Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: peter evans

Taglied 15.11.2017

Amok Amor at Jazz Geht Baden 2016

Beim Klick­en auf das und beim Abspie­len des von YouTube einge­bet­teten Videos wer­den (u. U. per­so­n­en­be­zo­gene) Dat­en wie die IP-Adresse an YouTube über­tra­gen.

Halsbrecherische Amok-Musik im Namen der Liebe: Amok Amor in Rüsselsheim

Ein großar­tiges Set, das die vier jun­gen Her­ren von Amok Amor da für die kleine Schar inter­essiert­er Lausch­er auf der Hin­ter­bühne des Rüs­selsheimer The­aters spiel­ten. Dabei beschei­den sie sich mit gut 75 Minuten am Stück. Darein pack­en sie drei „Stücke“ und eine Zugabe. Von den Titel habe ich fast nichts ver­standen, zusam­men­gereimt habe ich mir: „Als Sozial­ist geboren, als Sozial­ist ster­ben“ und „Sons of Engels Marx“ (oder so ähn­lich, die Rich­tung ist aber klar …) — das macht aber nichts, die Titel (und Ensem­ble­na­men) von (Free) Jazz sind ja eh’ so eine Sache … Gle­ich­es gilt übri­gens für Selb­st­beschrei­bun­gen: Auf Chris­t­ian Lillingers Home­page ste­ht zu Amok Amor unter anderem:

This is urgent music. Amok Amor sur­veys the threats and prospects of music in our world today.
The music is aggres­sive yet gen­tle. Bla bla bla bla bla. The world is chang­ing, but this music will sur­vive.
Amok Amor is essen­tial lis­ten­ing for any­one who is con­cerned about the pri­ma­ry chal­lenges still fac­ing the human race and is won­der­ing where to find a ray of hope.

— stimmt alles und sagt natür­lich gar nichts …

Aber die Musik halt. Die ist bei Amok Amor genial. Aufmerk­sam gewor­den bin ich auf das Quar­tett, weil das eine der vie­len, vie­len For­ma­tio­nen ist, in denen der Schlag­w­erk­er Chris­t­ian Lillinger ger­ade seine Kun­st in die Waagschale wirft. Und so ziem­lich alles, was ich bish­er von & mit ihm gehört habe, ist zumin­d­est inter­es­sant bis großar­tig — etwa die Vier­ergruppe Gschlößl, Chris­t­ian Lillingers Grund oder Grü­nen.

Auch in Rüs­selsheim hat er seine hyper­n­ervösen Handge­lenke im Dauere­in­satz. Ein beschei­denes Schlagzeug reicht ihm, zumal er es auch noch während des Spie­lens umbaut (und auch den Büh­nen­bo­den zum Qui­etschen-Kreis­chen mit­be­nutzt …). Das rumpelt dröh­nend (die Tom Toms dumpf, die Snare tief), helle Cym­bals und Rim-Tänz­ereien kom­plet­tieren das zu einem zwis­chen wilden Chaos und straight­en Punk schwank­en­dem Dauer­feuer, das er von ersten Moment an mit dem Bassis­ten Pet­ter Eldh zusam­men ent­facht.

Anson­sten gilt: vielschichtige Vielfalt und Kom­plex­ität sind Pflicht und Kür zugle­ich. Immer, wenn man meint, etwas kapiert zu haben, ändert sich alles. Offen­bar genau kom­ponierte Cues, die erstaunlich präzise anges­teuert wer­den. Immer, wenn man die Struk­tur ver­standen zu haben meint, kippt das Klang­bild, stolpert der Beat, ver­rrutscht die Melodie, krachen die Har­monien in- und aufeinan­der und das ewige Spiel geht weit­er und von vorne los, anar­chis­tisch und präzise abges­timmt zugle­ich. Über­haupt: Das instru­men­tal­tech­nis­che Niveau ist irre, stu­pende Vir­tu­osität zeigen alle vier: Peter Evans an der Trompete und Wan­ja Slavin am Alt­sax­ophon sind ein faszinieren­des Duo im Quar­tett. Bassist Pet­ter Eldh blieb etwas blass, was aber auch am grum­mel­ing-ver­wasch­enen Sound des ver­stärk­ten Kon­tra­bass­es gele­gen haben kann.

Viel klar­er dage­gen die bei­den Bläs­er. Peter Evans gibt sich am Beginn läs­sig und straight, später lässt sich dann auch die Dörn­er-Schule deut­lich vernehmen: Hauchend, flüsternd, knal­lend, vor allem aber — dank Zirku­larat­mung auch unabläs­sig dabei — hyper­ak­tiv und reak­tiv. Auch Wan­ja Slavins Sax­ophon zeich­net ein wun­der­bar weich­er und klar­er Sound mit hoher Durch­set­zungskraft aus, zumal Slavin damit sehr tolle Far­ben und Klang­muster gestal­ten kann.

Die ent­fal­ten sich immer wieder im schein­bar magis­chen Zusam­men­spiel: Eng geführte, auch tolle Unisono-Pas­sagen scheinen auf, dann ein abrupter Wech­sel oder allmäh­lich­es Abgleit­en in fein­ste, ideen­sprühende freie Impro­vi­sa­tio­nen. Die eine Art Gerüst und zumin­d­est groben Ver­lauf vorgebende Kom­po­si­tio­nen bauen gerne auf minimal(istisch)en Motiv­en auf, set­zen auf Wieder­hol­ung und Vari­a­tion. Über­haupt bietet Amok Amor eine Musik, die nur nach der Post­mod­erne denkbar ist: Voller Selb­stre­flex­ion und voller Anspielun­gen und Bezüge auf die gesamte Musikgeschichte des 20. Jahrhun­derts (na gut, nicht alles — aber sehr vieles …), aber kein „akademis­ches“ Pro­dukt, son­dern eine lebendi­ge Auseinan­der­set­zung mit Geschichte und Gegen­wart.

Vor allem aber hat Amok Amor als Quar­tett einen unver­schämten Dri­ve, die Musik bleibt im kon­tinuier­lichen, fes­sel­nden Flow. Da ist kein Leer­lauf zu spüren, nir­gends und niemals: Amok Amor saugt die Energie von Raum und Pub­likum auf und spuckt sie, wie ein umgekehrtes Schwarzes Loch, in Klang­for­men wieder und wieder aus, bis die Hörgänge ver­knotet sind und das Hirn raucht …

Ach, es war ein­fach großar­tig, enorm vital­isierend und enthu­si­as­mierend — wie Jazz eben sein soll/kann …

Amok Amor (Chris­t­ian Lillinger, Peter Evans, Wan­ja Slavin, Pet­ter Eldh). The­ater Rüs­selsheim, Stu­diobühne – 10. Mai 2017.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén