Ins Netz gegangen (13.4.)

netzgebilde (unsplash.com)Clint Adair

Ins Netz gegangen am 13.4.:

  • Märchenstunde am Main | NZZ → jürgen tietz spart nicht mit deutlichen Worten über den Unsinn einer (scheinbaren) Rekonstruktion einer historischen Altstadt

    Dort, wo nach den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs nur noch rauchende Trümmer lagen, manifestiert sich heute ein gebauter Aufschrei nach verlorener Heimeligkeit und einstiger städtischer Bedeutung. Dafür musste das zu Beginn der siebziger Jahre gebaute Technische Rathaus verschwinden, nach nur 35 Jahren. So kurzatmig ist die hessische Geschichte. Was aber ist der Sinn dieser gebauten Frankfurter Märchenwelt? Leistet sie einen Beitrag, um die drängenden Fragen der Zukunft der Städte zu lösen? Wohl kaum, denn auf dem historisierenden neuen Herzstück Frankfurts entsteht gerade einmal die bescheidene Zahl von sechzig Wohnungen – mit einer Fläche von insgesamt 7000 Quadratmetern. Sonst gibt sich das Quartier als architektonisch verdichtete Seelenmassage, ein Gegenmodell zu den Hochhäusern der globalisierten Stadt.
    ...
    Der grosse Irrtum einer derart fiktionalen Stadtarchitektur ist es, dass sie wie eine gebaute Zeitmaschine wirkt. Doch sie ist nur ein Abziehbild einer deutschen Seelenlandschaft, in der die Verwundungen der Kriegs- und Nachkriegszeit bis in die nach-nachfolgende Generation andauern. So entsteht eine weinerliche Mischung aus Verlust und Verdrängung, aus romantischer Sehnsucht und einer Unfähigkeit zu trauern.

  • Werben mit Google: Ist die taz Schmuddelkram? | taz-hausblog → die taz nut googles adsense und berichtet hier von schwierigkeiten bei der "richtlinien"-einhaltung und kommunikation mit dem unternehmen
  • Wollen alle Autoren sein? Alles schreibt, keiner liest | NZZ → jochen hörisch über das sich verändernde verständnis von schreiben und lesen, den zusammenhang von sein und schreiben, welt und text

    Alles schreibt, aber kaum einer liest mehr so gründlich, konzentriert und hingebungsvoll wie der Leser in Rilkes gleichnamigem Gedicht oder der Buch-Enthusiast in Michael Endes «Unendlicher Geschichte». ... Es ist offenbar, dass Gott nicht im Sinne logischer Evidenz offenbar ist, dass auch er ein schwächelnder Autor ist, der die Kluft, die die Welt von den Worten trennt, nicht ein für alle Mal überwinden kann. ... Das Wort wird Fleisch, Bits werden Atome, die Idee der Transsubstantiation ist heute mehr als ein faszinierendes religiöses Phantasma, nämlich ein Schreibprogramm für ambitionierte Ingenieure. Wer diese Wandlung von Lese- in Schreibprogramme im Blick hat, wird sowohl das Comeback militanter Religiosität als auch die Inflation der Schreiblust heute mit anderen Augen sehen. ... Man vergisst gerne, dass die verpflichtende Alphabetisierung ein kultureller Sonderweg einer seltsamen Weltecke in einer exzentrischen Epoche ist bzw. war. Heute können, wenn sie denn Zugriff auf Zauberwerke der Ingenieurs- und Informatikerkunst haben, alle lesen und schreiben – paradoxerweise eben auch diejenigen, die nicht lesen und schreiben können. Gemeinsam ist ihnen der Wunsch, nicht nur ein Wort mitzureden, sondern Autoren zu werden, die von der Pflicht dispensiert sind, lesen zu müssen.

  • NS-Filme: Vorbehaltsvorbehalte| Freitag → dirk alt und friedemann beyer über die zunehmend unnötige, aus der zeit gefallene "vorbehalts"-lösung, die ns-propagandafilme (bzw. manche davon) unter halbverschluss hält

    Vor diesem Hintergrund mutet die hiesige Kontroverse um eine offizielle Zugänglichmachung der Vorbehaltsfilme kurios an, zumal sie nicht nur die längst unwiderrufliche Verfügbarkeit der Filme ignoriert, sondern darüber hinaus von Dämonisierung und reflexartiger Betroffenheit geprägt ist.

  • Index, A celebration of the | TLS → ein lob der indices und ihres klugheit/ihres wissens, anlässlich des sechzigjährigen bestehens der "Society of Indexers"
  • a href="http://blogs.faz.net/pop-anthologie/2017/03/18/alte-mythen-in-honig-351/">Genesis: „The Musical Box“ | Pop-Anthologie → hervorragende würdigung des großartigen "the musical box" (auf "nursery cryme") von genesis in der pop-anthologie der faz:

    Dass die Karrieren von Collins und Rutherford in Hits wie „Dance Into the Light“ oder „All I Need is a Miracle“ gipfelten, die von einer erschütternden Belanglosigkeit sind, ist das traurige Ende dieser Entwicklung. „The Musical Box“ aber darf nicht im Kuriositätenkabinett der Musikgeschichte abgelegt werden. Es gehört zum Kanon der besten britischen Popmusik.

Ins Netz gegangen (5.11.)

Ins Netz gegan­gen am 5.11.:

  • Are you man enough for bir­th con­trol? | NewSta­tes­man → lau­rie pen­ny stellt in die­sem inter­es­san­ten text die nach­richt über den abbruch der test von hor­mo­nel­ler gebur­ten­kon­trol­le an män­nern in den grö­ße­ren zusam­men­hang:

    The sto­ry of a male con­tra­cep­ti­ve jab hal­ted becau­se men were too dis­t­res­sed by the side effects to stay the cour­se is as disap­poin­ting as it is fami­li­ar. It fits the cul­tu­ral nar­ra­ti­ve whe­r­e­by men can’t pos­si­bly be trusted with tra­di­tio­nal­ly fema­le res­pon­si­bi­li­ties — from washing up to chan­ging nap­pies, if you lea­ve it to the guys, they’ll eit­her fla­ke out, fuck it up or both. We should sim­ply let them off the hook, and let the women get on with it, grit their tee­th though they may. That’s nature’s way, or God’s, depen­ding on who you ask. But that’s not what hap­pe­n­ed here. The real sto­ry is more inte­res­ting. The real sto­ry — of rese­ar­ch hal­ted des­pi­te most of the men invol­ved being enthu­si­a­s­tic, and a great many peop­le all over the world won­de­ring why the hell male hor­mo­nal con­tra­cep­ti­on isn’t a thing yet — is a sto­ry of collec­tive cul­tu­ral resis­tan­ce to sci­en­ti­fic pro­gress. Once again, tech­no­lo­gi­cal advan­ces that could impro­ve people’s lives are on hold becau­se we’re too soci­al­ly back­ward to tell a dif­fe­rent sto­ry about sex, love and gen­der.

  • 7 Rea­sons So Many Guys Don’t Under­stand Sexu­al Con­s­ent | cra­cked → David Wong über die rol­le der durch kino­fil­me ver­mit­tel­ten män­ner­bil­der und dort posi­tiv gezeich­ne­ten über­grif­fi­gen paa­rungs­si­tua­tio­nen für die aktu­el­le dis­kus­si­on um zustim­mung zum sex

Germany

- He’s from Ger­many. That’s in Euro­pe. Next to Eng­land.
– I know Ger­many.
– Real­ly? What’s it like?
– Small. And full of Ger­m­ans.
– Oh.
Flo­ri­an Cos­sen, Coco­nut Hero (2015)

Ins Netz gegangen (21.9.)

Ins Netz gegan­gen am 21.9.:

Ins Netz gegangen (23.3.)

Ins Netz gegan­gen am 23.3.:

  • Aberken­nung des Dok­tor­ti­tels: Hilft nicht: Scha­van hat betro­gen – FAZ – Tho­mas Gutsch­ker weist auf das grö­ße­re Pro­blem des Falls Scha­van hin:

    Im Fall Scha­van haben ein gro­ßer Teil der Wis­sen­schafts­ge­mein­de und ein klei­ner Teil der Öffent­lich­keit die kom­plet­te Umwer­tung der Wer­te wis­sen­schaft­li­chen Arbei­tens ver­sucht. Natür­li­ch kräh­ten die am lau­tes­ten, die am meis­ten von den Mil­li­ar­den­zu­tei­lun­gen der Minis­te­rin abhän­gig waren. Die wah­ren Grün­de aber lie­gen tie­fer. In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ist eine Kas­te von Wis­sens­funk­tio­nä­ren ent­stan­den, die sich selbst oft­mals nicht durch wis­sen­schaft­li­che Spit­zen­leis­tun­gen aus­zeich­nen, son­dern durch Manage­ment­fä­hig­kei­ten. Sie faseln von Exzel­lenz, dre­schen aber nur lee­res Stroh.

  • Link Bub­ble – Andro­id-Apps auf Goo­gle Play – Chris Lacy, der mit Tweet­la­nes (super Twit­ter- & App.net-Client) und dem Action Laun­cher (sehr ergo­no­mi­scher Laun­cher) Andro­id schon sehr berei­chert hat (für mich zumin­dest), löst mit „Link Bub­ble“ ein Smart­pho­ne-Pro­blem: Das Links, die man klickt, auto­ma­ti­sch im Vor­der­grund gela­den wer­den und das Lesen etc. dadurch immer unter­bre­chen und ver­zö­gern
  • Coa­ching für Eltern: Unser Sohn wird mal hoch­be­gabt – FAZ – Frie­de­ri­ke Haupt ätzt in der FAZ wun­der­bar schlag­fer­tig und scharf­sin­nig gegen Eltern und die Bera­tungs­in­dus­trie um die Hoch­be­ga­bung her­um:

    Heu­te soll jedes Kind stän­dig geför­dert wer­den, so, als wäre die Fami­lie ein Berg­werk. Irgend­wel­che Kost­bar­kei­ten wer­den sich schon fin­den las­sen. Und wert­vol­ler als alles ande­re ist Intel­li­genz. Damit kann man sich spä­ter viel­leicht etwas kau­fen; mit einem guten Her­zen geht das jeden­falls nicht. Die Kin­der, so wün­schen es die Eltern, sol­len auf dem Markt bestehen. Ver­ant­wort­li­ch dafür sind wie bei der Ein­füh­rung einer Mar­ke die Pro­du­zen­ten. Das ist eine schwe­re Last.

  • Mein ers­tes Word­Press-Plugin: Gedich­te mit Zei­len­num­mern | Leh­rer­zim­mer – cool: der @Herr_Rau schreibt ein Word­Press-Plugin, um Gedich­te mit Word­Press ver­nünf­tig dar­stel­len zu kön­nen. So etwas hab‘ ich auch mal gesucht vor län­ge­rer Zeit und – wie er – nicht gefun­den; nur dass ich des­halb nicht mit dem Pro­gram­mie­ren begon­nen habe.
  • Metri­ca­li­zer – auto­ma­ti­sche metri­sche Ana­ly­se von Gedich­ten, funk­tio­niert erstaun­li­ch gut
  • Mecht­hild Heil: Mehr Trans­pa­renz bei homöo­pa­thi­schen Mit­teln – Rhein-Zei­tungRT @niggi: Homöo­pa­then: Wenn die Leu­te wüss­ten, was bei uns (nicht) drin ist, wür­den sie das Zeug womög­li­ch nicht kau­fen.
  • Regis­seur Tal­al Der­ki im Inter­view: In nur drei Jah­ren ist die syri­sche Gesell­schaft fast so zer­stört wie Afgha­nis­tan | Lesen was klü­ger macht – Ines Kap­pert sprach mit dem Regis­seur Tal­al Der­ki (Homs – ein zer­stör­ter Traum) über die Situa­ti­on in Syri­en: Das haben die inter­na­tio­na­len Play­er geschafft: In nur drei Jah­ren ist die syri­sche Gesell­schaft fast so zer­stört wie Afgha­nis­tan, sagt Regis­seur Tal­al Der­ki.

Ins Netz gegangen (8.9.)

Ins Netz gegan­gen am 8.9.:

  • Daten­schutz: Mein digi­ta­ler Zwil­ling gehört mir – FAZ – Auch Juli Zeh hat recht, wenn sie das „poli­ti­schen Phleg­ma“ der Deut­schen beklagt. Aber lei­der auch kei­ne Idee, wie man „die ande­ren“ auf­rüt­teln könn­te … Dabei geht es ja um so viel, wie sie auch noch mal betont – nicht nur um ein biss­chen Inter­net und ein paar Kon­takt­da­ten oder so:

    Inter­net­be­nut­zung als Rechts­ver­zicht? So funk­tio­niert unser Gemein­we­sen nicht. Wenn Miss­stän­de, ja Rechts­brü­che in gro­ßem Umfang auf­ge­deckt wer­den, ist es nicht unse­re Auf­ga­be, etwas dage­gen zu unter­neh­men. Es obliegt der Poli­tik, öffent­li­che Räu­me so zu gestal­ten, dass sich die Bür­ger dar­in frei bewe­gen kön­nen.

    Das Bild des „digi­ta­len Zwil­lings“, der aus den Daten geschaf­fen wird, ist eigent­li­ch eine schö­ne Meta­pher – und zeigt auch, war­um es so wich­tig ist, sich um die­se Daten zu küm­mern: weil die auch wir selbst sind …

  • John Lahr: Whe­re Do Clai­re Danes’s Vol­ca­nic Per­for­man­ces Come From? : The New Yor­ker -

    Alt­hough the­re is not­hing dominee­ring in Danes’s demean­or on the set—she crea­tes no com­mo­ti­on around herself—onscreen she is capa­ble of what David Hare­wood, who play­ed the sto­ne­wal­ling depu­ty direc­tor of the C.I.A. in the first two sea­sons, calls a “tsu­na­mi of emo­ti­on.” In extre­mis or out of it, her body sema­pho­res fee­ling.

    John Lahr hat für den „New Yor­ker“ ein seee­ehr aus­führ­li­ches Por­trät der Schau­spie­le­rin Cla­rie Danes geschrie­ben, das sich vor allem auf die schau­spie­le­ri­sche Tech­nik Danes‘ kon­zen­triert (anläss­li­ch des bevor­ste­hen­den Starts der drit­ten Staf­fel von „Home­land“ – für das Danes übri­gens einen Ver­trag über 7 Jah­re hat …)

  • Aus dem Maschi­nen­raum: Die Steig­bü­gel­hal­ter der Spio­ne – Aus dem Maschi­nen­raum – FAZ – Con­stan­ze Kurz über die „Trusted Chips/Computing“-Idee:

    Die Skep­sis der Nut­zer gegen­über der Ver­trau­ens­wür­dig­keit der Her­stel­ler ist nicht unbe­grün­det, wie die Ent­hül­lun­gen über die mas­sen­wei­sen Ein­brü­che der NSA in Com­pu­ter welt­weit zei­gen. Ohne die Unter­stüt­zung der zumeist ame­ri­ka­ni­schen Her­stel­ler der Betriebs­sys­te­me und Soft­ware wäre dies kaum in so rie­si­gem Umfang mög­li­ch. Gerüch­te über Vorab­in­for­ma­tio­nen an die NSA über gefun­de­ne Schwach­stel­len, absicht­li­ch zurück­ge­hal­te­ne Feh­ler­be­he­bun­gen und ver­deck­te Hin­ter­tü­ren gibt es seit Jahr­zehn­ten. Nun wis­sen wir, dass es sich nicht um Ver­schwö­rungs­theo­ri­en han­del­te.

  • NSA-Affä­re: „Die Über­wa­chung muss unser Wahl­ver­hal­ten beein­flus­sen“ | ZEIT ONLINE – Phil Zim­mer­mann, der Erfin­der der PGP-Ver­schlüs­se­lung, im Inter­view:

    Wir alle müs­sen ler­nen, unse­re Kom­mu­ni­ka­ti­on zu schüt­zen, denn damit bie­ten wir ande­ren Men­schen Schutz. Wenn wir unse­re Gesell­schaft vor einer schlim­men Zukunft bewah­ren wol­len, muss Ver­schlüs­se­lung zur Bür­ger­pflicht wer­den.
    […] Es geht auch um die Fra­ge, in wel­cher Welt wir leben wol­len. Wer über­all Über­wa­chungs­ka­me­ras auf­stellt, um zu sehen, ob jemand Müll auf die Stra­ße wirft, hat ver­mut­li­ch sau­be­re Stra­ßen. Aber der Preis dafür ist zu hoch. Man gibt sei­ne per­sön­li­che Frei­heit auf. Wenn jeder Schritt von uns über­wacht wird und man das weiß, rich­tet man sein Ver­hal­ten unwill­kür­li­ch dana­ch aus, will nicht auf­fal­len, nicht anecken. Nie­mand wird noch etwas ris­kie­ren.

    Lei­der ist er an einer Stel­le etwas arg opti­mis­ti­sch, wenn es dar­um geht, das Geheim­diens­te Bür­ger ande­rer Natio­nen aus­spä­hen: Er sieht das als nicht so schlimm, weil die­se ja kei­nen direk­ten Zugriff auf die Bür­ger haben. Theo­re­ti­sch stimmt das (auch an sei­nem Bei­spiel Chi­na), für die USA und Deutsch­land z.B. aber lei­der eben nicht …

  • Hirn­for­schung: Mär­chen­haf­tes Ver­spre­chen | ZEIT ONLINE – Die „Zeit“ setzt ihre Aus­ein­an­der­set­zung mit der Neu­ro­di­dak­ti (bei ihr immer in Anfüh­rungs­zei­chen …), der Ver­bin­dung von Neu­ro­wis­sen­schaf­ten und Päd­ago­gik, fort. Heu­te weist Ulrich Schna­bel dar­auf hin, dass sie bis­her sei­ner Wahr­neh­mung nach noch fast gar nichts leis­tet:

    Ihren Nut­zen offen­bart die Hirn­for­schung bis­lang vor allem bei der Klä­rung patho­lo­gi­scher Fäl­le – etwa bei Lese-Recht­schreib-Schwä­che (Dys­le­xie) oder Rechen­schwä­che (Dys­kal­ku­lie) – bei denen sich neu­ro­na­le Abwei­chun­gen zei­gen. Zur Fra­ge, wie man das Ler­nen gesun­der Kin­der in der Schu­le för­dert, hat sie wenig bei­zu­tra­gen. Wie könn­te sie auch?

Pergamontexte

Mit diesem Blick beginnt Europa! (29)

Gerhard Falkner spricht, befragt von dem, nunja, Literaturfernsehredner Denis Scheck, im Fernsehen über seine Lyrik im allgemeinen und seinen neuen Lyrikband Pergamon Poems - natürlich im Pergamon-Altar. So bin ich auf dieses schmale Bändchen mit den neuen Gedichten von Gerhard Falkner (der spätestens seit "Gegensprechstadt - ground zero" auf meiner Liste geschätzer Lyriker steht) gestoßen. Ganz nett anzuschauen und vor allem anzuhören sind die fünf Filme - eigentlich ja eher Trailer - die die ersten Gedichte des Bandes inszenieren und die dem Bändchen als DVD beigelegt sind: Gerade in ihrer Zurückhaltung fand ich das ganz gut gemacht, die Konzentration auf den Text und die Rezitation der Schauspielerinnen zusammen mit den beschriebenen Bildern des Pergamon-Altars: Minimalistisch, aber nicht nüchtern - im Gegenteil, sogar voller wohldosiertem Pathos. Aber bei Göttergedichten und solch mythisch und erinnerungstechnisch aufgeladenem Gegenstadt geht das nicht anders ...: "Das Beispiel, das die Griechen gaben / man wird es nicht mehr los" (37)

Die Gedichte selbst nehmen die Betrachtung der Figuren und Geschichten des Pergamon-Altars nicht nur zum Thema, sondern zum Ausgangspunkt - für Fragen vor allem: Das hat gerne einen etwas kultur- und/oder zivilsationskritischen Einschlag. Vor allem aber geht es um Faszination: Die Faszination des Betrachters durch die Schönheit der Steine, die Lebendigkeit ihrer Gestalten und - auch - der Gewalt ihrer Taten, der Größe und Unmittelbarkeit. Das ist der Punkt, wo immer wieder die fragende Gegenwartskritik ansetzt: Haben wir heute noch solche Größe? Wie sähe oder sieht sie aus? "Wie viel Gigabyte hat dieser Fries?", fragt Falkner dann auch entsprechend. Und genau aus dieser Spannung zwischen modern-technisiert-medialisierter Gegenwart und mythisch-kämpferisch-heldenhafter Vergangenheit ziehen die kurzen, oft locker gefügt erscheinenden Gedichte ihre Spannung:

Oh, Mann!
Hier fliegen Räume auseinander. Hier treten Zeiten
aus den Schranken, Götter wanken. Alles ist entfesselt.
Ist mit sich im Übermaß und dennoch reduziert und klar
... (Otos, 27)

Was Falkner außerdem immer wieder neu fasziniert: Die stille Handlung, die eingefrorene Bewegung, der ewige Augenblick - "ein Tanz der Tat":

wenn Aphrodite tanzt, raschelt der Marmor (43)

An anderer Stelle heißt das "Actionkino / festgehalten als Still". Und ähnlich funktionieren auch seine kurzen Gedichte: Sie sind voller Bewegung und Drang, voller Aufbruch und Tatkraft - und bleiben doch bei einem Augenblick, erstrecken sich nie über längere Zeiten oder entfaltete Vorgänge. Schade nur, dass es so wenig geworden ist: Ohne die englische Übersetzung und viel Paratext hätte das nicht einmal für den sowieso schon geringen Umfang eines Lyrikbandes gereicht.

Gerhard Falkner: Pergamon Poems. Gedichte+Clips (dt-en). Übertagen von Mark Anderson. Berlin: kookbooks 20012. 64 Seiten + DVD.

Das Gespräch mit Denis Scheck:

Und hier sind auch die fünf angesprochenen kurzen Filme, die zu dem Auftrag für die "Pergamon Poems" führten, zu finden:

Ins Netz gegangen (2.7.)

Ins Netz gegan­gen (1.7.–2.7.):

  • Mal­lor­ca: Eimer­ver­bot am Bal­ler­mann! | ZEIT ONLINE – Na so was, in Mal­lor­ca sol­len Sauf­ge­la­ge in der Nacht ein­ge­dämmt wer­den. Das ist natür­li­ch fast schon der Welt­un­ter­gang …

    Was las­sen die Sit­ten­wäch­ter und Lärm­war­te denn über­haupt noch vom mal­lor­qui­ni­schen Urlaubs­fee­ling übrig? Rich­tig: Urknall­tü­ten wie Jür­gen Drews. Und solan­ge der deut­sche Schla­ger nicht unters Kriegs­waf­fen­kon­troll­ge­setz fällt, wird das auch so blei­ben.

  • Nach­rich­ten und Ver­schwö­rungs­theo­ri­en | weblogs.evangelisch.de – manch­mal ist es ganz ein­fach …:

    Könn­te damit zu tun haben, dass Frei­heit im Gauck’schen Sin­ne eigent­li­ch nur die Abwe­sen­heit von DDR meint – des­halb muss Gau­ck an der Frei­heit nicht mehr rum­den­ken, son­dern kann sie als auf Dau­er gestell­ten Erfolg immer nur gerührt beklat­schen; die DDR ist ja nicht mehr.

  • Tra­di­ti­ons­haus: Insel Ver­lag mel­det Insol­venz an – Ber­li­ner Mor­gen­post – Manch­mal fra­ge ich mich ja, ob die bei Suhr­kamp selbst noch durch­bli­cken, wie ihr Geschäft und ihr Betrieb funk­tio­niert – oder auch nicht.

    Man muss sich das klar­ma­chen: Im Zuge eines Schach­zugs, der der Öffent­lich­keit als Befrei­ungs­schlag ver­kauft wer­den soll­te, bean­tragt Suhr­kamp die Insol­venz für ein mehr als hun­dert Jah­re altes Tra­di­ti­ons­un­ter­neh­men.

  • Ich has­se Hans Zim­mer. Eine Tira­de | Bad Blog Of Musi­ck – Moritz Eggert hat genug von den Film­mu­si­ken aus der Werk­statt Hans Zim­mers. Und er sagt es sehr deut­li­ch. Und er hat natür­li­ch recht.

    Oder mal nicht mit die­sem schwur­beln­den Ein­heits­sound alles zuzu­schei­ßen, den Du so erfolg­reich pro­du­zier­st, Du weisst schon, immer die­se repe­tier­te Mollak­kord, kei­ner­lei nen­nens­wer­te melo­di­sche Ein­fäl­le, ein­fach nur Sound, Sound, Sound, bis es einem zu den Ohren und zum Mund und zum Arsch raus­kommt, immer nur die­ser FASCHISTOIDE Ein­heits­sound, zuge­kleis­tert mit der typi­schen Audio­spur eines heu­ti­gen Films, wo alles bis zum Limit kom­pri­miert und geboos­tet ist, damit es im Kino so rich­tig schön kracht und man ver­gisst, dass man ein Hirn hat.

  • Neue Sen­dung von Gui­do Knopp – Kein Kampf­geist, dafür Grün­der­zeit­de­kos – Süddeutsche.de – Gus­tav Seib­st, selbst aus­ge­wie­se­ner His­to­ri­ker, hat sich Gui­do Knopps neue Sen­dung ange­se­hen und war über­haupt nicht über­zeugt oder begeis­tert:

    Knopp und die Phoe­nix-Macher hat­ten „kon­tro­ver­se Stand­punk­te“ ver­spro­chen, His­to­ry live sol­le „Geschich­te erleb­bar machen“ und „jun­ge Zuschau­er für Zeit­ge­schich­te begeis­tern“. Das hier ließ sie in einen Mit­tags­schlaf ver­sin­ken – die jun­gen wie die alten.

Seite 1 von 212