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Schlagwort: biographie Seite 1 von 2

Bibliothek (gebogene Reihe)

Aus-Lese #54

Eber­hard Kolb: Otto von Bis­marck. Eine Bio­gra­phie. Mün­chen: Beck 2014. 208 Sei­ten. ISBN 978−3−406−66774−9.

kolb, bismarck (cover)Als Bio­gra­phie ist das für mich kaum satis­fak­ti­ons­fä­hig: Zu blass und ver­schwom­men bleibt das Bild. Der Mensch Bis­marck, die Per­son, tritt nahe­zu gar nicht auf – ab und an gibt es Hin­wei­se auf sei­ne Gesund­heit oder ein paar ganz weni­ge auf Frau und Kin­der. Im Vor­der­grund oder bes­ser allei­ne im Fokus steht sein poli­ti­sches Han­deln. Das beschreibt Kolb mit Zunei­gung, aber durch­aus auch mit Blick für die Ambi­va­len­zen Bis­marcks. Aber auch das Zen­trum, die Poli­tik, bleibt blut- und farb­los. Das liegt vor allem dar­an, dass Kolb oft sehr groß­zü­gig durch die Gescheh­nis­se und Taten durch eilt udn nur die Ergeb­nis­se berich­tet, den Weg aber meist nur sum­ma­risch (und oft genug mit dem Hin­weis: Die Details sind bekannt). Das wie­der­um hängt damit zusam­men, dass er kei­nen rech­ten Zugriff fin­det: Eigent­lich ist das eine preußische/​deutsche Geschich­te am Bei­spiel Bis­marcks. Und bei­des ist in die­sem Umfang natür­lich kaum beson­ders inten­siv oder tief­ge­hend zu leisten. 

Wu Ming: Mani­tua­na. Ber­lin, Ham­burg: Asso­zia­ti­on A 2018. 509 Sei­ten. ISBN 978−3−86241−465−9.

wu ming, manituana (cover)Mani­tua­na reicht lei­der nicht an die letz­ten Bän­de von Wu Ming her­an. Das kann durch­aus dar­an lie­gen, dass der USA, ihre Unab­hän­gig­keits­krieg und der Kampf mit, um und gegen die „India­ner“ schon an sich nicht so ganz mein Ding sind. Da pas­siert dann zwar wie­der viel, es wird gekämpft, betro­gen, ver­ra­ten und ver­han­delt, eine Dele­ga­ti­on darf auch nach Eng­land rei­sen und sich im Luxus (und den Nie­de­run­gen Lon­dons) des Adels­le­bens gehö­rig fremd füh­len. Ich hat­te beim Lesen aber schon eigent­lich durch­weg den Ein­druck, dass das an Span­nung und vor allem hin­sicht­lich des bild­haf­ten, detail­rei­chen Erzäh­lens ein­fach nicht (mehr) so gut ist. Zu sehr dringt hier immer wie­der die Absicht an die Ober­flä­che und stellt sich vor den Text – und damit funk­tio­niert genau das, was bei ande­ren Tex­ten von Wu Ming die beson­de­re Span­nung und den spe­zi­el­len Reiz aus­macht, hier lei­der nicht.

Jan Peter Bre­mer: Der jun­ge Dok­to­rand. 2. Auf­la­ge. Mün­chen: Ber­lin 2019. 176 Sei­ten. ISBN 978−3−8270−1389−7.

bremer, der junge doktorand (cover)Das ist ein über­ra­schend fei­nes, klei­nes Buch. Jan Peter Bre­mer hat­te ich bis­her ja über­haupt nicht auf dem Schirm. Aber in Der jun­ge Dok­to­rand zeigt er sich durch­aus als gewief­ter Erzäh­ler, der sein Hand­werk ver­steht und vor allem ernst nimmt: Ernst neh­men in dem Sinn, dass er sich bemüht, sau­ber zu arbei­ten, Feh­ler zu ver­mei­den. Das zeigt der Text, der mit Gespür und Form­be­wusst­sein erzählt ist. Das kunst­vol­le Beherr­schen des Erzäh­lens zeigt sich auch in dem Umfang des Buches: Das ist ein klei­ner Roman. Es geht auch gar nicht so sehr um gro­ße, all­um­fas­sen­de Din­ge – die Welt wird hier nicht gera­de erzählt. Aber auch wenn er sich beschei­den gibt: Bre­mer gelingt es doch, auf den weni­gen Sei­ten mit genau­en Sät­zen, tref­fen­den Beschrei­bun­gen und Bewusst­sein für das rich­ti­ge Tem­po gro­ße The­men zu erzäh­len: Es geht um Ehe, um Gesell­schaft und Indi­vi­du­um, und natür­lich, vor allem, um Kunst – und auch ein biss­chen um nicht-nor­mier­te Lebens­läu­fe wie den des jun­gen Dok­to­ran­den, der weder jung noch Dok­to­rand ist. Das klingt in der Zusam­men­fas­sung recht tro­cken und ja, fast banal, ent­fal­tet bei Bre­mer aber eine tref­fen­den und sub­ti­le Komik. Und das macht dann ein­fach Spaß.

Nor­bert Scheu­er: Win­ter­bie­nen. 5. Auf­la­ge. Mün­chen: Beck 2019. 319 Sei­ten. ISBN 978−3−406−73964−4.

scheuer, winterbienen (cover)Die Win­ter­bie­nen haben mich etwas ent­täuscht und rat­los zurück­ge­las­sen. Ich habe Scheu­er ja durch­aus als erfah­re­nen Erzäh­ler und Autor schät­zen gelernt. Die­ser Roman hat aber mehr Schwä­chen als er mit sei­nen eher mäi­gen Stär­ken aus­glei­chen kann. Da ist zum einen die selt­sa­me Tage­buch-Fik­ti­on. Die passt näm­lich vor­ne und hin­ten nicht: Gut, dass der Tage­buch­text in Fuß­no­ten die latei­ni­schen Zita­te über­setzt, das wird noch von der Her­aus­ge­ber­fik­ti­on gedeckt. Dass (als ein Bei­spiel von vie­len) Egi­di­us Ari­mond (schon der Name macht mich ja bei­na­he wahn­sin­nig) als erfah­re­ner Imker aber nach jahr­zehn­te­lan­ger Tätig­keit sei­nem Tage­buch erklärt, was er war­um bei den Bie­nen, vor allem eben im Win­ter, macht, ist ein­fach hand­werk­li­cher bzw. erzähl­tech­ni­scher Unsinn, der einer Lek­to­rin durch­aus mal hät­te auf­fal­len dür­fen. Der Roman an sich ist für mich etwas zwie­späl­tig: Natür­lich sehr durch­drun­gen von völ­ki­scher Ideo­lo­gie, die eben wie­der durch die Tage­buch-Fik­ti­on legi­ti­miert wird. Dann ist da noch das Lei­den eines Krie­ges, der auf die Aggres­so­ren zurück­ge­fal­len wird, hier aber – in Ari­mond und den rest­li­chen, sche­men­haft auf­tau­chen­den Eifel­be­woh­nern – eher als irgend­wie gege­ben hin­ge­nom­men wird. Angeb­lich ist die erzähl­te Welt geprägt von dem „Wunsch nach einer fried­li­chen Zukunft“ – davon merkt man im Text aber reich­lich wenig. Im gan­zen bleibt mir das etwas frag­wür­dig und vor allem aus­ge­spro­chen unbe­frie­di­gend: War­um erzählt Scheu­er uns das? Und war­um ver­steckt sich der Autor so (bei­na­he) voll­kom­men hin­ter sei­ner Figur – was will mir das eigent­lich sagen?

außer­dem gelesen:

  • Hei­mi­to von Dode­rer: Unter schwar­zen Ster­nen. Erzäh­lun­gen. Mün­chen: Deut­scher Taschen­buch Ver­lag 1973. 154 Sei­ten. ISBN 3−7642−0055−3.
  • Glenn Gould: Frei­heit und Musik. Reden und Schrif­ten. 2., durch­ge­se­he­ne und ergänz­te Auf­la­ge. Dit­zin­gen: Reclam 2019 (Was bedeu­tet das alles?). 84 Sei­ten. ISBN 978−3−15−019412−6.
  • Alger­non Black­wood: Eine Kanu­fahrt auf der Donau. /​ Die Wei­den. Ulm: danu­be boo­kes 2018. 154 Sei­ten. ISBN 978−3−946046−13−4.
  • Sibyl­le Schwarz: Ist Lie­ben Lust, wer bringt dann das Beschwer?. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2016. 58 Sei­ten. ISBN 978−3−942901−21−5.

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  • Wel­che Ursa­chen das Töten im Namen Got­tes hat | FAZ – ein sehr guter gast­bei­trag von fried­rich wil­helm graf (der ja meis­tens sehr klu­ge din­ge sagt …) in der „faz“ über ursa­chen des reli­giö­sen terrors

    Es dient nicht der Ent­schul­di­gung der der­zeit im Namen Allahs aus­ge­üb­ten Ver­bre­chen, mög­li­che his­to­ri­sche Par­al­le­len sicht­bar und auf die Gewalt­po­ten­tia­le in allen Reli­gio­nen auf­merk­sam zu machen. Aber es ver­hin­dert eine fal­sche, essen­tia­lis­ti­sche Sicht auf den Islam, den es so wenig wie das Chris­ten­tum gibt. Die mus­li­mi­schen Reli­gi­ons­kul­tu­ren in Euro­pa sind in sich höchst viel­fäl­tig und durch ganz unter­schied­li­che kol­lek­ti­ve Erfah­run­gen geprägt. Mus­li­me in Kreuz­berg, deren Eltern oder Groß­el­tern einst aus der Tür­kei kamen, tei­len nicht die trau­ma­ti­sie­ren­den Erin­ne­run­gen an kolo­nia­le Fremd­herr­schaft, die für vie­le fran­zö­si­sche, noch vom Alge­ri­en-Krieg gepräg­te Mus­li­me kenn­zeich­nend sind.

    Nach den Anschlä­gen von Paris und nun auch Brüs­sel ließ sich im poli­ti­schen Betrieb eine Reak­ti­on beob­ach­ten, die nur als fal­sches seman­ti­sches Invest­ment bezeich­net wer­den kann: Staats­prä­si­den­ten, Regie­rungs­chefs und Par­tei­vor­sit­zen­de beschwo­ren ein­hel­lig „die Wer­te Euro­pas“ oder „des Wes­tens“, die man gegen alle ter­ro­ris­ti­schen Angrif­fe ver­tei­di­gen werde.
    […] Aber mit Wer­te-Rhe­to­rik ist nie­man­dem geholfen.

    „Wert“ war ursprüng­lich ein Begriff der öko­no­mi­schen Spra­che, und sei­ne Ein­wan­de­rung in ethi­sche Debat­ten und juris­ti­sche Dis­kur­se hat nur dazu geführt, die frei­heits­dien­li­che Unter­schei­dung von gesetz­lich kodi­fi­zier­ten Rechts­nor­men und mora­li­schen Ver­bind­lich­kei­ten zu unter­lau­fen. Des­halb ist es fatal, wenn Ver­tre­ter des Rechts­staa­tes die­sen im Kampf gegen den Ter­ro­ris­mus nun als eine „Wer­te­ge­mein­schaft“ deuten.

    für einen theo­lo­gen auch fast über­ra­schend, aber natür­lich abso­lut rich­tig und ein punkt, der immer wie­der gestärkt und ver­deut­licht wer­den muss (weil er so ger­ne ver­ges­sen wird): 

    Für wirk­lich alle gilt allein das Recht, und des­halb sind Rechts­bre­cher zu ver­fol­gen und zu bestrafen.

  • Aus dem Tage­buch eines Bene­dik­ti­ner­pa­ters: Wie man 1684 im Dom in Mainz den Oster­sonn­tags­got­tes­dienst fei­er­te | All­ge­mei­ne Zei­tung – die main­zer „all­ge­mei­ne zei­tung“ bringt eine moder­ni­sier­te fas­sung eines tage­buch­be­richts über die oster­fei­er 1684 in mainz, ver­fasst von einem rei­sen­den bene­dik­ti­ner­pa­ter joseph diet­rich aus dem klos­ter ein­sie­deln in der schweiz
  • My Heroic and Lazy Stand Against IFTTT | Pin­board Blog – der pin­board-grün­der/­be­trei­ber maciej cegłow­ski erklärt, war­um es sei­nen (übri­gens sehr emp­feh­lens­wer­ten) ser­vice nicht mehr bei ifttt gibt. die kurz­fas­sung: deren unver­schäm­ten, erpres­se­ri­schen bedin­gun­gen für entwickler
  • Wer­bung – für 6 Euro | Über­me­di­en – peter breu­er blät­tert sich auf „über­me­di­en“ durch die vogue – und ist wenig angetan

    Das The­ma der „Vogue“ ist: „Lan­ge­wei­le“. Sowohl in den Anzei­gen als auch in der Foto­stre­cke. „Komm Baby, stell Dich mal so hin und schau so pikiert, als wür­dest Du an einen völ­lig ver­koch­ten Grün­kohl den­ken.“ Die Mäd­chen sind dünn, die Gesich­ter leer, die Kla­mot­ten teu­er. In den Sech­zi­gern gab es einen Dr. Oet­ker-Spot, in dem eine Frau am Herd steht, ein Fer­tig­ge­richt zau­bert und ein Spre­cher sagt: „Eine Frau hat zwei Lebens­fra­gen: Was soll ich anzie­hen? Und was soll ich kochen?“ Die Frau­en der „Vogue“ haben sogar nur eine Lebens­fra­ge, und selbst die macht ihnen offen­sicht­lich kei­nen Spaß.

  • Inge­borg Bach­mann: „In mir ist die Höl­le los“ | ZEIT ONLINE – der ger­ma­nist Joseph McV­eigh durf­te frü­he brie­fe von inge­borg bach­mann benut­zen und zitie­ren und ist nun sicher, dass man das werk der autorin nur bio­gra­phisch ver­ste­hen kann. zum glück ist die „zeit“ gegen­über sol­chem metho­di­schen unsinn etwas skeptischer …

    „Ich habe kei­ne Matrat­zen­schnüf­fe­lei betrei­ben wol­len“, sagt Bio­graf McV­eigh, „aber wenn man die zer­stö­re­ri­sche Wir­kung der bei­den kata­stro­phal geschei­ter­ten Bezie­hun­gen auf das Leben von Inge­borg Bach­mann nicht berück­sich­tigt, kann man ihr spä­te­res Werk kaum verstehen.“

  • Pres­se­mit­tei­lun­gen als Gen­re: Ein-Blick in die uni­ver­si­tä­re Akten­kun­de der Neu­zeit | Uni­BloggT – was eine sehr knap­pe und schnö­de pres­se­mit­tei­lung einer uni­ver­si­tät dem akten­kund­lich ver­sier­ten his­to­ri­ker alles ver­ra­ten kann …

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  • Ste­fan Nig­ge­mei­er | Der Ehr­geiz des Ste­fan Raab – ste­fan nig­ge­mei­er schreibt einen nach­ruf auf ste­fan raab (zumin­dest liest es sich über wei­te stre­cken so …)
  • Pro­fil, ver­scha­chert für 25 Cent – con­stan­ze kurz in ihrer faz-kolum­ne über die selt­sa­me digi­tal­po­li­tik der kanzlerin

    War­um soll­te sich aber dar­an in Zukunft nicht mehr nur ein klei­ner Kreis von Kon­zer­nen eine gol­de­ne Nase ver­die­nen, son­dern plötz­lich – falls end­lich die stö­ren­den Skep­ti­ker aus dem Weg gehen – Big Data zum Segen für die deut­sche Wirt­schaft wer­den? Glaubt die Bun­des­kanz­le­rin, die Big-Data-Köni­ge wer­den ihre Ser­ver-Hal­len, Cloud-Stand­or­te und Rechen­zen­tren nebst den For­schungs­zen­tren und den klügs­ten Data-Mining-Köp­fen, die sie inter­na­tio­nal ein­ge­kauft haben, den deut­schen Unter­neh­mern abtre­ten, wenn die­se nur ihre skep­ti­sche Hal­tung ablegen?

  • Rachel Dole­zal: Die Far­ben­fra­ge | ZEIT ONLINE – ein sehr klu­ger, aus­führ­li­cher und abwä­gen­der text von nils mark­wardt über rachel dole­zal, schwarz und weiß und die (aus deutscher/​meiner sicht reich­lich merk­wür­dig anmu­ten­de) dis­kus­si­on um „ras­se“ als identitätsmarker

    Doch was folgt nun aus dem Gan­zen? Sofern race eine sozia­le Kon­struk­ti­on ist, stellt sich die hypo­the­ti­sche Fra­ge, ob das Pas­sing von Rachel Dole­zal nicht zumin­dest dann legi­tim gewe­sen wäre, wenn sie mit offe­nen Kar­ten gespielt hät­te, wenn sie also von vorn­her­ein publik gemacht hät­te, dass sie als Wei­ße gebo­ren wur­de, sich aber als Schwar­ze fühlt.
    Doch selbst dann hät­te die­ser Fall ein ent­schei­den­des Pro­blem, das sich aus einer his­to­ri­schen Unter­drü­ckungs­ge­schich­te ablei­tet. Wenn man solch ein trans­ra­cial-Kon­zept radi­kal zu Ende denkt, hie­ße dies ja, dass letzt­lich jede Form eth­ni­scher Selbst­be­schrei­bung indi­vi­du­ell ver­han­del­bar wür­de. Und dies wür­de dann, zumin­dest bis zu einem gewis­sen Gra­de, eben­falls bedeu­ten, dass letzt­lich auch jene affir­ma­ti­ven schwar­zen Iden­ti­täts­kon­zep­te, etwa black­ness oder négri­tu­de, die nicht zuletzt auch als Reak­ti­on auf jahr­hun­der­te­lan­ge Repres­si­on durch Wei­ße ent­stan­den sind, obso­let wür­den oder sich zumin­dest soweit öff­nen müss­ten, dass auch Wei­ße „I’m proud to be black“ sagen könnten.
    Sprich: Man hät­te, wenn auch unge­wollt und mit den Mit­teln wei­ßer dekon­struk­ti­vis­ti­scher Essen­tia­lis­mus­kri­tik, aber­mals eine Situa­ti­on, in der Schwar­zen gesagt wird, wie sie ihre Kul­tur zu defi­nie­ren haben.

  • Wie ich Femi­nist wur­de | Log­buch Suhr­kamp – ein sehr per­sön­li­cher, auf­schluss­rei­cher und inter­es­san­ter text von tho­mas meine­cke (fast eine art bekennt­nis), im dem es um den weg zum selbst und zum schrei­ben (und auch: dem ver­ste­hen von welt und mensch) geht

    In die­sem ästhe­tisch-poli­ti­schen Spalt las­sen sich dis­kur­si­ve Roma­ne ver­fas­sen, die von ande­ren Din­gen erzäh­len als jene, die von den gro­ßen männ­li­chen, ver­meint­lich geschlos­se­nen, auf jeden Fall sich als auto­nom insze­nie­ren­den Autor-Sub­jek­ten (oft als Genies bezeich­net) ver­fasst wur­den (und wei­ter­hin mun­ter ver­fasst wer­den). Die gro­ße Bina­ri­tät, wie sie dem an der Kate­go­rie der Klas­se ori­en­tier­ten poli­ti­schen Den­ken und Schrei­ben anhaf­te­te, wur­de nun durch einen genau­en Blick auf die klei­nen Unter­schie­de, auf sub­ti­le Ver­schie­bun­gen und Modu­la­tio­nen abgelöst

  • Tre­asu­re In Hea­ven | Lapham’s Quar­ter­ly – peter brown über die „kam­pa­gne“ des frü­hen chris­ten­tums und beson­ders hie­ro­ny­mus‘, euer­ge­tis­mus in christ­li­ches almo­sen­ge­ben zu verwandeln

    Altog­e­ther, to accept Chris­ti­an prea­ching was to make a major shift in one’s image of socie­ty. In terms of the social ima­gi­na­ti­on, it invol­ved not­hing less than moving from a clo­sed uni­ver­se to an open one. We begin, in the clas­si­cal world, with a honey­comb of litt­le cities, in each of which the rich thought of nur­tu­ring only their fel­low citi­zens, with litt­le regard to whe­ther any of them were poor. We end, in Chris­ti­an times, with an open uni­ver­se, whe­re socie­ty as a whole—in town and coun­try­si­de alike—was seen to be ruled, as if by a uni­ver­sal law of gra­vi­ty, by a sin­gle, bleak divi­si­on bet­ween rich and poor. The duty of the Chris­ti­an pre­a­cher was to urge the rich no lon­ger to spend their money on their bel­oved, well-known city, but to lose it, almost heed­less­ly, in the face­l­ess mass of the poor. Only that utter­ly coun­ter­fac­tu­al gesture—a ges­tu­re that owed not­hing to the claims of one’s home­town or of one’s fel­low citizens—would earn the rich “tre­asu­re in heaven.” 

  • Der Pia­nist Mau­ri­zio Pol­li­ni im Inter­view – ein sehr, sehr gutes, inter­es­san­tes und intel­li­gen­tes gespräch zwi­schen zwei beet­ho­ven-lieb­ha­bern, jan brach­mann und mau­ri­zio pol­li­ni, anläss­lich der voll­endung sei­ner auf­nah­me aller beethoven-sonate

    Es gibt in Beet­ho­vens Musik Momen­te, die in die Nähe reli­giö­ser Erfah­rung füh­ren kön­nen. Momen­te von gestei­ger­tem Enthu­si­as­mus. Ich will das gar nicht leug­nen. Ich per­sön­lich fin­de, dass man nicht not­wen­di­ger­wei­se an Reli­gi­on den­ken muss, um die­se Musik zu wür­di­gen. Es ist nur deren Grö­ße, wel­che die ästhe­ti­sche Begeis­te­rung schnell ins Reli­giö­se umschla­gen las­sen kann.[…] Das Pro­blem liegt dar­in, dass Beet­ho­vens Wer­ke so viel­ge­stal­tig sind. Er wech­selt Stil und Stim­mung von Stück zu Stück. Es wie­der­holt sich nichts. Des­halb sind die­se Sona­ten so schwer zu spie­len. Die Kennt­nis der einen Sona­te hilft Ihnen über­haupt nicht wei­ter bei der nächsten.

  • Dop­pel­te Unfall­ge­fahr: Helm­trä­ger in Müns­ter öfter im Kran­ken­haus | Rad­helm­fak­ten – eine etwas beun­ru­hi­gen­de samm­lung von daten der unfall­sta­tis­ti­ken: es scheint so, dass die ver­let­zungs­ra­te bei helm­trä­gern in unfäl­len deut­lich grö­ßer ist als bei nicht-helm­trä­gern. das wider­spricht schön jeder all­tags­lo­gik – und es ist über­haupt nicht klar, war­um das so ist … 
  • DER NERD: EINE MINI-PHÄNOMENOLOGIE | Das Schöns­te an Deutsch­land ist die Auto­bahn – sehr coo­le über­le­gun­gen von georg seeß­len zum nerd­tum, der pop-)kultur und ins­be­son­de­re dem deut­schen nerd:

    Jede Kul­tur hat die Nerds, die sie ver­dient. Den Geist einer Comic-Serie, eines TV-Events, eines Star-Ima­gos oder einer Buch­rei­he, einer Sport­art, einer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik, einer Pro­dukt­li­nie erkennt man an ihren Nerds.[…] Der deut­sche Nerd liebt nicht, was er sich erwählt hat, son­dern er hasst, was dem ent­ge­gen oder auch nur außer­halb steht. Der deut­sche Nerd denkt immer hier­ar­chisch. Er will unbe­dingt Ober-Nerd wer­den. Er will das Nerd-Tum orga­ni­sie­ren. Statt Exege­sen pro­du­ziert er Vor­schrif­ten, statt Got­tes­diens­ten sei­nes Kul­tes hält er Gerichte.

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  • Vor­rats­da­ten­spei­che­rung: Du bist ver­däch­tig | ZEIT ONLINE – ach, das ist doch alles so blöd, unsin­nig, ohne ver­stand und gemein – manch­mal möch­te man wirk­lich aus­flip­pen. erst insze­niert sich jus­tiz­mi­nis­ter maas als stand­haf­ter geg­ner der anlass­lo­sen über­wa­chung namens vor­rats­da­ten­spei­che­rung – jetzt knickt er doch wie­der ein und lässt sich halt einen neu­en namen ein­fal­len. zum kot­zen, das alles, die­se ver­ach­tung der grund­recht an höchs­ten stel­len … kai bier­mann hat dazu einen – ich weiß nicht, sei­nen wie viel­ten – klu­gen kom­men­tar geschrieben

    Und dann bleibt da noch die Hal­tung, die sich in dem Vor­ha­ben zeigt. Das Grund­ge­setz wur­de in dem Wis­sen geschaf­fen, dass die Exe­ku­ti­ve prin­zi­pi­ell über­grif­fig ist, dass sie immer ver­su­chen wird, ihre Bür­ger stär­ker zu über­wa­chen. Das Grund­ge­setz soll die Bür­ger davor schüt­zen, soll den Staat im Zaum hal­ten. Diver­se Gerich­te haben das ange­sichts der vie­len, vie­len Über­wa­chungs­in­stru­men­te, die es längst gibt, immer wie­der betont, bekräf­tigt, dar­an erin­nert. Über­wa­chung trotz­dem aus­deh­nen zu wol­len, ist geschichts­ver­ges­sen und igno­rant gegen­über der Verfassung.

  • Er war kein Urva­ter des Pop – Rolf Die­ter Brink­mann zum 75. Geburts­tag : lite​ra​tur​kri​tik​.de – mar­kus fau­ser erin­nert an rolf die­ter brink­mann und sei­ne lite­ra­ri­sche prä­gung, die kei­nes­wegs – wie immer noch oft ange­nom­men und behaup­tet wird – vor allem der pop war:

    Ihm war nicht zu hel­fen. In sei­nem kur­zen Leben schuf er unter enor­mem Druck eini­ge grö­ße­re Wer­ke. […] Sei­ne gesam­te Pro­sa hat­te ohne­hin mit Pop nichts zu tun und nur ein klei­ner Teil sei­ner Gedich­te war davon ange­regt. Gera­de auch die jün­ge­ren Stu­di­en aus der For­schung legen dar­auf Wert. Pop steht nicht nur in der Lite­ra­tur bis heu­te für ein posi­ti­ves Welt­ver­hält­nis, für einen spie­le­ri­schen Umgang mit der Rea­li­tät und – viel­leicht am wich­tigs­ten – für das Hin­neh­men von Kon­sum und Kom­merz. Nichts davon passt auf Brink­mann. […] Sein Werk steht viel­mehr im Zei­chen der nach­ho­len­den Moderne.

  • Kon­kur­renz zu Ama­zon: Net­te Buch­händ­le­rin­nen allein rei­chen nicht – Bücher – FAZ – ulf erd­mann zieg­ler über­legt, ob nicht ver­la­ge, gros­sis­ten etc. in deutsch­land ein kon­kur­renz-unter­neh­men zu ama­zon im bereich des buchverkaufs/​buchversands auf­zie­hen könn­ten und/​oder sollten
  • Gün­ter Grass: Oskar Mat­zer­ath ist eine gan­ze Epo­che – nora bossong denkt anläss­lich des todes von gün­ter grass wohl­tu­end unauf­ge­regt über die rol­le und die mög­lich­kei­ten einer schrift­stel­le­rin damals und heu­te nach

    Auch hat sich der Dis­kurs frag­men­tiert und in ver­schie­de­ne Zustän­dig­keits­be­rei­che auf­ge­teilt. Hier die Poli­tik, da die Kunst, spre­chen Sie, wenn Sie auf­ge­for­dert wer­den und für den Rest gilt: Ruhe, set­zen. Ein Wei­sungs­mo­no­pol, wie es Grass inne­hat­te, kann heu­te kein Intel­lek­tu­el­ler mehr für sich bean­spru­chen und es scheint auch nicht mehr erwünscht. Die Fra­ge ist, ob zu viel Stil­le irgend­wann taub macht.

  • „House of Cards“: Die teu­ers­te Sei­fen­oper der Welt | ZEIT ONLINE – nick­las baschek zeigt die pro­ble­me von „house of cards“ sehr schön auf. mich stört ja dar­an vor allem: die­ses ver­ständ­nis von poli­tik wird größ­ten­teils als rea­lis­tisch wahr­ge­nom­men – und das hat, befürch­te ich, doch mas­si­ve aus­wir­kun­gen auf unser/​das poli­ti­sche han­deln in der wirk­lich­keit, die ich nicht gut fin­den kann. man muss sich zum ver­gleich nur mal die dar­stel­lung des poli­ti­schen han­delns in „the west wing“ anschau­en, um zu sehen, wie zer­stö­re­risch das net­flix-bild ist (und wie sehr sich das „durch­schnitt­li­che“ bild von poli­tik offen­bar in den letz­ten jah­ren gewan­delt hat) …
  • Medi­en Inter­net: Die Okku­pa­ti­on der Pri­vat­sphä­re | Kul­tur – Frank­fur­ter Rund­schau -

    Wir gefähr­den die Demo­kra­tie, wenn wir die Gren­zen zwi­schen öffent­lich und pri­vat auf­he­ben, sei es mut­wil­lig oder nachlässig.

    sehr schö­nes gespräch mit harald wel­zer über pri­vat­heit, den nut­zen und die gefah­ren von inno­va­tio­nen, auch digi­ta­len tech­ni­ken, und die mög­lich­kei­ten, sich dem ent­ge­gen­zu­stel­len, das zu ändern …

  • Die­se mie­se Kri­se – Nach­rich­ten Print – DIE WELT – Kein Geld, kei­ne Wür­de. Eine grie­chi­sche Fort­set­zungs­ge­schich­te – mar­le­ne stre­eru­witz als nelia fehn schreibt die geschich­te von „Die Rei­se einer jun­gen Anar­chis­tin nach Grie­chen­land“ in einem recht selt­sa­men text fort
  • Wolf Wond­rat­schek: Best­sel­ler, Auf­la­ge: 1 – Bücher – FAZ – sehr selt­sa­mer text von vol­ker wei­der­mann über den mei­nes erach­tens ten­den­zi­ell über­be­wer­te­ten wolf wond­rat­schek. und das war mal ein lite­ra­tur­kri­ti­ker! hier ist alles nur eine ein­zi­ge jube­lei. irgend ein his­to­ri­scher kon­text fehlt völ­lig: dass kunst mäze­ne hat, die unter umstän­den die ein­zi­gen sind, die das werk ken­nen dürfen/​können, ist ja nun wirk­lich nicht neu. inter­es­sant auch, wie kri­tik­los er den „mäzen“ wond­rat­scheks por­trä­tiert, der aus­drück­lich nicht kunst, son­dern „den men­schen“ kauft – alles sehr selt­sam. aber was soll man von einem lite­ra­tur­kri­ti­ker hal­ten, der sol­che sät­ze schreibt: „Was für ein herr­li­cher Moment für einen Kri­ti­ker: Ein Buch, das er nicht lesen kann, wird ihm vom Dich­ter selbst erzählt.“ – das ist ja mal wie­der typisch: da bleibt doch nur der inhalt – aber die form, die das erst zur kunst macht, ist doch da nicht mehr vorhanden!

CEO

Bes­te Autoren­bio­gra­phie ever:

Til­man Ramm­stedt war bis Ende 2013 CEO bei Til­man Ramm­stedt und ist seit­dem dort als exter­ner Bera­ter tätig. Außer­dem ist er amtie­ren­der deut­scher Vize­meis­ter im Nickerchenmachen.

(auch der Rest des Tex­tes ist ziem­lich großartig!)

Aus-Lese #25

Marc Augé: Die For­men des Ver­ges­sens. Ber­lin: Matthes & Seitz 2013. 106 Seiten. 

Augé plä­diert in die­sem Essay dafür, Ver­ges­sen als Teil der Erin­ne­rung vom Ruch des Makels zu befrei­en: Ver­ges­sen ist für ihn inso­fern unauf­lös­lich mit dem Erin­nern ver­bun­den, weil über­haupt nur durch das Ver­ges­sen von man­chem man­ches erin­nert wer­den kann und als Erin­ne­rung ver­füg­bar sein kann. Die Sicht ist die des Eth­no­lo­gen (und die Reflek­ti­on sei­ner Methode(n) nimmt erheb­li­chen Raum ein): Die zeit­li­che Gebun­den­heit der Fik­ti­on (bzw. der Nar­ra­ti­on) des Lebens, aus der der Eth­no­lo­ge (bei Augé gibt es kei­ne Frau­en ;-)) sei­ne Erzäh­lun­gen formt, sind ein wie­der­keh­ren­des Motiv. Und die­se Erzäh­lun­gen sind für ihn auf allen Ebe­nen immer Pro­duk­te des Gedächt­nis­ses, womit das Ver­ges­sen wie­der ins Spiel kommt. Fast neben­bei lie­fert er dazu viel Mate­ri­al und Anek­do­ten aus dem Schatz des Eth­no­lo­gen zu Erin­nern und Ver­ges­sen, aber eigent­lich vor allem zu Fik­ti­on und Erzäh­lung (in die Ver­ges­sen und Erin­nern hier immer ein­ge­bun­den sind). 

Ver­ges­sen ist für Augé nicht nur als Ele­ment der Erin­ne­rung zu ver­ste­hen, son­dern als pro­duk­ti­ver Vor­gang der Erzäh­lung (und damit Gestal­tung) der Wirk­lich­keit – denn Ver­ges­sen, so Augé, öff­net Mög­lich­kei­ten, Poten­tia­li­tä­ten der Ver­gan­gen­heit, der Gegen­wart oder der Zukunft. Also genau das, was Indi­vi­du­en und Gemein­schaf­ten brauchen:

Gedächt­nis und Ver­ges­sen bedin­gen sich gegen­sei­tig, bei­de sind not­wen­dig zum umfas­sen­den Gebrauch der Zeit. […] Das Ver­ges­sen führt uns zur Gegen­wart zurück […]. Man muss ver­ges­sen, um anwe­send zu blei­ben, ver­ges­sen, um nicht zu ster­ben, ver­ges­sen, um treu zu blei­ben. (102f.)/

Alex­an­der Los­se: Stro­phen. Ber­lin: Karin Kra­mer 2010. 65 Seiten.

Stro­phen ist ein extrem deskrip­ti­ver Titel, denn das Lyrik­de­büt Los­ses ent­hält genau das: Stro­phen. Genau­er: 62 ein­zel­ne Stro­phen, alles Vier­zei­ler (eine sechs­ver­si­ge Stro­phe ist auch dabei) mit dem sehr auf­fal­len­de­nen Ele­ment des Kreuz- bzw. umar­men­de Reims orga­ni­siert. Getra­gen wer­den die kur­zen Gedich­te Los­ses durch ihre Lied­haf­tig­keit. Auch eine gewis­se, schwe­ben­de Leich­tig­keit ist ihrer Spra­che eigen. Vor allem spricht aus ihnen (fast) allen aber ein gro­ßer, exis­ten­ti­el­ler Ernst: „Ver­wüs­tung eine See­le schuf“ heißt es zum Bei­spiel gleich in der ers­ten Stro­phe. Fra­gen­de Meta­phern, offen für Ant­wor­ten oder Ein­wür­fe bestim­men die meis­ten Stro­phen. Sie kön­nen sich auch recht gut ver­lie­ren – in der Kür­ze, der Klein­heit und der (fes­ten, vor­ge­be­nen, unan­ge­tas­te­ten) Form. Und manch­mal blei­ben sie auch ein­fach in der Bana­li­tät des Reims und der reli­gi­ös-christ­lich-kirch­li­chen Meta­phern ste­cken, so dass ich nicht so recht weiß, ob ich – bei eini­gen sicher­lich sehr guten „Stro­phen“ – den gan­zen Band wirk­lich rich­tig gut finde …

XLVI
Gehst so lei­se in die Kirche,
fliehst so spät zum untern Grund.
Wes­sen Hand hat nur berühret,
wes­sen Weg dich hergeführet,
wes­sen Opfer schweigt dein Mund.
Gehst so lei­se in die Kirche. 

Pau­lus Böh­mer: Kad­dish I‑X. Frank­furt am Main: Schöff­ling 2002. 345 Seiten. 

groß­ar­tig: Die Form des Kad­dish, des jüdi­schen Trau­er­ge­be­tes, nutzt Böh­mer, um den Leser mit so ziem­lich allem zu kon­fron­tie­ren, was sich den­ken lässt: Im Modus der Ver­gäng­lich­keit tau­chen Sexua­li­tät und Phan­ta­sie, Bil­dung und Erle­ben, Hoch­kul­tur und Under­ground neben‑, über- und hin­ter­ein­an­der auf. Das ist in sei­ner Dich­te und vor allem der per­ma­nen­ten Anspan­nung kaum am Stück zu lesen. Zehn Kad­dishs ver­sam­melt Böh­mer in die­sem Band (inzwi­schen ist ja noch ein zwei­ter erschie­nen), als eine Art Lang­ge­dich­te mit 12 bis 50 Druck­sei­ten Län­ge – also ganz schö­ne Bro­cken. Und da Böh­mer immer mit einer kunst­voll gesuch­ten, unge­heu­er viel­fäl­ti­gen, rei­chen Spra­che auf höchs­tem Niveau arbei­tet, ver­langt das auch dem Lesen viel Kon­zen­tra­ti­on, Auf­merk­sam­keit und Durch­hal­te­wil­len ab – Anstren­gun­gen, die sich aber loh­nen, denn in sei­ner kon­zen­trier­ten Erschöp­fung der Ver­gäng­lich­keit der Welt und des Lebens ist Böh­mer ein groß­ar­ti­ger Lyriker.

Johan­nes Fried: Karl der Gro­ße. Gewalt und Glau­be. Eine Bio­gra­phie. Mün­chen: Beck 2013. 736 Seiten. 

Der Ver­lag – und auch eini­ge Rezen­sen­ten – kön­nen sich ja vor Begeis­te­rung über die­sen Wäl­zer kaum ein­krie­gen. Ganz so ging es mir nicht. Das liegt aber nur zum Teil an Fried selbst, son­dern auch am Ver­lag. Ner­vig fand ich die – für einen Ver­lag wie Beck! – extrem nied­ri­ge Lek­tor­akts- und Pro­duk­ti­ons­qua­li­tät. Ein paar Bei­spie­le: die Kapi­täl­chen ohne Klein­buch­sta­ben, Flüch­tig­keits­feh­ler (wie die fal­sche Ver­or­tung Ingel­heims auf der Kar­te oder fal­sche, nicht erklär­te Abkür­zun­gen im Text) und der auf Dau­er etwas stei­fe Stil, der etwas lek­to­rie­ren­de Glät­tung durch­aus ver­tra­gen hät­te, fal­sche Anmer­kun­gen, die ver­wir­ren­de Num­me­rie­rung der Abbil­dun­gen und Farb­ta­feln, das feh­len­de Abbil­dungs­ver­zeich­nis, der fal­sche Kolum­nen­ti­tel im Appen­dix, der bil­li­ge Umschlag …

Aber es geht ja um den Text selbst. Der bie­tet sehr, sehr viel – aber nicht unbe­dingt das, was der Unter­ti­tel ver­spricht. „Eine Bio­gra­phie“ ist das näm­lich aller­höchs­tens peri­pher, eigent­lich über­haupt nicht. Das Leben eines karo­lin­gi­schen Herr­schers ist ja nicht mehr aus­zu­lo­ten, wor­auf Fried selbst natür­lich hin­weist – also brei­tet ein Mit­tel­al­ter-His­to­ri­ker alles aus, was er aus und über die­se Zeit weiß. Das ist manch­mal sehr all­ge­mein und manch­mal sehr spe­zi­ell (wie sich über­haupt mir manch­mal der Ein­druck auf­dräng­te, dass Fried nicht so genau wuss­te, für wen er eigent­lich schrei­ben will: für den inter­es­sier­ten Lai­en? – Dafür setzt er ziem­lich oft sehr gründ­li­che Vor­kennt­nis­se vor­aus. Für die Fach­kol­le­gen? Dafür ist man­ches etwas all­ge­mein bis über­flüs­sig (und die Anmer­kun­gen bzw. das Lite­ra­tur­ver­zeich­nis etwas unge­nau …). Gera­de das Pan­ora­ma der früh­mit­tel­al­ter­li­chen Welt macht die­sen Karl aber so wertvoll. 

Und Frieds Ansatz, Karls Leben und Hand­lun­gen mit zwei Moti­va­ti­ons­strän­gen – den im Unter­ti­tel genann­ten Kom­ple­xen „Gewalt“ und „Glau­be“ – zu erklä­ren, ist durch­aus nach­voll­zieh­bar und rich­tig. Auch wenn, wie er es selbst ent­wi­ckelt, die „Gewalt“ – ins­be­son­de­re eben die Krie­ge wie die gegen die Sach­sen – (fast) immer aus dem „Glau­ben“ erwächst. Das gelingt Fried übri­gens sehr schön, der Ver­such, Karl und sei­ne Moti­va­ti­on aus dem Wis­sen und den Über­zeu­gun­gen sei­ner Zeit zu erklä­ren. Fast bestechend wird das etwa bei der Fra­ge nach der Kai­ser­kro­ne – ein Unter­neh­men, dass Fried durch­aus schlüs­sig mit dem Ver­weis auf die ver­brei­te­te und wahr­ge­nom­me­ne End­zeit­stim­mung um 800 erklä­ren kann. 

Ann Cot­ten: Der schau­ern­de Fächer. Erzäh­lun­gen. Ber­lin: Suhr­kamp 2013. 253 Seiten. 

Obwohl ich Ann Cot­ten als Lyri­ke­rin durch­aus mit Wert­schät­zung und Inter­es­se wahr­ge­nom­men habe, kann ich mit ihrem ers­ten Erzäh­lungs­band eher wenig anfan­gen. Das ist sehr wild, unge­zähmt, unge­formt scheint es oft – wuchernd in Phan­ta­sie und Stil. Meistens/​immer geht es um Lie­bes­be­zie­hun­gen, um den Beginn einer Ver­traut­heit und Zunei­gung und Lie­be – aber in sehr selt­sa­men Kon­fi­gu­ra­tio­nen und Beschrei­bun­gen. Schön und klug sind die ein­ge­ar­bei­te­ten (oft eher unauf­fäl­li­gen, sel­ten expli­zi­ten) Gen­der-The­ma­ti­sie­run­gen. Man­ches hat durch­aus poe­ti­sches Poten­ti­al, das sich auch beim ers­ten Lesen zeigt. Ande­res erschien mir eher fah­rig und aus­ufernd, mehr Ein­fall als Form, mehr Idee als Aus­ar­bei­tung, mehr Prä­ten­ti­on als Ein­lö­sung. Aber viel­leicht bin ich da etwas unge­recht – jeden­falls ver­spür­te ich öfters ein­fach kei­ne Lust, micht auf die­se Text­wel­ten wirk­lich ein­zu­las­sen (war­um auch immer).

Biografische Wahrheit

Wer Bio­graf wird, ver­pflich­tet sich zur Lüge, zur Ver­heim­li­chung, Heu­che­lei, Schön­fär­be­rei und selbst zur Ver­heh­lung sei­nes Unver­ständ­nis­ses, die bio­gra­fi­sche Wahr­heit ist nicht zu haben, und wenn man sie hät­te, wäre sei nicht zu brauchen.

Sig­mund Freud an Arnold Zweig, 30.9.1945

Aus-Lese #2

Wolf­gang Matz: Adal­bert Stif­ter oder Die­se fürch­ter­li­che Wen­dung der Din­ge. Mün­chen: Han­ser 1995, 406 Seiten. 

Eine der schlech­tes­ten (Dichter-)Biographien über­haupt, die ich je gele­sen habe (okay, das ist nicht unbe­dingt mei­ne Sache). Matz nimmt die Bio­gra­phie eigent­lich nur zum Anlass, mög­lichst aus­führ­lich und aus­schwei­fend über die Erzäh­lun­gen Stif­ters zu schrei­ben – und die voll­ends bio­gra­phisch erklä­ren zu wol­len. Das klappt natür­lich alles vor­ne und hin­ten nicht, des­we­gen wird mun­ter und wild drauf los spe­ku­liert. Eine sehr unan­ge­neh­me Sache, das – Bio­gra­phis­mus ist ja sowie­so schon eine – mei­nes Erach­tens – gefähr­li­che Sache vol­ler Fall­stri­cke, hier ist sie jeden­falls voll­ends miss­glückt: Weder das Leben noch das Werk wird so ver­ständ­lich oder erklärt. – Eine Bio­gra­phie, die das Bio­gra­phi­sche mei­det, weil sie lie­ber im Werk sich tum­melt – ohne das aber wesent­lich auf­hel­len zu kön­nen, weil sie es wie­der nur aus dem Bio­gra­phi­schen (bzw. ein bis zwei Moti­ven, die sich dar­aus erge­ben) zu ver­ste­hen ver­sucht, und zwang­haft wil­de Fol­ge­run­gen anstellt …

Carl Schmitt: Römi­scher Katho­li­zis­mus und poli­ti­sche Form. 5. Auf­la­ge. Stutt­gart: Klett-Cot­ta 2008 [1923]. 65 Seiten. 

Semi­nar­lek­tü­re ;-). Aber nicht unspan­nend: Schmitts Pan­ora­ma der euro­päi­schen Gei­ste­ge­schich­te (ab dem Mit­tel­al­ter) und der katho­li­schen Kir­che als com­ple­xio oppo­si­torum. Typisch Schmitt, setzt das mit einem Pau­ken­schlag ein: „Es gibt einen anti-römi­schen Affekt.“ (5) Dar­aus speist und dazu führt dann der gan­ze fol­gen­de Text: Zu zei­gen, dass es der römi­schen Kir­che als com­ple­xio oppo­si­torum gelingt, gegen­über den welt­li­chen Dif­fe­ren­zen der Ideo­lo­gien und Unter­schie­den und Ver­än­de­run­gen durch die Jahr­hun­der­te gewis­ser­ma­ßen gelas­sen oder absor­bie­rend zu blei­ben (Schmitt nennt das die „Elas­ti­zi­tät“ der Kir­che), wor­aus sich – mit ihrer unge­heu­re­ren hier­ar­chi­schen Struk­tur – die „unfass­ba­re poli­ti­sche Macht“ (6) der katho­li­schen Kir­che sich speist. Sehr inter­es­sant sind dann gegen Ende auch sei­ne Über­le­gun­gen zur Reprä­sen­ta­ti­on und deren Feh­len in der moder­nen Gesell­schaft und im moder­nen Staat (auch wenn ich die Fol­ge­run­gen Schmitts nicht unbe­dingt teile).

Johann Chris­ti­an Gün­ther: Wer­ke. Her­aus­ge­ge­ben von Rei­ner Böhl­hoff. Frank­furt am Main: Deut­scher Klas­si­ker Ver­lag 1998 (Biblio­thek der Frü­hen Neu­zeit, Band 10) 1596 Seiten. 

Kreuz-und-quer-Lek­tü­re eini­ger Gedich­te. Die komemn – das scheint mir im Moment typisch für Gün­ther – in der Regel eher „tra­di­tio­nell“ oder tra­di­ti­ons-kon­form daher, ver­ste­cken in einer geschick­ten Dop­pel­bö­dig­keit aber oft genug gera­de ein Spiel mit den tra­di­tio­nel­len For­men und Topoi, oft in einer kri­ti­schen oder sati­ri­schen Hal­tung. Sehr span­nend das, auch weil die Gedich­te aus dem Kanon wei­tes­ge­hend ver­schwun­den sind oder sich höchs­tens als ein­zel­ne Exem­pla­re, aber nicht als inte­gra­les Werk eines Autors dort noch zei­gen (Gün­ther ist auch als Mensch offen­bar – so weit wir das bei der eher mäßi­gen Quel­len­la­ge heu­te noch sagen kön­nen – eine sehr inter­es­san­te Gestalt gewesen …).

außer­dem noch ein biss­chen Stif­ter und Schnitzler …

Netzfunde vom 7.5.

Mei­ne Netz­fun­de vom 7.5.:

Schubert im Werkkontext

So viel gleich: Ein gutes Büch­lein ist dem Schu­bert-For­scher Hin­rich­sen gelun­gen. Natür­lich ist das auf 126 Sei­ten alles nur sehr knapp mög­lich. Aber man merkt dem Text an, dass er aus einer Posi­ti­on des Wis­sens und der andau­ern­den Refle­xi­on nicht nur Schu­berts und sei­ner Kom­po­si­tio­nen, son­dern auch und beson­ders deren Erfor­schung geschrie­ben wur­de. Hin­rich­sen ist näm­lich immer bemüht, all­zu ein­fa­che Erklä­rungs­mus­ter kri­tisch zu hin­ter­fra­gen – plat­te bio­gra­phi­sche „Erklä­run­gen“ des Wer­kes fin­det man hier nicht. Aber auch ande­res wird rela­ti­viert, z.B. die „Schaf­fens­kri­se“ Schu­bert, die kei­ne ist – die Zeit um 182x, in der – so die gän­gi­ge Lehr­mei­nung – Schu­berts Kom­po­si­tio­nen in Frag­men­ten ste­cken blei­ben. Hin­rich­sen weist nun aber dar­auf hin, dass die Idee einer „Kri­se“ hier einer­seits viel zu mono­kau­sal (und zu „roman­tisch“) gedacht ist, ande­rer­seits sich aber auch an den (über­lie­fer­ten) Quel­len gar nicht bele­gen lässt, weil für die frag­men­ta­risch über­lie­fer­ten Wer­ke etwa ganz ver­schie­de­ne Erklä­run­gen zur Unvoll­stän­dig­keit her­an­ge­zo­gen wer­den müs­sen – zum Bei­spiel die Idee des Labors, aber auch der Umstand, dass Auf­füh­rungs­mög­lich­kei­ten weg­fie­len oder dass die Frag­men­te kom­po­si­ti­ons­tech­nisch eigent­lich (fast) voll­endet sind und nur noch der Abschrift harr­ten. Das alles ist mei­nes Erach­tens, der ich nun kein Schu­bert­spe­zia­list bin, durch­aus ein­leuch­tend argumentiert. 

Genau­so ein­leuch­tend wie die gesam­te Dar­stel­lung Schu­berts und sei­nes Kom­po­nis­ten­le­ben. Wie gesagt, das ist weni­ger eine Bio­gra­phie als eine Werk­ge­schich­te. Und die zeigt Schu­bert, da legt Hin­rich­sen wie­der­holt Wert dar­auf, vor allem als Uni­ver­sal­kom­po­nist, als Uni­ver­sa­list und als einer der ers­ten frei­schaf­fen­den Kom­po­nis­ten, wie er zurück­hal­tend for­mu­liert. Hin­rich­sen weist aber auch ver­schie­dent­lich dar­auf hin, dass Schu­bert mit dem Kom­po­nie­ren schon früh und immer wie­der erheb­li­che Ein­nah­men erzie­len konn­te – nur eben auf sehr unre­gel­mä­ßi­ger und unzu­ver­läs­si­ger Basis, da es ihm nicht gelang, eine Stel­lung zu erhal­ten (was er aber offen­bar auch nicht mit vol­lem Eifer anstreb­te …). Uni­ver­sal­kom­po­nist also: Ein Künst­ler, der gezielt alle Gat­tun­gen und For­men bear­bei­tet, vom Lied und den eher unter­hal­ten­den Tän­zen etc. für Klavier(e) über Kam­mer­mu­sik und Sym­pho­nien und Kir­chen­mu­sik bis zum Musiktheater:

Von Anfang an also zielt der jun­ge Kom­po­nist auf ein Pro­fil, das man sei­nem rei­fen OEu­vre denn auch beden­ken­los zuer­ken­nen mag: Schu­bert war einer der gro­ßen Uni­ver­sa­lis­ten der Musik­ge­schich­te, in deren Lebens­werk prak­ti­sche alle Gat­tun­gen zahl­reich und mit bedeu­ten­den Wer­ken ver­tre­ten sind. (29)

Dabei sind für Hin­rich­sens Dar­stel­lun­gen Ent­wick­lun­gen und Kon­tex­te beson­ders bedeut­sam: Zunächst ein­mal die Situa­ti­on in Wien zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts, ins­be­son­de­re natür­lich die kul­tu­rel­len Gege­ben­hei­ten. Dann das Freun­des-Netz­werk Schu­berts, das einer­seits „inner­lich“ über ästhetisch/​philosophische Ein­flüs­se wirkt, ande­rer­seits eben auch „äußer­lich“ über Kon­tak­te, Auf­füh­run­gen etc. Dann – natür­lich – die Bezie­hung zu Beet­ho­ven als Fix­stern instru­men­ta­len bzw. sym­pho­ni­schen Kom­po­nie­rens. Denn Hin­richs­ten betont den Instru­men­tal­kom­po­nis­ten Schu­bert sehr: als Sin­fo­ni­ker und Kam­mer­mu­si­ker, auch erfolg­rei­cher Kir­chen­mu­si­ker. Beet­ho­ven als Kom­po­nist, an dem sich Schu­bert „abar­bei­tet“, erfährt dann aller­dings eine gewis­se Rela­ti­vie­rung – zum Bei­spiel durch die Situ­ie­rung des berühm­ten Schu­bert-Zita­tes, das es gleich wesent­lich weni­ger ver­zwei­felt klin­gen lässt. Und die Beto­nung der Beob­ach­tung, dass Schu­bert nicht eigent­lich Sym­pho­nien „nach“ Beet­ho­ven kom­po­niert, son­dern einen Weg „neben“ dem gro­ßen Meis­ter ent­wi­ckelt – vor­sich­tig tas­tend, expe­ri­men­tie­rend und aus­pro­bie­rend (und damit die Grund­la­ge für die spä­te­re Sym­pho­nik des 19. Jahr­hun­derts wesent­lich beeinflusst):

Die gro­ßen Instru­men­tal­wer­ke aus Schu­berts Spät­zeit stel­len – als ein­zi­ge ihrer Epo­che – plan­voll ange­leg­te Alter­na­ti­ven zu Beet­ho­vens Kon­zept instru­men­tal­mu­si­ka­li­scher Zusam­men­hang­bil­dung dar; sie ver­dan­ken sich aus­nahms­los einer reflek­tier­ten Pha­se des Kom­po­nie­rens „neben“, nicht „nach“ Beet­ho­ven und sind von spä­te­ren Kom­po­nis­ten, die das zu erken­nen ver­moch­ten, bei ihrer eige­nen pro­duk­ti­ven Beet­ho­ven-Rezep­ti­on dank­bar als Modell­kon­zep­tio­nen von nicht gerin­ge­rer Bedeu­tung ange­nom­men wor­den. (51)

Eben­falls gro­ße Bedeu­tung legt Hin­rich­sen auf das ja unge­heu­er reich­hal­ti­ge musik­thea­tra­li­sche Schaf­fen, das heu­te zwar nicht mehr ganz ver­ges­sen ist, aber doch sehr an den Rand gedrängt und nur mar­gi­nal wahr­ge­nom­men wird. Er zeigt, wie Schu­bert ver­sucht, in die spe­zi­el­len Krei­se der Wie­ner Oper ein­zu­drin­gen – dabei geht es ja nicht nur um „das Werk“, son­dern um Bezie­hun­gen (zu den Inten­dan­ten, Sän­gern, För­de­ren und so wei­ter) – und Hin­rich­sen weist dar­auf hin, dass Schu­bert da ziem­lich weit vor­dringt: mit Hil­fe sei­ner Freun­de. Und erst in dem Moment, in dem die­se Unter­stüt­zung aus ande­ren Grün­den weg­fällt, zer­schla­gen sich auch sei­ne Chan­cen, an der Oper wirk­lich zu reüs­sie­ren. Was bei Hin­rich­sen dann ins­ge­samt lei­der doch etwas kurz kommt, sind die Lie­der – da setzt er eine gewis­se Kennt­nis viel mehr vor­aus als bei den ande­ren Gat­tun­gen, die Schu­bert bear­bei­tet hat.

Aber es bleibt auf die­sem knap­pen Raum eine beein­dru­ckend detail­lier­te, tief­ge­hen­de Ana­ly­se und ver­ständ­li­che, kon­zi­se Dar­stel­lung – so wünscht man/​ich sich das!

Hans-Joa­chim Hin­rich­sen: Franz Schu­bert. Mün­chen: Beck 2011. 128 Sei­ten. 8,95 Euro ISBN 978−3−406−62135−2.

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