Ins Netz gegangen (20.7.)

Ins Netz gegan­gen am 20.7.:

  • «Digi­tal Huma­nities» und die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten: Geist unter Strom – NZZ Feuil­le­ton – sehr selt­sa­mer text von urs haf­ner, der vor allem wohl sei­ne eige­ne skep­sis gegen­über „digi­tal huma­nities“ bestä­ti­gen woll­te. dabei unter­lau­fe ihm eini­ge feh­ler und er schlägt ziem­li­ch wil­de vol­ten: wer „huma­nities“ mit „human­wis­sen­schaf­ten“ über­setzt, scheint sich z.b. kaum aus­zu­ken­nen. und was die ver­zer­ren­de dar­stel­lung von open access mit den digi­tal huma­nities zu tun hat, ist auch nicht so ganz klar. ganz abge­se­hen davon, dass er die fächer zumin­dest zum teil fehl­re­prä­sen­tiert: es geht eben nicht immer nur um clo­se rea­ding und inter­pre­ta­ti­on von ein­zel­tex­ten (abge­se­hen davon, dass e-mai­len mit den digi­tal huma­nities unge­fähr so viel zu tun hat wie das nut­zen von schreib­ma­schi­nen mit kittler’schen medi­en­theo­ri­en …)
  • Lyrik: Reißt die Sei­ten aus den Büchern! | ZEIT ONLINE – net­te idee von tho­mas böhm, die lyrik zu ver­ein­zeln (statt in lyrik­bän­den zu sam­meln), das gedicht als opti­sches sprach­kunst­werk zu ver­mark­ten (auch wenn ich sei­ne argu­men­ta­tio­nen oft über­haupt nicht über­zeu­gend fin­de)
  • Ein­sam auf der Säu­le « Lyrik­zei­tung & Poe­try News – gute kri­tik­kri­tik zur bespre­chung des aktu­el­len „Jahr­buchs für Lyrik“ in der „zeit“, die auch mich ziem­li­ch ver­wun­dert hat.

    Unter­schei­dung, Alter­na­ti­ven, Schwer­punkt­set­zung? Fehl­an­zei­ge. Rez. zieht es vor, sich als schar­fe Kri­ti­ke­rin zu insze­nie­ren, jede Dif­fe­ren­zie­rung schwäch­te das Bild nur. Lie­ber auf der Schul­ter von Rie­sen, hier neben Krü­ger, Benn & Co. vor allem Jos­sif Brods­ky, auf die behaup­tet mage­re deut­sche Sze­ne her­ab­bli­cken. Ein­sam ist es dort oben auf der Säu­le!

  • Ver­kehrs­si­cher­heit: Brun­ners letz­te Fahrt | ZEIT ONLINE – sehr inten­si­ve repor­ta­ge von hen­ning sus­se­bach über die pro­ble­me der/mit altern­den auto­fah­rern (für mei­nen geschmack manch­mal etwas trä­nen­drü­sig, aber ins­ge­samt trotz­dem sehr gut geschrie­ben)

    Urlaubs­zeit in Deutsch­land, Mil­lio­nen Rei­sen­de sind auf den Stra­ßen. Da biegt ein 79-Jäh­ri­ger in fal­scher Rich­tung auf die Auto­bahn ein – fünf Men­schen ster­ben. Ein Unglück, das zu einer bri­san­ten Fra­ge führt: Kann man zu alt wer­den fürs Auto­fah­ren?

  • Lyrik und Rap: Die här­tes­te Gang­art am Start | ZEIT ONLINE – uwe kol­be spricht mit mach one (sei­nem sohn) und kon­stan­tin ulmer über lyrik, raps, rhyth­mus und the­men der kunst

    Dass ich mit mei­nen Gedich­ten kein gro­ßes Publi­kum errei­che, ist für mich etwas, wor­un­ter ich sel­ten lei­de. Ich möch­te das, was ich mache, auf dem Niveau machen, das mir vor­schwebt. Dabei neh­me ich auch kei­ne Rück­sicht mehr. Ich gehe an jeden Rand, den ich errei­chen kann. 

  • Rai­nald Goetz: Der Welt­ab­schrei­ber | ZEIT ONLINE – sehr schö­ne und stim­men­de (auch wenn das thea­ter fehlt …) wür­di­gung rai­nald goet­zes durch david hugen­dick anläss­li­ch der bekannt­ga­be, dass goetz dies­jäh­ri­ger büch­ner-preis-trä­ger wird

    Die ein­zi­ge Reak­ti­on auf die Zudring­lich­keit der Welt kann nur in deren Pro­to­koll bestehen, die zugleich ein Pro­to­koll der eige­nen Über­for­de­rung sein muss.

  • Pan­ora­ma­f­rei­heit“: Wider den Urhe­ber­rechts-Extre­mis­mus – Süddeutsche.de – leon­hard dobusch zum ver­su­ch, in der eu das urhe­ber­recht noch wei­ter zu ver­schär­fen:

    Wir alle sind heu­te ein biss­chen wie Lich­ten­stein oder War­hol. Wir erstel­len und tei­len stän­dig Fotos und Videos, in denen Wer­ke ande­rer vor­kom­men. Zeit, dass das Urhe­ber­recht dar­auf ein­geht.

  • Stravinsky’s Ille­gal “Star Span­g­led Ban­ner” Arran­ge­ment | Timo­thy Judd – ich wuss­te gar nicht, dass es von stra­wins­ky so ein schö­nes arran­ge­ment der ame­ri­ka­ni­schen hmy­ne gibt. und schon gar nicht, dass die angeb­li­ch ver­bo­ten sein soll …
  • Essay Grie­chen­land und EU: So deut­sch funk­tio­niert Euro­pa nicht – taz.de – ulrich schul­te in der taz zu grie­chen­land und der eu, mit vie­len sehr guten und tref­fen­den beob­ach­tun­gen & beschrei­bun­gen, unter ande­rem die­sen

    Von CSU-Spit­zen­kräf­ten ist man inzwi­schen gewohnt, dass sie jen­seits der baye­ri­schen Lan­des­gren­ze so dumpf agie­ren, als gös­sen sie sich zum Früh­stück fünf Weiß­bier in den Hals.
    […] Das Char­man­te an der teils irr­lich­tern­den Syri­za-Regie­rung ist ja, dass sie ein­ge­spiel­te Riten als nackt ent­larvt.

  • Sich „kon­struk­tiv ver­hal­ten“ heißt, ern­st genom­men zu wer­den | KRZYSZTOF RUCHNIEWICZ – Stel­lung­nah­me ehe­ma­li­ger Mit­glie­dern des Wis­sen­schaft­li­ch Bera­ter­krei­ses der (sowie­so über­mä­ßig vom Bund der Ver­trei­benen domi­nier­ten) Stif­tung Flucht, Ver­trei­bung, Ver­söh­nung zur Far­ce der Wahl des neu­en Direk­tors unter Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Moni­ka Grüt­ters
  • Kon­sum: Klei­ne Geschich­te vom rich­ti­gen Leben | ZEIT ONLINE – marie schmidt weiß nicht so recht, was sie von craft beer, hand­ge­rös­te­tem kaf­fee und dem gan­zen zele­brier­ten super-kon­sum hal­ten soll: feti­sch? rück­be­sin­nung alte hand­werk­li­che wer­te? oder was?
  • Alle Musik ist zu lang – wun­der­ba­re über­le­gun­gen von diet­mar dath zur musik, der welt und ihrer phi­lo­so­phie

    Alle bereits vor­han­de­ne, also auf­ge­schrie­be­ne oder auf­ge­zeich­ne­te Musik, ob als Sche­ma oder als wie­der­ga­be­fä­hi­ge Auf­füh­rung erhal­ten, ist für Men­schen, die heu­te Musik machen wol­len, zu lang, das heißt: Das kön­nen wir doch nicht alles hören, wir wol­len doch auch mal anfan­gen. Wie gesagt, das gilt nicht nur für die Wer­ke, son­dern schon für deren Mus­ter, Prin­zi­pi­en, Gat­tun­gen, Tech­ni­ken.
    […] Musik hält die Zeit an, um sie zu ver­brau­chen. Wäh­rend man sie spielt oder hört, pas­siert alles ande­re nicht, inso­fern han­delt sie von Ewig­keit als Ereig­nis- und Taten­lo­sig­keit. Aber bei­de Aspek­te der Ewig­keit, die sie zeigt, sind in ihr nicht ein­fach irgend­wie gege­ben, sie müs­sen her­ge­stellt wer­den: Die Ereig­nis­lo­sig­keit selbst geschieht, die Taten­lo­sig­keit selbst ist eine musi­ka­li­sche Tat.

  • Lite­ra­tur­blogs are bro­ken | The Dai­ly Frown – fabi­an tho­mas attes­tiert den „lite­ra­tur­blogs“ „feh­len­de Dis­tanz, Gefall­sucht und Harm­lo­sig­keit aus Prin­zip“ – und ange­sichts mei­ner beob­ach­tung (die ein eher klei­nes und unsys­te­ma­ti­sches sam­ple hat) muss ich ihm lei­der zustim­men.
  • Inter­view ǀ „Ent-iden­ti­fi­ziert euch!“ — der Frei­tag – groß­ar­ti­ges gespräch zwi­schen harald fal­cken­berg und jona­than mee­se über wag­ner, bay­reu­th, kunst und den gan­zen rest:

    Ja, ich hab total auf lieb Kind gemacht. Ich merk­te ja schon, dass ich im Wag­ner-Forum so als Mons­ter dar­ge­stellt wur­de. Ich bin kein Mons­ter. Ich woll­te das Ding nur radi­ka­li­sie­ren. Ich hab auf nett gemacht und so getan, als wäre ich gar nicht ich selbst. Was ich ja immer tue. Sei nie­mals du selbst. Kei­ne Selbst­su­che, bit­te. Kei­ne Pil­ger­fahrt. Kei­ne Mön­che­rei. Ich bin ein­fach wie ’n Spiel­kind da ran­ge­gan­gen, und ich dach­te, jetzt geht’s ab.
    […] Kul­tur ist genauso beschis­sen wie Gegen­kul­tur. Main­stream ist genauso beschis­sen wie Under­ground. Kul­tur und Gegen­kul­tur ist das Glei­che. Poli­tik kann­st du nicht mit Kul­tur bekämp­fen. Son­dern nur mit Kunst. Du kann­st nicht eine neue Par­tei grün­den, weil sie genauso schei­ße ist wie jede ande­re. Du kann­st kei­ne neue Reli­gi­on grün­den, weil sie genauso schei­ße ist wie alle ande­ren. Du kann­st kei­ne neue Eso­te­rik schaf­fen, weil sie genauso schei­ße ist wie jede ande­re. Du kann­st kei­ne Spi­ri­tua­li­tät schaf­fen, die bes­ser wäre als alle ande­ren.
    Jede Par­tei ist gleich schei­ße, jede Reli­gi­on ist gleich zukunfts­un­fä­hig, jede Eso­te­rik ist abzu­leh­nen. Ich benut­ze Eso­te­rik, aber ich iden­ti­fi­zie­re mich nicht damit. Ich iden­ti­fi­zie­re mich nicht mit Wag­ner, ich iden­ti­fi­zie­re mich nicht mit Bay­reu­th, ich iden­ti­fi­zie­re mich mit gar nichts.
    Ent-iden­ti­fi­ziert euch! Seid nicht mehr! Seid eine Num­mer! Seid end­li­ch eine Num­mer!
    Das ist geil. Seid kein Name! Seid kein Indi­vi­du­um! Seid kein Ich! Macht kei­ne Nabel­be­schau, kei­ne Pil­ger­rei­se, geht nie­mals ins Klos­ter, guckt euch nie­mals im Spie­gel an, guckt immer vor­bei!
    Macht nie­mals den Feh­ler, dass ihr auf den Trip geht, euch selbst spie­geln zu wol­len. Ihr seid es nicht. Es ist nicht die Wich­tig­tue­rei, die die Kunst aus­macht, son­dern der Dienst an der Kunst. Die Kunst ist völ­lig frei. Mei­ne Arbeit, die ist mir zuzu­schrei­ben, aber nicht die Kunst. Die spielt sich an mir ab. 

  • Eine Bemer­kung zur Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung by Fach­di­dak­tik Deut­sch -

    »Fak­ten­wis­sen« kommt nicht zuer­st, wenn Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung ern­st genom­men wird – Kön­nen kommt zuer­st. Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung bedeu­tet, die Ler­nen­den zu fra­gen, ob sie etwas kön­nen und wie sie zei­gen kön­nen, dass sie es kön­nen. Weil ich als Leh­ren­der nicht mehr zwin­gend sagen kann, auf wel­chem Weg die­ses Kön­nen zu errei­chen ist. Dass die­ses Kön­nen mit Wis­sen und Moti­va­ti­on gekop­pelt ist, steht in jeder Kom­pe­tenz­de­fi­ni­ti­on. Wer sich damit aus­ein­an­der­setzt, weiß das. Tut das eine Lehr­kraft nicht, ist das zunächst ein­fach ein­mal ein Zei­chen dafür, dass sie sich nicht mit Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung beschäf­tigt hat. Fehlt die­se Bereit­schaft, müs­sen zuer­st die Vor­aus­set­zun­gen dafür geschaf­fen wer­den.

  • Essay zum UN-Welt­kul­tur­er­be: Mord mit bes­ten Absich­ten – taz.de -

    Und immer noch drän­geln die Städ­te, die Dör­fer, die Regio­nen, dass sie ja als Ers­te ein­bal­sa­miert wer­den. Wie die Län­der, die sich um Olym­pi­sche Spie­le bewer­ben, ohne sich klar­zu­ma­chen, dass sie damit ihren Unter­gang her­auf­be­schwö­ren wie Grie­chen­land mit Athen.

  • Wie man nicht für die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung argu­men­tiert | saschalobo.com – sascha lobo seziert den tweet von rein­hold gall. wie (fast) immer exzel­lent. scha­de (und mir unver­ständ­li­ch), dass sol­che tex­te in den gro­ßen, publi­kums­wirk­sa­men medi­en kei­nen platz fin­den – war­um steht das nicht im print-spie­gel, der gedruck­ten faz oder süd­deut­schen?
  • Sex (und gen­der) bei der Fifa | Männ­li­ch-weib­li­ch-zwi­schen – ein schö­ner text zum pro­blem der bestim­mung des geschlechts, des bio­lo­gi­schen, wie es die fifa ver­sucht – näm­li­ch über den tes­to­ste­ron-spie­gel. mit dem (inzwi­schen erwart­ba­ren) resul­tat: so kann man das jeden­falls nicht machen.

    an darf also ver­mu­ten und hof­fen, dass auch die­se Defi­ni­ti­on von sex zu sport­li­chen Zwecken dem­nächst, wie bis­her alle ande­ren Defi­ni­tio­nen auch, als unbrauch­bar und absurd erwei­sen – aber wohl, eben­falls wie immer, erst zu spät.

Ins Netz gegangen (12.10.)

Ins Netz gegan­gen am 12.10.:

  • Lite­ra­tur-Nobel­preis: Georg Diez über Patrick Modia­no und Lutz Sei­ler – SPIEGEL ONLINE – georg diez hadert mit dem „ästhe­ti­schen und stru­ku­rel­len kon­ser­va­tis­mus der buch­bran­che“:

    Das ist der Hin­ter­grund, vor dem der ästhe­ti­sche Kon­ser­va­tis­mus eines Romans wie „Kru­so“ zele­briert wird und erklär­bar wird: der digi­ta­le, wirt­schaft­li­che, mög­li­cher­wei­se auch poli­ti­sche Epo­chen­bruch. Die­ser Roman, der Roman an sich, so wie er gera­de defi­niert wird, ist damit vor allem eine Schutz­be­haup­tung der Erin­ne­rung.

  • Peter Kurz­eck: Der Mann, der immer gear­bei­tet hat – der stro­em­feld-ver­lag wird/will wohl alles, was kurz­eck hin­ter­las­sen hat, zu geld machen. bei einem autor, der der­ma­ßen fast mani­sch kor­ri­gier­te und ver­bes­ser­te bis zum schluss, hal­te ich frag­ment-aus­ga­ben ja nur für mäßig sinn­voll (und es ist ja nicht so, als gäbe es nicht genug kurz­eck zu lesen …). aber trotz­dem freue ich mich und bin gespannt, was da noch kommt in den nächs­ten jah­ren

    Und dann sind da noch die Notiz­zet­tel, die Kurz­eck zu Mate­ri­al­samm­lun­gen zusam­men­ge­stellt hat, mit Titeln wie „Stau­fen­berg II“ und „Stau­fen­berg III“. Sie dien­ten ihm zur Arbeit an „Kein Früh­ling“ und „Vor­abend“, zei­gen aber auch, dass „Ein Som­mer, der bleibt“, das ers­te der erfolg­rei­chen Erzähl-Hör­bü­cher, die Kurz­eck seit 2007 ein­sprach, schrift­li­che Vor­stu­fen gehabt hat. Mit­ten­drin ein Notiz­zet­tel, der wie der Anfang von allem anmu­tet: „Das Dorf steht auf einem Basalt­fel­sen eh + je. Jetzt soll es das Dorf wer­den (sein) + liegt uner­reich­bar im Jahr 1947, im Abend.“ Uner­reich­bar. Das Ver­gan­ge­ne wie­der erreich­bar zu machen, hat Kurz­eck bis zuletzt ver­sucht. Los­se erin­nert sich an eine Bemer­kung des Autors im Frank­fur­ter Kran­ken­haus: „Wir hät­ten noch mehr arbei­ten müs­sen.“ An der Prä­sen­ta­ti­on des­sen, was fer­tig gewor­den ist, arbei­tet Kurz­ecks Ver­lag.

  • Schat­ten­bi­blio­the­ken: Pira­te­rie oder Not­wen­dig­keit? – sehr span­nend: In gewal­ti­gen, frei zugäng­li­chen Online-Daten­ban­ken ver­brei­ten anony­me Betrei­ber wis­sen­schaft­li­che Lite­ra­tur, ohne Beach­tung des Urhe­ber­rech­tes. Doch die digi­ta­len Samm­lun­gen sind nicht nur Pira­te­rie, sie wei­sen auch auf gro­ße Ver­säum­nis­se der Wis­sen­schafts­ver­la­ge hin – sagt der unga­ri­sche Pira­te­rie-For­scher Balázs Bodó. Im Inter­view mit der Jour­na­lis­tin Miri­am Ruhen­stro­th erklärt er, wie­so die Schat­ten­bi­blio­the­ken in Ost- und Mit­telu­ro­pa so gefragt sind und wie das Pro­blem zu lösen wäre.
  • Mari­hua­na: Die selt­sa­me Ver­fol­gung der nüch­ter­nen Kif­fer | ZEIT ONLINE -

    Wer kifft, gefähr­det den Stra­ßen­ver­kehr. Auch ohne Rau­sch, jeder­zeit. Das glau­ben zumin­dest Behör­den. Sie ent­zie­hen selbst nüch­ter­nen Taxi­kun­den den Füh­rer­schein. […] Behör­den haben anschei­nend Gefal­len dar­an gefun­den, über den Umweg des Ver­wal­tungs­rechts, eigen­mäch­tig ein biss­chen für Ord­nung unter Can­na­bis-Kon­su­men­ten zu sor­gen.

  • xkcd: The Sake of Argu­ment – xkcd über’s Argu­men­tie­ren: The Sake of Argu­ment
  • Ado­be is Spy­ing on Users, Collec­ting Data on Their eBook Libra­ries – The Digi­tal Rea­der – ado­be spio­niert mit digi­tal edi­ti­ons 4 die nut­zer aus: im klar­text (!) wer­den nicht nurin de4 geöff­ne­te bücher mit ihren meta­da­ten und denen der lese­rin über­tra­gen, son­dern de4 durch­sucht auch ohne sich das geneh­mi­gen zu las­sen den gesam­ten com­pu­ter nach irgend­wel­chen ebooks (auch sol­chen, die nicht in de4 benutzt wer­den), um deren daten eben­falls an ado­be zu sen­den. grau­sam.
  • Ego­is­ti­sche Zwei­sam­keit: Ersatz­re­li­gi­on Lie­be – Men­schen – FAZ – mar­kus gün­ther über die „ersatz­re­li­gi­on lie­be“, die sich in letz­ter zeit immer mehr aus­brei­tet (und abso­lut setzt):

    Zu den Kol­la­te­ral­schä­den der Ersatz­re­li­gi­on Lie­be gehö­ren aber auch die vie­len Men­schen, die allein sind. Ihr Leben wird als defi­zi­tär wahr­ge­nom­men. Man ver­mu­tet, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Dass jemand frei­wil­lig einen ande­ren als den Weg in die Part­ner­schaft geht, ist schlech­ter­dings unver­ständ­li­ch. Dass jemand einen geeig­ne­ten Part­ner nicht gefun­den hat, gilt als sein ganz per­sön­li­ches Ver­sa­gen. So oder so, er hat von sei­ner Umwelt bes­ten­falls Mit­leid zu erwar­ten.
    […] Ist der Mythos Lie­be nicht wenigs­tens dafür gut, den Men­schen aus sei­nem Ego­is­mus her­aus­zu­füh­ren? Ist die Sehn­sucht nach Part­ner­schaft nicht immer noch bes­ser als die Selbst­sucht? Die Ant­wort lau­tet: Die­se Art der Lie­be ist nur schein­bar eine Über­win­dung der eige­nen Gren­zen. In Wahr­heit han­delt es sich um eine Fort­set­zung der Ich-Bezo­gen­heit mit ande­ren Mit­teln, denn die Trieb­kraft, die wirkt, ist ja, wenn man ehr­li­ch ist, gar nicht der Wunsch zu lie­ben, son­dern der, geliebt zu wer­den.

  • Deut­scher His­to­ri­ker­tag: Die The­se vom Son­der­weg war ja selbst einer – jür­gen kau­be berich­tet sehr lau­nig, poin­tiert (und mit gemei­nen, natür­li­ch abso­lut fehl­ge­lei­te­ten sei­ten­hie­ben gegen die ger­ma­nis­tik …) vom göt­tin­ger his­to­ri­ker­tag:

    Man kann ver­mut­li­ch lan­ge war­ten, bis zum ers­ten Mal ein Ban­kier, eine Schrift­stel­le­rin oder ein Aus­län­der den His­to­ri­ker­tag eröff­net.

    Wäre es nicht an der Zeit, ein­mal zum The­ma „Ver­gan­gen­heit“ zu tagen?

    Eine sinn­vol­le Ein­heit des­sen, was die His­to­ri­ker tun, die sich durch alle ihre For­schun­gen zöge, gibt es nicht. Und wenn die Göt­tin­ger Stich­pro­be nicht täusch­te, dann gibt es nicht ein­mal Haupt­li­ni­en oder Trends.

  • Wil­der Kai­ser extre­me on Vimeo – wohl das ver­rück­tes­te video, das ich in letz­ter zeit sah (fahr­rad­fah­ren kann man die­sen stunt aller­dings kaum noch nen­nen. und ver­nünf­tig ist natür­li­ch auch etwas ganz ande­res …)
  • Aus­wüch­se des Regie­thea­ters: Oper der Belie­big­kei­ten – Büh­ne Nach­rich­ten – NZZ.ch – der musik­wis­sen­schaft­ler lau­renz lüt­te­ken rech­net mit dem regie­thea­ter aktu­el­ler prä­gung auf der opern­büh­ne ab:

    Denn die land­läu­fi­ge Behaup­tung, dass man etwas heu­te «so» nicht mehr machen kön­ne, ist nicht nur teleo­lo­gi­scher Unfug, sie ist über­dies unlau­ter. In den Opern­häu­sern regiert näm­li­ch ein unan­ge­foch­te­ner Kanon, der weit­aus fes­ter zemen­tiert ist als noch vor fünf­zig Jah­ren. So spricht gewiss nichts dage­gen, den Anteil neu­er Wer­ke zu erhö­hen, aber es ist mehr als frag­wür­dig, die alten Wer­ke mit immer neu­en Bil­dern ver­meint­li­ch «modern» zu machen und sich damit behag­li­ch im Kanon ein­zu­rich­ten. Zudem hat der Moder­ne-Begriff, der hier bedient wird – das «Ver­stö­ren­de», «Pro­vo­zie­ren­de», «Bestür­zen­de» –, inzwi­schen selbst so viel Pati­na ange­setzt, dass man ihn getrost in die Geschich­te ent­las­sen soll­te.

    ich bin durch­aus geneigt, ihm da zumin­dest in tei­len zuzu­stim­men: die regie hat sich oft genug ver­selb­stän­digt (auch wenn ich eine totalab­leh­nung, die ich bei ihm zwi­schen den zei­len lese, nicht befür­wor­te). dage­gen führt er an: 

    Die his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung im Umgang mit Tex­ten der Ver­gan­gen­heit ist nichts Ent­behr­li­ches, sie ist auch nicht, wie so oft behaup­tet, ein Relikt alt­mo­di­schen Phi­lo­lo­gen­tums, zumal das Argu­ment für die Musik nicht gel­tend gemacht wird. Was aber nützt eine kri­ti­sche Aus­ga­be des «Don Gio­van­ni», wenn die Sze­ne­rie kur­zer­hand (wie in Linz) von Sex and Cri­me der Pop-Stars erzählt? Tex­te, Par­ti­tu­ren der Ver­gan­gen­heit bedür­fen viel­mehr einer beson­de­ren Sen­si­bi­li­tät, denn erst, wenn es gelingt, im Ver­gan­ge­nen das Gegen­wär­ti­ge auf­zu­spü­ren (statt die Gegen­wart dem His­to­ri­schen ein­fach nur über­zu­stül­pen), kann sich der Rang eines Kunst­werks, auch eines musi­ka­li­schen Büh­nen­kunst­werks, bewäh­ren.

    sein argu­ment übri­gens, statt immer wie­der das sel­be neu auf­zu­fri­schen öfters mal neu­es zu spie­len, wür­de ich unbe­dingt ger­ne ver­wirk­licht sehen – ich ver­ste­he die reper­toire-fixie­rung der oper eh‘ nicht so ganz (die ja auch gewis­ser­ma­ßen unhis­to­ri­sch ist – „die ent­füh­rung aus dem serail“ bei­spiels­wei­se war kaum dazu gedacht, heu­te noch auf­ge­führt zu wer­den …)

strauss und das musiktheater – ein weites, aber sehr verholztes und ausgelaugtes feld

sam­mel­bän­de zu bespre­chen ist meist kei­ne beson­ders dank­ba­re auf­ga­be – das edi­tie­ren aller­dings oft auch nicht. die regel­mä­ßig über­gro­ße zahl der bei­trä­ge, ihre metho­di­sche und the­ma­ti­sche viel­falt und oft auch noch ihre stark diver­gie­ren­de qua­li­tät machen ein ein­heit­li­ches urteil fast unmög­li­ch. das gilt auch für den band „richard strauss und das musik­thea­ter“, der die vor­trä­ge der gleich­na­mi­gen inter­na­tio­na­len fach­kon­fe­renz in bochum 2001 ver­sam­melt. schon der titel zeigt ja an, wie umfas­send das spek­trum sein wird. zwei dut­zend bei­trä­ge unter­schied­lichs­ten umfangs und erkennt­nis­dich­te fül­len dann auch gut vier­hun­dert sei­ten. und die her­aus­ge­be­rin julia liebs­cher betont auch aus­drück­li­ch, das richard strauss aus allen mög­li­chen blick­win­keln betrach­tet wer­den soll, im ver­ein mit thea­ter- und film­wis­sen­schaft, mit der libret­to­for­schung und der dra­ma­tur­gie. den ange­streb­ten „metho­do­lo­gi­schen plu­ra­lis­mus“ hebt sie zudem beson­ders her­vor.

ein zwei­ter leit­ge­dan­ke, der die meis­ten arbei­ten prägt, ist die über­zeu­gung von der moder­ni­tät und fort­schritt­lich­keit sowie der „uni­ver­sa­li­tät“ des strauss’schen oeu­vre: „zwei­fel­los ist strauss als letz­ter musi­ker der euro­päi­schen muik­ge­schich­te zu wür­di­gen, der jene uni­ver­sa­li­tät der musi­ka­li­schen kul­tur reprä­sen­tier­te, die in den plu­ra­len kunst­strö­mun­gen und spe­zia­li­sie­run­gen des 20. jahr­hun­derts end­gül­tig zer­bro­chen ist“ heißt es in der ein­füh­rung von liebs­cher. den anhal­ten­den ruhm strauss‘ auf die­se fak­to­ren zurück­zu­füh­ren, hat sich ja in den letz­ten jah­ren – gegen etwa ador­nos frü­hes ver­dikt – zuneh­mend durch­ge­setzt.

der ers­te teil des ban­des ist „musi­ka­li­sche dra­ma­tur­gie“ über­schrie­ben und wid­met sich vor allem den ver­schie­de­nen for­men der über­füh­rung des (theater-)textes in musik­thea­ter. und obwohl er damit auf eine lan­ge for­schungs­tra­di­ti­on auf­bau­en kann, ist er doch ins­ge­samt der schwächs­te teil des ban­des. die meis­ten auf­sät­ze kau­en näm­li­ch bloß – teil­wei­se sehr minu­tiös – die ent­ste­hungs­ge­schich­ten, die pro­zes­se der zusam­men­ar­beit zwi­schen libret­tist und kom­po­nist, also die trans­for­ma­tio­nen von thea­ter in oper bzw. musik­thea­ter, durch. beson­de­re erkennt­nis­se erwach­sen dar­aus nicht oder zumin­dest arg sel­ten. eine deut­li­che aus­nah­me ist aller­dings jür­gen maeh­ders gekonn­te stu­die zur „klang­far­ben­kom­po­si­ti­on und dra­ma­ti­schen instru­men­ta­ti­ons­kunst in den opern von richard strauss“. die­se grund­le­gen­de arbeit, eine instru­men­ta­ti­ons­ana­ly­se in der nach­fol­ge von egon wel­lesz, macht sich die „inter­de­pen­denz von klang­far­be und orches­ter­satz“ mit der dra­ma­tur­gi­schen akti­on zu ihrem the­ma. und gen­au in die­ser schnitt­men­ge begibt er sich auf die suche nach der werk­in­ten­ti­on – eine müh­sa­me auf­ga­be. vor allem die ein­füh­rung neu­er instru­men­te, die erwei­te­rung und ver­dich­tung des appa­ra­tes las­sen maeh­der dann strauss als nach­fol­ger und fort­set­zer der bemü­hun­gen richard wag­ners erken­nen – ein nach­fol­ger, der aller­dings weit über sei­nen vor­gän­ger hin­aus­reicht. das vor­drin­gen in und aus­lo­ten von grenz­be­rei­chen orches­tra­ler klang­far­ben wie dem ton­hö­hen­lo­sen akkord und dem über­gang zum geräusch, dem umschwung des ver­schmel­zungs­klan­ges in die ver­schleie­rung beto­nen die fort­schritt­lich­keit des opern­kom­po­nis­ten: „durch wech­sel­sei­ti­ge dena­tu­rie­rung der ein­zel­nen töne erzeug­te der kom­po­nist das ers­te »syn­the­ti­sche geräusch« der musik­ge­schich­te, den grenz­fall extre­men instru­men­ta­to­ri­schen raf­fi­ne­ments.“ und mit der hil­fe einer detail­lier­ten situ­ie­rung der strauss’schen tech­ni­ken in der orches­tra­ti­ons­tech­nik des fin de siè­cle kann maeh­der zu dem schluss kom­men, dass mit strauss der abschied von der epi­go­na­len nach­fol­ge des musik­dra­mas aus der „ein­sicht in das inner­s­te sei­ner musi­ka­li­schen spra­che“ voll­zo­gen wor­den sei.

der zwei­te teil, „insze­nie­rung – dar­stel­lung – gesang“ ves­am­melt eini­ge über­le­gun­gen zur auf­füh­rungs­pra­xis. joa­chim herz als prak­ti­ker pro­pa­giert den begriff der „werk­ge­rech­tig­keit“ anstel­le der für ihn unmög­li­chen „werk­treue“ und legt anhand der „frau ohne schat­ten“ die beweg­grün­de sei­ner insze­nie­rung dar. dabei kreist er in ers­ter linie um das pro­blem der ver­ständ­lich­keit – eine insze­nie­rung sol­le, so herz, sich dar­um bemü­hen, text, musik und vor allem die büh­ne, d.h. letzt­li­ch die gan­ze insze­nie­rung beson­ders zur „expli­ka­ti­on der fabel“ zu nut­zen – im fal­le sei­ner „frau ohne schat­ten“ wäre das für ihn ein „hohe­lied von der ver­än­der­bar­keit des men­schen“.

peter-micha­el fischer lie­fert eine sehr grund­le­gen­de und tech­ni­sch soli­de arbeit zu den „anfor­de­run­gen an die pro­fes­sio­nel­le sän­ger­stim­me“ und reflek­tiert dabei vor allem das pro­blem des „opern­mu­se­ums“: jede zeit­epo­che hat nicht nur ein ande­res stim­mi­de­al, son­dern auch ande­re stimm­tech­ni­schen fähig­kei­ten und mög­lich­kei­ten, die es heu­te sowohl bei der beset­zung als auch bei der inter­pre­ta­ti­on ent­spre­chend zu berück­sich­ti­gen gilt. im fal­le strauss sieht er das beson­de­re in der eta­blie­rung eines neu­en, aus dem natür­li­chen sprach­duk­tus ent­wi­ckel­ten gesangs­stil durch den kom­po­nis­ten, der den bel­can­to um neue anfor­de­run­gen – bedingt durch die erwei­ter­te ver­to­nung von spra­che – ergänzt. tho­mas see­dorf ver­voll­stän­digt die­se aus­füh­run­gen mit sei­nem bei­trag „kom­po­si­to­ri­sche rol­len­kon­zep­ti­on und sän­ge­ri­sche rea­li­sie­rung“ im wesent­li­ch details. see­dorf kann näm­li­ch anhand der vor­be­rei­tung der urauf­füh­run­gen zei­gen, dass strauss, immer der thea­ter­rea­li­tät ver­pflich­tet, „im prag­ma­ti­schen umgang mit dem eige­nen werk“ zu gro­ßen kon­zes­sio­nen hin­sicht­li­ch der details der stimm­füh­rung bereit war, um aus dar­stel­le­ri­sch und musi­ka­li­schen grün­den gewünsch­ten sän­ge­rin­nen die ent­spre­chen­den par­ti­en zu ermög­li­chen und fol­gert dar­aus: „strauss hat auf sei­nem ursprüng­li­chen ide­al nicht bestan­den, son­dern ande­re inter­pre­ta­tio­nen zuge­las­sen.“ eine sol­che, näm­li­ch die ari­ad­ne-insze­nie­rung von jos­si wie­ler und ser­gio morab­i­to, nimmt sich robert braun­mül­ler zum gegen­stand. er lie­fert eine aus­führ­li­che auf­füh­rungs­ana­ly­se und ver­gleicht dabei die kon­kre­te insze­nie­rungs­pra­xis mit den vor­ga­ben von strauss – mit ernüch­tern­dem ergeb­nis. „seit jah­ren erschöp­fen sich die meis­ten insze­nie­run­gen in der kon­ti­nu­ier­li­chen fort­füh­rung einer tra­di­ti­on.“

von dort aus ist der weg nicht weit zur unter­su­chung der rezeption(sgeschichte): die im drit­ten teil ver­sam­mel­ten bei­trä­ge beto­nen durch­weg die fle­xi­bi­li­tät des kom­po­nis­ten hin­sicht­li­ch der werk­treue – solan­ge die „inten­ti­on“ gewahrt blieb oder ihr damit gar gedient wur­de, war strauss zu kür­zun­gen und umstel­lun­gen, in guten augen­bli­cken sogar zur umar­bei­tung fähig.

wäh­rend ros­wi­t­ha schlöt­te­rer-trai­mer bei ihrer unter­su­chung der „mus­ter­auf­füh­run­gen“ unter cle­mens krauss in mün­chen immer­hin noch so etwas wie eine grund­ten­denz der insze­nie­ren­den inter­pre­ta­ti­on, näm­li­ch das „stre­ben nach größt­mög­li­cher deut­lich­keit“ fin­det, begnügt sich gün­ther les­nig gleich mit einer rei­nen daten­samm­lung zu den salo­me-auf­füh­run­gen in wien, mai­land und new york. son­st glänzt der drit­te, mit „rezep­ti­on“ über­schrie­be­ne teil vor allem durch sei­ne glanz­lo­sig­keit. hans-ulrich fuss kann in sei­ner unter­su­chung ver­schied­ner auf­nah­men der salo­me immer­hin zei­gen, dass es bei strauss nicht immer sinn­voll ist, mög­lichst exakt zu spie­len: bestimm­te tex­tu­ren for­dern die undeut­lich­keit als eigen­stän­di­ges ästhe­ti­sches attri­but über­haupt erst her­aus. und mar­tin els­te macht sich eini­ge gedan­ken über den unter­schied einer oper als ton­auf­nah­me oder als thea­ter: grund­ver­schie­de­ne tem­pi-not­wen­dig­kei­ten für ent­spre­chen­de dra­ma­tur­gi­sche effek­te for­dert er etwa. vor allem aber: „das blo­ße hören einer oper kommt dem ein­tau­chen in eine traum-, in eine schein­welt gleich“ – und kon­stan­tiert dann noch wenig über­ra­schend: „oper von schall­plat­te wird pri­mär als abso­lu­te musik gehört.“ das ver­bin­det er – ein wenig para­dox – mit der qua­si-natür­li­chen bevor­zu­gung der spra­che, d.h. der gesangs­stim­men bei ton­auf­nah­men. er sieht dann dar­in auch eine nahe­zu idea­le rezep­ti­ons­wei­se der oper – befreit von allen neben­säch­lich­kei­ten, als purer akus­ti­scher traum. das scheint mir aber dann doch ein arger fehl­schluss, der viel zu stark von der per­sön­li­chen fas­zi­na­ti­on des autors durch opern­auf­nah­men aus­geht – es gibt ja durch­aus auch rezi­pi­en­ten, die opern mehr oder weni­ger aus­schließ­li­ch in der kom­bi­na­ti­on aus akus­ti­schen und visu­el­len rei­zen genie­ßen kön­nen.

ande­res schließ­li­ch sam­melt sich unter der rubrik „tri­via“: richard strauss‘ leben und wer­ke sind ja nicht ganz uner­forscht. da kann man sich also auch durch­aus mal auf neben­schau­plät­zen tum­meln und dort nach inter­es­san­tem mate­ri­al suchen. der ertrag lässt frei­li­ch wie­der­um meist zu wün­schen übrig. und den­no­ch, schließ­li­ch ist strauss‘ werk auch noch nicht wirk­li­ch umfas­send und detail­liert unter­sucht – da böten sich durch­aus noch mög­lich­kei­ten für inter­es­san­te ana­ly­sen – die aller­dings auch zeit­ge­mä­ße metho­den erfor­der­ten. aber damit hat, und das zeigt die­ser band in sei­ner gesamt­heit eben auch, die musik­wis­sen­schaft nicht immer die glück­lichs­te hand: das meis­te hier ves­am­mel­te ist in die­ser hin­sicht vor allem hoch­gra­dig unspek­ta­ku­lär, unbe­darft bis unre­flek­tiert und arbei­tet mit alt­mo­di­scher, teil­wei­se auch ein­fach unzu­rei­chen­der metho­dik. dass etwa die musik strauss „an der leben­di­gen auf­füh­rung ori­en­tiert“ und „auf unmit­tel­bar sinn­li­che gegen­wart“ aus­ge­rich­tet ist (hans-ulrich fuss), wird zwar wie­der­holt ange­merkt, schlägt sich in den ana­ly­sen aber erstaun­li­ch wenig nie­der. ver­mut­li­ch ist gen­au das einer grün­de, war­um die erfor­schung der musik­thea­ter­pro­duk­ti­on richard strauss‘, wie sie die­ser band prä­sen­tiert, oft so bie­der und alt­ba­cken wirkt.

julia liebs­cher (hrsg.): richard strauss und das musik­thea­ter. bericht über die inter­na­tio­na­le fach­kon­fe­ren­ze bochum, 14. bis 17. novem­ber 2001. ber­lin: hen­schel 2005.