Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: arno schmidt Seite 1 von 2

spinnennetz vor natur

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  • Nor­bert Blüm: Nation­al­is­mus ist Idi­otie | Süddeutsche.de → was sind das nur für zeit­en, dass ich einen text von nor­bert blüm zum lesen empfehlen muss …

    Nation­al­is­mus ver­ste­ht etwas von Macht, Glanz und Glo­ria, weniger von Men­schlichkeit. Macht ist die Triebfed­er jed­wed­er nation­al­is­tis­ch­er Poli­tik. Warum sollte ich dem Nation­al­staat nach­trauern? Er ist ein Zwis­chen­spiel der Geschichte, wed­er gottgegeben noch naturgewach­sen.

  • Kühlschränke gibt’s bei Kater Muschi → ein net­ter text über leben und einkaufen arno schmidts in darm­stadt (1955–1958)
  • Wahlkampfro­man 2016. “So wird das Leben.” – Mar­lene Streeruwitz → “Bei der Wieder­hol­ung der Wahl zum öster­re­ichis­chen Bun­de­spräsi­den­ten ste­ht die Entschei­dung für oder gegen die Demokratie an. Mar­lene Streeruwitz erzählt in ihrem drit­ten Wahlkampfro­man was diese Entschei­dung im wirk­lichen Leben bedeutet.”
  • Jour­nal­ist: Zeit-Online-Chefredak­teur Jochen Weg­n­er: “Wir sind anders” → ein inter­es­santes und teil­weise sehr ent­lar­ven­des inter­view. matthias daniel find­et es z.b. (in einem fachmedi­um! für jour­nal­is­ten) “irre”, dass zeit-online den train­er des dfb mit ein­er nicht­nachricht (er macht weit­er) nicht als topthe­ma hat­te …

    und immer wieder wun­dern mich medien­zahlen — so “erre­icht” ze.tt ange­blich 10 % der bevölkerung in deutsch­land. das erscheint mir irre viel …

    und eine schöne bull­shit-phrase: genaue, per­son­al­isierte nutzer­dat­en sind “ein qual­i­fiziert­er Kon­takt zu vie­len Lesern”

  • Lan­guage Stuff – Google Dri­ve → irre viele (englis­chsprachige) gram­matiken irre viel­er sprachen, lei­der (in meinen stich­proben) ohne ordentliche bib­li­ographis­che nach­weise. teil­weise sprach­lehrbüch­er, teil­weise wis­senschaftliche
  • Ohne Pflug auf den Ack­er — Land­wirte passen sich dem Kli­mawan­del an | Deusch­landra­dio Kul­tur → schönes fea­ture über den umgang von (vor­wiegend bio-)landwirten in bran­den­burg mit dem sich ändern­den kli­ma und den damit ein­herge­hen­den verän­derun­gen in ihrer arbeit

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Aus-Lese #33

Es wird mal wieder höch­ste Zeit für die näch­ste Aus-Lese …

Ben­jamin Stein: Das Alpha­bet des Rab­bi Löw. Berlin: Ver­brech­er 2014. 286 Seit­en.

stein, alphabetDas Alpha­bet, ganz frisch vom Ver­lag, ist den­noch schon einige Jahre alt: Denn Stein legt hier ein Über­ar­beitung seines Erstlings vor. Das ist eine sehr aufwändig kon­stru­ierte, ver­track­te Geschichte, die ich jet­zt gar nicht rekon­stru­ieren (oder gar nacherzählen) möchte — und wohl auch kaum noch kön­nte. Was mich wieder ein­mal überzeugt und beein­druckt hat, ist das Erzählen des Erzäh­lens als The­ma selb­st, mit dem fast schon oblig­a­torischen Ver­wis­chen von Erzähltem und Real­ität, bei dem die Gren­zen zwis­chen erzäh­len­dem und erzählten Ich schnell über­wun­den (bzw. unken­ntnlich gemacht) wer­den. Wo das Wirk­liche unwirk­lich wird (zu wer­den scheint) — und die Phan­tasie auf ein­mal real: Da ist man in einem Text von Bejamin Stein. Seraphin mit See­len aus Feuer tauchen hier auf, Selb­stentzün­dun­gen der untreuen Lieb­haber — über­haupt bren­nt hier ziem­lich viel -: Engel, Golem und Rab­bis, Worte und Namen und ähn­lich­es bevölk­eren dieses amüsante Ver­wirspiel auf vie­len Ebe­nen der Erzäh­lung und der Wirk­lichkeit (aber ist eine Wirk­lichkeit, in der es Engel gibt, Men­schen, die selb­st entzün­den, Wiederge­burt/-erscheinen nach mehreren hun­dert Jahren als iden­tis­che Per­son, ist so eine Wirk­lichkeit über­haupt „wirk­lich“?), angere­ichert mit religiösen The­men (und eini­gen Kuriosa, zumin­d­est für mich, der ich mich in der jüdis­chen Reli­gion so gar nicht auskenne). Und wie in Agen­ten­thrillern/-fil­men/-serien wird sozusagen im nach­hinein immer noch eine Ebene der Täuschung/Illusion/Erzählung/Fiktion einge­baut, die jew­eils erst sicht­bar wird, in dem sie zer­stört wird, aufgelöst wird — und entsprechend rück­wirk­end den ganzen Text auflöst, entk­ernt, … Das ist ein alter Erzäh­ler­trick, gewiss, den Stein hier aber dur­chaus nett umset­zt. Manche Pas­sagen sind für meinen Geschmack etwas krim­i­haft, manch­mal auch etwas argl plaud­erend erzählt, zu sehr darauf angelegt, gemein­same sache mit dem Leser machen. Mit Ratio­nal­ität allein wird man diesem Buch über Engel, das zugle­ich ein ver­track­ter Mehrgenerationen-Familiengeschichte(n) im 20. Jahrhun­dert ist, in der alle mit allen zusam­men­hän­gen, kaum gerecht. Und sehr schön ist es übri­gens auch, mal wieder ein in Leinen gebun­denes Buch in der Hand zu haben — das liegt da gle­ich ganz anders …

Was weißt du schon? erwiderte die Stimme. Und das war der Satz, den er von nun an immer wieder hören sollte: Was weißt du schon? Sei nicht dumm. Es gibt ein Bild hin­ter dem Spiegel und eine Stadt tief unter dir. Es gibt Engel, die wer­den als Men­schen geboren, und Men­schen, die gehen in Flam­men auf, weil die Buch­staben keck ihre Plätze tauschen und die Welt auf den Kopf stellen, nicht mehr als ein Spiel. (201f.)

Fried­helm Rath­jen: Arno Schmidt lesen! Ori­en­tierung­shil­fe für Erstleser und Weg­weis­er im Lit­er­aturd­schun­gel. Süd­west­hörn: Edi­tion ReJOYCE 2014. 168 Seit­en.

rathjen, schmidt lesenEin schön­er, kurz­er und knack­iger Überblick aus der Rath­jen-Werk­statt: Zugle­ich eine ganz kurze Ein­führung in die Biogra­phie Schmidts und ein Überblick über sein Schaf­fen. Das geschieht vor allem im Modus der Kurzcharak­ter­is­tik aller Werke, die Rath­jen chro­nol­o­gisch abhan­delt und so zugle­ich auch ein biss­chen Rezep­tion­s­geschichte — vor allem für die nachge­lasse­nen Pub­lika­tio­nen und Edi­tion — bietet. Dazu gehört, den jew­eili­gen Werken zuge­ord­net, ein doch recht aus­führlich­es Verze­ich­nis der (wichti­gen?) Sekundär­lit­er­atur — lei­der ohne Kom­men­tar und deshalb also ein doch nicht ganz so poten­ter „Weg­weis­er“. Als Hil­f­s­mit­tel und Anre­gung für den (noch) nicht voll­ständi­gen Schmid­tian­er ist Arno Schmdit lesen! aber trotz­dem nüt­zlich, auch wenn für meinen Geschmack die Textlein zu den Werken manch­mal doch arg kurz ger­at­en sind. Doch weil Rath­jen ein guter Ken­ner des Schmidtschen-Kos­mos ist, hat das Büch­lein dur­chaus seinen Wert, der naturgemäß für Schmidt-Ken­ner geringer ist als für Novizen.

Ilma Rakusa: Ein­samkeit mit rol­len­dem »r«. Erzäh­lun­gen. Graz: Droschl 2014. 158 Seit­en.

rakusa, einsamkeitIn Kürze: Ganz tolle Erzäh­lun­gen sind hier zu find­en, unbe­d­ingt empfehlenswert — wenn man kleine Geschicht­en zwis­chen Reportage und Momen­tauf­nahme aus der Fremde Europas mit einem Hang zu leichter Melan­cholie und Trau­rigkeit mag. Meist geben sie kurze Ein­blicke in Leben und Charak­ter ein­er Per­son (die den Titel der jew­eili­gen Geschichte bildet), oft durch eine nah­es­tende Erzäh­lerin, einen Fre­und etwa. Das hat oft etwas von ein­er Pseu­do-Reportage, wie es etwa eingear­beit­ete Zitate der Pro­tag­o­nis­ten ein­er Erzäh­lung zur Darstel­lung ihres Hin­ter­grunds, ihrer Geschichte nutzt, als stammten sie aus einem Gespräch. Dazu passt auch die Schlichtheit der Sätze — zumin­d­est syn­tak­tisch, lexikalisch ist das dur­chaus kun­stvoll: Daher kommt auch der lyrische, oft leicht schwebende Ton der Erzäh­lerin­nen aus der Fed­er Rakusas.

Immer wieder wer­den beschädigte Leben erzählen: Heimatver­lust oder über­haupt Heimat­losigkeit, das (ewige) Weit­erziehen, die Suche nach einem Platz/Ort (nicht nur, aber auch geo­graphisch) im Leben bes­tim­men den Weg der Pro­tag­o­nis­ten, die ganz über­wiegend suchend sind, sich auf dem Weg bein­den, immer unter­wegs — nach Leben, Sinn etc., auch nach Erleuch­tung (mehrmals suchen sie die ganz plaka­tiv in Indi­en): entwurzelte Men­schen der Mod­erne zeigt Rakusa uns. Momen­tan oder zeitweise, vorüberge­hend kann die Ein­samkeit aufge­hoben oder sus­pendiert wer­den — in Freundschaft(en) und Liebe etwa, wobei die Enthe­bung aus der Ein­samkeit immer als solche, als nicht dauernde Erle­ichterung, auch wahrgenom­men und erkan­nt wird: Das Bewusst­sein der Endlichkeit der „Gesel­ligkeit“ ist immer vorhan­den, ihre Fragilität gewusst. So spie­len sich in den Fig­uren Dra­ma und Trau­ma der Gegen­wart ab: Kap­i­tal­is­mus, Krieg und Krankheit­en als Verur­sach­er der „Störung“. Und: Europa außer­halb Deutschlands/Mitteleuropa wird gezeigt, mit Krieg und Kriegs­fol­gen, Armut, Leere, Verzwei­flung, Leid, Trauer und Trau­rigkeit — ohne deshalb total schwarz zu sein, grundiert diese dun­kle Erfahrung doch nicht nur das Leben der Pro­tag­o­nistin­nen, son­dern auch den Ton der meis­ten Erzäh­lun­gen: dunkel, aber nicht depres­siv; hart, aber nicht verzweifelt. Auch die Orte sind keineswegs alles Idyllen: Kol­jan­sk etwa wird als rein­er Höl­lenort erzählt: Trost­los, aus­sicht­s­los, ret­tungs­los: „Ein Punkt, der bald ver­schwun­den sein wird. Dort.“ (158) — das sind zugle­ich die let­zten Worte des Buch­es — die dem Ganzen noch eine­mal einen etwas über­raschend düster­nen, trost­los-grauen Dreh geben

Wie geht das: im Leben eine Seite umwen­den? Aussteigen, wegge­hen, auf nichts hof­fen als auf die Richtigkeit der Entschei­dung. (73)

Wir waren kurz sehr lange weg gewe­sen. (79)

Tim B. Müller: Nach dem Ersten Weltkrieg. Lebensver­suche mod­ern­er Demokra­tien. Ham­burg: Ham­burg­er Edi­tion 2014. 174 Seit­en.

müller, demokratienDemokra­tien sind labile Gebilde, Dauer­haftigkeit gibt es nicht, die Demokratie muss immer neu hergestellt wer­den. Deswe­gen benöti­gen sie Entschei­dun­gen, Reagieren — und Entwick­lung, sie verzei­hen aber auch Fehler. Ganz beson­ders gilt das für Momente der Krise. Müller zeigt das anhand “der” Krise der mod­er­nen Demokra­tien nach dem Ersten Weltkrieg am Ende der 1920er Jahre, im Umfeld der Wirtschaft­skrise. Dabei zeigt Müller auch, wie eng soziale Demokratie (mit ihrer Umverteilung (die aus dem Gle­ich­heit­spos­tu­lat resul­tiert), also der „Wohlfahrtsstaat“ und demokratis­che Organ­i­sa­tion sowie Gesin­nung (der Bevölkerung) im 20. Jahrhun­dert in Europa (und den USA) zusam­men­hän­gen.

Demokratie will Müller ver­standen wis­sen als Prozess, ständi­ge Diskus­sion, Vergewis­serung und Anpas­sung sind notwendig und wesen­haft. Das geschieht nicht in allen Län­dern und Gesellschaften gle­ichzeit­ig und auf gle­iche Weise. Für Deutsch­land stellt er etwa fest:

Demokratie als Kul­tur und Lebensweise musste in Deutsch­land mit beson­derem Nach­druck ver­ankert wer­den, weil Kriegsver­lauf und Nieder­lage eine schwierige Aus­gangslage geschaf­fen hat­ten: Die Kriegsnieder­lage führte zur Demokratie, was die Demokratie belastete. (81)

Und später heißt es:

Es bedurfte ein­er gewalti­gen Erschüt­terung, um dieses Gefüge ins Wanken zu brin­gen. Die Weltwirtschaft­skrise ließ die Entwick­lung, die den Zeitgenossen seit dem Ersten Weltkrieg unaufhalt­sam erschienen war, still­ste­hen. Das war nicht der Unter­gang. Aber die Rou­ti­nen und Kon­ven­tio­nen der Demokra­tien, die auch unter großem Druck so lange so gut funk­tion­iert hat­ten, geri­eten ins Stot­tern. Jet­zt kam es auf kluges Regieren an, jet­zt kon­nte jed­er falsche Schritt in den Abgrund führen, jet­zt waren anti­demokratis­che Kräfte und Tra­di­tio­nen imstande, zur Bedro­hung zu wer­den. Die lib­erale und soziale Demokratie war nicht am Ende. Sie ging sog­ar gestärkt aus der großen Krise her­vor. Nur nicht in Deutsch­land. (112f.)

Das ist genau der Punkt, um den dieser Essay kreist: Die Entwick­lung der Geschichte war — auch in Deutsch­land — keine zwangsläu­fige, der Weg aus der Krise hätte auch anders ausse­hen kön­nen. Ver­sagen sieht Müller hier vor allem bei Brün­ing, dem er bescheinigt:

Vom Blick­winkel der Geschichte der Demokratie aus war es nicht diese oder jene Maß­nahme der Brün­ing-Regierung, die den Unter­gang der Demokratie ein­leit­ete, nicht das Sparen selb­st, son­dern ein fun­da­men­tales intellek­tuelles Ver­sagen, die Unfähigkeit, Poli­tik in ein­er der Demokratie angemesse­nen Kom­plex­ität zu denken. (120)

Die Modi, Lösun­gen oder Strate­gien zur Bewäl­ti­gung der Krise der Demokratie, darauf weist Müller aus­drück­lich hin, hät­ten aber ger­ade das zur Bedin­gung gehabt: Die Beherrschung des „The­aters der Demokratie“ (127) — das scheint für Müller nicht nur der/ein wesentlich­er Unter­scheid zwis­chen Brün­ing und Roo­sevelt zu sein, son­dern ein wesentlich­es Ele­ment erfol­gre­ich­er Krisen­be­wäl­ti­gung. Zumin­d­est kann man sein Lob von Roo­sevelts „demokratische[m] Exper­i­men­tieren“ (129), das Müller wohl als angemessen­stes Ver­fahren, die Krise zu be-/über­wälti­gen, ansieht, so sehen.

Im Grunde ist das auch schon ein wesentlich­er Teil des Haup­tar­gu­ments: „Wirtschaftswach­s­tum, Wohlfahrtsstaat und Demokratie waren unau­flös­lich miteinan­der ver­woben.“ (138f.). Und da sind, ger­ade in Krisen­zeit­en, für Müller han­del­nde Per­so­n­en gefragt, Indi­viduen (hier eben Poli­tik­er (& Keynes ;-))), die diese Kom­plex­ität erken­nen und zugle­ich im demokratis­chen Diskurs (dem “The­ater”) angemessen argu­men­tieren kön­nen. In allen seinen Beispie­len macht Müller Aktive aus, die die Demokratie „ret­ten“ (oder im falle Brün­ings, eben nicht). Angelegt ist das dabei dur­chaus in Struk­turen, aber die Notwendigkeit der/einer Entschei­dung und — das ist im demokratis­chen Han­deln eben immer genau­so wichtig — des Überzeu­gens bleibt (als vornehm­lich indi­vidu­elle Leis­tung!).

Als konkrete Über­lebensstrate­gien von Demokra­tien iden­ti­fiziert Müller dann vor allem drei Momente: Erstens die „soziale Sta­bil­isierung durch Sozialpoli­tik“ (das heißt auch, in wirtschaftlichen Krisen­zeit­en die staatlichen Investi­tio­nen auszuweit­en statt blind zu sparen), zweit­ens die „poli­tis­che Inte­gra­tion durch demokratis­ches Pathos, durch Par­tizipa­tion und Mobil­isierung der Bürg­er“ und drit­tens eine Wirtschaft­spoli­tik mit inten­sivem ein­greifen in ökonomis­che Struk­turen, „ohne Rück­sicht auf ökonomis­che Effizienz“, d.h. hier v.a. Arbeits­beschaf­fungs­maß­nah­men (152). Das kann man übri­gens, so deutet Müller sehr vor­sichtig an, dur­chaus auch für die gegen­wär­tige Krise als Lösungs­fak­toren annehmen … Über alle Krisen hin­aus aber gilt:

Demokra­tien mussten sich ihrer ständi­gen Gefährdung auch in guten Zeit­en bewusst bleiben. Unter allen Umstän­den galt es, ihr zivil­isatorischen Min­i­mum zu bewahren. (152)

Alexan­der Gumz: aus­rück­en mit mod­ellen. Berlin: kook­books 2011. 88 Seit­en.

gumz, modelleSelt­sam: das fes­selt oder berührt mich so gar nicht — ohne dass ich sagen kön­nte, warum. Irgend­wie zün­den die Bilder nicht, die Sprache (Stil und Form) set­zt sich nicht fest, die Inhalte inter­essieren mich nicht. Die Form­losigkeit (gerne in lan­gen Zweizeil­er) ist zwar irgend­wie gefühlt kook­books-typ­isch, aber ich erkenne nichts, was die Texte für mich inter­es­sant machte. Vielle­icht braucht’s nochmal eine Re-Lek­türe in ein paar Wochen — wer weiß, möglicher­weise sieht der Leseein­druck dann schon ganz anders aus …

Nette Momente hat das näm­lich schon — zum Beispiel im ersten Zyk­lus, „zer­beultes gelände“: Der Wald, der wie auf Dro­gen scheint. Über­haupt spie­len Zeichen (in) der Natur eine Rolle: das heißt nicht zufäl­lig „zer­beultes gelände“, geht es doch immer wieder um die Ein­wirkung und die Ein­griffe der Men­schen in die Natur bzw. den Wald. Aber dann lese ich eben auch vieles, was mir nur selt­sam und gewollt erscheint: wie gesagt, die Res­o­nanz fehlt bei mir (was dur­chaus an diesem spez­i­fis­chen Leser liegen kann): das sind nur lose gerei­hte gewollte Bilder für mich, nach den ersten Seit­en ist aber auch dieser Reiz weg.

wir lehnen an der gren­ze zum gewit­ter,
schüt­teln die köpfe.

unter unseren füßen
dehnt sich der steg. (11, zer­beultes gelände)

Christoph Bangert: War Porn. Hei­del­berg, Berlin: Kehrer 2014. 189 Seit­en.

bangert, war pornEin hartes, sehr hartes und grausames Buch. War Porn sam­melt Kriegs­fo­tografie aus Irak und Afghanistan vor allem, die in Zeitun­gen und Zeitschriften nicht gedruckt wird. Sie zeigt näm­lich vor allem die Opfer, die Reste, die von Men­schen manch­mal nur noch übrig bleiben, nach dem der Krieg über sie hin­weg gegan­gen ist. Aber das ist eben auch emi­nent wichtig, so etwas zu sehen, sich selb­st zuzu­muten — Krieg, Gewalt passiert ja nicht ein­fach, son­dern wird gemacht. Von Men­schen. Über­all und immer wieder. Daran muss man erin­nern: wie das aussieht — abseits der schick­en Kampf­jets oder der harm­los verniedlicht­en “Drohnen”. Klug ist das insofern, als Bangert sehr wohl um die „Nor­mal­ität“ sein­er Bilder weiß: Die sind — und das gilt eben lei­der auch für das dargestellte — keineswegs außergewöhn­lich. Ungewöhn­lich ist nur, dass sie gezeigt wer­den. Das — als Buch — zu loben, hat einen bit­teren Beigeschmack: Denn das ist zwar dur­chaus ein schönes Buch, schön­er wäre es aber, wenn es War Porn gar nicht gäbe.

What you see in this book is my per­son­al expe­ri­ence. And in a way it’s yours, too, because these things hap­pened in your life­time. You as a view­er are com­plic­it. (3)

außer­dem:

  • Peter Weiss, Ästhetik des Wider­stands — großar­tig und erschla­gend, fes­sel­nd und lang­weilend ohne Ende (je nach dem, wo man ger­ade ist — im 2. Buch hat­te ich ganz schöne Durch­hänger …)
  • Johann Beer (das “Tage­buch”, Jucun­di Jucundis­si­mi wun­der­liche Lebens-Beschrei­bung u.a.)
  • Chris­t­ian Reuter, Schmel­muff­skys wahrhafftige curiöse und sehr gefährliche Reisebeschrei­bung zu Wass­er und Lande
  • Joseph Roth, Das falsche Gewicht. Die Geschichte eines Eich­meis­ters
  • Max Frisch, Tage­buch 1966–1971

Gedichte

die besten Gedichte eines Goethe, Klop­stock, Hölder­lin — sind nichts, als sehr gute Prosa; anders, in Zeilen, ange­ord­net

— Arno Schmidt, Reim’ Dich oder ich freß’ Dich!

Ins Netz gegangen (17.1.)

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  • Wie Markus Lanz ein paar Mal bei der “schön­sten Linken aller Zeit­en” ein­hak­en musste « Ste­fan Nigge­meier — Ste­fan Nigge­meier ver­sucht, die let­zte Lanz-Sendung zu würdi­gen. Viel mehr als sie zu zitieren, muss er nicht machen, um die Erbäm­lichkeit des öffentlich-rechtlichen Talk­show-Fernse­hens zu demon­stri­eren. Sein Schluss:

    Es war, als würde man ver­suchen, eine inhaltliche Diskus­sion mit einem Sech­sjähri­gen zu führen, der als Argu­mente zwei­hun­dert Fleis­chbällchen in Tomaten­soße hat und bere­it ist, jedes einzelne abzufeuern.

    Ich weiß, warum ich kein Fernse­her habe …

  • Nicht die Sprache sündigt, son­dern der Sprech­er — DIE WELT — Karl-Heinz Göt­tert hat mit sein­er Skep­sis, was die Ziele der (Un-)Wortwahlen ange­ht, wohl nicht ganz unrecht:

    Sprachkri­tik ist als Wortkri­tik immer irgend­wie im Hin­tertr­e­f­fen. Sprachkri­tik braucht wirk­lich Diskus­sion, Einge­hen auf Umstände und Motive, sie braucht schlicht Zusam­men­hang.
    Was sind deshalb die besten Orte für Sprachkri­tik? Erstens die Schule, zweit­ens die Schule, drit­tens die Schule. Hier kann über Sprache gesprochen wer­den, hier lassen sich Missver­ständ­nisse beseit­i­gen, hier geht es statt um Dekrete um Analy­sen.

  • 18. Her­rn­dorf oder die gefal­tete Zeit | Geschichte wird gemacht — Achim Landwehr über »Tem­po­ral­tek­tonik« und die gefal­tete Zeit in Wolf­gang Her­rn­dorfs “Arbeit und Struk­tur” >
  • Alexan­der Kluge: 20 Geschicht­en für Arno Schmidt. — LOGBUCH — Alexan­der Kluge trifft auf recht kuriose Weise Arno Schmidt

Aus-Lese #24

Arno Schmidt zum Vergnü­gen. Stuttgart: Reclam 2013. 191 Seit­en.

Dieses kleine, von Susanne Fis­ch­er (der Geschäfts­führerin der Arno-Schmidt-Stiftung) her­aus­gegebene Bänd­chen hält genau, was der Titel ver­spricht: Vergnügliche Streifzüge durch das Schaf­fen Schmidts. The­ma­tisch in 14 Kapi­tel geord­net, ver­sam­melt das hier Bon­mots, Ein­fälle, Aussprüche und kurze Abschnitte, die im weitesten Sinne vergnüglich sind: Weil sie humorig for­muliert sind oder afu eben diese Weise bes­timmte Dinge beobacht­en. Eine wun­der­bare Lek­türe für zwis­chen­durch (weil das fast immer nur kurze Abschnitte von weni­gen Sätzen sind).

Ulf Erd­mann Ziegler: Nichts Weißes. Berlin: Suhrkamp 2013. 259 Seit­en.

Ziegler erzählt in Nichts Weißes die Lebens­geschichte ein­er Schrift­gestal­terin und die Idee der per­fek­ten, weil abso­lut unaufäl­li­gen Schrift am Umbruch zum Com­put­er-/PC-Zeital­ter. Das wird aber erst auf den let­zten Seit­en richtig deut­lich: Dann wird klar, dass es hier vor allem um das Ende des klas­sis­chen Guten­berg-Zeital­ters mit sein­er Fix­ierung auf Schrift und Text (und deren Her­stel­lung, um die es hier — im Bere­ich der Typogra­phie — ja vor allem geht) geht. Das ist dur­chaus raf­finiert, etwa in der Andeu­tung der Auflö­sung der Textdom­i­nanz durch die (Gebrauchs-)Grafik der Wer­bung und ähn­liche Vorgänge, auch die allmäh­lich wach­sende Dom­i­nanz der Com­put­er ist ganz geschickt erzählt, auch wenn das am Ende etwas platt wird. Über­haupt erzählt Ziegler durch­wegs gut und klug, aber sprach­lich ohne beson­dere Fasz­i­na­tion für mich. Auch schien mir das Ziel des Textes lange Zeit nicht so recht klar, zumal es weite Abschwei­fun­gen gibt, die nicht so recht motiviert sind — etwa die Blicke in die Kind­heit: Das sind for­mal etwas frag­würdi­ge Lösun­gen, um die (inhaltliche) Moti­va­tion der Heldin Mar­leen hinzubekom­men und aus­führlich zu erk­lären. Der Schluss ist dann etwas unver­mit­telt, die Wende zum Com­put­erzeital­ter scheint schon über den Text hin­aus zu gehen.

Über­haupt ver­liert das dann an Kraft, wenn es um die eigentlichen Lebenswege der Pro­tag­o­nistin geht. Wo Ziegler die “Hin­ter­gründe” — das Aufwach­sen im Deutsch­land der 70er/80er Jahre etc. — schildert, ist es viel präzis­er und faszinieren­der als im Lebenslauf Mar­leens, der etwas blass bleibt.

Gen­ervt haben mich etwas die ober­fläch­lich ver­hüll­ten Anspielun­gen auf reale Wel­ten — IBM heißt hier IOM (office statt bureau), Greno in Nördlin­gen Volpe, die Andere Bib­lio­thek ist die Eigene gewor­den und so weit­er — das ist so durch­sichtig, dass es eigentlich sinn­los ist und den Text irgend­wie bil­lig wirken lässt.

Hans Franck: Die Pil­ger­fahrt nach Lübeck. Eine Bach-Nov­el­le. Güter­sloh: Ber­tels­mann 1952. 80 Seit­en.

Franck schildert hier die berühmte “Urlaub­sreise” Bachs zum großen Organ­is­ten Diet­rich Bux­te­hude nach Lübeck, die ein kleines biss­chen länger dauerte als geplant: Der Arn­städter Rat hat­te seinem Organ­is­ten einen Monat Urlaub genehmigt, nach mehr als vier Monat­en war Bach wieder in Thüri­gen zurück. Francks Nov­el­le pen­delt zwis­chen pseudo­barock­em Satzgeschwurbel und mod­ernem Men­schen­bild, gar­niert mit ein­er defti­gen Prise über­bor­den­der Fröm­migkeit. Wed­er lit­er­arisch noch his­torisch beson­ders wertvoll, aber eine nette Kuriosität für eine Stunde Zug­fahrt …

Wiener Kongress

… als ver­frühter Auf­takt zum 200-jähri­gen Jubiläum des Wiener Kongress schon mal eine Ein­schätzung von Arno Schmidt:

Damals in Wien wurde seit­ens der Monar­chen und ihrer Kan­zler organ­isiert: die Restau­ra­tion, die Große Läh­mung, die »Heilige Allianz« — das Windei, an dem wir auch heute wieder saugen. Unser dummes Volk freilich — zu dessen Merk­malen es gehört, daß es kitschi­gen For­mulierun­gen gegenüber beson­ders wider­stand­s­los ist — hat sich die sin­istren Fak­ten dessen, was damals mit ihm gemacht wurde, durch fol­gende Über­schrift aus dem Gedächt­nis weg=eskamotieren lassen: »Der Kon­greß tanzt«: so bringt man dem »Unter­tan« Geschichte bei: es lebe die Mnemotech­nik!Arno Schmidt, Aus dem Leben eines Fauns

Naturschönheiten

Das Ver­läßlich­ste sind Naturschön­heit­en. Dann Büch­er; dann Brat­en mit Sauer­kraut. Alles andere wech­selt und gaukelt.
Arno Schmidt, Aus dem Leben eines Fauns

Aus-Lese #20

Robert Seethaler: Der Trafikant. Zürich, Berlin: Kein & Aber 2012. 250 Seit­en.

Der Trafikant beruht auf ein­er span­nen­den Idee: Mit Hil­fe eines Pro­tag­o­nis­ten, der aus der ländlichen Region am Attersee nach Wien kommt, um dort Trafikant zu wer­den, erzählt Seethaler die Geschichte Österreichs/Deutschlands/Europas in den 1930er und 1940er Jahren. Die Spiegelung des kul­turellen und poli­tis­chen (Welt-)Geschehens (bzw. markante Punkte/Auszüge davon) in einem per­sön­lichen Leben — das ist sicher­lich der inter­es­san­teste Aspekt am Trafikant. Diese Ver­schränkung von Zeit­geschichte und per­sön­lich­er Biographi ist keineswegs eine neue, inno­v­a­tive Idee Seethalers — aber die Art, wie er das erzäh­lerisch umset­zt, ist doch char­mant und überzeu­gend. Das liegt auch daran, dass er gut zwis­chen bei­den Polen bal­anciert — das ist in diesem Fall ja ger­ade das Kun­st­stück. Dazu kommt sein stark­er, kräftig zupack­ender Stil. Und einige gute Ein­fälle wie zum Beispiel die geschick­te Inte­gra­tion von Sig­mund Freud als “Kapiz­ität” und Ther­a­peut (v.a./u.a. in Liebesnöten). Das ist auch ein schön­er Schachzug des Erzäh­lers. So wer­den näm­lich auch Traum-Erin­nerung und ‑Deu­tung ganz unauf­fäl­lig zum Motiv im Trafikant — und Träume als Texte. Ein­fach schön ist, wie das nach und nach ganz sorgsam einge­führt wird … Sowieso muss man die erzäh­lerische Sorgfalt Seethalers loben, seine Pla­nung der Anlage der Handlung(en) — das gelingt ihm vorzüglich und macht den Trafikant zu so ein­er inter­es­san­ten Lek­türe.

„Die Leute sind ganz nar­risch nach diesem Hitler und nach schlecht­en Nachricht­en — was ja prak­tisch ein und das­selbe ist“, sagte Otto Trsnjek. „Jeden­falls ist das gut für das Zeitungs­geschäft — und ger­aucht wird sowieso immer!“ (35)

Mütze #5. Her­aus­gegeben von Urs Engel­er. Solothurn 2013. 52 Seit­en.

Dieses Mal in ein­er der besten Zeitschriften: Guy Dav­en­port schreibt assozi­a­tion­sre­ich über Balthus, Stephan Bros­er führt vor, wie man psy­cho­an­a­lytis­che die Geburt der Psy­cho­analyse beschreibt oder erk­lärt (Anna — Ananke), dazu noch einne span­nende “Ohren­Per­for­mance mit LiveG­uide” von Brigitte Oleschin­s­ki, “spricht ins Ohr und Sie gehen mit” betitelt. Und noch die Fort­set­zung von Gün­ter Plessows Faulkn­er-Über­set­zung (das erste Kapi­tel aus “Absa­lom, Absa­lom!”) — sehr anre­gend und anre­ich­ernd (lustig übri­gens, dass eine Zeitschrift mit dem Namen “Mütze”, was ja eigentlich so etwas wie eine Ein­hegung des Kopfes meint, eine absich­ernde Beschränkung, sich so ganz und gar der Befreiung des Denkens ver­schreibt und in alle Rich­tun­gen ihre Füh­ler ausstreckt, Gren­zen ignori­ert und zur Seite stößt …)

Thomas De Quincey: Die let­zten Tage des Immanuel Kant. Aus dem Englis­chen über­set­zt und her­aus­gegeben von Cor­nelia Lan­gen­dorf. Mit Beiträ­gen von Fleur Jaeg­gy, Gio­gio Man­ganel­li und Albert Cara­co sowie einem Anhang. München: Matthes & Seitz 1991. 143 Seit­en.

Auf diesen lufti­gen Text bin ich durch das 100-Seit­en-Pro­jekt des Umblät­ter­eres gestoßen. Und ich muss sagen: Es macht Spaß, diesen abseit­i­gen Text zu lesen. Das ist ein wun­der­bar ern­ster Sch­aber­nack … Dabei lässt es De Quincey nie an Pietät und Verehrung fehlen.

Inzwis­chen habe ich aus ein­er eige­nen (abso­lut zuver­läs­si­gen) Quelle einige Angaben erhal­ten, die die Aus­sagen […] teil­weise wider­legen. Würde ich mir deshalb erlauben, die Glaub­würdigkeit dieser Her­ren anzuzweifeln? Keineswegs. (79)

Der kurze Text betont die abstrusen Eigen­heit­en und Son­der­lichkeit­en Kants in der Schilderung seines Tagesablaufs und seines Ver­falss zum Ster­ben. 1827 erst­mals erschienen, fol­gt er in ein­er selt­samen Mis­chung aus Wahrheit und Dich­tung den Bericht­en Ehre­gott Andreas Wasian­skis, einem Ver­traut­en Kants aus dessen let­zten Leben­s­jahren. De Quincey tut dies nüchtern und empathisch, pedan­tisch und barock zugle­ich.

Die Aus­gabe bei Matthes & Seitz ist außer­dem auch ein schönes Buch und mir ihren reich­lichen Beiga­ben, die die Rezep­tion des Textes in ver­schiede­nen Sprachen Europas beiläu­fig noch vor­führt und außer­dem die Absur­dität des in die Schädelmesserei ver­liebten 19. Jahrhun­derts.

außer­dem:

  • Goethes Werther (die Fas­sung von 1774)
  • einiges von Arno Schmidt im Arno-Schmidt-Lese­buch

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