Ich bin unterwältigt. Aber es ist für mich schwierig, zu Jan Wagners Gedichten eine kohärente Position zu finden. Seinen ersten Band, Probebohrung im Himmel, habe ich mit großem Vergnügen gelesen und sehr gemocht. Bei Australien war ich schon nicht mehr so sicher, ob das Lyrik ist, die mir zusagt. Bei den Regentonnenvariationen bin ich jetzt ziemlich sicher: Das ist Lyrik, mit der ich nur wenig anfangen kann.
Das heißt aber auf keinen Fall, dass sie „schlecht“ ist. Denn ein Könner ist Jan Wagner sicherlich. Ihm gelingen immer wieder, auch in den Regentonnenvariationen, einfach wunderschöne Gedichte, die faszinierende Beobachtungen versprachlichen. Aber, und das ist für mich als Leser ein ziemlich großes Aber, das war’s dann auch schon. Denn trotz der Schönheit der Gedichte einerseits verspüre ich beim Lesen andererseits vor allem eines: Langeweile, gähnende Langeweile.
Woran liegt es, dass ich mich zu keinem echten Lob verführen lassen kann? Ich glaube, es hängt mit der Position des Autors, die sich in den Gedichten zeigt, zusammen – mit seiner Stellung zur Welt, die sich in den Gedichten immer wieder ausdrückt. Da geht es vor allem um die Schönheit der Umwelt. Aber das bietet mir zu viel Glätte und zu wenig Überraschung und Verblüffung. Manches scheint mir fast peinlich banal, wie etwa „laken“ oder „melde“ (die auch noch aufeinander folgen), die sich beide (wie leider viele andere Gedichte auch) im Bestätigen des Bestehenden erschöpfen. Das wird zwar durch schöne Sprache an der Oberfläche aufgehübscht, verrät aber eben einen gesättigten Blick auf die Welt: Da stört nichts, da ist irgendwie schon alles so in Ordnung, wie es ist – und es ist auch alles gut so, wie es ist und wie man es sehen und beschreiben kann. Man muss also nur richtig hinschauen, um die Schönheit der Dinge, Tiere, Pflanzen und Landschaften zu erkennen. Denn darum geht es Wagner offenbar: Um die Poetisierung der Welt (man könnte meinen, er hätte sich den Slogan des J.-Frank-Verlages ausgeliehen …). Das ist aber eben fast immer auch eine poetische Verklärung der Tiere und Pflanzen und Dinge, die ich oft als leichte Melancholie, als eine zumindest unterschwellige Sehnsucht nach Vergangenem lese (wie etwa in „der letzte von zanigrad“). Anderthalb Verse von Seite 69 scheinen mir das ganz gut auf den Punkt zu bringen:
wieder geht dein blick
zurück zu dem detail
Und da bleiben der Blick und seine Sprache dann meistens auch: Im Detail – das heißt, in der Beobachtung eines kleinsten Ausschnittes der Welt, der mit dem Rest nicht in Verbindung kommt (und auch nicht mit dem Beobachter, dessen Rolle zu selten reflektiert wird).
Vieles lese ich dabei – und möglicherweise bin ich da zu einseitig – als zumindest tendenzielle Verklärung des Rückzugs, eines Rückzgs ins Private, in sich selbst, in den Kokon der Vergangenheit oder überhaupt in die Idylle … Deutlich wird dieser Innerlichkeitsgestus an vielen Stellen, exemplarisch etwa in den Schlussversen von „portafortuna“ (Seite 48):
doch da war ein moment und das gefühl,
daß etwas sich im innersten verband,mich ahnen ließ, was mir für alle tage
erhalten bleibt, was ich stets in mir trage.
Das ist poetischer Eskapismus, ein Rückzug in die Gemütlichkeit des trauten Heims (mit seinem Garten und dem entsprechenden Gekreuche und Gefleuche) – und deshalb langweilig.
Auch anderes erschloss sich mir nicht so recht. Die Vorliebe Wagners für Sonette (und einige andere traditionelle Formen) etwa: Die sind hier zwar als Form erkennbar, aber eben doch leer (und auch ohne Reim und Metrum, eigentlich ist vom Sonett nur die Anzahl und Anordnung der Versgruppen (4+4+3+3) übrig geblieben): Dass er sich dieser Form bedient, scheint mir eher Zufall zu sein, oder ein Verweis auf Kenntnisse und Fähigkeiten des Dichters, aber nicht im Gedicht motiviert. Man darf das als Leser erkennen – aber was macht man dann damit? Mir ist keine vernünftige, weiterführende Deutung oder Erklärung eingefallen, warum etwa der „giersch“ oder der „nagel“ gerade in Sonetten gepriesen werden.
Auffallend ist ja auch, dass nur ganz wenig Menschen auftauchen: In einigen Gedichten gibt es ein sehr unspezifisches „wir“, fast nie aber andere Personen als den Beobachter/die Beobachterin, die dadurch eine Gott-ähnliche Stellung in diesem Universum der unbelebten und belebten Dinge hat: Beseeltes gibt es außer ihr (um das etwas auf die Spitze zu treiben) offenbar nicht.
Vielleicht liegt meine eher ablehende Lektüre auch darin begründet, dass ich in letzter Zeit offenbar Lyrik bevorzuge, die stärker mit den Eigenheiten der Sprache als Zeichen- und Bedeutungssystem arbeitet, die ihre eigene Grundlage in der Sprache hinterfragt und damit experimentiert und spielt. Das kann man Wagner natürlich nicht vorwerfen, sein „Dichtungsanlass“, um das mal so geschwollen auszudrücken, ist offenbar ein anderer. Aber wenn ich dann Gedichte wie das „requiem für einen friseur“ lese, merke ich sehr deutlich, dass diese Literatur meine Sache nicht ist. Das fängt so an:
weil montags alles ruht, nun alles montag bleibt,
verhängt die spiegel. nehmt der schere ihren schneid.
und mäandert sich dann eine Weile durch den verlassenen Friseursalon und die dort früher ausgeübten Tätigkeiten (mit der „große[n] orgel aus fönen“), um dann tatsächlich so zu schließen:
[…] und wer innehält
nicht länger weis, was es zu finden gilt, wonach zu suchen,
nur daß die haare weiter wachsen, weiter wuchern.
Das klingt jetzt alles ablehender und negativer, als ich es eigentlich haben wollte. Aber das liegt wohl daran, dass die Gedichte der Regentonnenvariationen mich einfach nicht (genug) berühren – und dann fallen mir eher die Probleme auf, dich ich beim Lesen damit habe, als die schönen und gelungenen Momente, die es freilich genauso gibt: Schlecht ist das nicht alles, nur oft falsch. Aber nun ja, da lese ich dann doch lieber noch ein bisschen in Elke Erbs neuestem roughbook …
Jan Wagner: Regentonnenvariationen. Gedichte. München: Hanser Berlin 2014. 103 Seiten. ISBN 9783446246461
