Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: frühe neuzeit

Organist

Der Organ­ist:

organist (aus dem "ständebuch")

Das Posi­tiff mit süssem hal /
Schlag ich auff Bürg­er­lichem Sal /
Da die ehrbarn der Gschlecht sind gsessn /
Ein köstlich Hochtzeit­mal zu essen /
Daß jn die weil nicht werd zu lang
Brauchn wir die Ley­ern mit gesang /
Daß sich dar­von jr Hertz eben /
In freud vnd wunne thu erhebn.

—aus: Jost Amman, Eygentliche Beschrei­bung aller Stände auff Erden, hoher und nidriger, geistlich­er und weltlich­er, aller Kün­sten, Handw­er­ck­en und Hän­deln. Durch d. weit­berümpten Hans Sach­sen gantz fleis­sig beschrieben u. in teutsche Reimen gefas­set. 1568

Ins Netz gegangen (21.8.)

Ins Netz gegan­gen am 21.8.:

  • “Geburt der Gegen­wart”: Wenn der Mond den Friseurter­min bes­timmt | Berlin­er Zeitung — stef­fen mar­tus hat achim landwehrs “geburt der gegen­wart” gele­sen:

    Der Düs­sel­dor­fer His­torik­er Achim Landwehr geht diesen Fra­gen bis in jene Epoche nach, als die Kalen­der die Welt eroberten. Die Vorgeschichte unser­er zeitlichen Ver­strick­ung in Ter­mine und Dat­en ist dabei nur ein Beispiel für jene „Geburt der Gegen­wart“, von der er anschaulich, anek­doten­re­ich und klug erzählt: In der Frühen Neuzeit büßte die Ver­gan­gen­heit in bes­timmten Bere­ichen ihre Autorität ein, während die Zukun­ft noch nicht als Objekt men­schlich­er Ver­fü­gung wirk­te. In ein­er Art Zwis­chen­phase dehnte sich die Gegen­wart als „Möglichkeit­sraum“ aus und bah­nte damit jenes Zeitregime an, dem wir heute unter­ste­hen.

  • Lit­er­atur­de­bat­te : Der Buch­preis ist keine Geschlecht­sumwand­lung wert — Lit­er­arische Welt — DIE WELT — mar­lene streeruwitz über den buch­preis und seine struk­turen und funk­tio­nen:

    Aber. Der Deutsche Buch­preis ist das fröh­lich­ste Beispiel, wie die qua­sire­ligiöse Ein­deutigkeit eines Mar­ketin­gin­stru­ments hergestellt wird. In ein­er kon­stru­ieren­den Vor­gangsweise wird der Börsen­vere­in selb­st zum Autor der Ver­mark­tung der Autoren und Autorin­nen im Deutschen Buch­preis.

    Das alles erfol­gt im Archilex­em (der Ver­wen­dung der männlichen Form der Beze­ich­nung, unter der die weib­liche Form mit­ge­meint ist): In den Aussendun­gen des Börsen­vere­ins gibt es nur Autoren und keine Autorin­nen. Auch das gehört zur Strate­gie der Ein­deutigkeit. Es gibt keine Geschlech­ter­dif­ferenz, sagen solche For­mulierun­gen. Stellt euch unter die männliche Form und lasst dif­feren­zierende Kinker­l­itzchen wie die geschlechterg­erechte Sprache sein. Nur in ein­deuti­gen For­mulierun­gen gelingt ein umfassendes Sprechen, in dem Büch­er verkauft wer­den kön­nen. Pop­ulis­mus wird nicht nur in Kauf genom­men. Pop­ulis­mus ist erwün­scht.

  • Ste­fan Nigge­meier | Neues von Werther: Suizid-Häu­fung nach bre­it­er Suizid-Berichter­stat­tung — nigge­meier berichtet über eine amerikanis­che studie, die indizien für den werther-effekt beobacht­en kon­nte:

    Selb­st­mord ist ansteck­end. Berichter­stat­tung über Suizide erhöht die Zahl der Suizide. Eine neue Studie aus den Vere­inigten Staat­en liefert weit­ere Indizien dafür, dass dieser soge­nan­nte „Werther-Effekt“ tat­säch­lich existiert.

  • Algo­rith­men: Fer­gu­son zer­split­tert in den sozialen Net­zw­erken | ZEIT ONLINE — gün­ter hack:

    Der derzeit­ige Umgang mit der algo­rith­mis­chen Per­son­al­isierung ist die Vol­len­dung des Neolib­er­al­is­mus auf Ebene der öffentlichen Kom­mu­nika­tion. Wenn du etwas nicht gese­hen hast, dann bist du selb­st Schuld, weil du den Algo­rith­mus von Face­book entsprechend trainiert hast oder dir die Profi-Ver­sion mit dem besseren Zugang zu den Dat­en nicht leis­ten kannst.

  • Inter­view mit Hein­er Goebbels, dem Inten­dan­ten der Ruhrtri­en­nale | Lesen was klüger macht — hol­ger pauler befragt hein­er goebbels zu seinen erfahrun­gen in und mit der ruhrtri­en­nale und vor allem der “freien szene” (und am schluss auch zu “cas­si­ber”). hein­er goebbels:

    In Deutsch­land gibt es für eine bes­timmte Liga von freien Kün­st­lerin­nen und Kün­stlern kaum Pro­duk­tion­sspiel­räume. Es gibt zwar ein weltweit einzi­gar­tiges The­ater­sys­tem, das ist allerd­ings ein­er gewis­sen Monokul­tur verpflichtet, die sich auf das Opern‑, Schauspiel‑, oder Orch­ester­reper­toire bezieht – darüber hin­aus bleiben wenige Möglichkeit­en für freie Kun­st. Diese Lücke wollte ich mit der Ruhrtri­en­nale zu schließen ver­suchen.

  • [AMA] Ich bin Ste­fan Nigge­meier. Fragt mich alles! : de_IAmA
  • Intro­duc­ing Tap­Path for Android — YouTubeIntro­duc­ing Tap­Path for Android! — eine schöne kleine app, die das leben (und sur­fen) auf einem androiden ein­fach­er und angenehmer macht

Ins Netz gegangen (27.6.)

Ins Netz gegan­gen am 27.6.:

  • Hochmut großer Söhne – Sprachlog — Ana­tol Ste­fanow­itsch über einen Vorschlag, im Text der öster­re­ichis­chen Nation­al­hymne die Frauen wieder zu stre­ichen:

    Am Text der öster­re­ichis­chen Nation­al­hymne find­et sich, wie es bei Tex­ten von Nation­al­hym­nen nun ein­mal so ist, wenig Erhal­tenswertes. Sie feiert die Land­schaft (gut, das ist ger­ade noch erträglich), das „für das Schöne beg­nadete“ und mit „hoher Sendung“ aus­ges­tat­tete Volk (das ist dann eben, nation­al­hym­nen­typ­isch, nicht mehr erträglich), die kriegerische Ver­gan­gen­heit, und eine „arbeits­fro­he“ Zukun­ft. Und natür­lich wird dem „Vater­land“ auch ordentlich Treue geschworen.

  • Neues ARD-Nachricht­en­stu­dio: Thomas Roth trifft jet­zt immer auf King Kong — Medi­en — FAZ — Oliv­er Jun­gen hält vom neuen ARD-Stu­dio nicht so viel:

    Ein Oper­a­tions­fehler, das ist eigentlich eine gute Meta­pher für das, was mit den ARD-Nachricht­en passiert ist: Man hat eine Wagen­ladung Adren­a­lin in ihrem Bauch vergessen und ein­fach zugenäht.

    — dazu noch ein biss­chen Bau­drillard (Sim­u­lacrum!) und nos­tal­gis­che Rückbesin­nung auf die guten alten Zeit­en, als die Nachricht­en ohne Bilder auska­men (übri­gens auch in der FAZ!) …

  • Deutsch­land, verk­nautscht — BILD­blog
  • Rechter Über­fall in Dort­mund: Polizei nimmt Nazis in Schutz — taz.de — total crazy: “Recht­sex­treme woll­ten Rathaus stür­men. Das Innen­min­is­teri­um: Die Poli­tik­er selb­st hät­ten ran­daliert.”
  • “Ich brauche das Geld nicht” — taz.de — Thomas Piket­ty im “taz-“Interview:

    Ich ver­traue der Quan­tifizierung des Reich­tums für das Jahr 1913 stärk­er als der von 2013. Das Nationaleinkom­men wird rel­a­tiv gut erfasst. Aber die Verteilung des Einkom­mens bis in die ober­sten Schicht­en ist eine andere Frage.

    Schön auch eine andere Stelle:

    Aber es ist schon inter­es­sant, wie viel Geld da ist, zum Beispiel in großen Fir­men. Die gle­ichen Leute, die hart um jeden Euro mit ihrem Reini­gungsper­son­al oder ihren Niedriglohnar­beit­ern ver­han­deln, bieten mir 100.000 Euro für einen ein­stündi­gen Vor­trag. Wenn ich ablehne, ver­dop­peln sie das Ange­bot.

  • Pen­näler­hafte Fach­prosa — Die neue „Kul­turgeschichte der frühen Neuzeit“ ist nicht nur pein­lich, son­dern unver­schämt : literaturkritik.de — »Zu hof­fen bleibt, dass der angesichts der fehlen­den Qual­ität über­aus dreiste Preis die Käufer abzuschreck­en ver­mag«
  • Welt­meis­ter­schaft und Dop­ing — Großes Indi­an­er-Ehren­wort! — Süddeutsche.de — wun­der­bar: Thomas Kist­ner in der “Süd­deutschen” zur WM etc.:

    Wer glaubt, der Fußball sei sauber, der darf das­selbe von der Fifa glauben.

    Eine Frage bleibt am Ende: Warum teilen die Fußbal­lärzte ihr tiefes Wis­sen nicht mit der All­ge­mein­heit? Sieht man, wie manch­er 30-Jährige durch die WM-Are­nen bret­tert, obwohl er als 20- bis 25-Jähriger kein Spiel zu Ende brachte, ohne dass der Muskel zwick­te oder dicht­machte — dann stellt sich die Frage, warum mit dieser doch auch für die bre­ite Men­schheit segen­sre­ichen Heil- und Auf­baukun­st so ver­dammt diskret umge­gan­gen wird.

    Mit der Logik kommt man der medi­zinis­chen, sprich: entschei­den­den Seite dieser Mil­liar­denin­dus­trie so wenig bei wie mit Dop­ingtests. Dem gläu­bi­gen Fan ist es sowieso ein­er­lei: Augen zu, und ein­fach feste daran glauben.

  • Twit­ter / Calvinn_Hobbes: The entire edu­ca­tion sys­tem … — RT @hnnngkttr: Time for change? “@Calvinn_Hobbes: The entire edu­ca­tion sys­tem summed up in a three pan­el com­ic strip. ” #edchatde
  • An die weib­lichen und männlichen Waf­fen­scheuen

    Die Waf­fen hoch! Das… | Aphorismen.de

    — RT @giesbert: Der Felix Dahn war mit sein­er Antwort an Bertha von Sut­tner auch so ein Knalldepp.
  • Er kann es ein­fach nicht | Begleitschreiben — Gre­gor Keuschnig hat sich Chris­t­ian Wulffs “Ganz oben, ganz unten” auf den Unter­suchungstisch gelegt:

    Ich habe inzwis­chen keinen Zweifel daran, dass Wulff in ein­er Mis­chung aus selbst­verschuldetem Unglück und narzis­stis­chem Jagdtrieb einiger wildge­wor­den­er Ego­ma­nen einem eben auch qual­itäts­me­di­alen Blu­trausch erlag, in dem sich zu Beginn mehrere Jäger gle­ichzeit­ig auf das gle­iche Objekt konzen­tri­erten.
    […] bietet er mit teil­weise unge­nauen und unge­lenken For­mulierun­gen wieder neue Angriffs­flächen. So langsam ver­fes­tigt sich der Ein­druck: Er kann es ein­fach nicht.

  • Siri Hustvedt trifft Carl Djeras­si — Wieder so eine toll konzip­ierte Ver­anstal­tung, die mehr ver­heißt als sie ein­löst:

    Es sei so eine Sache mit dem Dia­log, murmelt Siri Hustvedt vor sich hin.

  • Neue sichere Herkun­ftsstaat­en: Ein Prob­lem wird zur Lösung -

    Bere­its diese kurzen Aus­führun­gen zeigen, dass die Ein­stu­fun­gen von Maze­donien, Ser­bi­en und Bosnien-Herze­gow­ina als sichere Herkun­ftsstaat­en wenig Anlass zur Freude bieten – sie wer­fen in erster Lin­ie euro­parechtliche Bedenken auf. Daneben ist diese Geset­zesän­derung ein Beispiel, wie im Ver­lauf von nur 20 Jahren der Grund für ein Prob­lem zu dessen Antwort (gemacht) wird.

  • Fränkisches Reich : Das ewige Leben ein­er dien­st­baren Leiche — Nachricht­en Kul­tur — DIE WELT — Eck­hard Fuhr ist von den Ausstel­lun­gen zum 1200. Todestag von Karl dem Großen in Aachen sehr ange­tan:

    Es ist ein­fach so: Auch wer von tiefer Skep­sis gegen jeden Ver­such erfüllt ist, mit Karl dem Großen Geschicht­spoli­tik betreiben, sollte jet­zt doch nach Aachen fahren. Denn um das zu sehen, was er dort zu sehen bekommt, muss er son­st um die ganze Welt reisen.

    Sehr recht hat er übri­gens auch mit sein­er Ein­leitung:

    Ohne Karl ver­ste­hen wir gar nichts.

  • Kom­men­tar zum deutschen Ran­schmeiß-Jour­nal­is­mus | 11 Fre­unde — Die 11 Fre­unde sind mit der öffentlich-rechtlichen “Berichter­stat­tung” zur WM zu Recht nicht zufrieden:

    Alle zwei Jahre, bei den großen Turnieren, wird Deutsch­land zu Sch­land, ein­er Nation der Nar­ren. Den Fans sei dieser Aus­nah­mezu­s­tand vergön­nt und verziehen. Die Sender und ihre Jour­nal­is­ten allerd­ings dür­fen sich davon nicht mitreißen lassen. Denn was geschieht etwa, wenn die National­mannschaft doch noch frühzeit­ig auss­chei­det – ein Szenario, das nach nur einem Spiel und der beglei­t­en­den Schwärmerei noch unwahrschein­lich­er erscheint, als dass Joachim Löw mal schlecht ange­zo­gen ist? Für diesen Fall braucht es kri­tis­che Analy­sen und harte Fra­gen. Und keine weinen­den Jour­nal­is­ten am Pool.

  • Why ‘Game of Thrones’ Isn’t Medieval—and Why That Mat­ters — Pacif­ic Stan­dard: The Sci­ence of Soci­ety
  • The­se­nan­schlag: Schwang Luther 1517 tat­säch­lich den Ham­mer? — FAZ — Mar­tin Luthers The­se­nan­schlag von Wit­ten­berg ist sich­er der berühmteste, aber längst nicht der einzige: Eine Geschichte des Anschla­gens von Zetteln an Kirchen.
  • Die Veröf­fentlichungs­form der Zukun­ft? Mein Lösungsvorschlag: Ein Auf­satz in Baum- und Ebe­nen­struk­tur. | Mit­te­lal­ter — eine schöne idee, die chris­t­ian schwader­er da entwick­elt hat …

Ins Netz gegangen (5.3.)

Ins Netz gegan­gen am 5.3.:

  • Aus­bruch des Ersten Weltkriegs — Berlin träumte von einem großdeutschen Super­staat — Süddeutsche.de — John Röhl geht mit seinen His­torik­er-Kol­le­gen — v.a. Clark ist gemeint — hart ins Gericht:

    Die These von der “Unschuld” der Reich­sregierung an der Aus­lö­sung des Weltkrieges im Juli 1914 kann nur vertreten wer­den, wenn man die Ergeb­nisse der peniblen Archiv­forschung der let­zten fün­fzig Jahre bagatel­lisiert oder ganz außer Acht lässt. Bei allen Unter­schieden in der Gewich­tung war die Forschung übere­in­stim­mend zu der Mei­n­ung gelangt, dass die länger­fristi­gen Ursachen der bei­den Weltkriege im erstaunlichen Erfolg des von Bis­mar­ck geein­ten Deutschen Reich­es zu sehen seien.

  • Zum Hof­s­taat Tillys, I: Per­son­a­lia | dk-blog — Michael Kaiser ver­sucht zu rekon­stru­ieren, wer eigentlich mit dem Heer­führer der Katholis­chen Liga, Tilly, im Dreißigjähri­gen Krieg unter­wegs war — und stößt erstaunlich schnell auf Prob­leme …

    Tilly führte Krieg für den Kaiser und die Katholis­che Liga. Nur er allein? Oder hat­te er nicht wenig­stens einen Koch bei sich? Wir wis­sen es gar nicht so genau, wollen es ihm aber gerne gön­nen. Wer das engere Umfeld des Gen­er­alleut­nants bildete, dazu wird man Auf­schluß aus ein­er Auf­stel­lung des sog. „Hof­s­taats“ erwarten kön­nen, der im Novem­ber 1623 im Gebi­et um Ful­da Quarti­er nahm.

  • Berlin: Unter den Lin­den — Reise — FAZ — “Wer also einen richti­gen Stau haben will in Berlin, […] der muss sorgfältig pla­nen.” — C. Sei­dl über Berlin etc. >
  • Sam­stags ver­harm­lost man Gewalt gegen Frauen – Sprachlog — Das Sprachlog zu ein­er etwas selt­samen Wer­bekam­pagne des ZDF
  • Schwule Flamin­gos: So lebt es sich nach der Natur — FAZ — Cord Riechel­mann über Home­sex­u­al­ität in “der Natur” (d.h.: bei Tieren):

    Die Natur ist in diesem Fall poly­morph, ohne dabei, wie Freud meinte, „poly­morph per­vers“ zu sein. Per­vers ist nur der Glaube, die Natur folge einem nor­ma­tiv­en Konzept, was sie schon deshalb nicht tut, weil sie keine Straßen­verkehrsor­d­nung ken­nt.

Ins Netz gegangen (21.8.)

Ins Netz gegan­gen am 21.8.:

  • 1628 Wertheim | ein his­to­ri­ographis­ches Blog — Robert Meier, Archivar im Staat­sarchiv Wertheim, schreibt aus den Quellen über die Ereignisse in Wertheim in den Jahren 1628 und 1629
  • Som­mer­lochtage­buch. Bad Blog goes dai­ly. | Bad Blog Of Musick — Moritz Eggert kotzt sich in das Som­mer­loch ein biss­chen aus. Lei­der ist da trotz des wun­der­baren Zynis­mus viel Wahres dran an dem, was er über Kul­tur­ab­bau, ‑kürzun­gen und ‑einsparun­gen schreibt.

    So unre­al­is­tisch ist das gar nicht. Nach neuesten wis­senschaftlichen Erken­nt­nis­sen wird die gesamte klas­sis­che und zeit­genös­sis­che Musik im Jahr 2100 nur noch aus einem einzi­gen Stück beste­hen: Rav­els „Bolero“. Dieser läuft äußerst erfol­gre­ich auf der ganzen Welt in soge­nan­nten „Beis­chlafau­di­to­rien“ (denn allein die Musik zu hören ist den Men­schen dann zu lang­weilig). Fol­gerichtig gibt es in Deutsch­land nur noch eine einzige Musikhochschule (in Warnemünde) in der die ca. 80 Stu­den­ten ler­nen, wie man den „Bolero“ spielt. Die anderen 80 spie­len ihn, im let­zten verbliebe­nen deutschen Orch­ester (Gevels­berg­er Phillies).

  • Rüs­tung­spro­jekt Euro Hawk: Ein Traum von ein­er Drohne | ZEIT ONLINE — Die “Zeit” hat die Unter­la­gen der Unter­suchungsauss­chuss­es zum Drohnen-Fiasko aus­gew­ertet (alle 372 Aktenord­ner liegen ihr vor … — und wur­den als (schlechte) Scans in der­doc­u­ment­cloud teil­weise schon veröf­fentlicht: http://preview.tinyurl.com/drohnendok) und fängt an, die ganze Geschichte zu beschreiben. Das geht heute so los:

    Das Desaster um die Aufk­lärungs­drohne Euro Hawk war von Anfang an abse­hbar. Schon vor zehn Jahren kan­nten die Ver­ant­wortlichen alle Prob­leme. Doch sie woll­ten die Drohne.

    … und sie soll­ten sie bekom­men — nur halt, ohne damit etwas anfan­gen zu kön­nen. Und klar ist auch jet­zt schon: Das Sys­tem der Beschaf­fung und das Min­is­teri­um sind offen­bar poli­tisch nicht mehr zu steuern und zu kon­trol­lieren …

  • Überwachung: NSA kann drei von vier E‑Mails mitle­sen | ZEIT ONLINE — Die “Zeit” weist auf einen im Wall Street Jour­nal erschienen Artikel hin, der deut­lich macht, wie weit die Möglichkeit­en der NSA wirk­lich gehen:

    Die NSA kann bis zu 75 Prozent des Inter­netverkehrs überwachen, der durch die USA läuft.

Ins Netz gegangen (1.6.)

Ins Netz gegan­gen (29.5.–1.6.):

  • Mauert Luther nicht ein! — DIE WELT — Der His­torik Heinz Schilling ist mit den bish­eri­gen Vor­bere­itun­gen des Refor­ma­tions-Jubiläums 2017 nicht so ganz zufrieden …

    Die Kluft zwis­chen gegen­wart­sori­en­tiertem Verkündi­gungs­begehren und Ver­lan­gen nach his­torisch­er wie biografis­ch­er Tiefen­bohrung ist zu über­brück­en, will das Refor­ma­tion­sju­biläum nicht unter das hohe Niveau der auf das 20. Jahrhun­dert bezo­ge­nen Gedenkkul­tur unseres Lan­des zurück­fall­en. Es geht um die eben­so sim­ple wie fol­gen­re­iche Frage, wie viel Wis­senschaft das Refor­ma­tion­sju­biläum braucht und wie viel Wis­senschaft es verträgt. Denn nur auf ein­er soli­den his­torischen Basis ist eine nach­haltige Auseinan­der­set­zung mit dem “protes­tantis­chen Erbe” in der europäis­chen Neuzeit und glob­alen Mod­erne möglich.

  • “Es muss ja nicht alles von mir sein” — DIE WELT — Lit­er­atur — Frank Kas­par besucht Moni­ka Rinck und lässt sich von ihr erk­lären und zeigen, wie man heute Gedichte schreibt, ohne pein­lich und ner­vend zu sein (was ihn anscheinend ziem­lich über­rascht, dass das geht …):

    Wer in Moni­ka Rincks Texte ein­taucht, dem schwirrt bald der Kopf vor lauter Stim­men und Sprachen, die dort frei zusam­men­schießen. Deutsch, Englisch, Franzö­sisch, Ital­ienisch und Pfälzisch, innere tre­f­fen auf äußere Stim­men, rhyth­misch Aus­ge­feiltes auf bewusst geset­zte Brüche, Sprünge, Aus­rufe: Ha! Ach so! Hoho­ho! Die “Gis­cht der wirk­lichen gesproch­enen Sprache”, die Wal­ter Ben­jamin an Alfred Döblins Mon­tage-Roman “Berlin Alexan­der­platz” so begeis­tert hat, gurgelt zwis­chen den Zeilen und macht das Gewebe lebendig und beweglich.

  • Emmerich Joseph von Brei­d­bach zu Bür­resheim: Vorkämpfer der katholis­chen Aufk­lärung — FAZ -

    Emmerich Joseph von Brei­d­bach zu Bür­resheim, auch bekan­nt unter dem Spitz­na­men „Bre­it­fass von Schüttesheim“ — ange­blich trank er zu jed­er Mahlzeit sechs Maß Rhein­wein. Emmerich galt als offen­herzig und volk­snah, obwohl seine Ansicht­en so gar nicht in Ein­klang mit dem wun­der­gläu­bi­gen Barock-Katholizis­mus der kon­ser­v­a­tiv­en Land­bevölkerung standen. Er las Voltaire und Diderot, wurde schließlich zum bedeu­tend­sten Herrsch­er der katholis­chen Aufk­lärung. Beson­ders seine Schul­re­form wirk­te nach­haltig. Let­ztlich schuf die Ratio­nal­isierung des Kur­mainz­er Aus­bil­dungssys­tems die Grund­lage für die Rev­o­lu­tion in der Dom­stadt.

    Dass die Mainz­er den Wein lieben, ist also nichts Neues …

  • Lebens­mit­tel­speku­la­tion in der Frühen Neuzeit – Wie Wet­ter, Grund­herrschaft und Getrei­de­preise zusam­men­hin­gen | Die Welt der Hab­s­burg­er — Nahrungsmit­tel­speku­la­tion ist keine Erfind­ung und auch nicht nur ein Prob­lem des 21. Jahrhun­derts — wer hätte es gedacht .…:

    Die Preis­steigerun­gen waren jedoch nicht nur auf Wet­terkapri­olen zurück­zuführen, auch das Ver­hal­ten der weltlichen und kirch­lichen Grund­her­ren trug maßge­blich zum Anstieg der Getrei­de­preise bei.

  • »Wie ein Rausch« | Jüdis­che All­ge­meine — Ein Inter­view mit dem Klavier­duo Tal & Groethuy­sen über Wag­n­er, Alfred Pring­sheim und Israel:

    Darin liegt auch die Leis­tung des Bear­beit­ers. Er ste­ht ja ständig vor großen Fra­gen: Wie teile ich das auf? Wie kann ich möglichst viel vom Orig­i­nal unter­brin­gen, sodass es plas­tisch ist, aber nicht über­laden? Aber auch pianis­tisch real­isier­bar? Und es hat sich her­aus­gestellt, dass Alfred Pring­sheim, der eigentlich Auto­di­dakt war, mit die inter­es­san­testen und auch pianis­tis­chsten Lösun­gen gefun­den hat.

    Schön auch der Schlusssatz: “Und was Wag­n­er ange­ht, sind wir jet­zt wieder für eine Weile bedi­ent.” — ich glaube, das gilt nach diesem Jahr für alle …

  • Adress­comp­toir: Auf der Suche nach Grill­parz­er — Hein­rich Laube irrt durch Wien:

    Grill­parz­er, wo bin ich über­all hingera­then, um Dich zu find­en! — erster Hof, zweite Stiege, drit­ter Stock, vierte Thür! Es wirbeln mir noch die Beschrei­bun­gen im Kopfe. Nach ein­er vor­mit­täglichen Such­jagd stand ich endlich in ein­er schmalen, öden Gasse vor einem großen schweigsamen Hause

    Grill­parz­ers über­raschend beschei­dene Woh­nung kann man übri­gens im städtis­chen Wien-Muse­um besichti­gen.

Aus-Lese #2

Wolf­gang Matz: Adal­bert Stifter oder Diese fürchter­liche Wen­dung der Dinge. München: Hanser 1995, 406 Seit­en.

Eine der schlecht­esten (Dichter-)Biographien über­haupt, die ich je gele­sen habe (okay, das ist nicht unbe­d­ingt meine Sache). Matz nimmt die Biogra­phie eigentlich nur zum Anlass, möglichst aus­führlich und auss­chweifend über die Erzäh­lun­gen Stifters zu schreiben — und die vol­lends biographisch erk­lären zu wollen. Das klappt natür­lich alles vorne und hin­ten nicht, deswe­gen wird munter und wild drauf los spekuliert. Eine sehr unan­genehme Sache, das — Biographis­mus ist ja sowieso schon eine — meines Eracht­ens — gefährliche Sache voller Fall­stricke, hier ist sie jeden­falls vol­lends miss­glückt: Wed­er das Leben noch das Werk wird so ver­ständlich oder erk­lärt. — Eine Biogra­phie, die das Biographis­che mei­det, weil sie lieber im Werk sich tum­melt — ohne das aber wesentlich aufhellen zu kön­nen, weil sie es wieder nur aus dem Biographis­chen (bzw. ein bis zwei Motiv­en, die sich daraus ergeben) zu ver­ste­hen ver­sucht, und zwang­haft wilde Fol­gerun­gen anstellt …

Carl Schmitt: Römis­ch­er Katholizis­mus und poli­tis­che Form. 5. Auflage. Stuttgart: Klett-Cot­ta 2008 [1923]. 65 Seit­en.

Sem­i­narlek­türe ;-). Aber nicht unspan­nend: Schmitts Panora­ma der europäis­chen Geis­tegeschichte (ab dem Mit­te­lal­ter) und der katholis­chen Kirche als com­plexio oppos­i­to­rum. Typ­isch Schmitt, set­zt das mit einem Pauken­schlag ein: “Es gibt einen anti-römis­chen Affekt.” (5) Daraus speist und dazu führt dann der ganze fol­gende Text: Zu zeigen, dass es der römis­chen Kirche als com­plexio oppos­i­to­rum gelingt, gegenüber den weltlichen Dif­feren­zen der Ide­olo­gien und Unter­schieden und Verän­derun­gen durch die Jahrhun­derte gewis­ser­maßen gelassen oder absorbierend zu bleiben (Schmitt nen­nt das die “Elas­tiz­ität” der Kirche), woraus sich — mit ihrer unge­heur­eren hier­ar­chis­chen Struk­tur — die “unfass­bare poli­tis­che Macht” (6) der katholis­chen Kirche sich speist. Sehr inter­es­sant sind dann gegen Ende auch seine Über­legun­gen zur Repräsen­ta­tion und deren Fehlen in der mod­er­nen Gesellschaft und im mod­er­nen Staat (auch wenn ich die Fol­gerun­gen Schmitts nicht unbe­d­ingt teile).

Johann Chris­t­ian Gün­ther: Werke. Her­aus­gegeben von Rein­er Böhlhoff. Frank­furt am Main: Deutsch­er Klas­sik­er Ver­lag 1998 (Bib­lio­thek der Frühen Neuzeit, Band 10) 1596 Seit­en.

Kreuz-und-quer-Lek­türe einiger Gedichte. Die komemn — das scheint mir im Moment typ­isch für Gün­ther — in der Regel eher “tra­di­tionell” oder tra­di­tions-kon­form daher, ver­steck­en in ein­er geschick­ten Dop­pel­bödigkeit aber oft genug ger­ade ein Spiel mit den tra­di­tionellen For­men und Topoi, oft in ein­er kri­tis­chen oder satirischen Hal­tung. Sehr span­nend das, auch weil die Gedichte aus dem Kanon weites­ge­hend ver­schwun­den sind oder sich höch­stens als einzelne Exem­plare, aber nicht als inte­grales Werk eines Autors dort noch zeigen (Gün­ther ist auch als Men­sch offen­bar — so weit wir das bei der eher mäßi­gen Quel­len­lage heute noch sagen kön­nen — eine sehr inter­es­sante Gestalt gewe­sen …).

außer­dem noch ein biss­chen Stifter und Schnit­zler …

Netzfunde der letzten Tage

Meine Net­z­funde für die Zeit vom 5.3. zum 14.3.:

  • Wie klas­sis­che Musik fasziniert, heute — Hans Ulrich Gum­brecht über­legt in seinem FAZ-Blog “Digital/Pausen” aus Anlass eines (offen­bar recht typ­is­chen) Konz­ertes mit Stre­ichquar­tet­ten und ähn­lichem, warum uns Musik der Klas­sik (& Roman­tik) anders/mehr fasziniert als die der Mod­erne (hier: Brit­ten (!)) -

    Noch inten­siv­er als die Musik unser­er Gegen­wart vielle­icht scheinen viele Stücke aus dem Reper­toire, das wir “klas­sisch” nen­nen, diese Ahnung, diese unsere Exis­tenz grundierende Erin­nerung zu eröff­nen, wieder Teil ein­er Welt der Dinge zu wer­den. Genau das kön­nte die Intu­ition, die vor­be­wusste Intu­ition der Hör­er im aus­geschnit­te­nen Marathon-Hemd sein — die sich zu weinen und zu lachen erlauben, wenn sie Mozart und Beethoven hören.

    (via Pub­lished arti­cles)

  • Abmah­nung für Klaus Graf in der Causa Scha­van | Schmalenstroer.net — Abmah­nung für Klaus Graf in der Causa Scha­van (via Pub­lished arti­cles)
  • John­sons JAHRESTAGE — Der Kom­men­tar — Kom­men­tar zu Uwe John­sons Roman »Jahrestage«
  • Kleines Adreßbuch für Jeri­chow und New York — Rolf Michaelis: Kleines Adreßbuch für Jeri­chow und New York.
    Ein Reg­is­ter zu Uwe John­sons Roman »Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cress­pahl« (1970–1983)
    Über­ar­beit­et und neu her­aus­gegeben von Anke-Marie Lohmeier
    Über­ar­beit­ete, dig­i­tale Neuaus­gabe 2012
  • Abschluss der «Enzyk­lopädie der Neuzeit»: Die Vor­mod­erne in sechzehn Bän­den — Thomas Mais­sen lobt — mit eini­gen Ein­schränkun­gen — in der NZZ die plan­gerecht abgeschlossene EdN:

    «Schluss­be­tra­ch­tun­gen und Ergeb­nisse» run­den das Werk ab. Das ist für eine Enzyk­lopädie ungewöhn­lich, macht aber das pro­gram­ma­tis­che Ziel deut­lich. Die «Enzyk­lopädie der Neuzeit» sam­melt nicht abschliessend Wis­sen, son­dern will die Grund­lage abgeben für neuar­tige Unter­suchun­gen zu his­torischen Prozessen, welche vor den Gren­zen der Diszi­plinen eben­so wenig halt­machen wie vor den­jeni­gen der Natio­nen und Kul­turen. Insofern dient das Werk primär Forschen­den und Lehren­den, die ihren eige­nen Zugang rel­a­tivieren und erweit­ern wollen, durch kom­pakt und reflek­tiert präsen­tierte Infor­ma­tion auf hohem Niveau.

  • Sprach­schmug­gler in der Wikipedia? – Sprachlog — Sprach­schmug­gler in der Wikipedia? (via Pub­lished arti­cles)
  • DDR-Presse (ZEFYS) — Im Rah­men eines von der Deutschen Forschungs­ge­mein­schaft (DFG) geförderten Pro­jek­ts wer­den drei DDR-Tageszeitun­gen dig­i­tal­isiert und im Voll­text erschlossen: Neues Deutsch­land [ND] (23. April 1946 — 3. Okto­ber 1990, voll­ständig in Präsen­ta­tion), Berlin­er Zeitung [BZ] (21. Mai 1945 — 3. Okto­ber 1990, 1945–1964 in Präsen­ta­tion) & Neue Zeit [NZ] (22. Juli 1945 — 5. Juli 1994, Präsen­ta­tion fol­gt)

    Damit ist ein erster, bedeu­ten­der Teil der Tage­spresse der SBZ (Sow­jetis­che Besatzungszone, 1945–1949) und der DDR (Deutsche Demokratis­che Repub­lik, 1949–1990) für die wis­senschaftliche Forschung und Recherche frei zugänglich.

  • Druck­sachen und Ple­narpro­tokolle des Bun­destages — 1949 bis 2005 — In diesem elek­tro­n­is­chen Archiv kön­nen sämtliche Druck­sachen und Stenografis­chen Berichte des Deutschen Bun­destages von der 1. bis zur 15. Wahlpe­ri­ode recher­chiert und im pdf-For­mat abgerufen wer­den.

Again and Again and Again and Again

Wien also mal wieder. Dieses Mal aber unter ganz beson­deren Gesicht­spunk­ten: “Wien — die kaiser­liche Res­i­den­zs­tadt” hieß die Exkur­sion des His­torischen Sem­i­nars, an der ich — auf­grund einiger glück­lich­er Umstände — trotz ver­späteter Anmel­dung noch teil­nehmen durfte/konnte. So machte ich mich am Fre­itag also wieder ein­mal auf nach Wien, eine mein­er Lieblingsstädte.

Das war aber auch schon gle­ich die erste Her­aus­forderung: Tre­ff­punkt zur Abfahrt war 7:30 Uhr am Mainz­er Haupt­bahn­hof. Das hieß für mich: Der Weck­er klin­gelte um 5:30 Uhr, damit ich noch ohne größere Zeit­not eine Runde laufen gehen kon­nte. Trotz der unbarmherzi­gen Zeit hat das gut geklappt, ich war dann sog­ar noch fast zu früh am Bahn­hof, wo so langsam alle anderen der 15 Teil­nehmer ein­trudel­ten. Der Region­alzug braucht uns dann unprob­lema­tisch zum Frank­furter FLughafen, von dort ging’s mit Air Berlin — bzw. mit dem Air­bus 320 der Niki Air — ohne Prob­lem nach Wien Schwechat. Und dort erst mal wieder in den Zug, der uns zu Wien Mitte brachte, von wo aus die Straßen­bahn weit­er­half. Und nach ein paar hun­dert Metern Fuß­marsch standen wir dann in der Baustelle, d.h. direkt vor dem Hotel Acad­e­mia in der Pfeil­gasse. Das liegt zwar recht prak­tisch, nicht weit vom Bur­gring, ist aber auch recht spar­tanisch und fast schon ein Denkmal. Seit der Eröff­nung in den 1960ern hat sich an der Innenein­rich­tung näm­lich offen­bar gar nichts getan — nur etwas abgenutzt wurde sie im Laufe der Zeit. Aber immer­hin war’s sauber — und viel Zeit ver­bracht­en wir da ja eh nicht.

Schon am ersten Tag ging es gle­ich mit­tags los — mit einem großen Rundgang durch den 1. Bezirk und entsprechen­den Aus­führun­gen zur “Stadt­to­pogra­phie” — Par­la­ment, Rathaus (Alt und Neu), Burgth­e­ater, Uni­ver­sität, Votivkirche, Juden­platz, St. Ruprecht, St. Stephan, Alberti­na, Staat­sop­er — und schließlich noch die Hof­burg in all ihren Teilen (vor der neuen Burg, auf dem Helden­platz, wurde allerd­ings ger­ade noch das Erntedank­fest des Bauern­ver­ban­des aufge­baut). Mit dem Extra-Refer­at zur Baugeschichte waren wir dann erst fer­tig, als die Sonne schon längst ver­schwun­den war und das Licht nur noch vom Mond und aus den Straßen­later­nen schien.

Sam­stags klin­gelte mein Handy­weck­er wieder aus­ge­sprochen früh, näm­lich bere­its um 6:30. Wieder eine Mor­gen­laufrunde, die mich über den Ring und Karl­splatz zum Belle­vue führte, wo um diese Zeit noch (fast) nichts los war. Über Naschmarkt und Karl­splatz fand ich deann den Weg zurück — auch wenn ich zwis­chen­durch an meinem Ori­en­tierungssinn etwas zweifelte. Und angesichts der Alko­holle­ichen, die beim Naschmarkt aus dem Club in die Tax­en fie­len, einen anderen Rück­weg bevorzugt hätte. Nach dem eher kar­gen Früh­stück (lei­der ohne Müs­li) war es auch schon Zeit für dem gemein­samen Abmarsch: Zurück zum Belvedere. Dieses Mal aber mit der Straßen­bahn. Und dort dann aus­führliche Erkun­dung: Erst mit dem biographis­chen Refer­at zu Prinz Eugen, dem Erbauer dieser Som­mer­res­i­denz (das auch gle­ich den Hin­ter­grund für mein eigenes Refer­at am Mit­tag lieferte). Und dann ein super aus­führlich­er Vor­trag zur barock­en Garten­baukun­st, mit dem großar­tig­sten Hand­out, das ich je gese­hen habe — vollgestopft mit (far­bigen!) Abbil­dun­gen und Hin­weisen … Der Garten beschäftigte uns noch den Rest des Vor­mit­tags — bei dem strahlen­den Son­nen­schein und Tem­per­ar­turen um 30 °C hat­ten wir allerd­ings die Ten­denz, Schat­ten­zu suchen. Danach führte uns unser Weg zum Arse­nal, wo sich das Her­res­geschichtliche Muse­um befind­et. Davor, im Schweiz­er­park, durfte ich noch zu “Prinz Eugen als öster­re­ichis­chem Erin­nerung­sort” referieren — trotz mein­er etwas knap­pen Vor­bere­itung und mein­er eher kon­fusen Notatate hat das ganz gut geklappt. Das Heeres­geschichtliche Muse­um war ein sehr selt­sames Erlebe­nis: Ein großar­tiger Bau (vor allem wenn man den ursprünglichen Zweck als Arse­nal bedenkt), der ganz unbeschei­den auf das Arse­nal von Venedig (vor allem in der äußeren Gestal­tung) und den dor­ti­gen Markus­dom (ins­beson­dere im Inneren, den Deck­en und der Benutzung von Gold(-farbe), Die Ausstel­lung in diesem Meis­ter­w­erk des His­tor­izis­mus war allerd­ings so ziem­lich die schreck­lich­ste, die ich ich erin­nere — nicht nur wegen der Exponate, son­dern auch wegen der Präsen­ta­tion: Ohne Zusam­men­hang, ohne Erk­lärung, ohne Ord­nung und Einord­nung wer­den hier ein­fach man­nig­faltige Waf­fen, Schlacht­en­bilder, Heer­führer etc … hingestellt. Der Prinz-Eugen-Raum ist dann auch ein ziem­lich­er Witz: Ein unbeleuchtetes, stark nachge­dunkeltes Porträt, die Bahrtüch­er und kaum mehr, das ganze unauf­fäl­lig in der Ecke unterge­bracht. Etwas bess­er war die Ausstel­lung im Teil zum Zweit­en Weltkrieg — aber auch hier noch total über­laden. Ntür­lich inter­essiert mich Mil­itärgeschichte auch aller­höch­stens periph­er — aber das ist ja sozusagen mein Prob­lem. Hier zeigte sie sich aber auch von ihrer unansehn­lich­sten Seite. Eine kleine spezielle Freude bere­it­ete allerd­ings die Probe ein­er kleinen Schaus­piel­truppe, die an Hein­er Müllers “Woloko­lamsker Chaussee “arbeit­ete und auf dem Balkon des Arse­nals einiges aus­pro­bierte — ich habe lange keinen Müller-Text (in diesem unver­wech­sel­baren Sound!) mehr live gehört …

Nach der Mit­tagspause in der “kleinen Steier­mark” im Schweiz­er­park trafen wir uns am  Karl­splatz wieder zur Abfahrt zum von Touris­ten natür­lich total über­laufe­nen Schloss Schön­brunn, wo wir uns an der Ecke des Gartens zunächst Maria There­sia wid­me­ten, bevor wir den Garten spazierend erschlossen — inklu­sive einem Abstech­er zur Glo­ri­ette mit ihrem schö­nen Aus­blick über Garten, Schloss und Stadt.  Nach der Rück­kehr in die Stadt ver­schlug es uns in die “Kan­tine” im Muse­um­squarti­er, wo man nicht nur gut speisen kon­nte, son­dern auch sehr schön am Sam­stag Abend ein­fach noch entspan­nt den Tag ausklin­gen lassen kon­nte.

Der Son­ntag begann — natür­lich — wieder mit einem Mor­gen­lauf. Dieses Mal führten meine Füße mich über die West­bahn auf die Heili­gen­städter Straße, ein­fach ger­ade stad­tauswärts. Zum GLück fand ich auf dieser Strecke eine McDon­alds-Fil­iale, son­st wäre es zu einem Not­fall gekom­men — mor­gens laufen ist ein­fach nicht mein Ding …Vor­mit­tags standen zunächst zwei weit­ere Som­mer­res­i­den­zen auf der Stadt, die im 18. Jahrhun­dert noch vor der Stadt lagen, heute aber schon zum Kern gehören. Wir began­nen mit dem Palais Schön­born: Davon ist aber nur sehr wenig übrig, vor allem vorm Garten gar nichts — und auch noch dazu mit ein­er falsch beschriftete Beschilderung, wie wir fest­stellen mussten. Dann wid­me­ten wir uns dem Palais Liecht­en­stein, das nicht nur von Anfang an wesentlich repräsen­ta­tiv­er, größer und ästhetis­che beein­druck­ern­der angelegt war, son­dern auch schön restau­ri­ert wurde und vor allem über einen schö­nen Garten ver­fügt. Das ist allerd­ings auch nicht mehr die ori­gian­le barocke Anlage, son­dern eine Umgestal­tung des 19. Jahrhun­derts zum Englis­chen Garten. Natür­lich wurde der “reine” Besuch der Orte auch hier jew­eils mit den entsprech­enen Fachrefer­at­en zur Fam­i­liengeschichte ergänzt. Das Ende des Vor­mit­tagspro­gramms bildete — nach einem Überblick über Wien als “Stadt, in der der Kaiser resi­dierte” — der Besuch des Wien-Muse­ums neben der Karl­skirche. Und das lohnt sich wirk­lich. Nicht nur wegen der vie­len Stad­tan­sicht­en, auch die Exponate sind hier bunt gemis­cht aus Stadtleben und Kun­st und mit kurzen, aber aus­re­ichen­den Tex­ten schön zusam­mengestellt. High­lights sind — neben den Fen­stern und Stat­uen von St. Stephan (den Orig­i­nalen, die dort schon im 19. Jahrhun­dert durch Kopi­en erset­zt wur­den) —  vor allem die drei auf-/nachge­baut­en Räume: Das Wohnz­im­mer Alfred Loos’, die Wohnugn von Grill­parz­er und ein großbürg­er­lich­er-adliger Jugend­stil-Salon. Eine lebendi­ge, umfassende Austel­lung zur Geschichte Wiens in Schlaglichtern.

Den Nach­mit­tag wid­me­ten wir aus­führlich der Karl­skirche, dem äußeren und inneren Bild­pro­gramm, ihrer Pla­nung, Entste­hung und Aus­führung. Und natür­lich besod­ners den Fresken der inneren Kup­peln, weil noch die Möglichkeit bestand, das ehe­mal szu Restau­rierungsar­beit­en aufgestellte Gerüst mit dem Lift (und eini­gen abschließen­den Trep­pen) zu nutzen, die Fresken aus wirk­lich unmit­tel­bar­er Nähe zu bestaunen — erstaunlich, wie detail­re­ich die aus­ge­führt wur­den, obwohl sie doch eigentlich für die Betra­ch­tung vom Boden aus angelegt waren. Aus der Lat­er­ne ganz oben kon­nte man sog­ar einen schö­nen, weit­en Blick über die Wiener City wer­fen — nur schade, dass man nicht hin­aus kon­nte: Das wäre span­nend gewe­sen … Den Rest des Nach­mit­tags ver­bracht­en wir dann mit einem Spazier­gang über den Graben und auf dem angenehm entspan­nten Erntedank­fest, wo es auch leck­eren Saft gab — bei gut 30 °C und weit­er­hin purem Son­nen­schein ein wahre Genuss. Abends lan­de­ten wir dann zu Speis und Trank im “Bet­tel­stu­den­ten”, der uns mit einem großzügi­gen Gutschein über die Hälfte des Rech­nungswertes über­raschte — damit war der Plan für Mon­tag auch klar …

Aber noch war es nicht so weit. Der Mon­tag begann näm­lich noch etwas früher — wegen des Auf­bruchs um 8:30 Uhr fiel mein Mor­gen­lauf allerd­ings auch etwas kürz­er aus. Unser Pro­gramm führte uns zunächst zum Haus‑, Hof- und Staat­sarchiv, mit inter­es­san­ter, weit aus­greifend­er Führung. Inter­es­sant nicht nur die Geschichte des Archives, son­dern auch die des Archivs­baus, ein­er Stahlträgerkon­struk­tions mit Git­ter­bö­den (für die bessere Luftzirku­la­tion) in den Depots, die auch über erstaunlich kun­stvoll gear­beit­ete Met­all­re­gale (die zugle­ich Teil der tra­gen­den Kon­struk­tion sind) aus dem 19. Jahrhun­dert ver­fügt. Und in denen natür­lich wahnsin­nige Schätze lagern … Sehen durften wir — neben eini­gen Fak­sim­i­les — davon einige der pri­vat­en Tage­büch­er Karl VI. Inter­es­sant, wie sich so eine Schrift im Laufe der Jahre verän­dert. Und wie auf manchen Seit­en mehr Zif­fern als Buch­staben zu find­en sind, weil Karl ger­ade in späteren Jahren doch einiges nur chiffriert notierte. Dem Besuch der “archivalis­chen Sätze” schloss sich ein Besuch der weltlichen an: In der Schatzkam­mer der Burg bestaunten wir vor allem die Reichsin­signien (mit Refer­at, natür­lich), die alte Kaiserkro­ne, Szepter, Schw­ert, Reich­sapfel und den ganzen wertvollen Krem­pel, nicht zulet­zt die Krö­nungs­gewän­der. Und natür­lich auch den Schatz des Ordens vom Gold­e­nen Vlies, den uns ein anderes Refer­at schon vorgestellt hat­te.

Nach unser­er kleinen Pause im Cafe Cen­tral — ein Kaf­fee­haus­be­such pro Wienbe­such ist ja sozusagen oblig­a­torisch — fuhren wir mit U‑Bahn und Bus nach Klosterneuburg, bestaunten unter­wegs schon den Karl-Marx-Hof, eines der größten Pro­jek­te des Sozial­woh­nungs­baus und wid­me­ten dann viel Aufmerk­samkeit dem Stift Klosterneuburg, sein­er barock­en Kirche mit ihrer fast prono­graphis­chen Pracht und vor allem dem Res­i­den­zteil, den mageren Resten des Esco­r­i­al-Plans Karls VI. (allein die Reich­skro­ne auf der Mit­telkup­pel hat jagi­gan­tis­che Aus­maße  auch wenn sie nur aus Kupfer ist …) und sahen auch, wie solche Pracht­baut­en im Rohbau aus­sa­hen … Auf dem Rück­weg kehrten wir noch beim Heuri­gen ein und genossen aus­re­ichende Men­gen des “Sturms”, wie die Öster­re­ich­er den Fed­er­weißen nen­nen. Abschließen mussten wir den Abend natür­lich mit ein­er Rück­kehr zum Bet­tel­stu­den­ten — schließlich bran­nte der Gutschein ein Loch in unsere Tasche (über­lebte aber naturgemäß den Abend nicht …).

Am Dien­stag schließlich ging es noch ein­mal früher los, jet­zt klin­gelte mein Weck­er um 6:15 Uhr — so langsam wurde es hart. Und die Lust, über­haupt zu laufen, schwand auch merk­lich … Nach dem Früh­stück zogen wir um 8 Uhr los, die Kof­fer schon ein­mal in Wien Mitte für den Flug aufgeben und wid­me­ten uns dann noch, ganz zum Schluss, der hab­s­bur­gis­chen Memo­ri­alkul­tur: Zunächst in der schö­nen Augustin­erkirche, wo vor allem die Herz­gruft Beach­tung fand, dann in der Kapuzin­er­gruft mit den irrsin­ni­gen Sakropha­gen der Hab­s­burg­er, vor allem den Prach­tex­em­plaren von etwa Karl VI. oder dem gemein­samen Sakrophag von Maria There­sia und ihrem Gemahl Franz Stephan. Und das war’s auch schon fast: In der verbleibendne Freizeit gin­gen wir zu dritt noch ins Mumok, in die großar­tige, ger­ade erst eröffnete Ausstel­lung “Muse­um der Wün­sche” — so etwas wie eine Ret­ro­spek­tive des Muse­ums, aus der eige­nen Samm­lung v.a., die grandiose Klas­sik­er der Mod­erne mit zeit­genös­sis­chen Ver­rück­theit­en kom­biniert und ver­sucht, da so etwas wie Ord­nung hineinzubrin­gen: Unge­mein faszinierend wirk­lich in fast jedem Raum, nur halt  wahnsin­nig viel …

Nach dem abschließen­den leck­eren Käsekrain­er düsten wir mit dem CAT zum Flughafen — und dann auch schon Up & Away nach Deutsch­land, mit der S‑Bahn von Frank­furt zurück nach Mainz, wo mein Bett  mich sozusagen schon erwartete …

Eine span­nende Exkur­sion war das, sich­er, auch ziem­lich anstren­gend — aber schön. Und lehrre­ich. Und inter­es­sant. Nicht zulet­zt wegen der angenehmen Gruppe ;-)

PS: Der Titel ist natür­lich eine pop­kul­turelle Ref­erenz [die mit Wien nix weit­er zu tun hat …] — wer findet’s her­aus?

Seite 2 von 2

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén