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Michael Podger

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  • Nor­bert Blüm: Natio­na­lis­mus ist Idio­tie | Süddeutsche.de → was sind das nur für zei­ten, dass ich einen text von nor­bert blüm zum lesen emp­feh­len muss …

    Natio­na­lis­mus ver­steht etwas von Macht, Glanz und Glo­ria, weni­ger von Mensch­lich­keit. Macht ist die Trieb­fe­der jed­we­der natio­na­lis­ti­scher Poli­tik. War­um soll­te ich dem Natio­nal­staat nach­trau­ern? Er ist ein Zwi­schen­spiel der Geschich­te, weder gott­ge­ge­ben noch natur­ge­wach­sen.

  • Kühl­schrän­ke gibt’s bei Kater Muschi → ein net­ter text über leben und ein­kau­fen arno schmidts in darm­stadt (1955–1958)
  • Wahl­kam­pfro­man 2016. „So wird das Leben.“ – Mar­le­ne Stree­ru­witz → „Bei der Wie­der­ho­lung der Wahl zum öster­rei­chi­schen Bun­des­prä­si­den­ten steht die Ent­schei­dung für oder gegen die Demo­kra­tie an. Mar­le­ne Stree­ru­witz erzählt in ihrem drit­ten Wahl­kam­pfro­man was die­se Ent­schei­dung im wirk­li­chen Leben bedeu­tet.“
  • Jour­na­list: Zeit-Online-Chef­re­dak­teur Jochen Weg­ner: „Wir sind anders“ → ein inter­es­san­tes und teil­wei­se sehr ent­lar­ven­des inter­view. mat­thi­as dani­el fin­det es z.b. (in einem fach­me­di­um! für jour­na­lis­ten) „irre“, dass zeit-online den trai­ner des dfb mit einer nicht­nach­richt (er macht wei­ter) nicht als top­the­ma hat­te …

    und immer wie­der wun­dern mich medi­en­zah­len – so „erreicht“ ze.tt angeb­li­ch 10 % der bevöl­ke­rung in deutsch­land. das erscheint mir irre viel …

    und eine schö­ne bull­s­hit-phra­se: genaue, per­so­na­li­sier­te nut­zer­da­ten sind „ein qua­li­fi­zier­ter Kon­takt zu vie­len Lesern“

  • Lan­gua­ge Stuff – Goo­gle Dri­ve → irre vie­le (eng­lisch­spra­chi­ge) gram­ma­ti­ken irre vie­ler spra­chen, lei­der (in mei­nen stich­pro­ben) ohne ordent­li­che biblio­gra­phi­sche nach­wei­se. teil­wei­se sprach­lehr­bü­cher, teil­wei­se wis­sen­schaft­li­che
  • Ohne Pflug auf den Acker – Land­wir­te pas­sen sich dem Kli­ma­wan­del an | Deu­sch­land­ra­dio Kul­tur → schö­nes fea­ture über den umgang von (vor­wie­gend bio-)landwirten in bran­den­burg mit dem sich ändern­den kli­ma und den damit ein­her­ge­hen­den ver­än­de­run­gen in ihrer arbeit

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Aus-Lese #33

Es wird mal wie­der höchs­te Zeit für die nächs­te Aus-Lese …

Ben­ja­min Stein: Das Alpha­bet des Rab­bi Löw. Ber­lin: Ver­bre­cher 2014. 286 Sei­ten.

stein, alphabetDas Alpha­bet, ganz fri­sch vom Ver­lag, ist den­no­ch schon eini­ge Jah­re alt: Denn Stein legt hier ein Über­ar­bei­tung sei­nes Erst­lings vor. Das ist eine sehr auf­wän­dig kon­stru­ier­te, ver­track­te Geschich­te, die ich jetzt gar nicht rekon­stru­ie­ren (oder gar nach­er­zäh­len) möch­te – und wohl auch kaum noch könn­te. Was mich wie­der ein­mal über­zeugt und beein­druckt hat, ist das Erzäh­len des Erzäh­lens als The­ma selbst, mit dem fast schon obli­ga­to­ri­schen Ver­wi­schen von Erzähl­tem und Rea­li­tät, bei dem die Gren­zen zwi­schen erzäh­len­dem und erzähl­ten Ich schnell über­wun­den (bzw. unkennt­n­li­ch gemacht) wer­den. Wo das Wirk­li­che unwirk­li­ch wird (zu wer­den scheint) – und die Phan­ta­sie auf ein­mal real: Da ist man in einem Text von Beja­min Stein. Sera­phin mit See­len aus Feu­er tau­chen hier auf, Selbst­ent­zün­dun­gen der untreu­en Lieb­ha­ber – über­haupt brennt hier ziem­li­ch viel -: Engel, Golem und Rab­bis, Worte und Namen und ähn­li­ches bevöl­ke­ren die­ses amü­san­te Ver­wir­spiel auf vie­len Ebe­nen der Erzäh­lung und der Wirk­lich­keit (aber ist eine Wirk­lich­keit, in der es Engel gibt, Men­schen, die selbst ent­zün­den, Wiedergeburt/-erscheinen nach meh­re­ren hun­dert Jah­ren als iden­ti­sche Per­son, ist so eine Wirk­lich­keit über­haupt „wirk­li­ch“?), ange­rei­chert mit reli­giö­sen The­men (und eini­gen Kurio­sa, zumin­dest für mich, der ich mich in der jüdi­schen Reli­gi­on so gar nicht aus­ken­ne). Und wie in Agententhrillern/-filmen/-serien wird sozu­sa­gen im nach­hin­ein immer noch eine Ebe­ne der Täuschung/Illusion/Erzählung/Fiktion ein­ge­baut, die jeweils erst sicht­bar wird, in dem sie zer­stört wird, auf­ge­löst wird – und ent­spre­chend rück­wir­kend den gan­zen Text auf­löst, ent­kernt, … Das ist ein alter Erzäh­ler­trick, gewiss, den Stein hier aber durch­aus nett umsetzt. Man­che Pas­sa­gen sind für mei­nen Geschmack etwas kri­mi­haft, manch­mal auch etwas argl plau­de­rend erzählt, zu sehr dar­auf ange­legt, gemein­sa­me sache mit dem Leser machen. Mit Ratio­na­li­tät allein wird man die­sem Buch über Engel, das zugleich ein ver­track­ter Mehrgenerationen-Familiengeschichte(n) im 20. Jahr­hun­dert ist, in der alle mit allen zusam­men­hän­gen, kaum gerecht. Und sehr schön ist es übri­gens auch, mal wie­der ein in Lei­nen gebun­de­nes Buch in der Hand zu haben – das liegt da gleich ganz anders …

Was weißt du schon? erwi­der­te die Stim­me. Und das war der Satz, den er von nun an immer wie­der hören soll­te: Was weißt du schon? Sei nicht dumm. Es gibt ein Bild hin­ter dem Spie­gel und eine Stadt tief unter dir. Es gibt Engel, die wer­den als Men­schen gebo­ren, und Men­schen, die gehen in Flam­men auf, weil die Buch­sta­ben keck ihre Plät­ze tau­schen und die Welt auf den Kopf stel­len, nicht mehr als ein Spiel. (201f.)

Fried­helm Rath­jen: Arno Schmidt lesen! Ori­en­tie­rungs­hil­fe für Erst­le­ser und Weg­wei­ser im Lite­ra­turdschun­gel. Süd­west­hörn: Edi­ti­on ReJOY­CE 2014. 168 Sei­ten.

rathjen, schmidt lesenEin schö­ner, kur­zer und kna­cki­ger Über­bli­ck aus der Rath­jen–Werk­statt: Zugleich eine ganz kur­ze Ein­füh­rung in die Bio­gra­phie Schmidts und ein Über­bli­ck über sein Schaf­fen. Das geschieht vor allem im Modus der Kurz­cha­rak­te­ris­tik aller Wer­ke, die Rath­jen chro­no­lo­gi­sch abhan­delt und so zugleich auch ein biss­chen Rezep­ti­ons­ge­schich­te – vor allem für die nach­ge­las­se­nen Publi­ka­tio­nen und Edi­ti­on – bie­tet. Dazu gehört, den jewei­li­gen Wer­ken zuge­ord­net, ein doch recht aus­führ­li­ches Ver­zeich­nis der (wich­ti­gen?) Sekun­där­li­te­ra­tur – lei­der ohne Kom­men­tar und des­halb also ein doch nicht ganz so poten­ter „Weg­wei­ser“. Als Hilfs­mit­tel und Anre­gung für den (noch) nicht voll­stän­di­gen Schmid­tia­ner ist Arno Schm­dit lesen! aber trotz­dem nütz­li­ch, auch wenn für mei­nen Geschmack die Text­lein zu den Wer­ken manch­mal doch arg kurz gera­ten sind. Doch weil Rath­jen ein guter Ken­ner des Schmidt­schen-Kos­mos ist, hat das Büch­lein durch­aus sei­nen Wert, der natur­ge­mäß für Schmidt-Ken­ner gerin­ger ist als für Novi­zen.

Ilma Raku­sa: Ein­sam­keit mit rol­len­dem »r«. Erzäh­lun­gen. Graz: Dro­schl 2014. 158 Sei­ten.

rakusa, einsamkeitIn Kür­ze: Ganz tol­le Erzäh­lun­gen sind hier zu fin­den, unbe­dingt emp­feh­lens­wert – wenn man klei­ne Geschich­ten zwi­schen Repor­ta­ge und Moment­auf­nah­me aus der Frem­de Euro­pas mit einem Hang zu leich­ter Melan­cho­lie und Trau­rig­keit mag. Meist geben sie kur­ze Ein­bli­cke in Leben und Cha­rak­ter einer Per­son (die den Titel der jewei­li­gen Geschich­te bil­det), oft durch eine nahes­ten­de Erzäh­le­rin, einen Freund etwa. Das hat oft etwas von einer Pseu­do-Repor­ta­ge, wie es etwa ein­ge­ar­bei­te­te Zita­te der Prot­ago­nis­ten einer Erzäh­lung zur Dar­stel­lung ihres Hin­ter­grunds, ihrer Geschich­te nutzt, als stamm­ten sie aus einem Gespräch. Dazu passt auch die Schlicht­heit der Sät­ze – zumin­dest syn­tak­ti­sch, lexi­ka­li­sch ist das durch­aus kunst­voll: Daher kommt auch der lyri­sche, oft leicht schwe­ben­de Ton der Erzäh­le­rin­nen aus der Feder Raku­sas.

Immer wie­der wer­den beschä­dig­te Leben erzäh­len: Hei­mat­ver­lust oder über­haupt Hei­mat­lo­sig­keit, das (ewi­ge) Wei­ter­zie­hen, die Suche nach einem Platz/Ort (nicht nur, aber auch geo­gra­phi­sch) im Leben bestim­men den Weg der Prot­ago­nis­ten, die ganz über­wie­gend suchend sind, sich auf dem Weg bein­den, immer unter­wegs – nach Leben, Sinn etc., auch nach Erleuch­tung (mehr­mals suchen sie die ganz pla­ka­tiv in Indien): ent­wur­zel­te Men­schen der Moder­ne zeigt Raku­sa uns. Momen­tan oder zeit­wei­se, vor­über­ge­hend kann die Ein­sam­keit auf­ge­ho­ben oder sus­pen­diert wer­den – in Freundschaft(en) und Lie­be etwa, wobei die Ent­he­bung aus der Ein­sam­keit immer als sol­che, als nicht dau­ern­de Erleich­te­rung, auch wahr­ge­nom­men und erkannt wird: Das Bewusst­sein der End­lich­keit der „Gesel­lig­keit“ ist immer vor­han­den, ihre Fra­gi­li­tät gewusst. So spie­len sich in den Figu­ren Dra­ma und Trau­ma der Gegen­wart ab: Kapi­ta­lis­mus, Krieg und Krank­hei­ten als Ver­ur­sa­cher der „Stö­rung“. Und: Euro­pa außer­halb Deutschlands/Mitteleuropa wird gezeigt, mit Krieg und Kriegs­fol­gen, Armut, Lee­re, Ver­zweif­lung, Leid, Trau­er und Trau­rig­keit – ohne des­halb total schwarz zu sein, grun­diert die­se dunkle Erfah­rung doch nicht nur das Leben der Prot­ago­nis­tin­nen, son­dern auch den Ton der meis­ten Erzäh­lun­gen: dun­kel, aber nicht depres­siv; hart, aber nicht ver­zwei­felt. Auch die Orte sind kei­nes­wegs alles Idyl­len: Kol­jansk etwa wird als rei­ner Höl­len­ort erzählt: Trost­los, aus­sichts­los, ret­tungs­los: „Ein Punkt, der bald ver­schwun­den sein wird. Dort.“ (158) – das sind zugleich die letz­ten Worte des Buches – die dem Gan­zen noch eine­mal einen etwas über­ra­schend düs­ter­nen, trost­los-grau­en Dreh geben

Wie geht das: im Leben eine Sei­te umwen­den? Aus­stei­gen, weg­ge­hen, auf nichts hof­fen als auf die Rich­tig­keit der Ent­schei­dung. (73)

Wir waren kurz sehr lan­ge weg gewe­sen. (79)

Tim B. Mül­ler: Nach dem Ers­ten Welt­krieg. Lebens­ver­su­che moder­ner Demo­kra­ti­en. Ham­burg: Ham­bur­ger Edi­ti­on 2014. 174 Sei­ten.

müller, demokratienDemo­kra­ti­en sind labi­le Gebil­de, Dau­er­haf­tig­keit gibt es nicht, die Demo­kra­tie muss immer neu her­ge­stellt wer­den. Des­we­gen benö­ti­gen sie Ent­schei­dun­gen, Reagie­ren – und Ent­wick­lung, sie ver­zei­hen aber auch Feh­ler. Ganz beson­ders gilt das für Momen­te der Kri­se. Mül­ler zeigt das anhand „der“ Kri­se der moder­nen Demo­kra­ti­en nach dem Ers­ten Welt­krieg am Ende der 1920er Jah­re, im Umfeld der Wirt­schafts­kri­se. Dabei zeigt Mül­ler auch, wie eng sozia­le Demo­kra­tie (mit ihrer Umver­tei­lung (die aus dem Gleich­heits­pos­tu­lat resul­tiert), also der „Wohl­fahrts­staat“ und demo­kra­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on sowie Gesin­nung (der Bevöl­ke­rung) im 20. Jahr­hun­dert in Euro­pa (und den USA) zusam­men­hän­gen.

Demo­kra­tie will Mül­ler ver­stan­den wis­sen als Pro­zess, stän­di­ge Dis­kus­si­on, Ver­ge­wis­se­rung und Anpas­sung sind not­wen­dig und wesen­haft. Das geschieht nicht in allen Län­dern und Gesell­schaf­ten gleich­zei­tig und auf glei­che Wei­se. Für Deutsch­land stellt er etwa fest:

Demo­kra­tie als Kul­tur und Lebens­wei­se mus­s­te in Deutsch­land mit beson­de­rem Nach­druck ver­an­kert wer­den, weil Kriegs­ver­lauf und Nie­der­la­ge eine schwie­ri­ge Aus­gangs­la­ge geschaf­fen hat­ten: Die Kriegs­nie­der­la­ge führ­te zur Demo­kra­tie, was die Demo­kra­tie belas­te­te. (81)

Und spä­ter heißt es:

Es bedurf­te einer gewal­ti­gen Erschüt­te­rung, um die­ses Gefü­ge ins Wan­ken zu brin­gen. Die Welt­wirt­schafts­kri­se ließ die Ent­wick­lung, die den Zeit­ge­nos­sen seit dem Ers­ten Welt­krieg unauf­halt­sam erschie­nen war, still­ste­hen. Das war nicht der Unter­gang. Aber die Rou­ti­nen und Kon­ven­tio­nen der Demo­kra­ti­en, die auch unter gro­ßem Druck so lan­ge so gut funk­tio­niert hat­ten, gerie­ten ins Stot­tern. Jetzt kam es auf klu­ges Regie­ren an, jetzt konn­te jeder fal­sche Schritt in den Abgrund füh­ren, jetzt waren anti­de­mo­kra­ti­sche Kräf­te und Tra­di­tio­nen imstan­de, zur Bedro­hung zu wer­den. Die libe­ra­le und sozia­le Demo­kra­tie war nicht am Ende. Sie ging sogar gestärkt aus der gro­ßen Kri­se her­vor. Nur nicht in Deutsch­land. (112f.)

Das ist gen­au der Punkt, um den die­ser Essay kreist: Die Ent­wick­lung der Geschich­te war – auch in Deutsch­land – kei­ne zwangs­läu­fi­ge, der Weg aus der Kri­se hät­te auch anders aus­se­hen kön­nen. Ver­sa­gen sieht Mül­ler hier vor allem bei Brü­ning, dem er beschei­nigt:

Vom Blick­win­kel der Geschich­te der Demo­kra­tie aus war es nicht die­se oder jene Maß­nah­me der Brü­ning-Regie­rung, die den Unter­gang der Demo­kra­tie ein­lei­te­te, nicht das Spa­ren selbst, son­dern ein fun­da­men­ta­les intel­lek­tu­el­les Ver­sa­gen, die Unfä­hig­keit, Poli­tik in einer der Demo­kra­tie ange­mes­se­nen Kom­ple­xi­tät zu den­ken. (120)

Die Modi, Lösun­gen oder Stra­te­gi­en zur Bewäl­ti­gung der Kri­se der Demo­kra­tie, dar­auf weist Mül­ler aus­drück­li­ch hin, hät­ten aber gera­de das zur Bedin­gung gehabt: Die Beherr­schung des „Thea­ters der Demo­kra­tie“ (127) – das scheint für Mül­ler nicht nur der/ein wesent­li­cher Unter­scheid zwi­schen Brü­ning und Roo­se­velt zu sein, son­dern ein wesent­li­ches Ele­ment erfolg­rei­cher Kri­sen­be­wäl­ti­gung. Zumin­dest kann man sein Lob von Roo­se­velts „demokratische[m] Expe­ri­men­tie­ren“ (129), das Mül­ler wohl als ange­mes­sens­tes Ver­fah­ren, die Kri­se zu be-/überwältigen, ansieht, so sehen.

Im Grun­de ist das auch schon ein wesent­li­cher Teil des Haupt­ar­gu­ments: „Wirt­schafts­wachs­tum, Wohl­fahrts­staat und Demo­kra­tie waren unauf­lös­li­ch mit­ein­an­der ver­wo­ben.“ (138f.). Und da sind, gera­de in Kri­sen­zei­ten, für Mül­ler han­deln­de Per­so­nen gefragt, Indi­vi­du­en (hier eben Poli­ti­ker (& Keynes ;-))), die die­se Kom­ple­xi­tät erken­nen und zugleich im demo­kra­ti­schen Dis­kurs (dem „Thea­ter“) ange­mes­sen argu­men­tie­ren kön­nen. In allen sei­nen Bei­spie­len macht Mül­ler Akti­ve aus, die die Demo­kra­tie „ret­ten“ (oder im fal­le Brü­nings, eben nicht). Ange­legt ist das dabei durch­aus in Struk­tu­ren, aber die Not­wen­dig­keit der/einer Ent­schei­dung und – das ist im demo­kra­ti­schen Han­deln eben immer genauso wich­tig – des Über­zeu­gens bleibt (als vor­nehm­li­ch indi­vi­du­el­le Leis­tung!).

Als kon­kre­te Über­le­bens­stra­te­gi­en von Demo­kra­ti­en iden­ti­fi­ziert Mül­ler dann vor allem drei Momen­te: Ers­tens die „sozia­le Sta­bi­li­sie­rung durch Sozi­al­po­li­tik“ (das heißt auch, in wirt­schaft­li­chen Kri­sen­zei­ten die staat­li­chen Inves­ti­tio­nen aus­zu­wei­ten statt blind zu spa­ren), zwei­tens die „poli­ti­sche Inte­gra­ti­on durch demo­kra­ti­sches Pathos, durch Par­ti­zi­pa­ti­on und Mobi­li­sie­rung der Bür­ger“ und drit­tens eine Wirt­schafts­po­li­tik mit inten­si­vem ein­grei­fen in öko­no­mi­sche Struk­tu­ren, „ohne Rück­sicht auf öko­no­mi­sche Effi­zi­enz“, d.h. hier v.a. Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nah­men (152). Das kann man übri­gens, so deu­tet Mül­ler sehr vor­sich­tig an, durch­aus auch für die gegen­wär­ti­ge Kri­se als Lösungs­fak­to­ren anneh­men … Über alle Kri­sen hin­aus aber gilt: 

Demo­kra­ti­en muss­ten sich ihrer stän­di­gen Gefähr­dung auch in guten Zei­ten bewusst blei­ben. Unter allen Umstän­den galt es, ihr zivi­li­sa­to­ri­schen Mini­mum zu bewah­ren. (152)

Alex­an­der Gumz: aus­rü­cken mit model­len. Ber­lin: kook­books 2011. 88 Sei­ten.

gumz, modelleSelt­sam: das fes­selt oder berührt mich so gar nicht – ohne dass ich sagen könn­te, war­um. Irgend­wie zün­den die Bil­der nicht, die Spra­che (Stil und Form) setzt sich nicht fest, die Inhal­te inter­es­sie­ren mich nicht. Die Form­lo­sig­keit (ger­ne in lan­gen Zwei­zei­ler) ist zwar irgend­wie gefühlt kook­books-typi­sch, aber ich erken­ne nichts, was die Tex­te für mich inter­es­sant mach­te. Viel­leicht braucht’s noch­mal eine Re-Lek­tü­re in ein paar Wochen – wer weiß, mög­li­cher­wei­se sieht der Leseein­druck dann schon ganz anders aus … 

Net­te Momen­te hat das näm­li­ch schon – zum Bei­spiel im ers­ten Zyklus, „zer­beul­tes gelän­de“: Der Wald, der wie auf Dro­gen scheint. Über­haupt spie­len Zei­chen (in) der Natur eine Rol­le: das heißt nicht zufäl­lig „zer­beul­tes gelän­de“, geht es doch immer wie­der um die Ein­wir­kung und die Ein­grif­fe der Men­schen in die Natur bzw. den Wald. Aber dann lese ich eben auch vie­les, was mir nur selt­sam und gewollt erscheint: wie gesagt, die Reso­nanz fehlt bei mir (was durch­aus an die­sem spe­zi­fi­schen Leser lie­gen kann): das sind nur lose gereih­te gewoll­te Bil­der für mich, nach den ers­ten Sei­ten ist aber auch die­ser Reiz weg.

wir leh­nen an der gren­ze zum gewit­ter,
schüt­teln die köp­fe.

unter unse­ren füßen
dehnt sich der steg. (11, zer­beul­tes gelän­de)

Chris­to­ph Ban­gert: War Porn. Hei­del­berg, Ber­lin: Keh­rer 2014. 189 Sei­ten.

bangert, war pornEin har­tes, sehr har­tes und grau­sa­mes Buch. War Porn sam­melt Kriegs­fo­to­gra­fie aus Irak und Afgha­nis­tan vor allem, die in Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten nicht gedruckt wird. Sie zeigt näm­li­ch vor allem die Opfer, die Res­te, die von Men­schen manch­mal nur noch übrig blei­ben, nach dem der Krieg über sie hin­weg gegan­gen ist. Aber das ist eben auch emi­nent wich­tig, so etwas zu sehen, sich selbst zuzu­mu­ten – Krieg, Gewalt pas­siert ja nicht ein­fach, son­dern wird gemacht. Von Men­schen. Über­all und immer wie­der. Dar­an muss man erin­nern: wie das aus­sieht – abseits der schi­cken Kampf­jets oder der harm­los ver­nied­lich­ten „Droh­nen“. Klug ist das inso­fern, als Ban­gert sehr wohl um die „Nor­ma­li­tät“ sei­ner Bil­der weiß: Die sind – und das gilt eben lei­der auch für das dar­ge­stell­te – kei­nes­wegs außer­ge­wöhn­li­ch. Unge­wöhn­li­ch ist nur, dass sie gezeigt wer­den. Das – als Buch – zu loben, hat einen bit­te­ren Bei­ge­schmack: Denn das ist zwar durch­aus ein schö­nes Buch, schö­ner wäre es aber, wenn es War Porn gar nicht gäbe.

What you see in this book is my per­so­nal expe­ri­en­ce. And in a way it’s yours, too, becau­se the­se things hap­pe­n­ed in your life­time. You as a view­er are com­pli­cit. (3)

außer­dem:

  • Peter Weiss, Ästhe­tik des Wider­stands – groß­ar­tig und erschla­gend, fes­selnd und lang­wei­lend ohne Ende (je nach dem, wo man gera­de ist – im 2. Buch hat­te ich ganz schö­ne Durch­hän­ger …)
  • Johann Beer (das „Tage­buch“, Jucun­di Jucun­dis­si­mi wun­der­li­che Lebens-Beschrei­bung u.a.)
  • Chris­ti­an Reu­ter, Schmel­muffs­kys wahr­haff­ti­ge curiö­se und sehr gefähr­li­che Rei­se­be­schrei­bung zu Was­ser und Lan­de
  • Jose­ph Roth, Das fal­sche Gewicht. Die Geschich­te eines Eich­meis­ters
  • Max Fri­sch, Tage­buch 1966–1971

Ins Netz gegangen (17.1.)

Ins Netz gegan­gen am 17.1.:

  • Wie Mar­kus Lanz ein paar Mal bei der “schöns­ten Lin­ken aller Zei­ten” ein­ha­ken mus­s­te « Ste­fan Nig­ge­mei­er – Ste­fan Nig­ge­mei­er ver­sucht, die letz­te Lanz-Sen­dung zu wür­di­gen. Viel mehr als sie zu zitie­ren, muss er nicht machen, um die Erbäm­lich­keit des öffent­li­ch-recht­li­chen Talk­show-Fern­se­hens zu demons­trie­ren. Sein Schluss:

    Es war, als wür­de man ver­su­chen, eine inhalt­li­che Dis­kus­si­on mit einem Sechs­jäh­ri­gen zu füh­ren, der als Argu­men­te zwei­hun­dert Fleisch­bäll­chen in Toma­ten­so­ße hat und bereit ist, jedes ein­zel­ne abzu­feu­ern.

    Ich weiß, war­um ich kein Fern­se­her habe …

  • Nicht die Spra­che sün­digt, son­dern der Spre­cher – DIE WELT – Karl-Heinz Göt­tert hat mit sei­ner Skep­sis, was die Zie­le der (Un-)Wortwahlen angeht, wohl nicht ganz unrecht:

    Sprach­kri­tik ist als Wort­kri­tik immer irgend­wie im Hin­ter­tref­fen. Sprach­kri­tik braucht wirk­li­ch Dis­kus­si­on, Ein­ge­hen auf Umstän­de und Moti­ve, sie braucht schlicht Zusam­men­hang.
    Was sind des­halb die bes­ten Orte für Sprach­kri­tik? Ers­tens die Schu­le, zwei­tens die Schu­le, drit­tens die Schu­le. Hier kann über Spra­che gespro­chen wer­den, hier las­sen sich Miss­ver­ständ­nis­se besei­ti­gen, hier geht es statt um Dekre­te um Ana­ly­sen.

  • 18. Herrn­dorf oder die gefal­te­te Zeit | Geschich­te wird gemacht – Achim Land­wehr über »Tem­po­ral­tek­to­nik« und die gefal­te­te Zeit in Wolf­gang Herrn­dorfs „Arbeit und Struk­tur“ >
  • Alex­an­der Klu­ge: 20 Geschich­ten für Arno Schmidt. – LOGBUCH – Alex­an­der Klu­ge trifft auf recht kurio­se Wei­se Arno Schmidt

Aus-Lese #24

Arno Schmidt zum Ver­gnü­gen. Stutt­gart: Reclam 2013. 191 Sei­ten.

Die­ses klei­ne, von Susan­ne Fischer (der Geschäfts­füh­re­rin der Arno-Schmidt-Stif­tung) her­aus­ge­ge­be­ne Bänd­chen hält gen­au, was der Titel ver­spricht: Ver­gnüg­li­che Streif­zü­ge durch das Schaf­fen Schmidts. The­ma­ti­sch in 14 Kapi­tel geord­net, ver­sam­melt das hier Bon­mots, Ein­fäl­le, Aus­sprü­che und kur­ze Abschnit­te, die im wei­tes­ten Sin­ne ver­gnüg­li­ch sind: Weil sie humo­rig for­mu­liert sind oder afu eben die­se Wei­se bestimm­te Din­ge beob­ach­ten. Eine wun­der­ba­re Lek­tü­re für zwi­schen­durch (weil das fast immer nur kur­ze Abschnit­te von weni­gen Sät­zen sind).

Ulf Erd­mann Zieg­ler: Nichts Wei­ßes. Ber­lin: Suhr­kamp 2013. 259 Sei­ten.

Zieg­ler erzählt in Nichts Wei­ßes die Lebens­ge­schich­te einer Schrift­ge­stal­te­rin und die Idee der per­fek­ten, weil abso­lut unau­fäl­li­gen Schrift am Umbruch zum Computer-/PC-Zeitalter. Das wird aber erst auf den letz­ten Sei­ten rich­tig deut­li­ch: Dann wird klar, dass es hier vor allem um das Ende des klas­si­schen Guten­berg-Zeit­al­ters mit sei­ner Fixie­rung auf Schrift und Text (und deren Her­stel­lung, um die es hier – im Bereich der Typo­gra­phie – ja vor allem geht) geht. Das ist durch­aus raf­fi­niert, etwa in der Andeu­tung der Auf­lö­sung der Text­do­mi­nanz durch die (Gebrauchs-)Grafik der Wer­bung und ähn­li­che Vor­gän­ge, auch die all­mäh­li­ch wach­sen­de Domi­nanz der Com­pu­ter ist ganz geschickt erzählt, auch wenn das am Ende etwas platt wird. Über­haupt erzählt Zieg­ler durch­wegs gut und klug, aber sprach­li­ch ohne beson­de­re Fas­zi­na­ti­on für mich. Auch schien mir das Ziel des Tex­tes lan­ge Zeit nicht so recht klar, zumal es wei­te Abschwei­fun­gen gibt, die nicht so recht moti­viert sind – etwa die Bli­cke in die Kind­heit: Das sind for­mal etwas frag­wür­di­ge Lösun­gen, um die (inhalt­li­che) Moti­va­ti­on der Hel­din Mar­le­en hin­zu­be­kom­men und aus­führ­li­ch zu erklä­ren. Der Schluss ist dann etwas unver­mit­telt, die Wen­de zum Com­pu­ter­zeit­al­ter scheint schon über den Text hin­aus zu gehen.

Über­haupt ver­liert das dann an Kraft, wenn es um die eigent­li­chen Lebens­we­ge der Prot­ago­nis­tin geht. Wo Zieg­ler die „Hin­ter­grün­de“ – das Auf­wach­sen im Deutsch­land der 70er/80er Jah­re etc. – schil­dert, ist es viel prä­zi­ser und fas­zi­nie­ren­der als im Lebens­lauf Mar­le­ens, der etwas blass bleibt. 

Genervt haben mich etwas die ober­fläch­li­ch ver­hüll­ten Anspie­lun­gen auf rea­le Wel­ten – IBM heißt hier IOM (office statt bure­au), Gre­no in Nörd­lin­gen Vol­pe, die Ande­re Biblio­thek ist die Eige­ne gewor­den und so wei­ter – das ist so durch­sich­tig, dass es eigent­li­ch sinn­los ist und den Text irgend­wie bil­lig wir­ken lässt.

Hans Franck: Die Pil­ger­fahrt nach Lübe­ck. Eine Bach-Novel­le. Güters­loh: Ber­tels­mann 1952. 80 Sei­ten.

Franck schil­dert hier die berühm­te „Urlaubs­rei­se“ Bachs zum gro­ßen Orga­nis­ten Diet­rich Bux­te­hu­de nach Lübe­ck, die ein klei­nes biss­chen län­ger dau­er­te als geplant: Der Arn­städ­ter Rat hat­te sei­nem Orga­nis­ten einen Monat Urlaub geneh­migt, nach mehr als vier Mona­ten war Bach wie­der in Thü­ri­gen zurück. Francks Novel­le pen­delt zwi­schen pseu­do­ba­ro­ckem Satz­ge­schwur­bel und moder­nem Men­schen­bild, gar­niert mit einer def­ti­gen Pri­se über­bor­den­der Fröm­mig­keit. Weder lite­ra­ri­sch noch his­to­ri­sch beson­ders wert­voll, aber eine net­te Kurio­si­tät für eine Stun­de Zug­fahrt …

Wiener Kongress

… als ver­früh­ter Auf­takt zum 200-jäh­ri­gen Jubi­lä­um des Wie­ner Kon­gress schon mal eine Ein­schät­zung von Arno Schmidt:

Damals in Wien wur­de sei­tens der Mon­ar­chen und ihrer Kanz­ler orga­ni­siert: die Restau­ra­ti­on, die Gro­ße Läh­mung, die »Hei­li­ge Alli­anz« – das Wind­ei, an dem wir auch heu­te wie­der sau­gen. Unser dum­mes Volk frei­li­ch – zu des­sen Merk­ma­len es gehört, daß es kit­schi­gen For­mu­lie­run­gen gegen­über beson­ders wider­stands­los ist – hat sich die sinis­t­ren Fak­ten des­sen, was damals mit ihm gemacht wur­de, durch fol­gen­de Über­schrift aus dem Gedächt­nis weg=eskamotieren las­sen: »Der Kon­greß tanzt«: so bringt man dem »Unter­tan« Geschich­te bei: es lebe die Mne­mo­tech­nik!Arno Schmidt, Aus dem Leben eines Fauns

Aus-Lese #20

Robert Seet­ha­ler: Der Tra­fi­kant. Zürich, Ber­lin: Kein & Aber 2012. 250 Sei­ten.

Der Tra­fi­kant beruht auf einer span­nen­den Idee: Mit Hil­fe eines Prot­ago­nis­ten, der aus der länd­li­chen Regi­on am Atter­see nach Wien kommt, um dort Tra­fi­kant zu wer­den, erzählt Seet­ha­ler die Geschich­te Österreichs/Deutschlands/Europas in den 1930er und 1940er Jah­ren. Die Spie­ge­lung des kul­tu­rel­len und poli­ti­schen (Welt-)Geschehens (bzw. mar­kan­te Punkte/Auszüge davon) in einem per­sön­li­chen Leben – das ist sicher­li­ch der inter­es­san­tes­te Aspekt am Tra­fi­kant. Die­se Ver­schrän­kung von Zeit­ge­schich­te und per­sön­li­cher Bio­gra­phi ist kei­nes­wegs eine neue, inno­va­ti­ve Idee Seet­ha­lers – aber die Art, wie er das erzäh­le­ri­sch umsetzt, ist doch char­mant und über­zeu­gend. Das liegt auch dar­an, dass er gut zwi­schen bei­den Polen balan­ciert – das ist in die­sem Fall ja gera­de das Kunst­stück. Dazu kommt sein star­ker, kräf­tig zupa­cken­der Stil. Und eini­ge gute Ein­fäl­le wie zum Bei­spiel die geschick­te Inte­gra­ti­on von Sig­mund Freud als „Kapi­zi­tät“ und The­ra­peut (v.a./u.a. in Lie­bes­nö­ten). Das ist auch ein schö­ner Schach­zug des Erzäh­lers. So wer­den näm­li­ch auch Traum-Erin­ne­rung und –Deu­tung ganz unauf­fäl­lig zum Motiv im Tra­fi­kant – und Träu­me als Tex­te. Ein­fach schön ist, wie das nach und nach ganz sorg­s­am ein­ge­führt wird … Sowie­so muss man die erzäh­le­ri­sche Sorg­falt Seet­ha­lers loben, sei­ne Pla­nung der Anla­ge der Handlung(en) – das gelingt ihm vor­züg­li­ch und macht den Tra­fi­kant zu so einer inter­es­san­ten Lek­tü­re.

Die Leu­te sind ganz nar­ri­sch nach die­sem Hit­ler und nach schlech­ten Nach­rich­ten – was ja prak­ti­sch ein und das­sel­be ist“, sag­te Otto Trs­njek. „Jeden­falls ist das gut für das Zei­tungs­ge­schäft – und geraucht wird sowie­so immer!“ (35)

Müt­ze #5. Her­aus­ge­ge­ben von Urs Enge­ler. Solo­thurn 2013. 52 Sei­ten.

Die­ses Mal in einer der bes­ten Zeit­schrif­ten: Guy Daven­port schreibt asso­zia­ti­ons­reich über Bal­t­hus, Ste­phan Bro­ser führt vor, wie man psy­cho­ana­ly­ti­sche die Geburt der Psy­cho­ana­ly­se beschreibt oder erklärt (Anna – Anan­ke), dazu noch ein­ne span­nen­de „Ohren­Per­for­man­ce mit Live­Gui­de“ von Bri­git­te Ole­schin­ski, „spricht ins Ohr und Sie gehen mit“ beti­telt. Und noch die Fort­set­zung von Gün­ter Ples­sows Faulk­ner-Über­set­zung (das ers­te Kapi­tel aus „Absa­lom, Absa­lom!“) – sehr anre­gend und anrei­chernd (lus­tig übri­gens, dass eine Zeit­schrift mit dem Namen „Müt­ze“, was ja eigent­li­ch so etwas wie eine Ein­he­gung des Kop­fes meint, eine absi­chern­de Beschrän­kung, sich so ganz und gar der Befrei­ung des Den­kens ver­schreibt und in alle Rich­tun­gen ihre Füh­ler aus­streckt, Gren­zen igno­riert und zur Sei­te stößt …)

Tho­mas De Quin­cey: Die letz­ten Tage des Imma­nu­el Kant. Aus dem Eng­li­schen über­setzt und her­aus­ge­ge­ben von Cor­ne­lia Lan­gen­dorf. Mit Bei­trä­gen von Fleur Jaeg­gy, Gio­gio Man­ga­nel­li und Albert Cara­co sowie einem Anhang. Mün­chen: Mat­thes & Seitz 1991. 143 Sei­ten.

Auf die­sen luf­ti­gen Text bin ich durch das 100-Sei­ten-Pro­jekt des Umblät­te­re­res gesto­ßen. Und ich muss sagen: Es macht Spaß, die­sen absei­ti­gen Text zu lesen. Das ist ein wun­der­bar erns­ter Scha­ber­nack … Dabei lässt es De Quin­cey nie an Pie­tät und Ver­eh­rung feh­len.

Inzwi­schen habe ich aus einer eige­nen (abso­lut zuver­läs­si­gen) Quel­le eini­ge Anga­ben erhal­ten, die die Aus­sa­gen […] teil­wei­se wider­le­gen. Wür­de ich mir des­halb erlau­ben, die Glaub­wür­dig­keit die­ser Her­ren anzu­zwei­feln? Kei­nes­wegs. (79)

Der kur­ze Text betont die abstru­sen Eigen­hei­ten und Son­der­lich­kei­ten Kants in der Schil­de­rung sei­nes Tages­ab­laufs und sei­nes Ver­falss zum Ster­ben. 1827 erst­mals erschie­nen, folgt er in einer selt­sa­men Mischung aus Wahr­heit und Dich­tung den Berich­ten Ehre­gott Andre­as Wasians­kis, einem Ver­trau­ten Kants aus des­sen letz­ten Lebens­jah­ren. De Quin­cey tut dies nüch­tern und empa­thi­sch, pedan­ti­sch und baro­ck zugleich. 

Die Aus­ga­be bei Mat­thes & Seitz ist außer­dem auch ein schö­nes Buch und mir ihren reich­li­chen Bei­ga­ben, die die Rezep­ti­on des Tex­tes in ver­schie­de­nen Spra­chen Euro­pas bei­läu­fig noch vor­führt und außer­dem die Absur­di­tät des in die Schä­del­mes­se­rei ver­lieb­ten 19. Jahr­hun­derts.

außer­dem:

  • Goe­thes Wer­t­her (die Fas­sung von 1774)
  • eini­ges von Arno Schmidt im Arno-Schmidt-Lese­buch

Verehrung

Wenn man nicht mehr weiß, wohin mit der Ver­eh­rung eines gro­ßen lite­ra­ri­schen Meis­ters, dann schafft man – bzw. Ralf Zei­ger­mann – sol­che Kunst­stü­cken wie die „Arno-Schmidt-Anzieh­pup­pe“ (im Ori­gi­nal lei­der fälsch­li­cher­wei­se ohne die Bin­de­stri­che …):

(Down­load der pdf-Druck­vor­la­ge zum Aus­schnei­den und Bas­teln: kli­ck.)

So sieht der Meis­ter aus, bereit für neue Taten: