Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: jubiläum

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Ins Netz gegangen (9.11.)

Ins Netz gegan­gen am 9.11.:

  • Auf den Spu­ren der Revo­lu­tio­nä­rIn­nen | Skug → ein schö­ner foto­es­say von anton tantner.

    Lang­sam bemäch­tigt sich hier die Natur der nur sel­ten mit Blu­men geschmück­ten Grä­ber, die Denk­mä­ler von Rot­ar­mis­ten und Strom­mas­ten rot­ten vor sich hin, an den roten Ster­nen, so sie denn noch vor­han­den sind, blät­tert die Far­be ab. Das Zeug­nis ver­gan­ge­ner Sowjet­macht liegt bewusst dem Ver­fall preis­ge­ge­ben, und doch, all dem Moder und Rost zum Trotz: Ver­ein­zelt brennt eine Ker­ze – als ob sich Karl Lieb­knechts pathe­ti­sche Ankün­di­gung, die Lei­chen der hin­ge­mor­de­ten Kämp­fer wür­den wie­der auf­er­ste­hen, der­einst erfül­len wer­de, als ob den Toten bestimmt sei, in einer kom­mu­nis­ti­schen Zukunft auf­er­weckt zu werden. 

  • Durch­set­zung von Ver­kehrs­re­geln | Zukunft Mobi­li­tät → mar­tin ran­del­hoff beginnt eine serie über die gestal­tung der mobi­li­täts­wen­de mit einem plä­doy­er für eine bes­se­re durch­set­zung der ver­kehrs­re­geln, vor allem zum schutz schwä­che­rer ver­kers­teil­neh­mer wie etwa den fußgängern
  • Die Sache mit dem Leser­schwund | BR → knut cord­sen denkt über den buch­markt und sei­ne ver­än­de­run­gen nach – nicht völ­lig pes­si­mis­tisch, aber doch in ziem­lich grau­en far­ben – aller­dings v.a. aus einer öko­no­mi­schen perspektive
  • Das gefähr­li­che Rau­nen | Zeit → bern­hard pörk­sen mit einem (auch eher pau­scha­len) text zur gefahr der pau­scha­len, sich anschei­nend ver­brei­ten­den kri­tik an den medi­en (ins­ge­samt):

    Gemein­sam ist ihnen die Annah­me, die eta­blier­ten Medi­en in Deutsch­land sei­en ein im Grun­de auto­ri­tä­res Régime, eine Anstalt zur Pro­duk­ti­on geis­ti­gen Anpass­ertums. Gemein­sam ist ihnen auch die Behaup­tung, man selbst gehö­re zu einer bedroh­ten Mei­nungs­min­der­heit, die im Zwei­fel ver­folgt und bru­tal geäch­tet wer­de. […] Die gegen­wär­tig kur­sie­ren­den Theo­rien der Ent­mün­di­gung und der Mani­pu­la­ti­on, Chif­fren eines anti­li­be­ra­len Den­kens und einer heim­li­chen Sehn­sucht nach der Revol­te, hel­fen nie­mand. Und sie rui­nie­ren das Ver­trau­ens­kli­ma, das guter Jour­na­lis­mus bräuch­te, gera­de jetzt und gera­de heute.

  • Das Mus­ter der Ver­schwö­rung | FAZ → durch­aus inter­es­sant, auch wenn ich immer noch etwas fass­ung­los bin: eine ehe­ma­li­ge anhän­ge­rin chem­trail und ande­ren ver­schwö­rungs­theo­rien erzählt 
  • Luther­land ist abge­brannt | Mein Jahr mit Luther → achim land­wehrs unbe­dingt lesens­wer­te „abrech­nung“ mit dem refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um 2017 und über­le­gun­gen, was dar­aus für jubi­lä­en udn unse­re geschichts­kul­tur über­haupt folgt:

    was bleibt da vom Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um? Es bleibt eine gro­ße Lee­re – eine Lee­re, die sich aber nicht breit­macht, weil das Jubi­lä­um nun zu Ende gegan­gen ist. Die­se Lee­re ist durch das Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um selbst pro­du­ziert wor­den. […] Fast zwangs­läu­fig hängt die­se inhalt­li­che Aus­höh­lung mit dem Ver­such zur nahe­zu hem­mungs­lo­sen wirt­schaft­li­chen Ver­wer­tung des Jubi­lä­ums zusam­men. Die Fei­er zu 500 Jah­ren Refor­ma­ti­on fand sich ein­ge­klemmt zwi­schen Kir­che und Kom­merz, zwi­schen Öku­me­ne und Öko­no­mie. Nein, falsch. Das Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um war nicht ein­ge­klemmt. Es hat ver­sucht, sich dort bequem ein­zu­rich­ten. […] Der Leer­lauf des Jubi­lä­ums­ge­sche­hens ergab sich nicht, weil es ein Zuviel an Refor­ma­ti­on gege­ben hät­te, son­dern weil zu wenig Refor­ma­ti­on in die­sem Jubi­lä­um war. Und der Man­gel an Refor­ma­ti­on kam dadurch zustan­de, dass man das his­to­ri­sche Ereig­nis mit­samt sei­nen kon­kre­ten Umstän­den nur in recht homöo­pa­thi­schen Dosen zum The­ma mach­te. […] Unter dem Zwang zur Aktua­li­sie­rung ver­schwand die Indi­vi­dua­li­tät und das his­to­risch Spe­zi­fi­sche bis zu Unkennt­lich­keit. […] Womit wir es hier zu tun haben, hört auf den Namen ‚fla­che Geschich­te‘: der mög­lichst geräusch­ar­me, hin­der­nis­freie und vor allem unkom­pli­zier­te Gebrauch (oder eher Miss­brauch) von Ver­gan­ge­nem für gegen­wär­ti­ge Zwe­cke. Fla­che Geschich­te wird allent­hal­ben ver­wen­det. Es ist das ver­meint­lich his­to­ri­sche Stamm­ti­sch­ar­gu­ment, das zur Erklä­rung heu­ti­ger Zustän­de her­hal­ten muss, es ist die knapp erzähl­te Vor­ge­schich­te, die Ver­gan­ge­nes genau soweit zurich­tet, dass es sich in eine linea­re Kau­sa­li­tät ein­ord­net, und es ist das kur­ze Auf­blit­zen eines Relikts aus dem Vor­ges­tern, viel­leicht ein Bild, ein Zitat, ein Film­aus­schnitt oder ein bekann­ter Name, mit denen Ver­traut­heit her­ge­stellt und die Sicher­heit evo­ziert wer­den soll, dass es genau­so war. Fla­che Geschich­te zielt drauf ab, sich der Mühen der Kom­ple­xi­tät zu ent­le­di­gen, die Gebir­ge der Zei­ten in aller Eile abzu­tra­gen, um freie Sicht auf die Ver­gan­gen­heit zu erhalten.

  • Wiki­pe­dia baut ab, oder: Was von „open“ übrig bleibt II | alba­tros → jür­gen fenn über die nega­ti­ven aus­wir­kun­gen der ent­wick­lung des webs auf die (offe­ne) orga­ni­sa­ti­on von wissen:

    Es bedarf kei­ner Erör­te­rung, dass sich dies auch noch wei­ter auf die her­ge­brach­ten Mit­mach­pro­jek­te des Web 2.0 aus­wir­ken wird. Wer an die­se Tech­nik aus Apps plus End­ge­rä­te gewöhnt ist und damit auf­wächst, wird nie auf die Idee kom­men, an einem Mas­sen­pro­jekt wie Wiki­pe­dia teil­zu­neh­men, weil er sich so etwas gar nicht mehr vor­stel­len kann. Nor­mal ist, dass man auf rie­si­ge Daten­be­stän­de zugreift, die auto­ma­ti­siert erstellt oder jeden­falls auto­ma­ti­siert aus­ge­wählt wor­den sind, aber nicht, dass man sie als Autor eigen­hän­dig mit schreibt, kura­tiert, pflegt und kol­lek­tiv ver­wal­tet. Das liegt alles zen­tral bei der Fir­ma, die es anbie­tet. Top-down, also nicht in den Hän­den einer Com­mu­ni­ty, bottom-up. 

Ins Netz gegangen (13.11.)

Ins Netz gegan­gen am 13.11.:

Büchner 200

Zum 200. Geburts­tag von Georg Büch­ner geht es rund – nicht nur wegen der neu­em Bio­gra­phie von Her­mann Kurz­ke (ich habe sie noch nicht gele­sen, ver­mu­te aber, dass sie auf­grund des Ver­fas­sers und sei­ner sti­lis­ti­schen Fähig­kei­ten wahr­schein­lich mehr gele­sen wird als die maß­geb­li­che von Hau­schild (auch wenn ich mit Kurz­kes Metho­des des fröh­li­chen Zir­kel­schlie­ßens zwi­schen Leben und Lite­ra­tur und Leben schon bei Tho­mas Mann so mei­ne Pro­ble­me hat­te und aus mei­ner Text­kennt­nis etwas skep­tisch bin ob der Auf­fas­sung Büch­ners als vor allem christ­li­chen Autor …)), außer­dem stür­zen sich natür­lich auch die Medi­en auf das Jubi­lä­um. Lus­tig fand ich wie­der die „Zeit“, die ihren nicht schlech­ten, aber auch nicht beson­de­ren Text von Eli­sa­beth von Thad­den schon eine Woche zu früh brach­te – obwohl doch der 17. Okto­ber gera­de ein Don­ners­tag ist. Aber das gehört ja inzwi­schen zur Medi­en­me­cha­nik, alle Jubi­lä­en mög­lichst früh und damit mög­lichst vor allen ande­ren zu fei­ern (bei Kom­po­nis­ten, die ja immer ein gan­zes Jahr – Wag­ner, Ver­di, … – bekom­men, ist es wesent­lich schlimmer).

Vielleicht Georg Büchner? - Philipp August Joseph Hoffmann (1833) (Quelle: Commons

Viel­leicht Georg Büch­ner? – Phil­ipp August Joseph Hoff­mann (1833) (Quel­le: Com­mons)

Büch­ner ist ja ein Autor, den man gut fei­ern kann: Die Tex­te sind kano­ni­siert, es sind nicht so vie­le und die meis­ten auch gar nicht so lang – da kann jeder mit­re­den ;-). Und sie bie­ten auch viel­fäl­ti­ge Anschluss­mög­lich­kei­ten in alle mög­li­chen Rich­tun­gen – vom poli­ti­schen Agi­ta­tor über den Lust­spiel­au­tor zum psy­chisch inter­es­sier­ten Erzäh­ler und dem medi­zi­ni­schen Wis­sen­schaft­ler ist für jeden Geschmack etwas dabei …

Schön gewor­den fin­de ich aber auch die zwei­te Aus­ga­be von „Das Buch als Maga­zin“, die sich mit dem „Woy­zeck“ beschäf­tigt und wie­der dem Kon­zept treu bleibt: Vor­ne den Ori­gi­nal­text (was hier ja ein biss­chen schwie­rig ist, weil der Woy­zeck nur als Frag­ment­samm­lung über­lie­fert ist), danach jour­na­lis­ti­sche Text zu ver­schie­de­nen nah oder fern lie­gen­den Aspek­ten bringt – und das gan­ze schick gemacht dazu.

Und wo wir schon beim Woy­zeck sind: Arte hat eine Fern­seh­ver­si­on des Woy­zeck dre­hen las­sen (in der Media­thek noch ver­füg­bar), für die Nuran David Calis die Hand­lung in den Kiez von Ber­lin ver­legt. Das ist viel­leicht kei­ne genia­le Leis­tung, hat aber sehr schö­ne Momen­te. Nicht zuletzt dank Tom Schil­ling und Nora von Wald­stät­ten, dank der schö­nen Bil­der und vor allem dank der geschick­ten Sound­ge­stal­tung. Gewiss, Über­ra­schun­gen bie­tet das kei­ne, ist mir aber als respekt­vol­le Aneig­nung eines klas­si­schen Tex­tes posi­tiv aufgefallen.

Die Darm­städ­ter Aus­stel­lung – „Georg Büch­ner. Revo­lu­tio­när mit Feder und Skal­pell – habe ich noch nicht gese­hen, das kommt aber dem­nächst auch noch – mal sehen, ob ich da noch etwas Neu­es und/​oder Inter­es­san­tes fin­den kann …

Aber am bes­ten fei­ert man einen Dich­ter natür­lich durchs Lesen. Am Wochen­en­de ist wie­der der Lenz dran, dann neh­me ich mir die wun­der­schö­ne Edi­ti­on der Mar­bur­ger Aus­ga­be noch ein­mal vor.

Ins Netz gegangen (1.6.)

Ins Netz gegan­gen (29.5.–1.6.):

  • Mau­ert Luther nicht ein! – DIE WELT – Der His­to­rik Heinz Schil­ling ist mit den bis­he­ri­gen Vor­be­rei­tun­gen des Refor­ma­ti­ons-Jubi­lä­ums 2017 nicht so ganz zufrieden …

    Die Kluft zwi­schen gegen­warts­ori­en­tier­tem Ver­kün­di­gungs­be­geh­ren und Ver­lan­gen nach his­to­ri­scher wie bio­gra­fi­scher Tie­fen­boh­rung ist zu über­brü­cken, will das Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um nicht unter das hohe Niveau der auf das 20. Jahr­hun­dert bezo­ge­nen Gedenk­kul­tur unse­res Lan­des zurück­fal­len. Es geht um die eben­so simp­le wie fol­gen­rei­che Fra­ge, wie viel Wis­sen­schaft das Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um braucht und wie viel Wis­sen­schaft es ver­trägt. Denn nur auf einer soli­den his­to­ri­schen Basis ist eine nach­hal­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit dem „pro­tes­tan­ti­schen Erbe“ in der euro­päi­schen Neu­zeit und glo­ba­len Moder­ne möglich.

  • „Es muss ja nicht alles von mir sein“ – DIE WELT – Lite­ra­tur – Frank Kas­par besucht Moni­ka Rinck und lässt sich von ihr erklä­ren und zei­gen, wie man heu­te Gedich­te schreibt, ohne pein­lich und ner­vend zu sein (was ihn anschei­nend ziem­lich über­rascht, dass das geht …):

    Wer in Moni­ka Rincks Tex­te ein­taucht, dem schwirrt bald der Kopf vor lau­ter Stim­men und Spra­chen, die dort frei zusam­men­schie­ßen. Deutsch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch, Ita­lie­nisch und Pfäl­zisch, inne­re tref­fen auf äuße­re Stim­men, rhyth­misch Aus­ge­feil­tes auf bewusst gesetz­te Brü­che, Sprün­ge, Aus­ru­fe: Ha! Ach so! Hoho­ho! Die „Gischt der wirk­li­chen gespro­che­nen Spra­che“, die Wal­ter Ben­ja­min an Alfred Döb­lins Mon­ta­ge-Roman „Ber­lin Alex­an­der­platz“ so begeis­tert hat, gur­gelt zwi­schen den Zei­len und macht das Gewe­be leben­dig und beweglich.

  • Emme­rich Joseph von Breid­bach zu Bür­res­heim: Vor­kämp­fer der katho­li­schen Auf­klä­rung – FAZ -

    Emme­rich Joseph von Breid­bach zu Bür­res­heim, auch bekannt unter dem Spitz­na­men „Breit­fass von Schüt­tes­heim“ – angeb­lich trank er zu jeder Mahl­zeit sechs Maß Rhein­wein. Emme­rich galt als offen­her­zig und volks­nah, obwohl sei­ne Ansich­ten so gar nicht in Ein­klang mit dem wun­der­gläu­bi­gen Barock-Katho­li­zis­mus der kon­ser­va­ti­ven Land­be­völ­ke­rung stan­den. Er las Vol­taire und Dide­rot, wur­de schließ­lich zum bedeu­tends­ten Herr­scher der katho­li­schen Auf­klä­rung. Beson­ders sei­ne Schul­re­form wirk­te nach­hal­tig. Letzt­lich schuf die Ratio­na­li­sie­rung des Kur­main­zer Aus­bil­dungs­sys­tems die Grund­la­ge für die Revo­lu­ti­on in der Domstadt.

    Dass die Main­zer den Wein lie­ben, ist also nichts Neues …

  • Lebens­mit­tel­spe­ku­la­ti­on in der Frü­hen Neu­zeit – Wie Wet­ter, Grund­herr­schaft und Getrei­de­prei­se zusam­men­hin­gen | Die Welt der Habs­bur­ger – Nah­rungs­mit­tel­spe­ku­la­ti­on ist kei­ne Erfin­dung und auch nicht nur ein Pro­blem des 21. Jahr­hun­derts – wer hät­te es gedacht .…:

    Die Preis­stei­ge­run­gen waren jedoch nicht nur auf Wet­ter­ka­prio­len zurück­zu­füh­ren, auch das Ver­hal­ten der welt­li­chen und kirch­li­chen Grund­her­ren trug maß­geb­lich zum Anstieg der Getrei­de­prei­se bei. 

  • »Wie ein Rausch« | Jüdi­sche All­ge­mei­ne – Ein Inter­view mit dem Kla­vier­duo Tal & Groe­thuy­sen über Wag­ner, Alfred Pringsheim und Israel:

    Dar­in liegt auch die Leis­tung des Bear­bei­ters. Er steht ja stän­dig vor gro­ßen Fra­gen: Wie tei­le ich das auf? Wie kann ich mög­lichst viel vom Ori­gi­nal unter­brin­gen, sodass es plas­tisch ist, aber nicht über­la­den? Aber auch pia­nis­tisch rea­li­sier­bar? Und es hat sich her­aus­ge­stellt, dass Alfred Pringsheim, der eigent­lich Auto­di­dakt war, mit die inter­es­san­tes­ten und auch pia­nis­tischs­ten Lösun­gen gefun­den hat.

    Schön auch der Schluss­satz: „Und was Wag­ner angeht, sind wir jetzt wie­der für eine Wei­le bedient.“ – ich glau­be, das gilt nach die­sem Jahr für alle …

  • Adress­comp­toir: Auf der Suche nach Grill­par­zer – Hein­rich Lau­be irrt durch Wien:

    Grill­par­zer, wo bin ich über­all hin­ge­ra­then, um Dich zu finden!—erster Hof, zwei­te Stie­ge, drit­ter Stock, vier­te Thür! Es wir­beln mir noch die Beschrei­bun­gen im Kop­fe. Nach einer vor­mit­täg­li­chen Such­jagd stand ich end­lich in einer schma­len, öden Gas­se vor einem gro­ßen schweig­sa­men Hause

    Grill­par­zers über­ra­schend beschei­de­ne Woh­nung kann man übri­gens im städ­ti­schen Wien-Muse­um besich­ti­gen.

Netzfunde der letzten Tage (11.4.–13.4.)

Mei­ne Netz­fun­de für die Zeit vom 11.4. zum 13.4.:

  • „Neger­kö­nig“ oder „Süd­see­kö­nig“ – Über Kin­der­bü­cher und Spra­che | Poli­ti­sches Feuil­le­ton | Deutsch­land­ra­dio Kul­tur – Der Kin­der­li­te­ra­tur-Spe­zia­list Hans-Hei­no Ewers noch ein­mal zu dem „Pro­blem“ „Kin­der­bü­cher und Sprache“:

    Zur Pfle­ge eines lite­ra­ri­schen Oeu­vres durch Ver­la­ge gehört es nicht zuletzt auch, für Lese­rin­nen und Leser zu sor­gen. Das ist kei­ne leich­te Auf­ga­be bei einem Lese­pu­bli­kum, das his­to­ri­sche Tex­te noch nicht als sol­che, son­dern nur naiv zu rezi­pie­ren ver­mag. Was geht ver­lo­ren, wenn es nicht mehr „Neger­kö­nig“, son­dern „Süd­see­kö­nig“ heißt und man dadurch neue Leser­ge­ne­ra­tio­nen gewinnt? 

  • Im Enten­teich – Der Medi­en­wan­del als inter­ne Revo­lu­ti­on – Thier­ry Cher­vel nimmt die Kün­di­gung der bei­den Spie­gel-Chef­re­dak­teu­re zum Anlass für eini­ge Gedan­ken über den Cha­rak­ter des momen­ta­nen Medi­en­wan­dels und sei­ne Kon­se­quen­zen für die Medienhäuser:

    Eigent­lich gibt es nur noch online. Die eigent­li­che Struk­tur der Öffent­lich­keit ist heu­te das Inter­net. Was nicht im Netz ist, ist nicht öffent­lich, kann nicht zir­ku­lie­ren, nicht auf Face­book dis­ku­tiert wer­den. Print ist eine der abge­lei­te­ten For­men, in denen Inhal­te auf­be­rei­tet wer­den kön­nen, TV eine ande­re. Eine Ein­sicht, die seit über fünf­zehn Jah­ren im Raum steht, lässt sich nun auch insti­tu­tio­nell nicht mehr abweh­ren: Alle Medi­en müs­sen von der neu­en Struk­tur der Öffent­lich­keit her gedacht wer­den. Die Angst­tech­nik der Medi­en­kon­zer­ne, die Online an die alten Insti­tu­te anbau­ten, statt die neu­en Leu­te von vorn­herei­en als inte­gra­len Bestand­teil des Unter­neh­mens zu inte­grie­ren, rächt sich heu­te. Die Abtei­lun­gen sind getrennt – die Medi­en haben aber allen­falls dann eine Über­le­bens­chan­ce, wenn sie sich als ein Gesam­tes denken.

  • Fir­ma Hal­de­mann: 70 Jah­re und kein biss­chen wei­se: Der klei­ne Prinz – Chris­ti­an Gott­schalk teilt mei­ne Ablehnung/​Abneigung gegen­über der Ver­göt­te­rung des ach-so-tol­len „Klei­nen Prinzen“:

    Ansons­ten: Wenn man will, dass Kin­der ver­blö­den und einen schlech­ten Lite­ra­tur­ge­schmack ent­wi­ckeln, dann lese man ihnen den klei­nen Prin­zen vor.

    Auch sehr schön: sei­ne Inhaltsangabe: 

    Der Inhalt: Ein nied­lich gemal­ter Jun­ge hält einen in der Wüs­te abge­stürz­ten Pilo­ten durch die Abson­de­rung von Poe­sie­al­bums­weis­hei­ten davon ab sein Flug­zeug zu reparieren. 

  • Dekan­tie­ren am Abgrund – Digital/​Pausen – Hans Ulrich Gum­brecht ist die­se Woche in Hoch­form und ver­dient des­halb ein aus­führ­li­ches Zitat:

    End­lich wird der kost­ba­re Trop­fen (den natür­lich seit den Rhein­wein-seli­gen Zei­ten von Kon­rad Ade­nau­er nie­mand mehr so nennt) ein­ge­schenkt, “wer mag pro­bie­ren,” sagt der Som­me­lier aus­nahms­wei­se leut­se­lig, und zu ant­wor­ten “die Dame!” gilt weni­ger als ein Zei­chen galan­ter Per­fek­ti­on denn als straf­wür­di­ges Des­in­ter­es­se (weil man sich bei jeder Stu­fe der Zere­mo­nie das Recht ver­die­nen muss, die teu­re Sor­te bestellt zu haben). In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten mehr noch als in Euro­pa, ist es wich­tig, zunächst mit leich­tem Druck auf das unte­re Ende des Gla­ses den Wein, als sei man ein wenig unge­dul­dig, in leicht krei­sen­de Bewe­gung zu schwen­ken. Man fasst die Flüs­sig­keit respekt­voll-ernst ins Auge, hebt das Glas unter die Nase, riecht, ohne das Rie­chen in ein Geräusch umschla­gen zu las­sen, führt es end­lich zum Mund – und nippt. Danach der stil­le Moment der Refle­xi­on, beglei­tet von einer ver­hal­te­nen Mund­be­we­gung. Schief­ge­hen kann nicht mehr viel. Jetzt aller­dings zu sagen, dass der Wein “korkt,” ent­spricht einem will­fäh­ri­gen Lösen der Not­brem­se im ICE – alle kom­men aus dem Rhyth­mus, sind frus­triert und kön­nen doch erst­mal nichts dage­gen tun. Pein­li­cher sind auch hier Aus­ru­fe aus dem Regis­ter der Ade­nau­er-Zeit wie “kost­ba­res Tröpf­chen” oder, prot­zig statt lau­schig: “ganz vor­züg­lich” und “Don­ner­wet­ter!” Als zuläs­sig gel­ten allein Seman­ti­ken (die­ses Plu­ral in ihr Lexi­kon auf­zu­neh­men, emp­feh­le ich den wah­ren Wein­ken­nern) des Sub­li­men – oder bered­te Sprach­lo­sig­keit. “Mein Gott,” “nicht zu fas­sen,” alter­na­tiv ein ein­ver­nehm­li­ches aber nur leich­tes Nicken hin zum Som­me­lier, die beglück­te Sekun­de in den Augen der Gat­tin oder ein Aus­druck fas­sungs­lo­sen Trans­fi­gu­riert-Seins (das den meis­ten Gäs­ten eher schwer fällt).

  • Vom Ver­such, Krie­ge zu quan­ti­fi­zie­ren – Deus ex Machi­na – Vom Ver­such, Krie­ge zu quan­ti­fi­zie­ren (via Published articles)

ein kleiner nachtrag zum hubert-fichte-jubiläum

„Es erge­ben sich Über­schnei­dun­gen“ heißt es am Anfang der Palet­te. Und das ist, das klit­ze­klei­ne Hubert-Fich­te-Jahr zum 20. Todes­tag macht es deut­lich, noch sehr unter­trie­ben. Im Zen­trum steht natür­lich das etwas über­ra­schen­de Erschei­nen des Ban­des Die zwei­te Schuld von Fich­te selbst. Fischer, inzwi­schen Fich­tes Haus­ver­lag, hat sich ent­schlos­sen, die Geschich­te der Emp­find­lich­keit, die­ses viel­köpf­ri­ge Mons­ter, mit dem Fich­te sein schrift­stel­le­ri­sches Werk krö­nen woll­te, damit vor­zei­tig zum Abschluss zu brin­gen. Das bringt aller­dings wenig Über­ra­schun­gen, wenig prin­zi­pi­ell Uner­war­te­tes. Auch die span­nen­de Fra­ge, war­um Fich­te die­ses Buch mit einem Sperr­ver­merk ver­se­hen hat­te, hängt plötz­lich ganz und gar in der Luft: So spek­ta­ku­lär ist das alles gar nicht. Über den Zeit­punkt der Ver­öf­fent­li­chung kann man übri­gens treff­lich strei­ten. Und das ist schon typisch für alles, was mit der Geschich­te der Emp­find­lich­keit zu tun hat: Defi­ni­ti­ve Klar­hei­ten gibt es hier im Moment fast gar kei­ne, zu oft hat Fich­te hier selbst noch geschwankt. Auch sei­ne Anga­ben zur Dau­er der Sperr­frist vari­ie­ren, man hät­te das Buch auch guten Gewis­sens und mit guten Argu­men­ten erst in 10 Jah­ren her­aus­brin­gen kön­nen. Davon abge­se­hen, ist Die zwei­te Schuld eigent­lich ein unmög­li­ches Buch. Und das mehr­fach: Es ist ein­fach nicht fer­tig – und nir­gends­wo in der Geschich­te der Emp­find­lich­keit fällt das so sehr auf wie hier -, es ist aber auch eine dop­pel­te Zumu­tung an den Leser: Von Fich­te selbst und sei­tens der Herausgeber.

Das The­ma ist der deut­sche Lite­ra­tur­be­trieb – mit einem leicht eth­no­lo­gisch gefärb­ten Blick und der ewi­gen Suche suche nach den wah­ren Moti­ven des Han­delns ent­wi­ckelt Fich­te die Sze­ne­rie des Lite­ra­ri­schen Col­lo­qi­ums in Ber­lin mit sei­nen Teil­neh­mer, den Dozen­ten und Fich­te selbst. Das Buch trägt außer­dem den Unter­ti­tel „Abbit­te an Joa­chim Neu­grö­schel“. Und damit ist offen­bar das stärks­te Motiv für die­se Arbeit genannt. Denn Fich­te geht es gar nicht so sehr um das LCB selbst, son­dern viel mehr um die sich dort mani­fes­tie­ren­den Macht­struk­tu­ren und kreuz und quer ver­lau­fen­den Anti- und Sym­pa­thien. Erar­bei­tet und geschrie­ben ist das ganz offen­sicht­lich aus einem Unbe­ha­gen, als Teil­neh­mer in die­seSi­tua­ti­on selbst ver­wi­ckelt gewe­sen zu sein, die anläss­lich einer Kri­tik eines Tex­tes von Neu­grö­schel durch Grass, die Fich­te beden­ken­los fort­setz­te, in einem sym­bo­li­schen Juden- und/​oder Schwu­len­mord gip­felt. Dafür hat Fich­te eini­ge der dama­li­gen Teil­neh­mer inter­viewt. Und das sind natür­lich wie­der typi­sche Fich­te-Inter­views, mit ihrer beson­de­ren Inten­si­tät und dem zwar genau geführ­ten und gesteu­ert, aber sich stets kol­lo­quial geben­den Dia­log-Ablauf. Gespro­chen hat er mit Neu­grö­schel selbst, mit Elfrie­de Gers­tel, Her­mann Peter Piwitt und Wal­ter Höl­le­rer. Dazu kom­men immer wie­der kur­ze Skiz­zen, klei­ne Situa­ti­ons­be­schrei­bun­gen aus Ber­lin und der Grup­pe 47. Und am Ende noch eine frü­he Fich­te-Erzäh­lung, „Im Tiefstall“.

Ver­zwei­feln kann man an die­sem Buch, d.h. an sei­ner äuße­ren Gestalt. Denn so lobens­wert es ja von den Leu­ten bei Fischer ist, das noch zu ver­öf­fent­li­chen – hät­te man das nicht gleich rich­tig machen kön­nen? Wie die gesam­te Geschich­te der Emp­find­lich­keit ist das auch ein furcht­ba­rer misch­masch und nicht nur völ­lig inkon­se­quent, son­dern auch unprak­tisch und dadurch fast unles­bar. Z.B. das Höl­le­rer-Inter­view, oder bes­ser gesagt die kärg­li­chen Res­te, die Fich­te noch selbst tran­skri­biert hat­te. Im Manu­skript sind die Gesprächs­fet­zen noch mit den Initia­len ver­se­hen – weil zwi­schen­durch vie­le Dia­log­tei­le feh­len, ist das ja nicht gera­de ganz ver­kehrt. Jetzt ste­hen da nur noch Spie­gel­stri­che. Und spä­tes­tens nach ein paar sei­ten muss man raten, wer gera­de spricht – sehr müh­sam ist so etwas… Denn damit ist der zen­tra­le Teil des geplan­ten Ban­des eigent­lich über­haupt nicht les­bar, ganz zu schwei­gen davon, dass noch zwei wich­ti­ge Inter­views ganz und gar feh­len, die hat Fich­te noch nicht ein­mal geführt: Mit Oswald Wie­ner und HC Artmann.

Schon des­halb wäre der Unter­ti­tel, den Fich­te notiert hat, eigent­lich gar nicht so schlecht gewe­sen: Frag­men­te. Nun heißt der Band aber „Glos­sen“, eine der frag­wür­di­ge­re­ren Her­aus­ge­ber-Ent­schei­dun­gen. Die zwei­te Schuld ist wahr­schein­lich vor allem der Band der Geschich­te der Emp­find­lich­keit, der die Schwie­rig­kei­ten – und lei­der eben auch die Unzu­läng­lich­kei­ten – die­ser pos­tu­men Edi­ti­on am stärks­ten her­vor­te­ten lässt. Nur als zwei Bei­spie­le noch: Das unfer­ti­ge Höl­le­rer-Inter­view dru­cken die Her­aus­ge­ber mit den Coun­ter­num­mer ab, denn: „Die Lizenz Fich­tes, eine unor­tho­do­xe Gram­ma­tik und Syn­tax unge­fil­tert zu belas­sen und dafür eine ent­spre­chen­de infor­mel­le Inter­punk­ti­on ein­zu­set­zen, machen die­se zum Instru­ment, das prä­zi­se das Aus­ge­sagt über­mit­telt“ – was immer das hei­ßen soll. Oder die abschlie­ßen­de Erzäh­lung „Im Tief­stall“. Die wird gedruckt nach einer Ver­öf­fent­li­chung von 1965, nicht nach der Form, in der sie Hubert Fich­te maschi­nen­ge­schrie­ben in das Manu­skript ein­ge­fügt hat­te – ohne das irgend­wie zu begründen.

Ähn­lich unbe­frie­di­gend sind auch ande­re Novi­tä­ten, z.B. die Edi­ti­on der Hör­wer­ke bei Zwei­tau­send­eins. Immer­hin ist sie jetzt über­haupt mal erschie­nen, nach lan­gen, lan­gen Ver­zö­ge­run­gen. Aber auch hier wie­der ist die Art der Ver­öf­fent­li­chung zumin­dest ernüch­ternd, wenn nicht ver­är­gernd. Davon, dass die Kom­pri­mie­rung auf 2 mp3-CDs weder der klang­qua­li­tät noch dem Hand­ling irgend­wie ent­ge­gen­kommt (so teu­er sind doch CD-Pres­sun­gen gar nicht mehr?), die Aus­wahl bleibt, um es mil­de aus­zu­drü­cken, unbe­frie­di­gend. Fast alles wich­ti­ges fehlt: die vie­len Hör­spie­le – zu nen­nen wäre ja nur Ich wür­de ein oder Lohen­steins Ibra­him Bassa schlum­mern wei­ter­hin in den Rund­funk­ar­chi­ven – mit Aus­nah­me von Gott ist ein Mathe­ma­ti­ker, das ja schon vor eini­ger Zeit bei sup­po­sée wie­der zugäng­lich gemacht wur­de. Dort gibt es ja auch schon die wirk­lich her­aus­ra­gen­de Fich­te-Lesung im Ham­bur­ger Star­club, sei­ne Palais‑d’amour-Interviews und sei­ne Gesprä­che mit Lil Picard. Das alles hat Zwei­tau­send­eins natür­lich nicht. Dafür eine Men­ge Rund­funk­le­sun­gen, deren Aus­sa­ge­kraft sich in sehr engen Gren­zen bewegt. Denn die sind zwar alle­samt nicht schlecht, aber doch auch ziem­lich belang­los. Denn Fich­te liest in der ste­ri­len Atmo­sphä­re des Stu­di­os gewöhn­lich auch ent­spre­chend nüch­tern. Höhe­punk­te sind aber auch zu ver­zeich­nen. Das Fea­ture Djem­ma el Fna, das fast schon ein Hör­spiel ist (und damit ganz typisch für Fich­tes ganz eige­nen umgang mit dem Medi­um Radio). Auch das kur­ze Hör­spiel Romy und Juli­us von 1973, eine rol­len­ver­tau­sche Ver­si­on von Romeo und Julia, gehört ohne Zwei­fel zu den bes­se­ren arbei­ten Fich­tes. Und immer­hin ist auch San Pedro Cla­ver dabei, das Fich­te selbst zu sei­nen zen­tra­len Wer­ken gezählt hat und das sich die letz­ten Lebens­ta­ge des spa­ni­schen Jesui­ten und Mis­sio­nars in einem echt radio­pho­nen, 14stimmigen ima­gi­nä­ren Raum vor­stellt – eine para­do­xe Figur, gefan­gen zwi­schen ihrer Lie­be zu den Skla­ven und der Ange­hö­rig­keit zu einer ver­skla­ven­den Macht, der katho­li­schen Kir­che, vor­ge­stellt in einer Art sze­ni­scher Ritus, den Fich­te fas­zi­nie­rend sicher und wirk­mäch­tig beherrschte.

Es hat sich aber noch mehr getan. Schon im letz­ten jahr, 2005, war in den Ham­bur­ger Deich­tor­hal­len die „Lebens­rei­se“ von Hubert Fich­te und Leo­no­re Mau zu sehen. Das Kata­log­buch dazu schrieb Wil­fried F. Schmoel­ler – als eine Art vor­läu­fi­ge Bio­gra­phie Fich­tes. Er scheut nicht vor sei­nen Urtei­len zurück, weiß auch viel und hat eini­ges Licht in die Rei­sen Fich­tes gebracht. Nur zu Leo­no­re Mau und ihren Foto­gra­phien fällt ihm erstaun­lich wenig ein, näm­lich fast gar nichts. Dafür gibt es – bei einem als Aus­stel­lungs­ka­ta­log kon­zi­pier­ten Buch natür­lich kaum anders zu erwar­ten – eine gro­ße Aus­wahl von ihr und ande­ren Foto­gra­phen (etwa Chris­ti­an von Alvens­le­ben, der Fich­te für sein wun­der­schön kit­schi­ges Port­fo­lio 1960 einen Tag bei der Land­wirt­schafts­ar­beit in der Pro­vence beob­ach­te­te). Das hät­te ein schö­nes und ein gutes Buch wer­den kön­nen, das auch ohne die Aus­stel­lung hilf­reich und wohl­tu­end ist. Denn Schoel­ler schreckt nie vor deut­li­chen Wor­ten und eige­nen Wer­tun­gen zurück. Aber es ist doch nur eine Mogel­pa­ckung, ein Eti­ket­ten­schwin­del: Leo­no­re Mau ist eben wie­der ein­mal nur die foto­gra­fie­ren­de Dich­ter­gat­tin, die zur Illus­tra­ti­on ein paar Bil­der bei­steu­ern darf, sonst aber nach Mög­lich­keit über­haupt nicht vor­kommt. Es bleibt also doch wie­der nur Fich­tes „Lebens­rei­se“, die für Schoel­ler eher ein „Lebens­la­by­rinth“ ist (aber wer kann das nicht von sich behaup­ten?) Sei­nem „Rei­se­fahr­plan“ folgt Schoel­ler, mit aus­wer­tung der ver­streu­ten Daten, auch der Rei­se­päs­se, und stellt pflicht­ge­mäß auch die dabei ent­stan­den Bücher vor, was bei der Geschich­te der Emp­find­lich­keit zu recht kurio­sen Ein­schät­zun­gen und Ver­knap­pun­gen führt. Es hat fast den Anschein, als sei das als Vor­ar­beit, Para­li­po­me­na einer Bio­gra­phie zu ver­ste­hen – die Fra­ge ist dann nur noch, wer wagt sich als ers­tes, sei­ne Arbeit wirk­lich so zu nen­nen. Denn geschrie­ben wird sie, mehr oder weni­ger aus­führ­lich und direkt, von nahe­zu allen, die über Fich­te ver­öf­fent­li­chen. Es wäre wohl auch das nächs­te, das fol­ge­rich­ti­ge Pro­jekt – neben einer „rich­ti­gen“ Werk­aus­ga­be. Aber gera­de die wird wohl, vor allem was die Geschich­te der Emp­find­lich­keit betrifft, noch eine Wei­le Desi­de­rat bleiben.

Auch Peter Braun hat sich auf eine Rei­se bege­ben, Eine Rei­se durch das Werk von Hubert Fich­te. Das ist ein Ver­such, eine „spe­zi­fi­sche Poe­tik der Orte“ zu beob­ach­ten oder zu kon­sti­tu­ie­ren. Aber genau in die­sem Punkt bleibt die Arbeit von Braun fra­gil, schwam­mig, und unbe­stimmt: Wor­in sich denn die Orte nun genau unter­schei­den, was das „orts­ge­bun­de­ne Erzäh­len“ (43) denn nun wirk­lich aus­macht – wird kaum deut­lich. Klar, bestimm­te Din­ge passier(t)en nun ein­mal an bestimm­ten Orten. Aber ist Fich­tes Zugriff auf die Djem­ma el Fna wirk­lich kate­go­ri­al anders als der auf, sagen wir, den Gän­se­markt? Oder die Palet­te? Braun geht übri­gens noch ein Schritt­chen wei­ter als Schoel­ler und sieht den gan­zen lite­ra­ri­sche out­put gleich als „Lebens­schrei­bung“ – damit ist er dann end­gül­tig leg­timiert, das Leben und das Werk des Autors belie­big durch­ein­an­der zu wer­fen. Ent­spre­chend umstand­los springt Braun dann auch hin und her. Über­haupt ist er ein ganz gro­ßer Inte­gra­tor. Alles wird zu einem gro­ßen Buch, Leben und Werk, Roman und Inter­view, Hör­spiel und Fea­ture wird zu einem ein­zi­gen, gigan­ti­schen Werk zusam­men­ge­mixt – natür­lich hat er dabei ein klei­nes biss­chen Recht, die inter­tex­tu­el­len Bezü­ge sind ja schon bei der ers­ten Lek­tü­re über­haupt nicht zu über­se­hen. Aber er ver­liert dabei doch lei­der immer wie­der die jeweils eige­nen Qua­li­tä­ten der Tex­te aus den Augen. Zeit­li­che Struk­tu­ren der Erzäh­lun­gen Fich­tes kann Peter Braun etwa nur unzu­rei­chend, nur sehr neben­bei, über­haupt ein­mal wür­di­gen. Wenn man das so hin­ter­ein­an­der weg liest, drängt sich fast ein etwas unlieb­sa­mer Ein­druck auf: Irgend­wie bleibt ein scha­les Gefühl. Denn neu ist das nicht. Das führt bekann­te Moti­ve, Ideen, Ana­ly­sen wei­ter, aber ohne dabei wirk­lich neue Per­spek­ti­ven auf Fich­tes Wer­ke zu eröff­nen: Ein beson­de­rer Erkennt­nis­ge­winn ist hier nicht zu beob­ach­ten. Das trifft im grun­de vor allem Peter Brauns Buch – von einem Aus­stel­lungs­ka­ta­log muss man nicht unbe­dingt eigen­stän­di­ge For­schung erwar­ten. Aber auch Braun hat das bedacht und will die „Rei­se“ als Ein­füh­rung ver­stan­den sehen: „vor­ran­gi­ges Ziel […] ist es, die Schwel­le vor der eige­nen Lek­tü­re zu sen­ken.“ (16) Aber dann stellt sich natür­lich die Fra­ge: für wen bloß? Und es macht dann doch den Ein­druck, als sol­le es den geplag­ten Stu­den­ten von der Last befrei­en, Fich­te über­haupt zu lesen – die exten­si­ve, sei­ten­lan­ge Zitie­re­rei trägt da nicht unwe­sent­lich zu bei.

Wer lesen kann und das womög­lich gar selbst tut, ist dage­gen ein­deu­tig im Vor­teil – das Meis­te von dem, was Braun hier ver­sam­melt, kann, soll und muss man doch recht eigent­lich selbst ent­de­cken – es hat etwas von Vor­ver­dau­ung, wenn er aus­führ­lich und durch­aus in der Sache zutref­fend, aber letzt­lich auch über­flüs­sig für den­ken­de und ver­ste­hen­de Leser, die gan­zen Quer­ver­bin­dun­gen in Fich­tes Pro­sa auf­zu­trö­deln sucht.
Sein Blick­win­kel ist dafür natür­lich sehr stark fokus­siert (um ihn nicht ein­ge­schränkt zu nen­nen) und etwas mono­gam: Er kon­zen­triert sich auf die ein­zel­nen Orte, wo Schoel­ler mehr das Ele­ment der Rei­se, also der Bewe­gung, im Blick­feld hat: die per­ma­nen­te Ver­än­de­rung, Trans­gres­si­on, Trans­for­ma­ti­on, wie auch immer. Und er ent­deckt die­se Pro­zes­se auch in der Pro­sa Fich­tes, v.a. in der eth­no­lo­gi­schen (falls man die mal behelfs­wei­se so benen­nen darf, auch wenn es nicht ganz exakt zutrifft) natür­lich beson­ders deut­lich. Für Schoel­ler zeigt sich Fich­tes Rei­sen dabei letzt­lich nur als (mehr oder min­der) äußer­li­cher Aus­druck einer „Expe­di­ti­on nach Innen“, eines per­ma­nen­ten For­schens in nur schein­bar chao­ti­schen Sprün­gen zwi­schen Ham­burg und Bahia de Sal­va­dor, Schro­ben­hau­sen und São Luíz de Maranhão.

Allen, die das schon selbst gemerkt haben und sich immer noch näher mit Fich­te beschäf­ti­gen wol­len, sei unbe­dingt emp­foh­len: Micha­el Fischs Biblio­gra­phie, die auch gera­de in einer Neu­fas­sung erschie­nen ist. Selbst so etwas harm­lo­ses wie eine Biblio­gra­phie, die den pas­sen­den Titel Explo­si­on der For­schung führt, geht nicht ohne Tru­bel von­stat­ten, wenn es um Hubert Fich­te geht. Damals, beim Erschei­nen der ers­ten Fas­sung 1996, gab es eini­gen Wir­bel mit der Ham­bur­ger Hubert-Fich­te-Arbeits­tel­le, die auch Anspruch auf die­se Biblio­gra­phie erhob. Aber egal wie: Hilf­reich ist das schon, auch wenn die Glie­de­rung nicht immer bis ins Letz­te über­zeugt. Und doch ist sie eben genau in die­ser Form (auch) ein kla­res Zei­chen für den momen­ta­nen Umgang mit Fich­te: Die Erfor­schung scheint sich in einer Kon­so­li­die­rungs­pha­se, im Über­gang, zu befin­den: Der Autor ent­schwin­det lang­sam aber unauf­halt­sam und muss immer wie­der neu ent­deckt, d.h. ver­stan­den wer­den. Es könn­ten sich also noch ein paar mehr Über­schnei­dun­gen ergeben.

  • Hubert Fich­te: Die zwei­te Schuld. Glos­sen. (Die Geschich­te der Emp­find­lich­keit). Frankfurt/​Main: S. Fischer 2006.
  • Hubert Fich­te: Hör­wer­ke 1966–86. Hres­aus­ge­gebn von Robert Galitz, Kurt Krei­ler und Mar­tin Wein­mann. Frankfurt/​Main: Zwei­tau­send­eins 2006.
  • Wil­fried F. Schoel­ler: Hubert Fich­te und Leo­no­re Mau. Der Schrift­stel­ler und die Foto­gra­fin. Frankfurt/​Main: S. Fischer 2005.
  • Peter Braun: Eine Rei­se durch das Werk von Hubert Fich­te. Frankfurt/​Main: Fischer Taschen­buch 2005.
  • Micha­el Fisch: Hubert Fich­te – Explo­si­on der For­schung. Biblio­gra­phie zu Leben und Werk von Hubert Fich­te. Unter Berück­sich­ti­gung des Wer­kes von Leo­no­re Mau. Bie­le­feld. Ais­the­sis 2006.

(steht auch in der test­card no. 16)

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