Ins Netz gegangen (10.3.)

Ins Netz gegan­gen am 10.3.:

Nordlichter

Man könn­te manch­mal mei­nen, Skan­di­na­vi­en wäre musi­ka­li­scher und sing­freu­di­ger als der Rest Euro­pas. Ich bin mir eigent­li­ch ziem­li­ch sicher, dass das nicht stimmt – auf dem CD- und Kon­zert­markt bekommt man aber schnell den Ein­druck. Auch bei a-cap­pel­la-Grup­pen und Pop-/Jazzchören – mit Raja­ton, The Real Group, Vocal Line und eben Voca­do sind ein paar domi­nan­te Ver­tre­ter im Spiel. Zu Recht natür­li­ch, das sind alles wun­der­ba­re Musi­ker.

Das gilt auch für die CD „Nort­hern Lights“ von Voca­do, der ers­ten Auf­nah­me des noch ver­gleichs­wei­se jun­gen Ensem­bles. Sofort ins Ohr fällt beim Start der brei­te, fül­li­ge Sound, durch­aus mit kräf­ti­ger Nach­hil­fe der Stu­dio­tech­nik, aber noch natür­li­ch genug. Und schnell fällt dan noch mehr auf. Die schö­nen, har­mo­ni­schen, ein­fach wohl­tu­en­den Arran­ge­ments: Hier gibt es kein kein Auf­fal­len um jeden Preis, kei­ne Suche nach dem Außer­ge­wöhn­li­chen um sei­ner selbst wil­len, son­dern ein­fach (!) schö­nen Sound, Wohl­klang – der sich je nach Werk durch­aus ändert . Mit viel Schwung eigent­li­ch immer, sehr leben­di­ge, atmen­de, pul­sie­ren­de Leben. Und doch, das ist das Gelin­gen­de, oft mit ganz, ganz viel Ruhe und Gelas­sen­heit – ohne die Span­nung zu ver­lie­ren. Dar­in unter­schei­den sich gute von mit­tel­mä­ßi­gen Ensem­bles.

Wirk­li­ch gefal­len haben mir die Klas­si­ker­auf­fri­schun­gen wie das wun­der­ba­re ent­spann­te (aber nie schläf­ri­ge!) „Lul­la­by of Bird­land“ zum Bei­spiel. Und das groß­ar­tig bis groß­kot­ze­ri­sch thea­tra­li­sche „My Fun­ny Valen­ti­ne“ (im direk­ten Anschluss und direk­tem Kon­trast), mit herr­li­chen klang­li­chen Fines­sen in einem glas­kla­ren Arran­ge­ment. Nicht nur hier glaubt man kaum, dass das nur sechs Sän­ge­rin­nen & Sän­ger sein sol­len – gut, die Stu­dio­tech­nik hilft ein biss­chen nach. Aber trotzdem:erstaunlich rund, der Klang.

In die­ser Tra­di­ti­on kann man sie wahr­schein­li­ch stel­len: Songs aus der Mit­te. Die erzäh­len ger­ne klei­ne, nie beson­ders auf­fäl­li­ge oder extra­va­gan­te Geschich­ten, meist in leicht roman­ti­sch-sehn­süch­tig-melan­cho­li­scher Wei­se, ohne ganz im Schlamm des Gefühls zu ver­sin­ken. So Stü­cke wie „Inn­an isen läg­ger sig“, eine Land­schafts­idyl­le, sind wirk­li­ch sehr ver­füh­re­ri­sch. Und sie geben dem fül­li­gen volu­mi­nö­sen Bass auch mal Gele­gen­heit, in den Vor­der­grund zu tre­ten – kein Wun­der, er hat es sich ja in die Stim­me geschrie­ben …

Im Gan­zen ist neben der tech­ni­schen Per­fek­ti­on (die auch durch­aus über­durch­schnitt­li­ch ist) auf jeden Fall beein­dru­ckend: Die Viel­falt die­ser CD. Sicher, die klang­li­che Varie­tät ist viel­leicht nicht ganz mit der Raja­tons zu ver­glei­chen (aber das gilt für fast alle A-cap­pel­la-Grup­pen die­ser Welt …), aber für sich gese­hen ist das durch­aus aus­rei­chend. Und ein­fach ent­zü­ckend: So etwas wie die Abschieds­hym­ne „Empty Hearts“ wärmt das Herz.

Voca­do: Nort­hern Lights. 2011.

Langweilige Schönheit

irgend­wie erwischt’s mich gera­de: Nach dem zwar schö­nen, aber nicht beson­ders span­nen­den Kon­zert der Kings Sin­gers nun das eben­falls schöe, aber nicht beson­ders span­nen­de Kon­zert des Trio Medi­ae­val (auch mit ganz ähn­li­cher Zwei­tei­lung: erst geist­li­che Musik, aber nicht zu viel – und in der zwei­ten Hälf­te dann leich­te Unter­hal­tungs­mu­sik … – aller­dings waren bei­de Tei­le bei den Kings Sin­gers doch noch deut­li­ch anspruchs­vol­ler als hier, fällt mir im Rück­bli­ck auf)

Sie ste­hen ein­fach da. Und fan­gen dann mal an : Ganz zart setzt der ers­te Ton an, vor­sich­tig fühlt er sich in den Raum der Augus­ti­ner­kir­che ein, ohne irgend eine Unsi­cher­heit zu ver­ra­ten und klingt doch, als kön­ne er bei der gerings­ten Berüh­rung zer­bre­chen. Schnell sta­bi­li­siert sich der Klang, ver­brei­tert sich mit dem Ein­satz der ande­ren Stim­men und fächert sich zur Har­mo­nie auf: Das Trio Medi­ae­val singt. Und macht son­st nichts. Die drei Sän­ge­rin­nen brau­chen auch nichts außer ihren Stim­men, denn sin­gen, das kön­nen sie. 

Und ihr Klang ist bezau­bernd. Er ensteht vor allem aus der naht­lo­sen Mischung und wun­der­sa­men Einig­keit der drei Stim­men, denen man in jedem Ton die lan­ge gemein­sa­me Erfah­rung anhört. Und sie haben eine sehr cha­rak­te­ris­ti­sche Art der Phra­sie­rung ent­wi­ckelt, die sich durch ihre Sanft­heit auzeich­net: Beginn und Ende jeder wohl­ge­formt abge­run­de­ten Phra­se sind immer weich und gen­auo anschmieg­s­am wie eine zar­te Berüh­rung.

Das bleibt dann aber eben immer gleich – egal ob das Trio eine aus weni­gen Frag­men­ten rekon­stru­ier­te mit­tel­al­ter­li­che Mari­en­mes­se singt, die soge­nann­te „Worces­ter Lady­mass“, ob es lit­ur­gi­sche Gesän­ge, die Gavin Bryars ihnen vor weni­gen Jah­ren als Ergän­zung dazu kom­po­niert hat oder ob sie in der zwei­ten Kon­zer­hälf­te nor­we­gi­sche Volks­lie­der vor­tragn . Der Text zum Bei­spiel ist grund­sätz­li­ch zweit- bis drittran­gig. Und das heißt, er ist kaum bis gar nicht zu ver­ste­hen, zumal das Tex­t­heft nicht immer wei­ter­hilft. Meist stört das nicht so sehr, man kann sich ja auf den Klang kon­zen­trie­ren und dar­an freu­en – auf den rei­nen, kla­ren Klang drei­er Frau­en­stim­men, der ganz ohne Ablen­kung und Mätz­chen aus­kommt. Das ist wun­der­bar, wo sie damit den Kon­tra­punkt der Mess­ge­sän­ge auf­de­cken kön­nen und die Ver­wandt­schaft von mit­tel­al­ter­li­cher und moder­ner Musik erleb­bar machen. 

Aber es wird halt doch ein­tö­nig. Zumal die Arran­ge­ments der immer irgend­wie leicht melan­cho­li­sch klin­gen­den Volks­lie­der zwar geschickt die Mög­lich­kei­ten des Tri­os nut­zen, die Klän­ge und Stimm­cha­rak­te­ris­ti­ken der drei Sän­ge­rin­nen, son­st aber auch nicht beson­ders ori­gi­nell sind . I mmer wie­der hört man also von Neu­em, wie die Schön­heit des Vokalk­langs sich mit dem Raum ver­eint. Das Trio Medi­ae­val singt auch nicht nur vom Altar aus – wo es sich anbie­tet, nut­zen sie das gesam­te Kir­chen­schiff . So viel Schön­heit ohne Ecken und Kan­ten, ohne Rei­be­punk­te oder Wider­ha­ken, so viel sim­ple Har­mo­nie hält nie­mand lan­ge aus – auch die Sän­ge­rin­nen offen­bar nicht: Kaum 90 Minu­ten sin­gen die drei beim Main­zer Musik­som­mer, dann bricht die bana­le All­tags­welt wie­der über das Publi­kum hin­ein.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zei­tung.)