Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 29 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Ins Netz gegangen (18.8.)

Ins Netz gegan­gen am 18.8.:

  • Müs­sen wir Euro­pa ‚anders‘ den­ken? Eine kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Ant­wort | Mein Euro­pa → span­nen­de ana­ly­se der his­to­ri­schen verknüpfung/​verbindung von euopra-idee und geschlechts­iden­ti­tät und die kon­se­quen­zen für die gegen­wär­ti­ge euro­pa-idee und ‑debat­te, z.b.:

    Wenn Kul­tur im gegen­wär­ti­gen plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schafts­mo­dell, das in den ein­zel­nen euro­päi­schen Län­dern unter­schied­lich stark oder gering greift, nicht mehr an den Mann als auf­grund einer ver­meint­li­chen Geschlechts­iden­ti­tät Kul­tur­schaf­fen­den gebun­den ist oder gebun­den wer­den kann, ist Euro­pa als Kul­tur im Sin­gu­lar nicht mehr als Pro­dukt des kul­tur­schaf­fen­den männ­li­chen Geschlechts kon­zi­pier­bar, sie ist gene­rell nicht mehr im Sin­gu­lar konzipierbar.

    „Euro­pa“ nicht im Sin­ne des essen­tia­lis­ti­schen Sin­gu­lars der Auf­klä­rung zu den­ken, son­dern als Viel­falt des Dif­fe­ren­ten auf der Grund­la­ge von Kohä­renz und Kohä­si­on ist mög­lich und dies auf eine ega­li­tä­re plu­ra­lis­ti­sche Gesell­schaft zu bezie­hen, ist eben­so möglich.
    […] Kon­se­quent wäre es, EU-Euro­pa von der Gesell­schaft und der anti-essen­tia­lis­ti­schen Per­spek­ti­ve her zu den­ken. Dabei kann nicht mehr auf das Funk­tio­nie­ren eines kol­lek­ti­ven per­for­ma­ti­ven Sprech­akts gesetzt wer­den. Das Erzeu­gen inhalt­li­cher Kohä­renz in Bezug auf Euro­pa braucht die Euro­päe­rin­nen und Euro­pä­er als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ak­ti­ve. Die Fra­ge, wie sich das orga­ni­sie­ren lässt, ist eben­so zen­tral wie sie unbe­ant­wor­tet geblie­ben ist. Von „euro­päi­scher Öffent­lich­keit“ bis „sozia­le Medi­en“ gibt es vie­le Prak­ti­ken, aber die­se wei­sen kei­ner­lei Kohä­si­on auf. Unbe­ant­wor­tet ist auch die Fra­ge, ob Anti-Essen­tia­lis­mus Dezen­triert­heit erfor­dert oder zur Fol­ge hat? Dies wür­de der bis­he­ri­gen EU-Euro­pa­idee umfas­send entgegenstehen.

  • Euro­päi­sche Uni­on: Anlei­tung zum Natio­na­lis­mus | ZEIT ONLINE → ein­fach wun­der­bar sarkastisch …

    Erwe­cken Sie den Ein­druck, mit dem Natio­nal­staat könn­te man auch den Lebens­stil einer unter­ge­gan­ge­nen Epo­che wie­der auf­le­ben lassen. 

  • „Vom Über­set­zen“ – Fest­spiel­re­de von Caro­lin Emcke | Ruhr­tri­ii­en­na­le → caro­lin emcke ist rat­los ange­sichts des ent­set­zens der gegen­wart und ver­sucht, die auf­klä­rung (als pro­zess) wie­der stark zu machen

    Es braucht Über­set­zun­gen der Begrif­fe und Wer­te, die aus­ge­höhlt und ver­stüm­melt wor­den sind, es braucht eine Über­set­zung von Nor­men in Anwen­dun­gen, es müs­sen Begrif­fe in Erfah­run­gen über­setzt wer­den, damit sie vor­stell­bar wer­den in ihrer Sub­stanz, damit wie­der deut­lich und nach­voll­zieh­bar wird, wor­aus sie bestehen, damit erleb­bar wird, wann und war­um der Rechts­staat einen schützt, dass sub­jek­ti­ve Rech­te nicht nur pas­siv vor­han­den, son­dern dass sie auch aktiv ein­klag­bar sind, dass eine Demo­kra­tie nicht ein­fach die Dik­ta­tur der Mehr­heit bedeu­tet, wie es sich die AfD oder Ukip oder der Front Natio­nal wün­schen, son­dern eben auch den Schutz der Min­der­heit, es braucht eine Über­set­zung der Geset­ze und Para­gra­phen, der Exper­ten­spra­che in demo­kra­ti­sche Wirk­lich­kei­ten, es braucht Erzäh­lun­gen davon, wie die Frei­heit schmeckt, wie die Gleich­heit sich anfühlt, wie die Brü­der­lich­keit klingt.

Taglied 11.8.2016

Das LDP-Trio (Leim­gru­ber – Demierre – Phil­lips) in einer von den Musi­kern so unge­lieb­ten Publi­kums­auf­nah­me vom Kalei­do­phon Ulrichs­berg, 2015:

LEIMGRUBER, DEMIERRE, PHILLIPS – Live at Kalei­do­phon, Ulrichs­berg, Aus­tria, 2015-05-01

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Ins Netz gegangen (10.8.)

Ins Netz gegan­gen am 10.8.:

  • Nor­bert Blüm: Natio­na­lis­mus ist Idio­tie | Süddeutsche.de → was sind das nur für zei­ten, dass ich einen text von nor­bert blüm zum lesen emp­feh­len muss …

    Natio­na­lis­mus ver­steht etwas von Macht, Glanz und Glo­ria, weni­ger von Mensch­lich­keit. Macht ist die Trieb­fe­der jed­we­der natio­na­lis­ti­scher Poli­tik. War­um soll­te ich dem Natio­nal­staat nach­trau­ern? Er ist ein Zwi­schen­spiel der Geschich­te, weder gott­ge­ge­ben noch naturgewachsen.

  • Kühl­schrän­ke gibt’s bei Kater Muschi → ein net­ter text über leben und ein­kau­fen arno schmidts in darm­stadt (1955−1958)
  • Wahl­kampf­ro­man 2016. „So wird das Leben.“ – Mar­le­ne Stre­eru­witz → „Bei der Wie­der­ho­lung der Wahl zum öster­rei­chi­schen Bun­des­prä­si­den­ten steht die Ent­schei­dung für oder gegen die Demo­kra­tie an. Mar­le­ne Stre­eru­witz erzählt in ihrem drit­ten Wahl­kampf­ro­man was die­se Ent­schei­dung im wirk­li­chen Leben bedeutet.“
  • Jour­na­list: Zeit-Online-Chef­re­dak­teur Jochen Weg­ner: „Wir sind anders“ → ein inter­es­san­tes und teil­wei­se sehr ent­lar­ven­des inter­view. mat­thi­as dani­el fin­det es z.b. (in einem fach­me­di­um! für jour­na­lis­ten) „irre“, dass zeit-online den trai­ner des dfb mit einer nicht­nach­richt (er macht wei­ter) nicht als top­the­ma hat­te …

    und immer wie­der wun­dern mich medi­en­zah­len – so „erreicht“ ze​.tt angeb­lich 10 % der bevöl­ke­rung in deutsch­land. das erscheint mir irre viel …

    und eine schö­ne bull­shit-phra­se: genaue, per­so­na­li­sier­te nut­zer­da­ten sind „ein qua­li­fi­zier­ter Kon­takt zu vie­len Lesern“

  • Lan­guage Stuff – Goog­le Dri­ve → irre vie­le (eng­lisch­spra­chi­ge) gram­ma­ti­ken irre vie­ler spra­chen, lei­der (in mei­nen stich­pro­ben) ohne ordent­li­che biblio­gra­phi­sche nach­wei­se. teil­wei­se sprach­lehr­bü­cher, teil­wei­se wissenschaftliche
  • Ohne Pflug auf den Acker – Land­wir­te pas­sen sich dem Kli­ma­wan­del an | Deusch­land­ra­dio Kul­tur → schö­nes fea­ture über den umgang von (vor­wie­gend bio-)landwirten in bran­den­burg mit dem sich ändern­den kli­ma und den damit ein­her­ge­hen­den ver­än­de­run­gen in ihrer arbeit
livemusic (unsplash.com)

Wie hört man frei improvisierte Musik? John Corbett verrät es

corbett, guide (cover)Der Listener’s Gui­de von John Cor­bett ist eine tol­le Ein­füh­rung ins Hören von frei­er Impro­vi­sa­ti­on – und natür­lich auch in die Musik selbst. Das klei­ne Buch ist in drei gro­ße Tei­le geglie­dert. Einer Ein­lei­tung fol­gen die (sehr kon­kre­ten) Grund­la­gen des Hörens frei impro­vi­sier­ter Musik, denen sich dann die fort­ge­schrit­te­ne Tech­ni­ken (die oft recht abs­trakt und stär­ker sub­jek­tiv als der Haupt­teil blei­ben) anschließen.

In den Grund­la­gen ver­sucht Cor­bett – mei­nes Erach­tens ziem­lich schlüs­sig und erfolg­reich, aber ich bin ja nicht (mehr) ganz in der Ziel­grup­pe – über ver­schie­de­ne Aspek­te der Musik und des Hörens einen Zugang zur impro­vi­sier­ten Musik zu schaf­fen. Dafür erklärt er die Beson­der­heit von Rhyth­mus und Dau­er, geht der Fra­ge nach, wer was macht und wel­che Inter­ak­tio­nen pas­sie­ren sowie wel­che Über­gän­ge und wel­che Struk­tu­ren sich beim Hören erken­nen las­sen. Für „Fort­ge­schrit­te­ne“ geht es dann, wie­der­um in kon­zen­trier­ten, über­sicht­li­chen Kapi­teln, um das gleich­zei­ti­ge Sehen und Hören, um die Fra­ge „live oder Auf­nah­me?“, um die der frei­en Impro­vi­sa­ti­on inne­woh­nen­den Geheim­nis­se genau wie um ihre Ambi­gui­tä­ten und Unab­ge­schlos­sen­hei­ten sowie in einem Abste­cher auch um die „poly-free-music“ – also Musik, die nur noch teil­wei­se frei impro­vi­siert ist, die zumin­dest zeit­wei­se auf genaue­ren Abspra­chen oder Kom­po­si­ti­on beruht. Außer­dem gibt es noch knap­pe Über­le­gun­gen zum Schlaf und ande­ren Ablen­kun­gen wäh­rend dem Musik hören (Cor­bett ist dem nicht abge­neigt, weil das peri­phe­re Hören neue Ent­de­ckun­gen ermög­licht …), zur Rol­le des Publi­kums bei der Ent­ste­hung frei­er Musik und auch zur mora­li­schen Über­le­gen­heit die­ser Musik – die Cor­bett klar verneint.

Das alles ist sehr direkt und prä­gnant geschrie­ben. Man merkt durch­gän­gig, wie sehr der Autor vom Gegen­stand und der Ver­mitt­lung der Freu­de an die­ser Musik begeis­tert ist. Und mir gefielt der tro­cke­ne Witz und die inter­es­san­ten Meta­phern, die Cor­bett findet:

Impro­vi­sed music is like a bal­loon, it needs some ten­si­on to keep it taut; lose the ten­si­on, and the music farts around and falls limp on the flo­or. (65)
Lis­tening to moment-form impro­vi­sing is like sur­fing. (76f.)

Dabei ist das nicht musi­ko­lo­gisch-aka­de­misch, auch wenn sich erkenn­bar eine ziem­lich genaue Kennt­nis und gro­ße Ver­traut­heit mit der frei impro­vi­sier­ten Musik hin­ter dem Text ver­birgt. Schon die Defi­ni­ti­on, was denn „Free Impro­vi­sa­ti­on“ über­haupt sei, ist sehr prag­ma­tisch und durch­aus typisch für Cor­bett: „Impro­vi­sed music is music made using impro­vi­sa­ti­on. Simp­le enough.“ (XII) Genau, was muss man mehr sagen? Zur Abgren­zung von ande­ren impro­vi­sier­ten Musi­ken fügt er noch hin­zu, dass hier eben wirk­lich alle Fixie­rung fehlt, alle Abspra­che (die über äußerst Basa­les hin­aus geht) unter­bleibt und nur die Frei­heit des Moments bleibt.

Ver­packt ist das alles nicht als eine Erkun­dung der Musik selbst, son­dern als eine Art Anlei­tung zum genuss­vol­len Hören. Des­halb gibt es immer vie­le Hin­wei­se und Tipps zum mög­lichst ergie­bi­gen (nicht rich­ti­gen!) Hören (oder bes­ser: zum Genie­ßen der Frei­heit in die­ser Musik). Denn es geht ihm nicht um rich­tig oder falsch, um die wah­re Musik und ihr ein­zig wah­res Ver­ständ­nis, son­dern dar­um, Zugän­ge zu schaf­fen – und damit Begeis­te­rung zu wecken: Begeis­te­rung für die „Fremd­heit“ die­ser Musik, also für eine Befrei­ung (von Beschrän­kun­gen), für das Schaf­fen von unge­ahn­ten, groß­ar­ti­gen, unzäh­li­gen Mög­lich­kei­ten. Vie­le der Mög­lich­kei­ten der Impro­vi­sier­ten Musik ste­cken für Cor­bett in der Inter­ak­ti­on. Sie ist für ihn ganz klar der Kern, das eigent­li­che fea­ture der frei­en Impro­vi­sa­ti­on. Und ent­spre­chen stark auf die­sen Pro­zess bezo­gen sind auch sei­ne Hör­tipps. Und des­we­gen ist er auch eher skep­tisch gegen­über Soli (und gro­ßen Ensem­bles): „Impro­vi­sa­ti­on is social music.“ (56)

Im Gan­zen lernt man beim Lesen fast so viel wie beim Hören, Cor­bett gibt vie­le gute, fast groß­ar­ti­ge Rat­schlä­ge, die den inter­es­sier­ten Leser oder die Lese­rin mit einem Werk­zeug­satz, einer Art Besteck zum Hören, Beschrei­ben und Ana­ly­sie­ren der impro­vi­sier­ten Musik aus­stat­ten und das Hören somit inter­es­san­ter und ertrag­rei­cher machen.. Schön ist, dass er dabei – trotz des grund­le­gend ana­ly­ti­schen Zugangs – in sei­nem empha­ti­schen Wer­ben für die Musik auch Platz für deren Geheim­nis­se. Und her­vor­zu­he­ben ist auch, dass er immer wie­der ein­räumt und klar macht, dass Freie Impro­vi­sa­tio­nen nicht die bes­se­re, bes­te oder ein­zig wah­re Musik sind. Und dass sie auch nicht im ethi­schen Sinn bes­ser sind oder bes­ser machen. Mir scheint aber, dass er dabei aus­lässt, dass das Hören (bzw. das Gou­tie­ren) die­ser Musik durch­aus soziale/​ethische Qua­li­tä­ten för­dert, die man (wenn man möch­te – und ich tue das) durch­aus bewer­ten und hoch­schät­zen kann. Ins­be­son­de­re das „Aus­hal­ten“ (das ja mehr ein Wert­schät­zen als ein Tole­rie­ren ist) von Frei­heit, d.h. von Unge­wiss­heit, das posi­ti­ve, erwar­tungs­vol­le Erfah­ren von Neu­em, Unbe­kann­tem ist schon, so mei­ne ich, eine wert­vol­le Sache. Des­halb müs­sen free-impro­vi­sa­ti­ons-Anhän­ge­rin­nen natür­lich nicht zwangs­läu­fig bes­se­re Men­schen sein – aber sie ten­die­ren dazu, unter ande­rem offen für eine Gesell­schaft zu sein, die sich (auch) ver­än­dert – zumin­dest ist das mei­ne Erfahrung. 

Ergänzt wird Cor­betts Text übri­gens noch um ein paar Lis­ten – näm­lich drei sehr kur­ze und damit sehr angreif­bar kon­zen­trier­te Auf­lis­tun­gen den grundlegenden/​wichigen Auf­nah­men der frei­en Impro­vi­sa­ti­on sowie einer zwei­ten Lis­te der „poly-free-music“ und schließ­lich dem Hin­weis auf eini­ge Bücher zum The­ma. Und im Anhang fin­det sich noch eine deut­lich aus­führ­li­che­re Lis­te wichtiger/​bekannter Musi­ker und Musi­ke­rin­nen der Impro­vi­sa­ti­ons-Sze­ne, die alle zusam­men zugleich den Rest des Buches in einer ange­neh­men Wei­se vom name­drop­ping ent­las­ten. So macht näm­lich nicht nur das Hören, son­dern auch das Lesen Spaß. Vor allem, wenn man dazu die pas­sen­de Musik hört – bei mir waren es Wada­da Leo Smit­hs CDs „Kabell Years: 1971–1979“.

Our duty, as lis­ten­ers, is to be rest­less­ly curious, to root around this big glo­be and dig up new things to fill our ears and minds. It’s more a mat­ter of being inqui­si­ti­ve than of being eclec­tic. (162)

John Cor­bett: A Listener’s Gui­de to Free Impro­vi­sa­ti­on. Chi­ca­go, Lon­don: The Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go Press 2016. 172 Sei­ten. ISBN 978−0−226−35380−7.
stachler, dünner ort, front und rücken

Dünner Ort, kleine Texte

stachler, dünner ort (cover)Der Dün­ne Ort von Alke Stach­ler ist ein schö­nes klei­nes Büch­lein. Die Buch­ge­stal­tung (von Sarah Oswald) hat dabei einen sehr inter­es­san­ten Effekt, der eng mit den Inhal­ten zusam­men­hängt. Da ist zum einen die Offen­heit des Buches, das ohne Rücken sein Inne­res – die Faden­hef­tung und Kle­bung – sozu­sa­gen den Bli­cken preis­gibt. Und es schwebt zwi­schen Heft­chen und Buch: Einer­seits das klei­ne Taschen­for­mat, der offe­ne Rücken, ande­rer­seits der fes­te, dop­pel­te Natron­kar­ton des Umschlags und das ordent­li­che, griff­fes­te Papier der Seiten.

Auch die Tex­te könn­te man Text­lein nen­nen, klän­ge das nicht so ver­nied­li­chend – beson­ders nied­lich sind sie näm­lich nicht. „Tex­te“ schrei­be ich mit Bedacht – denn was ist das eigent­lich? Sie „schwe­ben“ zwi­schen dem, was man übli­cher­wei­se Gedicht nennt bzw. als Gedicht erwar­tet und Pro­sa. Auf der einen Sei­te: die kon­trol­lier­te und gestal­te­te Ober­flä­che, das stren­ge Gefü­ge des Block­sat­zes, der durch geziel­te Löcher aufgebohrt/​aufgelockert wird. Dane­ben aber wie­der­um die Spra­che, die (meist) wie „nor­ma­le“ Pro­sa daher­kommt. Also darf man sie wohl als Pro­sa­ge­dich­te ein­ord­nen (auch wenn ich von sol­chen oxy­mo­roni­schen Klas­si­fi­zie­run­gen wenig hal­te …). Viel­leicht sind das aber auch ein­fach kur­ze Ttex­te zwi­schen Minia­tur und Gedicht.

Das sind sozu­sa­gen die Cha­rak­te­ris­ti­ka von Dün­ner Ort, die sich sofort offen­ba­ren. Und sie sind weg­wei­send. Denn auch in den Tex­ten von Stach­ler geht es immer wie­der um ein Zwi­schen, um ein weder-noch, um etwas ahn­ba­res, aber kaum begreif­ba­res, um Wis­sen, das sich nur schwer oder kaum ver­sprach­li­chen (im Sin­ne von: auf den Begriff brin­gen) lässt. So über­rascht es auch nicht, dass (nach dem etwas über­flüs­si­gem Vor­ge­plän­kel des Her­aus­ge­ber-Vor­wor­tes) die See­le schon gleich am Anfang steht, mit einem star­ken ers­ten Satz:

die mensch­li­che see­le wiegt 21 gramm: kannst du sie grei­fen, mit einem spa­ten im kör­per tas­ten, wo sie klim­pert, schau­kelt und gegen die haut flat­tert wie ein pani­scher fal­ter, als wäre dei­nen haut von innen licht.

oder eigentlich/​besser so, aller­dings im Blocksatz:

die mensch­li­che see­le wiegt 21 gramm:
kannst du sie grei­fen, mit einem spa­ten im
kör­per tas­ten, wo sie klim­pert, schau­kelt und
gegen die haut flat­tert wie ein pani­scher fal-
ter, als wäre dei­nen haut von innen licht.

Oder noch bes­ser, weil der rei­ne Text das, was den Dün­nen Ort als Werk aus­macht, kaum wie­der­ge­ben kann:

stachler, dünner ort, 9 (doppelseite)

Wesent­li­che, wie­der­keh­ren­de The­men­fel­der sind Wald, Ein­sam­keit, Tod bzw. Ster­ben und das Suchen, die Bewe­gung des suchen­den Ichs. Und natür­lich der Schat­ten (und auch noch so manch ande­re Uneigentlichkeit).

nachts fällt ein schwar­zes kna­cken aus dem /​schrank, das uns an etwas erin­nert. an wald viel- /​leicht, holz, farn, harz. an gerü­che, getier, an wün- /​sche: im wald möch­ten wir uns ver­lie­ren, im wun­den schat­ten lie­gen, selbst wund sein, selbst harz. /​[…] (21)

Dün­ner Ort lässt sich aller­dings nur sehr unzu­rei­chend in die­ser Art zusam­men­fas­send beschrei­ben und auch kaum, ich habe es ja schon erwähnt, ein­fach so zitie­ren, weil „Inhalt“ und „Form“ (und das heißt auch: Zusam­men­hang im Buch, zumin­dest auf der Dop­pel­sei­te) der Tex­te so eng mit­ein­an­der ver­wo­ben sind, so sehr inein­an­der über­ge­hen, dass man ihn sehr stark beraubt, wenn man einen Text­aus­schnitt auf die rei­ne Wort­fol­ge redu­ziert. Das Kon­zept des „dün­nen Ortes“ ist ja auch gera­de eines, das der Benen­nung ver­wehrt bleibt. Man könn­te das, was Stach­ler in Dün­ner Ort macht, viel­leicht eine „dich­te Beschrei­bung“ der eige­nen Art nen­nen. Die „all­ge­mei­nen“ (auch als all­ge­mein­gül­tig behaup­te­ten, vgl. den Anfangs­text zur See­le) Beob­ach­tun­gen wer­den dabei fast immer wie­der ins Ich gespie­gelt, ins Indi­vi­du­el­le geführt und über­führt, sie sind in einer Über­gangs­be­we­gung. Denn der „dün­ne Ort“ ist zu ver­ste­hen als eine Über­gangs­zo­ne, eine Gren­ze oder Schwel­le, der Bereich zwi­schen Leben und Tod vor allem.

der nebel bil­det feh­len­de stel­len im wald, ein opa- /​kes loch­mus­ter. beim ver­such, die löcher anzu­se- /​hen, ver­schwin­det man, franst aus wie eine dün- /​ne tablet­te im was­ser. […] (15, Anfang)

Dazu noch die Text­lü­cken, ‑löcher, die wie zufäl­lig im Block­satz unüber­seh­bar auf­tau­chen, den Fluss der Spra­che unter­bre­chen und viel­leicht auch den dün­nen Ort, der so schwer zu fas­sen ist, den Über­gang, die Schwel­le ein­fach mar­kie­ren oder zumin­dest evo­zie­ren. Und sie wei­sen qua­si expli­zit auf die Offen­heit der Tex­te hin. Das ist ein biss­chen para­dox, neigt der Block­satz (der hier in wech­seln­den Zei­len­län­gen genutzt wird) doch eigent­lich zu einer gewis­sen Abge­schlos­sen­heit. Doch die ist, das wird in Dün­ner Ort schnell deut­lich, nur ober­fläch­lich. Denn so wie die Lücken Löcher in den Text rei­ßen, ihm also Frei­räu­me schaf­fen, so sind die Tex­te in der Regel auch seman­tisch nicht abge­schlos­sen oder gar ver­schlos­sen, son­dern offen. Das meint nicht nur ihre Unbe­stimmt­heit, son­dern auch Phä­no­me­ne wie Abbrü­che am Sei­ten­en­de mit­ten im Satz oder, als Gegen­pol, ein Beginn mit einem Kom­ma (also mit­ten in einem ima­gi­nä­ren grö­ße­ren Zusammenhang).

im wald gibt es einen kern, der nie trock­net /​um ihn her­um ord­nen sich schich­ten im kreis /​schich­ten von hal­men, schar­nie­ren, stü­cken von /​licht. licht, das far­ben trägt, die es nicht gibt, das /​man schnei­den könn­te, hät­te man. […] (13, Anfang)

Zum Buch gehö­ren dann auch noch eini­ge von der Autorin gele­se­ne Auf­nah­men eini­ger Tex­te, die dann das Pen­del noch mehr zur Pro­sa hin aus­schla­gen las­sen, wenn man den zügi­gen Vor­trag von Stach­ler im Ohr hat. Und nicht zuletzt gehö­ren auch die „foto­gra­fi­schen Illus­tra­tio­nen“ von Sarah Oswald unbe­dingt zu dem Buch. Mit bedacht wur­den die so genannt (neh­me ich zumin­dest an), denn sie geben sich als zwi­schen Foto und „frei­er“ Kunst chan­gie­rend: stark ver­frem­de­te, oft ver­wisch­te, über­la­ger­te, ver­un­klar­te Abbil­der der „Welt“. Sie beglei­ten den Text nicht ein­fach illus­tra­tiv oder kom­men­tie­rend, son­dern wer­fen im ande­ren Medi­um noch einen wei­te­ren Blick auf den „dün­nen Ort“. Ihre ver­schwom­me­ne Prä­gnanz, ihre gemach­te Unschär­fe und Schat­ten­haf­tig­keit unter­stützt und ergänzt die suchen­de Prä­zi­si­on der Tex­te aus­ge­zeich­net. So wird Dün­ner Ort dann (fast) zu einem Gesamt­kunst­werk – jeden­falls zu einem mul­ti­me­dia­len Gemeinschaftswerk …

die luft fällt ins schloss, ver­fugt sich hin­ter /​dir als wärst du nie dage­we­sen, und viel- /​leicht stimmt das auch. […] (44, Anfang)

Alke Stach­ler: Dün­ner Ort. Mit foto­gra­fi­schen Illus­tra­tio­nen von Sarah Oswald. Salz­burg: edi­ti­on mosa­ik 2016 (edi­ti­on mosa­ik 1.2). 64 Sei­ten. ISBN 9783200044548.
vorderseite der verpackten cd

Verpackte Musik

So gestal­tet man heu­te eine CD-Ver­pa­ckung (ja, die gibt es noch …). Zumin­dest kann man es tun, wenn man die rich­ti­gen Leu­te zur Hand hat:

Es han­delt sich übri­gens um das vor­züg­li­che, inten­si­ve und span­nen­de Album „Lover“ des Cara­te Urio Orchestra.

Ins Netz gegangen (2.8.)

Ins Netz gegan­gen am 2.8.:

Analogie

Ana­lo­gie ist aber Pfusch, wie man es auch dreht. T. E. Law­rence, Wüs­ten-Gue­ril­la (Die Revol­te wächst), 23

vögel sw (unsplash.com)

Twitterlieblinge Juli 2016

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Sommerlektüre

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