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Schlagwort: 17. jahrhundert

Ins Netz gegangen (10.11.)

Ins Netz gegan­gen am 10.11.:

  • Fausts Erlö­sung – NZZ – hans bel­ting über eine mög­li­che quel­le für den schluss von goe­thens faust II: die six­ti­ni­sche madon­na raffaels

    Fausts Erlö­sung ereig­net sich allein in der Kunst, in die­sem Fall in der Poe­sie. Goe­the redet zwar von «Ret­tung» und «Erlö­sung», aber die Engel deu­ten in dem zitier­ten Dop­pel­zei­ler eine Selbst­er­lö­sung an. Auch die «Six­ti­ni­sche Madon­na» wur­de von den meis­ten nur im Muse­um und dort als Exemp­lum der Kunst auf­ge­fasst. Goe­the führt die roman­ti­sche Kunst­re­li­gi­on, gera­de in ihren reli­giö­sen Nei­gun­gen, auf ihren ästhe­ti­schen Sinn zurück.
    […] Die ver­deck­te Bild­be­trach­tung wird bei Goe­the zu einer Bil­der­fin­dung, die sich von der «Six­ti­ni­schen Madon­na» löst. Sie lebt von der Erkennt­nis, dass man nur noch in Bil­dern reden kann, wenn es um letz­te Din­ge geht.

  • Zum Tod des His­to­ri­kers Hans Momm­sen: Die Ana­ly­se der deut­schen Kata­stro­phe – NZZ-Feuil­le­ton – nach­ruf von chris­toph jahr:

    Momm­sen reprä­sen­tier­te jene west­deut­sche His­to­ri­ker­ge­nera­ti­on, die in der sozi­al­li­be­ra­len Ära nicht nur die Geschichts­wis­sen­schaft für neue Fra­gen und Metho­den öff­ne­te, son­dern auch die aka­de­mi­schen Bil­dungs­we­ge für brei­te­re Gesellschaftsschichten.

  • Lite­ra­tur als Kas­per­le­thea­ter: Das belei­dig­te Quar­tett – lite​ra​tur​ca​fe​.de – wolf­gang tischer war auch mit der zwei­ten aus­ga­be des neu­en lite­ra­ri­schen quar­tetts nicht zufrie­den (das ist noch posi­tiv gesagt …) und ver­miss­te vor allem die literaturkritik:

    Selbst auf Love­ly­books wird ein kit­schi­ger Lie­bes­ro­man ernst­haf­ter dis­ku­tiert, als es die Schmoll­lip­pi­gen über ihre Bücher im Quar­tett vorführen.

  • Johan­nes Tuchel zum The­ma Stol­per­stei­ne: „Erin­ne­rung mit Zwang funk­tio­niert nicht“ -

    Geden­ken kann immer nur dezen­tral funk­tio­nie­ren. Es kann nur funk­tio­nie­ren, wenn wir uns wirk­lich erin­nern wol­len. Und es kann nie nur über ein Medi­um funk­tio­nie­ren. Es muss künst­le­ri­sche For­men der Erin­ne­rung eben­so geben wie his­to­ri­sche Gedenktafeln. 

  • Unde­li­ver­ed let­ters shed light on 17th-cen­tu­ry socie­ty | World news | The Guar­di­an – sehr cool: eine samm­lung teil­wei­ser unge­öff­ne­ter brie­fe aus dem 17. jahr­hun­dert aus den nie­der­lan­den wird unter­sucht und aus­ge­wer­tet – eine wah­re fund­gru­be für his­to­ri­ker etc.
  • Ulrich Her­bert wür­digt Hans Momm­sen: Licht ins Halb­dun­kel der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung – Feuil­le­ton – FAZ -

    Hans Momm­sen war fast fünf­zig Jah­re lang einer der ein­fluss­reichs­ten Zeit­his­to­ri­ker in Deutsch­land und einer der weni­gen, des­sen Arbei­ten welt­wei­te Ver­brei­tung fan­den. Fast die gesam­te For­schung zur Wei­ma­rer Repu­blik und zur Geschich­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus fußt in der einen oder ande­ren Wei­se auf sei­nen Arbeiten. 

  • Lou­is Alt­hus­ser ǀ Der gro­ße Abwesende—der Frei­tag – schö­ne erin­ne­rung an den großen/​vergessenen phi­lo­so­phen lou­is althusser

Konsum

Haben’s gekauft, es freut sie baß;
Eh man’s denkt, so betrübt sie das.

Willst du nichts Unnüt­zes kaufen,
Mußt du nicht auf den Jahr­ma­krt lau­fen.Johann Wolf­gang Goe­the, Sprichwörtlich

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  • christian2 | Pro­jekt­be­schrei­bung – an der hab wol­fen­büt­tel wird ein fürst­li­ches tage­buch aus dem 17. jahr­hun­dert ediert:

    Die digi­ta­le Edi­ti­on der Tage­bü­cher des refor­mier­ten Fürs­ten Chris­ti­an II. von Anhalt-Bern­burg (1599–1656) aus dem Zeit­raum von 1621 bis 1656 erschließt einen quan­ti­ta­tiv wie qua­li­ta­tiv ganz ein­zig­ar­ti­gen Brenn­spie­gel der deut­schen und euro­päi­schen Geschich­te sowie der viel­fäl­tigs­ten Dis­kur­se wäh­rend der ers­ten Hälf­te des 17. Jahr­hun­derts. Dar­über hin­aus weist die Quel­le einen außer­ge­wöhn­lich hohen Anteil an ver­ba­li­sier­ter zeit­ge­nös­si­scher Sub­jek­ti­vi­tät auf, der dem Text stel­len­wei­se sogar lite­ra­ri­sche Qua­li­tät ver­leiht. Die trans­dis­zi­pli­nä­re Bedeu­tung des Wer­kes bet­tet sich in eine Viel­zahl von For­schungs­in­ter­es­sen und ‑kon­tex­ten ein. Dazu zäh­len nicht nur die jüngs­ten Unter­su­chun­gen zur klas­si­schen Poli­tik- und Mili­tär­ge­schich­te, zu früh­neu­zeit­li­chen Selbst­zeug­nis­sen, zur Sozial‑, All­tags- und Geschlech­ter­ge­schich­te, zur Kon­fes­sio­na­li­sie­rung, zu ver­schie­de­nen Aspek­ten des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges, zur Hof- und Adels­for­schung oder zur Sprach‑, Lite­ra­tur- und all­ge­mei­nen Kul­tur­ge­schich­te, son­dern auch zu The­men wie der Geschich­te der Emo­tio­nen und des Trau­mes in jener Epo­che. Als eine den gegen­wär­ti­gen wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards ent­spre­chen­de digi­ta­le Edi­ti­on wird sie den ver­schie­dens­ten For­schungs­per­spek­ti­ven eine Viel­zahl von Anknüp­fungs­punk­ten bie­ten können.
    Das in quan­ti­ta­ti­ver wie qua­li­ta­ti­ver Hin­sicht unüber­trof­fe­ne, im Lan­des­haupt­ar­chiv Des­sau-Roß­lau auf­be­wahr­te Dia­ri­um besteht aus 23 Bän­den mit unge­fähr 17.400 größ­ten­teils eigen­hän­dig in deut­scher (ca. 87%), fran­zö­si­scher (ca. 11%), ita­lie­ni­scher (ca. 1%), latei­ni­scher, spa­ni­scher und nie­der­län­di­scher Spra­che beschrie­be­nen Seiten.

    das ist ein ziem­lich auf­wen­di­ges, gro­ßes und lan­ges projekt: 

    Das auf 12 Jah­re ange­leg­te DFG-Pro­jekt beginnt mit einer drei­jäh­ri­gen Pilot­pha­se, inner­halb wel­cher zunächst die knapp 1.500 Sei­ten umfas­sen­de Peri­ode vom Janu­ar 1635 bis August 1637 tran­skri­biert und ver­öf­fent­licht wird. Deren beson­ders dich­te und viel­sei­ti­ge Nie­der­schrif­ten stel­len ein geeig­ne­tes Feld zur Bewäh­rung und Jus­tie­rung der edi­to­ri­schen Grund­satz­ent­schei­dun­gen hin­sicht­lich der Wie­der­ga­be und Kom­men­tie­rungs­tie­fe der Tex­te in den Gren­zen des zeit­lich Mög­li­chen dar. Außer­dem ver­spre­chen sie einen Ertrag, der para­dig­ma­tisch die wis­sen­schaft­li­che Bedeu­tung des gesam­ten Fürs­ten­ta­ge­bu­ches zeigt.

  • Ver­schol­le­ne Bücher zum Ers­ten Welt­krieg ent­deckt – georg giers­berg erzählt in der faz (etwas wirr) die geschich­te der offi­ziö­sen wirt­schafts­ge­schich­te des ers­ten welt­krie­ges aus den zwi­schen­kriegs­jah­ren nach, die offen­bar so bri­sant war, dass die ver­öf­fent­li­chung damals nach dem druck unter­sagt wur­de und die ent­spre­chen­den stu­di­en (fast) ver­schwun­den sind
  • Bruck­ner Online – das bruck­ner-archiv hat was online gestellt:

    bruck​ner​-online​.at ist ein umfang­reich ange­leg­tes Anton Bruck­ner-Inter­net­por­tal (Web­ar­chiv), in dem neben der elek­tro­ni­schen Doku­men­ta­ti­on hand­schriftlicher Quel­len auch Kom­po­si­tio­nen, rele­van­te Per­so­nen und Orte ent­hal­ten sind. Zudem wer­den von allen Hand­schrif­ten, Erst­dru­cken und der Alten Gesamt­aus­ga­be voll­stän­di­ge Digi­ta­li­sa­te zur Ver­fü­gung gestellt. 

  • David Gar­rett: Habt mich bit­te lieb! | ZEIT ONLINE – julia spi­no­la hat sich david gar­ret mit den brahms­so­na­ten ange­hört und war nicht begeis­tert. des­halb schreibt sie einen erst­klas­si­gen verriss:

    David Gar­rett will end­lich wie­der als seriö­ser Musi­ker ver­stan­den wer­den und geht mit den Vio­lin­so­na­ten von Johan­nes Brahms auf Tournee

    sehr amü­sant auch die lese­rin­nen­stim­men – unter den fan­boys und ‑girls fin­den sich so ziem­lich alle pseu­do­ar­gu­men­te gegen kri­tik, die seit jahr­hun­der­ten wider­legt sind … (und viel hass auf jeman­den, der ihr idol nicht ver­göt­tert) – sehr amüsant …

  • Vom Mythos der tech­ni­schen Insti­tu­ti­on « Mich­a­lis Pan­te­lou­ris – mich­a­lis pan­te­lou­ris lie­fert ein paar hin­ter­grün­de zu legi­ti­ma­ti­on, zie­len und pro­ble­men (u.a. demo­kra­tie­theo­re­ti­sche, von den öko­no­mi­schen ganz abge­se­hen) der teil­neh­mer der „troi­ka“:

    Poli­ti­sche Insti­tu­tio­nen sind nie­mals ein­fach tech­nisch, aber die hier­zu­lan­de weit­ge­hend unkri­ti­sche Dar­stel­lung der Troi­ka-Insti­tu­tio­nen als sol­che, die ein­fach nur die Ein­hal­tung von bereits aus­ge­han­del­ten Ver­trä­gen über­wa­chen sorgt dafür, dass jeder ihr Wider­spre­chen­de auto­ma­tisch als Ver­trags­bre­cher wahr­ge­nom­men wer­den muss. Das ist es, was vie­le Medi­en mit der neu­en grie­chi­schen Regie­rung machen: Um eine Dis­kus­si­on um ihre Poli­tik zu ver­mei­den, zie­hen sie die Dis­kus­si­on ins Unpo­li­ti­sche, ins Tech­ni­sche: Ver­trä­ge sind ein­zu­hal­ten; Die Regie­rung ist inkom­pe­tent (was man poli­tisch ja kaum sein kann); Sie wol­len “Refor­men zurückdrehen”.
    Die Wahr­heit ist eine ande­re: Die Troi­ka hat eine Poli­tik ver­tre­ten, eine Ideo­lo­gie, die in Wahr­heit nir­gends in Euro­pa eine Mehr­heit hat. Es gibt auch in Deutsch­land kei­ne neo­li­be­ra­le Mehr­heit. Es sind zwei unter­schied­li­che Din­ge, ob man auf die Ein­hal­tung von Ver­trä­gen pocht, oder ob man einem ande­ren Land eine Poli­tik auf­zwingt, und dann eine, die ganz expli­zit von der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung abge­lehnt wird. Mit dem Mythos der rein tech­ni­schen Ein­grif­fe wird die Abschaf­fung der Demo­kra­tie verschleiert. 

  • Gra­bun­gen in der St. Johan­nis­kir­che in Mainz – mar­kus schug über die spek­ta­ku­lä­ren aus­gra­bun­gen unter der johan­nis­kir­che in mainz, wo schon zu mero­wi­ni­gi­scher zeit eine gro­ße kir­che stand …
  • Peti­tio­nen: Peti­ti­on 58168 – eine wun­der­ba­re peti­ti­on (die sicher erfolg­los blei­ben wird, aber trotz­dem – im sin­ne der bewusst­seins­bil­dung – not­wen­dig ist): Der Deut­sche Bun­des­tag möge beschlie­ßen, dass homöo­pa­thi­sche Behand­lungs­me­tho­den nicht mehr als Sat­zungs­leis­tung von gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen gezahlt wer­den dür­fen. – das ist übri­gens schon der gesam­te text der petition.
  • Kla­ge gegen Kru­zi­fix-Pflicht in Bay­ern: Karls­ru­he ver­trö­delt heik­les Urteil – taz​.de – hört sich sehr pein­lich & fei­ge an, wie das bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt unter voß­kuh­le & mül­ler mit die­ser kla­ge umgeht
  • Ein­füh­rung in den Fefis­mus. | H I E R – mspr0 erklärt fefe (und den „fefis­mus“) und rech­net gleicht mit ihm ab – und ver­ba­li­siert damit ziem­lich genau mein eige­nes unbe­ha­gen mit fefe …

    Fefe ist mehr als der Mensch, es ist mehr als das Blog. Zusam­men mit sei­nem Leser­mob ist es eine Hass­ma­schi­ne. Die­se Shit­s­torm­kul­tur gegen alles, was ihnen Fremd ist, ist kaum noch ohne God­win­ge­pul­le zu beschrei­ben.[…] Die Nerd­sze­ne lei­det extrem unter dem Fefis­mus. Es wird Zeit, dass es in ihr zu einer Form der Selbst­auf­klä­rung kommt. Ne…

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Aus-Lese #9

Micha­el Wildt: Geschich­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Göt­tin­gen: Van­den­hoeck & Ruprecht 2008 (UTB Grund­kurs Neue Geschich­te). 219 Seiten.

Auf zwei­hun­dert Sei­ten den Natio­nal­so­zia­lis­mus abhan­deln: Das trau­en sich weni­ge, und von denen gelingt es auch nur weni­gen. Wildt schafft das durch­aus in einer sehr kon­zen­trier­te, auf­fäl­lig kon­zi­sen und kla­ren Dar­stel­lung, die sich stark auf das Kon­zept oder For­schungs­pa­ra­dig­ma der „Volks­ge­mein­schaft“ stützt. 

Zwei ideo­lo­gi­sche Momen­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus hebt er beson­ders her­vor: Lebens­raum und Anti­se­mi­tis­mus. Schwach bleibt er bei allem, was Orga­ni­sa­ti­on und poli­ti­sche, par­tei­li­che wie staat­li­che Struk­tu­ren angeht – die kom­men fast nicht vor. Lei­der feh­len auch ein Regis­ter und eine Zeit­ta­fel – wegen der Viel­zahl hier ange­ris­se­ner the­ma­ti­scher Foki und Minia­tur­ge­schich­ten, die sich chro­no­lo­gisch immer wie­der über­lap­pen, wäre gera­de das letz­te­re eine hilf­reich Ergän­zung. Gut gelun­gen ist in die­ser gedräng­ten Form sicher­lich die Dar­stel­lung der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie in der Ver­bin­dung von Revo­lu­ti­on und All­tag, Poli­tik und Wirt­schaft. Wildt schil­dert dies unter dem Para­dig­ma der „Volks­ge­mein­schaft“, mit dem er gera­de die Gleich­zei­tig­keit von Inklu­si­on und Exklu­si­on gut deu­ten und schil­dern kann.

Die­ses Para­dig­ma hilft sicher­lich viel beim Ver­ständ­nis des Natio­nal­so­zia­lis­mus, macht an ande­ren Stel­len die Dar­stel­lung aber zumin­dest schwie­rig, wenn nicht unmög­lich. Deut­lich wird das vor allem im drit­ten Kapi­tel, das dem Krieg, Ter­ror und Ver­nich­tung gewid­met ist, aber auch schon vor­her: Wo es um das „Inne­re“ des Deut­schen Reichs geht, ist Wildt sehr kon­zi­se. In den außen­po­li­ti­schen Tei­len (oder bes­ser: Abschnit­ten) und vor allem der Dar­stel­lung des/​r Kriegs/​e fehlt ihm teil­wei­se der inne­re Zusam­men­hang, die argu­men­ta­ti­ve Logik und Strin­genz des zwei­ten Kapitels.

Außer­dem sehr uner­freu­lich: Dass ein sol­ches Buch, dass in einem renom­mier­ten Ver­lag wie Van­den­hoeck & Ruprecht erscheint, so vie­le auf­fäl­li­ge sprach­li­che Feh­ler hat: Von man­chen har­ten, unge­schick­ten For­mu­lie­ren abge­se­hen gibt es min­des­tens eine Hand­voll Sät­ze, deren Kon­struk­ti­on ungram­ma­tisch ist – in der Regel liegt das wohl an Über­ar­bei­tun­gen, die die Res­te einer frü­he­ren Ver­si­on nicht voll­stän­dig tilg­te (da blei­ben dann z.B. mal zwei Ver­ben im Satz ste­hen …). Doch davon darf man sich eben nicht stö­ren lassen …

Nico Bleut­ge: fall­strei­fen. 2. Auf­la­ge. Mün­chen: Beck 2009. 79 Seiten.

Erkun­dung der Rän­der und Gren­zen, der Natur und der Erin­ne­rung: Wun­der­schö­ne klei­ne Gedich­te sind im zwei­ten Gedichte­band von Nico Bleut­ge zu fin­den, vie­le – aus­weich­lich der Anmer­kung – inter­tex­tu­ell zumin­dest ange­regt. Beob­ach­tun­gen des Moments zwi­chen Erin­nern und Ver­ges­sen, zwi­schen Erle­ben und Ver­ges­sen: Dar­aus schlägt Bleut­ge schö­ne, ein­drück­li­che Bilder: 

beweg­te land­schaft. heu­te sind es die wol­ken, die
eine sicht­li­nie zie­hen, quer über den him­mel (67)

Beson­ders ange­tan haben es ihm hier eben die Rän­der und Gren­zen, die vor allem als Ufer, Über­gän­ge und Lini­en immer wie­der auftauchen. 

… nah an den bruchkanten
der beschot­te­rungs­rin­ne stre­cken sich lär­chen entlang
die das tal ent­zwei schnei­den, für den blick. und dahin­ter beginnt
eine neue land­schaft
, wet­ter­zo­ne von bräun­li­chen feldern
mit fall­strei­fen … (57)

Und die­se Linen wer­den beglei­tet von den unsicht­ba­ren Lini­en, den Lini­en der Erin­ne­rung, die­sen haar­fei­nen Zeit­li­ni­en: „die rän­der ver­schie­ben sich täg­lich“ (70)

das mischt sich, manch­mal, noch ins schauen
wäh­rend die bil­der, nacht­schicht im genick
nur lang­sam ineinanderfließen
und von den fens­tern kommt das licht
ver­än­dert in den raum, und sinkt schon, sinkt
zurück. (mischt sich, 8)

Schön und inspirierend.

Bal­tha­sar Gra­ci­an: Hand­ora­kel und Kunst der Welt­klug­heit. Über­tra­gen von Arthur Scho­pen­hau­er. Her­aus­ge­ge­ben und mit einem Nach­wort ver­sehn von Otto Frei­herrn von Tau­be. Frank­furt am Main: Insel 2009 [1653/​]. 136 Seiten.

Ein Buch vol­ler Sen­ten­zen, eigent­lich: Wie wird man ein geach­te­ter, wür­di­ger, ehren­vol­ler und erfolg­rei­cher Mann des 17. Jahr­hun­derts? Durch Glück und Talent, durch geschick­tes Tak­tie­ren und sozia­le Klug­heit – am Stück kann man die­se Über­zahl der Maxi­men mit ihren kur­zen Erklä­run­gen kaum lesen, sie sind dann nicht (mehr) zu ertra­gen … Aber ken­nen muss man sie natür­lich schon.

Vol­ker Braun: Die vier Werk­zeug­ma­cher. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 1996. 51 Seiten.

Ich bin ja ein gro­ßer Bewun­de­rer Vol­ker Brauns. Auch die­se klei­ne Erzäh­lung aus der Umbruchs­zeit 1989/​1990 über den Zusam­men­hang von Mensch­heit, Arbeit und Geschich­te ist ein klei­nes Juwel. Schon der Anfang, der ers­te, zwei­te, drit­te Satz, ist ein­fach großartig: 

Im Osten Deutsch­lands leb­ten vor der Wen­de nicht eben ver­gnüg­te und im gan­zen geist­lo­se Leu­te, alle mit irgend­was bschäf­tigt, das sie nicht fro­her mach­te – Arbeit, die, obwohl alle an ihr betei­ligt waren, wenig bewirk­te; und das war ihr Unglück; über das aber nicht gespro­chen wur­de in den Zei­tun­gen und sons­ti­gen Ver­all­ge­mei­ne­run­gen der Regie­rung, die immer­fort Arbeits­kräf­te such­te, Mas­sen, um sie zu begeis­tern. […] So geschah es, daß sie aus Ver­zweif­lung oder son­stei­nem Humor, den sie behal­ten hat­ten, von selbst auf die Stra­ße gin­gen, wo sie am brei­tes­ten war, und bald eini­ge, bald ihrer mehr durch die Innen­städ­te zogen, um sich über­haupt bemerk­bar zu machen. (9)

Klaus Beckmann sucht die Anfänge der Norddeutschen Orgelschule

Klaus Beck­mann, Ver­fas­ser des unver­zicht­ba­ren „Reper­to­ri­um Orgel­mu­sik“, hat im Schott-Ver­lag in den letz­ten Jah­ren bereits die umfang­rei­che Rei­he „Meis­ter der Nord­deut­schen Orgel­schu­le“ her­aus­ge­ge­ben. Jetzt legt er die theo­re­ti­sche bzw. musik­ge­schicht­li­che Ergän­zung dazu vor: „Die Nord­deut­sche Schu­le. Orgel­mu­sik im pro­tes­tan­ti­schen Nord­deutsch­land zwi­schen 1517 und 1755.“ Man darf also eini­ges erwar­ten. Zu sehr soll­te man die Vor­freu­de aller­dings nicht aus­rei­zen. Denn, soviel sei schon gesagt, bei allen Ver­diens­ten, die die­ses Buch auf­weist, blei­ben doch eini­ge Lücken offen. Das liegt natür­lich auch dar­an, dass bis­her nur der ers­te Teil der Unter­su­chung vor­liegt: „Die Zeit der Grün­der­vä­ter“ beti­telt, was den Zeit­raum bis 1629 meint. Musi­ka­lisch wird es danach frei­lich erheb­lich inter­es­san­ter – aber hier sind eben die Anfän­ge der Nord­deut­schen Orgel­schu­le, hier sind die Vor­aus­set­zun­gen und Aus­gangs­punk­te der eigen­stän­di­gen Ent­wick­lung der Orgel­mu­sik in den pro­tes­tan­ti­schen Städ­ten in Deutsch­lands Nor­den zu beob­ach­ten. Und dar­um kreist auch ein erheb­li­cher Teil die­ses Buches: Die Bedin­gun­gen, unter denen damals über­haupt wie und wel­che Orgel gespielt wur­de und wann und wie für die Orgel kom­po­niert wurde.
Dazu lie­fert Beck­mann nicht nur einen knap­pen Abriss der Ent­wick­lun­gen des Orgel­baus in den Han­se­städ­ten bis zum 16. Jahr­hun­dert, er bie­tet vor allem eine Viel­zahl Quel­len zur 
sozi­al­his­to­ri­schen Situa­ti­on, zu den geis­ti­gen und reli­gi­ös­ten Umständ­ten der frü­hen Refor­ma­ti­on, zu den von Ort zu Ort sich unter­schei­den­den Aus­ta­rie­run­gen zwi­schen (latei­ni­scher) Mess­tra­di­ti­on und refor­ma­to­ri­schem Got­tes­dienst. Ins­be­son­de­re die viel­fach über­lie­fer­ten Kir­chen­ord­nun­gen bie­ten ihm dafür Mate­ri­al. Und dort wie­der­um ins­be­son­de­re, wo sie von der Situ­ie­rung der Orgel und des Orga­nis­ten im pro­tes­tan­ti­schen Got­tes­dienst spre­chen: So weit sich das über­bli­cken lässt, sind es vor allem die Ves­pern, die Orgel­mu­sik mög­lich mach­ten. Und die geschah dort wie­der­um offen­bar in ver­schie­de­nen Funk­tio­nen: Der Orga­nist konn­te into­nie­rend oder alter­nie­rend mit dem Chor musi­zie­ren, er konn­te die­sen voll­stän­dig sub­sti­tu­ie­ren oder auch col­la par­te spie­len. Hier ist die Quel­len­la­ge im Ein­zel­nen aber immer noch dünn. Die Kir­chen­ord­nun­gen geben für die­se Details näm­lich oft nur wenig her – für die got­tes­dienst­li­che Pra­xis ist auch Beck­mann immer noch auf Ver­mu­tun­gen ange­wie­sen – durch­weg plau­si­ble allerdings. 
Aus die­sen Vor­aus­set­zun­gen rekon­stru­iert er dann spä­ter auch den Ort bzw. Anlass der über­lie­fer­ten Kom­po­si­tio­nen und ent­spre­chend auch eine typi­sie­ren­de Kate­go­ri­sie­rung. Beck­mann legt gro­ßen Wert dar­auf, das nicht mit „künst­li­chen“, weil spä­ter ent­wi­ckel­ten Begrif­fen zu tun, son­dern nach Mög­lich­keit auf zeit­ge­nös­si­sche Bezeich­nun­gen zurück­zu­grei­fen. Bei den hier unter­such­ten Wer­ken in die­sem Zeit­raum stößt er vor allem auf zwei For­men: Orgel­cho­ral und Choral­fan­ta­sie. Doch der genau­en Unter­su­chung der musi­ka­li­schen Quel­len geht zunächst noch ein kur­zer, reich­lich knap­per Rück­blick auf die bis­he­ri­ge Orgel­mu­sik vro­aus: Die süd­deut­schen Kom­po­nis­ten um Schlick und Hof­hai­mer wer­den eben­so erwähnt wie Hans Buch­ners exem­pla­ri­sche Orgel­schu­le bzw. Ton­satz­leh­re, das „Fun­da­men­tum“. Außer­dem bie­tet Beck­mann noch eini­ge Erläu­te­run­gen der Dimi­nui­ti­ons­pra­xis und des Kolo­ris­mus, um den Stand der Orgel­kunst in Deutsch­land zu Beginn des 16. Jahr­hun­derts dar­zu­le­gen. Ähn­lich wie bei dem Kapi­tel zum Orgel­bau bleibt aber die zen­tra­le Fra­ge eigent­lich wie­der unbe­ant­wor­tet: Was hat das mit der Nord­deut­schen Orgel­schu­le zu tun? Wie sehen die Ver­bin­dun­gen denn jetzt kon­kret aus?
Ins­ge­samt geht er aller­dings sehr gewis­sen­haft und peni­bel sys­te­ma­tisch vor: Nach­dem die äuße­ren Bedin­gun­gen nun geklärt sind, soweit es die Quel­len­la­ge erlaubt – oder wenigs­tens die Quel­len dazu zitiert wur­den –, kom­men nun die ein­zel­nen Städ­te an die Rei­he. Die Rei­se beginnt in Ham­burg mit den „ehr­wür­di­gen Grün­der­vä­tern der Nord­deut­schen Orgel­kunst“ (142) der Fami­lie Prae­to­ri­us, allen vor­an Hie­ro­ny­mus (1560 – 1629). 
Hier, bei des­sen Vater Jakob und vor allem bei Hie­ro­ny­mus beob­ach­tet Beck­mann näm­lich ein wesent­li­ches Ele­ment: Den eigent­li­chen Über­gang vom blo­ßen Abset­zen, d.h. Über­tra­gen voka­ler Musik auf das Tas­ten­in­stru­ment und das Kolo­rie­ren zum eigent­li­chen „Kom­po­nie­ren“. Jakob Prae­to­ri­us ist ihm der ers­te Orga­nist mit „fest umris­se­nem Pro­fil“ (135) – das er dem Leser frei­lich schul­dig bleibt. Damit ist Hie­ro­ny­mus Prae­to­ri­us der ers­te Kom­po­nist, des­sen „ein­zig­ar­ti­ges Oeu­vre“ (156) Beck­mann aus­führ­lich vor- und dar­stellt. Denn von ihm ist „das kom­plet­te orga­nis­ti­sche Reper­torie als Gesamt­werk“ mit ein­zel­nen, in sich jeweils geschlos­se­nen Zyklen über­lie­fert: Magni­fi­cats, Hym­nen und Kyri­en. Hier zeigt sich Beck­mann dann auch, etwa in der Ana­ly­se der Magni­fi­cat­zy­klen, als fein­sin­ni­ger und sach­lich aus­ge­spro­chen auf Kor­rekt­heit bedach­ter Wis­sen­schaft­ler – frei­lich ohne beson­de­re sprach­li­che Ele­ganz. Über­haupt ist das vom Ver­lag schon als „Stan­dard­werk“ geprie­se­ne Buch – viel Kon­kur­renz hat es aller­dings auch nicht – eine aus­ge­spro­chen tro­cke­ne Lek­tü­re – noch ein Stück sprö­der als der auch nicht gera­de über­mä­ßig sinn­li­che Gegen­stand der Untersuchung. 
Grund­sätz­lich lässt sich schon bei den ers­ten Ana­ly­sen fest­stel­len: Beck­mann hat vor allem die for­ma­le Gestal­tung und ihre Ver­läu­fe sowie die pro­to-moti­vi­sche Arbeit im Blick. Sobald er frei­lich das Feld der unmit­tel­ba­ren Ana­ly­se ver­lässt, hagelt es Kon­junk­ti­ve – im all­ge­mei­nen ist Beck­mann näm­lich aus­ge­spro­chen vor­sich­tig und zurück­hal­tend, was Deu­tun­gen und Inter­pre­ta­tio­nen angeht, die nicht direkt auf Aus­sa­gen zeit­ge­nös­si­scher (was bei ihm, gera­de was Figu­ra­tio­nen und kon­tra­punk­ti­sche Tech­ni­ken bzw. deren Ter­mi­ni angeht, durch­aus ein Zeit­raum von zwei­hun­dert Jah­ren sein kann) Quel­len zurückgehen. 
Das ergibt dann eine Fül­le rich­ti­ger und auf­schluss­rei­cher Beob­ach­tun­gen und Erkennt­nis­se, etwa aus der vor­treff­li­chen Ana­ly­se der 3 Ver­sus des Magni­fi­cat Pri­mi Toni des Hie­ro­ny­mus Prae­to­ri­us aus des­sen Zyklus der acht Magni­fi­cat-Ver­to­nun­gen, die schon Wil­li Apel zu Recht als „Auf­takt der nord­deut­schen Orgel­mu­sik […], in dem sich die gan­ze Pracht und Grö­ße die­ser Kunst in bedeut­sa­mer Wei­se ankün­digt“, cha­rak­te­ri­sier­te. Klaus Beck­mann zeigt nun aller­dings recht deut­lich, dass das schon mehr als eine Ankün­di­gung zukünf­ti­ger Groß­ta­ten ist: Bei ihm ist mit Hie­ro­ny­mus Prae­to­ri­us der wich­tigs­te Schritt bereits getan, die ers­te Rea­li­sie­rung künst­le­ri­cher Äuße­rung schon gesche­hen. Aber die­ses Ergeb­nis muss der Leser schon selbst voll­zie­hen – da ist Beck­mann wie­der viel zu vor­sich­tig, so etwas exli­pi­zit zu äußern.
Anhand von Prae­to­ri­us‘ Wer­ken cha­rak­te­ri­siert er auch schon „Orgel­cho­ral und Choral­fan­ta­sie als instru­men­ta­le Kate­go­rien, die ins­be­son­de­re für die Orgel­mu­sik der Nord­deut­schen Schu­le spe­zi­fisch sind“ (195). Zwar lässt sich der Tas­ten­satz Prae­to­ri­us‘ (und sei­nes Zeit­ge­nos­sen Johann Stef­fens in Lüne­burg) durch­aus noch als „vokal­af­fin“ beschrei­ben, doch nicht nur die Ana­ly­se der Satz- und Form­struk­tu­ren, auch die Unter­su­chung der ver­wen­de­ten Figu­ren erlau­ben es Beck­mann, von einer orgel­spe­zi­fi­schen Fort­ent­wick­lung zu spre­chen. Dane­ben betont er nicht nur die Stan­dar­di­sie­rung der for­ma­len Abläu­fe, die sich hier bereits zeigt, son­dern vor allem den geschlos­se­nen Opus-Cha­rak­ters der drei Zyklen. Dar­in ist nicht nur für ihn ein ein­deu­ti­ges Zei­chen der Reper­toire-Schaf­fung für den got­tes­dienst­li­chen Gebrauch zu sehen. 
Den Unter­su­chun­gen der Ham­bur­ger Orgel­kunst folgt ein kur­zer Besuch in Dan­zig, um die Dan­zi­ger Tabu­la­tur wenigs­tens zu erwäh­nen. Dar­auf geht es wei­ter nach Lüne­burg, wo Johann Stef­fens leb­te und arbei­te­te. Bei der Unter­su­chung von Stef­fens‘ Choral­fan­ta­sien zeigt sich, dass die anhand der Kom­po­si­tio­nen von Prae­to­ri­us ent­wi­ckel­ten Begrif­fe „Orgel­cho­ral“ und „Choral­fan­ta­sie“ trag­fä­hig genug sind, um auch Stef­fens‘ For­men zu beschreiben. 
Dem folgt noch einen kur­zer Abste­cher nach Cel­le – die dort ent­stan­de­ne Orgel­ta­bu­la­tur von 1601 ist der Grund dafür –, um mit Braun­schweig-Wol­fen­büt­tel, wo Micha­el Prae­to­ri­us resi­dier­te, die Rei­se vor­erst schon wie­der zu been­den. Den Abschluss bil­det der Ver­such eini­ger Über­le­gun­gen zur „His­to­ri­schen Spiel­wei­se“. Aber die­se sehr kur­zen, knapp gefass­ten Hin­wei­se zur grund­le­gen­den Pro­ble­ma­tik jeder his­to­risch infor­mier­ten Auf­füh­rungs­pra­xis bie­ten kaum mehr als ein kom­men­tier­tes Lite­ra­tur­ver­zeich­nis – und haben im Zusam­men­hang die­ses ers­ten Teils auch kei­nen rech­ten Platz. 
Schon die­se arg ver­kür­zen­de Zusam­men­fas­sung zeigt, dass in den ers­ten Jah­ren der Nord­deut­schen Orgel­schu­le im Grun­de kaum von einer Schu­le gespro­chen wer­den kann. Das liegt vor allem an dem weni­gen Mate­ri­al, das über­lie­fert ist und dem­entspre­chend den weni­gen Ver­bin­dun­gen untereinander. 
Beck­mann bemüht aller­dings immer wie­der die beson­de­re Beto­nung der Eigen­stän­dig­keit der hier begin­nen­den Nord­deut­schen Orgel­schu­le, wie sie sich vor allem in Hie­ro­ny­mus Prae­to­ri­us und Johann Stef­fens mani­fes­tiert. In der Tat ist ja die frü­her gern ange­nom­me­ne Abhän­gig­keit von Jan Pie­ter­zoon Sweelinck kaum und auch nur mit schwa­chen Indi­zi­en zu bele­gen: „Dem­ge­gen­über bedarf die deut­sche Wur­zel einer wahr­heits­ge­treu­en Auf­wer­tung.“ (262) Der Auf­ar­bei­tung die­ser älte­ren musik­wis­sen­schaft­li­chen Rezep­ti­on hat Beck­mann viel Raum gege­ben. Aber genau die­se „vor­der­grün­di­ge Denk­wei­se“, die Beck­mann der älte­ren For­schung vor­wirft, fin­det dann doch – zumin­dest in klei­nen Dosen – ihren Nie­der­schlag auch in sei­ner eige­nen Arbeit – wenn er etwa behaup­tet: „Es liegt nahe anzu­neh­men, dass Johann Stef­fens und Hie­ro­ny­mus Prae­to­ri­us […] eine gute nach­bar­schaft­lich-kol­le­gia­le Bezie­hung gepflegt haben, wozu auch der Aus­tausch von Kom­po­si­tio­nen gehört haben dürf­te. Eine Rei­he von Über­ein­stim­mun­gen […] erhär­tet jeden­falls die­se Ver­mu­tung zur Gewis­se­heit.“ Sol­che Schlüs­se sind letzt­lich genau­so gefähr­lich wie die Argu­men­ta­ti­on mit einem his­to­ri­schen „Wahr­heits­wert“. Schließ­lich weist Beck­mann selbst oft genug dar­auf hin, wie ent­schei­dend sich das Bild durch neue oder lan­ge Zeit ver­nach­läs­sig­te Quel­len ver­än­dern kann. 
Doch das betrifft nur weni­ge Stel­len sei­ner Aus­füh­run­gen. Was dage­gen schwe­rer ins Gewicht fällt, ist die Tat­sa­che, dass es Beck­mann in die­sem ers­ten Teil sei­ner Unter­su­chung kaum gelingt, ange­nom­me­ne oder tat­säch­li­che his­to­ri­sche Ent­wick­lun­gen in ihrem Ver­laufs­cha­rak­ter dar­zu­stel­len: Zu sehr sind das (noch) lau­ter ein­zel­ne Wis­sens­bro­cken. Aber noch besteht ja Hoff­nung, denn dies ist ja aus­drück­lich der ers­te Teil einer grö­ße­ren Unter­su­chung. Und der Haupt­teil sei­nes The­mas, die Hoch­pha­se der Nord­deut­schen Schu­le, steht eben noch aus. Die­ses Man­ko kann also durch­aus noch dem For­schungs­ge­gen­stand, einer Schu­le im Ent­ste­hen, geschul­det sein – wobei sich dann doch die Fra­ge stellt, ob die­se arg künst­li­che Tren­nung in „Grün­der­zeit“ und Hoch­pha­se wirk­lich sinn­voll ist. 
Über­haupt haf­tet dem gan­zen Band an eini­gen Stel­len etwas unfer­ti­ges und undurch­dach­tes an. Nur ein Bei­spiel: Gewiss wird hier ein hoch­gra­dig spe­zi­el­les The­ma abge­han­delt, die Idee eines Glos­sars ist also durch­aus hilf­reich – aber dort dann „Orgel“ oder „Pedal“ in zwei Sät­zen erklä­ren zu wol­len, mutet doch befremd­lich an. 
Schließ­lich hät­te man mit dem hier aus­ge­brei­te­ten Wis­sen eine wun­der­ba­re Geschich­te der Nord­deut­schen Orgel­schu­le – oder zumin­dest ihrer Anfän­ge – schrei­ben kön­nen. Aber das hat Klaus Beck­mann lei­der kaum getan. Es ist weni­ger ein Lese­buch, son­dern viel mehr eine Doku­men­ta­ti­on gewor­den – vor allem aber ein instruk­ti­ves und mate­ri­al­rei­ches Quel­len­le­se- und ‑fin­de­buch.
Klaus Beck­mann: Die Nord­deut­sche Schu­le. Orgel­mu­sik im pro­tes­tan­ti­schen Nord­deutsch­land zwi­schen 1517 und 1755. Teil I: Die Zeit der Grün­der­vä­ter. 1517–1629. Mainz u.a.: Schott 2005. 312 Sei­ten. 59,95 Euro.
(erschie­nen in „die ton­kunst”, jg. 1 (2007), heft 3, sei­te 310–314)

30 Jahre Krieg als Trauma und integrierender Faktor für Deutschland

„der drei­ßig­jäh­ri­ge krieg ist das bis ins 20. jahr­hun­dert nach­wir­ken­de trau­ma des deut­schen vol­kes.“ (83) heißt es in georg schmidts klei­ner abhand­lung der drei­ßig­jäh­ri­ge krieg (mün­chen: beck 6/​2003). als sol­cher hat er natür­lich ent­spre­chend vie­le (um-)deutungen und ver­ein­nah­mun­gen erfah­ren. georg schmidt, ein aus­ge­wie­se­ner ken­ner der deut­schen geschich­te und spe­zia­list für das alte reich hat sich davon nur inso­fern beein­dru­cken las­sen, als er sich um ein mög­lichst sach­li­che und zunächst wert­neu­tra­le dar­stel­lung der abläu­fe und gescheh­nis­se bemüht. beson­de­ren stel­len­wert erfah­ren in sei­ner dar­stel­lung immer wie­der die viel­fäl­ti­gen kreuz- und quer lie­gen­den ver­bin­dun­gen, die eine wirk­li­che kau­sa­li­tät der gescheh­nis­se gera­de die­ser zeit so schwer erken­nen las­sen und leicht für ver­wir­rung sor­gen. schmidt hat das pro­blem ziem­lich gut und über­zeu­gend gemeis­tert, sein klei­ner text ist trotz der enor­men kon­zen­tra­ti­on noch erstaun­lich gut les­bar und leicht ver­ständ­lich – auch ohne all­zu gro­ßes vorwissen.

tref­fend schon die sich ver­bin­den­den ursa­chen, die ver­kno­ten­den lini­en der auf­lö­sung der reichs­ge­walt oder der kohä­si­on des rei­ches durch die von der kon­fes­sio­na­li­sie­rung und ihrer immer wie­der auf­flam­men­den riva­li­tä­ten sowie der ver­här­te­ten lager­bil­dung in katho­li­sche liga und pro­tes­tan­ti­sche uni­on erreich­ten blo­cka­de der ent­schei­den­den insti­tu­tio­nen (reichs­kam­mer­ge­richt, reichs­ver­samm­lung, reichs­tag etc.). was inso­fern beson­ders pro­ble­ma­tisch ist, als das reich in sei­ner kom­pli­ziert aus­ta­rier­ten ver­fasst­heit ganz beson­ders auf den kon­sens aller betei­lig­ten ange­wie­sen war. in dem zusam­men­hang spielt natür­lich vor allem das recht­sys­tem des rei­ches eine beson­de­re rol­le: mit dem eher pro­tes­tan­tisch aus­ge­rich­te­ten reichs­kam­mer­ge­richt und dem eher kai­ser­na­hen reichs­hof­rat stan­den zwei gro­ße juris­ti­sche regu­la­ri­en zur ver­fü­gung, die auch rege genutzt wur­den. der drei­ßig­jäh­ri­ge krieg führt also zu einer (erneu­ten) ver­recht­li­chung des deut­schen staa­ten­ge­bil­des, die jetzt mit den para­gra­phen der west­fä­li­schen frie­de vor allem die macht des kai­sers und damit eines ein­heit­li­chen, zen­tra­len mon­ar­chi­schen sys­tems in deutsch­land erheb­lich ein­schränkt, ande­rer­seits auch – wie­der – die grund­la­gen für die abso­lu­tis­ti­sche territorialherrschaft(en) sichert – zwar unter ein­be­zug der stän­de, aber eben im gro­ßen und gan­zen mit der spä­ter offen­bar wer­den­den ten­denz zur zer­split­te­rung des reichs-gebie­tes. schmidt zeigt dabei ins­be­son­de­re die kon­ti­nui­tä­ten zur zeit vor dem drei­ßig­jäh­ri­gen krieg auf: „all dies hat­te sich bereits vor dem drei­ßig­jäh­ri­gen krieg ein­ge­pen­delt, und all dies ließ der west­fä­li­sche frie­den unan­ge­tas­tet.“ (82) – schmidt spricht des­halb auch von einem „bei­na­he per­fek­ten poli­ti­schen sys­tem, das allen betei­lig­ten grup­pen rech­te, frei­räu­me und teil­ha­be­mög­lich­kei­ten garan­tier­te, ohne des­we­gen sei­ne hand­lungs­fä­hig­keit einz­bü­ßen.“ (98) und er weist dar­auf hin, dass ins­be­son­der die zer­stö­rung der „alten über­re­gio­na­len wirt­schafts­be­zie­hun­gen“ durch die kriegs­er­eig­nis­se wesent­lich zum auf­stieg des abso­lu­tis­mus bei­tru­gen: jeder lan­des­fürst muss­te nun selbst „regu­lie­rend in das sozi­al- und wirt­schafts­sys­tem ein­grei­fen“ (92), um das land aus der öko­no­mi­schen star­re der kriegs­zeit wie­der zu erwe­cken. dabei ist aller­dings auch wie­der zu beach­ten: „in deutsch­land fand aller­dings weder wäh­rend noch nach dem krieg eine groß­flä­chi­ge wirt­schaft­li­che moder­ni­sie­rung statt.“ (93) dem­entspre­chend kam es ende der 1640er auch nicht zum öko­no­mi­schen boom (ange­sichts der zer­stö­run­gen einer­seits und des bevöl­ke­rungs­rück­gangs ande­rer­seits durch­aus denk­bar), son­dern nur zu einer müh­sa­men wie­der­be­le­bung. ana­lo­ges kann schm­dit für das sozia­le sys­tem kon­sta­tie­ren: „der drei­ßig­jäh­ri­ge krieg erscheint mit blick auf das gesell­schafts­sys­tem als stör­fall ohne gro­ße nach­wir­kun­gen: aus der aus­nah­me­si­tua­ti­on wech­sel­ten die men­schen zurück in ihren all­tag“ (95).

wei­ter­hin legt er beson­de­ren wert auf die ver­knüp­fung der (eigent­lich) deut­schen pro­ble­me mit letzt­lich ganz euro­pa, unter beson­de­rer beach­tung der aus­wir­kun­gen auf deut­sche staat­lich­keit. des­halb unter­nimmt schmidt auch die abwehr des 1998 auf­ge­kom­me­nen schlag­wor­tes vom „euro­päi­schen frie­den“ – ihm geht es v.a. dar­um, „krieg und frie­den als inte­grie­ren­de fak­to­ren der deut­schen natio­nal­ge­schich­te zu begrei­fen“ (103) das schlägt sich ent­schei­dend in der dar­stel­lung nie­der. ins­be­son­de­re die moti­ve erfah­ren eine ent­spre­chen­de wür­di­gung: es geht nicht dar­um, rich­tig oder falsch zu kon­sta­tie­ren, son­dern (mög­li­che) grün­des die­ses und jenes hand­lens auf­zu­zei­gen – dar­in ist schmidt sehr kon­se­quent. was man evtl. bemän­geln könn­te, ist sein hang, alle oder doch zumin­dest die meis­ten gesche­hen und ver­wick­lun­gen nicht nur in ihrer (ver­mu­te­ten) kau­sa­li­tät zu beschrei­ben, son­dern dies so zu tun, dass sie ger­ne als zwangs­läu­fi­ge, ein­zig mög­li­che ent­wick­lun­gen daste­hen. am schlech­tes­ten komm dabei fer­di­nand II. weg, der immer wie­der vor­ge­hal­ten bekommt, dass er mit sei­nem stur katho­li­zis­ti­schem behar­ren auf dem rekon­sti­tu­ti­ons­edikt vie­le chan­cen zum frü­he­ren frie­den ver­spielt habe. so schreibt schmidt den krieg dann vor allem als geschich­te von macht­drän­gen, nicht ein­ge­hal­te­nen abspra­chen und gegen­sei­ti­gen ver­su­chen der über­trump­fung bzw. aus­schal­tung zwi­schen den fürs­ten, in denen die kon­fes­si­on bald und oft genug kaum mehr als ein anlass war – aller­dings auf bei­den seiten…

ein beson­de­res augen­merk erfährt natür­lich wal­len­stein, der hier als (let­zer) kriegs­un­ter­neh­mer mit maß­geb­li­chem ein­fluss auf das gesche­hen in deutsch­land por­trä­tiert wird – nicht nur mili­tä­risch, son­dern auch poli­tisch (durch sein eige­nes macht­stre­ben und vor allem als angst­ku­lis­se für kai­ser, habs­bur­ger und den rest der liga). das ist ange­nehm sach­lich und ohne unnö­ti­ge über­hö­hung oder dämo­ni­sie­rung, ande­rer­seits auch ohne all­zu denk­mal­stür­ze­ri­schen ges­tus. ähn­li­ches gilt für den nüch­tern-skep­ti­schen blick auf gus­tav adolf (genau, den „löwen aus mitternacht“).

zusam­men genom­men „…wird deut­lich, wie wich­tig das locker gefüg­te poli­ti­sche sys­tem des hei­li­gen römi­schen rei­ches deut­scher nati­on für die euro­päi­sche ord­nung war. das nicht expan­si­ve reich stell­te kei­ne gebiets­an­sprü­che an sei­ne nach­barn und paß­te sich jeder ver­schie­bung im mäch­te­sys­tem an. es wirk­te als über­di­men­sio­na­ler puf­fer zwi­schen den staa­ten und mäch­ten: jeder such­te und fand hier ver­bün­de­te. das reich und die vor­mo­der­ne euro­päi­sche frie­dens­ord­nung beding­ten ein­an­der.“ (64)
der sehr zu emp­feh­len­de band wird dann noch durch eine aus­führ­li­che, gut kom­men­tier­te biblio­gra­phie, die lei­der etwas unüber­sicht­lich gewor­den ist, abgerundet.

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