Ins Netz gegangen (4.9.)

Milada Vigerova

Ins Netz gegan­gen am 4.9.:

  • Bin­gen dringt auf Besei­ti­gung der poli­ti­schen Paro­le auf Rüdes­hei­mer Sei­te → eigent­li­ch eine lokal­pos­se, aber eine sehr bezeich­nen­de und typi­sche: als gegen­ak­ti­on zum afd-par­tei­tag in bin­gen hat jemand auf der gegen­über­lie­gen­den rhein­sei­te in rüdes­heim wein­berg­mau­ern mit der schö­nen paro­le „natio­na­lis­mus ist kei­ne lösung“ beschrif­tet. die bin­ge­ner hät­ten das jetzt ger­ne weg – weil es angeb­li­ch dem tou­ris­mus (!) scha­det …
  • Why Tim Ber­ners-Lee is no fri­end of Face­book | The Guar­di­an → die nahe­lie­gen­de lösung: weil face­book ein geg­ner des offe­nen net­zes ist …
  • Jan Robert von Ren­es­se: Rich­ter Mund­tot | Zeit → die „zeit“ berich­tet von sehr unschö­nen vor­gän­gen – man muss das eigent­li­ch mau­sche­lei­en nen­nen – in der jus­tiz, wenn es um wie­der­gut­ma­chung von natio­nal­so­zia­lis­ti­schem unrecht – hier: ren­ten für ghet­to-arbeit – geht
  • Land­wirt­schaft: Sie duzen sich, sie strei­ten sich | Zeit → die „zeit“ hat den grü­nen land­wirt­schafts­mi­nis­ter von schles­wig-hol­steing, robert habe­ck, mit dem dor­ti­gen bau­ern­ver­bands-prä­si­den­ten klaus-peter lucht tref­fen und reden las­sen. eine inter­es­san­te sache, ein sach­li­cher, har­ter streit
  • Letz­ter Brief von König Lud­wig II. – Staats­streich auf Baye­ri­sch | Süd­deut­sche → die süd­deut­sche über den letz­ten brief lud­wigs II., der dar­auf hin­weist, dass er evtl. gar nicht so ver­rückt war, wie bis­her ange­nom­men

    Die­se Zei­len zei­gen auf, dass Lud­wig II. geis­tig in der Lage war, die ihm dro­hen­de Gefahr zu sehen. Das bestä­tigt auch Ger­hard Immler, Lei­ten­der Archiv­di­rek­tor am Baye­ri­schen Haupt­staats­ar­chiv, einer der bes­ten Ken­ner des Lud­wig II.-Nachlasses.

    Aller­dings habe der König selt­sam reagiert, sagt Immler. Es gelang ihm nicht, die für ihn rich­ti­gen Schrit­te ein­zu­lei­ten. Er hat die Lage, in der er sich befand, miss­ge­deu­tet. „Er bewer­te­te die Vor­gän­ge nicht vor dem Hin­ter­grund der Ver­fas­sung, son­dern wohl als Akt eines Königs­dra­mas à la Shake­speare“, sagt Immler.

    und den wort­laut des brie­fes gibt es dort auch zu lesen.

  • Por­trät ǀ Musi­ker mit Bot­schaft — der Frei­tag → ein inter­es­san­tes por­trät über mar­kus rindt, den inten­dan­ten der dresd­ner sin­fo­ni­ker, der mit sei­nem durch­aus poli­ti­schen (und zeit­ge­nös­si­schem) pro­gramm manch­mal gehö­rig aneckt

Ins Netz gegangen (20.7.)

Andrés Canchón

Ins Netz gegan­gen am 20.7.:

  • Ter­ro­ris­mus: „Unse­re Welt gerät aus den Fugen“ | Zeit → harald wel­zer hat im inter­view mit der „zeit“ wenig genau­es oder ori­gi­nel­les zu sagen, aber das sagt er sehr gut

    Aber man muss im Auge haben, dass Ängs­te poli­ti­sch mobi­li­sier­bar sind. Das ist die eigent­li­che Kata­stro­phe. Eine Poli­tik der Angst führt immer zur Pola­ri­sie­rung der Gesell­schaft und damit zu dem, was die Ter­ro­ris­ten beab­sich­ti­gen.

  • Lann Horn­scheidt: „Es ist eine Fra­ge der Zeit, bis wir bei der Geburt kein Geschlecht mehr zuge­wie­sen bekom­men“ | zeit → lann horn­scheidt im lan­gen inter­view mit zeit-wis­sen, natür­li­ch über sex, gen­der, geschlecht, spra­che, iden­ti­tät und gesell­schaft. und hass.(kanada ist übri­gens gera­de dabei, sich um die im titel ange­spro­che­ne ver­än­de­rung zu küm­mern …)
    (und wie immer: die kom­men­ta­re sind trotz nicht gera­de weni­gen löschun­gen nicht so wirk­li­ch erfreu­li­ch)
  • Coun­ter­ten­or über Geschlech­ter­rol­len: „Es ist so ein Erfüllt­sein“ | taz → ein wun­der­ba­res inter­view mit dem gro­ßen andre­as scholl, der ganz viel rich­ti­ges und wich­ti­ges sagt …

    Das Kon­zert, und da kom­men wir wie­der zurück auf die Reli­gio­si­tät, auf die Spi­ri­tua­li­tät, hat die Auf­ga­be, trans­for­mie­rend zu wir­ken. Das heißt: Das Publi­kum betritt den Saal. Und wenn das Publi­kum den Saal ver­lässt, ist es ver­än­dert.

  • Das Post­post oder Wege aus dem Ich | Per­len­tau­cher → char­lot­te kraft beim „per­len­tau­cher“ über die gegen­wär­ti­ge jun­ge lite­ra­tur und ihre inhal­te

    Was prägt also die­se Zeit und ihre Lite­ra­tur: Die Angst vor Epi­go­na­li­tät, die Angst vor Mei­nun­gen, die Angst vor Ent­schei­dun­gen, die Angst vor dem uner­gründ­ba­ren Frem­den, vor Träu­men, Lei­den­schaft und Nai­vi­tät, denn all dies bedeu­tet Aus­schluss, gefähr­li­che Ein­di­men­sio­na­li­tät. Lei­den­schaft für das eine schlös­se Lei­den­schaft für all das ande­re aus, das Frem­de ist nie in sei­ner Gän­ze zu begrei­fen, die gan­ze Wahr­heit bleibt immer unaus­ge­spro­chen und das Bewusst­sein dar­über ist unser Dra­ma. Am Ende kann ich mich nie für eines ent­schei­den. Am Ende bleibt nur die Resi­gna­ti­on und das Ver­lan­gen, über mei­ne Not zu schrei­ben, zu reflek­tie­ren und die­se Refle­xi­on wie­der­um zu reflek­tie­ren und immer so wei­ter. Die Kon­zen­tra­ti­on auf ein ande­res The­ma als das Ich, das Zen­trum unend­li­cher Mög­lich­kei­ten, scheint unmög­li­ch. Ego­zen­tris­mus ist kei­ne Ent­schei­dung.

  • Der Fall Rockel-Loen­hoff: Eine Heb­am­me und die töd­li­che Brauch­tums­pfle­ge (Teil 2: Täte­rin und Tat) | Psi­ram → Psi­ram legt die gescheh­nis­se anhand der urteils­schrift dar – wesent­li­ch nüch­ter­ner als etwa die „süd­deut­sche“ in ihrem ten­den­ziö­sen pro-heb­am­me-arti­kel vor eini­ger zeit
  • The Open Let­ter Denoun­cing Trump You’re Going to Read on Face­book for the Next Four Months | The New Yor­ker → der new yor­ker hat den repu­bli­ka­nern mal etwas arbeit abge­nom­men und einen mus­ter-blog­post (schön gene­ri­sch) zur indi­vi­du­el­len dis­tan­zie­rung und ver­dam­mung von donald trump ver­fasst
  • François-Xavier Roth: „Rund­funk­or­ches­ter sind unglaub­li­che Maschi­nen für die Musik, für die Zukunft“ | nmz

    Es wäre natür­li­ch bes­ser gewe­sen, wenn das Orches­ter erhal­ten geblie­ben wäre, aber die­se Ent­schei­dung neh­me ich nicht per­sön­li­ch. Es geht nicht um mich. Aber ich habe viel gelernt dar­über, in wel­cher Zeit wir leben. Dass sich die Ten­den­zen in Deutsch­land gera­de gegen die Kunst rich­ten. Die­se Fusi­on war ein ers­tes Kapi­tel – und ich hof­fe, es war auch das letz­te. Die­se Ent­schei­dung hat sehr viel zu tun mit Popu­lis­mus. Ich bin sehr ent­täuscht dar­über, dass sich Ver­tre­ter der Rund­funk­or­ches­ter Deutsch­lands nicht an einem run­den Tisch getrof­fen haben. Nach unse­rer Geschich­te, die wir erle­ben muss­ten, wäre dies wirk­li­ch abso­lut not­wen­dig. Rund­funk­or­ches­ter sind unglaub­li­che Maschi­nen für die Musik, für die Zukunft. Aber man muss dies her­aus­strei­chen in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on. Man muss sehr laut und krea­tiv sein.

Ins Netz gegangen (6.6.)

Ins Netz gegan­gen am 6.6.:

  • Faking it – the great unmen­tionable of orches­tral play­ing | the strad → Given today’s high stan­dards of musi­ci­anship, you might think top orches­tral string play­ers can play any­thing, but the­re are times when the best they can do is give the impres­si­on of play­ing every note as writ­ten
  • Igor Levit: „Es ist so unheim­li­ch geil“ | ZEIT ONLINE → der groß­ar­ti­ge igor levit lässt sich von moritz von uslar fra­gen zu beet­ho­ven stel­len und hat ein paar coo­le ant­wor­ten auf teil­wei­se etwas dümm­li­che fra­gen (die sich uslar nicht mal selbst über­le­gen konn­te …)
    krank aller­dings ist der angeb­li­che anlass: das beet­ho­ven-jubi­lä­um 2020 – sind ja nur noch vier jah­re, aber was soll’s, damit war die „zeit“ bestimmt das ers­te medi­um, das das jubi­lä­um ein­ge­läu­tet hat …
  • Aaron Sor­kin Con­ju­res a Mee­ting of Oba­ma and Bart­let – The New York Times → erst jetzt gefun­den: aaron sor­kin hat sich für die NYTi­mes ein tref­fen von oba­ma und dem west-wing-prä­si­dent bart­lett 2008 aus­ge­malt.
  • Koh­leaus­stieg ver­tagt | klimaretter.info → aus kurz­fris­ti­gen poli­ti­schen über­le­gun­gen (und angst) ver­gei­gen die regie­run­gen deutsch­lands die ener­gie­wen­de immer mehr, schie­ben sie immer wei­ter in die zukunft und hin­ter­las­sen immer grö­ße­re pro­ble­me
  • Kli­ma­wan­del: Der unglaub­li­che Eier­tanz der Meteo­ro­lo­gen | FAZ → joa­chim mül­ler-jung hat genug vom eier­tanz der mete­ro­lo­gen:

    Aber wie lan­ge sol­len sich Meteo­ro­lo­gen, die wie kaum eine zwei­te For­scher­gil­de öffent­li­ch Gehör fin­den, hin­ter einem omi­nö­sen sta­tis­ti­schen Rau­schen ver­ste­cken, nur weil sie das Offen­kun­di­ge – den beschleu­nig­ten Kli­ma­wan­del – als poli­ti­sche Kor­rekt­heit und des­we­gen als unan­ge­mes­se­ne wis­sen­schaft­li­che Inter­pre­ta­ti­on betrach­ten? Die meteo­ro­lo­gi­sche Exper­ti­se steckt selbst in einem Tief­drucksumpf. Sie täte auch des­halb gut dar­an, ihre ver­quas­ten kli­ma­to­lo­gi­schen Sprach­re­gu­la­ri­en auf­zu­ge­ben, weil sie mit zwei­deu­ti­gen Aus­flüch­ten die anti­wis­sen­schaft­li­chen Res­sen­ti­ments nur mehr schürt.

  • Vor 10.000 Jah­ren waren die Euro­pä­er schwarz“ – Johan­nes Krau­se im Gespräch | Migra­ti­on → sehr inter­es­san­tes und span­nen­des inter­view mit dem paläo­ge­ne­ti­ker johan­nes krau­se über migra­tio­nen, aus­se­hen etc.

    Vor der Eis­zeit hat­ten die bis­her unter­such­ten Men­schen in Euro­pa alle brau­ne Augen, nach der Eis­zeit waren die Augen blau. Die Ureu­ro­pä­er, die vor zehn­tau­sen­den Jah­ren in Euro­pa leb­ten, hat­ten eine dunkle Haut­far­be. Das ent­spricht nicht dem übli­chen Bild. Wenn ich ins Muse­um gehe, sind die Jäger und Samm­ler von vor 10.000 Jah­ren meist weiß dar­ge­stellt – dabei waren sie schwarz und hat­ten blaue Augen. Sie wie­sen kei­nes der Gene auf, die heu­te eine hel­le Haut­far­be ver­ur­sa­chen. Die heu­ti­ge hel­le Haut hat sich erst in der Bron­ze­zeit in Euro­pa aus­ge­brei­tet, also vor zir­ka 5.000 Jah­ren.

  • Read more blogs | Seth’s blog → seth godin:

    rea­ding more blogs is one of the best ways to beco­me smar­ter, more effec­tive and more enga­ged in what’s going on. The last great online bar­gain.

    – sehr rich­tig. und wirk­li­ch so ein­fach umzu­set­zen. rss und sei­ne rea­der sind mei­nes erach­tens immer noch die am meis­ten unter­schätz­te tech­nik im inter­net

Ins Netz gegangen (24.5.)

Ins Netz gegan­gen am 24.5.:

  • War­um wäh­len jun­ge Män­ner so ger­ne rechts? | jetzt.de → der sozio­lo­ge bern­hard heinzlmai­er spricht tache­le­se:

    Der unge­bil­de­te Mann sieht sich als Opfer der Ver­hält­nis­se, weil er nicht mehr machen darf, was er will: zu schnell Auto fah­ren, besof­fen Auto fah­ren. Statt­des­sen muss er sich um den Haus­halt küm­mern. Das irri­tiert die ver­blö­de­ten Män­ner. Des­we­gen fol­gen sie einer Par­tei, die sich sys­te­ma­ti­sch als Opfer insze­niert
    […] Und die unge­bil­de­ten jun­gen Män­ner fol­gen einer Macht, die besin­nungs­los gegen alles los­schlägt, was Mensch­lich­keit heißt.
    […] Es ist ja so: Nicht ein­mal die Rechts­po­pu­lis­ten sind von ihren Ide­en über­zeugt. Das sind gewis­sen­lo­se Betrü­ger, die in der Regie­rungs­ver­ant­wor­tung dann prag­ma­ti­sch wer­den. Und plötz­li­ch ganz anders agie­ren, als sie vor­her ange­kün­digt haben; eine huma­ne Außen­po­li­tik machen oder sich für Homo­se­xu­el­len­rech­te ein­set­zen. Die glau­ben, bis auf ein paar Pro­zent Voll­idio­ten, gar nicht an ihre eige­ne Idee. Die sind nur an der Macht inter­es­siert. Dar­in pas­sen sie zu ihren Wäh­lern.

  • Neue Musik: Kre­nek + Zem­lins­ky + Korn­gold = A – 300 | ZEIT ONLINE → vol­ker hage­dorn hat sich ein biss­chen umge­schaut, wie „normale“/„klassische“ orches­ter in deutsch­land gera­de so mit der neu­en musik (oder der alten neu­en musik) umge­hen
  • Jen­seits von Gut und Böse? Die Sprach­po­li­tik der deut­schen Leit­me­di­en | Über­me­di­en → ste­fan nig­ge­mei­er hat sich sprach­re­ge­lun­gen deut­scher medi­en & pres­se­agen­tu­ren ange­schaut

    Die Wahl der Begrif­fe ent­hält eine Posi­tio­nie­rung. Ändert sich die Posi­tio­nie­rung, ändern sich auch die Begrif­fe.

  • Der zwei­te Ver­su­ch → Ingo Zam­pe­ro­ni über die (Vor-)Wahl in den USA und Hil­la­ry Clin­ton

    Rea­dy for Hil­la­ry? Schafft es Hil­la­ry Clin­ton im zwei­ten Anlauf nach 2008, Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tin der Demo­kra­ten zu wer­den – oder sogar ins Wei­ße Haus ein­zu­zie­hen? ARD-Kor­re­spon­dent Ingo Zam­pe­ro­ni wid­met sich den Pros und Con­tras in die­ser Fra­ge.

  • Schwei­zer Art ist Bau­ern­art“. War­um wir die Bau­ern so lie­ben. | Geschich­te der Gegen­wart → instruk­ti­ver text von phil­ipp sara­sin über die grün­de, war­um die schwei­zer (städ­ter) die bau­ern so lie­ben. und seit wann.

    Es war der Bas­ler Bürger­sohn, ETH-Pro­fes­sor und Bauern­ver­bands­se­kretär Ern­st Laur (der „Bauern­hei­land“), hat in der Zwischen­kriegs­zeit den Schwei­ze­ri­schen Bauern­ver­band (SBV) zu einer schlag­kräf­tigen und einfluss­rei­chen Lobby­or­ga­ni­sa­tion aufge­baut und er präg­te vor allem jenen Slo­gan, der bis heu­te offen­bar unaus­lösch­lich im iden­ti­ty-code vie­ler Schwei­ze­rinnen und Schwei­zern veran­kert ist, obwohl sie seit schon bald nicht mehr erinner­baren Genera­tionen in Städ­ten leben: „Schwei­zer Art ist Bau­ern­art“. Zusam­men mit sei­nem gleich­na­migen Sohn hat er im Rah­men der Geis­ti­gen Landes­ver­tei­di­gung der 1930er Jahr das neu erfun­den, was angeb­lich der „fru­me edle pur“ der alten Eidge­nos­sen­schaft gewe­sen sein soll: Laur junior beauf­tragte in den 1930er Jah­ren meh­re­re Textil­de­si­gner, um die heu­te bekann­ten Schwei­zer Trach­ten ent­wer­fen zu las­sen. Dabei passt ins Bild, dass schon an der Wen­de zum 20. Jahrhun­dert in der Unter­hal­tungs­szene des Zür­cher Nieder­dorfs die Länd­ler-Musik kre­iert wor­den ist, und dass eben­falls zu Beginn des 20. Jh. der städ­ti­sch-bür­ger­li­che Heimat­schutz die von der Moder­ne „bedroh­te“ bäuer­liche Kul­tur und die Viel­falt der Schwei­zer Bauern­häuser zu „schüt­zen“ sich zur Auf­ga­be mach­te. „Der“ Schwei­zer Bau­er ist eine städti­sche Erfin­dung; die „Bauernart“-Ideologie war, noch bevor sie Laur auf den Begriff brach­te, eine Reak­ti­on auf die Moder­ne.

  • taz-Streit zum Fahr­rad-Volks­ent­scheid „Da geht bei mir der Puls hoch“ | taz → Braucht Ber­lin den „Volks­ent­scheid Fahr­rad“? Initia­tor Hein­rich Strö­ßen­reu­ther und Staats­e­kre­tär Chris­ti­an Gaeb­ler (SPD) sind unter­schied­li­cher Mei­nung.

Ins Netz gegangen (26.3.)

Ins Netz gegangen am 26.3.:

  • New Statesman | What drives the men who think feminists and foreigners want to wipe them out? - Laurie Penny versucht, Maskulisten zu verstehen:

    Feminism, for instance, is not in reality a strategy cooked up by left-wing women so we can take all of men’s power and money for ourselves and turn them into sex slaves. I know this because, if it was, I would be sitting on a gigantic golden throne with oiled flunkies feeding me chocolate biscuits, rather than having the same arguments over and over again

  • Dilettanten : Der reiche Maestro, den keiner mag - DIE WELT - Konstantin Richter hat die kuriose Geschichte von Ashot Tigranyan aufgeschrieben:

    Ashot Tigranyan ist als Geiger ein hoffnungsloser Fall. Hören will ihn niemand. Trotzdem gibt er Unsummen aus, um durch die Welt zu touren. Eine Begegnung mit einem Mysterium.

    Das klingt alles so absurd und verrückt, das würde man keinem Roman oder Film abnehmen ...

  • [toread] AAC - Fackel - »Die Fackel. Herausgeber: Karl Kraus, Wien 1899-1936«
    AAC Digital Edition No 1

    The AAC digital edition of the journal »Die Fackel«, edited by Karl Kraus from 1899 to 1936, offers free online access to the 37 volumes, 415 issues, 922 numbers, comprising more than 22.500 pages and 6 million wordforms.

    The AAC-FACKEL contains a fully searchable database of the entire journal with various indexes, search tools and navigation aids in an innovative and highly functional graphic design interface, in ...

  • Stefan Niggemeier über Live-Ticker - FAZ - Stefan Niggemeier betrachtet die Liveticker - in Theorie und Praxis, mit eher ernüchterndem Ergebnis (aber wen wundert's ...):

    Aber wie das so ist: Eine Software, die es sehr leicht macht, einen Text zu aktualisieren, macht es auch sehr schwer, ihn nicht zu aktualisieren. Und so wohnt den Nachrichtentickern die Tendenz inne, zu Nicht-Nachrichtentickern zu werden. [...] Dabei müsste man im Internet, anders als im linearen Fernsehen, die Zeit, in der nichts passiert, eigentlich gar nicht mit großem Nichts füllen.

    Es mischen sich: eine Fixierung auf Oberflächlichkeiten [...], ein permanenter Alarmismus und der Hang, auf der Grundlage von Nichtwissen, Halbwissen und Scheinwissen weitreichende Spekulationen anzustellen.

    Es ist in mancher Hinsicht eine unjournalistische journalistische Form: Sie sortiert und gewichtet nicht, sie sammelt nur und hält das, was sie findet, in chronologischer Reihenfolge fest.

  • Slogan Causes Pencil Recall - New York TimesThese pencils were withdrawn from schools after a pupil pointed out a problem, viaTwitter / qikipedia

Ins Netz gegangen (4.2.)

Ins Netz gegan­gen am 4.2.:

  • Seri­en­fi­gu­ren wer­den real – Mein Leben als Men­sch – Medi­en – Süddeutsche.de – die @SZ über rea­le Seri­en­fi­gu­ren, ver­gisst aber die schöns­ten Bei­spie­le wie @Pres_Bartlet oder „God hates us all“
  • Group Fit­ness mit Fun | Drau­ßen nur Känn­chen – Die lie­be Nes­sy über den neu­es­ten hei­ßen Scheiß im Fit­ness­stu­dio:

    Ges­tern war ich das ers­te Mal an einem Sonn­tag im Fit­ti, und was sich dort abspiel­te, schlägt die Morning Show um Län­gen. Neu­es­ter Trend in mei­nem Fit­ti ist Group Fit­ness mit Fun, tur­nen auf einer Frei­flä­che – letzt­end­li­ch nichts ande­res als Zir­kel­trai­ning, man kennt es aus stau­bi­gen Turn­hal­len. Nur, dass die Medi­zin­bäl­le nicht mehr auf­ge­platzt sind und nach ver­schwitz­tem Leder rie­chen; das Ambi­en­te ist ein biss­chen bun­ter, hip­per und pep­pi­ger. Am Ende machen trotz­dem alle Lie­ge­stüt­ze und Knie­beu­gen und Streck­sprün­ge; am Ende ist die Qual. Pfiff, nächs­te Übung.

    Es scheint aber, als merk­ten die Group-Fit­tis nicht, was ihnen ange­dreht wird.

  • Fefes Blog – „Seit­dem der Guar­di­an ihre Fest­plat­ten zer­stört hat“ – da kräu­seln sich mei­ne sämt­li­chen Zehen­nä­gel … >
  • The Art Song Pro­ject » Gus­tav Lewin Ich will mei­ne See­le tau­chen / I want to immer­se my soul
  • Clau­dio Abba­do — an orches­tral violinist’s per­so­nal tri­bu­te | Latest | The Strad – Stan­ley Dodds, Vio­li­nist der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker, erin­nert sich an das Musi­zie­ren mit Clau­dia Abba­do:

    Off the podi­um Clau­dio came across as shy, gent­le, soft­ly spo­ken, a litt­le mys­te­rious and qui­te enig­ma­tic. In per­for­man­ce, he beca­me a con­du­it bet­ween the forces assem­bled on sta­ge and the emo­tio­nal nar­ra­ti­ve that resi­des in the music, com­ple­te­ly trans­pa­rent and without an inter­fe­ring ego. Rehear­sals see­med to be very much part of an ongo­ing crea­ti­ve pro­cess for Clau­dio, a pro­cess not always with a clear objec­tive and whe­re doubts still have a pla­ce. In con­cert all doubt would be cast asi­de as he would draw upon the rehear­sals and chan­nel the ten­si­on pre­sent on sta­ge into per­for­man­ces of great inten­si­ty, whe­re the magi­cal qua­li­ty of music to bre­ak free of all phy­si­cal boun­da­ries beca­me appa­rent.

  • Euro­peana 1914–1918 – Ihre Fami­li­en­ge­schich­te zum Ers­ten Welt­krieg – Digi­ta­li­sa­te von Quel­len, per­sön­li­che Geschich­ten, Fil­me und vie­les mehr: gro­ße euro­päi­sche Samm­lung von Mate­ria­li­en und Pro­jek­ten zum Ers­ten Welt­krieg
  • Mode­wel­ten in Wies­ba­den: Ehr­furcht oder vol­le Tüten – Rhein-Main – FAZ – »Bei H&M trifft man in einer hal­ben Stun­de mehr Per­so­nal als in einem gan­zen Jahr im Bau­markt.« >
  • Are the­re bene­fits to sin­gle-sex edu­ca­ti­on? | junq.info – Are the­re bene­fits to sin­gle-sex edu­ca­ti­on?
  • – kur­ze Ant­wort: nein. Aber ver­mut­li­che Nach­tei­le

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Ins gelobte Land: Die ROAM zieht „Nach Amerika!“

Nach Ame­ri­ka sind die Schif­fe im Muse­um für Anti­ke Schiff­fahrt nie gekom­men. Das unter­schei­det sie von den Musi­kern der Rhei­ni­schen Orches­ter­aka­de­mie Mainz: Die haben, nur mit ihren Instru­men­ten, ein paar Noten und einem Diri­gen­ten bewaff­net, im Nu den Atlan­tik über­wun­den. „Nach Ame­ri­ka!“ hat das Pro­jektorches­ter sein 18. Pro­gramm über­schrie­ben, ist aber musi­ka­li­sch schon längst dort ange­kom­men. Und wie immer in den letz­ten Jah­ren ist das eine schö­ne Ergän­zung für das Main­zer Musik­le­ben, gera­de durch das unge­wöhn­li­che Reper­toire. „Nach Ame­ri­ka!“ ver­zich­te­te näm­li­ch auf das Nahe­lie­gen­de wie Dvor­aks Sin­fo­nie „Aus der neu­en Welt“ und wid­me­te sich statt des­sem noch Neue­rem aus der neu­en Welt: Wer­ke von John Adams, Aaa­ron Cop­land und Charles Ives waren im Muse­um zu hören. 

Zwin­gend und begeis­ternd zeig­ten die „Old Ame­ri­can Songs“ von Aaron Cop­land, was in dem jun­gen Orches­ter steckt. Das lag aber auch an der Solis­tin, der in Mainz aus­ge­bil­de­ten Mez­zo­so­pra­nis­tin Regi­na Pät­zer. Die stürz­te sich näm­li­ch vol­ler Elan und Raf­fi­nes­se in die Songs. Und die­se Kopp­lung von Leben­dig­keit, lebens­lus­ti­ger Leich­tig­keit und genau­er Detail­ver­liebt­heit teil­te sie mit dem Orches­ter. Wun­der­bar har­mo­ni­sch gelang das Zusam­men­spiel: Der Diri­gent Mar­tin Lill arbei­te­te aus­ge­spro­chen prä­zi­se und brach­te das Orches­ter immer auf den Punkt. Ob es nun um den sat­ten Sound des „Boatmen’s Dan­ce“ ging oder das ver­spiel­te Tier­stim­men-Imi­tie­ren quer durch den Bau­ern­hof von „I Bought Me a Cat“: Solis­tin und Orches­ter schöpf­ten aus dem Vol­len, lie­ßen mit ihrer Fines­se und fein aus­ge­ar­bei­te­ten Gewitzt­heit die sechs Lie­der unge­mein leben­dig und spon­tan wir­ken.

Die zwei­te Sin­fo­nie von Charles Ives, schon um 1900 kom­po­niert, aber erst 1951 kurz vor sei­nem Tod urauf­ge­führt, war dage­gen im Muse­um ein wenig ent­täu­schend. Viel­leicht war es die unbarm­her­zi­ge Akus­tik, viel­leicht die Musi­ker oder der Diri­gent: Hier spiel­te die ROAM nicht ganz auf dem gewohn­ten Niveau. Der Anfang zum Bei­spiel: Das dau­er­te recht lan­ge, bis sich die Sin­fo­nie wirk­li­ch ent­fal­tet und ihren durch­aus tra­di­tio­nel­len Char­me ent­fal­ten konn­te. Irgend­wann kam das auch bei der ROAM – aber erst spät. Abschnitt­wei­se gelan­gen Lill und dem Orches­ter dann immer wie­der inten­si­ve und erfül­len­de Momen­te. Aber dane­ben blie­ben auch vie­le Schwer­fäl­lig­kei­ten und unor­ga­ni­sche Über­gän­ge, die den Ein­druck klein­tei­li­gen Gestü­ckels hin­ter­lie­ßen: Wie aus einem Bau­kas­ten zusam­men­ge­setzt lös­ten sich Moti­ve und Abschnit­te ab, die Kan­ten blie­ben immer hör­bar. Aus­ge­rech­net in den Eck­sät­zen war das recht deut­li­ch. Der drit­te und vier­te Satz dage­gen zeig­ten das Poten­zi­al des Orches­ters im Kon­trast sehr deut­li­ch: Der wun­der­ba­ren kan­ta­blen Ver­zü­ckung folg­te ein wahr­haft majes­tä­ti­sch groß­ar­ti­ger vier­ter Satz vol­ler Gran­dez­za. Nur füg­te sich das alles nicht zu einem Zusam­men­hang: Gro­ße Momen­te stan­den neben schlicht bana­len Lang­wei­lig­kei­ten. Fast wie bei einer See­rei­se nach Ame­ri­ka.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zei­tung.)

Ins Netz gegangen (18.5.)

Ins Netz gegan­gen (18.5.):

  • Ein Gespräch mit dem Diri­gen­ten Tho­mas Hen­gel­bro­ck: Anders gespielt, neu gehört – Richard Wag­ner Nach­rich­ten – NZZ.ch -

    Letzt­li­ch ist Har­non­court der Diri­gent, der im 20. Jahr­hun­dert die gröss­ten Impul­se gesetzt hat.

    Schö­ner Schluss­satz im Inter­view mit Tho­mas Hen­gel­bro­ck, in dem es eigent­li­ch um etwas ganz ande­res geht: um Instru­men­ta­tio­na, Tem­po und Klang bei Wag­ner, v.a. im „Par­si­fal“:

    Ich habe Wag­ners Anwei­sun­gen befolgt. Wenn Sie lesen, was er zur Auf­füh­rung sei­ner Wer­ke geschrie­ben hat, kön­nen Sie gar nicht anders als zur Erkennt­nis kom­men, dass der Text deut­li­ch und klar zu hören sein muss, son­st ver­fehlt man ein­fach den Sinn. […] Ich fin­de die Klang­ge­stalt beim «Par­si­fal» ganz ent­schei­dend. Sie macht das Werk gera­de­zu aus, sie hat sym­bo­li­schen, ja meta­phy­si­schen Cha­rak­ter. Wenn zum Bei­spiel die alten Holz­flö­ten mit ihrem azur­blau­en Klang ver­wen­det wer­den, dann ergibt sich für mich die­se meta­phy­si­sche Ver­bin­dung zum Him­mel; mit der moder­nen Metall­flö­te geht das nicht. Auch die­se dunkle, war­me, sanf­te Far­be der Blech­blä­ser – das war auch für mich eine Über­ra­schung.

  • Prof. Dr. Dun­kel­mun­kel: Ist die Zeit reif für Gruf­ti-Profs? – csp­an­na­gel, dun­kel­mun­kel & fri­en­ds (via Publis­hed arti­cles)
  • Lyrik als Form für die Gegen­wart – Digital/Pausen – Hans Ulrich Gum­brecht erklärt die Fas­zi­na­ti­on der Gegen­wart an der Lyrik bzw. lyri­schen For­men – und fängt dafür, wie immer weit aus­ho­lend, in der Anti­ke an. Aber ent­schei­dend ist dann doch nur der letz­te Absatz:

    Wer die Zeit auf­bringt, sich auf einen — sprach­li­ch ja meist kom­ple­xen – lyri­schen Text zu kon­zen­trie­ren, der unter­bricht die heu­te eben­so end­los wie ziel­los ver­lau­fen­de Zeit­lich­keit des All­tags. Und ein sol­cher Ansatz zur Auf­merk­sam­keit wird beim Lesen oder Rezi­tie­ren eines Gedichts zu jener ande­ren, sozu­sa­gen archai­schen Auf­merk­sam­keit, wel­che zum Aus­set­zen der flie­ßen­den Zeit führt und zum Her­auf­be­schwö­ren von vor­her abwe­sen­den Din­gen und Stim­mun­gen. Lyrik als Form ist eine Signa­tur unse­rer Gegen­wart, weii sie für Momen­te das erhält und an das erin­nert, was die­ser Gegen­wart am meis­ten fehlt, näm­li­ch Form, Ruhe, Kon­zen­tra­ti­on und wohl auch Gelas­sen­heit

  • Schnäpp­chen­rei­se in die Tür­kei: Lan­des­ty­pi­sche Geträn­ke sind im Preis inbe­grif­fen – FAZ – Tho­mas Stein­mark war für die FAZ eine Woche in der Tür­kei für den Preis von 199 Euro – und kommt mit einem schö­nen Fazit zurück:

    … wer sich die öko­no­mi­schen Bedingt­hei­ten die­ser Art von Rei­sen bewusst macht und die­se zu akzep­tie­ren bereit ist, wer sich stark genug fühlt, den oft­mals mas­siv vor­ge­tra­ge­nen Ver­kaufs­an­ge­bo­ten erfolg­reich Wider­stand zu leis­ten, der wird am Ende nicht ent­täuscht sein.

  • Das Rät­sel Mer­kel – Da hat Micha­el Spreng lei­der recht:

    Mer­kel ist eine Macht­tech­ni­ke­rin mit schwa­chem idea­lis­ti­schen Hin­ter­grund. Sie ist kei­ne Gestal­te­rin, außer der Gestal­tung ihrer poli­ti­schen Kar­rie­re und ihrer Macht. Sie macht sich – zumin­dest öffent­li­ch – kei­ne Gedan­ken über Deutsch­land in zehn Jah­ren.

    Ihm selbst scheint wie mir auch eher unbe­greif­li­ch, war­um sie deshalb/trotzdem so beliebt ist und immer wie­der gewählt wird …

  • Flur­na­me­nat­las-Blog – Der Flur­na­me­nat­las Baden-Würt­tem­bergs (?) bloggt auf tum­blr

Orchestergast im Dom

Die meis­ten Rei­sen, die ein Orches­ter wie das Main­zer Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter unter­nimmt, gesche­hen nur im Kopf, denn sie sind bloß klang­li­ch-musi­ka­li­scher Natur: Ita­lie­ni­sche Oper klingt anders als deut­sche, ame­ria­ni­sche Sin­fo­nik anders als rus­si­sche. Manch­mal ist der Grund fürs Wan­dern aber auch ganz pro­fan und hand­fest – etwa wenn die Phil­har­mo­ni­ker in den Dom umzie­hen. Eine wei­te Rei­se ist das zwar nicht gera­de, vom Staats­thea­ter sind es ja nur ein paar Schrit­te. Aber es ist eine ganz ande­re Welt. Kein Wun­der also, dass das sieb­te Sin­fo­nie­kon­zert eine Pre­mie­re war: Erst­mals – aber nicht zum letz­ten Mal – spielt das Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter unter Her­mann Bäu­mer nicht auf der Büh­ne des Gro­ßen Hau­ses, son­dern vor dem Altar des Doms. 

Und wenn man schon den Raum wech­selt, kann man das auch nut­zen. Zum Bei­spiel, um die gro­ße Dom­or­gel mit­samt ihrem Orga­nis­ten Dani­el Beck­mann ins Kon­zert zu inte­grie­ren.
So hat das Orches­ter auch mal die Gele­gen­heit, die drit­te Sin­fo­nie von Camil­le Saint-Saëns zu spie­len. Dafür ist näm­li­ch eine Orgel unbe­dingt not­wen­dig. Ganz im Sin­ne der Par­ti­tur und trotz des Bei­na­mens „Orgels­in­fo­nie“ machen das Bäu­mer und Beck­mann aber ganz unauf­fäl­lig: Wie ein „nor­ma­le“ Orches­ter­in­stru­ment fügt sich die Orgel unauf­fäl­lig in das Klang­ge­sche­hen ein. Bäu­mer zeigt die Drit­te von Saint-Saëns – unzwei­fel­haft sein bekann­te­tes Werk und auch vom Kom­po­nis­ten selbst als das Bes­te, was er kom­po­nie­ren konn­te, sehr geschätzt – als ein sehr lebe­ni­ges Werk. Unter sei­nen Hän­den ver­liert die Sin­fo­nie nie den ener­ge­ti­sch pul­sie­ren­den Drang. Auch sei­ne Ten­denz zum hel­len, leich­ten und beweg­li­chen Klang unter­stützt die­se lebens­be­ja­hen­de Inter­pre­ta­ti­on. Obwohl sich das gan­ze Werk eigent­li­ch aus dem „Dies irae“, der Toten­se­quenz, spei­st, macht Bäu­mer ohne Ver­ren­kun­gen und Über­trei­bun­gen dar­aus geschmei­di­ge, fast über­schwäng­li­ch freund­li­che und freu­di­ge Musik, deren Leich­tig­keit auch in der hal­li­gen Akus­tik des Doms ziem­li­ch gut funk­tio­niert.

Und wenn das Orches­ter schon mal im Dom zu Gast ist, muss man das auch aus­nüt­zen und nicht nur die Orgel hin­zu­zie­hen, son­dern auch das Hau­s­en­sem­ble. Für das Sta­bat Mater von Fran­cis Pou­lenc nutzt Bäu­mer auch noch die vom Dom­ka­pell­meis­ter Cars­ten Storck vor­be­rei­te­te Dom­kan­to­rei. Zusam­men errei­chen sie beson­de­re Inten­si­tät. Ganz zu eigen macht sich Bäu­mer die schmerz­er­füll­te Musik aller­dings nicht, eine gewis­se Dis­tanz bleibt zunächst hör­bar, gera­de in den noch etwas stei­fen ers­ten Momen­ten. Im Detail gelin­gen ihm aber immer wie­der präch­ti­ge Bil­der, die Pou­lencs Klang­far­ben­welt voll aus­schöp­fen. Auch die Sopra­nis­tin Vida Mik­ne­vici­u­te fügt sich in die berüh­ren­de Inter­pre­ta­ti­on mit Leich­tig­keit ein. Und je wei­ter die Musik fort­schrei­tet, desto mehr fügt sich alles zusam­men. Bäu­mer fin­det mit Chor und Orches­ter zu einer zuneh­men­den Gran­dez­za und treibt die Musik zu immer neu­en Höhe­punk­ten, die aus dem Schmerz wun­der­ba­re Schön­hei­ten machen – bis zur ver­klärt-ver­klä­ren­den Inten­si­tät des Schlus­ses. Für sol­che Erleb­nis­se darf das Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter ger­ne noch öfter in den Dom umzie­hen.

(Geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zei­tung.)

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