Aus-Lese #44

Nora Bossong: 36,9°. Berlin, München: Hanser 2015. 318 Seiten.

bossong, 36,9°Das ist in meinen Augen ein sehr schwacher Roman, der mich sehr enttäuscht hat. Schon Gesellschaft mit beschränkter Haftung hat mich zwar auch nicht großartig begeistert, war aber doch deutlich besser, was etwa die Konstruktion und die stilistische Ausarbeitung angeht - beide Romane bestärken eigentlich nur meinen Wunsch, von Bossong (wieder) mehr Lyrik zu lesen ...

Der Text von 36,9° wirkt merkwürdig müde und erschöpft. Vielleicht ist das ja eine beabsichtigte Parallele von Inhalt und Form (schließlich geht es um das aufzehrende, schwierige, harte Leben des Antonio Gramcsi), aber mich hat das trotzdem aus Gründen, die ich nicht so genau benennen kann, eher abgestoßen. Erzählt wird in zwei Perspektiven in zwei (groben) Zeitebenen das Leben Gramcsis und eine Art Forschungsaufenthalt des Gramcsi-Spezialisten Anton Stöver, der in Rom nach einem verschollenen Manuskript sucht. Wieso es diese Doppelung von Erzähler und Zeiten eigentlich gibt, ist mir nicht so ganz klar geworden - nur um die Überzeitlichkeit zu betonen? Um nicht in den Verdacht zu geraten, eine Gramcsi-Biographie zu schreiben? Und wozu ist dann der Manskript-Krimi (der ja als solcher überhaupt nicht funktioniert, weil er nicht richtig erzählt wird, sondern nur als Hilfsmittel dient und ab und an hervorgeholt wird ...) gut? Oder sollen die Zeitebenen nur signalisieren, dass dies kein „normaler“ historischer Roman ist? (Der in den Gramsci-Kapiteln als solcher auch eher schlecht funktioniert, aber das ja wiederum auch gar nicht sein will ...)

Zur Politik bleibt der Text dabei merkwürdig distanziert, die Leidenschaft etwa Gramcsi (im wahrsten Sinne, nämlich mit all den Leiden) wird vor allem behauptet, aber nicht eigentlich erzählt. Und das private fühlt sich oft aufdringlich, etwas schmierig an (wie Boulevardjournalismus). Das erschien mir oft als eine Art ungewollte Nähe, ein intimes Stochern, von deren Notwendigkeit die Erzähler selbst nicht so ganz überzeugt schienen. Zumal Stöver ist ja auch ein ausgesprochener Unsympath - und auch Gramcsi bleibt eine seltsame Figur. Beide Charaktere sind dabei seltsam rücksichtslos gegen sich selbst und ihr privates Umfeld. Und gerade das, was ja der Kern des Romans zu sein scheint, bleibt extrem blass, kaum motiviert - weil die Ideen, die diese Rücksichtslosigkeit erfordern, höchstens angerissen werden.

Wenn die Verlagswerbung das Ziel des Buches richtig beschreibt: „Nora Bossong erzählt vom Konflikt zwischen den großen Gefühlen und dem Kampf für die ganze Menschheit“, dann funktioniert 36,9° überhaupt nicht. Und das liegt unter anderem eben daran, dass der "Kampf für die ganze Menschheit", die Weltverbesserung eigentlich gar nicht vorkommt, der Text bleibt viel zu sehr im individuellen, biographischen Klein-klein stecken. Dazu kommt dann noch eine für mich unklare Struktur - die Reihenfolge der Kapitel mit den Vor- und Rückblenden sowie die Erzählerwechsel erschließen sich mir einfach nicht. Ab und an funkelt mal ein schöner Satz, ein gelungener Abschnitt. Aber der Rest ist ein grau zerfließend Textbrei, der mich weder faszinieren noch überzeugen kann.

[...] ich wollte die Dinger nicht mehr bis zum Grund durchschauen, denn was lag dort? Nur Steine und Kiesel, nur Fußnoten und Quellenangaben. (25)

Ulf Stolterfoht: Wurlitzer Jukebox Lyric FL - über Musik, Euphorie und schwierige Gedichte. München: Stiftung Lyrik Kabinett 2015. 32 Seiten.

stolterfoht, wurlitzer jukebox lyric flDer Titel der Münchner Rede zur Poesie von Ulf Stolterfoht, dem Autor so vorzüglicher Zyklen wie den Fachsprachen und jetzt Verleger der Brueterich-Press (der selbst viel zu wenig veröffentlicht ...) sagt eigentlich schon alles: „Über Musik, Euphorie und schwierige Gedichte“ spricht er. Stolterfoht, der sich als „Experte für Euphorie“ (7) vorstellt und „Ahnung“ von „der“ Lyrik erst einmal kategorisch verneint, führt anhand einer reihe Gedichte exemplarisch vor, was Lyrik ist und kann, was Sprache im Gedicht ausmacht und natürlich auch, was „schwierige Lyrik“ (heutzutage ja fast ein Pejorativum) eigentlich ist. Und er betont, dass das „Nicht-verstehen-müssen“ dieser Gedichte eine großartige Erfahrung ist - für Leser und Schreiber. Für beide Seiten ist das eine Befreiung, die einen unerschöpflichen Reigen an Möglichkeiten eröffnet.

Nebenbei weist er darauf hin, dass das - heute vielleicht mehr als je zuvor vorhandene - Wissen und Können im Umgang mit Sprache und Gedichten noch lange keine Experimentierfreudigkeit ist. Stolterfoht bedauert ausdrücklich, dass „die Bereitschaft stark abgenommen hat, ein höheres ästhetisches Risiko einzugehen“ (29). Auch wenn er dann das Gelingen eines Gedichtes eher traditionell als „Regel“-Erfüllung beschreibt, oder besser als: „dass ein zuvor gefasster Plan, sei er formaler und / oder inhaltlicher Art, glückhaft erfüllt wurde“ (29), sollte für Stolterfoht, das macht er unter anderem mit mehrfachen Bezügen auf Diedrich Diederichsen deutlich, aber zumindest ergänzt werden um so etwas wie Authentizität, einen Moment des Kairos vielleicht. Trotz des deutlich betonten Emphatiker-Standpunktes (Lyrik kann alles und ermöglicht Leben erst!) steht dahinter aber genaueste Lektüre und Analyse fremder und eigener Gedichte, ohne die Euphorie des erkennenden (und identifizierenden) Lesens dadurch zu verneinen oder auszuschalten, sondern geradezu zu verstärken.

Und wie konnte es sein, dass ich kein Wort, keinen Satz verstand, und doch genau wusste, dass ich genau das immer hatte lesen wollen, und dass ich es jetzt gefunden hatte, und dass ich nie mehr etwas anderes würde lesen wollen. Das Gefühl, eine Mauer durchbrochen zu haben, einfach so, ganz leicht, ohne jede Anstrengung, und hinter dieser Mauer tat sich etwas auf, ein Raum, ein wirklicher Raum, in dem man würde leben können. (11)

Franz Richard Behrens: Erschossenes Licht. Herausgegeben von Michael Lentz. Wiesenburg: hochroth 2015. 36 Seiten.

Es ist für mich immer wieder erstaunlich, welch große und großartige Gedichte die Expressionisten in den Jahre während und um den Ersten Weltkrieg schrieben. Und ich entdecke immer wieder, dass ich viel zu wenige davon kenne. Auch Franz Richard Behrens gehört zu diesen Dichtern. Er war eigentlich genau nur in dieser engen Zeitspanne überhaupt dichterisch tätig: Ein einziger Band Lyrik - Blutblüte - ist von ihm 1917 erschienen. Während des Nationalsozialismus kann man ihn vielleicht zur „Inneren Emigration“ zählen, 1961 übersiedelte er dann nach Ostberlin. Aber die ganzen Jahre bis zu seinem Tod 1977 blieben ohne weitere literarische Veröffentlichungen. Offenkundig war der Weltkrieg da so eine Art Katalysator, der die Lyrikproduktion auslösten/vorantrieb.

Auffällig ist nun, finde ich, wie avanciert diese wenigen Gedichte waren und sind - und wie zeitgemäß und zeitgenössisch sie heute noch erscheinen. Aus allen Gedichten, die Michael Lentz in dieser kleinen Auswahlausgabe für den feinen hochroth-Verlag zusammengestellt hat, spricht eine beeindruckende Intensität und auch eine große Freiheit: Sie sind frei von formalen Zwängen und Traditionen, lassen so ziemlich alle Konventionen hinter sich. Hier erscheint Sprache als reiner Ausdruck, hier spürt man, wie ein Dichter um Ausdrucksmöglichkeit für ganz neue und neuartige Erlebnisse - vor allem die Gewalt und Sinnlosigkeit eines mechanisierten Krieges - ringt. Und wie er sie auch findet und den Vollzug des Erlebens am und im Wort fixiert und nachvollzieht. Ein Moment der Seriatlität gehört dazu, mit minimalistischen Elementen, etwa in „Preußisch“ oder „Quer durch Ostpreußen“. Aber auch gleich das eröffnende „Expressionist Artillerist“ zeigt das, mit der Verschränkung einzelner Gedichtzeilen und einem kontinuierlichen Zählen (ich lese das "Ein-und-zwanzig" etc. als das Abzählen von Sekunden, etwa bis zum Einschlag der Granate ...), das ganz geschickt ins Hinken gerät bzw. einzelne Zahlen überspringt, wenn die geschilderte Wahrnehmungsdichte sozusagen steigt und das nicht mehr in einen Vers passt:

[...] Neun-und-zwanzig
die Luft stinkt Millionen Schwefel, Kohle
Blutabsinth
die Luft ist stahl und rein
Ein-und-dreissig
die Granattrichter tüpfeln garnich harmonisch
Zwei-und-dreissig
[...]

Die kunstvoll hergestellte Unmittelbarkeit dieser Lyrik ist, denke ich, kaum zu übersehen. Ein anderes, von Behrens bevorzugtes Element, ist etwa die verbale Nutzung von Adjektiven. Bei aller Direktheit und Lebensnähe sind die Gedichte, das zeigt etwa das titelgebende „Erschossenes Licht“ oder das wunderbare „Italien“, sowohl inhaltlich als auch stilistisch und formal sehr sorgsam konstruiert. (Und außerdem ist das wieder hochroth-typisch ein sehr fein und schön gemachtes Heftlein ...)

[...] Schneiden das
Land
in
Streifen.
Begreifen kann das mal
Die Generalstabskarte. Vormarsch im Regen (14)

Georgi Gospodinov: 8 Minuten und 19 Sekunden. Graz, Wien: Droschl 2016. 143 Seiten.

Hier wäre der Ort, zu sagen, dass ich vollkommen normal bin, auch wenn ich Erzählungen schreibe. Ich weiß, dass dies die Dinge erschwert, aber alles andere an mir ist absolut in Ordnung. (78f.)

„Verspielt, elegant und mit allen Wassern der Postmoderne gewaschen“ behauptet der Klappentext - und hat tatsächlich mal recht. Denn Gospodinov ist ein wahrer Geschichtenerzähler: Es geht ihm wirklich darum, „Geschichten“ zu erzählen, nicht Erzählungen zu schreiben. Der Band ist dann auch richtig interessant und kurzweilig-unterhaltsam, weil Gospodinov dabei ein vielseitiger und vielfältiger, technisch sehr versierter Erzähler ist, was die Figuren und die Storys angeht.

gosporidov, 8 minuten und 19 sekundenAbwechslungsreich pendeln die meist sehr kurzen Texte (auf den 140 Seiten finden sich immerhin 19 Erzählungen) zwischen einer sympathischen Weltoffenheit, die sich ausdrücklich auch aufs Phantastische, das eigentlich sowieso normal ist, erstreckt, und einer spürbaren Leichtigkeit - einer Lockerheit des Erzählens, des Lebens, des Wahrnehmens. Gospodinov, der sich bzw. seine Erzähler gerne als Geschichtensammler bzw. -aufschreiber, nicht als Geschichtenerfinder inszeniert - vom „Anlocken von Geschichten“ (84) schreibt er an einer Stelle - schafft es dabei, zugleich kosmopolitisch und heimatverbunden zu wirken, zugleich witzig (im Sinne von komisch) und traurig (im Sinne von tiefernst) zu sein. Immer wieder spielen die letzten Tage, die letzten Momente, das endgültige Ende, die Apokalypse als eigentlich ganz schelmisches, gewitztes Unternehmen eine große Rolle in seinen Erzählungen. Das ist schon in der eröffnenden (und titelgebenden) Geschichte „8 Minuten und 19 Sekunden“ so, die die Zeit, die das Licht von der Sonne zur Erde braucht beschreibt - also die Zeit, die bleibt, bis die Erde nach dem Ende der Sonne im Dunkel versinkt. Immer, wenn das nicht passiert, weiß man also, dass noch 8 Minuten 19 Sekunden bleiben ... Die Implikationen dieser gleitenden Apokalypse spielt die Geschichte sehr schön und dabei durchaus knapp durch.

Außerdem ist auch eine der „schönsten“ Geschichten zum 11. September hier zu finden: „Do not disturb“. Die erzählt von einem just für diesen Moment als Sprung aus dem Hochhausfenster eines New Yorker Hotels geplanten Selbstmord. Und da Gospodinov ein schwarzer Erzähler ist, gibt es natürlich kein Happy End - der Selbstmord findet dann zwar nicht statt, wird aber natürlich später nachgeholt. Das klingt in der knappen Nacherzählung etwas banal - aber darum geht es Gospodinov ja nicht nur. Zwar sind seine Erzählungen ohne ihre Handlung nicht zu denken, ihre Wirkung erlangen sie aber nicht zuletzt durch die geschickte und gelassen-verspielte erzählerische Inszenierung, die das zu einer sehr kurzweiligen Lektüre werden lässt.

Außerdem kam es mir so vor, als finge Z. an, die Geschichte zu ruinieren, indem er ihr mehr Pathos und Literarizität verlieh als notwendig. Und ich war immerhin der Käufer dieser Erzählung. (54)

außerdem gelesen:

  • Judith Zander: Manual numerale. München: dtv 2014.
  • Michael Braun, Michael Buselmeier: Der gelbe Akrobat 2. 50 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert. Neue Folge (2009-2014). Leipzig: Poetenladen 2016. 18 Seiten.
  • Roland Barthes: Das Neutrum. Vorlesung am Collège de France 1977-1978, hrsg. v. Eric Marty, übers. von. Horst Brühmann. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005. 346 Seiten.
  • Dieter Hein: Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. München: Beck 2015. 132 Seiten.
  • Christoph Kleßmann: Arbeiter im ‘Arbeiterstaat’ DDR. Erfurt: Landeszentrale für politische Bildung Thüringen 2014. 141 Seiten.

Ins Netz gegangen (20.7.)

Ins Netz gegan­gen am 20.7.:

  • «Digi­tal Huma­nities» und die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten: Geist unter Strom – NZZ Feuil­le­ton – sehr selt­sa­mer text von urs haf­ner, der vor allem wohl sei­ne eige­ne skep­sis gegen­über „digi­tal huma­nities“ bestä­ti­gen woll­te. dabei unter­lau­fe ihm eini­ge feh­ler und er schlägt ziem­li­ch wil­de vol­ten: wer „huma­nities“ mit „human­wis­sen­schaf­ten“ über­setzt, scheint sich z.b. kaum aus­zu­ken­nen. und was die ver­zer­ren­de dar­stel­lung von open access mit den digi­tal huma­nities zu tun hat, ist auch nicht so ganz klar. ganz abge­se­hen davon, dass er die fächer zumin­dest zum teil fehl­re­prä­sen­tiert: es geht eben nicht immer nur um clo­se rea­ding und inter­pre­ta­ti­on von ein­zel­tex­ten (abge­se­hen davon, dass e-mai­len mit den digi­tal huma­nities unge­fähr so viel zu tun hat wie das nut­zen von schreib­ma­schi­nen mit kittler’schen medi­en­theo­ri­en …)
  • Lyrik: Reißt die Sei­ten aus den Büchern! | ZEIT ONLINE – net­te idee von tho­mas böhm, die lyrik zu ver­ein­zeln (statt in lyrik­bän­den zu sam­meln), das gedicht als opti­sches sprach­kunst­werk zu ver­mark­ten (auch wenn ich sei­ne argu­men­ta­tio­nen oft über­haupt nicht über­zeu­gend fin­de)
  • Ein­sam auf der Säu­le « Lyrik­zei­tung & Poe­try News – gute kri­tik­kri­tik zur bespre­chung des aktu­el­len „Jahr­buchs für Lyrik“ in der „zeit“, die auch mich ziem­li­ch ver­wun­dert hat.

    Unter­schei­dung, Alter­na­ti­ven, Schwer­punkt­set­zung? Fehl­an­zei­ge. Rez. zieht es vor, sich als schar­fe Kri­ti­ke­rin zu insze­nie­ren, jede Dif­fe­ren­zie­rung schwäch­te das Bild nur. Lie­ber auf der Schul­ter von Rie­sen, hier neben Krü­ger, Benn & Co. vor allem Jos­sif Brods­ky, auf die behaup­tet mage­re deut­sche Sze­ne her­ab­bli­cken. Ein­sam ist es dort oben auf der Säu­le!

  • Ver­kehrs­si­cher­heit: Brun­ners letz­te Fahrt | ZEIT ONLINE – sehr inten­si­ve repor­ta­ge von hen­ning sus­se­bach über die pro­ble­me der/mit altern­den auto­fah­rern (für mei­nen geschmack manch­mal etwas trä­nen­drü­sig, aber ins­ge­samt trotz­dem sehr gut geschrie­ben)

    Urlaubs­zeit in Deutsch­land, Mil­lio­nen Rei­sen­de sind auf den Stra­ßen. Da biegt ein 79-Jäh­ri­ger in fal­scher Rich­tung auf die Auto­bahn ein – fünf Men­schen ster­ben. Ein Unglück, das zu einer bri­san­ten Fra­ge führt: Kann man zu alt wer­den fürs Auto­fah­ren?

  • Lyrik und Rap: Die här­tes­te Gang­art am Start | ZEIT ONLINE – uwe kol­be spricht mit mach one (sei­nem sohn) und kon­stan­tin ulmer über lyrik, raps, rhyth­mus und the­men der kunst

    Dass ich mit mei­nen Gedich­ten kein gro­ßes Publi­kum errei­che, ist für mich etwas, wor­un­ter ich sel­ten lei­de. Ich möch­te das, was ich mache, auf dem Niveau machen, das mir vor­schwebt. Dabei neh­me ich auch kei­ne Rück­sicht mehr. Ich gehe an jeden Rand, den ich errei­chen kann. 

  • Rai­nald Goetz: Der Welt­ab­schrei­ber | ZEIT ONLINE – sehr schö­ne und stim­men­de (auch wenn das thea­ter fehlt …) wür­di­gung rai­nald goet­zes durch david hugen­dick anläss­li­ch der bekannt­ga­be, dass goetz dies­jäh­ri­ger büch­ner-preis-trä­ger wird

    Die ein­zi­ge Reak­ti­on auf die Zudring­lich­keit der Welt kann nur in deren Pro­to­koll bestehen, die zugleich ein Pro­to­koll der eige­nen Über­for­de­rung sein muss.

  • Pan­ora­ma­f­rei­heit“: Wider den Urhe­ber­rechts-Extre­mis­mus – Süddeutsche.de – leon­hard dobusch zum ver­su­ch, in der eu das urhe­ber­recht noch wei­ter zu ver­schär­fen:

    Wir alle sind heu­te ein biss­chen wie Lich­ten­stein oder War­hol. Wir erstel­len und tei­len stän­dig Fotos und Videos, in denen Wer­ke ande­rer vor­kom­men. Zeit, dass das Urhe­ber­recht dar­auf ein­geht.

  • Stravinsky’s Ille­gal “Star Span­g­led Ban­ner” Arran­ge­ment | Timo­thy Judd – ich wuss­te gar nicht, dass es von stra­wins­ky so ein schö­nes arran­ge­ment der ame­ri­ka­ni­schen hmy­ne gibt. und schon gar nicht, dass die angeb­li­ch ver­bo­ten sein soll …
  • Essay Grie­chen­land und EU: So deut­sch funk­tio­niert Euro­pa nicht – taz.de – ulrich schul­te in der taz zu grie­chen­land und der eu, mit vie­len sehr guten und tref­fen­den beob­ach­tun­gen & beschrei­bun­gen, unter ande­rem die­sen

    Von CSU-Spit­zen­kräf­ten ist man inzwi­schen gewohnt, dass sie jen­seits der baye­ri­schen Lan­des­gren­ze so dumpf agie­ren, als gös­sen sie sich zum Früh­stück fünf Weiß­bier in den Hals.
    […] Das Char­man­te an der teils irr­lich­tern­den Syri­za-Regie­rung ist ja, dass sie ein­ge­spiel­te Riten als nackt ent­larvt.

  • Sich „kon­struk­tiv ver­hal­ten“ heißt, ern­st genom­men zu wer­den | KRZYSZTOF RUCHNIEWICZ – Stel­lung­nah­me ehe­ma­li­ger Mit­glie­dern des Wis­sen­schaft­li­ch Bera­ter­krei­ses der (sowie­so über­mä­ßig vom Bund der Ver­trei­benen domi­nier­ten) Stif­tung Flucht, Ver­trei­bung, Ver­söh­nung zur Far­ce der Wahl des neu­en Direk­tors unter Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Moni­ka Grüt­ters
  • Kon­sum: Klei­ne Geschich­te vom rich­ti­gen Leben | ZEIT ONLINE – marie schmidt weiß nicht so recht, was sie von craft beer, hand­ge­rös­te­tem kaf­fee und dem gan­zen zele­brier­ten super-kon­sum hal­ten soll: feti­sch? rück­be­sin­nung alte hand­werk­li­che wer­te? oder was?
  • Alle Musik ist zu lang – wun­der­ba­re über­le­gun­gen von diet­mar dath zur musik, der welt und ihrer phi­lo­so­phie

    Alle bereits vor­han­de­ne, also auf­ge­schrie­be­ne oder auf­ge­zeich­ne­te Musik, ob als Sche­ma oder als wie­der­ga­be­fä­hi­ge Auf­füh­rung erhal­ten, ist für Men­schen, die heu­te Musik machen wol­len, zu lang, das heißt: Das kön­nen wir doch nicht alles hören, wir wol­len doch auch mal anfan­gen. Wie gesagt, das gilt nicht nur für die Wer­ke, son­dern schon für deren Mus­ter, Prin­zi­pi­en, Gat­tun­gen, Tech­ni­ken.
    […] Musik hält die Zeit an, um sie zu ver­brau­chen. Wäh­rend man sie spielt oder hört, pas­siert alles ande­re nicht, inso­fern han­delt sie von Ewig­keit als Ereig­nis- und Taten­lo­sig­keit. Aber bei­de Aspek­te der Ewig­keit, die sie zeigt, sind in ihr nicht ein­fach irgend­wie gege­ben, sie müs­sen her­ge­stellt wer­den: Die Ereig­nis­lo­sig­keit selbst geschieht, die Taten­lo­sig­keit selbst ist eine musi­ka­li­sche Tat.

  • Lite­ra­tur­blogs are bro­ken | The Dai­ly Frown – fabi­an tho­mas attes­tiert den „lite­ra­tur­blogs“ „feh­len­de Dis­tanz, Gefall­sucht und Harm­lo­sig­keit aus Prin­zip“ – und ange­sichts mei­ner beob­ach­tung (die ein eher klei­nes und unsys­te­ma­ti­sches sam­ple hat) muss ich ihm lei­der zustim­men.
  • Inter­view ǀ „Ent-iden­ti­fi­ziert euch!“ — der Frei­tag – groß­ar­ti­ges gespräch zwi­schen harald fal­cken­berg und jona­than mee­se über wag­ner, bay­reu­th, kunst und den gan­zen rest:

    Ja, ich hab total auf lieb Kind gemacht. Ich merk­te ja schon, dass ich im Wag­ner-Forum so als Mons­ter dar­ge­stellt wur­de. Ich bin kein Mons­ter. Ich woll­te das Ding nur radi­ka­li­sie­ren. Ich hab auf nett gemacht und so getan, als wäre ich gar nicht ich selbst. Was ich ja immer tue. Sei nie­mals du selbst. Kei­ne Selbst­su­che, bit­te. Kei­ne Pil­ger­fahrt. Kei­ne Mön­che­rei. Ich bin ein­fach wie ’n Spiel­kind da ran­ge­gan­gen, und ich dach­te, jetzt geht’s ab.
    […] Kul­tur ist genauso beschis­sen wie Gegen­kul­tur. Main­stream ist genauso beschis­sen wie Under­ground. Kul­tur und Gegen­kul­tur ist das Glei­che. Poli­tik kann­st du nicht mit Kul­tur bekämp­fen. Son­dern nur mit Kunst. Du kann­st nicht eine neue Par­tei grün­den, weil sie genauso schei­ße ist wie jede ande­re. Du kann­st kei­ne neue Reli­gi­on grün­den, weil sie genauso schei­ße ist wie alle ande­ren. Du kann­st kei­ne neue Eso­te­rik schaf­fen, weil sie genauso schei­ße ist wie jede ande­re. Du kann­st kei­ne Spi­ri­tua­li­tät schaf­fen, die bes­ser wäre als alle ande­ren.
    Jede Par­tei ist gleich schei­ße, jede Reli­gi­on ist gleich zukunfts­un­fä­hig, jede Eso­te­rik ist abzu­leh­nen. Ich benut­ze Eso­te­rik, aber ich iden­ti­fi­zie­re mich nicht damit. Ich iden­ti­fi­zie­re mich nicht mit Wag­ner, ich iden­ti­fi­zie­re mich nicht mit Bay­reu­th, ich iden­ti­fi­zie­re mich mit gar nichts.
    Ent-iden­ti­fi­ziert euch! Seid nicht mehr! Seid eine Num­mer! Seid end­li­ch eine Num­mer!
    Das ist geil. Seid kein Name! Seid kein Indi­vi­du­um! Seid kein Ich! Macht kei­ne Nabel­be­schau, kei­ne Pil­ger­rei­se, geht nie­mals ins Klos­ter, guckt euch nie­mals im Spie­gel an, guckt immer vor­bei!
    Macht nie­mals den Feh­ler, dass ihr auf den Trip geht, euch selbst spie­geln zu wol­len. Ihr seid es nicht. Es ist nicht die Wich­tig­tue­rei, die die Kunst aus­macht, son­dern der Dienst an der Kunst. Die Kunst ist völ­lig frei. Mei­ne Arbeit, die ist mir zuzu­schrei­ben, aber nicht die Kunst. Die spielt sich an mir ab. 

  • Eine Bemer­kung zur Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung by Fach­di­dak­tik Deut­sch -

    »Fak­ten­wis­sen« kommt nicht zuer­st, wenn Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung ern­st genom­men wird – Kön­nen kommt zuer­st. Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung bedeu­tet, die Ler­nen­den zu fra­gen, ob sie etwas kön­nen und wie sie zei­gen kön­nen, dass sie es kön­nen. Weil ich als Leh­ren­der nicht mehr zwin­gend sagen kann, auf wel­chem Weg die­ses Kön­nen zu errei­chen ist. Dass die­ses Kön­nen mit Wis­sen und Moti­va­ti­on gekop­pelt ist, steht in jeder Kom­pe­tenz­de­fi­ni­ti­on. Wer sich damit aus­ein­an­der­setzt, weiß das. Tut das eine Lehr­kraft nicht, ist das zunächst ein­fach ein­mal ein Zei­chen dafür, dass sie sich nicht mit Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung beschäf­tigt hat. Fehlt die­se Bereit­schaft, müs­sen zuer­st die Vor­aus­set­zun­gen dafür geschaf­fen wer­den.

  • Essay zum UN-Welt­kul­tur­er­be: Mord mit bes­ten Absich­ten – taz.de -

    Und immer noch drän­geln die Städ­te, die Dör­fer, die Regio­nen, dass sie ja als Ers­te ein­bal­sa­miert wer­den. Wie die Län­der, die sich um Olym­pi­sche Spie­le bewer­ben, ohne sich klar­zu­ma­chen, dass sie damit ihren Unter­gang her­auf­be­schwö­ren wie Grie­chen­land mit Athen.

  • Wie man nicht für die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung argu­men­tiert | saschalobo.com – sascha lobo seziert den tweet von rein­hold gall. wie (fast) immer exzel­lent. scha­de (und mir unver­ständ­li­ch), dass sol­che tex­te in den gro­ßen, publi­kums­wirk­sa­men medi­en kei­nen platz fin­den – war­um steht das nicht im print-spie­gel, der gedruck­ten faz oder süd­deut­schen?
  • Sex (und gen­der) bei der Fifa | Männ­li­ch-weib­li­ch-zwi­schen – ein schö­ner text zum pro­blem der bestim­mung des geschlechts, des bio­lo­gi­schen, wie es die fifa ver­sucht – näm­li­ch über den tes­to­ste­ron-spie­gel. mit dem (inzwi­schen erwart­ba­ren) resul­tat: so kann man das jeden­falls nicht machen.

    an darf also ver­mu­ten und hof­fen, dass auch die­se Defi­ni­ti­on von sex zu sport­li­chen Zwecken dem­nächst, wie bis­her alle ande­ren Defi­ni­tio­nen auch, als unbrauch­bar und absurd erwei­sen – aber wohl, eben­falls wie immer, erst zu spät.

Ins Netz gegangen (15.6.)

Ins Netz gegan­gen am 15.6.:

  • Uni­ver­si­tät Mainz: Wir­bel um Habi­li­ta­ti­on eines Theo­lo­gen – FAZ
  • Lyrik: Dich­ter, traut euch ins Zen­trum! | ZEIT ONLINE – so ganz ver­ste­he ich nora boss­ongs posi­ti­on hier nicht, mir ist da zu viel sic et non drin … irgend­wie geht es also dar­um, dass lyrik sich mit ihrer außen­sei­ter­rol­le nicht all­zu­sehr zufrie­den geben soll­te, aber auch nicht all­zu­sehr auf poli­ti­sche, ästhe­ti­scher oder wie auch immer mas­sen­wir­kung um jeden preis abzie­len soll …

    Denn sosehr die Mar­gi­na­li­sie­rung von Lyrik zu miss­bil­li­gen ist, so genießt Lite­ra­tur jen­seits von Ver­kaufs­druck immer auch den Vor­teil grö­ße­rer ästhe­ti­scher Frei­heit.
    […] Denn wie soll sprach­li­ch auf „extrem poli­ti­sche Zei­ten“ reagiert wer­den, wenn beim Rezi­pi­en­ten der Umgang mit Spra­che durch Beschleu­ni­gung, Infor­ma­ti­ons­flut und Auf­merk­sam­keits­hei­sche­rei kon­ti­nu­ier­li­ch ver­flacht? Dass sich Lyrik, ob kon­ven­tio­nell oder expe­ri­men­tell, die­ser Ent­sen­si­bi­li­sie­rung wider­setzt, zeigt auch ihre poli­ti­sche Dimen­si­on. Nur wie weit ist es her mit dem kri­ti­schen Poten­zi­al von Spra­chir­ri­ta­ti­on, wenn sie kaum jeman­den mehr erreicht? Was ist eine Avant­gar­de, die zwar noch als ästhe­ti­sche Vor­hut neu­es Ter­rain erkun­det, doch kei­ne Trup­pe mehr hin­ter sich hat? 

  • Geschich­te im Fern­se­hen: His­to­ry sells – Medi­en – Süddeutsche.de – ger­hard mat­zig und karo­li­ne bei­sel neh­men den trend zum his­to­ri­en-tv („rück­wärts­fern­se­hen“ nen­nen sie es) zum anlass einer klei­nen, bit­te­ren gesell­schafts­dia­gno­se:

    Den­no­ch ist es bit­ter, dass gen­au dann, wenn die Pro­ble­me der Gegen­wart am größ­ten sind, wenn die Flieh­kräf­te der Glo­ba­li­sie­rung wir­ken und wir als Erben des fos­si­len Wahn­sinns vor einem Abgrund ste­hen, wenn Elend, Hun­ger, Krieg und Not auf der hal­ben Welt regie­ren, dass wir gen­au dann, wenn wir nach vor­ne schau­en müss­ten, um Lösun­gen zu fin­den, die lei­der nicht im Bie­der­mei­er­rah­men des Kup­fer­stich­ka­bi­netts ruhen, uns so sehr mit dem stän­di­gen Zurück­schau­en auf­hal­ten. Fern­be­die­nungs­be­quem. Und über­haupt der Welt und der Gegen­wart recht fern.

    dass sie aller­dings etwas sinn­frei von „kon­traf­ak­ti­scher Geschichts­theo­rie“ spre­chen, lässt mich sehr an ihrer bil­dung und befä­hi­gung zur gesell­schafts­dia­gno­se zwei­feln ;-)

  • Auf der Suche nach ver­ges­se­nen Lite­ra­tur­klas­si­kern – katha­ri­na teut­sch berich­tet über das eu-pro­jekt „schwob“, das ver­sucht (wenn ich das rich­tig ver­ste­he …), ver­ges­se­ne oder unbe­kann­te wich­ti­ge wer­ke der natio­nal­li­te­ra­tu­ren (wie­der) ins bewusst­sein zu rufen. teut­sch spricht dum­mer­wei­se von „klas­si­kern“, ohne offen­bar zu wis­sen, was das ist – denn eigent­li­ch sind schon „ver­ges­se­ne Klas­si­ker“ schwie­rig (wenn sie ver­ges­sen sind, sind die ent­spre­chen­den tex­te ja wohl gera­de kei­ne klas­si­ker – zumin­dest nicht mehr, sie waren es höchs­tens mal), die rede von „gänz­li­ch unentdeckte[n] Klassiker[n]“ ist aber nicht mehr nur alber, son­dern ein­fach abso­lut unsin­nig …
  • CD-Cover-Kri­tik: Hel­mut Lachen­manns Gefüh­le | Auf dem Sperr­sitz – wenn musik­kri­ti­ker sich lang­wei­len oder ihnen vom dau­er­hö­ren die ohren blu­ten, wen­den sie sich den covern zu …
  • Lite­ra­ri­sches Quar­tett: „Die Leu­te krie­gen jetzt erst mal mich“ | ZEIT ONLINE – iris radi­sch hat mit vol­ker wei­der­mann gespro­chen, der (aus­ge­rech­net der!) im herbst das lite­ra­ri­sche quar­tett im zdf wie­der­be­le­ben soll. das gespräch macht mir wenig hoff­nung, dass das eine lite­ra­tur­kri­ti­sch rele­van­te ver­an­stal­tung wer­den könn­te. aber mal sehen, viel­leicht über­ra­schen sie mich ja …
  • Frank­fur­ter Antho­lo­gie: Johann Wolf­gang Goe­the: „Todes­lied eines Gefan­ge­nen“ – FAZ – mathi­as may­er stellt ind er frank­fur­ter antho­lo­gie ein ziem­li­ch unbe­kann­tes goe­the-gedicht vor: Die­ses Gedicht hat Goe­the nur ein­mal dru­cken las­sen. Dass er sich hier mit Tod und Kan­ni­ba­lis­mus beschäf­tigt, ist unty­pi­sch für ihn. So kann man den Dich­ter in sei­ner gan­zen Frei­heit bestau­nen.
  • Nach Hacker­an­griff: Raus aus der digi­ta­len Hilf­lo­sig­keit – FAZ – frank rie­ger hofft und wünscht, was sich nun hin­sicht­li­ch des umgangs mit digi­ta­len net­zen, soft­ware und sicher­heit ändern könn­te (oder wohl eher soll­te, wirk­li­ch opti­mis­ti­sch bin ich da nicht …)

    Wirk­li­ch wirk­sam wären statt­des­sen hohe Inves­ti­tio­nen in lang­fris­ti­ge, effek­ti­ve Abwehr­kon­zep­te. Der Kern des Pro­blems ist und bleibt die schlech­te Qua­li­tät der Soft­ware, auf der unse­re digi­ta­le Welt beruht, und der Man­gel an qua­li­fi­zier­tem Per­so­nal, um Sys­te­me sicher zu kon­fi­gu­rie­ren, zu admi­nis­trie­ren und zu war­ten. Was es des­halb jetzt braucht, ist ein umfang­rei­ches Pro­gramm zur För­de­rung von siche­ren Pro­gram­mier­spra­chen, siche­rer Soft­ware, von Aus­bil­dungs­pro­gram­men für Sicher­heits­pe­zia­lis­ten und Geset­ze für Haf­tungs­re­geln und Haft­pflicht­ver­si­che­run­gen für Soft­ware und IT-Sys­te­me.

  • Janet­te Sadik-Khan: Wagt muti­ge Expe­ri­men­te, die güns­tig und schnell umzu­set­zen sind! » Zukunft Mobi­li­tät -

    Janet­te Sadik-Khan war von April 2007 bis 2013 Beauf­trag­te für den Ver­kehr der Stadt New York City. Wäh­rend ihrer Amts­zeit war sie ver­ant­wort­li­ch für 10.000 Kilo­me­ter Stra­ßen­netz, 800 Brü­cken, 12.000 Kreu­zun­gen, 1,3 Mil­lio­nen Stra­ßen­schil­der und 300.000 Stra­ßen­lam­pen. Und für eine neue Ver­kehrs­po­li­tik in New York City.

  • Mari­lyn Mon­roe Reads Joyce’s Ulys­ses at the Play­ground (1955) | Open Cul­tu­reRT @openculture: Mari­lyn Mon­roe Reads Joyce’s “Ulys­ses“ at the Play­ground (1955)
  • Die Psy­cho­lo­gie des Über­se­hens – der adfc weist dar­auf hin: warn­wes­ten (und ähn­li­ches) brin­gen rad­fah­rern nichts. so wie in groß­bri­tan­ni­en die for­scher, die die auf­merk­sam­kei­ten im ver­kehr unter­sucht haben, argu­men­tie­ren, rede ich ja auch immer: wenn ich die rad­fah­rer nicht sehe, weil ich nicht hin­schaue, wo die sind, brin­gen auch warn­wes­ten nichts. das ist ja eigent­li­ch auch logi­sch: wenn die warn­wes­ten die sicht­bar­keit wirk­li­ch erhöh­ten, wür­de das im umkehr­schluss doch fast bedeu­ten, dass die auto­fah­rer nahe­zu blind sind …
  • Jac­ques Der­ri­da inter­views Ornet­te Cole­man, 1997 (pdf) – sehr inter­es­san­tes gespräch zwi­schen der­ri­da und cole­man, unter ande­rem über die ent­wick­lung der har­mo­lo­dics, tech­no­lo­gie und das poli­ti­sch-eman­zi­pa­to­ri­sche poten­zi­al der musik/des jazz
  • Ornet­te Cole­man: Schön­heit ist ein sel­te­nes Gut | ZEIT ONLINE – ste­fan hentz wür­digt den revo­lu­tio­nä­ren ornet­te cole­man

    Als ein Musi­ker, der nicht aus dem Her­zen der Jazz­sze­ne kam, der sich nicht vor­her durch die jah­re­lan­ge Mit­wir­kung in hoch­ge­schätz­ten ande­ren Bands über jeden Zwei­fel hin­weg gespielt hat­te, son­dern mit eigen­ar­ti­gen, eige­nen Ide­en auf der Büh­ne erschien, blieb Ornet­te Cole­man ein Außen­sei­ter der Jazz­sze­ne. Und damit umso wich­ti­ger und reprä­sen­ta­ti­ver für deren afro­ame­ri­ka­ni­sche Sei­te.

Ins Netz gegangen (15.4.)

Ins Netz gegan­gen am 15.4.:

  • Vor­rats­da­ten­spei­che­rung: Du bist ver­däch­tig | ZEIT ONLINE – ach, das ist doch alles so blöd, unsin­nig, ohne ver­stand und gemein – manch­mal möch­te man wirk­li­ch aus­flip­pen. erst insze­niert sich jus­tiz­mi­nis­ter maas als stand­haf­ter geg­ner der anlass­lo­sen über­wa­chung namens vor­rats­da­ten­spei­che­rung – jetzt knickt er doch wie­der ein und lässt sich halt einen neu­en namen ein­fal­len. zum kot­zen, das alles, die­se ver­ach­tung der grund­recht an höchs­ten stel­len … kai bier­mann hat dazu einen – ich weiß nicht, sei­nen wie viel­ten – klu­gen kom­men­tar geschrie­ben

    Und dann bleibt da noch die Hal­tung, die sich in dem Vor­ha­ben zeigt. Das Grund­ge­setz wur­de in dem Wis­sen geschaf­fen, dass die Exe­ku­ti­ve prin­zi­pi­ell über­grif­fig ist, dass sie immer ver­su­chen wird, ihre Bür­ger stär­ker zu über­wa­chen. Das Grund­ge­setz soll die Bür­ger davor schüt­zen, soll den Staat im Zaum hal­ten. Diver­se Gerich­te haben das ange­sichts der vie­len, vie­len Über­wa­chungs­in­stru­men­te, die es längst gibt, immer wie­der betont, bekräf­tigt, dar­an erin­nert. Über­wa­chung trotz­dem aus­deh­nen zu wol­len, ist geschichts­ver­ges­sen und igno­rant gegen­über der Ver­fas­sung.

  • Er war kein Urva­ter des Pop – Rolf Die­t­er Brink­mann zum 75. Geburts­tag : literaturkritik.de – mar­kus fau­ser erin­nert an rolf die­t­er brink­mann und sei­ne lite­ra­ri­sche prä­gung, die kei­nes­wegs – wie immer noch oft ange­nom­men und behaup­tet wird – vor allem der pop war:

    Ihm war nicht zu hel­fen. In sei­nem kur­zen Leben schuf er unter enor­mem Druck eini­ge grö­ße­re Wer­ke. […] Sei­ne gesam­te Pro­sa hat­te ohne­hin mit Pop nichts zu tun und nur ein klei­ner Teil sei­ner Gedich­te war davon ange­regt. Gera­de auch die jün­ge­ren Stu­di­en aus der For­schung legen dar­auf Wert. Pop steht nicht nur in der Lite­ra­tur bis heu­te für ein posi­ti­ves Welt­ver­hält­nis, für einen spie­le­ri­schen Umgang mit der Rea­li­tät und – viel­leicht am wich­tigs­ten – für das Hin­neh­men von Kon­sum und Kom­merz. Nichts davon passt auf Brink­mann. […] Sein Werk steht viel­mehr im Zei­chen der nach­ho­len­den Moder­ne.

  • Kon­kur­renz zu Ama­zon: Net­te Buch­händ­le­rin­nen allein rei­chen nicht – Bücher – FAZ – ulf erd­mann zieg­ler über­legt, ob nicht ver­la­ge, gros­sis­ten etc. in deutsch­land ein kon­kur­renz-unter­neh­men zu ama­zon im bereich des buchverkaufs/buchversands auf­zie­hen könn­ten und/oder soll­ten
  • Gün­ter Grass: Oskar Mat­z­er­a­th ist eine gan­ze Epo­che – nora boss­ong denkt anläss­li­ch des todes von gün­ter grass wohl­tu­end unauf­ge­regt über die rol­le und die mög­lich­kei­ten einer schrift­stel­le­rin damals und heu­te nach

    Auch hat sich der Dis­kurs frag­men­tiert und in ver­schie­de­ne Zustän­dig­keits­be­rei­che auf­ge­teilt. Hier die Poli­tik, da die Kunst, spre­chen Sie, wenn Sie auf­ge­for­dert wer­den und für den Rest gilt: Ruhe, set­zen. Ein Wei­sungs­mo­no­pol, wie es Grass inne­hat­te, kann heu­te kein Intel­lek­tu­el­ler mehr für sich bean­spru­chen und es scheint auch nicht mehr erwünscht. Die Fra­ge ist, ob zu viel Stil­le irgend­wann taub macht.

  • Hou­se of Cards“: Die teu­er­s­te Sei­fen­oper der Welt | ZEIT ONLINE – nick­las baschek zeigt die pro­ble­me von „hou­se of cards“ sehr schön auf. mich stört ja dar­an vor allem: die­ses ver­ständ­nis von poli­tik wird größ­ten­teils als rea­lis­ti­sch wahr­ge­nom­men – und das hat, befürch­te ich, doch mas­si­ve aus­wir­kun­gen auf unser/das poli­ti­sche han­deln in der wirk­lich­keit, die ich nicht gut fin­den kann. man muss sich zum ver­gleich nur mal die dar­stel­lung des poli­ti­schen han­delns in „the west wing“ anschau­en, um zu sehen, wie zer­stö­re­ri­sch das net­flix-bild ist (und wie sehr sich das „durch­schnitt­li­che“ bild von poli­tik offen­bar in den letz­ten jah­ren gewan­delt hat) …
  • Medi­en Inter­net: Die Okku­pa­ti­on der Pri­vat­sphä­re | Kul­tur – Frank­fur­ter Rund­schau -

    Wir gefähr­den die Demo­kra­tie, wenn wir die Gren­zen zwi­schen öffent­li­ch und pri­vat auf­he­ben, sei es mut­wil­lig oder nach­läs­sig.

    sehr schö­nes gespräch mit harald wel­zer über pri­vat­heit, den nut­zen und die gefah­ren von inno­va­tio­nen, auch digi­ta­len tech­ni­ken, und die mög­lich­kei­ten, sich dem ent­ge­gen­zu­stel­len, das zu ändern …

  • Die­se mie­se Kri­se – Nach­rich­ten Print – DIE WELT – Kein Geld, kei­ne Wür­de. Eine grie­chi­sche Fort­set­zungs­ge­schich­te – mar­le­ne stree­ru­witz als nelia fehn schreibt die geschich­te von „Die Rei­se einer jun­gen Anar­chis­tin nach Grie­chen­land“ in einem recht selt­sa­men text fort
  • Wolf Wond­rat­schek: Best­sel­ler, Auf­la­ge: 1 – Bücher – FAZ – sehr selt­sa­mer text von vol­ker wei­der­mann über den mei­nes erach­tens ten­den­zi­ell über­be­wer­te­ten wolf wond­rat­schek. und das war mal ein lite­ra­tur­kri­ti­ker! hier ist alles nur eine ein­zi­ge jube­lei. irgend ein his­to­ri­scher kon­text fehlt völ­lig: dass kunst mäze­ne hat, die unter umstän­den die ein­zi­gen sind, die das werk ken­nen dürfen/können, ist ja nun wirk­li­ch nicht neu. inter­es­sant auch, wie kri­tik­los er den „mäzen“ wond­rat­scheks por­trä­tiert, der aus­drück­li­ch nicht kunst, son­dern „den men­schen“ kauft – alles sehr selt­sam. aber was soll man von einem lite­ra­tur­kri­ti­ker hal­ten, der sol­che sät­ze schreibt: „Was für ein herr­li­cher Moment für einen Kri­ti­ker: Ein Buch, das er nicht lesen kann, wird ihm vom Dich­ter selbst erzählt.“ – das ist ja mal wie­der typi­sch: da bleibt doch nur der inhalt – aber die form, die das erst zur kunst macht, ist doch da nicht mehr vor­han­den!