Ins Netz gegangen (31.12.)

Ins Netz gegan­gen am 31.12.:

Taglied 21.12.2011

Ein Wiener Streichquartett - klar, Mozart und Beethoven, nicht? Von wegen. Das radio.string.quartet.vienna spielt eher in der tradition des kronos-quartet: alles, was ihnen unter die Bögen kommt. Viel Pop- und Jazzstandards (nicht ohne Grund veröffentlichen sie auf dem ACT-Label), aber auch ganz anderes - allerdings immer in eigenen Arrangements, mit viel Klangspiel und vor allem Musikalität. Das macht Spaß und regt an. Zum Beispiel der fantastische Liebestraum von Franz Liszt, auf der 2011 erschienen CD "radiodream":

via Tumblr

Franz Liszt lebt

Jubi­lä­en sind wohl nir­gends so wich­tig wie in der Musik­bran­che. Zu jedem halb­wegs run­den Todes- und Geburts­tag wer­den die Pro­gram­me geän­dert, jeder meint, unbe­dingt etwas pas­sen­des auf­zu­füh­ren (natür­li­ch aber nur, wenn es um „gro­ße“ Kom­po­nis­ten geht). In die Kate­go­rie „Jubi­lä­ums­hy­pe“ passt auf den ers­ten Bli­ck auch „The Liszt Pro­ject“, wie die Dop­pel-CD, die Pier­re-Lau­rent Aimard – immer­hin einer mei­ner all­zeit-Lieb­lings­pia­nis­ten – im Früh­jahr für die Deut­sche Gram­mo­phon auf­ge­nom­men hat.1 Aber die­se zwei CDs erhe­ben sich aus der Mas­se der Pflicht-Erin­nun­gen. Aus einem Grund: Pier­re-Lau­rent Aimard. Der hat näm­li­ch (natür­li­ch) nicht ein­fach ein paar bekann­te Liszt-Wer­ke zusam­men­ge­sucht und auf­ge­nom­men. Nein, er macht etwas ande­res – etwas bes­se­res: Er kon­fron­tiert eini­ge, weni­ge aus­ge­wähl­te Liszt-Kom­po­si­tio­nen mit ganz viel ande­rer Musik: Mit Wag­ner (Kla­vier­so­na­te As-Dur), mit Scria­bin und Ravel, aber auch mit Bar­tók, Berg, Mes­sia­en und dem 1959 gebo­re­nen Mar­co Strop­pa. Und das hat ganz viel Sinn und Bedeu­tung – son­st wür­de er es ja nicht machen. Vor allem aber: Die­se Kon­fron­ta­ti­on stellt Liszt in ganz ver­schie­de­ne Tra­di­ti­ons­zu­sam­men­hän­ge, zeigt – auch uner­war­te­te – Bezie­hun­gen. Und ergibt ein wun­der­ba­res Gan­zes. Das Pro­gramm ist also – schon auf dem Papier – über­zeu­gend. Aber das ist nicht alles.

Ich bin jeden­falls gera­de total begeis­tert und fas­zi­niert von die­ser CD: Wahr­schein­li­ch ist das in der Sum­me und im Detail eine der bes­ten Kla­vier-CDs, die ich ken­ne (und besit­ze). Allein schon wegen der gran­dio­sen Auf­nah­me­tech­nik, die dem Flü­gel eine unver­gleich­li­che Prä­senz ver­schafft,2 eine gran­dio­se Detail­auf­lö­sung (auch im räum­li­chen – jeder Ton hat sei­nen eige­nen Platz!) hören lässt und ein­fach ver­blüf­fend rea­lis­ti­sch klingt.

Vor allem ist die CD aber groß­ar­tig, weil sie musi­ka­li­sch begeis­tert. Und das liegt, wenn man es auf den Punkt brin­gen will, an der leben­di­gen Genau­ig­keit, mit der Pier­re-Lau­rent Aimard arbei­tet (spie­len mag das kaum nen­nen). Gera­de die Ver­nüp­fung von unge­heu­er detail­ver­lieb­ter Genau­ig­keit, die wirk­li­ch an jedem Ton bis zur Ver­voll­komm­nung arbei­tet, mit der ago­gi­schen und phra­sie­ren­den Leben­dig­keit ist Aimards Mar­ken­zei­chen.3

Immer wie­der fas­zi­niert mich ja sei­ne Fähig­keit, nicht nur die for­ma­le Gestal­tung sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikro­ebe­ne voll­ko­men im Bli­ck zu haben, son­dern vor allem sei­ne unmensch­li­ch genaue klang­li­che Dif­fe­ren­zie­rung (und ihre Dis­zi­pli­nie­rung), mit der er das Ton wer­den lässt. 

Ein paar High­lights bis­her: Unbe­dingt die vita­le, fast strah­len­de Sona­te op. 1 von Alban Berg, die trotz ihrer Kon­zen­tra­ti­on ganz unge­zwun­gen und natür­li­ch wirkt. 

Dann selbst­ver­ständ­li­ch die h-moll-Sona­te von Liszt selbst:4 Kein pia­nis­ti­sches Bra­vour­stück, kei­ne tro­cke­ne Form­übung und auch kein Kampf musi­ka­li­scher Cha­rak­te­re: Das ist aus­ge­gli­chen, aber nie blass; ver­mit­telnd, aber alle Sei­ten und Aspek­te gen­au voll­zie­hen. Wahr­schein­li­ch ist es gera­de die­ser Aspekt, mög­lichst viel­sei­tig zu spie­len, mög­lichst vie­le Facet­ten eines Wer­kes leben­dig wer­den zu las­sen, ohne eini­ge oder weni­ge davon zu abso­lu­tie­ren, der mich hier und bei dem Rest der Auf­nah­me so anzieht. Das ist in der Pra­xis natür­li­ch nie ein­fach, weil so eine umfas­sen­der Inter­pre­ta­ti­ons­ver­su­ch oft reich­li­ch blass und lang­wei­lig wirkt und nur den Ein­druck erweckt, der Inter­pre­ta­ti­on wol­le es um jeden Preis ver­mei­den, einen Stand­punkt zu bezie­hen. Davon kann hier aber kei­ne Rede sein.

Auch die/das (?) „Tan­ga­ta manu“ von Mar­co Strop­pa ist beein­dru­ckend: Die­se Musik passt fast naht­los zwi­schen Liszts Vogel­pre­dikt des Franz von Assi­si aus den „Année de Pélè­ri­na­ge, Band II und den Was­ser­spie­len der Vil­la Este (aus Band III). Das ist auch eine Form, moder­ne und zeit­ge­nös­si­sche Musik dem Hörer nahe­zu­brin­gen – ganz ohne gro­ßes didak­ti­sches Klim­bim, son­dern eben ein­fach als Musik, die man als Wei­ter­ent­wick­lung klassischer/romantischer Model­le hören kann.5 Über­haupt ist der zwei­te Teil/die zwei­te CD fast ein ein­zi­ger Klang­rau­sch, durch­weg auf höchs­tem Niveau. Auch Ravels „Jeux d’eau“ sind schlicht gran­di­os.

Was mich (wie­der ein­mal) aber ziem­li­ch abschreckt, ist die Gstal­tung der CD. Abge­se­hen davon, dass sie über­säht ist mit Auf­merk­sam­keits­ha­schern, mit meh­rern Auf­kle­bern beklebt, ver­steckt sie gera­de die wich­ti­gen Infor­ma­tio­nen – näm­li­ch die Spiel­fol­ge – ziem­li­ch gut. Dafür sind noch ein paar nichts­sa­gen­de Sät­ze und über­schwäng­li­ches Lob drauf­ge­druckt wor­den … Immer­hin, der Kom­po­nis­ten­na­me ist ein biss­chen grö­ßer als der Aimards – auch kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, bei vie­len CDs scheint der Inter­pret heu­te (zumin­dest typo­gra­fi­sch) wich­ti­ger zu sein als der Kom­po­nist. Dafür aber in einer reich­li­ch selt­sa­men, eigent­li­ch unaps­sen­den Schrift …

Scha­de auch, dass die Deut­sche Gram­mo­phon, die doch so stolz auf ihre Tra­di­ti­on ist, dem kein ver­nünf­ti­ges Bei­heft mehr spen­diert: Ein klit­ze­klei­nes Inter­view mit dem Pia­nis­ten ist da drin – son­st nichts. Kei­ner­lei mehr oder weni­ger ana­ly­ti­schen Anmer­kun­gen, kei­ne (musik-)historischen Ein­ord­nun­gen, nichts. So kann man das Niveau auch immer wie­der unter­bie­ten …

Davon mal abge­se­hen (und das merkt man beim Hören ja glück­li­cher­wei­se nicht): Eine CD zum glück­li­ch Wer­den. Ein­deu­tig.

The Liszt Pro­ject. Pier­re-Lau­rent Aimard spielt Bar­tók, Berg, Mes­sia­en, Ravel, Scria­bin, Strop­pa, Wag­ner und Liszt. Deut­sche Gram­mo­phon 2011.

  1. War­um das als „Pro­jekt“ ver­kauft wird, ist mir voll­kom­men unklar – abge­se­hen davon, dass „Pro­jekt“ irgend­wie modern und hip klingt (klin­gen soll). Schließ­li­ch ist das nichts ande­res als die Stu­dio­ver­si­on eines erprob­ten Kon­zert­pro­gramms.
  2. Das ist – obwohl das Kla­vier ja sozu­sa­gen ein Stan­dard­in­stru­ment ist – alles ande­re als die Regel!
  3. Sei­ne Auf­nah­me der Bach­schen „Kunst der Fuge“ weist – in ganz ande­rem Zusam­men­hang – eben­falls gen­au die­se Qualität(en) auf.
  4. Sehr sinn­voll übri­gens auch, die h-moll-Sona­te an den Schluss des ers­ten Teils zu stel­len – das Ende, die letz­ten Töne, mit denen auch die ers­te CD aus­kling, wir­ken so ein­fach gran­di­os …
  5. Wobei der Umstand, dass Liszt (nicht nur) hier als fast pro­to-moder­ner Kom­po­nist gezeigt wird, sozu­sa­gen die ande­re Sei­te die­ser Medail­le ist.

Der Sommer ist Musik

Wenn schon das Wet­ter nicht mit­spielt, dann wenigs­tens die Kunst: Der Main­zer Musik­som­mer ist wie­der eröff­net:

Kei­ne leich­te Sache wird das: Von 16. bis zum 20. Jahr­hun­dert reicht die Span­ne, von fran­ko-flä­mi­scher Vokal­po­ly­pho­nie bis zu spät­ro­man­ti­schen Chor­lie­dern. Das Eröff­nungs­kon­zert des Main­zer Musik­som­mers im Dom ist damit fast ein klei­nes Fes­ti­val in sich. 

Ein­fach ist das nicht, so eine gro­ße Viel­falt in einem Kon­zert­abend zusam­men­zu­brin­gen und jedem ein­zel­nen Werk auch gerecht zu wer­den. Doch Dom­ka­pell­meis­ter Mathi­as Breitschft gelingt das mit dem Dom­kam­mer­chor rich­tig gut. Sicher, die Spe­zia­lis­ten wür­den die Chor­mu­sik der Main­zer Hof­ka­pell­meis­ter wie Gabri­el Plautz, Phil­ipp Fried­rich Buch­ner oder Johann Zach schon anders sin­gen. Aber auch Breit­schaft fin­det einen guten Weg. Einen sanf­ten vor allem: 

Immer wie­der fällt in die­sen lit­ur­gi­schen Chor­sät­zen aus dem Renais­sance- und Baro­ck-Mainz der wei­che Chor­klang auf, den Breit­schaft formt. Der Dom­kam­mer­chor und sei­ne Solis­ten las­sen den Klang förm­li­ch in die Dom­hal­le flie­ßen, ohne die Kon­trol­le über die Kon­tu­ren zu ver­lie­ren – und mit der Fähig­keit, immer wie­der kla­re Akzen­te zu set­zen und Höhe­punk­te zu for­men.
Der Sprung in die Roman­tik ist dann frei­li­ch doch gen­au das: Ein Sprung. Und ein recht gro­ßer noch dazu. Zumal Franz Liszts „Prä­lu­di­um und Fuge über B-A-C-H“ für Orgel ja auch nicht zurück­hält mit gro­ßen Ges­ten, har­mo­ni­schen Kühn­hei­ten und klang­li­chen Effek­ten.

Dom­or­ga­nist Dani­el Beck­mann, der in der ers­ten Hälf­te den Chor auch schon mit Cel­lis­tin Traudl Eute­bach im Gene­ral­bass unter­stützt hat, über­nimmt die Auf­ga­be, die­sen Sprung aus­zu­füh­ren – und tut das gewandt, ohne die Boden­haf­tung zu ver­lie­ren. Wo ande­re Orga­nis­ten sich ger­ne aus­to­ben, bevor­zugt er eher gemä­ßig­te Tem­pi und nimmt sich auch Zeit für Ruhe­punk­te – so bleibt auch in der Doma­kus­tik noch vie­les erkenn­bar. Vor allem aber ist es sei­ne sehr fan­ta­sie­vol­le, abwechs­lungs­rei­che und ein­fühl­sa­me Regis­trie­ung, die nicht nur das Poten­zi­al der Orgel aus­kos­tet, son­dern auch dem Werk zur vol­len Gel­tung ver­hilft.

Der Dom­kam­mer­chor nimmt das dann direkt auf: Mit drei Motet­ten von Liszt zeigt er sich in der zwei­ten Kon­zert­hälf­te deut­li­ch far­bi­ger als zuvor in der Abtei­lung „Alte Musik“, deut­li­ch viel­fäl­ti­ger auch in Dyna­mik und Arti­ku­la­ti­on. Vor allem zum Schluss hin stei­gern sich die nach­denk­li­chen Innig­kei­ten: Sorg­s­am und fas­zi­nie­rend detail­reich ent­fal­tet Breit­schaft schon Hugo Wolfs „Geist­li­che Lie­der“, behut­sam und bedacht lässt er ihre resi­gna­tiv-erlös­te End­zeit­stim­mung gen­au aus­for­men. Und mit der Motette „Schaf­fe in mir Gott“ von Johan­nes Brahms, die zumin­dest for­mal noch ein­mal den Bogen zum Anfang des Kon­zer­tes schlägt, kann er das sogar noch ein biss­chen über­bie­ten: Mit geziel­tem Kraft­ein­satz, mit prä­zis gesetz­ten Höhe­punk­te und trotz aller klang­li­chen Deli­ka­tes­se vor allem mit viel begeis­ter­tem Schwung.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein­zei­tung.)

Liszt zum Zweihundertsten

2011 als Jubi­lä­ums­jahr – sein Geburts­tag jährt sich zum 200. Mal – war der offen­sicht­li­che Anlass für die­se Buch: Wolf­gang Döm­lings klei­ne Bio­gra­phie „Franz Liszt“. Erschie­nen ist das in der von mir grund­sätz­li­ch sehr geschät­zen Rei­he „Wis­sen“ des Beck-Ver­lags. Aber da passt die­ses Buch kaum rein – im Gegen­satz zu ande­ren dort erschie­nen Bänd­chen hat es mich sehr ent­täuscht, obwohl es in der Taschen­buch­ko­lum­ne der Süd­deut­schen Zei­tung sehr direkt emp­foh­len wur­de. Und zwar war ich sowohl inhalt­li­ch als auch for­mal und sprach­li­ch ziem­li­ch ent­täuscht.

Fan­gen wir mit dem pin­ge­ligs­ten an, den For­ma­la­li­tä­ten: Ent­ge­gen der Rei­hen-Gepflo­gen­hei­ten gibt es hier über­haupt kei­ne ver­nünf­ti­gen Lite­ra­tur­hin­wei­se: Döm­ling erwähnt den MGG-Arti­kel – und gen­au ein Buch.1 Das war’s auch schon – sehr ent­täu­schend. Und auch wenig hilf­reich. Es gibt doch bestimmt auch gute musik­wis­sen­schaft­li­che, werkana­ly­ti­sche Lite­ra­tur zu Liszt, die dem Leser etwas wei­ter­hel­fen könn­te.2 Damit hängt viel­leicht auch das inhalt­li­che Pro­blem zusam­men … – aber dazu spä­ter noch etwas.

Sprach­li­ch fal­len sofort die Satz-Unge­tü­me oder -Unge­heu­er auf: Döm­ling häuft näm­li­ch ger­ne in einem Satz alles an, was ihm so an Infor­ma­ti­on über den Weg läuft – mit unzäh­li­gen Ein­schüben, Appo­si­tio­nen, Rela­tiv­sät­zen und so wei­ter. Und irgend­wann, das ist bei ihm gar nicht sel­ten, ist der ursprüng­li­che Satz gar nicht mehr zu erken­nen. Ob der tro­cke­ne, sprö­de Stil (der nur auf den letz­ten Sei­ten, wo es um Liszts Spät­werk geht, eini­ge Fun­ken schlägt) als Plus- oder Minus­punkt zu wer­ten ist, bleibt sicher Geschmack­sa­che. Ich fand es oft arg dürr.

Und inhalt­li­ch? Das hängt durch­aus wie­der mit der sprach­li­chen Gestal­tung zusam­men. Döm­ling gibt sich ger­ne etwas bes­ser­wis­se­ri­sch, etwas pater­na­lis­ti­sch beleh­rend erzählt er den Lebens­weg in gro­ben (oft nur sehr bruch­stück­haf­ten) Umris­sen, greift ger­ne mal auf das „wie bekannt“ zurück. Dabei hat er offen­bar durch­aus den Lai­en im Bli­ck, vie­les musik­fach­li­ches wird von ihm näm­li­ch gut und knapp erklärt, die fach­li­chen Vor­aus­set­zun­gen hält er aus­ge­spro­chen nied­rig: Selbst eigent­li­ch bana­le Din­ge wie das Trans­po­nie­ren oder vom-Blatt-Spie­len erklärt er mehr­fach (aber wer eine Vir­tuo­sen- & Kom­po­nis­ten­bio­gra­phie liest, wird sol­ch ele­men­ta­re Sach­ver­hal­ten doch wohl unge­fähr parat haben …). Das sieht dann z.B. mal so aus:

 

1834 begeg­ne­te Liszt der Schrift­stel­le­rin Geor­ge Sand (nom de plu­me für Auro­re Dude­vant), einer Frau, deren Kli­schee­bild in der Nach­welt, beson­ders der deut­schen, recht unfreund­li­ch ist: als hosen­tra­gen­de, zigar­ren- und män­ner­ver­schlín­gen­de Eman­ze, die vie­le schlech­te Roma­ne geschrie­ben hat und nur als Pfle­ge­rin-Muse des unglück­li­chen Cho­pin in Erin­ne­rung bleibt. (Eine der mit ste­ter Regel­mä­ßig­keit auf­tau­chen­den Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen in deut­schen Städ­ten heißt „Ein Win­ter auf Mal­lor­ca“, mul­ti­me­dial gestal­tet mit einer Lesung aus Sands gleich­na­mi­gem Buch, mit Licht­bil­dern und mit Cho­pins Musik – dar­un­ter natür­li­ch das „Regen­trop­fen-Pré­lude“, das frei­li­ch als sol­ches nur in der popu­lä­ren Über­lie­fe­rung iden­tifizier­bar scheint …) Sand und Cho­pin lern­ten sich übri­gens bei Liszt ken­nen. Der Win­ter auf Mal­lor­ca 1838/1859, wor­un­ter man sich heu­te viel­leicht etwas „Ror­nan­ti­sches“ vor­stellt, war vol­ler mehr oder weni­ger schreck­li­cher Erleb­nis­se. (Wel­ch selt­sa­me Idee ja auch, mit zwei Kin­dern und einem Pia­nis­ten und Kom­po­nis­ten, Groß­stadt­men­sch und krank dazu, sich im Win­ter auf eine unwirt­li­che und ungast­li­che Insel zurück­zu­zie­hen!) 3

 

Gut gelingt Döm­ling aber auch man­ches, vor allem die (musik-)historische Situ­ie­rung und Ein­ord­nung Liszts, sei­ner Kon­zert­pra­xis und sei­ner Kom­po­si­tio­nen. Das nimmt zar nur sehr wenig Raum ein, aber immer­hin nimmt er sich die Zeit und den Platz – ger­ne auch mit ent­spre­chen­den Rück­bli­cken, zu klar soll es ja nicht wer­den – zu schil­dern, was an Listzs Trei­ben Beson­der­heit oder Nor­ma­li­tät im 19. Jahr­hun­dert war – das ist ein sehr guter Zug.

Im gan­zen wirkt das aber auf mich noch arg unfer­tig, wie eine Vor­stu­die für ein „rich­ti­ges“ Buch: Döm­ling springt flei­ßig hin und her, ohne das immer aus­rei­chend deut­li­ch zu machen, beginnt irgend­wie immer wie­der neu. Deut­li­ch wird das vor allem in sei­ner Dar­stel­lung der 1830er: Liszts Kon­zert­kar­rie­re darf hier unzäh­li­ge Male neu begin­nen – aber über das wie, das was und vor allem das war­um erfährt man dann doch herz­li­ch wenig. Über­haupt, der Kon­zert­künst­ler Liszt ist hier total unter­be­lich­tet, gera­de was die zeit­ge­nös­si­sche Rezep­ti­on angeht, aber auch, was sei­ne eigent­li­chen Unter­neh­mun­gen betrifft.
Dazwi­schen, in die­ser Mate­ri­al­samm­lung oder die­sem Stein­bruch, ste­hen dann doch immer wie­der klu­ge Sät­ze, die Ein­sicht und Ein­füh­lungs­ver­mö­gen ver­ra­ten und den Leser wie­der ver­söh­nen.4 Scha­de nur, dass es so weni­ge blei­ben und dass sie so ver­streut sind. Sei­ne Andeu­tun­gen haben aber irgend­wie Metho­de: Das geschieht immer auf ähn­li­che Wei­se, wie z.B. Liszts Bezie­hung zu Wag­ner:

Cosi­mas detail­lier­te Tage­buch­no­ta­te sagen dazu mehr als genug.5

Toll, dass Döm­ling das weiß. Ich hät­te es auch ger­ne erfah­ren …

Mein Haupt-„Problem“ bei der Lek­tü­re des bio­gra­phi­schen Abris­ses aber: Mir scheint, er hat kei­ne wirk­li­che Deu­tung des Lebens, kei­ne Inter­pre­ta­ti­on des Lebens­we­ges – des­we­gen wirkt das so aka­de­mi­sch, weil er über gro­ße Tei­le des Tex­tes nur die äuße­ren Sta­tio­nen abhan­delt, die Psy­cho­lo­gie des Kom­po­nis­ten aber kei­ne (bzw. nur eine klei­ne) Rol­le spielt. Dazu kommt dann noch eine eher ver­wun­der­li­che Zurück­hal­tung, was die Beschrei­bung und/oder Ana­ly­se der Musik Liszts angeht – das ist oft erschre­ckend und ärger­li­ch kurz, ober­fläch­li­ch und nichts­sa­gend. Von einem Musik­wis­sen­schaft­ler, der sich schon län­ger mit Liszt beschäf­tigt, hät­te ich gera­de in die­sem Punkt deut­li­ch mehr erwar­tet.

Also, in mei­nen Augen kei­ne emp­feh­lens­wer­te Bio­gra­phie, auch im Jubi­lä­ums­jahr nicht: Wer noch kei­ne Kennt­nis­se der Bio­gra­phie Liszts hat, wird sich hier­mit wohl schwer­tun. Und war­um die Süd­deut­sche das emp­feh­lens­wert fand, erschloss sich mir über­haupt nicht.

Wolf­gang Döm­ling: Franz Liszt. Mün­chen: Beck 2011 (Wis­sen). ISBN 978–3-406–61195-7. 112 Sei­ten.

  1. Der MGG-Arti­kel von Det­lef Alten­burg ist durch­aus zu recht erwähnt, der ist schon sehr gut. Und dass Döm­ling sich bei Bur­gers Bild- und Doku­ment­band flei­ßig bedient hat (natür­li­ch nur, was die Tex­te angeht, Bil­der gibt es in die­ser Rei­he ja nicht), merkt man im Text deut­li­ch.
  2. Ich ken­ne mich da nicht wirk­li­ch aus – aber Döm­ling ist ja mit Werkana­ly­sen oder wenigs­tens -beschrei­bun­gen auch ärger­li­ch extrem zurück­hal­tend.
  3. S. 34f. – so steht das wirk­li­ch mit­ten in einer Liszt-Bio­gra­phie. Und das ist nicht die ein­zi­ge der­ar­ti­ge Stel­le, sol­che und ähn­li­che Sei­ten­hie­be gibt es unzäh­li­ge …
  4. Zum Bei­spiel die weni­gen, knap­pen, aber m. E. sehr gen­au tref­fen­den Sät­ze zur Hei­mat-Idee Liszts, zu sei­ner Bezie­hung zu Ungarn – das hät­te durch­aus Poten­zi­al zur Aus­ar­bei­tung gehabt …
  5. Und damit ist Döm­ling auch fast am Ende sei­ner knap­pe Schil­de­rung der Begeg­nung Wag­ner-Liszt im Win­ter 1882/83, S. 100.