nach „blut & bier“, den ja wirklich sehr ungewaschenen stories von franz xaver kroetz, kommt gleich die nächste alkohol-lektüre: bierherz. flüssige prosa von franz dobler (hamburg: nautilus 1994). so richtig sauber ist das hier natürlich auch nicht, das wäre von franz dobler auch wohl zu viel verlangt. den anfang macht die wiederverwertung des vorwortes zu einem theaterstück mit dem überraschenden namen „bierherz“, in dem dobler v.a. erklärt, dass man mit seinem stück so ziemlich alles machen kann, so lange nur der text von irgend jemand gesprochen wird. das ganze fix verquirlt mit ein paar tiefschürfenden und jeder menge flachschürfenden gedanken und ideen zum bier und seinem konsum und fertig sind die ersten dreißig seiten des neuen büchleins.… danach kommt leider nicht mehr viel: eine kleines „reisetagebuch“ durch louisiana und texas mit ein paar launigen beschreibungen der musik‑, tanz‑, bar- und bierverhältnisse dorten ist da noch der höhepunkt. der rest total vernachlässigbar: anekdoten, launig erzählt, absolut unscheinbar und ohne besondere stilmerkmale, ästhetische eigenheiten oder sonstige herausragende eigenschaften: flüssig eben, und schnell verronnen.…
Schlagwort: lektüre
der neueste anschlag lottmanns auf guten geschmack und überkommene werte: joachim lottmann: zombie nation. köln: kiepenheuer & witsch 2006.
der erzähler – ein autor-klon mit dem namen johanneslohmer, „erfinder“ des pop-romans – beobachtet sich beim recherchieren /schreiben eines familienromans, der seinem jugendroman folgen soll: „der erste familienroman der popliteratur“ behauptet der klappentext (was natürlich blödsinn ist, allein fichte hat da ja schon einiges dazu geschrieben). und natürlich ist „zombie nation“ auch gar keiner. höchstens als persiflage auf die aktuelle schwemme auf dem büchermarkt. dazu ist lottmann ja immer wieder gut: als seismograph. und als schlagwort-lieferant – ein beispiel? aber klar doch, gleich auf dem umschlag: „was frauen den männern antun, ist der eigentliche irak-krieg unserer epoche.“ das steht da einfach mal so und wartet, dass jemand drauf anspringt. was ja hiermit offiziell erledigt wäre …
„die letzten tage der berliner republik“ sind das zentrum des romans – die ansprüche sind gesunken, die menschheit war einmal, heute geht es nur noch um uns: die mitdreißiger oder vierziger kulturschaffenden… typisch für lottmann ist natürlich wieder der ironie-overkill, sein schein-realismus, inklusive vollzitat einiger journalistischen arbeiten lottmanns
(aus der sz und der taz), verquickt noch dazu mit einigen privaten absonderlichkeiten – und schon ist das neue buch fertig. schnell geschrieben, schnell gelesen und wahrscheinlich auch schnell wieder vergessen.
das fabulieren hat lottmann aber ganz gut draf: die hypertrophe metaphernschlacht im geiste einer simulierten erzählerischen unschuld, die natürlich ständig geschickt umspielt wird – genau wie das imaginierte zwiegespräch zwischen erzähler und imaginärem leser gerne mal reflektiert, umgedreht wird, um dann doch keine rücksicht zu nehmen oder gerade erst recht, je nach momentaner stimmung: „es fällt mir schwer, den leser mit einer wiedergabe eines fremden lebens zu behelligen, anstatt über das eigene leben zu berichten.“ – „der literaturbetrieb verzeihe mir, aber ich konnte nicht anders, als wieder mit ihr zu schlafen.“
das gesamtpaket wird dann mit dem herrlichen rosa des umschlags abgerundet: die züchtige unschuld – aber dann natürlich die streichzeichung der barbusigen jungfrau mit güldenem haar –, die beobachtung der schrecklich angepassten jugend des jahres 2005 und verzweiflung über ihre sinnlosigkeit beschäftigen lottmann: wer schon in seiner jugend das leben seiner eltern führt – was soll aus dem noch werden? und wenn das ein ganzes volk so macht? dann amüsiert man sich mit seiner heimlichen liebe, der bild-zeitung: „ein schöner beginn, eine tolle geschichte, mit einem nachteil: sie stand in der bildzeitung und war somit erfunden.“
und wer sind nun eigentlich die zombies? und die zombie nation? keine ahnung. aber sie haben die große koalition verschuldet und verantwortet.
mein gott, schon wieder so eine enttäuschung. manche leute sollten wohl einfach nur bis zu einem bestimmten alter schreiben. und bei franz xaver kroetz ist das offenbar inzwischen überschritten. denn was er hier unter dem titel blut & bier. 15 ungewaschene stories vorlegt, ist bei tageslicht besehen, einfach mist. und zwar ziemlich großer.
ich hatte ja eigentlich gehofft, etwas von der sprachlichen poesie des frühen kroetz, wie in bauern sterben, wunschkonzert oder furcht und hoffnung in deutschland auch in diesen geschichten wiederzufinden. aber nix da, das ist nur noch selbsthilfeprosa aus der schreibwerkstatt eines abgewrackten dichters, der genau weiß, dass er nichts mehr auf die reihe bringt. noch nicht einmal mehr ordentliche beobachtungen sind aufzuzeigen, kein interessantes thema oder ein gelungener plot. wobei die meisten dieser wirklich recht dreckigen g’schichten nicht einmal so etwas haben. apropos dreck: die vorgetäuschte kolloquialität, die bedeutungsvoll-unabsichtlich/bedeutungslos einflochtenen floskel der umgangssprache sind keinesweg legitimation für irgendetwas, sondern bloß nervend.
denn worum geht es hier eigentlich: genau, um kroetz. der taucht ziemlich offensichtlich in fast allen erzählungen auf – immer gibt es einen alternden schriftsteller, der kaum noch etwas zu stande bringt, der über der schreibmaschine brütet, der von alkohol und überhaupt dem ausschweifenden leben seiner erfolgreichen jugend gezeichnet ist: „er schickte sich rum. suchte eine neue. er fand ein loch. ein echtes. das war er. ein arschloch.“ (28)
oder die tollen, ach so wagemutigen, einfach peinlichen phantasien des alternden herrn beim anblick seiner familie – seiner frau und seiner beiden töchter: „sie zogen sich aus. sechs titten, drei ärsche, drei mösen, straffe haut über jungem fleisch“ … „mein gott, diese nutten, dachte er, diese gottverdammten nutten.“ (38) und so geht das dann die ganze zeit…
manchmal immerhin scheint noch etwas vom sozialkritischen beobachter, dem ehemaligen mitglieder der kommunistischen partei, in den texten auf – selten genug. etwa wenn er im letzten text „der ganz normal supermann“ das szenario einer ökologisch-egalitären gesellschaft entwirft, in der alles, auch sex etc., streng limitiert sind, damit alle mal zum zuge kommen.
literarisch ist das einfach mist: „schreiben kann doch heutzutage jeder depp, aber er war ein guter mann, und darauf kommts doch letztlich an!“ (79). das, was mich an solchen texten immer wieder am meisten anwidert, ist die tatsache, dass ihr autor durchaus zu wissen scheint, dass er nur mist, nur billiges geschwurbel ohne künstlerischen wert, produziert – und trotzdem nichts dagegen unternimmt, nichts besseres schreibt oder wenigstens den dreck unveröffentlich lässt.
damit wäre kroetz also auch abgehakt – es sei denn, er macht einen münchhausen und holt sich selbst noch einmal aus dem sumpf seiner selbstbezüglichen, selbstverliebten (immerhin mit dem obligatorischen winzigen schuss ironie), vor allem aber einfach schlechten prosa wieder heraus.
franz xaver kroetz: blut & bier. 15 ungewaschene stories. hamburg, rotbuch 2006
