Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: franz josef czernin

Sinn

Ver­se stel­len ihrem Sinn ein Bein oder ihrem Fuß einen Sinn.

—Franz Josef Czern­in: Sät­ze (73)

Aus-Lese #34

Joa­chim Lott­mann: End­lich Koka­in. Köln: Kie­pen­heu­er & Witsch 2014. 195 Sei­ten (ebook)

lottmann, endlich kokainFünf Kapi­tel zwi­schen Wien und Ber­lin, in denen Lott­mann sei­nen Prot­ago­nis­ten die Eupho­rie des Rausch­gifts und (weni­ger stark aus­ge­prägt) den Absturz des Ent­zugs anhand der als über­all ver­füg­ba­re und über­all genut­zen Mode­dro­ge Koka­in (der Titel macht ja kein Geheim­nis dar­aus) erfah­ren lässt. Dabei steht aber nicht der Rausch im Mit­tel­punkt (und am Ziel des Dro­gen­kon­sums), son­dern die „Neben­ef­fek­te“: Das Abneh­men, das geän­der­te Sozi­al­ver­hal­ten, die anders er- und aus­ge­leb­te Sexua­li­tät – und das Geld. Die durch­aus komi­schen und amü­san­ten Schil­de­run­gen der Erleb­nis­se, die dem Hel­den auf die­ser, nun ja, Irr­fahrt begeg­nen, ergänzt Lott­mann etwas moti­va­ti­ons­los (und für den Text auch aus­ge­pro­chen fol­gen­los) sowie nicht sehr geschickt mit dem „Wis­sen­schaft­li­chen Tage­buch“ des Prot­ago­nis­ten, des­sen Ein­tra­gun­gen ganz ste­reo­typ mit „Lie­bes wis­sen­schaft­li­ches Tage­buch,“ begin­nen, die vom Erzäh­ler brav zitiert wer­den und vor allem durch ihre unglaub­wür­di­ge Nai­vi­tät auf­fal­len. Ansons­ten besticht der hete­ro­die­ge­ti­sche Erzäh­ler vor allem durch sein ent­spann­tes, leicht distan­zier­tes Plau­dern, das mit Sym­pa­thie für sei­ne Haupt­fi­gur Ste­phan Brau­mer erzählt, dabei des­sen Neu­gier und auch Befrem­den ange­sichts der „Per­ver­sio­nen“ der ande­ren tei­lend. End­lich Koka­in ist aber nicht nur ein Dro­gen­ro­man – das wäre Lott­mann wohl zu wenig. Zugleich will der Text auch noch eine Kunst­be­triebs­sa­ti­re sein. Das klappt so halb­wegs, ver­san­det aber in der net­ten Harm­lo­sig­keit. Und auch eine Anti-Ent­wick­lungs­ro­man (aller­dings mit ver­söhn­li­chem Hap­py-Ende soll das noch sein. Da aber über­haupt alles nett und flo­ckig bleibt, nir­gends hart (auch sprach­lich nicht), klappt das, was über den unter­halt­sa­men Bericht der täp­pi­schen Unter­neh­mun­gen Braum­ers hin­aus­geht, auch nur sel­ten. Bartels fasst das in sei­ner Rezen­si­on ganz gut zuammen: 

Am bes­ten ist es, „End­lich Koka­in“ wie im Rausch in einem Zug zu lesen, dann ist der Spaß am aller­größ­ten. Sonst könn­te man leicht auf den Gedan­ken kom­men, schon bes­se­re Dro­gen­ro­ma­ne und Kunst­be­triebs­sa­ti­ren gele­sen zu haben.

Jens Ditt­mar: So kalt und schön. Ein Son­der­weg. Aus dem Nach­lass von Hil­de­gard Klein­schmidt (Temuco/​Chile) her­aus­ge­ge­ben, kom­men­tiert und mit Anmer­kun­gen ver­se­hen von Jens Ditt­mar. Hohen­ems: Bucher 2014.

dittmarEinen post­mo­der­nen Schel­men­ro­man ver­heißt der Umschlag­text. Den bekommt man aller­dings nicht. Lesen kann man So kalt und schön am bes­ten als Ver­such, einen sol­chen zu schrei­ben – ein Ver­such, der nicht so rich­tig glückt. Denn auf bei­den Ebe­nen bleibt Ditt­mar vor dem Ziel ste­hen: Weder ist das ein gelun­ge­ner Schel­men­ro­man – die Ele­men­te sind da, der Witz fehlt … -, noch kann der post­mo­der­ne Aspekt über­zeu­gen. Der erschöpft sich näm­lich im Auf- und Vor­füh­ren von mög­lichst vie­len Namen, die im Kul­tur­le­ben (vor allem im lite­ra­ri­schen Teil) der Bun­des­re­pu­blik eine Rol­le spiel­ten. Das geschieht aber regel­mä­ßig ohne beson­de­re Moti­va­ti­on, so dass es lee­re Ges­te bleibt. Typisch für die­se Halb­her­zig­keit, die viel von dem Text durch­zieht, ist die Tat­sa­che, dass die Her­aus­ge­ber­fik­ti­on den Ver­lag über­for­der­te oder der sie nicht mit­ma­chen woll­te und sie des­halb gleich auf dem Titel­blatt „zer­stört“ – dann kann man sich so etwas auch gleich spa­ren. Ähn­li­ches gilt für die „Anmer­kun­gen“, die bloß belang­los sind und will­kür­lich ein paar Fak­ten im Wiki­pe­dia-Stil hinzufügen.

Der Erzäh­ler ist ein pene­trant dozie­ren­der Erzäh­ler, der mehr erklärt (und vor­führt, gera­de an Büchern und Gestal­ten und Autoren) als er erzählt: „Und Andrea ver­such­te, sich das vor­zu­stel­len, aber es ging nicht.“ (67) heißt es ein­mal – so ähn­lich geht es dem Leser (d.h. mir) auch. 

Horst Brun­ner (Hrsg.): Von acht­zehn Wach­teln und dem Fin­ken­rit­ter. Deut­sche Unsinns­dich­tung des Mit­tel­al­ters und der Frü­hen Neu­zeit. Stutt­gart: Reclam 2014. 163 Seiten.

wachtelnDie­ses schma­le Reclam-Bänd­chen ist wun­der­ba­re lus­ti­ge und lust­vol­le Lek­tü­re für zwi­schen­durch: Kurio­sa aus der Lita­tur­ge­schich­te des Mit­tel­hoch­deut­schen und vor allem der Frü­hen Neu­zeit. Brun­ner schreibt im Nachwort: 

Auch im Mit­tel­al­ter und in der Frü­hen Neu­zeit gab es Men­schen, die gern und ent­spannt gelacht haben, weder dach­ten sie unaus­ge­setzt an das Jen­seits, noch an den Sinn ihrer stän­di­schen Exis­tenz, noch an Rebel­li­on und Auf­rü­hertum. Die Tex­te, die ihnen gefal­len haben, kön­nen durch­aus auch uns heu­te noch erfreu­en. (163)

In der Tat, die Dich­tun­gen über Tie­re, Unmög­lich­kei­ten und ver­kehr­te Wel­ten sind erfreu­lich, im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. „Das Schlau­raf­fen Landt“ von Hans Sachs ist wohl der bekann­tes­te Text die­ser Samm­lung. Sehr schön aber auch der „Fin­ken­rit­ter“ in der Tra­di­ti­on des Rit­ter­ro­mans und mit Ver­wand­schaf­ten zum Schel­men­ro­man (Chris­ti­an Reu­ter könn­te sich hier durch­aus bedient haben, denkt man beim Lesen manch­mal, zum Bei­spiel bei der Schil­de­rung der Geburt, die doch eini­ge Ähn­lich­kei­ten zum Schel­muff­sky auf­weist). Ansons­ten: Viel Umkeh­rung des Sinns, ohne dass immer und unbe­dingt neu­er Sinn dar­aus wird und auch nicht wer­den soll – also Un-Sinn im wahrs­ten Sinn des Wor­tes. Die Mit­tel sind zum Bei­spiel die ver­kehr­te Sprach­welt, in der kon­se­quent Sub­jekt und Objekt der Ver­se ver­tauscht wer­den. Oder ein­fach Unmög­lich­kei­ten der Welt, in denen immer wie­der der Tri­umph der Schwa­chen über Star­ke, der Gejag­ten über Jäger her­vor­blitzt. Sprach­lich spie­len natür­lich auch Mit­tel der Ver­keh­rung wie die con­tra­dic­tio in adiec­to, das Para­do­xon oder der ad absur­dum getrie­be­ne Reim­zwang eine gro­ße Rolle.

Ein Bei­spiel aus dem anony­men „Puch von den Wach­teln“, ca. 1380:

geflo­gen kam ain regenwurm,
der hub den aller grös­ten sturm
mit ainem igel, der waz plos
herr diet­rich von pern schoz
durch ain alten enu­en wagen,
herr hil­de­prant durchn kragen,
herr Ekk durch den schüzzelkreben -
Chriem­hilt ver­loz da ir leben,
da plut gen mainz ran.
herr vasolt kaum entran,
des leibs er sich verwak.
sib­ent­ze­hen waht­eln in den sak!

Mar­le­ne Stre­eru­witz: Nach­kom­men.. Frank­furt: Fischer 2014. 432 Seiten. 

Sie muss­te durch­set­zen, dass das ein Roman war und kein Buch und dass es rich­tig war, dass es Roma­ne gab, und dass es um die Wahr­heit ging. Um die vie­len Mög­lich­kei­ten davon. (313)

streeruwitz, nachkommen.Stre­eru­witz schreibt wei­ter an ihrem Pro­jekt zu Wahr­heit und rich­ti­gen Leben, zum Ver­hält­nis der Geschlech­ter, und, hier sehr deut­lich, zum Pro­blem der Aus­beu­tung. Im Gegen­satz zu so man­chen Rezen­sio­nen geht es in Nach­kom­men. gar nicht so sehr um den Lite­ra­tur­be­trieb – das ist kein Schlüs­sel­ro­man. Der Betrieb um die Ware Buch, gemacht aus Roma­nen und ande­ren Tex­ten (der Unter­schied ist schon ent­schei­dend, für Stre­eru­witz und ihre Prot­ago­nis­tin Nelia Fehn), ist eigent­lich nur das Set­ting, der Rah­men, vor/​in dem sich das Ent­schei­den­de abspielt.

Das Ent­schei­den­de, um dem es in Nach­kom­men. geht, ist in mei­ner Les­art auch nicht das, was der Klap­pen­text ver­heißt, näm­lich „ein Roman über die Ord­nung der Gene­ra­tio­nen“. Eigent­lich – und ich fin­de das so deut­lich, dass es schon fast über­trie­ben ist ist Nach­kom­men. ein Roman über Aus­beu­tung. Es geht dar­um zu zei­gen, wie eine jun­ge Frau (das Geschlecht ist nicht unwich­tig!) das kapi­ta­lis­ti­sche „Funk­tio­nie­ren“ (ein-)übt, erkennt und – an sich, ihren eige­nen Hand­lun­gen und denen ande­rer Men­schen wie dem schmie­ri­gen Ver­le­ger, den Mäze­nen, den Kri­ti­ke­rin­nen etc – reflek­tiert und kri­ti­siert. Wobei „Kri­tik“ viel­leicht schon zu viel ver­spricht, näm­lich die Idee einer Alter­na­ti­ve, einer ver­hei­ßungs­vol­len Idee oder so. Dar­um geht es aber nicht, das weiß Nelia Fehn (die eigent­lich Cor­ne­lia heißt) auch. Es geht aber dar­um, erst ein­mal zu zei­gen, wie die An-/Ein­pas­sung in ein (über­mäch­ti­ges) öko­no­mi­sches Sys­tem funk­tio­niert und was das für Fol­gen für das Indi­vi­du­um hat, wenn die­ses Sys­tem (nur) nach öko­no­mi­schen Kri­te­ri­en funk­tio­niert und nicht ein sinn­haf­tes, men­schen­freund­li­ches ist. Die Hand­lung – die Buch­preis­ze­re­mo­nie, die Frank­fur­ter Buch­mes­se, die Inter­views, die Trau­er um die Mut­ter, die Begeg­nung mit dem absen­ten Vater – zeigt also die Aus­beu­tung auf ver­schie­de­nen Ebe­nen, als Selbst-Aus­beu­tung, als Aus­beu­tung durch den Ver­lag, durch die Medi­en, durch die Fami­lie, aber auch die Aus­beu­tung ande­rer (etwa in Form bil­li­ger Abeits­kräf­te, hier v.a. anhand der Tex­til­pro­duk­ti­on in Fern­ost, der Kri­se in Grie­chen­land etc.): Aus­beu­tung ist sozu­sa­gen ein omni­prä­sen­tes Motiv im Text. Das funk­tio­niert gera­de des­halb so gut, weil der Roman eben kei­nen Aus­weg zei­gen will und kann: Er will das Pro­blem bewusst machen und nicht ein­fa­che Lösun­gen pro­pa­gie­ren. Die Absur­di­tät und Kom­ple­xi­tät und Unent­rinn­bar­keit der Schlech­tig­keit der Welt, die sich auch in der Gene­ra­tio­nen­un­ge­rech­tig­keit spie­gelt (nicht nur als ein Macht­pro­blem im direk­ten Ver­hält­nis, son­dern grund­sätz­lich!) kann der Text auf­zei­gen. Aber ein Schlüs­sel­ro­man des Lite­ra­tur­be­triebs ist das natür­lich nicht – höchest so, wie die Bud­den­brooks ein Schlüs­sel­ro­man des Getrei­de­han­dels sind. Es geht nicht um dem Lite­ra­tur­be­trieb. Lite­ra­tur ist unwich­tig (gewor­den) – gera­de das erfährt und bemerkt und zeigt die Prot­ago­nis­tin ja immer wie­der: die Lee­re, die nur noch Betrieb und nicht mehr Lite­ra­tur ist. Vor allem geht es in Nach­kom­men. aber um ande­res: Frau­en (und Män­ner) und ihre Rol­len, Gene­ra­tio­nen, und, ganz wich­tig, das Funk­tio­nie­ren in der kapi­ta­lis­tisch orga­ni­sier­ten und durch­drun­ge­nen Gesell­schaft als ein Funk­tio­nie­ren (der Men­schen bzw. ihrer jewei­li­gen der­zei­ti­gen Rol­len) im kapi­ta­lis­ti­schen Sin­ne, das trotz Kri­se die Ver-Wer­tung, also: die Aus­nut­zung nicht behin­dert. Oder anders gesagt: es geht dar­um, die tota­le Durch­drin­gung der kapi­ta­lis­ti­schen Nor­men in der Gesell­schaft mit all ihren Berei­chen (wie etwa der Kunst) zu zei­gen. Und das in der von Stre­eru­witz gewohn­ten prä­zi­sen, manch­mal har­ten, immer fas­zi­nie­ren­den Sprache.

Der Roman, so ist mei­ne Erfah­rung, gewinnt unge­heu­er, wenn man dazu sich (noch ein­mal) die Poe­tik-Vor­le­sun­gen der Autorin zu Gemü­te führt, die Fischer gera­de noch ein­mal zusam­men mit­ei­nem her schwa­chen Inter­view her­aus­ge­ge­ben hat – da steht eigent­lich schon alles drin, was man zur Ästhe­tik und den lite­ra­ri­schen Zie­len von Stre­eru­witz wis­sen muss.
Groß­ar­tig. Wie eigent­lich alles von Mar­le­ne Stre­eru­witz.

War­um woll­te sie ein gutes Ergeb­nis sein. Über­haupt. War­um woll­te sie schön aus­schau­en. Es ging doch dar­um, dass es sie gege­ben hat­te. Schon immer. Und lan­ge bevor sie so groß und dünn gewor­den war. Sie war schon immer da gewe­sen, und es hät­te gleich­gül­tig sein sol­len, wie sie aus­sah. Über­haupt. Sie war ja erst groß und dünn gewor­den, nach­dem die Mami. Es wäre schön gewe­sen. Schö­ner. Viel schö­ner. Es wäre über­haupt nicht zu ver­glei­chen gewe­sen. Sie hät­te sich gewünscht, die Mami. Ihre Muter. Sie könn­te sie sehen. Könn­te etwas sagen. Dazu, wie sie aus­sah. Nur sehen. Sie anschau­en. Es wäre schon genug gewe­sen. Es wäre das Schöns­te gewe­sen. Und selbst Mari­os ver­stand das nicht. Dass das so wich­tig gewe­sen wäre. Aber Mari­os woll­te, dass er das Wich­tigs­te für sie war. Und sie woll­te ja auch, dass Mari­os das woll­te, und sie hat­ten bald auf­ge­hört, dar­über zu reden. Das war alles so weit innen. Das behielt sie da. Und war­um fürch­te­te sie sich vor dem Tref­fen. War­um hat­te sie die­ses Cha­os im Bauch. Fürch­te­te sie sich vor die­sem Mann. Die­ser Mann. Er war sinn­los. Er war mehr als sinn­los. Er war nicht ein­mal ein Ersatz. (158)

Birk Mein­hardt: Brü­der und Schwes­tern. Die Jah­re 1973–1989. Mün­chen: Han­ser 2013. 700 Seiten.

meinhardt, brüder und schwestern700 Sei­ten für 16 Jah­re Fami­li­en­ge­schich­te – kurz fas­sen ist offen­bar nicht die Stär­ke von Mein­hardt. Brü­der und Schwes­tern will ein breit erzähl­tes Pan­ora­ma einer „Jahr­hun­dert­fa­mi­lie“ sein (die­sen Anspruch merkt man auf fast jeder Sei­te), die mit Rück­blen­den bis in die Zeit vor dem Zwei­ten Welt­krieg zurück reicht, vor allem aber die „End­pha­se“ der DDR im Blick hat. Dabei, das ist schon ein ers­tes Pro­blem, zer­fällt die Fami­li­en­ge­schich­te aber in seri­ell erzähl­te Ein­zel­ge­schich­ten: von Wil­ly Wer­chow, dem Dru­cker und Betriebs­lei­ter, der sich durch Kom­pro­mis­se immer mehr der Par­tei- und Staats­li­nie annä­hert und kom­pro­mit­tiert, sei­ner Söh­ne Erik und vor allem Mat­ti, der sozu­sa­gen aus­steigt und „bloß“ Bin­nen­schif­fer wird, dafür aber einen Roman schreibt (der hier auch mit­ge­teilt wird), den sei­ne ehe­ma­li­ge Jugend­lie­be, die inzwi­schen als Lek­to­rin in der BRD arbei­tet, im „West­end-Ver­lag“ (soll wohl Suhr­kamp sein?) ver­öf­fent­licht, und Brit­ta, die bei einem pri­va­ten Zir­kus lan­det und dort mit einer neu­ar­ti­gen Akro­ba­tik­num­mer Furo­re macht. Das alles ist umständ­lich und weit aus­ho­lend erzählt, ohne dass mir die Not­wen­dig­keit dafür klar wür­de. Vor allem ist es im Detail manch­mal – trotz der Recher­chen und dem Bemü­hen um his­to­ri­sche Authen­ti­zi­tät – eher schwach und nach­läs­sig, wirkt oft unge­nau (zum Bei­spiel in der zeit­li­chen Fixie­rung). Eine Ten­denz ins All­ge­mei­ne, zum Aus­wei­chen ins irgend­wie gear­te­te „Über-Zeit­li­che“ macht sich öfters unan­gehm bemerk­bar. Dabei kann Mein­hardt durch­aus erzäh­len und beschrei­ben, detail­liert und vol­ler Fas­zi­na­ti­on für den eige­nen Stoff. Genau­ig­keit und Witz ste­cken da durch­aus drin – aber ein­ge­bet­tet in gro­ße Län­gen und dür­re Stre­cken. Denn ande­rer­seits ver­liert er sich immer wie­der zu sehr im Detail. Es gibt ein­fach zu viel davon – und dabei wird nicht klar, war­um (und wofür) das eigent­lich alles not­wen­dig sein soll, wo der Text hin­will (über die blo­ße Beschrei­bung hin­aus). „– wird fort­ge­setzt –“ steht auf der letz­ten Sei­te: soll das alles denn immer noch nicht genug gewe­sen sein?

Hans-Jost Frey & Franz Josef Czern­in: Sät­ze. Zürich, Ret­ten­egg, Solo­thurn: rough­books 2014 (rough­book 030). 132 Seiten.

sätzeDa hat rough­books mir wie­der etwas beschert. Einer­seits ist das fas­zi­nie­rend ohne Ende, kann man sich in die­sen „Sät­zen“ wun­der­bar ver­lie­ren. Ande­rer­seits kann man aber auch aus dem Kopf­schüt­teln kaum noch her­aus kom­men … – ein typi­sches rough­book also, in gewis­ser Hin­sicht. Hans-Jost Frey und Franz Josef Czern­in spie­len sich hier gegen­sei­tig Sät­ze zu – der jeweils ande­re muss dar­auf reagie­ren, mit Sät­zen, die Wör­ter des Aus­gangs­sat­zes ent­hal­ten. Und Sät­ze sind hier ganz buch­stäb­lich zu ver­ste­hen, es geht fast nur um ein­zel­ne Sät­ze. Und es sind „Sät­ze“, also Set­zun­gen. Die sind oft axio­ma­tisch, spie­len immer wie­der mit der Spra­che, mit der Ober­flä­che und ihren Bedeu­tun­gen, häu­fen (schein­ba­re) Para­do­xien, schmei­ßen mit Zita­ten und Allu­sio­nen und Ver­frem­dun­gen berühm­ter Aus­sa­gen berühm­ter Män­ner (Kant, Hegel, Nietz­sche, Lacan, Freud, Kaf­ka und so wei­ter) nur so um sich. Manch­mal ver­selb­stän­digt sich das, dann sind die „Regeln“ auch nicht mehr so wich­tig. Manch­mal läuft sich das auch ein biss­chen tot. Zumin­dest emp­fand ich das beim ers­ten Lesen so. Ver­mut­lich wür­de eine wie­der­hol­te Lek­tü­re ein ganz ande­res Ergeb­nis zei­gen, da wären ver­meint­li­che Dür­restre­cken dann ver­mut­lich reich an wun­der- und wert­vol­len Sät­zen. Davon gibt es aber immer schon genug, auch nach dem ers­ten Lesen fin­den sich unzäh­li­ge Anstrei­chun­gen in mei­nem Exem­plar. Wie­der ein Buch also, das mit ein­ma­li­gem Lesen nicht ansatz­wei­se abge­tan ist …

Voß, Flo­ri­an (Hrsg.): Welt­krieg! Gefal­le­ne Dich­ter 1914–1918. Mün­chen: Alli­te­ra 2014 (Lyrik­edi­ti­on 2000). 70 Seiten.
Anz, Tho­mas & Joseph Vogl (Hrsg.): Die Dich­ter und der Krieg. Deut­sche Lyrik 1914–1918. Stutt­gart: Reclam 2014. 103 Seiten. 

Zu die­sen bei­den Antho­lo­gien mit Lyrik aus den Jah­ren 1914–1918, dem Welt­krieg bezie­hungs­wei­se sei­nem Umfeld in Deutsch­land, habe ich kürz­lich schon ein paar Sät­ze geschrie­ben. Jeden­falls auch loh­nen­de Lek­tü­re – und gar nicht so schwer oder lang …

Sarah Schmidt: Eine Ton­ne für Frau Scholz. Ber­lin: Ver­bre­cher 2014. 217 Seiten. 

schmidt, tonneUnd zum Schluss noch ein fei­nes Buch aus dem vor­züg­li­chen Ver­bre­cher-Ver­lag: Eine Ton­ne für Frau Schulz ist ein aus­ge­zeich­ne­ter, prä­zi­se beob­ach­ten­der und beschrei­ben­der Roman vol­ler Witz und Esprit. Sicher, Gat­tungs- oder gar Lite­ra­tur­ge­schich­te wird der nicht schrei­ben. Aber es ist vor­züg­li­che, niveau­vol­le Unterhaltung.
Neben dem schön tro­cke­nen, prä­zi­sen und unauf­dring­li­chen Humor der Erzäh­le­ring hat mir auch die Gewöhn­lich­keit des Set­tings und der Per­so­nen gut gefal­len. Das sind ganz nor­ma­le Men­schen mit ganz nor­ma­len Pro­ble­men und gan­ze nor­ma­len Gedan­ken. Dabei wird das nicht ankla­gend oder vor­füh­rend erzählt, son­dern sehr sym­pa­thisch. Das Leben an sich reicht schon, ist schön und erfül­lend genug, da braucht es kei­ne Beson­der­hei­ten, viel­leicht auch kei­nen Ehr­geiz nach Indi­vi­dua­li­tät oder Beson­der­heit: Das Sein reicht schon, kann auch schön sein und glück­lich machen (wenn man sich damit beschei­det, wie die Erzäh­le­rin). Die titel­ge­ben­de Frau Scholz, eine alte Dame, mit der sich die Erzäh­le­rin, die mit ihrer Fami­lie (Vater, Mut­ter, Sohn, Toch­ter – ganz nor­mal eben …) im glei­chen her­un­ter­ge­kom­me­nen Ber­li­ner Miets­haus wohnt, anfreun­det, ver­schafft sich dann aber doch noch eine Beson­der­heit, in dem sie sich einen Sohn erfin­det, der Flucht­hel­fer an bzw. unter der Ber­li­ner Mau­er war – offen­sicht­lich eine Lüge, auch wenn das nie ganz ein­deu­tig geklärt wird. Unter ande­rem, weil sie vor dem ent­schei­den­den Inter­view mit der selt­sam (für die Ich-Erzäh­le­rin) ziel­stre­bi­gen Toch­ter ein­fach so stirbt … Den Freun­din­nen und Freun­den guter, niveau­vol­ler Unter­hal­tung jeden­falls wärms­tens empfohlen. 

Mir feh­len zwar oft eige­ne Wor­te, so viel ver­schwin­det, wird absor­biert und zu häu­fig benutzt, und für vie­les in mir drin habe ich über­haupt kei­ne Wör­ter, noch nie gehabt, aber »Lebens­qua­li­tät«, das gehört nicht zu mir. Ich will nur in der Küche sit­zen und rau­chen und wei­ge­re mich, dabei ein Lebens­ge­fühl zu ent­wi­ckeln. Ich will kei­nen Lebens­stan­dard, kei­ne Lebens­lust, kei­nen Lebens­traum, kei­ne Lebens­phi­lo­so­phie. (39)

außer­dem:

  • Tho­mas Meine­cke, Loo­ka­li­kes (Re-Lek­tü­re)
  • Hubert Fich­te, Det­levs Imi­ta­tio­nen »Grün­span« (Re-Lek­tü­re – und immer wie­der begeis­tert von die­sem gro­ßen Text!)
  • Mara Gen­schel, Refe­renz­flä­che #4
  • Spra­che im tech­ni­schen Zeit­al­ter, #210

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