Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: novelle

Aus-Lese #43

Doris Knecht: Wald. Ber­lin: Rowohlt Ber­lin 2015. 270 Seiten.

knecht, waldMan könn­te Doris Knechts Wald als „Stre­eru­witz für Anfän­ger“ bezeich­nen: Ein dezi­diert femi­nis­ti­scher Roman, der auf aktu­el­le Gege­ben­hei­ten reagiert. Für „Anfän­ger“ des­halb – das ist nicht abwer­tend gemeint -, weil Knecht die Radi­ka­li­tät und Här­te, auch im sti­lis­ti­schen, von Stre­eru­witz fehlt. Das macht Wald zunächst mal ein­fa­cher les­bar. Die naht­los wech­seln­den, fast inein­an­der glei­ten­den ver­schie­de­nen Stil­la­gen und das beschwö­ren­de, fern an Tho­mas Bern­hard erin­nern­de (oder sind das nur die Aus­tria­zis­men?) insis­tie­ren­de Wie­der­ho­len bestimm­ter (Schlüssel-)Begriffe ver­lei­hen dem Text einen ganz eige­nen, inter­es­san­ten und oft fes­seln­den Klang.

Es geht hier um ein Reak­ti­on auf die letz­te Welt­wirt­schafts­kri­se – die ganz spe­zi­el­le der Luxus-Mode-Desi­gne­rin Mari­an, die sich mit der Erwei­te­rung ihres exklu­si­ven Geschäf­tes ver­spe­ku­liert hat und, um der dro­hen­den Pri­vat­in­sol­venz zu ent­ge­hen, aus ihrem Leben, der Stadt und der Gesell­schaft flieht in ein dörf­li­ches Haus im Fami­li­en­be­sitz, wo sie nun ver­sucht, ohne Geld in einer Art Sub­sis­tenz­wirt­schaft zu über­le­ben. Das klappt natür­lich nicht so ganz, da sind ein paar Hüh­ner­dieb­stäh­le eben­so not­wen­dig wie eine Art Pro­sti­tu­ti­on mit dem im Dorf resi­die­ren­den Großbauern/​Gutsbesitzer.

In der radi­kal weib­li­chen Per­spek­ti­ve kris­tal­li­siert sich das und die Hin­ter­grund­ge­schich­te Mari­an in der von Knecht sehr klug und har­mo­nisch gestal­te­ten Infor­ma­ti­ons­ver­ga­be erst sehr all­mäh­lich und Stück für Stück her­aus. Gut gefal­len hat mir, wie Knecht hier auf die Labi­li­tät des mor­der­nen Wohl­stand­le­bens hin­weist und die neue Archa­ik unter den Bedin­gun­gen der abso­lu­ten Exis­tenz­si­che­rung auf ein­mal jede Roman­tik ver­liert. Wenn man Mari­an dann als Exem­pel liest, ent­wi­ckelt Wald also eine all­ge­mei­ne Dys­to­pie: Die moder­ne kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft ist nur eine sehr dün­ne Hül­le. Und es gibt wenig Mög­lich­kei­ten, sich dem zu ent­zie­hen – auch im Wald bleibt Mari­an ja im Sys­tem gefan­gen, die Bezie­hung zu Franz, ihrem „Gön­ner“ unter­schei­det sich eigent­lich nur in einem Punkt zu ihrem bis­he­ri­gen Leben im Markt­ka­pi­ta­lis­mus: Die Abhän­gig­keit, das Aus­ge­lie­fert Sein ist nun direkt, liegt für alle Betei­lig­ten (und die Zuschau­en­den der Dorf­ge­mein­schaft) offen, im Gegen­satz zu der ver­deckt-indi­rek­ten Abhän­gig­keit von weni­gen wohl­ha­ben­den Käu­fe­rin­nen zuvor. Einen Aus­weg gibt es also nicht – auch das etwas lie­to-fine-mäßi­ge Hap­py-End führt aus dem Sys­tem nicht her­aus, son­dern sta­bi­li­siert nur die Abhängigkeiten.

Sie hat­te nicht im Auge gehabt, dass die Welt­wirt­schafts­kri­se die Zei­ten und Gege­ben­hei­ten viel radi­ka­ler ver­än­der­te, als es auf den ers­ten Blick, ihren Blick, schien: dass die Zei­ten näm­lich für alle unüber­sicht­lich gewor­den waren, auch für die ganz Smar­ten. (59)

Mara Gen­schel: Refe­renz­flä­che #5. 2016

Zu den Refe­renz­flä­chen von Mara Gen­schel etwas klu­ges oder auch nur halb­wegs ver­nünf­ti­ges zu schrei­ben fällt mir sehr schwer. Des­we­gen hier nur so viel: Auch die fünf­te Aus­ga­be hat mich (wie­der) fas­zi­niert. Sie beginnt – etwas über­ra­schend – zunächst fast mir einer rich­ti­gen Sto­ry: Der Zer­stö­rung (die an Pierre Bou­lez’ Auf­for­de­rung, die Opern­häu­ser in die Luft zu spren­gen, erin­nert) des Wies­ba­de­ner Lite­ra­tur­hau­ses Vil­la Cle­men­ti­ne. Aber das, was zer­stört wird, ist natür­lich wie­der nur der Text der Vil­la Cle­men­ti­ne. Bil­der wer­den zu Tex­ten: ein mit Tesa­film ein­ge­kleb­ter Zet­tel „Tür­knauf“ reprä­sen­tiert im Bild­rah­men die Reprä­sen­ta­ti­on des reprä­sen­ta­ti­ven Bau­werks der reprä­sen­ta­ti­ven Kunst (oder so ähn­lich). Die­ses Spiel mit den Eben von Text und außer­text­li­cher Welt, die Auf­he­bung der tra­di­tio­nel­len strik­ten Unter­schei­dung die­ser Signi­fi­ka­ti­ons­be­rei­che ist ja das, was mir an Gen­schels Refe­renz­flä­chen so viel Freu­de berei­tet. Und das funk­tio­niert auch hier wie­der: Der Text ist Text ist Wirk­lich­keit, ist aber schon als Text nicht mehr nur Text, son­dern auch Bild und Mon­ta­ge (ein­ge­kleb­te und ein­ge­schrie­be­ne Tex­te), ist aber auch als Text schon zer­stört durch Über­schrei­bun­gen, ver­rutsch­te Zei­len und Durch­strei­chun­gen etc. Und er wird in sei­ner Mate­ria­li­tät ad absur­dum geführt (?), wenn lee­re Sei­ten einen Rah­men erhal­ten, auf dem ein ein­ge­kleb­tes „Blatt 3“ die Lee­re reprä­sen­tiert und natür­lich zugleich wie­der zer­stört. In die­sem ewi­gen sic-et-non, die­sem ver­spiel­ten hier-und-da muss man wohl den Raum der Refe­renz­flä­che sehen und schätzen.

Danie­la Danz: V. Göt­tin­gen: Wall­stein 2014. 80 Seiten.

Und wo das Vater­land anfängt
ist ein dunk­ler Ort
wie Schnee
der die Umris­se zeigt
wie alles was auf­hört (49)

danz, v„Gedich­te“ ver­heißt V im Unter­ti­tel. Und doch beginnt es nach dem Auf­takt im pri­ni­ci­pi­um nach dem weit zurück­grei­fen­den Zitat aus Zed­lers Uni­ver­sal­le­xi­kon zum Begriff „Vater­land“ erst ein­mal mit Pro­sa (mit dun­kel fun­keln­der, die mich etwas an Klaus Hof­fers Bie­resch-Roma­ne erin­nert), die neue Mythen erzählt. Oder: Kur­ze Pro­sa, die Beob­ach­tun­gen als mythi­sche erzählt, leicht melan­cho­lisch ange­haucht. Immer schwingt da auch ein biss­chen Ver­fall und Nie­der­gang mit.

Schon hier, noch viel stär­ker dann aber in den fol­gen­den Gedich­ten, ist Hei­mat bei Danz immer ein pro­ble­ma­ti­scher Begriff: Gera­de wie selbst­ver­ständ­lich ist er immer gefähr­det und immer im Wan­del – einem Wan­del, der nicht Ver­bes­se­rung, son­dern in der Regel eher Ver­schlech­te­rung und Ver­fall bringt und Pro­ble­me offen­legt, Pro­ble­me auch im Ver­hält­nis des lyri­schen Ichs zu Hei­mat und Vater­land. Schon der Anfang zeigt das schwierige/​problematische Ver­hält­nis der Autorin/​Erzählerin zur „Hei­mat“ sehr deut­lich auf. Der Band setzt mit den Zei­len ein: „Das ist das Land von dem man sagt /​das alles hier auf­hört und alles anfängt“. Das ers­te Gedicht endet dann am Ende der ers­ten Sei­te mit dem Vers: „aber du woll­test umkeh­ren“ – also die Rück­kehr (?) in die Hei­mat wird pro­ble­ma­ti­siert, sie geschieht nicht (ganz) frei­wil­lig, sie bleibt mit Wider­stän­den verbunden.

V lebt immer schon im distan­zier­ten, kri­ti­schen Ver­hält­nis zum Vater­land und zur Hei­mat: aus der (auch emo­tio­na­len) Span­nung zwi­schen die­sen bei­den Begrif­fen, auch zwi­schen Natur/​Landschaft und Menschen/​Politik (der Natio­nal­staa­ten) zie­hen die meis­ten Tex­te ihre Poten­ti­al. Die sind oft lako­nisch, immer genau und manch­mal schmerz­haft. Vor allem im „Exemplum“-Teil wird dann die poli­ti­sche Kom­po­nen­te von Hei­mat (auch von Land­schaft!) beson­ders deut­lich, aber auch die „ech­te“ Poli­tik – und der Mythos (auch der neu erfun­de­ne, selbst gemach­te – vgl. die Pro­sa­stü­cke des Beginns) – spie­len hier eine gro­ße Rol­le. Im Gan­zen ist Veine manch­mal selt­sa­me Mischung aus roman­tisch (?) ver­träum­ter Emp­fin­dungs- und Gefühls­ly­rik und har­ter Rea­li­täts­auf­nah­me der Gegen­wart der Post­mo­der­ne (und der natio­nal­staat­li­chen Poli­tik), zusätz­lich gekop­pelt und auf­ge­la­den mit mytho­lo­gi­schen Aspek­ten – der Clash die­ser bei­den Bli­cke wird im letz­ten Gedicht sehr deut­lich vorgeführt.

Ein Band mit anre­gen­der, oft fes­seln­der Kurz­pro­sa und Lyrik (aber die­se tei­len­de Unter­schei­dung wird ja gera­de sowie­so zuneh­mend brü­chig, von bei­den Sei­ten gibt es Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen) also, der for­mal zwar kei­ne Gren­zen aus­tes­tet, es mir aber durch sei­ne Viel­falt in Form und Inhalt (und der mei­ner sehr nahe­ste­hen­den Posi­ti­on zu „Hei­mat“) sehr ange­tan hat.

Die schnel­len Zügen hal­ten kaum in unse­rer Gegend
wer sieht den Weg schon hier das Feld umfassen
seit­lich so als hiel­te er allein es davon ab
das Korn mit einer Husche in die Fur­chen zu verstreuen
so wie die Män­ner hier auf Rädern sich begrüßen
es nichts bedarf als eines Nickens anerkennend
um zu sagen: ich seh du lebst
vom Zug aus ist das alles immer schon in rechts
und links geschie­den bleibt die Land­schaft nur ein Anblick
[…] (23, Hier)

Leon­hard Frank: Der Mensch ist gut. Zürich, Leip­zig: Max Rascher 1918. 209 Sei­ten. (Euro­päi­sche Bücher)

Eigent­lich unvor­stell­bar, dass so etwas heu­te geschrie­ben wer­den könn­te: Nicht nur wegen des Pazi­fis­mus (der ja aus dem gesell­schaft­li­chen Dis­kurs ziem­lich radi­kal ver­drängt wur­de von den „Real­po­li­ti­kern“ …), son­dern gera­de auch wegen des unge­heu­ren Opti­mis­mus, der aus allen Zei­len die­ser mit­ten im größ­ten Schlach­ten aller Zei­ten ver­fass­ten Erzäh­lun­gen spricht, ja eigent­lich sogar schreit, wirkt Der Mensch ist gut von Leon­hard Frank total unzeit­ge­mäß. Dabei steht die­ses mal als das „lei­den­schaft­lichs­te Buch gegen den Krieg […], das die Welt­li­te­ra­tur“ auf­wei­se bezeich­ne­te Werk in sei­ner Zeit – es erschien erst­mals 1918, als der Ers­te Welt­krieg noch tob­te – gar nicht mal allein. Heu­te mag vie­les naiv anmu­tend: Der Glau­be an eine kom­men­de Revo­lu­ti­on, die Fähig­keit der (Nächsten-)Liebe, alles Böse (und den Krieg) zu über­win­den – das ist heu­te etwas fremd. Aber so radi­kal Franks „Lösung“ – er spricht sogar von einem „Revo­lu­ti­ons­zug der Lie­be“ (111) – ist, so radi­kal und erschüt­ternd ist auch sei­ne Schil­de­rung der blu­tigs­ten Grau­sam­kei­ten des „Gro­ßen Krie­ges“, des sinn­lo­sen Stel­lungs­krie­ges und des Unsinns des Fal­lens auf dem soge­nann­ten „Feld der Ehre“ – die Lee­re die­ses Topos the­ma­ti­sie­ren die Novel­len von Frank immer wieder. 

So hehr Über­zeu­gung und Ziel Franks sind – sein hier uner­schütt­li­cher Glau­be an das Gute in den Men­schen, das alles Böse über­win­den und ver­drän­gen wird – ästhe­tisch ist das mit hun­dert Jah­ren Abstand doch etwas dünn. Nicht nur die vie­len Wie­der­ho­lun­gen, die feh­len­de Vari­anz, son­dern gera­de die For­mel­haf­tig­keit des Tex­tes und sei­nes Inhal­tes schwä­chen Der Mensch ist gut deut­lich. Ich kann das nur noch als eine Art Zeit­zeug­nis lesen: Das war ja kei­nes­wegs eine total absei­ti­ge Posi­ti­on, die Frank hier ein­nimmt – Der Mensch ist gut war ein unge­heu­er erfolg­rei­ches Buch. (Und doch blieb er, schaut man auf den wei­te­ren Ver­lauf der Geschich­te, im gro­ßen und gan­zen wirkungslos …)

»Wir wol­len nicht das Unmög­li­che ver­su­chen: die Gewalt mit Gewalt aus­zu­rot­ten. Wir wol­len nicht töten. Aber von die­ser Sekun­de an soll alle Arbeit ruhen. Denn alle Arbeit wür­de noch im Diens­te die­ses Zeit­al­ters des orga­ni­sier­ten Mor­des ste­hen. Das Zeit­al­ter des Ego­is­mus und des Gel­des, der orga­ni­sier­ten Gewalt und der Lüge hat in die­ser wei­ßen Sekun­de, hat in uns eben sein Ende erreicht. Zwi­schen zwei Zeit­al­ter schiebt sich eine Pau­se ein. Alles ruht. Die Zeit steht. Und wir wol­len über die Erde, durch die Städ­te, durch die Stra­ßen gehen und im Geis­te des kom­men­den neu­en Zeit­al­ters, des Zeit­al­ters der Lie­be, das eben begon­nen hat, jedem sagen: ‚Wir sind Brü­der. Der Mensch ist gut.‘ Das sei unser ein­zi­ges Han­deln in der Pau­se zwi­schen den Zeit­al­tern. Wir wol­len mit solch über­zeu­gen­der Kraft des Glau­bens sagen: ‚Der Mensch ist gut‘, daß auch der von uns Ange­spro­che­ne das tief in ihm ver­schüt­te­te Gefühl ‚der Mensch ist gut‘, unter hel­len Schau­ern emp­fin­det und uns bit­tet: ‚Mein Haus ist dein Haus, mein Brot ist dein Brot.‘ Eine Wel­le der Lie­be wird die Her­zen der Men­schen öff­nen im Ange­sich­te der unge­heu­er­lichs­ten Mensch­heits­schän­dung.« (64)

Hans Thill: in riso /​der dür­re Vogel Bin /​käl­ter als /​Dun­lop. Ber­lin, Hei­del­berg, Edenk­o­ben, Sant­ia­go de Chi­le, Schupf­art: rough­books 2016 (rough­book 035). 102 Seiten.

thill, dunlopDas ist ein rough­book, mit dem ich gar nichts anfan­gen konn­te. Thill nutzt hier Gedich­te von Petrar­ca, John Don­ne, Robert Her­rick, Paul Fle­ming, Höl­der­lin, Tra­kl, Dani­el Hein­si­us, Gün­ter Ples­sow, Pablo Neru­da und ande­ren – also quer durch die Zei­ten und Spra­chen – als eine Art Vor­la­ge oder erwei­ter­te Inspi­ra­ti­on für sei­ne eige­nen Ver­se. Die ste­hen dann in klei­nen Grup­pen – meist um die zehn Ver­se – direkt unter einem im Ori­gi­nal zitier­ten Vers der Vor­la­ge. Mal las­sen sie sich sprach­lich direkt dar­auf bezie­hen, wenn Thill etwa ein ein­zel­nes Wort, eine Wort­grup­pe nutzt, um es zu vari­ie­ren, der Bedeu­tung asso­zi­ie­rend nach­zu­for­schen. Mal ist der Bezug auch eher inhalt­lich. Und mal – sogar gar nicht so sel­ten – ist der Bezug auch sehr opak, nur irgend­wie (?) asso­zie­rend, inspi­rie­rend. Mir ist dabei eigent­lich immer unklar geblie­ben, was die Metho­de will und/​oder was Thills eige­ne Tex­te dann wol­len. Viel­leicht war ich auch ein­fach nicht in der Stim­mung – aber bei meh­re­ren Ver­su­chen hat mich da, von eini­gen klei­nen fei­nen Ideen, nichts fas­zi­niert oder irgend­wie gepackt. Und, wie gesagt, ich kapie­re den Zusam­men­hang zwi­schen Vor­la­ge und Neu­schöp­fung ein­fach nicht. 

Die Stand stand auf Krü­cken (Fach­werk)
als sie sich zeigte
mit dem Gang einer Erwach­se­nen, der auf den
Stei­nen kei­ne Spur hin­ter­läßt (4)

Trau­gott Xaveri­us Unruh: Von der Sor­ber­wen­den Wesen­heit und Her­kom­men. Her­aus­ge­ge­ben von Edu­ard Wer­ner. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2015. 60 Seiten. 

Zu der sehr amü­san­ten und geschickt ange­fer­tig­ten neu­en Edi­ti­on einer auf­klä­re­ri­schen sprach‑, kul­tur- und brauch­tums­ge­schicht­lich­ten Unter­su­chung der Sor­ber­wen­den habe ich in einem sepa­ra­ten Bei­trag schon genü­gend geschrie­ben

Micha­el W. Aus­tin, Peter Rei­chen­bach (Hrsg.): Die Phi­lo­so­phie des Lau­fens. Ham­burg: mai­risch 2015. 197 Seiten. 

Auch zu die­sem trotz des ver­hei­ßungs­vol­len Titels eher ent­täu­schen­den Buch gibt es neben­an im Bewe­gungs­blog schon aus­rei­chen­de Aus­füh­run­gen, die ich hier nicht noch ein­mal wie­der­ho­len muss.

außer­dem gelesen: 

  • Katha­ri­na Schul­tens: Geld. Eine Abrech­nung mit pri­va­ten Res­sour­cen. Ber­lin: Ver­lags­haus Ber­lin 2015 (Edi­ti­on Poe­ti­con 11). 48 Seiten.
  • Poet #20
  • Edit #68
  • SpritZ #217
  • Schreib­heft #68
  • Müt­ze #11

Aus-Lese #40

Klaus Wagen­bach (Hrsg.): Stö­rung im Betriebs­ab­lauf. 77 kur­ze Geschich­ten für den öffen­li­chen Nah­ver­kehr. Ber­lin: Wagen­bach 2014. 143 Seiten. 

wagenbach, störung im betriebsablaufEine lus­ti­ge Edi­ti­on ist das, die mir zufäl­lig im Buch­la­den in die Augen und Hän­de gefal­len ist: Klaus Wagen­bach hat klei­ne Tex­te gesam­melt, für die Lek­tü­re unter­wegs im ÖPNV. Der Zweck bestimmt auch die Ord­nung der Tex­te nach Anlass und Län­ge: Kurz­stre­cken, Bahn­hof, Zwei Sta­tio­nen etc. sind die Kapi­tel über­schrie­ben. Hin­ter der wit­zi­gen und sym­pa­thi­schen Idee steckt aber vor allem eine schö­ne und viel­fäl­ti­ge Samm­lung größ­ten­teils groß­ar­ti­ger Kurz­pro­sa: Kurz­ge­schich­ten, Para­beln, Anek­do­ten, Fabeln und vie­les mehr. Wagen­bachs Aus­wahl beweist ein sehr hohes Qua­li­täts­ni­veau ohne Aus­rei­ßer: Das ist ein­fach gut aus­ge­sucht. Und vie­les Bekann­tes ist dabei, natür­lich – aber auch eini­ges Über­ra­schen­des, Uner­war­te­tes. Und auch beim Wie­der­le­sen ent­wi­ckelt so man­ches in die­sem Zusam­men­hang neue Aspek­te. Das klei­ne Bänd­chen ist wirk­lich eine vor­treff­li­che Lek­tü­re für die Zeit des Bewegt-Wer­dens – da wünscht man sich manch­mal bei­na­he eine tat­säch­li­che „Stö­rung im Betriebsablauf“ …

Ulri­ke Almut San­dig: Buch gegen das Ver­schwin­den. Geschich­ten. Frank­furt am Main: Schöff­ling 2015. 207 Seiten. 

sandig, verschwinden„Es ist so leicht zu ver­schwin­den.“ (35) Das ist das gan­ze Pro­blem. Denn wir Men­schen sind tat­säch­lich kaum mehr als ein Gras im Wind – ein­mal hier, bald wie­der weg. Und dar­um geht es in die­sem Geschich­ten-Band (aus­drück­lich nicht Erzäh­lun­gen!): Um das Ver­schwin­den, um das Ver­ges­sen. Und dar­um, wie sich das (viel­leicht) doch ver­hin­dern oder auf­schie­ben lässt – mit dem Erzäh­len zum Bei­spiel. Aber wer sagt dann, dass das Erzähl­te was mit der vergangenen/​verschwundenen Rea­li­tät zu tun hat? Doch: Das ist kei­ne phi­lo­so­phi­sche Abhand­lung, kein Essay – und will es auch gar nicht sein. Son­dern eine Fei­er des Erzäh­lens. Denn San­dig ist eine groß­ar­ti­ge Erzäh­le­rin, deren brei­tes sti­lis­ti­sches Reper­toire und deren Spra­che ich sehr mag (das war auch schon bei den Fla­min­gos so!). Ich zitie­re aus Faul­heit mal die Ver­lags­web­sei­te:

Ein jun­ger Jour­na­list ver­sucht inmit­ten der Unru­hen um den Istan­bu­ler Gezi-Park die Erwar­tun­gen sei­ner Mut­ter abzu­schüt­teln, die nach dem Mau­er­fall 1989 das Rei­se­fie­ber gepackt hat. Ein Wan­de­rer geht wäh­rend eines Schnee­sturms in den uralten ver­wun­sche­nen Wäl­dern des Enga­din ver­lo­ren. Ein klei­nes Mäd­chen wird zum nächs­ten Venus­durch­gang von der Groß­mutter ans Ende der Welt geflo­gen. Wohin ihre Spu­ren füh­ren, ist eines der vie­len Rät­sel die­ser Geschichten.

Rät­sel wei­sen San­digs Geschich­ten immer wie­der auf. Aber kei­ne Span­nungs- oder Kri­mi-Rät­sel, son­dern Rät­sel, die auf die Fra­ge nach der Wahr­heit, der Wirk­lich­keit der Ver­gan­gen­heit und der Erin­ne­rung ver­wei­sen. Mir ist dann die eigent­lich Geschich­te oft gar nicht so wich­tig – ob es nun um einen Wit­wer geht, der sich und sei­ne Ein­sam­keit sowie sei­ne fort­schrei­ten­de Demenz beob­ach­tet, um einen jun­gen Jour­na­lis­ten, die Wan­de­rer im Enga­din, die den mythisch-ver­klär­ten Taman­gur-Wald ent­de­cken wol­len – die Haupt­sa­che ist immer wie­der das Erzäh­len selbst.

Ja, an die­sem Tag und in die­ser Minu­te fin­det sie plötz­lich, dass sie sich die­se Geschich­te immer wie­der anhö­ren könn­te und immer wie­der in der jeweils aktu­el­len Ver­si­on, und jeder Ver­si­on wür­de sie Glau­ben schen­ken, wohl wis­send, dass wir, jede Ein­zel­ne von uns, die Erzäh­le­rin­nen unse­rer eige­nen Geschich­ten sind und dass es nicht dar­auf ankommt, was in Wirk­lich­keit pas­siert ist, solan­ge wir eine Ver­si­on haben, die uns das Leben und alle, die dar­in ver­schwin­den, erträg­li­cher macht. (36f.)

Es gibt auch ein nett gemach­tes „Video zum Buch“ von Harald Opel:

Ulri­ke Almut San­dig – Buch gegen das Verschwinden

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.
Joa­chim Zel­ter: Wie­der­se­hen. Tübin­gen: Klöp­fer und Mey­er 2015. 126 Seiten. 

zelter, wiedersehenOffi­zi­ell als „Novel­le“ beti­telt – und das haut auch hin. Ein kur­zer Text für zwi­schen­durch (die 126 Sei­ten sind recht groß­zü­gig gesetzt), mit hohem Spaß­fak­tor: Der Lieb­lings­schü­ler Arnold Lit­ten trifft nach zwan­zig Jah­ren wie­der auf sei­nen immer schon etwas kau­zi­gen Lieb­lings­leh­rer Thors­ten Kort­hau­sen, der ihn, der mitt­ler­wei­le zum Ger­ma­nis­tik-Pro­fes­sor (ver­mut­lich …) gewor­den ist, damals im Fach Deutsch unter­rich­tet und für die Lite­ra­tur begeis­tert hat. Im Rück­blick tau­chen die sehr unge­wöhn­li­chen Lehr­me­tho­den Kort­hau­sens noch ein­mal auf (die jeder Ord­nung, Ver­gleich­bar­keit oder Plan­mä­ßig­keit spot­ten, aber natür­lich höchst geni­al waren und alle Schü­le­rin­nen und Schü­ler enorm begeis­ter­ten …). Jetzt also das Wie­der­se­hen, auf einer von Kort­hau­sen extra dafür aus­ge­rich­te­ten Par­ty, bei der Lit­ten auch noch ohne Vor­war­nung einen Vor­trag hal­ten soll. Das alles geht, fast erwar­tungs­ge­mäß, fürch­ter­lich schief und gibt allen, vor allem aber Lit­ten selbst, gründ­lich Gele­gen­heit, sich selbst, ihre Stel­lung und ihrer (Lebens-)Ziele, aber auch die gemein­sa­me Ver­gan­gen­heit, noch ein­mal gründ­lich zu über­den­ken. Das ist alles sehr lie­be­voll geschil­dert, mit wun­der­ba­ren Typen (gera­de die Neben­fi­gu­ren sind herr­lich). Die kon­fron­ta­ti­ve Situa­ti­on stei­gert sich immer mehr, bis das Gan­ze schließ­lich in eine ziem­lich wil­de Gro­tes­ke umkippt. Kurz vor dem Schluss (der noch ein­mal eine abso­lut unnö­ti­ge „über­ra­schen­de Wen­dung“ bie­tet) heißt es dann: 

Er hät­te nie­mals hier­her­kom­men dür­fen. […] Dass es ein Feh­ler sei, einen Men­schen wie Kort­hau­sen nach über zwan­zig Jah­ren ein­fach wie­der­zu­se­hen. Dass man dabei nur ver­lie­ren kann, zuers­te einen gelieb­ten Leh­rer udn dann sich selbst. Dass man sich dadurch sei­ner grund­le­gens­ten Ebe­nen beraubt. Und sei­ner schöns­ten Bil­der. (125)

Pau­lus Böh­mer: Werich­bin. Gedich­te. Frank­furt am Main: Edi­ti­on Faust 2014. 56 Seiten. 

boehmer, wer ich bin„Gedich­te“ stimmt hier gera­de so – es sind näm­lich genau zwei Lang­ge­dich­te, die in die­sem klei­nen Bän­chen zu fin­den sind: „Werich­bin“ (das scheint die bevor­zug­te Schreib­wei­se des Titels zu sein) und „Über das Zusam­men­fü­gen von Tei­len“. Bei­de sind wie­der typi­sche Böh­mer-Schöp­fun­gen: Auf Mit­tel­ach­se ste­hen die­se Text­tür­me, ohne Reim oder fes­tes Metrum, sind sie fort­lau­fen­de Ket­ten von Ein­fäl­len und Asso­zia­tio­nen. Form­ge­bend ist beim Titel­ge­dicht „Wer ich bin“ zum Bei­spiel das „Wie“ – „So“ und „Daß“ am Beginn der ein­zel­nen Vers­grup­pen in den drei Tei­len des Titelgedichts.

Wer die­sen (Vor-)Namen trägt, muss viel­leicht so schrei­ben: vol­ler Bild­ge­walt, vol­ler Wis­sen, immer alles wol­lend und auch alles sagen wol­lend, Tex­te vol­ler Welt­hal­tig­keit (oder viel­leicht auch Welt­all­hal­tig­keit?) und Sprach­be­herr­schung pro­du­zie­rend. Auch „Werich­bin“ über­wäl­tigt mit die­ser Viel­falt, wie immer bei Böh­mer ist das alles kaum fass­bar. Sei­ne Gedich­te hin­ter­las­sen bei mir den Ein­druck von Grö­ße und auch Erha­ben­heit (das mag mit dem hym­ni­schen Ton sei­ner Lyrik zusam­men­hän­gen), von Sprach­ge­walt und wis­sen­der Klug­heit, die den Leser empor­zu­he­ben scheint (auch wenn ich nicht unbe­dingt sagen könn­te, wohin – oder was ich dar­aus „gelernt“ hät­te): Man kann – und das behaup­te ich ja ger­ne von guten Kunst­wer­ken – das nicht lesen (bzw. sehen oder hören), ohne danach ein ande­rer Mensch zu sein. Und hat immer etwas von per­ma­nen­ter Über­for­de­rung: Ich habe beim Lesen immer das Gefühl, dass mir viel ent­geht – zugleich aber auch den Ein­druck, dass ich ganz viel davon habe, das jetzt zu lesen. Micha­el Braun hat in sei­ner Rezen­si­on wohl nicht ganz zu Unrecht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Böh­mers Lyrik als „Über­fluss-Pro­duk­ti­on“ funk­tio­nie­re. Das macht sie aber eben schwie­rig und fas­zi­nie­rend zugleich …
Das klei­ne Bänd­chen – sozu­sa­gen Böh­mer für Ein­stei­ger (Kad­dish ist da allein wegen sei­nes Umfangs ja schon abschre­cken­der …) – ent­hält außer den bei­den Gedich­ten noch ein kur­zes Nach­wort (das mir wenig brach­te) und drei Col­la­gen – eine bun­te vom Autor auf dem Umschlag, eine schwarz-wei­ße von ihm im Vor­satz und eine wei­te­re von Lydia Böh­mer zu Beginn von „Über das Zusam­men­fü­gen von Teilen“.

Marc Degens: Fuck­in Sushi. Köln: DuMont 2014. 320 Seiten. 

degens, sushiEin tol­les Buch übers Erwach­sen­wer­den in Bonn, die Musik (und den Alko­hol), das Leben und den gan­zen Rest: intel­li­gent aus­ge­dacht, schnell und flott geschrie­ben und auch zügig gele­sen – und zudem gibt es eine reich­hal­ti­ge cross­me­dia­le Beglei­tung für die, die so etwas mögen – die fängt übri­gens mit Play­lists des Prot­ago­nis­ten (u.a. sein ers­ter Ipod mit „lan­ger“ Musik) schon im Buch selbst an. Mehr zu die­ser Lese­emp­feh­lung gibt es in einem eige­nen Text, näm­lich hier.

Ulrich Lap­pen­kü­per & Ulf Mor­gen­stern (Hrsg.): Dem Otto sein Leben von Bis­marck. Die bes­ten Anek­do­ten über den Eiser­nen Kanz­ler. Mün­chen: Beck 2015. 128 Seiten. 

lappenküper, bismarckDer Titel ist natür­lich sel­ten däm­lich. Wie­so sich der Beck-Ver­lag zu so einem Unsinn hin­rei­ßen las­sen hat, ver­ste­he ich nicht. Denn das Büch­lein hat ja durch­aus einen hohen Anspruch. Sicher, es geht um Anek­do­ten. Aber die sol­len viel leis­ten, wie die bei­den Her­aus­ge­ber in der Ein­lei­tung betonen:

[…] hegen die Her­aus­ge­ber die Hoff­nung, mit­els der hier ver­sam­mel­ten Äuße­run­gen von und über Bis­marck sei­ner Per­sön­lich­keit näher zu kom­men, als es manch tief­grün­di­ge his­to­ri­sche Dar­stel­lung ver­mag. (8)

Ich hal­te das prin­zi­pi­ell für gewagt und im Fal­le die­ser klei­nen Samm­lung auch für nicht erfüllt. So viel also zum Nega­ti­ven. Was bleibt dann? Eine kurio­se Samm­lung von mehr oder min­der amü­san­ten Begeg­nun­gen, Bege­ben­hei­ten und Erin­ne­run­gen Bis­marcks und sei­nes Umfel­des. Die ers­ten Jah­re sind natur­ge­mäß schwach ver­tre­ten und gera­de dort bleibt der Prot­ago­nist auch blass, wenn auch sei­ne Genia­li­tät natür­lich (schließ­lich wur­den die Anek­do­ten alle Jahr­zehn­te spä­ter nie­der­ge­schrie­ben) schon allen Ver­stän­di­gen sicht­bar war. Über­haupt ent­steht hier das Bild eines Bis­marck, der nicht so sehr „Eiser­ner Kanz­ler“ war, son­dern vor allem ein gewitz­ter Drauf­gän­ger. Das liegt natür­lich (auch) in der Natur der hier ver­sam­mel­ten Quel­len begrün­det – wie wahr das ist, kann ich nicht wirk­lich beur­tei­len. Fest­stel­len lässt sich aber auch ohne detail­lier­te Bis­marck-Kennt­nis­se die Nei­gung zur frü­hen und ziem­lich voll­stän­di­gen (Selbst-)Stilisierung.

Dane­ben wer­den aber durch­aus auch schö­ne Bege­ben­hei­ten hier berich­tet. Zum Bei­spiel über die Rol­le des Rau­chens im Frank­fu­ter Bun­des­tag, das schnell als Rang­merk­mal, als Sta­tus­sym­bol ent­deckt wird (wer darf in den Sit­zun­gen rau­chen?) und das fast genau­so schnell sei­ne Untaug­lich­keit dafür erweist, weil schließ­lich (nahe­zu) alle rau­chen, selbst wenn sie, d.h. die Gesand­ten, es nur unter größ­tem per­sön­li­chem Wider­wil­len tun. Auch schön: Bis­marcks etwas däm­li­cher Feld­zug gegen die Anti­qua-Dru­cke und sein Bestehen auf Frak­tur-Schrif­ten für den Dienst­ge­brauch. Und hier darf natür­lich nicht feh­len: Sein Wider­stand gegen die Ein­füh­rung einer neu­en Recht­schrei­bung (1876). Dazu heißt es in die­sem Bänd­chen, das alles in allem doch eine net­te Lek­tü­re für zwi­schen­durch ist: 

Er sprach mit wah­rem Ingrimm über die Ver­su­che, eine neue Ortho­gra­phie ein­zu­füh­ren. Er wer­de jeden Diplo­ma­ten in eine Ord­nungs­stra­fe neh­men, wel­cher sich der­sel­ben bedie­ne. Man mute dem Men­schen zu, sich an neue Maße, Gewich­te, Mün­zen zu gewöh­nen, ver­wir­re alle gewohn­ten Begrif­fe, und nun wol­le man auch noch eine Sprach­kon­fu­si­on ein­füh­ren. Das sei uner­träg­lich. Beim Lesen auch noch Zeit zu ver­lie­ren, um sich zu besin­nen, wel­chen Begriff das Zei­chen aus­drü­cke, sei eine uner­hör­te Zumu­tung. Eben­so sei es Unsinn, Deutsch mit latei­ni­schen Let­tern zu schrei­ben und zu dru­cken, was er sich in sei­nen dienst­li­chen Bezie­hun­gen ver­bit­ten wer­de, solan­ge er noch etwas zu sagen habe. (79)

außer­dem gelesen:

  • Mar­cel Bey­er: XX. Lich­ten­berg-Poe­tik­vor­le­sun­gen. Göt­tin­gen: Wall­stein 2015 (Göt­tin­ger Sudel­blät­ter). 80 Seiten.
  • Ber­tolt Brecht: Der gute Mensch von Sezu­an. Para­bel­stück. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 1964. 144. Seiten.
  • Gott­fried Imma­nu­el Wen­zel: Ver­bre­chen aus Infa­mie. Eine thea­tra­li­sche Men­schen­schil­de­rung für Rich­ter und Psicho­lo­gen in drei Akten. Mit einem Nach­wort her­aus­ge­ge­ben von Alex­an­der Koseni­na. Han­no­ver: Wehr­hahn 2014 [1788] (Thea­ter­tex­te, Bd. 43). 64 Seiten.

die textfabrik von marlene streeruwitz

die­se autorin schät­ze ich eigent­lich sehr. ihre roma­ne sind nicht nur sprach­li­che her­vor­ra­gend gear­bei­te­te kunst­wer­ke, son­dern auch in ihrer for­ma­len gestal­tung. und nicht zuletzt auch inhalt­lich, in ihren zie­len, nicht bloß hoch­in­ter­es­sant, son­dern auch gut und rich­tig, um ein­n­mal die­se gro­ßen wor­te zu bemü­hen. die novel­le mor­i­re in levi­ta­te (2004) aller­dings zählt nicht dazu. das ist nichts, was mich irgend­wie beein­dru­cken könn­te. mög­li­cher­wei­se hat­te ich auch gera­de nur kei­ne lust, mich mit dem ster­ben über­haupt und im beson­de­ren zu beschäf­ti­gen – das müss­te eine zwei­te lek­tü­re noch ein­mal kon­trol­lie­ren. jetzt hat­te ich auf jeden fall den ein­druck, das hier nur, ohne all­zu gro­ße inspi­ra­ti­on und vor allem ohne dring­lich­keit, ohne den drang, etwas sagen/​gestalten/​machen zu müs­sen (der bei stre­eru­witz sonst durch­aus soli­de aus­ge­prägt ist – gera­de das schät­ze ich ja so an ihr) – ok, wo war ich? – ach ja, der ein­druck, das hier ohne inne­re not­wen­dig­keit die text­fa­brik arbei­ten muss­te, um leer­lauf zu ver­mei­den. viel­leicht war es ja die äuße­re not­wen­dig­keit, auf dem markt und in der öffent­lich­keit prä­sent zu blei­ben, die hin­ter der ver­öf­fent­li­chung die­ser novel­le stand. aber jeden­falls erscheint das alles sehr abge­nutzt, die sti­lis­ti­schen mit­tel ohne kon­se­quenz, ohne not­wen­di­ge ver­bin­dung mit dem text und sei­nem the­ma, die bil­der vage und blass – kurz, mich hat es ziem­lich gelang­weilt. also ab in die wie­der­vor­la­ge in 1,2 jahren.

mar­le­ne stre­eru­witz: mor­i­re in levi­ta­te. novel­le. frankfurt/​main: fischer taschen­buch 2006. (ers­te aus­ga­be im s. fischer ver­lag 2004)

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