Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: franz liszt

Taglied 11.3.2017

Yury Mar­ty­n­ov spielt die Liszt-Tran­skrip­ti­on der Beet­ho­ven-Sin­fo­nien ganz wun­der­bar. Hier ist es der vier­te Satz aus der ers­ten Sinfonie:

BEETHOVEN by LISZT – Sym­pho­ny No. 1 in C Major, Op. 21: IV. Ada­gio – Yury Martynov

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Ins Netz gegangen (31.12.)

Ins Netz gegan­gen am 31.12.:

Taglied 21.12.2011

Ein Wie­ner Streich­quar­tett – klar, Mozart und Beet­ho­ven, nicht? Von wegen. Das radio.string.quartet.vienna spielt eher in der tra­di­ti­on des kro­nos-quar­tet: alles, was ihnen unter die Bögen kommt. Viel Pop- und Jazz­stan­dards (nicht ohne Grund ver­öf­fent­li­chen sie auf dem ACT-Label), aber auch ganz ande­res – aller­dings immer in eige­nen Arran­ge­ments, mit viel Klang­spiel und vor allem Musi­ka­li­tät. Das macht Spaß und regt an. Zum Bei­spiel der fan­tas­ti­sche Lie­bes­traum von Franz Liszt, auf der 2011 erschie­nen CD „radio­d­ream“:

Franz Liszt lebt

Jubi­lä­en sind wohl nir­gends so wich­tig wie in der Musik­bran­che. Zu jedem halb­wegs run­den Todes- und Geburts­tag wer­den die Pro­gram­me geän­dert, jeder meint, unbe­dingt etwas pas­sen­des auf­zu­füh­ren (natür­lich aber nur, wenn es um „gro­ße“ Kom­po­nis­ten geht). In die Kate­go­rie „Jubi­lä­ums­hype“ passt auf den ers­ten Blick auch „The Liszt Pro­ject“, wie die Dop­pel-CD, die Pierre-Lau­rent Aimard – immer­hin einer mei­ner all­zeit-Lieb­lings­pia­nis­ten – im Früh­jahr für die Deut­sche Gram­mo­phon auf­ge­nom­men hat.1 Aber die­se zwei CDs erhe­ben sich aus der Mas­se der Pflicht-Erin­nun­gen. Aus einem Grund: Pierre-Lau­rent Aimard. Der hat näm­lich (natür­lich) nicht ein­fach ein paar bekann­te Liszt-Wer­ke zusam­men­ge­sucht und auf­ge­nom­men. Nein, er macht etwas ande­res – etwas bes­se­res: Er kon­fron­tiert eini­ge, weni­ge aus­ge­wähl­te Liszt-Kom­po­si­tio­nen mit ganz viel ande­rer Musik: Mit Wag­ner (Kla­vier­so­na­te As-Dur), mit Scria­bin und Ravel, aber auch mit Bar­tók, Berg, Mes­siaen und dem 1959 gebo­re­nen Mar­co Strop­pa. Und das hat ganz viel Sinn und Bedeu­tung – sonst wür­de er es ja nicht machen. Vor allem aber: Die­se Kon­fron­ta­ti­on stellt Liszt in ganz ver­schie­de­ne Tra­di­ti­ons­zu­sam­men­hän­ge, zeigt – auch uner­war­te­te – Bezie­hun­gen. Und ergibt ein wun­der­ba­res Gan­zes. Das Pro­gramm ist also – schon auf dem Papier – über­zeu­gend. Aber das ist nicht alles.

Ich bin jeden­falls gera­de total begeis­tert und fas­zi­niert von die­ser CD: Wahr­schein­lich ist das in der Sum­me und im Detail eine der bes­ten Kla­vier-CDs, die ich ken­ne (und besit­ze). Allein schon wegen der gran­dio­sen Auf­nah­me­tech­nik, die dem Flü­gel eine unver­gleich­li­che Prä­senz ver­schafft,2 eine gran­dio­se Detail­auf­lö­sung (auch im räum­li­chen – jeder Ton hat sei­nen eige­nen Platz!) hören lässt und ein­fach ver­blüf­fend rea­lis­tisch klingt.

Vor allem ist die CD aber groß­ar­tig, weil sie musi­ka­lisch begeis­tert. Und das liegt, wenn man es auf den Punkt brin­gen will, an der leben­di­gen Genau­ig­keit, mit der Pierre-Lau­rent Aimard arbei­tet (spie­len mag das kaum nen­nen). Gera­de die Ver­nüp­fung von unge­heu­er detail­ver­lieb­ter Genau­ig­keit, die wirk­lich an jedem Ton bis zur Ver­voll­komm­nung arbei­tet, mit der ago­gi­schen und phra­sie­ren­den Leben­dig­keit ist Aimards Mar­ken­zei­chen.3

Immer wie­der fas­zi­niert mich ja sei­ne Fähig­keit, nicht nur die for­ma­le Gestal­tung sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikroebe­ne voll­ko­men im Blick zu haben, son­dern vor allem sei­ne unmensch­lich genaue klang­li­che Dif­fe­ren­zie­rung (und ihre Dis­zi­pli­nie­rung), mit der er das Ton wer­den lässt. 

Ein paar High­lights bis­her: Unbe­dingt die vita­le, fast strah­len­de Sona­te op. 1 von Alban Berg, die trotz ihrer Kon­zen­tra­ti­on ganz unge­zwun­gen und natür­lich wirkt. 

Dann selbst­ver­ständ­lich die h‑moll-Sona­te von Liszt selbst:4 Kein pia­nis­ti­sches Bra­vour­stück, kei­ne tro­cke­ne Form­übung und auch kein Kampf musi­ka­li­scher Cha­rak­te­re: Das ist aus­ge­gli­chen, aber nie blass; ver­mit­telnd, aber alle Sei­ten und Aspek­te genau voll­zie­hen. Wahr­schein­lich ist es gera­de die­ser Aspekt, mög­lichst viel­sei­tig zu spie­len, mög­lichst vie­le Facet­ten eines Wer­kes leben­dig wer­den zu las­sen, ohne eini­ge oder weni­ge davon zu abso­lu­tie­ren, der mich hier und bei dem Rest der Auf­nah­me so anzieht. Das ist in der Pra­xis natür­lich nie ein­fach, weil so eine umfas­sen­der Inter­pre­ta­ti­ons­ver­such oft reich­lich blass und lang­wei­lig wirkt und nur den Ein­druck erweckt, der Inter­pre­ta­ti­on wol­le es um jeden Preis ver­mei­den, einen Stand­punkt zu bezie­hen. Davon kann hier aber kei­ne Rede sein.

Auch die/​das (?) „Tan­ga­ta manu“ von Mar­co Strop­pa ist beein­dru­ckend: Die­se Musik passt fast naht­los zwi­schen Liszts Vogel­pr­edikt des Franz von Assi­si aus den „Année de Pélè­ri­na­ge, Band II und den Was­ser­spie­len der Vil­la Este (aus Band III). Das ist auch eine Form, moder­ne und zeit­ge­nös­si­sche Musik dem Hörer nahe­zu­brin­gen – ganz ohne gro­ßes didak­ti­sches Klim­bim, son­dern eben ein­fach als Musik, die man als Wei­ter­ent­wick­lung klassischer/​romantischer Model­le hören kann.5 Über­haupt ist der zwei­te Teil/​die zwei­te CD fast ein ein­zi­ger Klang­rausch, durch­weg auf höchs­tem Niveau. Auch Ravels „Jeux d’eau“ sind schlicht grandios.

Was mich (wie­der ein­mal) aber ziem­lich abschreckt, ist die Gstal­tung der CD. Abge­se­hen davon, dass sie über­säht ist mit Auf­merk­sam­keits­ha­schern, mit meh­rern Auf­kle­bern beklebt, ver­steckt sie gera­de die wich­ti­gen Infor­ma­tio­nen – näm­lich die Spiel­fol­ge – ziem­lich gut. Dafür sind noch ein paar nichts­sa­gen­de Sät­ze und über­schwäng­li­ches Lob drauf­ge­druckt wor­den … Immer­hin, der Kom­po­nis­ten­na­me ist ein biss­chen grö­ßer als der Aimards – auch kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, bei vie­len CDs scheint der Inter­pret heu­te (zumin­dest typo­gra­fisch) wich­ti­ger zu sein als der Kom­po­nist. Dafür aber in einer reich­lich selt­sa­men, eigent­lich unaps­sen­den Schrift …

Scha­de auch, dass die Deut­sche Gram­mo­phon, die doch so stolz auf ihre Tra­di­ti­on ist, dem kein ver­nünf­ti­ges Bei­heft mehr spen­diert: Ein klit­ze­klei­nes Inter­view mit dem Pia­nis­ten ist da drin – sonst nichts. Kei­ner­lei mehr oder weni­ger ana­ly­ti­schen Anmer­kun­gen, kei­ne (musik-)historischen Ein­ord­nun­gen, nichts. So kann man das Niveau auch immer wie­der unterbieten …

Davon mal abge­se­hen (und das merkt man beim Hören ja glück­li­cher­wei­se nicht): Eine CD zum glück­lich Wer­den. Eindeutig.

The Liszt Pro­ject. Pierre-Lau­rent Aimard spielt Bar­tók, Berg, Mes­siaen, Ravel, Scria­bin, Strop­pa, Wag­ner und Liszt. Deut­sche Gram­mo­phon 2011.

Show 5 footnotes

  1. War­um das als „Pro­jekt“ ver­kauft wird, ist mir voll­kom­men unklar – abge­se­hen davon, dass „Pro­jekt“ irgend­wie modern und hip klingt (klin­gen soll). Schließ­lich ist das nichts ande­res als die Stu­dio­ver­si­on eines erprob­ten Kon­zert­pro­gramms.
  2. Das ist – obwohl das Kla­vier ja sozu­sa­gen ein Stan­dard­in­stru­ment ist – alles ande­re als die Regel!
  3. Sei­ne Auf­nah­me der Bach­schen „Kunst der Fuge“ weist – in ganz ande­rem Zusam­men­hang – eben­falls genau die­se Qualität(en) auf.
  4. Sehr sinn­voll übri­gens auch, die h‑moll-Sona­te an den Schluss des ers­ten Teils zu stel­len – das Ende, die letz­ten Töne, mit denen auch die ers­te CD aus­kling, wir­ken so ein­fach gran­di­os …
  5. Wobei der Umstand, dass Liszt (nicht nur) hier als fast pro­to-moder­ner Kom­po­nist gezeigt wird, sozu­sa­gen die ande­re Sei­te die­ser Medail­le ist.

Der Sommer ist Musik

Wenn schon das Wet­ter nicht mit­spielt, dann wenigs­tens die Kunst: Der Main­zer Musik­som­mer ist wie­der eröffnet:

Kei­ne leich­te Sache wird das: Von 16. bis zum 20. Jahr­hun­dert reicht die Span­ne, von fran­ko-flä­mi­scher Vokal­po­ly­pho­nie bis zu spät­ro­man­ti­schen Chor­lie­dern. Das Eröff­nungs­kon­zert des Main­zer Musik­som­mers im Dom ist damit fast ein klei­nes Fes­ti­val in sich. 

Ein­fach ist das nicht, so eine gro­ße Viel­falt in einem Kon­zert­abend zusam­men­zu­brin­gen und jedem ein­zel­nen Werk auch gerecht zu wer­den. Doch Dom­ka­pell­meis­ter Mathi­as Breit­schft gelingt das mit dem Dom­kam­mer­chor rich­tig gut. Sicher, die Spe­zia­lis­ten wür­den die Chor­mu­sik der Main­zer Hof­ka­pell­meis­ter wie Gabri­el Plautz, Phil­ipp Fried­rich Buch­ner oder Johann Zach schon anders sin­gen. Aber auch Breit­schaft fin­det einen guten Weg. Einen sanf­ten vor allem: 

Immer wie­der fällt in die­sen lit­ur­gi­schen Chor­sät­zen aus dem Renais­sance- und Barock-Mainz der wei­che Chor­klang auf, den Breit­schaft formt. Der Dom­kam­mer­chor und sei­ne Solis­ten las­sen den Klang förm­lich in die Dom­hal­le flie­ßen, ohne die Kon­trol­le über die Kon­tu­ren zu ver­lie­ren – und mit der Fähig­keit, immer wie­der kla­re Akzen­te zu set­zen und Höhe­punk­te zu formen.
Der Sprung in die Roman­tik ist dann frei­lich doch genau das: Ein Sprung. Und ein recht gro­ßer noch dazu. Zumal Franz Liszts „Prä­lu­di­um und Fuge über B‑A-C‑H“ für Orgel ja auch nicht zurück­hält mit gro­ßen Ges­ten, har­mo­ni­schen Kühn­hei­ten und klang­li­chen Effekten.

Dom­or­ga­nist Dani­el Beck­mann, der in der ers­ten Hälf­te den Chor auch schon mit Cel­lis­tin Traudl Eute­bach im Gene­ral­bass unter­stützt hat, über­nimmt die Auf­ga­be, die­sen Sprung aus­zu­füh­ren – und tut das gewandt, ohne die Boden­haf­tung zu ver­lie­ren. Wo ande­re Orga­nis­ten sich ger­ne aus­to­ben, bevor­zugt er eher gemä­ßig­te Tem­pi und nimmt sich auch Zeit für Ruhe­punk­te – so bleibt auch in der Domakus­tik noch vie­les erkenn­bar. Vor allem aber ist es sei­ne sehr fan­ta­sie­vol­le, abwechs­lungs­rei­che und ein­fühl­sa­me Regis­trie­ung, die nicht nur das Poten­zi­al der Orgel aus­kos­tet, son­dern auch dem Werk zur vol­len Gel­tung verhilft. 

Der Dom­kam­mer­chor nimmt das dann direkt auf: Mit drei Motet­ten von Liszt zeigt er sich in der zwei­ten Kon­zert­hälf­te deut­lich far­bi­ger als zuvor in der Abtei­lung „Alte Musik“, deut­lich viel­fäl­ti­ger auch in Dyna­mik und Arti­ku­la­ti­on. Vor allem zum Schluss hin stei­gern sich die nach­denk­li­chen Innig­kei­ten: Sorg­sam und fas­zi­nie­rend detail­reich ent­fal­tet Breit­schaft schon Hugo Wolfs „Geist­li­che Lie­der“, behut­sam und bedacht lässt er ihre resi­gna­tiv-erlös­te End­zeit­stim­mung genau aus­for­men. Und mit der Motet­te „Schaf­fe in mir Gott“ von Johan­nes Brahms, die zumin­dest for­mal noch ein­mal den Bogen zum Anfang des Kon­zer­tes schlägt, kann er das sogar noch ein biss­chen über­bie­ten: Mit geziel­tem Kraft­ein­satz, mit prä­zis gesetz­ten Höhe­punk­te und trotz aller klang­li­chen Deli­ka­tes­se vor allem mit viel begeis­ter­tem Schwung.

(geschrie­ben für die Main­zer Rheinzeitung.)

Liszt zum Zweihundertsten

2011 als Jubi­lä­ums­jahr – sein Geburts­tag jährt sich zum 200. Mal – war der offen­sicht­li­che Anlass für die­se Buch: Wolf­gang Döm­lings klei­ne Bio­gra­phie „Franz Liszt“. Erschie­nen ist das in der von mir grund­sätz­lich sehr geschät­zen Rei­he „Wis­sen“ des Beck-Ver­lags. Aber da passt die­ses Buch kaum rein – im Gegen­satz zu ande­ren dort erschie­nen Bänd­chen hat es mich sehr ent­täuscht, obwohl es in der Taschen­buch­ko­lum­ne der Süd­deut­schen Zei­tung sehr direkt emp­foh­len wur­de. Und zwar war ich sowohl inhalt­lich als auch for­mal und sprach­lich ziem­lich enttäuscht.

Fan­gen wir mit dem pin­ge­ligs­ten an, den For­ma­la­li­tä­ten: Ent­ge­gen der Rei­hen-Gepflo­gen­hei­ten gibt es hier über­haupt kei­ne ver­nünf­ti­gen Lite­ra­tur­hin­wei­se: Döm­ling erwähnt den MGG-Arti­kel – und genau ein Buch.1 Das war’s auch schon – sehr ent­täu­schend. Und auch wenig hilf­reich. Es gibt doch bestimmt auch gute musik­wis­sen­schaft­li­che, werk­ana­ly­ti­sche Lite­ra­tur zu Liszt, die dem Leser etwas wei­ter­hel­fen könn­te.2 Damit hängt viel­leicht auch das inhalt­li­che Pro­blem zusam­men … – aber dazu spä­ter noch etwas.

Sprach­lich fal­len sofort die Satz-Unge­tü­me oder ‑Unge­heu­er auf: Döm­ling häuft näm­lich ger­ne in einem Satz alles an, was ihm so an Infor­ma­ti­on über den Weg läuft – mit unzäh­li­gen Ein­schü­ben, Appo­si­tio­nen, Rela­tiv­sät­zen und so wei­ter. Und irgend­wann, das ist bei ihm gar nicht sel­ten, ist der ursprüng­li­che Satz gar nicht mehr zu erken­nen. Ob der tro­cke­ne, sprö­de Stil (der nur auf den letz­ten Sei­ten, wo es um Liszts Spät­werk geht, eini­ge Fun­ken schlägt) als Plus- oder Minus­punkt zu wer­ten ist, bleibt sicher Geschmack­sa­che. Ich fand es oft arg dürr.

Und inhalt­lich? Das hängt durch­aus wie­der mit der sprach­li­chen Gestal­tung zusam­men. Döm­ling gibt sich ger­ne etwas bes­ser­wis­se­risch, etwas pater­na­lis­tisch beleh­rend erzählt er den Lebens­weg in gro­ben (oft nur sehr bruch­stück­haf­ten) Umris­sen, greift ger­ne mal auf das „wie bekannt“ zurück. Dabei hat er offen­bar durch­aus den Lai­en im Blick, vie­les musik­fach­li­ches wird von ihm näm­lich gut und knapp erklärt, die fach­li­chen Vor­aus­set­zun­gen hält er aus­ge­spro­chen nied­rig: Selbst eigent­lich bana­le Din­ge wie das Trans­po­nie­ren oder vom-Blatt-Spie­len erklärt er mehr­fach (aber wer eine Vir­tuo­sen- & Kom­po­nis­ten­bio­gra­phie liest, wird solch ele­men­ta­re Sach­ver­hal­ten doch wohl unge­fähr parat haben …). Das sieht dann z.B. mal so aus:

 

1834 begeg­ne­te Liszt der Schrift­stel­le­rin Geor­ge Sand (nom de plu­me für Auro­re Dude­vant), einer Frau, deren Kli­schee­bild in der Nach­welt, beson­ders der deut­schen, recht unfreund­lich ist: als hosen­tra­gen­de, zigar­ren- und män­ner­ver­schlín­gen­de Eman­ze, die vie­le schlech­te Roma­ne geschrie­ben hat und nur als Pfle­ge­rin-Muse des unglück­li­chen Cho­pin in Erin­ne­rung bleibt. (Eine der mit ste­ter Regel­mä­ßig­keit auf­tau­chen­den Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen in deut­schen Städ­ten heißt „Ein Win­ter auf Mal­lor­ca“, mul­ti­me­di­al gestal­tet mit einer Lesung aus Sands gleich­na­mi­gem Buch, mit Licht­bil­dern und mit Cho­pins Musik – dar­un­ter natür­lich das „Regen­trop­fen-Pré­lude“, das frei­lich als sol­ches nur in der popu­lä­ren Über­lie­fe­rung iden­tifi­zier­bar scheint …) Sand und Cho­pin lern­ten sich übri­gens bei Liszt ken­nen. Der Win­ter auf Mal­lor­ca 1838/​1859, wor­un­ter man sich heu­te viel­leicht etwas „Rornan­ti­sches“ vor­stellt, war vol­ler mehr oder weni­ger schreck­li­cher Erleb­nis­se. (Welch selt­sa­me Idee ja auch, mit zwei Kin­dern und einem Pia­nis­ten und Kom­po­nis­ten, Groß­stadt­mensch und krank dazu, sich im Win­ter auf eine unwirt­li­che und ungast­li­che Insel zurück­zu­zie­hen!) 3

 

Gut gelingt Döm­ling aber auch man­ches, vor allem die (musik-)historische Situ­ie­rung und Ein­ord­nung Liszts, sei­ner Kon­zert­pra­xis und sei­ner Kom­po­si­tio­nen. Das nimmt zar nur sehr wenig Raum ein, aber immer­hin nimmt er sich die Zeit und den Platz – ger­ne auch mit ent­spre­chen­den Rück­bli­cken, zu klar soll es ja nicht wer­den – zu schil­dern, was an Listzs Trei­ben Beson­der­heit oder Nor­ma­li­tät im 19. Jahr­hun­dert war – das ist ein sehr guter Zug.

Im gan­zen wirkt das aber auf mich noch arg unfer­tig, wie eine Vor­stu­die für ein „rich­ti­ges“ Buch: Döm­ling springt flei­ßig hin und her, ohne das immer aus­rei­chend deut­lich zu machen, beginnt irgend­wie immer wie­der neu. Deut­lich wird das vor allem in sei­ner Dar­stel­lung der 1830er: Liszts Kon­zert­kar­rie­re darf hier unzäh­li­ge Male neu begin­nen – aber über das wie, das was und vor allem das war­um erfährt man dann doch herz­lich wenig. Über­haupt, der Kon­zert­künst­ler Liszt ist hier total unter­be­lich­tet, gera­de was die zeit­ge­nös­si­sche Rezep­ti­on angeht, aber auch, was sei­ne eigent­li­chen Unter­neh­mun­gen betrifft.
Dazwi­schen, in die­ser Mate­ri­al­samm­lung oder die­sem Stein­bruch, ste­hen dann doch immer wie­der klu­ge Sät­ze, die Ein­sicht und Ein­füh­lungs­ver­mö­gen ver­ra­ten und den Leser wie­der ver­söh­nen.4 Scha­de nur, dass es so weni­ge blei­ben und dass sie so ver­streut sind. Sei­ne Andeu­tun­gen haben aber irgend­wie Metho­de: Das geschieht immer auf ähn­li­che Wei­se, wie z.B. Liszts Bezie­hung zu Wagner:

Cosi­mas detail­lier­te Tage­buch­no­ta­te sagen dazu mehr als genug.5

Toll, dass Döm­ling das weiß. Ich hät­te es auch ger­ne erfahren …

Mein Haupt-„Problem“ bei der Lek­tü­re des bio­gra­phi­schen Abris­ses aber: Mir scheint, er hat kei­ne wirk­li­che Deu­tung des Lebens, kei­ne Inter­pre­ta­ti­on des Lebens­we­ges – des­we­gen wirkt das so aka­de­misch, weil er über gro­ße Tei­le des Tex­tes nur die äuße­ren Sta­tio­nen abhan­delt, die Psy­cho­lo­gie des Kom­po­nis­ten aber kei­ne (bzw. nur eine klei­ne) Rol­le spielt. Dazu kommt dann noch eine eher ver­wun­der­li­che Zurück­hal­tung, was die Beschrei­bung und/​oder Ana­ly­se der Musik Liszts angeht – das ist oft erschre­ckend und ärger­lich kurz, ober­fläch­lich und nichts­sa­gend. Von einem Musik­wis­sen­schaft­ler, der sich schon län­ger mit Liszt beschäf­tigt, hät­te ich gera­de in die­sem Punkt deut­lich mehr erwartet.

Also, in mei­nen Augen kei­ne emp­feh­lens­wer­te Bio­gra­phie, auch im Jubi­lä­ums­jahr nicht: Wer noch kei­ne Kennt­nis­se der Bio­gra­phie Liszts hat, wird sich hier­mit wohl schwer­tun. Und war­um die Süd­deut­sche das emp­feh­lens­wert fand, erschloss sich mir über­haupt nicht.

Wolf­gang Döm­ling: Franz Liszt. Mün­chen: Beck 2011 (Wis­sen). ISBN 978−3−406−61195−7. 112 Seiten.

Show 5 footnotes

  1. Der MGG-Arti­kel von Det­lef Alten­burg ist durch­aus zu recht erwähnt, der ist schon sehr gut. Und dass Döm­ling sich bei Bur­gers Bild- und Doku­ment­band flei­ßig bedient hat (natür­lich nur, was die Tex­te angeht, Bil­der gibt es in die­ser Rei­he ja nicht), merkt man im Text deut­lich.
  2. Ich ken­ne mich da nicht wirk­lich aus – aber Döm­ling ist ja mit Werk­ana­ly­sen oder wenigs­tens ‑beschrei­bun­gen auch ärger­lich extrem zurück­hal­tend.
  3. S. 34f. – so steht das wirk­lich mit­ten in einer Liszt-Bio­gra­phie. Und das ist nicht die ein­zi­ge der­ar­ti­ge Stel­le, sol­che und ähn­li­che Sei­ten­hie­be gibt es unzäh­li­ge …
  4. Zum Bei­spiel die weni­gen, knap­pen, aber m. E. sehr genau tref­fen­den Sät­ze zur Hei­mat-Idee Liszts, zu sei­ner Bezie­hung zu Ungarn – das hät­te durch­aus Poten­zi­al zur Aus­ar­bei­tung gehabt …
  5. Und damit ist Döm­ling auch fast am Ende sei­ner knap­pe Schil­de­rung der Begeg­nung Wag­ner-Liszt im Win­ter 1882/​83, S. 100.

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