sen (Alex­an­dri­nern) über die Blind­heit oder viel­leicht bes­ser: über die viel­fäl­ti­gen For­men, in denen Men­schen blind sein kön­nen. Das orga­ni­siert Huy­gens nach einer klei­nen Ein­füh­rung als einen Kata­log von Men­schen­grup­pen, die er als blind kate­go­ri­siert. Meis­tens sind sind sie es nicht in wört­li­cher Hin­sicht, son­dern in über­tra­ge­ner, weil sie das Eigent­li­che des Lebens – und des Glau­bens, des christ­li­chen Got­tes (da bleibt Huy­gens ganz und gar ein Kind sei­ner Zeit) – nicht sehen, d.h. nicht erken­nen, son­dern gie­rig, gei­zig, has­tig, müßig­gän­ge­ri­sch sind. So haben sie alle einen Auf­tritt, die Gesun­den und Kran­ken, die Gelehr­ten und die Eifer­süch­ti­gen, die jun­gen Leu­te, die Jäger, die Schnat­te­rer, der gan­ze Hof – man merkt, das ist wirk­li­ch eine Art sozio­lo­gi­sches Gesell­schafts­pan­ora­ma, das Huy­gens hier ent­wirft. Und natür­li­ch sind, dar­um geht es ja schließ­li­ch, alle blind, ihr Sehen der Welt, ihre Sicht­wei­se auf Men­schen, Hand­lun­gen und Din­ge ist ein­ge­schränkt – meis­tens, weil sie das gro­ße Gan­ze des christ­li­chen Heils­pla­nes nicht (er)kennen oder nicht im Sinn behal­ten. Auch das eige­ne Leid und das Leid der ande­ren und der Umgang mit dem Leid über­haupt spie­len immer wie­der eines beson­de­re Rol­le. Schließ­li­ch ist das ins­be­son­de­re für Chris­ten ein Punkt der Prü­fung (eine Art pri­va­tes Theo­di­zee-Pro­blem): War­um lässt Gott mich/die Men­schen lei­den?

Wer klag­te da nicht gern, würd’s nach­her bes­ser gehn! / Wer aber bräch­te je des Him­mels Lauf zum Stehn? Vers 49–50

Erstaun­li­ch fand ich dabei oft den fast kras­sen Rea­lis­mus der Beschrei­bun­gen, die er benutzt. Beson­ders deut­li­ch wird das, wenn er die Lie­bes­ly­rik-Kon­ven­tio­nen sei­ner Zeit mit der bana­len (und im Ver­gleich zum Ide­al häss­li­chen) Rea­li­tät kon­fron­tiert (Ver­se 360ff.). Und neben­bei fin­det man auch eine inter­es­san­te Abwer­tung der (rea­lis­ti­schen) Male­rei (460ff.), weil sie doch immer bloß ein unvoll­kom­me­nes, unfer­ti­ges, unvoll­stän­di­ges Abbild der Welt – die­ser voll­kom­me­nen gött­li­chen Schöp­fung – dar­stellt. Die Lis­te lie­ße sich noch wei­ter fort­set­zen – so ziem­li­ch jeder Leser, jede Lese­rin dürf­te hier auf inter­es­san­te Beob­ach­tun­gen und Schil­de­run­gen sto­ßen.

Zum Augen­trost gehört auch noch eine kur­ze Vor­re­de (im Ori­gi­nal latei­ni­sch), voll gestopft mit Topoi der Beschei­den­heit. Das fängt schon mit einer War­nung – die­ser Text sei nichts für Leser, die die Grö­ße anti­ker Auto­ren zu schät­zen wis­sen – an und gip­felt in dem Hin­weis: „Soll­te das Haupt­werk miss­fal­len / genie­ße das Bei­werk.“ Und natür­li­ch funk­tio­niert es, man möch­te dann erst recht wei­ter­le­sen. Der Rest der Para­tex­te (des „Bei­werks“) fehlt in die­ser Edi­ti­on der Über­set­zung bei Rei­ne­cke & Voß lei­der zum größ­ten Teil, so dass man Huy­gens‘ Emp­feh­lung gar nicht fol­gen könn­te. Durch Anmer­kun­gen des Über­set­zers – die sich aber nur auf die Bibelstellenverweise/-anspielungen bezie­hen, die wie­der­um zum gro­ßen Teil recht klar & ein­deu­tig sind, wird das wenigs­tens zum Teil wie­der wett gemacht. Die Aus­ga­be ist sowie­so eine, die ihr Licht unter den Schef­fel stellt (um auch ein bibli­sches Bild zu bemü­hen): das Äuße­re ist eher zweck­mä­ßig als schön, was etwa das Druck­bild (und die recht häu­fi­gen Feh­ler) angeht. Dafür ist sie aber auch recht wohl­feil zu erwer­ben.

Nur eine Sor­te noch: Auto­ren sind auch Blin­de, / beson­ders die von dir gelieb­ten Dich­ter­freun­de. / Die sind so dicht wie blind; sie sehen nur den Reim / und gehen in der Kunst den Wör­tern auf den Leim / … / Das ist Poe­ten-Art, denn die zu dich­ten pfle­gen / sehen kein schö­ne­res Ei als was sie sel­ber legen. / Ver­prü­geln kann­st du ihn, doch sagt er unent­wegt, / dass kein Poet so schön wie er die Lau­te schlägt. Ver­se 913ff., 941ff.

Soll man den Augen­trost also lesen? Wenn es nach Huy­gens selbst geht, gar nicht unbe­dingt. Er beginnt näm­li­ch gleich in der Vor­re­de – also direkt mit den aller­ers­ten Ver­sen – mit einer War­nung:

Lies mich bit­te nicht, / wenn bes­se­res Salz dir zusteht / und dir kei­ne Spei­se schmeckt, / die fader ist als die der Alten. / Lies mich bit­te nicht. Wozu dei­ne Augen / (oder ein Auge nur) pei­ni­gen?

Aber wer lässt sich von so etwas denn schon abhal­ten? Die Lese­zeit-Schät­zung, die Huy­gens in sei­nen Text ein­flicht (Vers 137: „zum Lesen sind gut zwei, drei Stun­den vor­ge­se­hen“), stimmt übri­gens ziem­li­ch gen­au: Mehr als zwei, drei Stun­den benö­tigt man dafür nicht. Aber das sind dann doch zwei, drei sehr ver­gnüg­li­che, unter­halt­sa­me und auch beleh­ren­de Stun­den.

Con­stan­ti­jn Huy­gens: Euphra­sia. Augen­trost. Über­setzt und her­aus­ge­ge­ben von Ard Post­hu­ma. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2016. [ohne Sei­ten­zäh­lung]. ISBN 9783942901222 

Ins Netz gegangen (19.1.)

netzgebilde (unsplash.com)Clint Adair

Ins Netz gegan­gen am 19.1.:

  • Wor­über ich rede, wenn ich über Sex rede | Read on, my dear, read on → ein bericht aus der sexu­al­auf­klä­rung für geflüch­te­te in deutsch­land – sehr inter­es­sant zu lesen …
  • Falk-Pos­til­le | Mein Jahr mit Luther → achim land­wehr über falks „pop-ora­to­ri­um“ „luther“

    Man kann aus Mar­tin Luther einen Frei­heits­hel­den machen. Muss man aber nicht. Man kann die ‚Bot­schaft‘ der Refor­ma­ti­on (wie lau­te­te sie gleich noch?) in das Kor­sett stan­dar­di­sier­ter Musi­cal­me­lo­dien packen. Man muss sich das aber nicht anhö­ren. Man kann die geist­li­che Musik des 16. bis 18. Jahr­hun­derts in ein fahr­stuhl­taug­li­ches Funk­ti­ons­mu­sik­ge­rie­sel ver­wan­deln. Man muss dafür aber kein Geld aus­ge­ben.

  • Fake News“ und der blin­de Fleck der Medi­en | Über­me­di­en → ste­fan nig­ge­mei­er über die (unehr­li­che) empö­rung über „fake news“:

    Man hat das damals nicht „Fake News“ genannt, weil es den Begriff noch nicht gab. Vor allem aber haben die meis­ten ande­ren Medi­en die­se „Fake News“ nicht bekämpft, son­dern fröh­li­ch wei­ter ver­brei­tet.
    […] Jetzt, auf ein­mal, ent­de­cken die Medi­en die Gefahr der „Fake News“ und wol­len mit gro­ßem Ein­satz dage­gen kämp­fen. Was für eine Heu­che­lei.

  • Das 20. Jahr­hun­dert fällt uns gera­de auf den Kopf“ | Welt → inte­res­an­tes inter­view mit dem his­to­ri­ker timo­thy sny­der – über die „leh­ren“ aus der geschich­te udn die poli­tik der gegen­wart

    Die Geschich­te wie­der­holt sich nicht. Sie reimt sich nicht ein­mal. Aber die Geschichts­wis­sen­schaft zeigt uns, wie gewis­se Din­ge zusam­men­hän­gen. Sie weist uns auf gewis­se Mus­ter hin.
    […] aber das Bei­spiel Deutsch­lands lehrt uns: Das muss man gleich am Anfang begrei­fen, nicht erst am Ende. Wenn man eine „Gleich­schal­tung“ stop­pen will, muss man sagen: Es gefällt mir, dass wir ein föde­ra­les Sys­tem haben 

Ins Netz gegangen (8.1.)

spinnenetz mit tautropfenMichael Podger

Ins Netz gegangen am 8.1.:

  • CO2-Bilanz 2016: Deutschland macht einen Schritt zurück | Deutsche Welle → 2016 war für Deutschlands Klimaschutz ein schlechtes Jahr. Im Vergleich zum Vorjahr wurde sogar wieder mehr CO2 in die Luft geblasen. Für die Klimaziele reicht das Tempo der Energiewende bisher nicht. So wird das - wie in den letzten Jahren und Jahrzehnten - wieder nichts, trotz hehrer Ziele: Wenn es an die konkrete Umsetzung geht, gelten offenbar auf einmal andere Prioritäten ...
  • Historisches Erbgut: Genetisches Erbe der Sklaverei | Spektrum → interessanter text über die genetische untersuchung von (wieder)gefundenen gräbern befreiter sklaven z.b. auf st. helena
  • Die postfaktische Universität | Zeit → bernhard pörksen über das "postfaktische" zeitalter, die probleme dieser diagnose und möglichkeiten der abhilfe - ich bin mir nicht sicher, ob er mit allem recht hat (z.b. scheint mir ein unterschied zw. ideologischer weltsicht und bullshit/post-truth zu bestehen), aber er hat durchaus einige bedenkenswerte argumente und beobachtungen

    Postfaktisch ist, darin besteht das Problem, ein sachlich falscher Verbalaufreger, ein Symptomwort des Pauschalismus.
    [...] Das demokratische Prinzip lebt elementar vom Ideal der Aufklärung und von der Idee des mündigen Bürgers – bis zum absolut endgültigen Beweis des Gegenteils. Und eine paternalistisch regierte Wahrheitswelt kann sich bei allem Erschrecken über das gegenwärtige Kommunikationsklima niemand wünschen. Was für liberal gesinnte Geister bleibt, ist die manchmal beglückende und manchmal schreckliche Sisyphusarbeit des Diskurses, die nun überall stattfinden muss.

  • What if Hitler had won the war? What is Jesus hadn't been crucified? Who cares? | New Republic → über kontrafaktische geschichtsschreibung und ihren möglichen nutzen für die gegenwart, v.a. auch eine widersprechende diskussion der ablehnenden thesen von richard evans

Twitterlieblinge Dezember 2016

vögel im winter im gebirgeRené Reichelt

Die letz­te Lis­te, dafür arg ver­spä­tet …:

https://twitter.com/SecretCoAuthor/status/806125455623458816

Ins Netz gegangen (6.1.)

winterlicher wald im schneeStas Ovsky

Ins Netz gegangen am 6.1.:

  • Das öffentliche Eigentum ist den Vertretern des öffentlichen Eigentümers so was von schnurz. Das Beispiel Deutsche Bahn AG | LunaPark21 → guter abriss, wie und warum das öffentlich eigentum "deutsche bahn" nicht im interesse der öffentlichkeit gemanagt wird - also, kurz gesagt, wie die politik hier ziemlich total versagt
  • Endlich: Radfahrer dürfen über rote Ampeln fahren | Radverkehrspolitik → radverkehrspolitik nimmt die neuen ampelregelungen für radfahrerinnen bzw. radwege aufs korn:

    Seit dem 1. Januar gelten für Radfahrer an Kreuzungen keine Fußgänger-Signalgeber mehr, Radfahrer müssen und dürfen an vielen Kreuzungen plötzlich die Fahrbahn-Signalgeber beachten. Dumm nur, dass die Straßenverkehrsbehörden davon nichts wissen: Die Fahrbahn-Signalgeber sind teilweise gar nicht für Radfahrer sichtbar, während an anderen Kreuzungen abbiegende Kraftfahrer gar nicht mehr mit geradeausfahrenden Radfahrern rechnen.

    Man darf nur hoffen, dass nicht allzu viele Radfahrer diese Änderung bemerken und nach wie vor artig bei roter Fußgängerampel stehenbleiben.

  • „Trumps Kompetenz sollten wir nicht weiter diskutieren“. Henry Kissinger über die neue US-Regierung und wie ein Krieg mit China zu verhindern ist. | IPG → henry kissinger über amerika, china und die welt - und die vermutliche außenpolitik und ihre strategischen spielräume unter trump
  • „Frauen haben die romantische Verblödung“ | FAZ → interessantes interview mit einer österreichischen scheidungsanwältin über ehe, partnerschaft und v.a. die finanzen
  • Reformationsjahr 2017: Gegen "eine inhumane Annäherung an Luther" | Deutschlandfunk → gutes interview mit heinz schilling über luther und vor allem über seine bedeutung (und die der reformation insgesamt) für uns und heute
    [Luther] ist uns als erstes als Fremder darzustellen. Sehen Sie, in dieser Zeit war es so, dass die Allzuständigkeit von Religion, Allzuständigkeit des Christentums nicht nur für das Jenseits – das ist uns ja sowieso abhandengekommen – aber auch für das Diesseits konstitutiv war für diese Gesellschaft, für diese Kultur. Das existiert für uns heute nicht mehr. Weder diese Vorstellung, ein jenseitiges Leben bereits jetzt vorbereiten zu müssen im Sinne einer totalen Ausrichtung des diesseitigen Lebens auf das jenseitige, das ist uns abhandengekommen.

    Da ist eben die große Schwelle, die Aufklärung – das ausklingende 18. und das frühe 19. Jahrhundert, in dem das passiert, was wir Säkularisierung nennen. Das setzt vorher ein – sehr wichtig die Regelungen des Westfälischen Friedens, dass Religion und Politik getrennt wird, dass die Allzuständigkeit von Religion aufgegeben wird. Das macht die ganz andere Situation heute aus.

    Von daher sind zwei Dinge wichtig. Wir können einerseits Luther nicht von oben herab beurteilen. Da gibt es so einige Aussagen: Naja, der hat ja an Hexen geglaubt, der hat die Frauen unterdrückt. Ich pflege dann zu sagen: Naja, der Mann konnte nicht mal Auto fahren. So ein lächerlicher Mensch ist das und auf den wollen wir uns nach 500 Jahren besinnen.

    und mit einem schönen satz am schluss:

    Der Historiker hat dafür zu sorgen, dass nichts verschleiert wird, sondern im Guten wie im Bösen – und hier geht es natürlich um das Böse, das ist völlig klar – die Dinge genauestens sachgerecht identifiziert werden.

Altjahresabend

Aus der durch­höhl­ten Rübe springt die Maus.
Der rei­fe Wind zwingt das Holun­der­blatt zu tage­lan­gem Pur­zel­baum -
Die lee­re Rüben­ba­cke klafft,
Die Tau­ben peitscht der Wind ans Haus.

Den Bau­ern­pfer­den wächst das Haar wie Moos so dicht.
Das Jahr geht hin. Kein Anfang ist und Ende nicht.
Die Eichel fällt – die Ein­sam­keit erschrickt, und Öde schluckt den Ton.
Sie schluckt auch mei­ner Soh­le Lär­men, sie ver­gaß mich schon.
Wil­helm Leh­mann, Alt­jah­res­abend (1928)

Ins Netz gegangen (19.12.)

spinnennetz mit taubella67

Ins Netz gegan­gen am 19.12.:

  • ÖPNV der Her­zen | fair­kehr → das maga­zin des vcd stellt mög­lich­kei­ten vor, den öpnv in deutsch­land attrak­ti­ver zu machen (es gibt schon eine erstaun­li­che men­ge pilot­pro­jek­te dazu, die aber anschei­nend alle iso­liert vor sich hin wursch­teln …)
  • Der Zür­cher Lite­ra­tur­streit vor 50 Jah­ren: Keh­ren wir zu Mozart zurück | NZZ → roman buche­li erin­nert in der „nzz“ an den zür­cher lite­ra­tur­streit, der vor 50 jah­ren mit der rede emil stai­gers begann.

    Emil Stai­ger hat­te die Uni­ver­si­tät, die Büh­ne des städ­ti­schen Thea­ters und auch das Feuil­le­ton als die letz­ten Boll­wer­ke einer Kunst bewah­ren wol­len, die unbe­rührt von den Erschei­nun­gen ver­än­der­ter Lebens­wel­ten und Zei­ten, aber im Zei­chen ewi­ger Wer­te ste­hen soll­te. Mit sei­ner Rede jedoch bra­chen die Däm­me, die er eigent­li­ch zu errich­ten beab­sich­tigt hat­te.

    Ein für alle Mal hat­te er die Fra­ge klä­ren wol­len, wel­che Kunst allein Bestand habe und wel­ches ihre Auf­ga­be nur sein kön­ne. Sei­ne Dan­kes­re­de aber ent­fach­te die­se Kon­tro­ver­sen erst rich­tig.

  • Nichts gegen pin­ke Ein­hör­ner, aber… | Spie­gel Online → sibyl­le berg wet­tert (mit recht!) gegen gegen­der­tes spiel­zeug und den gan­zen pin­ken mäd­chen­wahn­sin …
  • Das Schlip­pen­bach Trio auf Win­ter­rei­se | Jazz­zei­tung → beim blog der „jazz­zei­tung“ gibt es schö­ne fotos von der aktu­el­len „win­ter­rei­se“ des schlip­pen­bach-tri­os

Wir wissen, dass wir nichts wissen

zeitungen gebündeltPexels

Dies gan­zen „Was wir wissen“-Listen und –Live-Blogs der Qua­li­täts­me­di­en sind doch eine ein­zi­ge erbärm­li­che Bank­rott­er­klä­rung – auch wenn sie für „das Bes­te, was uns ein­fällt“ gehal­ten wer­den. Ers­tens: Wäre es nicht das Ziel guten Jour­na­lis­mus, über­haupt immer (nur) das zu schrei­ben, was man (oder eben, wenn man unbe­dingt emo­tio­nal mani­pu­lie­ren will, wir) weiß? Zwei­tens: Wäre es, wenn schon der ers­te Punkt nur ein Wunsch, eine Ziel­vor­stel­lung ist, erstre­bens­wert, wenigs­tens in die­sen „Was wir wissen“-Texten sich auf Wis­sen zu beschrän­ken – und zwar jour­na­lis­ti­sch abge­si­cher­tes Wis­sen (also zum Bei­spiel: ordent­li­che Quel­len, von ein­an­der unab­hän­gig Quel­len (und der Plu­ral ist da wich­tig))? Ste­fan Nig­ge­mei­er hat das bei „Über­me­di­en“ schon gut auf­ge­zeigt. Und drit­tens: Wäre es nicht sowie­so viel sinn­vol­ler, mal ein bis drei Gän­ge zurück­zu­schal­ten bei sol­chen Ereig­nis­sen? Denn: Wie rele­vant ist die per­ma­nen­te Flu­tung mit (Eil-)Meldungen für die Bevöl­ke­rung in Deutsch­land den wirk­li­ch, ins­be­son­de­re in den Stun­den direkt nach der Tat? Selbst „Zeit“ und „Süd­deut­sche“ „unter­hal­ten“ ihr Publi­kum den gan­zen Tag mit einem kon­stan­ten Strom an Qua­si­nach­rich­ten. Nur: Ändert sich für die Men­schen denn wirk­li­ch so viel? Klar, wenn es Hin­wei­se gäbe, dass es kei­ne Ein­zel­tat war – dann soll und muss natür­li­ch ent­spre­chend gewarnt wer­den. Aber son­st? Kann man die Poli­zei nicht wenigs­tens zunächst mal ihre Arbeit machen las­sen und ver­nünf­ti­ge Ermitt­lun­gen durch­füh­ren las­sen? (Ich bin bis­her gut damit gefah­ren, nach sol­chen Ereig­nis­sen mir selbst sozu­sa­gen eine kurz­zei­ti­ge „Medi­en­qua­ran­tä­ne“ zu ver­ord­nen. Was über Twit­ter rein­kommt, ist schon mehr als genug, da muss ich nicht noch als Klick­vieh die­nen … Und tat­säch­li­ch ist das – auch wenn’s etwas hart klingt – für mein psy­cho­so­zia­les Empfinden/Wohlbefinden aus­ge­spro­chen dien­li­ch.) Natür­li­ch kann – und muss! – die­se Arbeit auch jour­na­lis­ti­sch beglei­tet und hin­ter­fragt wer­den. Das heißt aber auch nicht, dass man alles nach­plap­pert, was irgend­ein Poli­zei- oder Polit­funk­tio­när, der mit dem kon­kre­ten Fall nichts zu tun hat, gera­de für mit­tei­lens­wert hält.

Das alles, was ich eigent­li­ch ganz banal unter „jour­na­lis­ti­sches Hand­werk“ sub­su­mie­ren möch­te, hät­te nicht nur einen qua­li­ta­ti­ven Vor­teil für die Medi­en. Son­dern auch für die Men­schen: Sie müss­ten sich nicht unnö­tig ängs­ti­gen – und dann auch nicht von den glei­chen Medi­en, die Panik und Furcht ver­brei­ten (um des Geschäf­tes wil­len, offen­sicht­li­ch) ermahnt zu wer­den, der Angst kei­nen Raum zu geben …

Hineingehört #1

free music (unsplash.com)William White

Eine klei­ne Intakt–Aus­le­se aus dem zwei­ten Halb­jahr – dank des vor­treff­li­chen Abon­ne­ments bekom­me ich ja immer alle Ver­öf­fent­li­chun­gen post­wen­dend gelie­fert:

Musikalische Monster

musical monsters (cover)Die Musi­cal Mons­ters sind eigent­li­ch gar kei­ne neue Musik. Auf­ge­nom­men wur­de das näm­li­ch schon 1980 bein Jazz­fes­ti­val Wil­li­sau. Des­sen Chef Nik­laus Trox­ler hat die Bän­der gut auf­ge­ho­ben. Und Intakt konn­te sie jetzt, nach umständ­li­cher Rech­te­ab­klä­rung, end­li­ch ver­öf­fent­li­chen. Zu hören ist ein Quin­tett mit gro­ßen Namen: Don Cher­ry, Irè­ne Schwei­zer, Pier­re Fav­re, John Tchi­cai und Léon Fran­cio­li, das es so son­st nicht zu hören gibt. Am erstaun­lichs­ten fand ich, wie wenig man die 36 Jah­re, die die Auf­nah­me alt ist, der Musik anhört. Die vier groß­for­ma­ti­gen, größ­ten­teils frei­en Impro­vi­sa­tio­nen – es gibt ein paar melo­di­sch fixier­te Anker­punk­te, die als fest­ge­leg­te Schar­nie­re zwi­schen Solo- und Kol­lek­tiv­im­pro­sia­tio­nen die­nen – klin­gen erstaun­li­ch fri­sch, ja fast zeit­los: Die intui­ti­ve Spon­ta­nei­tät und Inten­si­tät ist ziem­li­ch fes­selnd. Vor allem, weil sie von allem etwas bie­tet – ver­spiel­te Faxen, inti­me Momen­te, packen­de Ener­gi­en … Und weil die fünf ziem­li­ch gleich­wer­ti­ge, glei­cher­ma­ßen fas­zi­nie­ren­de Musi­ke­rin­nen sind, die sich immer wie­der zu gro­ßen Momen­ten inne­rer Stär­ke auf­schwin­gen, die in erstaun­li­cher Dich­te auf­ein­an­der fol­gen und zuwei­len sogar ech­tes Pathos erzeu­gen. Beson­ders fas­zi­nie­rend fand ich das in der zwei­ten Impro­vi­sa­ti­on, mit über zwan­zig Minu­ten auch die längs­te, in der sich groß­ar­ti­ge Soli (vor allem Tchi­cai sticht hier her­vor) und span­nen­de, in ihrer fra­gen­den Offen­heit unge­mein fes­seln­de Grup­pen­im­pro­vi­sa­tio­nen bal­len.

Don Cher­ry, John Tchi­cai, Irè­ne Schwei­zer, Léon Fran­cio­li, Pier­re Fav­re: Musi­cal Mons­ters. Intakt Recor­ds CD 269, 2016. 59:28 Minu­ten.

Tiefe Gedächtnismusik

deep memory (cover)Für Deep Memo­ry hat sich Bar­ry Guy, der die CD im Trio mit Mari­lyn Cris­pell und Paul Lyt­ton auf­nahm, von den Bil­dern Hughie O’ Dono­ghu­es zu Kom­po­si­tio­nen anre­gen las­sen. Die sie­ben Stü­cke tra­gen die Titel der Bil­der: Slee­per, Dark Days, Fal­len Angeld oder Silen­ced Music hei­ßen sie etwa. Das sind aber kei­ne musi­ka­li­schen Ekphra­sen, son­dern eher Kom­po­si­tio­nen, die sich von dem Bild – sei­nen Far­ben, sei­ner Gestalt und vor allem viel­leicht: sei­ner Stim­mung – zu akus­ti­schen Ein­drü­cken inspi­rie­ren las­sen. Vie­les davon lässt sich in wei­ten Bögen, oft ver­träumt-ver­spon­nen und/oder nach­denk­li­ch, tra­gen und spei­st sich nicht unwe­sent­li­ch aus dem inti­men Zusam­men­spiel des Tri­os, das ja schon seit gefühl­ten Ewig­kei­ten immer wie­der mit­ein­an­der musi­ziert und der Effekt­ha­sche­rei aus­ge­spro­chen abhold ist. Und das auch auf Deep Memo­ry vor allem durch sei­ne kam­mer­mu­si­ka­li­sche Dich­te und Inten­si­tät der far­ben­präch­ti­gen, ten­den­zi­ell melan­cho­li­schen Klang­ma­le­rei gefällt. Die befin­den sich, so hört es sich an, eigent­li­ch immer auf der glei­chen Wel­len­län­ge, um die­ses stra­pa­zier­te, hier aber sehr pas­sen­de Bild zu benut­zen.

Bar­ry Guy, Mari­lyn Cris­pell, Paul Lyt­ton: Deep Memo­ry. Intakt Recor­ds CD 273, 2016. 52:07 Minu­ten.

Am großen Rad drehen

christoph irniger pilgrim, big wheel live (cover)Big Wheel Live ist die zwei­te CD von Chris­to­pher Irni­ger Pil­grim, wie der span­nen­de Saxo­fo­nist, Kom­po­nist & Band­lea­der Irni­ger sein Quin­tett mit Ste­fan Aeby, Davie Gis­ler, Raf­fae­le Bos­sard und Michi Stulz nennt. Auch wenn das „Live“ wirk­li­ch auf Live-Auf­nah­men (in Ber­lin, Rat­ze­burg und Alten­burg) zurück­geht, klingt die CD rich­tig gut. Und das ist in sofern beson­ders schön, weil gera­de Aeby ein sehr klang­sin­ni­ger Pia­nist ist.
Die gan­ze Musik auf Big Wheel Live zeich­net sich mei­nes Erach­tens nicht nur durch ihren kraft­vol­len Sound aus, son­dern vor allem durch ihre Räum­lich­keit und Tie­fe. Oft ist das nur lose ver­bun­den, nur locker gewebt, gibt so den Fün­fen aber viel Chan­cen zum aus­grei­fen­den Erfor­schen. Und der Frei­raum zum Erkun­den, die Öff­nung in alle Him­mels­rich­tun­gen wird weid­li­ch genutzt: Man hört eigent­li­ch immer eine per­ma­nen­te Such­be­we­gung, die stets fort­schrei­tet, die beim schö­nen Augen­bli­ck ver­weilt, son­dern immer wei­ter will – wie es gute impro­vi­sier­te Musik eben (fast) immer tut. Neben Aeby, der sich immer mehr zu einem sehr inter­es­san­ten Pia­nist ent­wi­ckeln zu scheint, hat mir hier vor allem die oft sehr span­nen­de, über­ra­schen­de Spiel­wei­se des Schlag­zeu­gers Michi Stulz gefal­len. Gitar­rist Dave Gis­ler und Irni­gers Saxo­phon umspie­len sich oft sehr eng. Ent­schei­dend aber in allen sechs Titeln: Das bleibt immer im Fluss, die Ide­en ver­san­den eigent­li­ch nie, son­dern fin­den immer neue Pfa­de und Wege.

Chris­to­ph Irni­ger Pil­grim: Big Wheel Live. Intakt Recor­ds CD 271, 2016. 62:44 Minu­ten.

Das unsterbliche Trio

schlippenbach trio, warsaw concert (cover)Viel­leicht ist es das euro­päi­sche Jazz­trio schlecht­hin, sicher­li­ch wohl das am längs­ten amtie­ren­de: Alex­an­der von Schlip­pen­bach, Evan Par­ker und Paul Lovens sind das Schlip­pen­bach-Trio. Und zwar schon ewig. Und jedes Jahr sind wie wie­der unter­wegs (die schö­ne Film-Doku­men­ta­ti­on Aber das Wort Hund bellt ja nicht hat die jähr­li­che „Win­ter­rei­se“ des Tri­os ja sehr anschau­li­ch gemacht), immer wie­der in der glei­chen Beset­zung mit immer ande­rer Musik – nicht ohne Selbst­iro­nie nennt Schlip­pen­bach das im Begleit­heft des­halb „das unsterb­li­che Trio“.
Erstaun­li­ch dar­an ist vor allem, dass es nicht lang­wei­lig wird, dass die­se gro­ße Ver­traut­heit mit­ein­an­der nicht in Belang­lo­sig­kei­ten mün­det. Auch das War­saw Con­cert ist wie­der eine auf­nah­me­tech­ni­sch und musi­ka­li­sch gut gelun­ge­ne Live-Auf­nah­me vom Okto­ber 2015. Und beim Schlip­pen­bach-Trio heißt das: Eine ein­zi­ge lan­ge Impro­vi­sa­ti­on ohne Pau­sen oder Unter­bre­chun­gen, ohne Ver­ab­re­dun­gen und ohne Kom­po­si­ti­on – knapp 52 Minu­ten sind das (dazu kommt noch eine kur­ze, fast humo­ris­ti­sche Zuga­be).
Der ers­te Ein­druck: Net­te Musik – das funk­tio­niert ein­fach, das passt. Und das ist wirk­li­ch Musik der Frei­heit: Weil sie sich (und dem Publi­kum) nichts (mehr) bewei­sen müs­sen. Und: Weil sie viel kön­nen, enorm viel, sowohl allei­ne mit ihren Instru­men­ten als auch zusam­men als Trio. Des­halb schöpf­ten sie mit locke­rer Hand auch in War­schau eine Viel­falt der Stim­mun­gen. Vie­les klingt viel­leicht etwas alters­mil­de in der Klar­heit und dem lyri­schen Aus­druck (wenn man das so deu­ten möch­te), stel­len­wei­se aber durch­aus auch boh­rend und insis­tie­rend. Das ist ein­fach aus­ge­zeich­ne­ter, gelun­ge­ner, „klas­si­scher“ Free Jazz, den man ger­ne wie­der­holt anhört und ver­sucht nach­zu­voll­zie­hen.

Schlip­pen­bach Trio: War­saw Con­cert. Intakt Recor­ds CD 275, 2016. 56:36 Minu­ten.

Zur Erleuchtung

aeby trio, to the light (cover)Ste­fan Aeby war ja auch schon im Chris­to­ph Irni­ger Pil­grim ver­tre­ten, hier ist nun noch ein­mal als „Chef“ mit sei­nem eige­nen Trio zu hören, das aber mit Michi Stulz am Schlag­zeug noch eine wei­te­re Per­son mit dem Pil­grim-Ensem­ble teilt. To the Light ist eine Musik des Klan­ges: Ich höre hier nicht so sehr rhyth­mi­sch und/oder har­mo­ni­sche Struk­tu­ren, son­dern vor allem Klän­ge. Klän­ge, die sich immer wie­der zu klei­nen Sze­nen und ima­gi­nä­ren Bil­dern for­men. Das Trio passt da in die­ser Hin­sicht aus­ge­zeich­net zusam­men: Nicht nur Ste­fan Aeby am Kla­vier ist ein biss­chen ein Klang­ma­gier, auch der Bass von André Pou­saz hat erstaun­li­che Qua­li­tä­ten (beson­ders schön im Titel­stück wahr­zu­neh­men, das sowie­so eine ziem­li­ch groß­ar­ti­ge Sache ist). Und Michi Stulz, mit hal­li­gen Becken und eng klin­gen­den Toms zau­bert für einen Schlag­zeu­ger erstaun­li­ch flä­chi­ge Klän­ge. Das ist ein poe­ti­scher Sound, eine wei­che und wan­del­ba­re Klang­ge­stalt, die mir aus­ge­zeich­net gefällt. Vie­les ist (min­des­tens ten­den­zi­ell) leicht ver­träumt und klingt mit roman­ti­sch-impres­sio­nis­ti­schem Ein­schlag, ist dabei aber kei­nes­wegs schwind­süch­tig, son­dern durch­aus mit gesun­der Kraft und Potenz musi­ziert, die aber nie auf­trump­fend aus­ge­spielt wird: So klin­gen Musi­ker, die sich nichts bewei­sen müs­sen, möch­te ich ver­mu­ten. Die Musi­ker muss man sich wohl immer als lau­schen­de Instru­men­ta­lis­ten vor­stel­len: Viel­leicht ist es ja sowie­so gera­de das (Zu-)Hören, das gute Impro­vi­sa­to­rin­nen (oder Jaz­zer) aus­macht. Oder, wie es Flo­ri­an Kel­ler im Begleit­text sehr tref­fend for­mu­liert: „Eine Musik, die die Figur des Lau­schers ent­ste­hen lässt. Und die­sem viel Raum für sei­ne Fan­ta­sie gewährt.“

Ste­fan Aeby Trio: To the Light. Intakt Recor­ds CD 274, 2016. xx:28 Minu­ten.
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