Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: belletristik

Seerücken, Einsamkeit und ein bisschen Erfüllung

„See­rü­cken“ ist ein typi­sches Stamm-Buch. Alle not­wen­di­gen Ing­re­den­zi­en sind im neu­en Erzäh­lungs­band von Peter Stamm vor­han­den, auch die Mischung stimmt wie­der.1. Da wären sie also wie­der, die Gewöh­lich­kei­ten des Peter Stamm. Aus den Bana­li­tä­ten des Alltgs, des „nor­ma­len“ Lebens schöpft er sei­ne Erzäh­lun­gen. Tris­tesse und eine leich­te Melan­cho­lie als Grund­stim­mung darf und kann man hier schon kon­sta­tie­ren – aber nur eine leich­te, eine schwe­ben­de, die mehr durch ihre Anmut als durch ihre Melan­cho­lie bezaubert.

Das zeigt sich schon ganz neben­säch­lich – aber Neben­säch­lich­kei­ten gibt es bei Stamm eben nicht, hier zählt jedes Wort mit Bedacht – in der vor­han­de­nen und erfah­re­nen Natur und Umwelt im wei­tes­ten Sin­ne, denn auch Dorf (das eher) und Stadt, Arbeits­platz und Woh­nung gehö­ren da schon dazu: Als gege­be­ne Umstän­de, umwelt­li­che Rah­mun­gen des/​der Prot­ago­nis­ten – und bei­ben übri­gens auf­fal­lend men­schen­leer, selbst in „Mas­sen­sze­nen“ wie einem Open-Air-Kon­zert mit meh­re­ren Hun­dert Besu­chern gibt es eigent­lich nur vier oder fünf Men­schen, der Rest ist Umwelt, ist Rau­schen, Hin­ter­grund … Die Lan­schaft ist hier oft der Boden­see, wie­der­holt duns­tig, neb­lig, mit unkla­rem Wet­ter – kei­ne Son­nen­schein-Stim­mung auf jeden Fall …

Denn es sind ja immer etwas holp­ri­ge Lebens­ent­wür­fe, die Stamm beschäf­ti­gen. Sei­ne Erzä­hun­gen oder Kurz­ge­schich­ten haben hier – zumin­dest teil­wei­se – durch­aus einen Hang zur Novel­le: Einen gewis­sen Dreh, ein unvor­her­ge­se­he­ne Ereig­nis, eine uner­war­te­te Wen­dung bekom­men die Geschich­ten durch­aus öfters mit. Aber, und das ist eben typisch für Stamm, meis­tens nur einen klit­ze­klei­nen, manch­mal sogar nur einen kaum merk­ba­ren – und manch­mal auch gar kei­nen … Und die­ses „Ereig­nis“ – das auch eine blo­ße Wahr­neh­mung sein kann – ist kei­nes­wegs unbe­dingt das Zen­trum oder das Ziel des Tex­tes – inso­fern stimmt das mit den Novel­len auch wie­der nicht und man muss wohl bei dem etwas gene­ri­schen Begriff der „Erzäh­lung“ bleiben.

Sei­ne Gestal­ten sind Anti-Hel­den – die Kri­tik klas­si­fi­ziert sie oft als Ver­lie­rer. Aber das scheint mir zu weit: Ver­lo­ren sind sie in der Regel nur in der All­täg­lich­keit, der Gewöhn­lich­keit ihrer Lebens­ent­wür­fe. Aber auch Sehn­suchtspielt nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le – die aller­dings schon: Sie lau­ert unter der Ober­flä­che, die (oft mit Mühe) auf­recht erhal­ten wird. Gewiss, das Schei­tern ist hier häu­fi­ger als das Gelin­gen. Aber so ist das Leben nun ein­mal. Und nicht jedes Miss­lin­gen ist ein Schei­tern, manch­mal reicht auch ein Bei­na­he oder ein Gera­de­so­ge­l­in­gen für den Erfolg. Die Figu­ren Stamms sind jeden­falls gan sicher kei­ne Drauf­gän­ger – Risi­ko gehen sie nur ungern ein, sie rich­ten sich ger­ne ein in ihrem Leben, ihren Umstän­den, ihrer eige­nen Welt. Und manch­mal ist der Autor so gemein, sie mit klit­ze­klei­nen Unschein­bar­kei­ten, mit zufäl­li­gen Begeg­nun­gen, mit klei­nen Ereig­nis­sen zumin­dest für einen Moment aus ihrem gemüt­li­chen, aber nie ganz erfül­len­den All­tag und des­sen Trott zu rei­ßen, ihnen so die Mög­lich­keit des Den­kens, des Seh­nens, des Wün­schens zu eröff­nen und die Welt und das Leben etwas hel­ler wer­den zu lassen.

Wahr­schein­lich kommt daher das hohe Iden­ti­f­kat­i­on­po­ten­zi­al, dass die Stamm­sche LIte­ra­tur anbie­tet und sie so erfolg­reich macht. Trotz­dem, trotz der (zumin­dest schein­ba­ren) Bana­li­tät sei­ner Figu­ren, Psy­chen und Hand­lun­gen, ist Stamm aber in der Lage, Schön­hei­ten zu ent­de­cken. Das st wohl sei­ne größ­te Leis­tung: Die ästhe­ti­sche Fas­zi­na­ti­on, die rei­ne, fast unschul­dig zu nen­nen­de Schön­hei der Bana­li­tät nicht nur zu ent­de­cken und mit­zu­tei­len, son­dern ihr auch eine Form zu geben. Denn Stamms Spra­che ist ja gera­de­zu belei­di­gend ein­fach, schlicht – aber genau­es­tens kom­po­niert. Denn gera­de die Sim­pli­zi­tät sei­ner Schil­de­rung, die leich­te Distanz zu Men­schen und Din­gen ermög­licht ihm Genau­ig­keit, Prä­zi­si­on der Wahr­neh­mung des Erzäh­lers und Prä­zi­si­on der Schil­de­rung. Die­se Pas­sung, die Über­ein­stim­mung von Thema/​Sujet und Stil macht einen gro­ßen Teil des Kön­nens Stamms aus.

Zehn Geschich­ten, jede ganz eigen und doch alle zusam­men gehö­rig, eben als ewi­ge Varia­ti­on des Stamm­schen The­mas. Aber das kann man durch­aus öfter lesen. Und allein die letz­te Geschich­te die­ses Ban­des, „Coney Island“, ist schon groß­ar­tig genug: Auf genau drei Sei­ten schil­dert Stamm nur eine ganz all­täg­li­che, bana­le Situa­ti­on – ein Rau­cher am Mehr, eine zufäl­li­ge Begeg­nung, ein Foto – und doch ist das alles viel mehr, öff­net es ein Fens­ter in ein gan­zes Leben, ein Ent­wurf, eine Idee des „rich­ti­gen“ oder ordent­li­chen Lebens. Die schwächs­te der Erzäh­lun­gen scheint mir genau die zu sein, die am stärks­ten zur Novel­le ten­diert, wo am „meis­ten“ pas­siert: „Der Lauf der Din­ge“ – ein Paar im Urlaub, die Nach­barn in der Feri­en­woh­nung als lär­men­de Fami­lie, die urplötz­lich ver­stummt: Der Vater hat sei­nen eige­nen Sohn beim Wen­den aus Ver­se­hen über­fah­ren. Typisch Stamm ist natür­lich, dass die­ses Ereig­nis nicht aus der betrof­fe­nen Fami­lie heaus erzählt wird, son­dern über den „Umweg“ der nicht/​kaum betrof­fe­nen zufäl­li­gen Nach­barn auf Zeit. Aber doch schei­nen mir die stär­ker redu­zier­ten Tex­te, die ohne grö­ße­re Sze­ne­rie und ohne viel­fäl­ti­ges Per­so­nal aus­kom­men,2 die ein­dring­li­che­ren und überzeugenderen. 

Peter Stamm: See­rü­cken. Erzäh­lun­gen. Frank­furt am Main: Fischer 2011. 190 Sei­ten. ISBN 978−3−10−075133−1.

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  1. Mal sehen, wie lan­ge er es noch durch­hält – all­zu oft braucht man das wohl nicht mehr lesen .…
  2. Das ist natür­lich aus­ge­spro­chen rela­tiv – selbst die „größ­ten“, auf­wen­digs­ten Erzäh­lun­gen sind immer noch Kam­mer­spie­le im Ver­gleich zu ande­ren Autoren.

Was für ein herrlicher erster Satz!

„Im Osten Deutsch­lands leb­ten vor der Wen­de nicht eben ver­gnüg­te und im gan­zen geist­lo­se Leu­te, alle mit irgend­was beschäf­tigt, das sie nicht fro­her mach­te – Arbeit, die, obwohl alle an ihr betei­ligt waren, wenig bewirk­te; und das war ihr Unglück; über das aber nicht gespro­chen wur­de in den Zei­tun­gen und sons­ti­gen Ver­all­ge­mei­ne­run­gen der Regie­rung, die immer­fort Arbeits­kräf­te such­te, Mas­sen, um sie zu begeistern.”

so fängt vol­ker brauns klei­ner pro­sa­text die vier werk­zeug­ma­cher. herr­lich.

marlene streeruwitz’ „der abend …“ beim neuen verlag weissbooks

das ist nun also mein ers­tes buch des neu­en ver­la­ges weiss­books: mar­le­ne stre­eru­witz: der abend nach dem begräb­nis der bes­ten freun­din. was sofort auf­fällt: das hand­li­che for­mat. es ist nur eine sehr schma­les bänd­chen, gera­de mal 60 sei­ten – dafür ist es unver­schämt teu­er. weiss­books ist der neue ver­lag des ehe­ma­li­gen geschäfts­füh­rers des suhr­kamp-ver­la­ges, rei­ner weiß, der den frank­fur­ter ver­lag im ungu­ten ver­ließ und jetzt sein eige­nes ding auf­zieht. die inne­re aus­stat­tung und gestal­tung sieht – wenig über­ra­schend – auf­fäl­lig nach suhr­kamp-büchern aus – wo das wohl her­kommt. dafür gibt sich das gan­ze (noch sehr beschei­de­ne) ver­lags­pro­gram­me ein­fach und sim­pel, außen sind die büchet wohl­tu­end schlicht: rei­nes schwarz-weiß – das ist mal ganz nett. aller­dings steht dann der ver­lags­na­me auch rich­tig groß auf dem umschlag – das fin­de ich wie­der­um etwas befremd­lich. und was das .w am ende soll (weissbooks.w), ist mir auch nicht so klar. genau­so wenig wie der grund, war­um ein deut­scher ver­lag …books hei­ßen muss. aber damit ist er ja nicht der ein­zi­ge. der satz ist übri­gens in mei­nen augen nur mit­tel­mä­ßig – mir sind die rän­der zu klein, auch bei einem sol­che klei­nen for­mat. aber immer­hin ist er regis­ter­hal­tig und mit absichts­vol­ler ver­mei­dung von schus­ter­jun­gen und huren­kin­dern – das ist ja schon mehr als bei fast allen gro­ßen deut­schen ver­la­gen heu­te zu bekom­men ist.

der text ist übri­gens sehr schön – ein ech­ter stre­eru­witz, so gese­hen: knapp und deut­lich, aber nie gefühl­los; über­legt, aber nicht intel­lek­tu­ell-ver­quast. er beschreibt den abschied einer frau von „der bes­ten freun­din” – das defi­ni­tiv­pro­no­men (anstel­le eines übli­chen pos­se­siv-pro­no­men) im titel ist gleich schon typisch für die autorin: es gibt nicht so sehr die (emo­tio­na­le) ver­ein­nah­mung von figu­ren durch den autor bzw. von figu­ren inner­halb des tex­tes, es wird immer eine wohl­tu­en­de, manch­mal etwas kühl wir­ken­de distanz gewahrt. die ich-erzäh­le­rin sin­niert also ange­sichts des begräb­nis­ses über tod und ster­ben nach, über abschied und (weiter-)leben: „sie war so damit beschäf­tigt, das ster­ben ernst zu neh­men, daß sie den tod über­se­hen hat.” (30) wie immer bei stre­eru­witz sind ihre cha­rak­te­re mehr oder min­der allein – was nicht unbe­dingt per se schlecht sein muss: „dann gehen wir bei­de in unse­re allein­wel­ten.” (33) und das nach­den­ken über das ster­ben – „ich weiß nicht, wie man das machen soll. ster­ben. wie die­se panik. die angst vor dem sarg. schon die vor­stel­lung den kör­per sprengt. panik. und kei­ne atta­cken. ein ste­tes anwach­sen. als müß­te die angst alles aus­fül­len, um dem tod kei­nen platz zu las­sen.” (50) – wird natür­lich ver­deckt und offen, bewusst und unbe­wusst für die erzäh­le­rin, zum nach­den­ken und sin­nie­ren über das (rich­ti­ge) leben. und weil das alles so schön unauf­ge­regt, ohne auf­ge­bla­se­ne empha­se, daher­kommt, wirkt es auch so authen­tisch. nur den schluss, den habe ich nicht so recht ver­stan­den: die letz­ten sei­ten ist der erzähl­text zur lyrik auf­ge­löst, mit kurz­zei­len in gleich­mä­ßi­gem zei­len­fall, mit noch mehr luft – das erschloss sich mir bis­her nocht nicht.

mar­le­ne stree­ur­witz; der abend nach dem begräb­nis der bes­ten freun­din. frank­furt am main: weiss­books 2008.

wenn es regnet, dann immer gleich auf den kopf

- halt, nein, so heißt es ja gera­de nicht bei chris­ti­na grie­bel: wenn es reg­net, dann reg­net es immer gleich auf den kopf heißt ihr erzäh­lungs-band. und das ist ein gro­ßer unter­schied. denn er gibt der – genau bese­hen ja reich­lich bana­len – aus­sa­ge eine völ­lig neue wen­dung, macht sie – ja, poe­tisch eben: zu einer sprach­wirk­lich­keit. und dar­in ist grie­bel aus­ge­spro­chen gut. das war’s dann aber auch schon fast. denn so rich­tig konn­te ich mich für das büch­lein nicht erwär­men. sicher, schö­ne stel­len, tol­le beschrei­bung, super-genaue beob­ach­tun­gen ind prä­zi­ser, chir­ur­gi­scher sprach­schär­fe nie­der­ge­schrie­ben (erzählt übri­gens wird eigent­lich nicht, nur beschrie­ben – bli­cke, beob­ach­tun­gen, bege­ben­hei­ten …). so ganz kann ich des­halb auch die begeis­te­rung der rezen­sen­ten (die mich zum kauf und zur lek­tü­re ver­führt haben) auch nicht verstehen.

hans-peter kunisch schrieb in der süd­deut­schen zei­tung: „ Doch vor allem ist der ers­te Ein­druck von die­sem Erzäh­len einer der prä­zi­sen, sinn­li­chen Wahr­neh­mung.” d’ac­cord. aber wie­so er behaup­tet, „dra­ma­tur­gisch über­zeu­gen die meis­ten Tex­te”, ist mir schon nicht mehr so ganz klar. und sei­ne fest­stel­lung: „Sel­ten glaubt man von einer Erzähl-Debü­tan­tin so deut­lich, ihr kön­ne ein guter Roman gelin­gen.” kann ich gar nicht tei­len. im gegen­satz – ich befürch­te eher, dass ihr dies gera­de nicht gelin­gen wür­de, weil ihre tech­nik dafür, für die lan­ge stre­cke näm­lich, mir nicht trag­fä­hig genug erscheint.

gisa funck war in der faz auch eher hin- und her­ge­ris­sen – in ihrer rezen­si­on erken­ne ich vie­le mei­ner eige­nen lek­tü­re­er­leb­nis­se: näm­lich fas­zi­nie­ren­de spra­che, geschick­te beschrei­bun­gen etc., ande­rer­seits aber oft über­trie­be­ne geheim­nis­tue­rei, ziel­lo­sig­keit und so fort …

chris­ti­na grie­bel: wenn es reg­net, dann reg­net es immer gleich auf den kopf. frank­furt am main: fischer 2003 (coll­ec­tion fischer).

ganz viele zeichen – zu viele?

macht die anein­an­der­rei­hung von ganz vie­len zei­chen einen text zum roman? „die gar­ni­tur“, eine art textagen­tur mit dem anspruch beson­de­rer inno­va­ti­vi­tät, scheint der idee nicht abge­neigt zu sein. ihre chefs mat­thi­as edling und jörg stein­leit­ner haben die 205.293 zei­chen einen roman genannt. so vie­le zei­chen sind das aber gar nicht – im groß­zü­gi­gen druck gut 150 seiten.wie das buch auf mei­ne lese­lis­te gekom­men ist – ich habe kei­ne ahnung, das ist eben manch­mal der nach­teil so exten­si­ver lis­ten­füh­re­rei­en… – gelohnt hat es sich jeden­falls nicht, noch nicht ein­mal als unter­hal­tung ist es wirk­lich brauch­bar. es ist so ein ver­such, die ame­ri­ka­ni­sche gangs­ter­sto­ry oder eher den gangs­ter­film nach euro­pa zu ver­le­gen. weil die autoren (oder, wie sie sich selbst benen­nen, das „autoren­team“) dafür aber über zu wenig krea­ti­vi­tät, vor­stel­lungs­kraft, stil­ge­fühl und ästhe­ti­sche urteils­si­cher­heit ver­fügt, klappt das nicht so rich­tig – ist auch alles eine stu­fe harm­lo­ser: stu­dent, der im pfle­ge­heim arbei­te­te, schnappt sich das vie­le bar­geld einer sei­ner gera­de ver­stor­be­nen pati­en­tin­nen, haut in den süden ab, nimmt auf dem weg noch eine hei­ße frau mit, die sich auch noch als klug her­aus­stellt, erlebt ver­schie­de­ne „aben­teu­er“ etc. etc. – kommt natür­lich reich, wenn auch etwas ver­sehrt, mit sei­ner traum­frau aus dem schla­mas­sel heraus.
so ein text ist wohl das unaus­weich­ba­re ergeb­nis, wenn krea­ti­ve beson­ders krea­tiv und auch noch inno­va­tiv oder avant­gar­dis­tisch sein wol­len: eine außer­or­dent­lich bemüh­te plot-kon­struk­ti­on (deut­lich zu mer­ken der kon­struk­ti­ons­plan…), ein grau­en­haft bana­ler sti­lis­ti­scher brei, total plat­te und abge­lut­sche moti­ve und so wei­ter. – ande­re erklä­rungs­mög­lich­keit: so etwas pas­siert, wenn krea­ti­ve kur­se für krea­ti­ves schrei­ben besu­chen. der kunst­wil­len führt aber nur zur pseu­do­kunst – etwa im nach­rich­ten­ti­cker, der unten über die sei­ten läuft. viel­leicht ist das ja als beson­de­re rea­li­täts­ver­si­che­rung gemeint, es bringt aber über­haupt nichts
das bes­te noch der titel oder eigent­lich der gesam­te para­text, etwa auch das mot­to von nico­las cage (klar, deut­li­cher ver­weis auf das refe­renz­sys­tem die­ses tex­tes: frü­her stand hier ein bon­mot eines dich­ters, eine sen­tenz oder so etwas ähn­li­ches, jetzt ist es halt das ergeb­nis eines halb­wegs hel­len augen­blicks eines schau­spie­lers): „es gibt zu vie­le schwät­zer, zu vie­le lüg­ner, zu vie­le die­be. das beschleu­ni­gungs­tem­po unse­rer kul­tur [!!] ist so hoch, das bie­tet güns­ti­ge bedin­gun­gen für arsch­lö­cher. nur wer die his­to­rie kenn, kann sich eine kor­rek­te mei­nung bil­den.“ oder auch die auf­ma­chung – wirkt fast wie real­sa­ti­re (titel mit prä­sen­ta­tor, auf­ruf zur text­ein­sen­dung „aller gewichts­klas­sen“), über­treibt es damit aber („stab“, inkl. „per­for­mance-musik“, cate­ring von „mama&mama“ – sehr wit­zig…) so weit, dass es offen­bar doch tat­säch­lich ernst gemeint war (natür­lich wohl mit dem zwin­kern­den auge – es gibt kaum schlim­me­res als so ent­stan­de­ne tex­te – die sind näm­lich fast nie wirk­lich wit­zig und schon gar nicht gut)

macht die anein­an­der­rei­hung von ganz vie­len zei­chen einen text zum roman? „die gar­ni­tur“, eine art textagen­tur mit dem anspruch beson­de­rer inno­va­ti­vi­tät, scheint der idee nicht abge­neigt zu sein. ihre chefs mat­thi­as edling und jörg stein­leit­ner haben die 205.293 zei­chen einen roman genannt. so vie­le zei­chen sind das aber gar nicht – im groß­zü­gi­gen druck gut 150 seiten.wie das buch auf mei­ne lese­lis­te gekom­men ist – ich habe kei­ne ahnung, das ist eben manch­mal der nach­teil so exten­si­ver lis­ten­füh­re­rei­en… – gelohnt hat es sich jeden­falls nicht, noch nicht ein­mal als unter­hal­tung ist es wirk­lich brauch­bar. es ist so ein ver­such, die ame­ri­ka­ni­sche gangs­ter­sto­ry oder eher den gangs­ter­film nach euro­pa zu ver­le­gen. weil die autoren (oder, wie sie sich selbst benen­nen, das „autoren­team“) dafür aber über zu wenig krea­ti­vi­tät, vor­stel­lungs­kraft, stil­ge­fühl und ästhe­ti­sche urteils­si­cher­heit ver­fügt, klappt das nicht so rich­tig – ist auch alles eine stu­fe harm­lo­ser: stu­dent, der im pfle­ge­heim arbei­te­te, schnappt sich das vie­le bar­geld einer sei­ner gera­de ver­stor­be­nen pati­en­tin­nen, haut in den süden ab, nimmt auf dem weg noch eine hei­ße frau mit, die sich auch noch als klug her­aus­stellt, erlebt ver­schie­de­ne „aben­teu­er“ etc. etc. – kommt natür­lich reich, wenn auch etwas ver­sehrt, mit sei­ner traum­frau aus dem schla­mas­sel heraus.
so ein text ist wohl das unaus­weich­ba­re ergeb­nis, wenn krea­ti­ve beson­ders krea­tiv und auch noch inno­va­tiv oder avant­gar­dis­tisch sein wol­len: eine außer­or­dent­lich bemüh­te plot-kon­struk­ti­on (deut­lich zu mer­ken der kon­struk­ti­ons­plan…), ein grau­en­haft bana­ler sti­lis­ti­scher brei, total plat­te und abge­lut­sche moti­ve und so wei­ter. – ande­re erklä­rungs­mög­lich­keit: so etwas pas­siert, wenn krea­ti­ve kur­se für krea­ti­ves schrei­ben besu­chen. der kunst­wil­len führt aber nur zur pseu­do­kunst – etwa im nach­rich­ten­ti­cker, der unten über die sei­ten läuft. viel­leicht ist das ja als beson­de­re rea­li­täts­ver­si­che­rung gemeint, es bringt aber über­haupt nichts
das bes­te noch der titel oder eigent­lich der gesam­te para­text, etwa auch das mot­to von nico­las cage (klar, deut­li­cher ver­weis auf das refe­renz­sys­tem die­ses tex­tes: frü­her stand hier ein bon­mot eines dich­ters, eine sen­tenz oder so etwas ähn­li­ches, jetzt ist es halt das ergeb­nis eines halb­wegs hel­len augen­blicks eines schau­spie­lers): „es gibt zu vie­le schwät­zer, zu vie­le lüg­ner, zu vie­le die­be. das beschleu­ni­gungs­tem­po unse­rer kul­tur [!!] ist so hoch, das bie­tet güns­ti­ge bedin­gun­gen für arsch­lö­cher. nur wer die his­to­rie kenn, kann sich eine kor­rek­te mei­nung bil­den.“ oder auch die auf­ma­chung – wirkt fast wie real­sa­ti­re (titel mit prä­sen­ta­tor, auf­ruf zur text­ein­sen­dung „aller gewichts­klas­sen“), über­treibt es damit aber („stab“, inkl. „per­for­mance-musik“, cate­ring von „mama&mama“ – sehr wit­zig…) so weit, dass es offen­bar doch tat­säch­lich ernst gemeint war (natür­lich wohl mit dem zwin­kern­den auge – es gibt kaum schlim­me­res als so ent­stan­de­ne tex­te – die sind näm­lich fast nie wirk­lich wit­zig und schon gar nicht gut)

georg kleins ideen von den deutschen

georg klein zählt ja nicht gera­de zu mei­nen lieb­lings­au­toren – wer schrift­stel­ler wie jirgl, kurz­eck etc. schätzt, wird das auch sel­ten tun. als klei­ne nacht­lek­tü­re zwi­schen­durch lässt er sich aber noch aus­hal­ten. etwa sein erzäh­lungs­band von den deut­schen (ham­burg: rowohlt 2002). der ist ziem­lich typisch für sei­ne art zu schrei­ben – näm­lich größ­ten­teils harm­los – oder sogar ganz? jeden­falls ist das zwei­fel­los ganz und gar glän­zend erzählt. aber auch oft mit dem ein­druck, es gin­ge nur noch um das erzäh­len an sich: das mit­tel ist zum zweck gewor­den. typisch ist dafür die per­fek­te beherr­schung des erzäh­le­ri­schen hand­werks. aber es wird auch bloß noch als hand­werk betrie­ben, nicht mehr als kunst. dafür fehlt den tex­ten näm­lich die dring­lich­keit, der durch nichts zu bän­di­gen­de drang zur äuße­rung, zur mit­tei­lung, der sich nur in der künst­le­ri­schen for­mung, der text­kon­sti­tu­ti­on äußern kann. ein neben georg klein für eine sol­che schreib­wei­se exem­pla­risch ste­hen­der autor ist etwa bodo kirch­hoff, auch hel­mut kraus­ser vefällt sol­chen ten­den­zen manch­mal. das ist ja alles über­haupt nicht ehren­rüh­rig. was mich an sol­chen autoren (weni­ger an kirch­hoff, dafür beson­ders an klein und kraus­ser) am meis­ten stört, ist ihre behaup­tung und womög­lich sogar über­zeu­gung, das sei wirk­lich schon gro­ße kunst, sei erzäh­len auf der höhe der zeit oder wie auch immer man das aus­drü­cken will. und das stimmt ein­fach nicht. es muss ja gar nicht immer moder­nis­tisch oder (for­mal) avant­gar­dis­tisch sein. aber gera­de die­se erzäh­lun­gen von klein sind ein­fach nur net­te unter­hal­tung, die so tun, als sei­en sie was beson­de­res – genau das rich­ti­ge eigent­lich für das heu­te offen­bar (wenn man sich die ver­kaufs­zah­len bestimm­ter bücher, etwa – auch so ein lieb­lings­bei­spiel von mir – dani­el kehl­mann, anschaut) weit ver­brei­te­te pseu­do-bil­dungs-bür­ger­tum, das nur noch die erbärm­li­chen res­te von bil­dung besitzt, sich aber immer noch in der pri­veli­gier­ten lage der ken­ner und wis­sen­den glaubt. sol­che leser haben an die­sen erzäh­lun­gen bestimmt viel spaß, dafür sorgt auch noch die ten­denz zum alle­go­ri­schen auf­bau der geschich­ten – aber letzt­lich scheint es mir fast immer irgend­wie ins lee­re zu lau­fen: man spürt die bemü­hun­gen und ist ver­stimmt – so funk­tio­niert kunst nicht, inso­fern er sein selbst­ge­steck­tes ziel per­ma­nent knapp zu ver­feh­len scheint, knapp unter der mess­lat­te ihn die kräf­te ver­las­sen. was bleibt, ist ein­fach harm­lo­se augen­wi­sche­rei, zudem in vie­len tei­len erschre­ckend schnul­zig und har­mo­nie­see­lig (etwa „der gute ray“), auch mal mit exo­ti­schen zuta­ten (vor­wie­gend loka­li­tä­ten, „lm lan­de od“). erschre­ckend ist das, denn gera­de die hier ver­brei­te­te harm­lo­sig­keit ist ja beson­ders gefähr­lich: sie täuscht über den wah­ren zustand von kunst und welt, sie sug­ge­riert längst nicht mehr vor­han­de­ne mög­lich­kei­ten des guten, gelin­gen­den, erfül­len­den lebens, des rich­ti­gen ver­hal­tens und führt den leser damit nicht nur in eine ästhe­ti­sche (und phi­lo­so­phi­sche) fal­le, son­dern auch unbarm­her­zig ins abseits, ins reich der lügen. und von dort ist es dann wirk­lich nicht mehr weit bis ins reich der vor­abend-tv-seri­en – das ist dann wahr­schein­lich nur noch eine fra­ge der unter­schied­li­chen her­kunft, erzie­hung, des diver­gie­ren­den habi­tus: georg klein als tv-schnul­ze für leser….

abtrünnig: eine trümmerlandschaft aus text

eine inten­si­ve und denkauf­wän­di­ge lek­tü­re: rein­hard jirgl: abtrün­nig. roman aus der ner­vö­sen zeit. mün­chen: han­ser 2005. ich bin jetzt nach einer lan­gen – meh­re­re wochen – lese­rei­se bis ans ende vor­ge­drun­gen. und ich kann jedem nur emp­feh­len, sich die­ser erfah­rung, die manch­mal zwar den cha­rak­ter eines exer­zi­ti­ums anneh­men kann, zu unter­zie­hen. den jirgl, schon lan­ge einer mei­ner favo­ri­ten unter den noch leben­den und schrei­ben­den autoren, hat hier ein beein­dru­cken­des kunst­werk geschaf­fen. und als sol­ches muss man es auch ganz bewusst und offen­siv rezi­pie­ren: als kunst – nicht als unter­hal­tung, denn als bett­lek­tü­re taugt die­ser roman sicher­lich über­haupt nicht.

da ist zunächst ein­mal sei­ne per­so­na­le son­der­or­tho­gra­phie, die hier – wie etwa auch in der genea­lo­gie des tötens – sehr eigen­wil­lig erscheint. v.a. scheint sie ihre sys­te­ma­ti­sie­rung ein wenig ver­lo­ren zu haben. kri­ti­ken the­ma­ti­sie­ren die­se sehr augeschein­li­che beson­der­heit der spä­te­ren jirgl­schen tex­te beson­ders gern. in der tat muss man aber sagen, dass sie ent­ge­gen etwa­iger befürch­tun­gen kein lese­hin­der­nis dar­stellt – sie wird sehr schnell sehr ver­traut. was sie aller­dings gera­de in abtrün­nig nicht wird, ist voll­kom­men ver­ständ­lich: vie­les bleibt zumin­dest bei der ers­ten lek­tü­re (viel­leicht hül­fe da eine sys­te­ma­ti­sche durch­drin­gung?) auf dem niveau der spie­le­rei, weil sich einer­seits kei­ne bedeu­tungs­zu­wachs oder ‑dif­fe­ren­zie­rung erken­nen lässt, ande­rer­seits auch weder eine absicht noch eine wenigs­tens ver­mut­ba­re regel­haf­tig­keit. in man­chen pas­sa­gen wirkt die­se extre­me ver­meh­rung der signi­fi­kan­zen oder zumin­dest außer­or­dent­li­che ver­deut­li­chung der viel­deu­tig­keit des geschrie­be­nen wor­tes, ins­be­son­de­re natür­lich durch die (ortho-)graphische eigen­wil­lig­keit, wie eine künst­lich for­cier­te annä­he­rung an die münd­lich­keit, das ora­le erzäh­len. ande­rer­seits ist sie in ihrer viel­ge­stal­tig­keit, die ja weit über die ver­ein­heit­li­chen­de, nor­mier­te (und damit ein­schrän­ken­de) regel­or­tho­gra­phie hin­aus­geht, auch offen­bar der ver­such der dis­am­bi­gu­ie­rung – der aller­dings wie­der dazu führt, das das schrift­bild extrem her­me­tisch, abschre­ckend & unüber­sicht­lich wirkt & auch tat­säch­lich wird: ent­zif­fer­bar ist das kaum noch, weil das sys­tem nicht so ein­fach zu durch­schau­en ist (ist es über­haupt ein sys­tem?). und das führt schließ­lich auch dazu, dass man ihm leicht den vor­wurf der spie­le­rei machen kann. tat­säch­lich scheint man­ches auch nur das zu sein, lässt sich man­che wort-ver­for­mung auch kaum anders auf­fas­sen. in sei­ner gesamt­heit ist das, wenn man außer­dem noch die for­ma­len irre­gu­la­ri­en und stol­per­stei­ne – etwa die quer­ver­lin­kun­gen und text­bau­stei­ne – bedenkt, ein kom­plett ver­min­ter text und damit (auch) ein angriff auf den leser: die irre­gu­lä­ren sat­zei­chen als klei­ne spreng­kör­per, als angrif­fe auf das schnel­le, ein­fa­che & gewöhn­li­che verstehen.

in abtrün­nig ist die geschich­te, die fabel, weit­ge­hend zur neben­sa­che gewor­den – noch nie war das bei jirgl (soweit ich sehe) so sehr der fall wie hier. im kern geht es um zwei män­ner, zwei lie­ben­de, die auf ver­schlun­ge­nen wegen nach ber­lin kom­men und dort auf tra­gisch-gro­tes­ke wei­se am und im leben schei­tern. das ist aber auch schon wie­der nur halb rich­tig, weil der zwei­te lie­ben­de, ein aus der ddr-nva in den bgs über­nom­me­ner grenz­schüt­zer, der einer flüch­ten­den ost­eu­ro­päe­rin zum ille­ga­len grenz­über­gang nach deutsch­land ver­hilft, auf der suche nach ihr nach ber­lin kommt, dort als taxi­fah­rer arbei­tet, sie wie­der­fin­det und just in dem moment, als sie zurück in ihre hei­mat gekehrt ist, um für die geplan­te hei­rat die not­wen­di­gen papie­re zu orga­ni­se­ren, von ihrem offen­bar psy­chisch gestör­ten bru­der ersto­chen wird, weil also die­ser zwei­te lie­ben­de, des­sen geschich­te natür­lich durch begeg­nung mit der des ande­ren man­nes ver­knüpft ist, gar kei­ne beson­ders gro­ße rol­le spielt.

wesent­li­cher als das ist aber das moment, der abtrün­nig als „roman aus der ner­vö­sen zeit“ cha­rak­te­ri­siert. das ist das autis­ti­sche mono­lo­gi­sie­ren, das durch­bro­chen wird von essay­ar­ti­gen pas­sa­gen und geni­al erzähl­ten tei­len. natür­lich spie­gelt das wie­der­um nur das gro­ße, zen­tra­le pro­blem der haupt­fi­gur und der moder­nen gesell­schaft über­haupt: die suche nach dem ich, der iden­ti­tät, dem holis­ti­schen sub­jekt, dem eige­nen lebens- und sinn­ent­wurf – ein suche, die gran­di­os schei­tern muss und nur frag­men­te, zer­stö­rung und beschä­dig­te personen/​figuren/​menschen hin­ter­lässt. der ein­druck eines gro­ßen bruch­wer­kes bleibt dabei nicht aus: frag­men­tier­te per­sön­lich­kei­ten, sich auf­lö­sen­de sozia­le bin­dun­gen und gewis­sen­hei­ten, kurz eine recht radi­kal aus­ge­rich­te­te gesell­schafts­kri­tik sucht ihre form – und ver­liert sich dabei man­ches mal in essay-ein­schü­ben: abtrün­nig ist in ers­ter linie ein/​das buch vom schei­tern, sei­ne bibel sozu­sa­gen: „es gibt kein rich­ti­ges leben im fal­schen“ – oder: das gelin­gen ist ganz und gar unmög­lich gewor­den – & das muss man auch genau so kate­go­ri­al for­mu­lie­ren, denn es gilt nicht nur für die figu­ren des tex­tes, son­dern auch für ihn selbst. des­halb ist er so, wie er ist; ist er in einer nach her­kömm­li­chen maß­stä­ben defi­zi­tä­ren ver­fas­sung – er kann natür­lich auch nicht mehr anders sein, das lässt die moder­ne welt, die „ner­vö­se zeit“ nicht mehr zu. und genau wie die­se ist er eine ziem­lich gewal­ti­ge zu-mutung für den leser. denn er will ja nichts ande­res, als die­se schö­ne neue welt erklä­ren oder min­des­tens auf­zei­gen – des­halb natür­lich auch die (zeit­wei­se durch­aus über­hand neh­men­den) essay-pas­sa­gen, die den kunst­cha­rak­ter des gesam­ten tex­tes beein­flus­sen – & das durch­aus mit grenz­wer­ti­gen ergeb­nis­sen. denn im gan­zen ist das wohl so etwas wie ein anar­chis­ti­sches kunst­werk – hoff­nungs­los unüber­sicht­lich, kreuz und quer ver­linkt durch die selt­sa­men „link“-kästen, die ver­wei­se vor und zurück im text, die ein­ge­streu­ten zita­te und auch wie­der­ho­lun­gen, neu­an­läu­fe der beschrei­bung einer situa­ti­on aus ver­schie­de­nen blick­win­keln. das alles hat zum ergeb­nis, das der roman, der vom tod der gesell­schaft, vom tod des sozia­len lebens, spricht, auch den tod des romans beschreibt, exem­pli­fi­ziert – und auch refle­xiert. denn auch wenn es gar nicht oder höchst sel­ten expli­zit geschieht – vie­les im text (etwa schon die daten der nie­der­schrift (oder die behaup­te­ten daten – schließ­lich befin­den wir uns mit ihnen immer noch im fik­tio­na­len text)) deu­tet auf eine refle­xi­on der mög­lich­kei­ten des schrei­bens in einer ner­vö­sen, defi­zi­tä­ren, ver­kom­me­nen und immer wei­ter ver­kom­men­den gesell­schaft hin. und wenn ein text wie abtrün­nig das ergeb­nis die­ser pro­zes­se ist, kann man nun sagen, dass das schrei­ben unmög­lich oder gar obso­let wird? das scheint mir zwei­fel­haft – denn trotz sei­ner unzwei­fel­haft zu kon­sta­tie­ren­den schwä­chen ist abtrün­nig als gesam­tes doch ein beein­dru­cken­des kunst­werk bemer­kens­wer­ter güte. inter­es­sant wird aller­dings die fort­set­zung – mir scheint es gera­de mit die­sem buch so, als schrie­be sich der sowie­so schon am ran­de des ästhe­ti­schen und ins­be­son­de­re des lite­ra­ri­schen dis­kur­ses ste­hen­de jirgl immer mehr ins abseits: ob er die­se bewe­gung noch frucht­bar wei­ter­füh­ren kann?

noch einmal bier-prosa. diesmal von franz dobler

nach „blut & bier“, den ja wirk­lich sehr unge­wa­sche­nen sto­ries von franz xaver kroetz, kommt gleich die nächs­te alko­hol-lek­tü­re: bier­herz. flüs­si­ge pro­sa von franz dobler (ham­burg: nau­ti­lus 1994). so rich­tig sau­ber ist das hier natür­lich auch nicht, das wäre von franz dobler auch wohl zu viel ver­langt. den anfang macht die wie­der­ver­wer­tung des vor­wor­tes zu einem thea­ter­stück mit dem über­ra­schen­den namen „bier­herz“, in dem dobler v.a. erklärt, dass man mit sei­nem stück so ziem­lich alles machen kann, so lan­ge nur der text von irgend jemand gespro­chen wird. das gan­ze fix ver­quirlt mit ein paar tief­schür­fen­den und jeder men­ge flach­schür­fen­den gedan­ken und ideen zum bier und sei­nem kon­sum und fer­tig sind die ers­ten drei­ßig sei­ten des neu­en büch­leins.… danach kommt lei­der nicht mehr viel: eine klei­nes „rei­se­ta­ge­buch“ durch loui­sia­na und texas mit ein paar lau­ni­gen beschrei­bun­gen der musik‑, tanz‑, bar- und bier­ver­hält­nis­se dor­ten ist da noch der höhe­punkt. der rest total ver­nach­läs­sig­bar: anek­do­ten, lau­nig erzählt, abso­lut unschein­bar und ohne beson­de­re stil­merk­ma­le, ästhe­ti­sche eigen­hei­ten oder sons­ti­ge her­aus­ra­gen­de eigen­schaf­ten: flüs­sig eben, und schnell verronnen.…

joachim lottmann beobachtet zombies in freier wildbahn

der neu­es­te anschlag lott­manns auf guten geschmack und über­kom­me­ne wer­te: joa­chim lott­mann: zom­bie nati­on. köln: kie­pen­heu­er & witsch 2006.

der erzäh­ler – ein autor-klon mit dem namen johan­nes­loh­mer, „erfin­der“ des pop-romans – beob­ach­tet sich beim recher­chie­ren /​schrei­ben eines fami­li­en­ro­mans, der sei­nem jugend­ro­man fol­gen soll: „der ers­te fami­li­en­ro­man der pop­li­te­ra­tur“ behaup­tet der klap­pen­text (was natür­lich blöd­sinn ist, allein fich­te hat da ja schon eini­ges dazu geschrie­ben). und natür­lich ist „zom­bie nati­on“ auch gar kei­ner. höchs­tens als per­si­fla­ge auf die aktu­el­le schwem­me auf dem bücher­markt. dazu ist lott­mann ja immer wie­der gut: als seis­mo­graph. und als schlag­wort-lie­fe­rant – ein bei­spiel? aber klar doch, gleich auf dem umschlag: „was frau­en den män­nern antun, ist der eigent­li­che irak-krieg unse­rer epo­che.“ das steht da ein­fach mal so und war­tet, dass jemand drauf anspringt. was ja hier­mit offi­zi­ell erle­digt wäre …

„die letz­ten tage der ber­li­ner repu­blik“ sind das zen­trum des romans – die ansprü­che sind gesun­ken, die mensch­heit war ein­mal, heu­te geht es nur noch um uns: die mit­drei­ßi­ger oder vier­zi­ger kul­tur­schaf­fen­den… typisch für lott­mann ist natür­lich wie­der der iro­nie-over­kill, sein schein-rea­lis­mus, inklu­si­ve voll­zi­tat eini­ger jour­na­lis­ti­schen arbei­ten lottmanns
(aus der sz und der taz), ver­quickt noch dazu mit eini­gen pri­va­ten abson­der­lich­kei­ten – und schon ist das neue buch fer­tig. schnell geschrie­ben, schnell gele­sen und wahr­schein­lich auch schnell wie­der vergessen.

das fabu­lie­ren hat lott­mann aber ganz gut draf: die hyper­tro­phe meta­phern­schlacht im geis­te einer simu­lier­ten erzäh­le­ri­schen unschuld, die natür­lich stän­dig geschickt umspielt wird – genau wie das ima­gi­nier­te zwie­ge­spräch zwi­schen erzäh­ler und ima­gi­nä­rem leser ger­ne mal reflek­tiert, umge­dreht wird, um dann doch kei­ne rück­sicht zu neh­men oder gera­de erst recht, je nach momen­ta­ner stim­mung: „es fällt mir schwer, den leser mit einer wie­der­ga­be eines frem­den lebens zu behel­li­gen, anstatt über das eige­ne leben zu berich­ten.“ – „der lite­ra­tur­be­trieb ver­zei­he mir, aber ich konn­te nicht anders, als wie­der mit ihr zu schlafen.“

das gesamt­pa­ket wird dann mit dem herr­li­chen rosa des umschlags abge­run­det: die züch­ti­ge unschuld – aber dann natür­lich die streich­zei­chung der bar­bu­si­gen jung­frau mit gül­de­nem haar –, die beob­ach­tung der schreck­lich ange­pass­ten jugend des jah­res 2005 und ver­zweif­lung über ihre sinn­lo­sig­keit beschäf­ti­gen lott­mann: wer schon in sei­ner jugend das leben sei­ner eltern führt – was soll aus dem noch wer­den? und wenn das ein gan­zes volk so macht? dann amü­siert man sich mit sei­ner heim­li­chen lie­be, der bild-zei­tung: „ein schö­ner beginn, eine tol­le geschich­te, mit einem nach­teil: sie stand in der bild­zei­tung und war somit erfunden.“

und wer sind nun eigent­lich die zom­bies? und die zom­bie nati­on? kei­ne ahnung. aber sie haben die gro­ße koali­ti­on ver­schul­det und verantwortet.

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