Ins Netz gegangen (20.7.)

Andrés Canchón

Ins Netz gegan­gen am 20.7.:

  • Ter­ro­ris­mus: „Unse­re Welt gerät aus den Fugen“ | Zeit → harald wel­zer hat im inter­view mit der „zeit“ wenig genau­es oder ori­gi­nel­les zu sagen, aber das sagt er sehr gut

    Aber man muss im Auge haben, dass Ängs­te poli­ti­sch mobi­li­sier­bar sind. Das ist die eigent­li­che Kata­stro­phe. Eine Poli­tik der Angst führt immer zur Pola­ri­sie­rung der Gesell­schaft und damit zu dem, was die Ter­ro­ris­ten beab­sich­ti­gen.

  • Lann Horn­scheidt: „Es ist eine Fra­ge der Zeit, bis wir bei der Geburt kein Geschlecht mehr zuge­wie­sen bekom­men“ | zeit → lann horn­scheidt im lan­gen inter­view mit zeit-wis­sen, natür­li­ch über sex, gen­der, geschlecht, spra­che, iden­ti­tät und gesell­schaft. und hass.(kanada ist übri­gens gera­de dabei, sich um die im titel ange­spro­che­ne ver­än­de­rung zu küm­mern …)
    (und wie immer: die kom­men­ta­re sind trotz nicht gera­de weni­gen löschun­gen nicht so wirk­li­ch erfreu­li­ch)
  • Coun­ter­ten­or über Geschlech­ter­rol­len: „Es ist so ein Erfüllt­sein“ | taz → ein wun­der­ba­res inter­view mit dem gro­ßen andre­as scholl, der ganz viel rich­ti­ges und wich­ti­ges sagt …

    Das Kon­zert, und da kom­men wir wie­der zurück auf die Reli­gio­si­tät, auf die Spi­ri­tua­li­tät, hat die Auf­ga­be, trans­for­mie­rend zu wir­ken. Das heißt: Das Publi­kum betritt den Saal. Und wenn das Publi­kum den Saal ver­lässt, ist es ver­än­dert.

  • Das Post­post oder Wege aus dem Ich | Per­len­tau­cher → char­lot­te kraft beim „per­len­tau­cher“ über die gegen­wär­ti­ge jun­ge lite­ra­tur und ihre inhal­te

    Was prägt also die­se Zeit und ihre Lite­ra­tur: Die Angst vor Epi­go­na­li­tät, die Angst vor Mei­nun­gen, die Angst vor Ent­schei­dun­gen, die Angst vor dem uner­gründ­ba­ren Frem­den, vor Träu­men, Lei­den­schaft und Nai­vi­tät, denn all dies bedeu­tet Aus­schluss, gefähr­li­che Ein­di­men­sio­na­li­tät. Lei­den­schaft für das eine schlös­se Lei­den­schaft für all das ande­re aus, das Frem­de ist nie in sei­ner Gän­ze zu begrei­fen, die gan­ze Wahr­heit bleibt immer unaus­ge­spro­chen und das Bewusst­sein dar­über ist unser Dra­ma. Am Ende kann ich mich nie für eines ent­schei­den. Am Ende bleibt nur die Resi­gna­ti­on und das Ver­lan­gen, über mei­ne Not zu schrei­ben, zu reflek­tie­ren und die­se Refle­xi­on wie­der­um zu reflek­tie­ren und immer so wei­ter. Die Kon­zen­tra­ti­on auf ein ande­res The­ma als das Ich, das Zen­trum unend­li­cher Mög­lich­kei­ten, scheint unmög­li­ch. Ego­zen­tris­mus ist kei­ne Ent­schei­dung.

  • Der Fall Rockel-Loen­hoff: Eine Heb­am­me und die töd­li­che Brauch­tums­pfle­ge (Teil 2: Täte­rin und Tat) | Psi­ram → Psi­ram legt die gescheh­nis­se anhand der urteils­schrift dar – wesent­li­ch nüch­ter­ner als etwa die „süd­deut­sche“ in ihrem ten­den­ziö­sen pro-heb­am­me-arti­kel vor eini­ger zeit
  • The Open Let­ter Denoun­cing Trump You’re Going to Read on Face­book for the Next Four Months | The New Yor­ker → der new yor­ker hat den repu­bli­ka­nern mal etwas arbeit abge­nom­men und einen mus­ter-blog­post (schön gene­ri­sch) zur indi­vi­du­el­len dis­tan­zie­rung und ver­dam­mung von donald trump ver­fasst
  • François-Xavier Roth: „Rund­funk­or­ches­ter sind unglaub­li­che Maschi­nen für die Musik, für die Zukunft“ | nmz

    Es wäre natür­li­ch bes­ser gewe­sen, wenn das Orches­ter erhal­ten geblie­ben wäre, aber die­se Ent­schei­dung neh­me ich nicht per­sön­li­ch. Es geht nicht um mich. Aber ich habe viel gelernt dar­über, in wel­cher Zeit wir leben. Dass sich die Ten­den­zen in Deutsch­land gera­de gegen die Kunst rich­ten. Die­se Fusi­on war ein ers­tes Kapi­tel – und ich hof­fe, es war auch das letz­te. Die­se Ent­schei­dung hat sehr viel zu tun mit Popu­lis­mus. Ich bin sehr ent­täuscht dar­über, dass sich Ver­tre­ter der Rund­funk­or­ches­ter Deutsch­lands nicht an einem run­den Tisch getrof­fen haben. Nach unse­rer Geschich­te, die wir erle­ben muss­ten, wäre dies wirk­li­ch abso­lut not­wen­dig. Rund­funk­or­ches­ter sind unglaub­li­che Maschi­nen für die Musik, für die Zukunft. Aber man muss dies her­aus­strei­chen in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on. Man muss sehr laut und krea­tiv sein.

Ins Netz gegangen (21.10.)

Ins Netz gegan­gen am 21.10.:

  • Mathe­ma­tik: Aus­wen­dig ler­nen und wie­der ver­ges­sen | ZEIT ONLINE – ein fh-mathe­ma­tik-pro­fes­sor ver­zwei­felt an sei­nen inge­nieur­stu­den­ten …
  • Über Spra­che stol­pern – taz.de -

    Die Gedenk­stei­ne von Gun­ter Dem­nig erin­nern an NS-Opfer – teil­wei­se in Nazi-Jar­gon. Ange­hö­ri­ge sind empört, doch der Künst­ler zeigt sich unein­sich­tig

  • Neu in der Wiki­pe­dia: 48 Arti­kel zu „1848/49“ in Deutsch­land | Acht­und­vier­zig – ziko van dijk hat in die­sem jahr als eine art pro­jekt 48 wiki­pe­dia-arti­kel zur 1848er-revo­lu­ti­on geschrie­ben.

    Der Autor die­ses Bei­trags, Ziko van Dijk, hat von April bis Okto­ber 2014 acht­und­vier­zig Wiki­pe­dia-Arti­kel zur Revo­lu­ti­on von 1848/1849 geschrie­ben. Im Fol­gen­den beschreibt er die Her­aus­for­de­run­gen für einen Wiki­pe­dia-Autor und eini­ge Grund­ge­dan­ken sei­nes Pro­jekts.

  • Kom­men­tar Cri­ti­cal Mass: Der Ätsch-Fak­tor – Die Poli­zei macht die Rad­fah­rer zu Robin Hoods!
  • Attac ver­liert Sta­tus der Gemein­nüt­zig­keit | Poli­tik – Frank­fur­ter Rund­schau – das ist irgend­wie typi­sch deut­sch: wenn ver­ei­ne sich zu sehr um das gemein­we­sen bemü­hen und nicht nur um ihre kli­en­tel, sind sie nicht mehr gemein­nüt­zig, son­dern poli­ti­sch – als ob das ein wider­spruch wäre:

    Das Finanz­amt Frank­furts, wo der Bun­des­vor­stand des Ver­eins sitzt, hat beschlos­sen, dass die Zie­le von Attac nicht gemein­nüt­zig genug sei­en. Viel­mehr sei­en sie all­ge­mein­po­li­ti­sch und damit kei­ner öffent­li­chen För­de­rung wür­dig.

  • Wir leben von der Ver­drän­gung – Frei­text – ingo schul­ze über sei­ne per­spek­ti­ve auf oktober/november 1989 und die fol­gen­den ent­wick­lun­gen:

    Für mich war der Mau­er­fall eine Sen­sa­ti­on unter ande­ren. Und er hat­te nichts, abso­lut nichts mit natio­na­len Erwä­gun­gen zu tun. Ein Zusam­men­ge­hen, gar eine Ver­ei­ni­gung von DDR und BRD? Wie soll­te denn das gehen? Lach­haft!

  • CIA-Bericht: Waf­fen für Rebel­len sind laut Stu­die wir­kungs­los | ZEIT ONLINE – Was für eine Über­ra­schung! Das hät­te ja nie­mand geahnt!: CIA-Bericht: Waf­fen für Rebel­len sind wir­kungs­los
  • Pi-Top: Open-Sour­ce-Note­book zum Sel­ber­bau­en | ZEIT ONLINE – coo­le Idee: Pi-Top – aus einem Raspber­ry Pi einen Lap­top bas­teln
  • Zehn Jah­re nach Jac­ques Der­ri­das Tod: Rigo­ro­se, artis­ti­sche Gedan­ken­gän­ge – taz.de – klaus eng­lert zum 10. todes­tag jac­ques der­ri­das über des­sen bedeu­tung, das neue den­ken und die der­ri­da-rezep­ti­on heu­te:

    Heu­te, zehn Jah­re nach dem Tod Der­ri­das, der ein­mal der welt­weit meist­zi­tier­te Phi­lo­so­ph war, ist es in aka­de­mi­schen Gefil­den etwas still um ihn gewor­den. Das liegt vor­nehm­li­ch dar­an, dass sich heil­los ver­schul­te Stu­di­en­gän­ge unse­res Uni­ver­si­täts­sys­tems nur schlecht mit sei­nen rigo­ro­sen und artis­ti­schen Gedan­ken­gän­gen ver­tra­gen. Die Beschäf­ti­gung mit Jac­ques Der­ri­da fin­det nun eher außer­halb der uni­ver­si­tä­ren Ritua­le statt. 

    ich fin­de das ja eher scha­de, dass die dekon­struk­ti­on in den „prüf­fä­chern“ – wie er es nennt – nicht mehr vor­kommt. dar­an kann man näm­li­ch vor­züg­li­ch den­ken ler­nen.

  • Start | Mapi­re – His­to­ri­sche Kar­ten der Habs­bur­ger Mon­ar­chie – schön gemacht, die­se koope­ra­ti­on: Mapi­re ermög­licht das Navi­gie­ren durch his­to­ri­sches Kar­ten­ma­te­ri­al die aus der Habs­bur­ger Mon­ar­chie stam­men. Die Kar­ten wur­den voll­stän­dig digi­ta­li­siert und geo­re­fe­ren­ziert űund kön­nen so mit Hil­fe aktu­el­ler Tech­no­lo­gi­en wie Goo­gle Maps, Goo­gle Ear­th und Open­Street­Map im Inter­net dar­ge­stellt wer­den. Mapi­re hat zum Ziel das teil­wei­se sehr unter­schied­li­che Kar­ten­ma­te­ri­al über eine gemein­sa­me Schnitt­stel­le im Inter­net zur Ver­fü­gung zu stel­len.

Ins Netz gegangen (11.2.)

Ins Netz gegan­gen am 11.2.:

  • Lahn­tal: Wie die Ger­ma­nen leb­ten und arbei­te­ten – FAZ -

    Am Ran­de des Lahn­tals nahe Mar­burg soll ein Muse­ums­dorf mit Rekon­struk­tio­nen aus ver­schie­de­nen Epo­chen ent­ste­hen.

    – mal sehen, ob das bes­ser gelingt als das Klein­kas­tell in Pohl

  • Psy­cho­lo­gie: Homo­phob? Muss nicht sein | ZEIT ONLINE – Die „Zeit“ ver­öf­fent­licht einen sehr unauf­ge­reg­ten und sach­li­ch gegen Homo­pho­bie argu­men­tie­ren­den Bei­trag des Psy­cho­lo­gen Ulrich Klo­cke (der sich auch dadurch aus­zeich­net, dass er sei­ne Quel­len offen­legt und ver­linkt):

    Sexu­el­le Ori­en­tie­rung ist kei­ne Ent­schei­dung. Den­no­ch füh­len sich man­che von Schwu­len und Les­ben bedroht. Das lässt sich ändern

  • Ver­le­ger : Peter Gen­te, der Lei­den­schaftsa­vant­gar­dist – DIE WELT – Ulf Posch­ardts Nach­ruf auf den Mer­ve-Ver­le­ger Peter Gen­te:

    Das Mer­ve-Uni­ver­sum folg­te der rhi­zo­ma­ti­schen Struk­tur sei­nes Best­sel­lers und wucher­te in jene Ecken, in denen sich ori­gi­nel­les, von Kom­pro­mis­sen und Selbst­wie­der­ho­lun­gen frei­es Den­ken rück­sichts­los aus­tob­te. Der Ver­lag mutier­te ent­lang der aus­grei­fen­den Neu­gier sei­ner Macher Gen­te – und spä­ter Hei­di Paris, die Gen­tes Lebens­men­sch war.
    […] Gen­te war Begeis­te­rungs­stra­te­ge.

Politik, Gesellschaft, das Lachen und der Ernst in unserer Postmoderne

Georg Seeß­len schreibt heu­te in sei­nem Blog (das ja über­haupt sehr emp­feh­lens­wert ist, schon wegen sei­nes Titels – „Das Schöns­te an Deutsch­land ist die Auto­bahn“) einen sehr lesens­wer­ten, nach­denk­li­chen und besorg­ten Text über unse­re Zeit, den ich zur heu­ti­gen Pflicht­lek­tü­re erklä­re: „Schluss mit Lus­tig? Über die sehr gerin­gen Chan­cen, vor Lachen einen kla­ren poli­ti­schen Gedan­ken zu fas­sen.“ Dar­in heißt es zum Elend der Post­mo­der­ne (die Dia­gno­se ist ja nicht neu, hier aber schön auf den Punkt gebracht) in Bezug auf Poli­tik und Gesell­schaft unter ande­rem:

Ich bin gespal­ten. Ich wün­sche mir kei­ne Rück­kehr der Sau­er­töp­fe und der Recht­ha­ber, schon gar kei­ne der Sta­li­nis­ten und Semi­na­ris­ten. Zu Recht miss­traut die Kul­tur des Unerns­tes den gro­ßen Welt­er­zäh­lun­gen und heroi­schen Mythen der Geschich­te, zu Recht miss­traut sie Lösun­gen, Model­len, Pro­jek­tio­nen, Hel­den und Vor­den­kern; zu Unrecht aber glaubt sie, man kön­ne sich durch Iro­nie, Mode­ra­ti­on und Dis­tanz von der Ver­ant­wor­tung für den Lauf der Din­ge befrei­en. Zu Unrecht glaubt sie an eine Mög­lich­keit, sich raus­zu­hal­ten und trotz­dem alles zu sehen. Zu Unrecht glaubt die Kul­tur von Abklä­rung und Unern­st, den Mäch­ti­gen sei am bes­ten mit tak­ti­scher Nach­gie­big­keit und einem Hauch von Sub­ver­si­on zu begeg­nen. Lei­den­schaft­li­che und zor­ni­ge Ges­ten erschei­nen in der Kul­tur als kin­di­sch, vul­gär und unan­ge­nehm.
[…] Bis­lang hat doch noch ein jeder zu Ende gedach­ter Gedan­ken nichts als Ter­ror oder Wahn mit sich gebracht. Bis­lang ist aus jeder Über­zeu­gung eine Ideo­lo­gie, und aus die­ser ein neu­er Unter­drü­ckungs­ap­pa­rat gewor­den.

Es ist ja auch ver­rückt: Alles hat sei­ne Dia­lek­tik, alles hat sein Gegen­teil. Und sei­ne Extre­me sowie­so. Viel­leicht müs­sen wir uns wirk­li­ch wie­der ganz weit zurück besin­nen. Zum Bei­spiel auf die Niko­ma­chi­sche Ethik des Aris­to­te­les? Aber deren polii­ti­sche Impli­ka­tio­nen sind viel­leicht auch nicht unbe­dingt unser Ding (und unser Heil wohl auch nicht …). Es ist eben schwie­rig, das alles. Und Aus­we­ge gibt es viel­leicht auch gar nicht. Denn die Gefahr ist immer dar. Im Moment zum Bei­spiel so:

Aber sie ist auf dem bes­ten Weg, eine Gesell­schaft der grau­sa­men Gleich­gül­tig­keit zu wer­den, eine Gesell­schaft, die aus lau­ter Iro­nie und Mode­ra­ti­on der poli­ti­schen Lei­den­schaf­ten gar nicht mehr erkennt, dass sie sel­ber zu etwas von dem gewor­den ist, was sie fürch­tet. Denn auch die Abklä­rung hat so ihre Dia­lek­tik, auch sie kann zum Dog­ma und zum Wahn wer­den.

Aber ande­rer­seits lehrt uns die Geschich­te nicht nur, dass Gedan­ken zu Ter­ror wer­den (kön­nen). Son­dern auch, dass es immer ande­re und neue Gedan­ken gibt, die den Ter­ror – zumin­dest zeit­wei­se – besei­ti­gen oder ein­schrän­ken zu ver­mö­gen. Wenn es also doch kei­ne „Lösung“ gibt, so gibt es doch zumin­dest Hoff­nung. Die las­se ich mir nicht neh­men. Jetzt zumin­dest noch nicht.

gesund oder krank: das ich in der postmoderne

rai­ner funk macht sich gedan­ken dar­über: ist die spe­zi­el­le ich-ori­en­tie­rung des sub­jekts in der post­mo­der­ne psy­cho­ana­ly­ti­sch gese­hen etwas gutes oder schlech­tes? es ist natür­li­ch etwas defi­zi­en­tes, im grun­de kran­kes: sie ist nicht-pro­duk­tiv (und noch eine men­ge ande­res). da ich von psy­chon­ana­ly­se ja eigent­li­ch kei­ner­lei ahnung habe, kann ich nicht wirk­li­ch beur­tei­len, wie gut funk dabei ist. was ich aber sagen kann ist, dass sich die lek­tü­re des eigent­li­ch gar nicht so umfang­rei­chen büch­leins (ca. 240 sei­ten im taschen­buch in sehr gro­ßer schrift­ty­pe) erstaun­li­ch zäh hin­zieht. und dass eini­ges auf­fällt. etwa, dass funk außer sieg­mund freud und sei­nem gro­ßen vor­bild und meis­ter erich fromm fast kei­ne lite­ra­tur ver­wen­det (außer eini­gen weni­gen sozio­lo­gi­schen unter­su­chun­gen). ent­spre­chend mono­gam ist die argu­men­ta­ti­on. und da ist noch ein schwach­punkt: funk rei­tet ewig auf den sel­ben ent­de­ckun­gen her­um, führt sie immer wie­der und wie­der und wie­der neu aus. denn so viel hat er gar nicht zu sagen: die ich-ori­en­tie­rung der post­mo­der­ne ist kein ego­is­mus, kein nar­ziss­mus, son­dern eine eige­ne form, eine psy­chi­sche reak­ti­on auf die erfah­rung der „gemach­ten welt“, der unend­li­chen mög­lich­keit der fik­ti­on etc. pp.

damit rüh­ren wir an eine grund­sätz­li­che frag­wür­dig­keit für mich: sind die digi­ta­len wel­ten, die funk als so wesent­li­ch für die post­mo­der­ne aus­macht, wirk­li­ch etwas kate­go­ri­al neu­es? wenn man sie näm­li­ch wie funk auf ihre fik­tio­na­li­tät (als gegen­ent­wurf zu oder flucht aus der rea­li­tät) beschränkt, schei­nen sie für mich zunächst gar nicht so sehr unter­schie­den von den mög­lich­kei­ten der ver­gan­gen­heit, ins­be­son­de­re der moder­ne, aber sogar auch frü­he­rer zei­ten: da wären natür­li­ch jede art von lite­ra­tur (was ist ein roman denn ande­res als ein alter­na­ti­ver lebens­ent­wurf?), da wäre auch das thea­ter und natür­li­ch schon von anfang an der (kino-)film. neu wäre mög­li­cher­wei­se ihr aus­maß – aber selbst das wür­de ich nicht so ohne wei­te­res behaup­ten wol­len, das müss­te schon noch ein wenig fak­ti­sch unter­mau­ert wer­den – dass fun­ke das nicht leis­tet, ver­wun­dert kaum.

denn sei­ne unter­su­chung zum ich in der post­mo­der­ne hat noch eine wei­te­re ganz gro­ße lücke: sei­ne post­mo­der­ne. die wird, wie so oft, zunächst sehr vage und unge­nau als phi­lo­so­phi­sche strö­mung beschrie­ben, die dann aber auf ein­mal, in einer hoff­nungs­lo­sen über­be­wer­tung ihres ein­flus­ses, den gesam­ten all­tag der men­schen erfasst (über­flüs­sig zu sagen, dass für fun­ke irgend­wie nur men­schen der euro­päi­schen, viel­leicht noch ame­ri­ka­ni­schen län­der über­haupt vor­kom­men), ihr den­ken und han­deln bestimmt und dem­entspre­chend ihre psy­che beein­flusst. gen­au das aber zeigt fun­ke über­haupt nicht (es wäre auch nicht ganz anspruchs­los…): ob die post­mo­der­ne der phi­lo­so­phie und ihrer ästhe­ti­schen aus­wir­kun­gen (und da fängt es ja schon an – ganz gro­ße tei­le der kunst igno­rie­ren ihre ide­en schließ­li­ch ein­fach ganz und gar) wirk­li­ch unser leben in die­sem aus­ma­ße bestimmt (hat), ist doch mehr als frag­li­ch. und des­halb bleibt fun­kes buch auch so beschei­den im ertrag. und da ich gera­de dabei bin, fällt mir doch noch etwas ein: wie alle „errun­gen­schaf­ten“ der post­mo­der­ne sowie­so in ihrer fak­ti­zi­tät frag­li­ch sind, ist auch der von fun­ke beobachtete/diagnostizierte post­mo­der­ne men­sch wohl nur sel­ten in frei­er wild­bahn anzu­tref­fen. heu­te noch sel­te­ner als in sei­ner hoch­zeit, den neun­zi­ger jah­ren. denn inzwi­schen hat sich doch alles schon wie­der drei­mal geän­dert…

rai­ner funk: ich und wir. psy­cho­ana­ly­se des post­mo­der­nen men­schen. mün­chen: dtv 2005
sie­he auch: per­len­tau­cher, eine kurz­ver­si­on in der „welt am sonn­tag“

abtrünnig: eine trümmerlandschaft aus text

eine inten­si­ve und den­kauf­wän­di­ge lek­tü­re: rein­hard jirgl: abtrün­nig. roman aus der ner­vö­sen zeit. mün­chen: han­ser 2005. ich bin jetzt nach einer lan­gen – meh­re­re wochen – lese­rei­se bis ans ende vor­ge­drun­gen. und ich kann jedem nur emp­feh­len, sich die­ser erfah­rung, die manch­mal zwar den cha­rak­ter eines exer­zi­ti­ums anneh­men kann, zu unter­zie­hen. den jirgl, schon lan­ge einer mei­ner favo­ri­ten unter den noch leben­den und schrei­ben­den auto­ren, hat hier ein beein­dru­cken­des kunst­werk geschaf­fen. und als sol­ches muss man es auch ganz bewusst und offen­siv rezi­pie­ren: als kunst – nicht als unter­hal­tung, denn als bett­lek­tü­re taugt die­ser roman sicher­li­ch über­haupt nicht.

da ist zunächst ein­mal sei­ne per­so­na­le son­der­or­tho­gra­phie, die hier – wie etwa auch in der genea­lo­gie des tötens – sehr eigen­wil­lig erscheint. v.a. scheint sie ihre sys­te­ma­ti­sie­rung ein wenig ver­lo­ren zu haben. kri­ti­ken the­ma­ti­sie­ren die­se sehr auge­schein­li­che beson­der­heit der spä­te­ren jirgl­schen tex­te beson­ders gern. in der tat muss man aber sagen, dass sie ent­ge­gen etwai­ger befürch­tun­gen kein lesehin­der­nis dar­stellt – sie wird sehr schnell sehr ver­traut. was sie aller­dings gera­de in abtrün­nig nicht wird, ist voll­kom­men ver­ständ­li­ch: vie­les bleibt zumin­dest bei der ers­ten lek­tü­re (viel­leicht hül­fe da eine sys­te­ma­ti­sche durch­drin­gung?) auf dem niveau der spie­le­rei, weil sich einer­seits kei­ne bedeu­tungs­zu­wachs oder -dif­fe­ren­zie­rung erken­nen lässt, ande­rer­seits auch weder eine absicht noch eine wenigs­tens ver­mut­ba­re regel­haf­tig­keit. in man­chen pas­sa­gen wirkt die­se extre­me ver­meh­rung der signi­fik­an­zen oder zumin­dest außer­or­dent­li­che ver­deut­li­chung der viel­deu­tig­keit des geschrie­be­nen wor­tes, ins­be­son­de­re natür­li­ch durch die (ortho-)graphische eigen­wil­lig­keit, wie eine künst­li­ch for­cier­te annä­he­rung an die münd­lich­keit, das ora­le erzäh­len. ande­rer­seits ist sie in ihrer viel­ge­stal­tig­keit, die ja weit über die ver­ein­heit­li­chen­de, nor­mier­te (und damit ein­schrän­ken­de) rege­l­or­tho­gra­phie hin­aus­geht, auch offen­bar der ver­su­ch der dis­am­bi­gu­ie­rung – der aller­dings wie­der dazu führt, das das schrift­bild extrem her­me­ti­sch, abschre­ckend & unüber­sicht­li­ch wirkt & auch tat­säch­li­ch wird: ent­zif­fer­bar ist das kaum noch, weil das sys­tem nicht so ein­fach zu durch­schau­en ist (ist es über­haupt ein sys­tem?). und das führt schließ­li­ch auch dazu, dass man ihm leicht den vor­wurf der spie­le­rei machen kann. tat­säch­li­ch scheint man­ches auch nur das zu sein, lässt sich man­che wort-ver­for­mung auch kaum anders auf­fas­sen. in sei­ner gesamt­heit ist das, wenn man außer­dem noch die for­ma­len irre­gu­la­ri­en und stol­per­stei­ne – etwa die quer­ver­lin­kun­gen und text­bau­stei­ne – bedenkt, ein kom­plett ver­min­ter text und damit (auch) ein angriff auf den leser: die irre­gu­lä­ren sat­zei­chen als klei­ne spreng­kör­per, als angrif­fe auf das schnel­le, ein­fa­che & gewöhn­li­che ver­ste­hen.

in abtrün­nig ist die geschich­te, die fabel, weit­ge­hend zur neben­sa­che gewor­den – noch nie war das bei jirgl (soweit ich sehe) so sehr der fall wie hier. im kern geht es um zwei män­ner, zwei lie­ben­de, die auf ver­schlun­ge­nen wegen nach ber­lin kom­men und dort auf tra­gi­sch-gro­tes­ke wei­se am und im leben schei­tern. das ist aber auch schon wie­der nur halb rich­tig, weil der zwei­te lie­ben­de, ein aus der ddr-nva in den bgs über­nom­me­ner grenz­schüt­zer, der einer flüch­ten­den ost­eu­ro­päe­rin zum ille­ga­len grenz­über­gang nach deutsch­land ver­hilft, auf der suche nach ihr nach ber­lin kommt, dort als taxi­fah­rer arbei­tet, sie wie­der­fin­det und just in dem moment, als sie zurück in ihre hei­mat gekehrt ist, um für die geplan­te hei­rat die not­wen­di­gen papie­re zu orga­nise­ren, von ihrem offen­bar psy­chi­sch gestör­ten bru­der ersto­chen wird, weil also die­ser zwei­te lie­ben­de, des­sen geschich­te natür­li­ch durch begeg­nung mit der des ande­ren man­nes ver­knüpft ist, gar kei­ne beson­ders gro­ße rol­le spielt.

wesent­li­cher als das ist aber das moment, der abtrün­nig als „roman aus der ner­vö­sen zeit“ cha­rak­te­ri­siert. das ist das autis­ti­sche mono­lo­gi­sie­ren, das durch­bro­chen wird von essa­yar­ti­gen pas­sa­gen und geni­al erzähl­ten tei­len. natür­li­ch spie­gelt das wie­der­um nur das gro­ße, zen­tra­le pro­blem der haupt­fi­gur und der moder­nen gesell­schaft über­haupt: die suche nach dem ich, der iden­ti­tät, dem holis­ti­schen sub­jekt, dem eige­nen lebens- und sinn­ent­wurf – ein suche, die gran­di­os schei­tern muss und nur frag­men­te, zer­stö­rung und beschä­dig­te personen/figuren/menschen hin­ter­lässt. der ein­druck eines gro­ßen bruch­wer­kes bleibt dabei nicht aus: frag­men­tier­te per­sön­lich­kei­ten, sich auf­lö­sen­de sozia­le bin­dun­gen und gewis­sen­hei­ten, kurz eine recht radi­kal aus­ge­rich­te­te gesell­schafts­kri­tik sucht ihre form – und ver­liert sich dabei man­ches mal in essay-ein­schüben: abtrün­nig ist in ers­ter linie ein/das buch vom schei­tern, sei­ne bibel sozu­sa­gen: „es gibt kein rich­ti­ges leben im fal­schen“ – oder: das gelin­gen ist ganz und gar unmög­li­ch gewor­den – & das muss man auch gen­au so kate­go­ri­al for­mu­lie­ren, denn es gilt nicht nur für die figu­ren des tex­tes, son­dern auch für ihn selbst. des­halb ist er so, wie er ist; ist er in einer nach her­kömm­li­chen maß­stä­ben defi­zi­tä­ren ver­fas­sung – er kann natür­li­ch auch nicht mehr anders sein, das lässt die moder­ne welt, die „ner­vö­se zeit“ nicht mehr zu. und gen­au wie die­se ist er eine ziem­li­ch gewal­ti­ge zu-mutung für den leser. denn er will ja nichts ande­res, als die­se schö­ne neue welt erklä­ren oder min­des­tens auf­zei­gen – des­halb natür­li­ch auch die (zeit­wei­se durch­aus über­hand neh­men­den) essay-pas­sa­gen, die den kunst­cha­rak­ter des gesam­ten tex­tes beein­flus­sen – & das durch­aus mit grenz­wer­ti­gen ergeb­nis­sen. denn im gan­zen ist das wohl so etwas wie ein anar­chis­ti­sches kunst­werk – hoff­nungs­los unüber­sicht­li­ch, kreuz und quer ver­linkt durch die selt­sa­men „link“-kästen, die ver­wei­se vor und zurück im text, die ein­ge­streu­ten zita­te und auch wie­der­ho­lun­gen, neu­an­läu­fe der beschrei­bung einer situa­ti­on aus ver­schie­de­nen blick­win­keln. das alles hat zum ergeb­nis, das der roman, der vom tod der gesell­schaft, vom tod des sozia­len lebens, spricht, auch den tod des romans beschreibt, exem­pli­fi­ziert – und auch refle­xiert. denn auch wenn es gar nicht oder höchst sel­ten expli­zit geschieht – vie­les im text (etwa schon die daten der nie­der­schrift (oder die behaup­te­ten daten – schließ­li­ch befin­den wir uns mit ihnen immer noch im fik­tio­na­len text)) deu­tet auf eine refle­xi­on der mög­lich­kei­ten des schrei­bens in einer ner­vö­sen, defi­zi­tä­ren, ver­kom­me­nen und immer wei­ter ver­kom­men­den gesell­schaft hin. und wenn ein text wie abtrün­nig das ergeb­nis die­ser pro­zes­se ist, kann man nun sagen, dass das schrei­ben unmög­li­ch oder gar obso­let wird? das scheint mir zwei­fel­haft – denn trotz sei­ner unzwei­fel­haft zu kon­sta­tie­ren­den schwä­chen ist abtrün­nig als gesam­tes doch ein beein­dru­cken­des kunst­werk bemer­kens­wer­ter güte. inter­es­sant wird aller­dings die fort­set­zung – mir scheint es gera­de mit die­sem buch so, als schrie­be sich der sowie­so schon am ran­de des ästhe­ti­schen und ins­be­son­de­re des lite­ra­ri­schen dis­kur­ses ste­hen­de jirgl immer mehr ins abseits: ob er die­se bewe­gung noch frucht­bar wei­ter­füh­ren kann?